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Lange Nacht
Manuskript vom: Samstag 27.9.2003   • 23:05

Die Lange Nacht der Unendlichkeit
Ein Schwingen des Pfeils im Blauen
Autorin:  Sibylle Hoffmann
Studiogäste:  Dr. Klaus Jürgen Grün
 Philosoph, Philosophisches Kolleg für
 Führungskräftein Großkrotzenburg
 Professor Dr. Burkhard Kümmerer
 Mathematiker, Technische Universität
 Darmstadt
 Professor Dr. Fritz Siemsen
 Physiker, Goethe Universität
 Frankfurt am Main

Eine mystische, in Nebel gehüllte Masse. Ein weites Firmament. Eine Zahl, ein Zeichen oder doch das universale Seinsprinzip?

Während an Werktagen der Lohn den Wert des Menschen fixiert, kann man in der freien Zeit seinen unendlichen Wert spüren. Das Gefühl wird geweckt durch die unendliche Natur, das Meer, den Himmel, durch unsere Beziehungen: Liebe, Freundschaft- unendlich wertvoller als dreißig nützliche Silberlinge. Der Mensch kann als einziges Wesen diese stürmischen, aber oft flüchtigen Wahrnehmungen des Unendlichen durch Denken in die Gewißheit transponieren. Einstein verzichtete gern auf Alkohol, weil es ihn beim Denken störte. Seine Hauptgedanken eröffneten eine neue Sicht auf das Unendliche.

Wie ein Schwingen des Pfeils im Blauen kam es dem Schriftsteller und Spanienkämpfer Arthur Koestler vor, als er 1937 im Kerker saß und den Euklidschen Beweis für die Unendlichkeit der Primzahlen an der Zellenmauer nachvollzog. Mit endlichen Mitteln hatte der griechische Philosoph die Existenz der Unendlichkeit bewiesen. Nietzsche sah das Immergleiche ewig wiederkehren. Heute schwingt die Forschung zwischen Urknall und schwarzem Loch, und sie rechnet mit zahllosen Universen. Rechnet sie noch mit der Unendlichkeit? Die Natur zeigt ihre Unendlichkeit am klarsten in ihren drei Aspekten: Raum, Zeit und Materie. In Natur, Geist und Seele offenbart sich das Reich der Unendlichkeit, an dem der Mensch, auch in dieser Langen Nacht, teilhat.

Nach neuen Meeren

... Alles glänzt mir neu und neuer,
Mittag schläft auf Raum und Zeit-:
Nur dein Auge - ungeheuer
Blickt mich's an, Unendlichkeit. ...
(Nietzsche)

Kinderstimmen über die Unendlichkeit

 

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Dr. Klaus Jürgen Grün
http://www.philkoll.de

Professor Dr. Burkhard Kümmerer
http://www-old.mathematik.uni-stuttgart.de

Professor Dr. Fritz Siemsen
Institut für Didaktik der Physik
http://www.uni-frankfurt.de

Die Didaktik der Physik in den Medien - mit Professor Dr. Fritz Siemsen
http://www.uni-frankfurt.de/fb13/didaktik

Die Zeit ist für uns ein Problem, ein furchtbares und anheischiges Problem, vielleicht das vitalste Problem der Metaphysik; dagegen ist die Ewigkeit ein Spiel oder eine müde gewordene Hoffnung....Im Begriff der Zeit liegen dunkle Eigenschaften,... und eine dieser dunklen Eigenschaften..., besteht darin, dass wir die Richtung der Zeit nicht genau anzugeben vermögen. Dass sie aus der Vergangenheit in die Zukunft fließt, ist die landläufige Überzeugung, aber durchaus nicht unlogischer ist die gegenteilige Überzeugung.
(Louis Borges,1935 S. 175)

Arthur Koestler, den Schriftsteller und Kommunisten, hatten Francos Truppen im spanischen Bürgerkrieg festgenommen und zum Tode verurteilt. Er saß in einer Zelle und wartete darauf, hingerichtet zu werden. In seinen Erinnerungen schreibt er:

Ich stand an dem Mauervorsprung des Fensters der Zelle Nummer 40 und kratzte mit einem eisernen Draht, den ich von der Sprungfedermatraze losgemacht hatte, mathematische Formeln auf die Wand. Mathematik, und besonders analytische Geometrie, war eine der Lieblingsbeschäftigungen meiner Jugend. Ich versuchte, mich zu erinnern, wie man die Gleichung der Hyperbel ableitete; es gelang mir nicht. Dann versuchte ich es mit der Ellipse und der Parabel; die gelangen mir zu meiner Freude. Dann rief ich mir Euklids Beweis für die Unendlichkeit der Primzahlenreihe ins Gedächtnis zurück.

