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  4./5.12.1998

  • Kerze im Wind - Eine Lange zum 80. Geburtstag von Alexander Solschenizyn

     

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    Als das Nobelpreiskomittee im Oktober 1970 den Preisträger in der Sparte Literatur bekanntgab, wurde dem so Geehrten die Ausreise aus der Sowjetunion verweigert; er mußte der Verleihung fernbleiben. Alexander Issajewitsch Solschenizyn ist nicht nur einer der bedeutendsten Schriftsteller, sondern auch eine der bedeutendsten Persönlichkeiten dieses Jahrhunderts. Im Jahr nach der Oktoberrevolution im Nordkaukasus geboren, erlebte Solschenizyn in der Sowjetunion Straflager, Verbannung, Publikationsverbot und Ausbürgerung. Aus dem überzeugten Kommunisten wurde ein unnachgiebiger Regimekritiker. Als er 1994 nach Rußland zurückkehrte wurde er bejubelt und beschimpft. Solschenizyn polarisiert, wirft in seiner Rolle als Dichter und Historiker Fragen auf.
    Welche Wirkung hatten Solschenizyns erste westliche Arbeiten auf die sowjetische Literatur? Wie nahm die Gesellschaft, besonders die Intelligenzia, sie auf? Wie sind Solschenizyns Stellungnahmen zur Politik der Sowjetunion und später Rußlands zu bewerten? Welchen Einfluß haben sie und sein literarisches Werk auf das politische Denken im Rußland von heute?
    Diese und andere Fragen sollen in der Langen Nacht mit Literaturwissenschaftlern und und Übersetzern diskutiert werden.

    Moderation:
    Dietrich Möller, Dietrich Möller
     
     
    Studiogäste:
    Prof. Jefim Etkind, Elisabeth Markstein, Dr. Klaus Waschik

    Tips und Links:

    Literaturliste

    Bücher Solschenizyns:

    Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch
    Matrjonas Hof
    Krebsstation
    Der erste Kreis
    Der Archipel Gulag (Bd.1-3)
    Das Rote Rad: August 14
    Das rote Rad: November 16
    Das rote Rad März 17 (2 Bde)
    Die Eiche und das Kalb

    Zur Geschichte Rußlands und der Sowjetunion:

    Günther Stöckl
    Russische Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart.
    Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1962

    Edgar Hösch
    Geschichte Rußlands. Vom Kiever Reich bis zum Zerfall des Sowjetimperiums
    Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 1996

    Heiko Haumann
    Geschichte Rußlands
    R. Piper Verlag, München 1996

    Georg von Rauch
    Geschichte der Sowjetunion
    Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1969

    Solschenizyns Roman "März 17" (2 Bände) - ergänzende Literatur:

    Die russische Revolution von 1917 in Berichten ihrer Akteure,
    hrsg. und eingeleil. Von David Anin
    Johannes Berchmans Verlag, München 1976

    Die Kerensiki Memoiren. Rußland und der Wendepunkt der Geschichte
    Paul Zsolnay Verlag, Wien und Hamburg 1966

    Leo Trotzki
    Geschichte der russischen Revolution
    Fischer Verlag, Berlin 1960

    Walter Laqueur
    Mythos Revolution. Deutungen und Fehldeutungen der Sowjetgeschichte
    S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1967

    Solschenizyns "Archipel Gulag" (2 Bände) - ergänzende Literatur:

    Schwarzbuch des Kommunismus
    hrsg. von Stephane Courtios
    R. Piper Verlag, München 1998

    Robert Conquest
    Am Anfang starb Genosse Kirow. Säuberungen unter Stalin
    Droste Verlag, Düsseldorg 1970

    Roy Medwedjew
    Die Wahrheit ist unsere Stärke. Geschichte und Folgen des Stalinismus
    hrsg. von David Joravsky und Georges Haupt
    Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1973

    Kommunisten verfolgen Kommunisten. Stalinistischer Terror und "Säuberungen" in den kommunistischen Parteien Europas seit den dreißiger Jahren
    hrsg. von Hermann Weber und Dietrich Staritz
    Akademie Verlag, Berlin 1993

    LINKS

    Die Eroberung Sibiriens - Zwischen Revolution und Gulag - geprägt wird die sibirische Geschichte der 30er Jahre von den Gefangenenlagern des Gulag und den Zwangsumssiedlungen der russischen Bauer und sibirischen Völker.

    Textproben aus Solschenizyns Werk

  • Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch

    Um fünf Uhr morgens wurde das Wecksignal gegeben - Hammerschläge auf ein Stück Eisenbahnschiene, das neben der Stabsbaracke hing. Die abgehackten Töne drangen nur gedämpft durch die fingerdick vereisten Fensterscheiben und verstummten bald: es war kalt, der Aufseher hatte keine Lust, lange zu hämmern.

    ...

    Es war kalt und diesig, die Luft nahm einem den Atem. Die Strahlen der beiden großen Scheinwerfer auf den fernen Ecktürmen kreuzten sich über der Lagerzone. Überall, außerhalb des Stacheldrahtes und im Lager, brannten die Lampen. Sie standen so dicht, daß sie die Sterne überstrahlten.

    Der Schnee knirschte unter den Filzstiefeln der Häftlinge, die eilig ihren Geschäften nachgingen - zur Latrine, in die Magazine, zur Paketausgabe, in die Küche, um dort Graupen abzugeben, aus denen man sich seine eigene Grütze kochen ließ. Alle zogen den Kopf ein, die Wattejacken waren fest zugeknöpft, alle froren schon bei dem Gedanken, dann ganzen Tag in dieser Kälte verbringen zu müssen. ...

