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| Lange Nacht | ||||||||||||||||||
| Sendung vom: Samstag 23.11.2002 23:05 Eine Lange Nacht mit dem sizilianischen Autor Andrea Camilleri Commissario Montalbano |
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Es ist eine märchenhafte Geschichte: 1967/68 schreibt Andrea Camilleri, ein in Rom als TV und Theaterregisseur lebender Sizilianer (geboren 1925 in Porto Empedocle bei Agrigent) einen Roman "Der Lauf der Dinge" - und veröffentlicht ihn erst fünf Jahre später in einem winzigen Verlag - ohne jeden Erfolg. Nur Leonardo Sciascia, ein anderer Sizilianer kann ihn, noch einmal über ein Jahrzehnt später, dazu bringen, es noch einmal damit zu versuchen. Diesmal hat das Buch Erfolg; ihm folgen in immer kürzeren Abständen historische und Kriminalromane. Auf einmal ist Andrea Camilleri ein Bestseller-Autor, zuerst nur in Italien, dann in vielen Ländern Europas. Sein Kommissar Montalbano wird zur Legenden- und Filmfigur (wie Simenons Maigret!), seine Recherchen über das "alte Sizilien" - das nach der Einigung Italiens, als die Insel von den Bürokraten aus Savoyen förmlich erobert wurde - erklären in Romanen und Geschichten, was heute ein "Problem" darstellt: die sizilianische Mentalität. Sie kommt von weit her, ist der Reflex einer Bevölkerung, die immer unter "fremder Herrschaft" leben musste: von Phöniziern, Griechen, Römern, von Arabern und Staufern, Aragonesen und Bourbonen, vatikanischen Prälaten und Politikern aus dem "Norden".
Camilleri verleiht "seinen Leuten" Stimme, und er tut es in einem in keiner Übersetzung nachahmbaren Stil: einem "Sizilianisch", das er sich erfunden hat. Doch selbst das, was - etwa ins Deutsche - zu retten ist, erweist ihn als Autor von Rang, als einen großen Humoristen, als Satiriker von Graden, als ebenso kampfeslustigen wie pessimistischen Anwalt der Insel Sizilien. Damit reiht er sich ein unter die bedeutenden Stimmen Süditaliens, die Pirandello und Verga, Vittorini und Sciascia, Bufalino und Consolo, die so viel dazu beigetragen haben, dass die Insel nicht nur als "Mafia-Land" ins Bewusstsein rückte. Und er schreibt weiter an der unendlichen Geschichte vom Lauf der Dinge - ein alter Mann, der nicht aufhören will, erzählend Zeugnis abzulegen von seinem Land.
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Die offizielle Homepage von Andrea Camilleri http://www.andreacamilleri.net/
Andrea Camilleri Auszug aus 'Hahn im Korb':
"Welch schöner Sonnenuntergang" meinte der Maresciallo Corbo und nahm kurz das Taschentuch von der Nase. "Gibt es auch in deiner Gegend solche Sonnenuntergänge, hm?"
Der Carabiniere Tognin hätte ja gerne mit Ja geantwortet und ihm gesagt, dass es bei ihnen zu Hause vielleicht noch schönere gäbe. Aber er war aus Venedig und an gewisse Anblicke einfach nicht gewöhnt. Da er spürte, wie ihm ein Brechreiz den Magen zuschnüren wollte, nickte er nur bejahend.
Der Sonnenuntergang war wirklich ein Genuss. Weiter im Norden, einige Kilometer vom Meer entfernt, hoben sich im Gegenlicht die zerklüfteten, dunklen Umrisse des Kap Rosello von dem ruhigen, rötlichen Meeresspiegel ab, während von Osten schwere Regenwolken auf das Dorf zusteuerten und gerade noch den Blick auf den Fuß des Hügels freigaben, wo zwei Männer standen. Ein scharfer, wie mit dem Messer geschnittener Kontrast, der Tognis Unbehagen noch verstärkte, denn sein Auge war an weichere und friedlichere Landschaften gewöhnt.
Die Hommage an die Poesie musste Corbo heftig büßen. Vor Ekel verzog er das Gesicht, denn der heftige Gestank hatte sich beim Sprechen sofort in seinen Nasenflügeln festgesetzt: Im September brennt die Sonne eben noch heiß auf Sizilien herab.
