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Lange Nacht
Manuskript vom: Sa. 23.8.2003 • 23:05

Die Lange Sissi-Nacht
Ich bin erwacht in einem Kerker
Sissi Sissi
(alle Bilder aus: Brigitte Hamann, Sissi, Taschen 1997)
Autorin:  Gabriele Figge

1854 heiratet die erst 16-jährige Elisabeth, Prinzessin in Bayern, den wohl mächtigsten Mann ihrer Zeit, ihren Cousin Kaiser Franz Joseph von Österreich. Elisabeth, die zu Hause Sissi genannt wird, ist eine einfache Landadelige, die frei von höfischen Normen und Pflichtvorstellungen aufgewachsen ist. Dabei hat sie ein erstaunliches Selbstbewusstsein entwickelt. Niemals wird sie sich den aus ihrer Sicht überholten Wertvorstellungen am Wiener Hof beugen.

Für andere Frauen hätte diese Hochzeit und der damit verbundene gesellschaftliche Aufstieg die Erfüllung ihres Lebens bedeutet. »Dem Kaiser von Österreich gibt man keinen Korb« ist der nüchterne Kommentar der Brautmutter Ludovika, als sie von dem Antrag des Kaisers erfährt. Eigentlich hatten sie und ihre Schwester Sophie, die Mutter des Kaisers, ausgemacht, dass Franz Joseph Helene, Elisabeths ältere Schwester, heiraten sollte. Doch nun setzt sich der Kaiser zum ersten Mal gegenüber seiner Mutter durch, und letztlich ist es auch Ludovika nicht so wichtig, welche ihrer Töchter für den gesellschaftlichen Aufstieg der Familie sorgt. Niemand hat Elisabeth auf ihr zukünftiges Leben als Kaiserin vorbereitet. Sie glaubt, bei ihrer Ehe handele es sich um eine Privatangelegenheit, sieht nicht, dass sie einen »Beruf« heiratet.

Ganz allein muss sich Sissi am Wiener Hof behaupten, ihre Schwiegermutter nimmt ihr in den folgenden Jahren sogar ihre Kinder, um sie standesgemäß erziehen zu lassen. Elisabeth flüchtet sich in Krankheiten. Um dem Leben in Wien zu entkommen, lässt sie sich Kuren in warmen, möglichst weit entfernten Ländern verschreiben. Der Kaiser bleibt einsam in Wien zurück. Nun dreht sich das Verhältnis auf einmal um. Elisabeth wird sich ihrer Schönheit und der Macht, die sie damit auf Franz Joseph ausüben kann, bewusst. In einem Ultimatum fordert sie das Erziehungsrecht für die Kinder und die freie Wahl ihres Aufenthaltsortes. Der Kaiser, der einen öffentlichen Skandal befürchtet, gibt nach. Elisabeth lebt nur noch nach ihren eigenen Vorstellungen und verliert dabei doch immer mehr den Boden unter den Füßen. Sie ist eine Vorreiterin der heutigen Fitnesswelle und des Körperkults, mehrere Stunden täglich widmet sie ihrer Schönheitspflege. Was sie tut, tut sie ganz und ausschließlich, wie zum Beispiel ihre gefürchteten mindestens achtstündigen Marathonwanderungen, bei denen ein Kutscher die unterwegs zusammenbrechenden Hofdamen auflesen muss. Inzwischen weiß man, dass Elisabeth krank war. Sie litt unter Depressionen, die nur durch ihren manischen Bewegungsdrang zu beruhigen waren. Heute heißt diese Krankheit bezeichnenderweise »Sissi-Syndrom«.

In den fünfziger Jahren wurde aus Elisabeth die süße Film-Sissi, idealtypisch dargestellt von der jungen Romy Schneider. Eine niedliche Märchenprinzessin, die mit ihrer Anmut und Unschuld die Herzen der Zuschauer gewann. Doch wie Elisabeth darf auch Romy nicht erwachsen werden. Das Publikum will sie ein Leben lang als kindliche Prinzessin sehen und reagiert äußerst verärgert, als sie sich diesem Druck einfach entzieht und nach Frankreich geht. Wenn ein Mythos erst mal greift, droht die wahre Person dahinter zu verschwinden. Weder Romy Schneider noch Elisabeth von Österreich waren jemals die Püppchen, die man so gerne in ihnen sehen möchte. Jede Zeit hat ihren eigenen Sissi-Kult, von Traumhochzeit über unverstandene Ehefrau zwischen Mann und Schwiegermutter bis zu einem Shakespeareschen Königsdrama lässt sich alles in Elisabeth hineindeuten. Das macht sie bis heute so anziehend, für viele Frauen ist sie immer noch eine Identifikationsfigur oder eine Projektionsfläche für eigene seelische Befindlichkeiten.