    Sie gingen vorüber an dem hohen Bretterzaun, der den Strafblock umgab - das aus Stein gebaute Lagergefängnis; vorüber an dem Stacheldraht, der die Lagerbäckerei gegen die Häftlinge schützte; vorüber an der Ecke der Stabsbaracke, wo die bereifte Eisenbahnschiene mit dem dicken Drahtseil an einem Pfosten hing; vorüber an einem anderen Pfosten in einer windstillen Ecke, wo das Thermometer hing, damit es nicht zu niedrige Temperaturen anzeigte. Es war dick bereift. Schuchow warf einen hoffnungsvollen Blick auf das milchweiße Röhrchen: Wenn es einundvierzig zeigte, durften sie nicht zur Arbeit hinausgejagt werden. Aber heute wollte es nicht einmal auf vierzig sinken.

    Aus: Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch

    in: Alexander Solschenizyn, Im Interesse der Sache, Erzählungen. Hermann Luchterhand Verlag, 1970


  • Matronjas Hof

    Matronjas Haus war gleich in der Nähe - vier Fensterchen in einer Reihe nach Norden, das Satteldach schindelgedeckt, die Dachluke mit Schnitzerei verziert. Doch die Schindeln moderten, grau vor Alter waren die einst mächtigen Balken an Haus und Tor, schadhaft der Bogen über dem Tor.

    ...

    Gebaut worden war alles vor langer Zeit, für eine große Familie, jetzt wohnte nur eine einsame, etwa sechzigjährige Frau darin.

    Als ich die Wohnstube betrat, lang sie bäuchlings oben auf dem großen russischen Ofen gleich am Eingang, zugedeckt mit undefinierbarem dunklen Gelumpe, das so unschätzbar ist im Leben eines arbeitenden Menschen.

    Die geräumige Stube, besonders die Fensterseite, war vollgestellt mit Gummibäumen, die auf Bänken und Hockern in Töpfen und Kübeln standen. Als stumme, aber lebendige Schar drängten sie sich in die Einsamkeit der Hausbesitzerin. Sie nahmen das kärgliche Licht der Nordseite für sich in Anspruch, breiteten sich üppig darin aus. Im restlichen Licht, dazu noch beschattet vom Rauchfang, wirkte das Gesicht der Frau gelb und krank. An ihren trüben Augen war zu erkennen, daß die Krankheit sie ausgelaugt hatte.

    ...

    Erst später erfuhr ich, daß Matrjona Wassiljewna Jahr umd Jahr, viele Jahre lang nirgendwo auch nur einen Rubel verdient hatte. Eine Rente wurde ihr nicht gezahlt. Verwandte halfen ihr wenig. Im Kolchos aber arbeitete sie nicht für Geld - nur für Striche: für einen Arbeitstag wurde ihr in ein verschmiertes Heft ein Strich gemacht.

    Aus:Matronjas Hof

    in: Alexander Solschenizyn, Im Interesse der Sache, Erzählungen. Hermann Luchterhand Verlag, 1970


  • Scharik

    Bei uns im Hof hält ein Junge den kleinen Köter Scharik als Kettenhund, von klein auf.

    Eines Tages brachte ich dem kleinen Hund warme, duftende Hühnerknochen. Gerade hatte der Junge das arme Kerlchen losgemacht, um es etwas im Hof laufen zu lassen. Der Schnee ist weich und tief. Scharik sauste in Sprüngen wie ein Hase, ist einmal auf den Hinterbeinen, dann wieder auf den Vorderpfoten, aus einer Ecke des Hofes in die andere - von einer Ecke zur anderen - die Schnauze im Schnee.

    Er lief auf mich zu, zottig wie er war, umsprang er mich, beschnupperte den Knochen und - fort war er wieder, bis zum Bauch im Schnee. Eure Knochen, die brauche ich nicht - gebt mir nur die Freiheit!

    Aus: Scharik

    in: Alexander Solschenizyn, Im Interesse der Sache, Erzählungen. Hermann Luchterhand Verlag, 1970

  • Selbstzeugnisse

    Ich... mußte immer und bei allem davon ausgehen, daß ich nicht ich bin, daß mein literarisches Schicksal nicht mein Schicksal ist, sondern das Schicksal jener Millionen, die ihr Häftlingslos, ihre späteren Entdeckungen im Lager nicht zu Ende gekritzelt, nicht zu Ende geflüstert, nicht zu Ende geröchelt hatten. So wie Troja seine Existenz letzlich nicht Schliemann verdankt, so hat auch unsere in der Tiefe liegende Kultur der Lager ein eigenes Vermächtnis. Und deshalb durfte ich, nachdem ich aus einer Welt zurückgekehrt war, die ihre Toten nicht zurückgibt, weder Twardoskij noch dem Nowyj mir Treue geloben, ich durfte nicht danach fragen, ob sie mir glauben würden, daß der Ruhm mir keinswegs zu Kopfe gestiegen war und ich die Waffenplätze nach einem wohlüberlegten Plan besetzte.

    Dezember 1963 (?)

    Das ist es ja, was mich froh macht, und was mich bestätigt - daß das alles nicht von mir geplant und gemacht wird, daß ich bloß ein Schwert bin, bestimmt, die Scharen des Bösen zu schlagen, gut geschärft und besprochen, um sie zu treffen und zu vertreiben.

    Herr, laß mich nicht im Kampfe zerbrechen und Deiner Hand nicht entfallen.

    Dezember 1973

    Aus: Alexander Solschenizyn,

    Die Eiche und das Kalb. Skizzen aus dem literarischen Leben. Hermann Luchterhand Verlag, 1975

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