Deutschlandfunk DeutschlandRadio Berlin Suchen
themen programmvorschau sendungen frequenzen
Kontakt
Lange Nacht
Manuskript vom: Samstag 22.2.2003   • 23:05

Flamenco in einer Langen Nacht
Zerrissene Klage, verwandelt in Kunst
Fernanda Utrera
Fernanda Utrera

Manuel Torre
Manuel Torre

Manolo Caracol
Manolo Caracol

Autor:  Kersten Knipp
 

"Schmerzen, so viel, dass ich nicht mehr kann, vereinen sich wie die Wellen des Meeres." Wenn es stimmt, dass große Musik aus Not und Verzweiflung entsteht, dann dürfte der Flamenco zu den vollendetsten Kunstschöpfungen überhaupt gehören. Denn über viele Jahrhunderte hatten seine Schöpfer, die andalusischen gitanos, Zeit, ihren Schmerz in betörenden Klang zu verwandeln: Kaum hatten die ursprünglich aus Indien stammenden Zigeuner im Jahre 1425 spanischen Boden betreten, sahen sie sich einer Staatsmacht gegenüber, die nicht müde wurde, sie mit immer neuen Gesetzen, Erlassen, Verordnungen zu konfrontieren. Und spätestens, seit die Katholischen Könige 1499 in der Verordnung von Medina del Campo den gitanos unter der Androhung von Peitschenhieben, dem Abschneiden der Ohren und lebenslanger Haft zur Sesshaftigkeit zu bewegen suchten, galt den spanischen Herrschern Gewalt als legitimes politisches Mittel.

Doch zur eigenständigen Kunst entwickelte sich die Klage der gitanos vergleichsweise spät. Als einer der ersten entsteigt zur Mitte des 18. Jahrhunderts der Sänger Tio Luís el de la Juliana dem historisch-mythischen Frühnebel des Flamenco. Wasserträger soll er von Beruf gewesen sein, unzählige Krüge der kostbaren Flüssigkeit von den Quellen des Umlands in seine Heimatstadt Jerez de la Frontera geschleppt haben. Und gerne möchte man sich vorstellen, wie er auf diesen beschwerlichen Wegen, staubverschmiert und mit schmerzendem Rücken, leise einige der ursprünglich heiteren andalusischen Volksweisen vor sich hingesungen hat, die dann zum cante jondo, dem tiefen Gesang der andalusischen gitanos, heranreiften.

Von den Schrecken und Mühen dieser dunklen Epoche berichten viele Flamencotexte noch heute. Zugleich aber erheben sie den Schmerz zum grundlegenden Lebensgefühl. "Wenn ich singe, schmeckt mein Mund nach Blut", bekannte die 1899 in Jerez de la Frontera geborene Sängerin Tía Anica la Piriñaca und fasste so das düstere Lebensgefühl des Flamenco pointiert zusammen.

Dieser Sinn für die Tragik der Existenz, das noch die unscheinbarste Geste, noch die feinste Regung der Sänger durchdringt, hat Beobachter sämtlicher Zeiten in seinen Bann geschlagen. Wer immer über Flamenco schreibt, macht auf den schmerzhaften Charakter dieser Musik aufmerksam, verweist auf ihren bitteren, gelegentlich aufbegehrenden, dann wieder resignativen Ton. Dank einer teils sehr poetischer Sprache haben zahlreiche Beobachter den Flamenco so auch zum Gegenstand der Dichtung gemacht. "Schwarzer Laut, Gesang von Feuer und Tränen ohne Trost" umschreibt der Flamencoforscher Ángel Álvarez Caballero den Eindruck dieser Musik. "Der gute Gesang stimmt nicht fröhlich, er schmerzt", urteilt knapp und bündig der Sänger Manuel Torre.

Doch zugleich ist der Flamenco immer auch Geschäft gewesen. Seit den cafés cantantes, den ersten, Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenen professionellen Spielstätten, werben die Künstler um die Gunst des zahlenden Publikums. Und nicht erst seit den internationalen umjubelten Tourneen des Gitarristen Paco de Lucias haben sie auch den außerspanischen Markt erschlossen.

Nicht alle Beobachter waren glücklich über die Popularität dieser tragischen Musik. "Die, die für Geld singen und tanzen, sind keine Andalusier, sondern Händler, Tagelöhner des Gesanges und des Tanzes", geißelte Anfang dieses Jahrhunderts der Kritiker Francisco Rodríguez Marín die Professionalisierung des Flamenco. Doch längst ist es still geworden um die strengen Puristen von einst. Denn erst der kommerzielle Erfolg hat jene atemraubende technische Virtuosität ermöglicht, die den Flamenco heute so erregend macht. Der Schmerz ist aus der Geschichte auf die Bühne gestiegen. Erst dadurch ist er zu Kunst geworden.

 

Links:

 

Related Links:
Übersicht: Sendungen A-Z
Lange Nacht Archiv
Lange Nacht Vorschau
Lange Nacht Kontakt
Flamencospieler, Gravur von Araujo, 1884flamencospieler, gravur von araujo, 1884 Flamencospieler, Gravur von Araujo, 1884flamencospieler, gravur von araujo, 1884
 
Anda: Wer Flamenco liebt, aber kein Spanisch kann, ist hier genau richtig: Alle zwei Monate berichtet das Magazin "Anda" aktuell, zuverlässig und kompetent über alle Neuigkeiten aus der Welt des Flamenco. Noch schneller als die Zeitschrift selbst ist allein ihr Internet-Auftritt.
http://www.anda.de/

