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  18./19.12.1998

  • Bildnisse von Kraft und Demut - Eine Lange Nacht über die Schwestern Brontë

     

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    Geschwister Brontë

    Autorin: Nicole Strecker  
     

    Drei Pfarrerstöchter im englischen Hochmoor Yorkshire, ein rauhes Klima, eine karge Landschaft, ein eintöniges Dasein - das bietet wenig Inspiration, sollte man meinen, für drei ambitionierte Schriftstellerinnen. Ihre Werke, sieben Romane, zahllose Gedichte, strafen diese These Lügen. Märchenhafte Phantasiewelten stehen am Anfang ihres Schaffens. Im kindlichen Geschichtenerzählen entdecken die drei Schwestern Charlotte, Emily und Anne ihre Passion für die Literatur und für das Schreiben, das sie fortträgt aus ihrem tristen Alltag. Viele Jahre lang verbringen sie ihre Abende mit gemeinsamen Debatten über Byron und Scott, über Geschichte und Geographie und über ihre eigenen Arbeiten. Bis schließlich ihre ersten drei Romane entstehen: "Der Professor", "Sturmhöhe" und "Agnes Grey" - ein Affront gegen die viktorianisch-prüde Gesellschaft. Da lodern Leidenschaften und Gewalt in schweigsamen finsteren Figuren, da wird die öde Gesellschaft durch bissige Kommentare und spitzfindige Charakterdarstellungen bloßgestellt, da verstört die Leser der einsame Weg einer klugen, aber mittellosen Gouvernante wider alle Konvention. Drei taubengraue Schwestern hat Arno Schmidt sie genannt - in der Langen Nacht sind sie drei Paradiesvögel, die die Nachwelt bis heute mit ihrem Werk verzaubern.

    Das Heidemoor im englischen Yorkshire: eine karge Landschaft, dürres Gestrüpp, das sich nur einmal im Jahr, im Spätsommer, in ein Meer blauer Blumen verwandelt; ein rauhes Klima, windig, feucht; eine abweisende Dorfgemeinschaft - das ist die Umgebung, in der in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts die Geschwister Brontë - Charlotte, Emiliy, Anne und ihr Bruder Branwell - aufwachsen. Der Vater ist Dorfpfarrer und obwohl er mit patriarchalischer Strenge die methodistischen Lehren vertritt, ist er kein schlechter Pädagoge. Er versteht es, den Wissensdurst der Kinder anzuregen. Seine Bibliothek beherbergt Bücher von Byron, Scott und Shakespeare, die von den isolierten Pfarrerskindern mit Fleiß und Neugier verschlugen werden und einen tiefen Eindruck bei ihnen hinterlassen. Auf dieser geistigen Grundlage werden ihre späteren Romane entstehen: Jane Eyre, Agnes Grey, Sturmhöhe, sind die ersten ihrer insgesamt sieben Bücher, die an die Öffentlichkeit gelangen. Heute gehören ihre Romane zu den Klassikern. Sie wurden vielfach verfilmt und adaptiert, und werden immer noch von der Literaturwissenschaft ausgelotet und interpretiert. Melodramatisch, ja kitschig fast sind die Geschichten von den unscheinbaren, aber klugen und integren Mädchen, die aus einem langen Kampf gegen die feindselige Umwelt schließlich siegreich hervorgehen und ihr Glück - das Eheglück zumeist - finden. Die große Liebe wird mit stürmischer Leidenschaft inszeniert, Gewalt und Wahnsinn, Naturkräfte und Übersinnliches werden zelebriert und einer oftmals satirisch überzeichneten, stumpfsinnigen Gesellschaft gegenübergestellt. Mit dramaturgischer Raffinesse spinnen die Brontë-Schwestern ihre Handlungsfäden, durch die sie ihre Leser fesseln. Denn bei allen Gefühlsexzessen sind ihre Bücher doch mit Kalkül konstruiert. Beeindruckend ist die scharfe Beobachtung des Zeitgeschehens, der Gesellschaftsentwicklungen und vor allem der psychologischen Prozesse. Ihre Bücher sind Plädoyers für individuelle Selbstbestimmung, wider alle Konvention, und schaffen neue, kraftvolle Frauenbilder in einer Zeit, da Frauen in der höheren Gesellschaft hauptsächlich Dekor waren.