 

 

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Elisabeth. Kaiserin wider Willen.
Sissi. Kaiserin Elisabeth von Österreich
Das Tagebuch der Lieblingstochter von Kaiserin Elisabeth von Österreich.
Hörbeispiele:

Take 1: Genf, 10. Sept. 1898, 2,53

Take 2: Tagebuchauszüge, 2,59

Take 3: Kaiserin für einen Tag, 1,23

Buchtipps:

Gabriele Praschl-Bichler
Elisabeth
Kaiserin von Österreich, genannt Sisi.
2003. -AMALTHEA-
Vor hundert Jahren starb die österreichische Kaiserin Elisabeth, vielen bekannt als die süße Sissi aus den gleichnamigen Filmen. Doch wer war Sissi wirklich? In lebendig geschriebenen, fundierten Texten und gestützt auf Erkenntnissen aus zahlreichen Originalbriefen beschreibt die Habsburg-Spezialistin Gabriele Praschl-Bichler eine junge Frau, die trotz ihrer privilegierten Stellung lebenslang mit Problemen zu kämpfen hatte und eigentlich ein unglücklicher Mensch war. Ergänzt werden die Texte durch zahlreiche Fotos und Aquarelle sowie durch Hintergrundinformationen, die Kindern Einblick geben in die Kultur, Politik und Lebensweise des 19. Jahrhunderts.

Johannes Thiele
Elisabeth, Sonderausgabe.
Kaiserin von Österreich.
Überarb. Ausg. 2002. -LIST-
Johannes Thiele entwirft in diesem Buch über die österreichische Kaiserin ein aufregendes Psychogramm, das Elisabeth im Spiegel ihrer seelischen Entwicklung zeigt und damit einen neuen, unkonventionellen und überraschenden Weg zu ihrem Verständnis eröffnet. Eine große Biographie über die österreichische Kaiserin, in leuchtenden Bildern mitreißend erzählt.

Haslip, Joan:
Sissi.
Kaiserin von Österreich.
KiWi Taschenbücher Nr.655. 2001.
ISBN: 3-462-03055-8, KNO-NR: 09 82 35 17
-KIEPENHEUER & WITSCH-

Merkle, Ludwig:
Sissi, Die schöne Kaiserin.
Aktualis. Neuausg. 2001.
ISBN: 3-8307-1023-2, KNO-NR: 06 28 02 11
-STIEBNER-
Sissi - die schöne Kaiserin. Kaiserin von Österreich war sie allerdings ohne grooße Begeisterung. Kaiser Franz Joseph heiratete sie, als sie 16 1/4 Jahre alt war, und hatte fortan viele Probleme mit ihr. Der Hof mit seiner strengen Etikette und seinen steifen Reglen, ihre Schiegermutter, das Palastgesinde gefielen ihr ganz und gar nicht. Sie fühlte sich wie "in einem Kerker", litt an feinersonnenen Krankheiten, zog sich bald zurück aus ihrem kaiserlichen Berufsleben und von ihrem Mann, emanzipierte sich zu rebellischen Eigenbrötlerin, oblag der Pflege ihrer schlanken Taille und ihrer Frisur, dem Reitsport, der Poesie und ihrer schwermütigen Einsamkeit und reiste ruhe- und rastlos durch die Welt, bis sie, 1898, einem Attentat zum Opfer fiel. Beim Volk, dem sie ihren Anblick selten gönnte, war sie nur mit Maßen beliebt. Die Nachwelt aber ist faziniert von der schönen, widerspenstigen Kaiserin. Diese reich und farbig bebilderte Biographie läßt die Erinnerung an sie wieder aufleben.

Kaiserin Elisabeth
Das poetische Tagebuch.
Hrsg: Elisabeth Hamann.
Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
Wien 1997

Brigitte Hamann
Elisabeth. Kaiserin wider Willen.
Amalthea Verlag,
Wien - München 1981
Neuauflage erscheint im März 2001

Brigitte Hamann
Sissi. Kaiserin Elisabeth von Österreich
Taschen Verlag Köln 1997

Marie Valérie
Das Tagebuch der Lieblingstochter von Kaiserin Elisabeth von Österreich.
Hrsg: Martha und Horst Schad.
Langen Müller 1998
(Sonderproduktion 2. Auflage 2000)

Lisa Fischer
Schattenwürfe in die Zukunft.
Kaiserin Elisabeth und die Frauen ihrer Zeit.
Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 1998.
Zum 100. Todestag Kaiserin Elisabeths aktualisiert diese Biographie anhand völlig neuer Sichtweisen ihr Leben. Elisabeth kreierte sich zu einem Schönheitsideal. In Wirklichkeit entwickelte sie, hinter Schirm und Fächer verborgen, eine schillernde, vielfältige Persönlichkeit, die jegliche Grenzen zu überschreiten wagte. Als monarchiekritische Poetin, reitende Spitzensportlerin und philosophierende Intellektuelle durchkreuzte sie Raum und Zeit, wurde Wanderin zwischen den Welten, um bei sich selbst anzukommen. In ihrem Kampf um Selbstbehauptung übernimmt "Sisi" die fortschrittlichen Strömungen ihrer Zeit und stellt die Brücke zum Zeitgeist der Moderne und Postmoderne her. Zwischen den Gegensätzen von Selbstentäußerung und Selbstbehauptung wird die individuelle Unbeugsamkeit ihres Freiheitsstrebens zum Spiegel eines kollektiven weiblichen Selbstbewußtseins und zur Aufforderung, diese Entwicklung weiter vorwärts zu treiben.