Der dritte Mann, ein Bauer, hatte die Augen nicht erhoben, sondern starrte unverwandt auf die Erde; er hatte sich eine Zigarette aus Kippen und starkem Schnitttabak gerollt und lehnte rauchend an einem Baum. Der Maresciallo mochte vielleicht Lust haben, an den Sonnenuntergang zu denken, aber er nicht: Wie hieß es doch? - Der Teufel scheißt immer auf den größeren Haufen und er war und blieb nun einmal ein kleines Häuflein. In Reichweite seiner Füße lag, halb hinter einem Hirsebusch versteckt, der Ermordete - seine Beine steckten in einem Sack, seine Hände waren mit einer dünnen Schnur auf dem Rücken zusammengebunden - und verpestete die Luft. Ein Paar abgewetzte Schuhe - die Schuhe des Toten - stand fein säuberlich auf seiner Brust.
Zwei Stunden zuvor war der Bauer völlig aufgeregt - ein wenig zu aufgeregt für Corbos Begriffe, der in solchen Dingen ein fast untrügliches Gespür hatte - in die Polizeikaserne gestürzt, um zu berichten, dass er auf dem Pfad am Rand seines Feldes einen Toten gefunden hatte. Jetzt standen sie da und warteten auf den Herrn Amtsrichter, der sich wie üblich Zeit ließ.
"Hoffen wir, dass er noch vor dem Wolkenbruch eintrifft", dachte Corbo, während er den Atem anhielt und sich mit dem Taschentuch den Schweiß vom Nacken trocknete. Es war für den Augenblick schon alles aus dem Bauern herausgeholt worden, was herauszuholen war: jetzt musste man sich mit Geduld rüsten und ihn so lange mit denselben Fragen löchern, bis sie in seinen Holzschädel gingen.
"Ich möchte nur wissen", legte Corbo, um seiner Pflicht nachzukommen, erneut los, "wie lange du darüber geschlafen hast."
"Kaum hatte ich ihn entdeckt, bin ich zu Ihnen gegangen", sagte der Bauer.
"Auf den wurde vor mindestens drei Tagen geschossen", sagte Corbo, "oder ist dir die Nase abgefallen?"
Schweigen in der Runde. Dann ergriff der Bauer erneut das Wort und meinte, ohne sich an jemand Bestimmten zu wenden: "Das weiß nur der Allmächtige, wo sie ihn umgebracht haben. Und dann haben sie mir dieses schöne Geschenk gemacht und ihn hierher geschafft."
"Die werden ihn in den Sack gesteckt haben, um ihn besser tragen zu können", mischte sich Tognin ein. Die Neugier ließ ihm jedoch keine Ruhe: "Aber warum diese Schuhe?"
Der Maresciallo blieb ihm die Antwort schuldig. Der Bauer aber wollte sich dem Fremden gegenüber - Carabiniere oder nicht - freundlich zeigen.
"Der wollte abhauen", erklärte er. Und obwohl er sich darum bemühte, konnte er einen Anflug von Verachtung in der Stimme nicht unterdrücken. Text des Autors: Kennen Sie diesen Romananfang? Wenn nicht, erinnert er Sie an etwas? Leser von Kriminalromanen, Vertraute des Commissario Salvo Montalbano werden zumindest ahnen, worum es sich dabei handelt: um einen Roman von Andrea Camilleri, 1925 in Porto Ercole bei Agrigent auf Sizilien geboren und längst ein Beststeller-Autor - auch hierzulande, wenn schon keine Kultfigur wie in seiner Heimat Italien, wo unvermeidlich jedes seiner Bücher auf die Bestsellerlisten gerät und davon allenfalls verschwindet, wenn wieder ein neues Buch von ihm erscheint - und das passiert seit 1992 mit schöner Regelmäßigkeit ein bis zweimal im Jahr. Doch unser Zitat stammt aus dem ersten Roman dieses Autors überhaupt. Er wurde schon 1967/68 geschrieben, erst knapp zehn Jahre später in einem kleinen Verlag veröffentlicht - ohne besonderes Echo. Er heißt "Il corso delle cose", zu deutsch "Der Lauf der Dinge" - absurderweise hat man ihm in der deutschen Übersetzung den Titel "Hahn im Korb" gegeben. Er handelt zwar von dem Hühnerhändler Vito, aber der ist keineswegs ein Hahn im Korb, vielmehr ein unauffälliger Zeitgenosse, der eher durch Zufall in einen Mordfall gerät, eben den, von dem wir ausgegangen sind. Was zunächst nach einem Streit unter Bauern aussieht, der - wie man weiß - in Sizilien zuweilen auch durch Kugeln geschlichtet wird, entpuppt sich als etwas Gefährlicheres. Der Maresciallo Corbo ahnt es sofort, aber es braucht Zeit, ehe er dahinter kommt, was es mit diesem Toten und mit den Anschlägen auf den armen Vito zu tun hat. Alle Merkmale der Kriminalromane Camilleris: die präzisen Dialoge, die lebendige Zeichnung der Figuren, der schnelle Wechsel der Schauplätze, der den Gesetzen des Filmschnitts gehorcht - es ist alles schon vorhanden. Wie sehr, das haben die Leser freilich erst Jahre später begriffen, als Camilleri seine eigentliche Referenzfigur gefunden hatte, den Kommissar Montalbano eben, von dessen Ermittlungen er in fünf Romanen und drei Bänden mit Kurzgeschichten erzählt.