Primzahlen sind unteilbare Zahlen. Man sollte glauben, je höher man in der Zahlenreihe käme, um so seltener müssten die Primzahlen werden, verdrängt sozusagen von den sich häufenden Produkten kleinerer Zahlen, bis man schließlich eine sehr hohe Zahl als letzte Primzahl erreichen müsste, die letzte numerische Jungefrau. Euklids Beweis zeigt auf eine einfache und elegante Weise, dass dem nicht so ist und dass selbst in den astronomischen Regionen der Skala Zahlen auftreten, die nicht aus kleineren Zahlen zusammengesetzt sind, sondern die sozusagen in unbefleckter Empfängnis gezeugt wurden. Seit ich Euklids beweis in der Schule gelernt hatte, erfüllte er mich stets mit einer tiefen, eher ästhetischen als intellektuellen Befriedigung. Als ich mich jetzt an die Methode erinnerte und die Symbole an die Wand kratzte, verspürte ich die gleiche Freude.

Dann, plötzlich, verstand ich zum erstenmal den Grund dieses Entzückens: die auf die Wand gekritzelten Symbole stellten einen der seltenen Fälle da, in denen eine sinnvolle und fassbare Aussage über das Unendliche mit präzisen endlichen Mitteln erreicht wird. Das Unendliche ist wie eine mystische, in Nebel gehüllte Masse, und doch war es möglich, etwas darüber zu erfahren, ohne sich in verschwommenen Unklarheiten zu verlieren. Die Bedeutung dieser Erkenntnis schlug über mir zusammen wie eine Welle, und sie ließ einen wortlosen Niederschlag zurück, einen Hauch von Ewigkeit, ein Schwingen des Pfeils im Blauen.

Literaturtipps für Laien zum Thema Unendlichkeit:

Amir D. Aczel
Die Natur der Unendlichkeit: Mathematik, Kabbala und das Geheimnis des Aleph

Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 2002

Stephen Hawking
Das Universum in der Nußschale
dtv o.J (2002)
Mit seinem Bestseller "Eine kurze Geschichte der Zeit" wurde Stephen Hawking 1988 weltberühmt und zum Inbegriff des genialen Wissenschaftlers. In seinem neusten Buch wendet er sich nun Fragen zu, die Ende der achtziger Jahre selbst den hellsten Köpfen der Kosmologie nicht in den Sinn gekommen wären. In der für ihn typischen witzigen und bilderreichen Sprache und mittels 250 anschaulicher, atemberaubend schöner Farbillustrationen führt Hawking den Laien in das surreale Wunderland der modernen Raumzeitforschung ein.

Stephen Hawking
Die illustrierte Kurze Geschichte der Zeit.
2002. -ROWOHLT TB.-
Mit seinem Bestseller "Eine kurze Geschichte der Zeit" wurde Stephen Hawking 1988 weltberühmt und zum Inbegriff des genialen Wissenschaftlers. In seinem neusten Buch wendet er sich nun Fragen zu, die Ende der achtziger Jahre selbst den hellsten Köpfen der Kosmologie nicht in den Sinn gekommen wären. In der für ihn typischen witzigen und bilderreichen Sprache und mittels 250 anschaulicher, atemberaubend schöner Farbillustrationen führt Hawking den Laien in das surreale Wunderland der modernen Raumzeitforschung ein.

Das große Stephen-Hawking-Lesebuch:
Leben und Werk. Hrsg. v. Hubert Mania.
2003. -ROWOHLT, REINBEK
Das Universum des Stephen Hawking - niemand kann es besser erklären als er selbst. Deshalb hat Hubert Mania aus Hawkings Hauptwerken die Schlüsseltexte ausgewählt. Sie handeln von den zentralen Fragen unserer Existenz: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Gibt es einen Anfang und ein Ende der Zeit? Warum lohnt es sich, Einsteins Traum zuende zu träumen? Die Suche nach der verlorenen Weltformel - anschaulicher wurde nie dargestellt, was sie ausmacht. Zuvor führt Hubert Mania in Leben und Werk des Jahrhundert-Genies ein. Das große Stephen-Hawking-Lesebuch, reich illustriert, ist ein Muss für alle, wissen wollen, warum der berühmteste Physiker unserer Zeit so viele Menschen fasziniert.