 

Luigi Lucheni
"Ich bereue nichts"
Die Aufzeichnungen des Sisi-Mörders
Knaur Verlag
München 1998

Links:

Sisi - ein Leben zwischen Glanz und Einsamkeit
"Ich gehe sowieso immer auf die Suche nach meinem Schicksal. Ich weiß, daß mich nichts davon abhalten kann, es an jenem Tage zu treffen, an dem ich es treffen muß. Alle Menschen müssen sich zu einer gewissen Zeit auf den Weg machen, ihrem Schicksal entgegen. Das Schicksal macht lange die Augen zu, aber einmal erblickt es uns doch. Jene Schritte, die man unterlassen soll, um ihm nicht zu verfallen, gerade die geschehen dann. Und ich tue diese Schritte seit jeher."
http://www.sisi-net.de
Homepage mit Vita, Fan-Pages, vielen Links, etc.

weitere Sisi-Homepages:
http://home.t-online.de/home/RomanSchneider/sisi.htm
http://www.sisi.at/home.html

Die Filme: Mit der Rolle als "Sissi" hat die Schauspielerin Romy Schneider weltweit die Herzen des Publikums erobert. Die drei Filme über das Leben der österreichischen Kaiserin Elisabeth erreichen bei TV-Wiederholungen noch immer hohe Einschaltquoten. Doch der "Zahn der Zeit" hat an den alten Streifen erheblich genagt. Mit modernster digitaler Technologie hat die Münchner Unternehmensgruppe von Leo Kirch die drei Filme jetzt aufwendig restaurieren lassen, um sie der Nachwelt möglichst originalgetreu zu erhalten.
Weiterlesen:
http://www.romy.de/forum/Berichte/sissi_restauration.htm

Als sich TaurusFilm 1998 entschloß, die in den Jahren 1955 bis 1957 entstandene berühmte "Sissi"-Trilogie zu restaurieren, um sie im Sissi-Jubiläumsjahr in neuer Edition auf den Markt zu bringen, wurde monatelang international nach zusätzlichem Material recherchiert. Dabei kam u. a. ein erstaunlicher Fund zutage: Bisher unbekanntes Schwarzweiß-16-mm-Material tauchte in einem Kopierwerk auf, dazu ein Tonband mit dem Original-Kommentar von Romy Schneider selbst zu den einzelnen Szenen.
Weiterlesen:
http://www.dem.de/entertainment/kino/102/102513dr.html
http://www.dem.de/entertainment/kino/102/102513.html

Romy Schneider - Fotoalbum
http://www.stud.uni-hannover.de/user/74603/romybild.html

Romy Schneider Archiv
http://www.romy.de

Alice Schwarzer
Romy Schneider
Mythos und Leben.
2002. -DROEMER/KNAUR-
Am 23. September 1998 wäre Romy Schneider 60 Jahre alt geworden. Alice Schwarzer befaßt sich aus diesem Grund noch einmal mit dem Leben des Weltstars. Sie untersucht, warum ausgerechnet Romy zum Idol für Millionen Menschen geworden ist, und gehtder Frage nach, wie die wirkliche, vom Mythos befreite Romy ausgesehen hat.

Adieu Romy
Photographische Erinnerungen an Romy Schneider.
Mit e. Text v. Klaus-Jürgen Sembach.
2002. -SCHIRMER/MOSEL-
"Ich wollte leben und ich wollte gleichzeitig Filme machen. Aus diesem Widerspruch habe ich nie herausfinden können", sagte sie ein Jahr vor ihrem Tod. Am 29. Mai 1982 starb Romy Schneider in Paris. Sie war 43 Jahre alt, hatte 58 abendfüllende Spielfilme gedreht und in ihrer fast 30jährigen Karriere zuerst das Deutschland der Nachkriegszeit, dann Frankreich, ihre Wahlheimt seit 1959, und schließlich die Welt erobert. Unsere Hommage zum 20. Todestag von Romy Schneider versucht, jenem seltenen Zauber, der sie umgab, in Bildern - Filmstills, Portraits undSchnappschüssen - nachzuspüren und all die glanzvollen, intimen, auch tragischen Momente ihrer beruflichen und privaten Metamorphose vom "süßen Mädel" zur schönen, selbstbewußten Frau, zur gefeierten Schauspielerin und zum Weltstar festzuhalten.

 

 

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