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Andrea Camilleri Die Form des Wassers. Roman 2000. -LÜBBE- Commissario Montalbano löst seinen ersten Fall In einer Art Bordell unter freiem Himmel, hat man einen Toten gefunden, den feinsinnigen und generösen Ingenieur Luparello, zu dem der kompromittierende Ort seines Hinscheidens so gar nicht passen will. War es ein Verbrechen, und - wenn ja - wer sind die Schuldigen? Und das Motiv? Geld? Macht? Mordlust? Das hängt, muss Commissario Montalbano erkennen, ganz von der Form ab, die man dem Fall gibt. Jedenfalls weigert er sich, die Sache einfach als Unfall zu den Akten zu legen, wie man ihm höheren Orts nahe legt...
Andrea Camilleri
Andrea Camilleri:
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Andrea Camilleri Der Dieb der süßen Dinge. Commissario Montalbanos dritter Fall. Roman. 2001. -LÜBBE- Gleich zwei Morde halten Commissario Montalbano in Atem. Die Opfer - ein tunesischer Fischer und ein sizilianischer Geschäftsmann - haben, außer der Tatsache, dass sie tot sind, offensichtlich nichts gemeinsam. So scheint es zumindest, bis der Commissario durch Zufall auf ein drittes Verbrechen stößt: Er stellt einen Dieb, der seit kurzem für Aufregung sorgt. Der inzwischen geläuterte Übeltäter bringt Montalbano auf die Spur der Tunesierin Karima. Und diese - wie sich herausstellt - im Ort nicht unbekannte Schöne ist das Verbindungsglied zwischen den beiden Toten.
Camilleri sagt von Montalbano:
Andrea Camilleri
Andrea Camilleri
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Andrea Camilleri Der Kavalier der späten Stunde. Commissario Montalbano wundert sich. Roman 2002. -LÜBBE- Ist es nicht schön, wenn man sich in unserer schnelllebigen Welt auf gewisse existentielle Dinge verlassen kann? So bleibt Montalbano auch in diesem Roman unverkennbar Montalbano: ein bisschen melancholisch (sein sarazenischer Olivenbaum musste einem Neubau weichen), ein bisschen chaotisch (seine Verlobte Livia hat sich angekündigt, und - verdammt - wo ist bloß der Pullover, den sie ihm geschenkt hat), ein bisschen respektlos (Vicecommissario Mimi Augello will doch nicht wirklich heiraten!)und mit der üblichen Spürnase ausgerüstet, denn er wittert ein Kapitalverbrechen, wo alles auf einen simplen Betrug hindeutet. Emanuele Gargano: um die vierzig Jahre alt, groß, elegant und so ungemein gutaussehend, dass er einem amerikanischen Film entsprungen scheint, lebt von seinem Ruf als genialer Spekulant in Finanzangelegenheiten. Nachdem beinahe die gesamte Bevölkerung der Provinz Montelusa ihm ihre Ersparnisse anvertraut hat, ist er plötzlich nicht mehr auffindbar. Der so genannte "Finanzmagier" ist samt dem Geld spurlos verschwunden und auf einmal der meistgehasste Mann südlich von Neapel. Die Sache scheint zunächst eindeutig, doch mit fortschreitenden Ermittlungen der Polizei von Vigata kommen Dinge ans Tageslicht, die auf ein viel komplexeres Verbrechen hinweisen. So lassen die sterblichen Überreste von Garganos Assistenten Giacomo darauf schließen, dass dieser nicht auf Geschäftsreise in Deutschland ist, sondern auf dem Weg ins Jenseits - und zwar im Wagen seines Chefs, in dem er auf dem Grund des Meeres gefunden wird. Ein Zufall ist das wohl nicht, zumal Gargano von seinem Mitarbeiter offensichtlich erpresst wurde. Oder wollte er sich so nur eines lästigen Liebhabers entledigen? Denn dass Gargano ausschließlich dem männlichen Geschlecht zugetan ist, weiß inzwischen jeder. Jeder, bis auf eine: Mariastella Cosentino, Garganos Sekretärin, die ihren Chef über alles liebt und ihm bis zum Schluss die Treue hält. Sie gewährt ihm Unterschlupf, als ihm der Boden unter den Füßen brennt. Doch nun möchte sie ihn nicht mehr hergeben. Und so findet Montalbano ihn in ihrem Schlafzimmer - mit einem Einschussloch in der Brust, in Folie verpackt und mit Klebeband umwickelt.
