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  13.11./14.11.98

  • Die Kleider unserer Seele sind die Tage -- Die Lange Nacht der Tagebücher

     

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    Anne Frank Tagebuchauszug Tagebücher, dieses intimste Festhalten des Augenblicks, ungefiltert, ohne Blick auf Leserinnen und Leser, ziehen immer wieder nicht nur Historiker oder Literaturwissenschaftler in ihren Bann. Banales und Weltliteratur entstand in Tagebüchern. All das Vergangene, Alltag und "große Geschichte" werden in den Aufzeichnungen erfahr- und erinnerbar. Die Lange Nacht der Tagebücher, eine Reise durch die Geschichte dieses Jahrhunderts, aber auch eine Reise in Geheimes und Verborgenes von Zeitgenossen.

    Moderation:
    Hellfried Brandl
     
     
     
     

    Anne Frank
    Sonntag, 14. Juni 1942
    Am Freitag wurde ich schon um 6 Uhr wach. Das war begreiflich, denn ich hatte Geburtstag. Aber so früh durfte ich nicht aufstehen und mußte meine Neuger noch bezähmen bis dreiviertel sieben. Dann hielt ich es aber nicht mehr länger aus. Ich ließ ins Eßzimmer, wo Mohrchen, unser kleiner Kater, mich mit heftigen Liebkosungen begrüßte. Nach sieben Uhr ging ich zu den Eltern und dann mit ihnen ins Wohnzimmer, um meine Geschenke anzusehen und auszupacken. Dich, mein Tagebuch, sah ich zuerst, und das war das schönste Geschenk.

    Frank Wedekind
    Ich langweile mich so entsetzlich, daß ich wieder Zuflucht zu meinem Tagebuch nehme, das ich seit zehn Monaten nicht mehr weitergeführt habe.
    (9.2.1888)

    Anais Nin
    Acapulco, Mexiko
    Ich liege in einer Hängematte auf er Terrasse meines Zimmers im Hotel Mirador; das Tagebuch liegt aufgeschlagen auf meinen Knien, die Sonne scheint auf das Tagebuch, und ich habe kein Verlangen zu schreiben. Die Sonne, die Blätter, der Schatten und die Wärme sind so lebendig, daß sie die Sinne einschläfern und die Gedanken ruhig werden lassen. Das ist die Vollkommenheit. Es gibt keine Notwendigkeit zu porträtieren, festzuhalten. Es ist zeitlos, überwältigend, vollkommen.
    (Winter 1947)

    Max Frisch
    Was wichtig ist: das Unsagbare, das Weiße zwischen den Worten, und immer reden diese Worte von Nebensachen, die wir eigentlich nicht meinen. unser Anliegen, das eigentliche, läßt sich bestenfalls umschreiben, das heißt wörtlich: man schreibt darum herum. ... Sprache ist wie ein Meißel, der alles weghaut, was nicht Geheimnis ist, und alles Sagen bedeutet ein Entfernen.
    Max Frisch in seinem Tagebuch zwischen 1946 bis 1949