Wen es direkt in die Heimat des Flamenco zieht, wird hier fündig: Andalusia.org berichtet zwar auch über den Flamenco - aber nicht nur. Alles, was irgendwie mit Andalusien zusammenhängt, taucht auf diesen Seiten auf.
http://www.andalucia.org

flamenco-world.com: Die Seite für Flamencoliebhaber: Wer Spanisch kann, findet hier das Allerneuste aus dem Flamenco. Eigentlich ein kommerzieller Anbieter mit gewaltigem Angebot (zuverlässig zudem). Aber der Auftritt ist viel mehr als eine reine Verkaufsseite. Porträts von Künstlern, das Vokabular des Flamenco, seine Geschichte: Diese Site informiert über alles.
http://www.flamenco-world.com

'Flamencologia' heißt auf Spanisch jener - kleine - Disziplin, die sich wissenschaftlich mit Geschichte und Gegenwart des Flamenco befasst. In Jerez, im Centro Andaluz de Flamenco, hat sie ihr Zentrum. In seiner Bibliothek findet sich nahezu alles, was je über Flamenco geschrieben worden ist. Ein Muss für alle, die es ernst mit dem Flamenco meinen.
http://caf.cica.es/

Paco de Lucia ist Flamenco - und Flamenco ist Paco de Lucia. So jedenfalls verhält es sich in der öffentlichen Wahrnehmung. Auf seiner site verrät der wohl virtuoseste Gitarrist aller Zeiten vieles über sich und den Flamenco. Ein Auftritt für aficionados.
http://www.pacodelucia.org/

 

Sie suchen einen CD-Titel, ohne sich durch spanisch- oder englischsprachige Seiten kämpfen zu wollen? Fündig werden Sie bei Johannes Inhoffen, der nahezu alles, was in Spanien angeboten wird, auf Lager hat und aus dem beschaulichen Freiburg quer durch die Republik verschickt.
http://www.mundo-flamenco.de

Playlist der Sendung:

  1. Gerardo Nuñez, "Flamencos en Nueva York"
    CD: "Flamencos en Nueva York"

  2. Paco de Lucia, John Mc Laughlin, Al di Meola: "Mediterranian Sundance/Rio Ancho"
    CD: Friday Night in San Francisco
    Label: Philips (Universal )
    ASIN: B00000AQNY

  3. Paco de Lucia, "Entre dos aguas"
    CD: Almoraima
    Label: Canada
    ASIN: B000006Y23

  4. Tomatito/Camarón de la Isla: "La cava de los gitanos"
    CD: "Flamenco Vivo"
    Label: Philips (Universal )
    ASIN: B000006XDF

  5. Ketama: "Jarabi"
    CD: Songhai
    Label: Japan
    ASIN: B00005I7B4

  6. Maite Martín: "Intentalo encontrar"
    CD: "Querencia"
    Label: Tropical (BMG )
    ASIN: B0000646NR

  7. David Peña "Dorantes":
    "Gallardo"
    CD: "Dorantes"
    Label: Hemisphere (EMI )
    ASIN: B00002DEP2

  8. David Peña "Dorantes":
    "Orobroy"
    CD: "Dorantes"
    Label: Hemisphere (EMI )
    ASIN: B00002DEP2

  9. Pepe Habichuela: "Yerbagüena/Version Oriente"
    CD: "Yerbagüena"
    Label: Nuevos Med (SunnyMoon )
    ASIN: B00005O808

  10. Vicente "Soto" Sordera: "En la fragua"
    CD: "Verea del camino"

  11. Manolo Caracol: "Tiro piedras por la calle"
    CD: "Grandes Figuras del Flamenco (Vol. 7): Manolo Caracol"
    Label: Ldx
    ASIN: B000027JPD

  12. Enrique Morente: "No te rebeles, serrana"
    CD: Homenaje a Don Antonio Chacón"

  13. Maria Vargas: "Panaderos Flamencos"

  14. Enrique Morente: "Siempre por los rincones"
    CD: Homenaje a Don Antonio Chacón"

  15. Juan Peña "El Lebrijano: "Mi condena"
    CD: "Persecucion"

  16. Carmen Linares/Rafael Riqueni: "A rezar una esperanza"
    CD: Carlos Saura: "Flamenco"

  17. Antonio Chacon: "Seguiriya"
    CD: 1913-1927: La cumbre de un maestro"

  18. Vicente Soto Sordera: "Rompecerones"
    CD: "Verea del camino"

  19. Pepe Habichuela: "Amenecer"
    CD: "Habichuela en rama"
    Label: Nuevos Med (SunnyMoon )
    ASIN: B000007080

  20. Estrella Morente: "At the top of the Cerro de Palomares"
    CD: "Mi cante y un poema"
    Englisch: "My songs and a poem"
    Label: "Real World (EMI)

  21. Estrella Morente: "Moguer"
    CD: "Mi cante y un poema"
    Englisch: "My songs and a poem"

  22. Fernanda y Bernarda de Utrera: "buleria"
    CD: "Cante flamenco: Fernanda y Bernarda de Utrera"

  23. Jose Menese: "Ramita de Oliva"
    CD: "La pureza del cante"

  24. Manolo Sanlucar: "Nacencia"
    CD: Tauromaquia"
    Label: Canada
    ASIN: B00005RWAQ

  25. Pedro Peña: "El cano quebrao"
    CD: "Arte y Paion"
    Label: Nimbus
    ASIN: B00000J8Z2

  26. George Bizet: "Ouvertüre"
    CD: Carmen

  27. Carmen Amaya: "Alegrias"
    CD: "Grandes Figures du flamenco: Carmen Amaya"
    Label: Ldx
    ASIN: B000027JPR

  28. Jorge Pardo: "El Lago"
    CD: "Veloz"
    ASIN: B000000XUF

 

 

DeutschlandRadio-Online ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Links.

<-
Seitenfuss