Andrea Camilleri
Andrea Camilleri
Andrea Camilleri
...Bei dem Dialekt, oder vielmehr den ins Hoch-Italienisch eingestreuten sizilianischen Worten und Sätzen ist er geblieben, sorgfältig darauf achtend, dass die für normale Leser fremdartigen Einsprengsel Festland nicht überhand nahmen. Einem seiner ersten Bücher hat er sogar eine Art Lexikon besonders ungewohnter Wörter beigefügt. Im Lauf der Jahre wurde er immer waghalsiger: er unterschied zwischen der Sprache der Bürger, wie sie in seiner Jugend zu Hause gesprochen wurde von der der Bauern und kleinen Leute. Schließlich, zu Ende der neunziger Jahre, hat er einen ganzen Roman "Il Re di Girgenti" ausschließlich in seinem Dialekt geschrieben. Er hält ihn für seinen besten. Freilich: es ist genau diese komplizierte sprachliche Konstruktion, die zwar viel zu seinem Erfolg in Italien beitrug, als man dort die Regionen mit ihren vielen verschiedenen - und gesprochenen - Dialekten wiederentdeckte, die aber jede Übersetzung zu einem beinah hoffnungslosen Unterfangen macht, an dem sich im Deutschen bislang vier verschiedene Übersetzer versucht haben - mit wechselndem Erfolg. Camilleris Prosa sieht im Deutschen immer ein wenig banaler, simpler aus, als sie in Wirklichkeit ist. Bei den Kriminalromanen, diesem Genre, bei dem er und sein Montalbano nicht mit Manzoni konkurrieren wollen, ist das weniger schmerzlich, als bei den historischen. Denn schon das zweite Buch war ein solcher historischer Roman, dem viele weitere folgten. Der Sizilianer hat es sich in den Kopf gesetzt, seine italienischen Landsleute wissen zu lassen, wie und warum die Insel so wurde, wie sie heute ist. Und dabei spielt die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, vor allem die Zeit seit 1870, als Sizilien Teil des Königreichs Italien geworden war, spielen aber auch die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts eine Rolle. Er will erzählen, wie alles sich entwickelte, Stories findet er immer, zum Beispiel in einem großen Bericht, den ein gewisser Franchetti über die sozialen Zustände der Insel um 1875 geschrieben hat oder im Abschluss-Dokument einer parlamentarischen Untersuchungskommission von 1875/76 zum selben Thema, das integral erst hundert Jahre später publiziert wurde. Camilleri ist nicht nur ein getreuer Chronist, er ist auch ein großer Humorist und so skeptisch und zuweilen melancholisch, wie fast alle Humoristen. Mit seiner Prosa hat er sich in die Reihe wichtiger sizilianischer Autoren des 20. Jahrhunderts geschrieben, die von Pirandello und Verga über Brancati, Tomasi di Lampedusa, Quasimodo und Vittorini bis zu Sciascia, Bufalino und Consolo reicht. Sie alle geben - selbst wenn sie Sizilien im Laufe ihres Lebens verließen - Kunde vom Schicksal der Menschen auf einer Insel, die seit den Tagen der Phönizier ständig fremde Herren hatte: Griechen, Römer, Araber, Normannen, Staufer, Aragonesen, spanische Bourbonen, und schließlich die Beamten aus dem Norden, aus Piemont vor allem. In diese Tradition hat sich Camilleri eingereiht. Sie prägt seine Arbeit.