Gerhard Staguhn
Die Jagd nach dem kleinsten Baustein der Welt
Hanser Verlag; München 2000
(Der Titel erscheint laut Verlag Oktober 2003)

Gerhard Staguhn
Das Rätsel des Universums.
dtv Taschenbücher Bd.62079. Neu überarb. Ausg. 2001. 204 S. m. Abb.,
ISBN: 3-423-62079-X
-DTV-
Eine Kosmologie, die sich so spannend liest wie ein Roman. Leicht und anschaulich werden die kompliziertesten Zusammenhänge erklärt. Auch von den Möglichkeiten von anderem Leben im All ist die Rede.
Mit dem Urknall beginnt für die Wissenschaft die Geschichte des Universums. Wie er tatsächlich ablief, können die Forscher auch heute noch nicht sagen. Erst die Zeit danach, der Temperaturanstieg um 30 Milliarden Grad und die Entstehung der ersten Elementarteilchen, lässt sich beschreiben. Gerhard Staguhn erklärt höchst anschaulich, wie unser Kosmos entstand, beschreibt selbst komplizierteste Zusammenhänge auf leichtverständliche Art, geht der Frage nach der Möglichkeit von anderem Leben im All nach und zeigt, welche Forschungsaufgaben die Raumfahrt heute hat. Die spannende und unterhaltsame Geschichte des Universums, geschrieben wie ein Roman."Dieses Sachbuch gehört in jeden ordentlichen Haushalt." BUCHMARKT

Rudy Rucker
Die Ufer der Unendlichkeit
Wolfgang Krüger Verlag 1989 (in Bibliotheken)

Friedrich Nietzsche
Die Philosophie im tragischen Zeitalter
in: Werke Bd III, hg von Karl Schlechta
Ullstein Verlag 6. Auflage, 1969

Fischer Lexikon der Philosophie
Stichwort Naturphilosophie von Paul K. Feyerabend
Franfurt Main, 1958 (in Bibliotheken)

Und als CD Rom:
Die digitale Bibliothek der Philosophie
Von der Antike bis zur Moderne.
Verlag Zweitausendundeins, Berlin 2001

Herbert Beckert
Zur Erkenntnis des Unendlichen.
Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Mathematisch-naturwissenschaftlich.
2001. -HIRZEL, STUTTGART-

Rudolf Taschner
Das Unendliche.
Mathematiker ringen um einen Begriff.
1995 SPRINGER, BERLIN-
Spannend beschreibt der Autor, wie Mathematiker von der Antike bis zur Gegenwart den Begriff des Unendlichen zu fassen versucht haben. Ein unterhaltsamer Zugang zur Mathematik auch für Leserinnen und Leser ohne Vorkenntnisse.

Goethe, Faust 2

1. Akt: Finstere Galerie

Mephistopheles:
Und hättest du den Ozean durchschwommen,
Das Grenzenlose dort geschaut,
So sähst du dort doch Well auf Welle kommen,
Selbst wenn es dir vorm Untergange graut.
Du sähst doch etwas. Sähst wohl in der Grüne
Gestillter Meere streichende Delphine;
Sähst Wolken ziehen, Sonne, Mond und Sterne;
Nichts wirst Du sehn in ewig leerer Ferne,
Den Schritt nicht hören, den du tust,
Nichts festes finden, wo du ruhst.

Faust:
Du sprichst als erster aller Mystagogen,
Die treue Neophyten je betrogen
Nur umgekehrt. Du sendest mich ins Leere,
Damit ich dort so Kunst als Kraft vermehre;
behandelst mich, dass ich wie jene Katze,
Dir die Kastanien aus den Gluten kratze,
Nur immer zu! Wir wollen es ergründen,
In Deinem Nichts hoff ich das All zu finden.

Sind wir allein im Universum?
Prof. Dr. Harald Lesch, Universitäts-Sternwarte München
http://home.t-online.de/home/w.globuli/htm13.htm

Die Suche nach erdähnlichen Planeten
Außerhalb unseres Sonnensystems haben Astronomen bereits Dutzende von Riesenplaneten ausfindig gemacht. Inzwischen sind ihre Messmethoden ausgefeilt genug, um auch extrasolare Himmelskörper von der Größe unserer Erde zu entdecken.

http://home.t-online.de/home/w.globuli/htm12.htm

Vier Wochen vor seinem eigenen Tode schrieb Albert Einstein den Hinterbliebenen seines Jugendfreundes Besso: "Nun ist er mir auch im Abschied von dieser sonderbaren Welt ein wenig vorausgegangen. Dies bedeutet nichts. Für uns gläubige Physiker hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer wenn auch hartnäckigen Illusion."