    Ausschnitt aus der langen Nacht

    »Eben habe ich meine Tagebücher aus den Jahren 1947 bis 1953 verbrannt«, notierte die Schriftstellerin Brigitte Reimann am 11.11.1959 in ihrem Tagebuch. »Und jetzt tut mir das Herz weh, als hätte ich etwas Lebendiges vernichtet, irgendeinen Teil von mir selbst.« Brigitte Reimanns Tagebücher von 1955 bis 1970 ermöglichen einen Einblick in ein wildes, unkonventionelles, immer wieder vom beruflichen und persönlichen Scheitern bedrohtes Leben.
    Oberflächlich - so konstatiert Klaus Mann im Blick auf seine Tagebücher - müssen solche Manuskripte für jeden Zweiten erscheinen. Oder es ist auch einfach Langeweile, wie im Falle von Frank Wedekind, die zum Tagebuchschreiben Anlaß gibt.
    Es gibt auch Aufzeichnungen der sogenannten kleinen Leute, die im Tagebuch das festhalten wollen, was für sie wichtig geworden ist.
    Die badische Kleinstadt Emmendingen, als Wohn- und Sterbeort der Goethe-Schwester Cornelia bekannt geworden, beherbergt seit 1997 das »Deutsche Tagebucharchiv«. Nach dem Vorbild der italienischen Stadt Pieve San Stefano werden im alten Rathaus Tagebücher der kleinen Leute gesammelt und archiviert. Eine jährliche Tagebuchlesung soll nach dem Willen der Initiatorin Frauke von Troschke sowohl der literarischen als auch der historischen Vermittlung dienen. Geschichte von unten wird da dokumentiert. »Die Lebensgeschichten einfacher Leute bringen uns einen Teil ihrer Geschichte zurück«, sagt sie. »Buchhalter des Augenblicks« - so hat die Stuttgarter Zeitung einen Bericht über das »Deutsche Tagebucharchiv« übertitelt.
    Das Tagebuch gehört wohl zu den persönlichsten Erinnerungen des Menschen. Dem Tagebuch vertrauen wir sowohl die Ereignisse und Erfahrungen an, die zutiefst mit uns selbst und unseren Gefühlen zu tun haben, als auch jene, die von dem politischen und gesellschaftlichen Umfeld geprägt sind. Neben der scheinbaren Intimität und Banalität der Gefühle liegt in der Beobachtung historischer Ereignisse aus der persönlichen Sicht der Zeitgenossenschaft der besondere Reiz für den Tagebuchleser.
    Diese Ambivalenz zwischen Intimität und Erleben von Geschichte macht einen Teil des weltweiten Erfolgs des Tagebuchs der Anne Frank aus. Das Tagebuch der 15-jährigen wurde zu einem Bestseller der besonderen Art. Als Nummer 77 erschien es 1955 als Fischer-Taschenbuch. Von der deutschen Ausgabe wurden bis 1992 zweieinhalb Millionen Exemplare verkauft. Das Schicksal der deutschen Jüdin Anne Frank, mit ihren Eltern in Amsterdam im Versteck lebend, 1944 nach Bergen-Belsen deportiert, im April 1945 an Typhus gestorben, wurde zu einem exemplarischen Bild von Zeitgeschichte, das inzwischen schon drei Generationen von Lesern erschütterte.
    Ähnlich eindringlich sind die Tagebücher aus den Jahren 1933 bis 1945 des Dresdner Romanisten Victor Klemperer: »Ich will Zeugnis ablegen bis zum Letzten«. Was Historiker kaum schafften, das gelang mit den Tagebüchern Anna Franks und Victor Klemperers: Die Zeugnisse der Verfolgten, Tag für Tag notiert, liessen die Leser nachvollziehen, wie brutal und perfide die Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten lief. Mitfühlend kann man die Sorgen, die Ängste, auch die Hoffnungen der 15-jährigen Anne Frank nachvollziehen, kann man aber auch aus der pointierten, manchmal nüchternen Analyse Victor Klemperers eine Vorstellung von der Vergangenheit bekommen.
    Zeitzeugen und Zeitgenossen belegen freilich auch, daß der Augenblick gelegentlich aus der Phantasie, der ersehnten Wirklichkeit beschrieben wird. Leserinnen und Leser begleiten durch das berühmte Schlüsselloch verzehrende Leidenschaften und deren oft ernüchterndes Ende. »Ich weinte die halbe Nacht, warf mich herum, konnte nicht schlafen, mein Herz raste«, analysierte die Schriftstellerin Brigitte Reimann nach einer mißglückten Beziehung. Und Klaus Mann läßt tief in seine zerrissene Seele blicken, wenn er schreibt: »Bitterlich weine ich jeden Augenblick, in dem ich geizig mit mir selbst gewesen bin.«
    Wie ein breiter Weg mit vielen kleinen Abzweigungen führen die Tagebücher durch gelebtes Leben. Und sie wirken als Kleider unserer Seele zurück in längst vergangene, erlebte Geschichte.

    Hellfried Brandl

    In der Langen Nacht der Tagebücher sind unter anderen Auszüge zu hören von:

  • Anne Frank
  • Max Frisch
  • Franz Kafka
  • Alma Mahler-Werfel
  • Thomas Mann
  • Klaus Mann
  • Anais Nin
  • Brigitte Reimann
  • Frank Wedekind

    Literaturliste:

    Ruth Andrea Friedrichs
    Der Schattenmann, Tagebuchaufzeichnungen 1938 - 1945
    Frankfurt 1983

    Adam Czerniaków
    Im Warschauer Getto
    Das Tagebuch des Adam Czerniaków 1939 - 1942
    München 1986

    Das Tagebuch der Anne Frank
    12. Juni 1942 - 1. August 1944
    Frankfurt/Main 1987

    Max Frisch
    Tagebuch
    1946 - 1949
    1966 - 1971
    Frankfurt/Main 1979

    Joseph Goebbels
    Tagebücher
    5 Bände
    München 1992

    Janus Korczak
    Das Recht des Kindes auf Achtung
    Göttingen 1979

    Alma Mahler-Werfel
    Tagebuch-Suiten 1898 - 1902
    Frankfurt/Main 1997

    Klaus Mann
    Tagebücher
    5 Bände
    Reinbeck bei Hamburg 1995

    Thomas Mann
    Tagebücher
    9 Bände
    Frankfurt/Main

    Brigitte Reimann
    Ich bedaure nichts
    Berlin 1997

    Brigitte Reimann
    Alles schmeckt nach Abschied
    Berlin 1998

    Lore Walb
    Ich, die Alte, Ich, die Junge
    Konfrontation mit meinen Tagebüchern
    1933 - 1945
    Berlin 1998

    Frank Wedekind
    Die Tagebücher
    München 1990

    Victor Klemperer

    Zum Thema Tagebücher empfehlen wir: Victor Klemperer: Leben sammeln, Zeugnis ablegen
    Die Tagebücher des Victor Klemperer.

    Sie können diese CD's schriftlich bei der DeutschlandRadio Marketing GmbH, Raderberggürtel 40, 50968 Köln bestellen.

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