Andrea Camilleri
Die sizilianische Oper. Roman 2001. -PIPER- Berauschend wie eine italienische Oper zu Zeiten, als Italien noch ein Königreich war Im sizilianischen Städtchen Vigata wird eine umstrittene Opernaufführung zum Zankapfel zwischen der Präfektur und den gewitzten Vigatesern. Nach dem gründlichen Misslingen des feierlichen Abends steht dann auch noch das Theater in Flammen. Verdächtige gibt es jede Menge, doch wer von ihnen würde tatsächlich so weit gehen? Köstliche Charaktere, pralle Erotik, viel Lokalkolorit und ein rasantes Erzähltempo - all dies macht diesen Roman zu einer berauschenden Lektüre.
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Der Autor Wiegenstein über Camilleri ...Bei den letzten Regionalwahlen auf Sizilien hat Berlusconis Partei alle Direktmandate bekommen und damit eine überwältigende Mehrheit im Parlament von Palermo. Die Folgen sind schon sichtbar: neue Verwüstungen durch Baumaßnahmen, die Vergebung für alle Schwarzbauten, selbst im Tempelbezirk von Agrigent, durch Verfahren, die der Ablassbulle aus früheren Zeiten verteufelt ähnlich sehen, nur dass es jetzt nicht nur um irdische Sünden sondern um irdische Sündenstrafen, sprich Gerichtsverfahren geht. Das alles hat Montalbano, der auch Camilleris alter ego ist, tief verstört. Er weiß nicht mehr, ob er weitermachen kann.
Camilleri: Zwei Dinge. Das eine hängt mit seiner Einsicht zusammen, dass ein Verbrechen heute kein "Territorium" mehr braucht. Wie wichtig diese Einsicht ist, zeigt sich glaube ich sehr gut, wenn er im "Spiel des Patriarchen" sich fragt: "Was mache ich mit dem Internet? Wer sind diese meine Gegner ohne Gesicht?" Montalbano wird mit dem "Virtuellen" konfrontiert. Und wenn du damit konfrontiert wirst, was machst du dann? Du, Polizeikommissar, gewöhnt an einige besondere Waffen, die dir für eine Ermittlung zur Verfügung stehen, fühlst dich total entwaffnet angesichts einer Situation dieses Typs, die du nicht erwartet hast. Heute breitet sich die Möglichkeit der Information immer weiter aus, überschreitet die Grenzen jeder Nation, jedes Staats, jedes Orts. Es gibt keine Barrieren mehr. Darum wird mein Dorf, unser Land zur Welt. Früher sagte man "Ich bin ein Weltbürger", das meinte die Ablehnung der Grenzen, der nationalen Zollstationen. Heute bist du, ohne gefragt zu werden, Weltbürger in einer globalisierten Welt. Montalbano hat einfach nicht die "forma mentis" und die geeigneten Mittel, um auf diesem neuen und unbekannten Gelände zu untersuchen. Aber er kapiert dunkel, dass dies das Schlachtfeld ist. Das ist die eine große Krise. Die zweite Krise rührt von seiner Gewohnheit her, sich der täglichen Realität zu stellen, die ihn umgibt. Denn alles, was in Italien jetzt geschieht, nimmt ihn mit und beeinflusst die Ermittlungen, die er führt. Bei uns ist etwas passiert, das höchst ernst ist, der "Gipfel der Acht" in Genua. Dort hat sich ein großer Teil der Polizei aufgeführt, wie wir uns das nie hätten träumen lassen. Dafür muss man nicht Partei sein. Man sieht die Bilder. Also: hat sie auch Montalbano gesehen? Was hat Montalbano gesehen? Die selben Bilder wie wir alle. Den schwarzen Block zum Beispiel, vermummt, mit seinen Trommeln, seinem makabren Ritual. Augenscheinlich war da jemand mit einer Telekamera, der den schwarzen Block aufgenommen hat. Aber die Polizei sieht man nicht. Klar? Die Polizei war nicht da. Wir haben den Angriff aufs Gefängnis gesehen und zwei kleine Wagen, die sich im selben Augenblick entfernten, als die vom schwarzen Block die ersten Molotow-Cocktails gegen das Gebäude warfen. Was sieht Montalbano? Montalbano sieht zum Beispiel die Tränengas-Wolken über einer wehrlosen Menge. Sieht er sie oder sieht er sie nicht? Er sieht sie. Er sieht auch den Vizequästor, oder jemand seinesgleichen, der auf einen Demonstranten eintritt, der am Boden liegt. Ja oder nein? Ja, er sieht das. Das ist kein eines Polizisten würdiges Verhalten. Solche Sachen haben wir erlebt zu Zeiten des Innenministers Scelba und seiner Sondereinheiten. Ich habe von denen Prügel bekommen, ich weiß, wovon ich rede. Und habe seit damals solche Szenen nicht mehr erlebt. Denn die Demokratie hat uns, uns und die Polizisten, andere Verhaltensweisen gelehrt. Wenn der Ministerpräsident, bevor dieser verdammte "G 8" begann, mehrfach nach Genua kommt und sich darum besorgt, dass keine Wäsche aus den Fenstern hängt, wenn er metallene Barrieren errichten lässt, so gibt er dem ganzen doch einen dramatischen Anstrich. Die Polizei hat in diesem Augenblick nicht nur gezeigt, dass sie keine wahre Polizei war, sie hat auch ihre professionelle Qualität verloren. Das Eindringen in die Schule Diaz ist eine dunkle Seite, in die Licht gebracht werden müsste. Ich habe gesagt, dass ich die Alarmglocken schrillen höre. Und Montalbano teilt meine Einschätzung von A bis Z. Es war eine Machtprobe. Eine gescheiterte, mag sein. Die Polizeigewerkschaft verteidigt ihre Mitglieder und sagt "Die Polizei ist von sich aus gehalten, der Macht zu folgen". Wohl wahr. Wenn diese Macht sagt: "Mach es". macht sie es. Die Macht muss sagen: "Tu es nicht" und das hat sie nicht getan. Also liegt die Verantwortung nicht allein bei der Polizei, sondern bei denen, die sie zu diesen Übertreibungen angehalten haben. Das gibt dir eine Idee davon, was in solchen Situationen geschehen kann. Da gab es sogar Mediziner, die den jungen Leuten die Pierce-Ringe aus den Ohren gerissen haben. Ein kollektiver Wahnsinn. War das eine gelungene Generalprobe?. Wenn es das war, dann, so sagt es die Theaterregel, wird das Stück durchfallen. Ein Polizist wie Montalbano kann diese elementaren Reflexionen seines Autors in einem solchen Fall nicht ignorieren. Und das ist die wahre Krise des Commissario. Derzeit sind meine Hände gefesselt einer Figur gegenüber, die derart in der Krise ist. Dazu kommt noch etwas: es gibt Zeichen des Alterns, die Reflexe werden langsamer, die Anpassung an verschiedene Situationen schwieriger. Jugend heißt die Kraft zu haben, auf Herausforderungen zu reagieren. Ein Mann von fünfzig Jahren hat es da schwerer. Diese Figur hat mich auf die Straße des Erfolgs gebracht. Hätte ich sie nicht erfunden, ich wäre ein Autor mit einer Auflage von allenfalls 10 000 Büchern geblieben, was hierzulande schon viel ist. Aber auch das ist eine Last. Meine Leser fangen an, mich zu konditionieren. In meinem neuen historischen Roman "Der König von Girgenti" gibt es keinen Montalbano. Ich halte dies für das Höchste, was ich beim Schreiben erreichen kann. Und wieder höre ich "Dottore, erscheint diesen Sommer ein neuer Montalbano?" Ich fühle mich als Gefangener. Literaturliste und Empfehlungen des Autors der Langen Nacht:
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