    Ihr Leben selbst gleicht einem Rührstück. Jung müssen sie sterben, nach einem Leben voller Abschiede und Entbehrungen. Die Erfahrungen in der Kindheit haben sie mit einer unüberwindlichen Scheu vor anderen Menschen ausgestattet. Auf dem Bruder Branwell lagen die Hoffnungen der Familie, doch er ertränkt seinen Esprit und seine Talente in Alkohol. Aus der Hoffnung wird eine Last für die Familie. Trotzdem sind das Pfarrhaus in Haworth mit den anderen Geschwistern und das Schreiben immer wieder Zufluchtsorte für die Schwestern vor einer Wirklichkeit, in der sie mit ihrer verschlossenen und strengen Art zum Scheitern verurteilt sind. Zahlreiche Versuche als Gouvernanten - einer der wenigen respektierlichen Berufe für mittellose Frauen zur damaligen Zeit - enden in Krankheit und Depression. Der Plan, eine eigene Schule zu gründen, zerbricht am Desinteresse der Umgebung. Und als sie sich schließlich der Schriftstellerei widmen, schlagen ihnen Wellen der Empörung entgegen. Sturmhöhe (Wuthering Heights), Emiliys einziger Roman, ist wohl der literarisch herausragendste unter den Romanen der Brontë-Schwestern. Die Autorin stirbt ein Jahr nach der Veröffentlichung, vor 150 Jahren, am 19. Dezember 1848. Emily war eine seltsame Frau, die sich nach einem kläglichen Versuch als Gouvernante ganz dem Haushalt mit seinen Tieren und der öden Moorlandschaft verschrieben hat. In ihren Gedichten versucht sie, ihr Ich zu ergründen, reist in Tagträumen in dem von ihr und ihrer Schwester Anne erschaffenen Phantasiereich Gondal umher und schreibt ganz schlicht in ihrem Notizbuch von den Verrichtungen des Tages. Es ist ein Mysterium, wie Sturmhöhe entstehen konnte. Anne, die jüngste und zugleich unscheinbarste der drei Schwestern, bezieht ihren Trost und ihre Duldsamkeit aus einer tiefen Religiosität, die Charlotte jedoch verwehrt ist. Verantwortungsbewußt erfüllt Charlotte die Rolle der ältesten Schwester. Ihr Leben ist bestimmt von Pflicht und Disziplin. Sie muß die Vernünftige sein, die versucht, für ihre eigene sowie die Zukunft der jüngeren Geschwister zu sorgen, doch innerlich ist sie zerrissen von romantischen Sehnsüchten nach einem starken, leidenschaftlichen Mann etwa, gleich den Helden eines Byron, von großen Hoffnungen und von dem Wunsch, weiblich und schön zu sein. Ihr ist es als einziger vergönnt, mit ihrem zweiten Roman Jane Eyre Erfolg zu haben. Erst nach dem Tod ihrer Schwestern und nachdem sie bereits eine berühmte Schriftstellerin ist, kann sie sich von diesem verklärten Sehnen befreien. Sie heiratet einen unscheinbaren Hilfspfarrer und - gerade glücklich in ihrer Ehe - stirbt schwanger. "Drei taubengraue Schwestern" hat Arno Schmidt sie genannt - in der Langen Nacht sind sie drei Paradiesvögel, die die Nachwelt bis heute mit ihrem Werk verzaubern.

    Literaturliste für die Lange Nacht zu den Schwestern Brontë

      Charlotte Brontë:

    • Der Professor. Übersetzt von Gottfried Röckelein.
      Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Taschenbuch 1991.
      ISBN 3-458-33054-2
    • Jane Eyre. Eine Autobiographie.
      Übersetzt von Helmut Kossodo.
      Herausgegeben von Norbert Kohl.
      Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Taschenbuch 1986.
      ISBN 3-458-32513-1
    • Villette. Aus dem Englischen von Christiane Agricola.
      Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Taschenbuch 1992.
      ISBN 3-458-33147-6
    • Shirley. Aus dem Englischen von Johannes Reiher Horst Wolf.
      Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Taschenbuch 1989.
      ISBN 3-458-32845-9
      Emily Brontë:

    • Die Sturmhöhe. Übersetzt von Grete Rambach.
      Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Taschenbuch 1975.
      ISBN 3-458-31841-0
      Anne Brontë:

    • Agnes Grey. Übersetzt von Elisabeth Arx.
      Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Taschenbuch 1988.
      ISBN 3-458-32793-2
    • Die Herrin von Wildfell Hall. Übersetzt von Angelika Beck.
      Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Taschenbuch 1993.
      ISBN 3-458-33247-2
      Alle Romane der Schwestern Brontë sind als Buchkassette erhältlich:

    • Die Romane der Schwestern Brontë.
      Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Taschenbuch.
      ISBN 3-458-09796-1
      Biographien/Literatur:

    • Elizabeth Gaskell: Das Leben der Charlotte Brontë.BR> München: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG 1997
      ISBN 3-423--20048-0
    • Elsemarie Maletzke: Das Leben der Brontës.
      Eine Biographie mit zahlreichen Abbildungen.
      Frankfurt am Main: Schöffling & Co. 1998.
      ISBN 3-89561-604-4
    • Werner Waldmann: Die Schwestern Brontë.
      Reinbek bei Hamburg:
      Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH 1995.
      ISBN 3-499-50456-1
    • Elsemarie Maletzke und Christel Schütz (Hg.):
      Die Schwestern Brontë. Das Leben und Werk in Texten und Bildern.
      Frankfurt am Main: Insel Taschenbuch 1986.
      ISBN3-458-32514-X
    • Die Geschwister Brontë, Sally Schreiber DTV Tachenbuch, Dezember 1998
    • "Die Welt der Brontës" , mit Fotographien von Paul Barker,
      Insel Verlag. Ein Fotoband über "Die Welt der Brontës" , mit Fotographien von Paul Barker, erschienen im Insel Verlag, entführt uns in die Welt der Schwestern, in die herbe Landschaft des Hochmoors von Yorkshire oder an die Nordseeküste um Scarborough. Mit Texten von James Birdsall

    Ach warum, wenn im Schnee und Sturm des Dezembers
    Tote Äste liegen verstreut,
    Kommen Sonne und Sommer uns dann
    So oft, so deutlich, so klar in den Sinn?

    Branwell, Trübsal, Teil II, 1839

    Landschaft

    Immer wieder der wilde Wind schüttelte
    Die welken Blätter vom Ast,
    Und als durch laublose Bäume die Berge ich schaute,
    War mir, als bräche mein Herz.

    Charlotte, Gedicht 1835

    Landschaft

    Meine ganze Vorstellung vom Leben ist er. Wenn alle anderen zugrunde gingen und er übrigbliebe, würde ich fortfahren zu sein; und wenn alle anderen blieben und er würde vernichtet, so würde sich das Weltall in etwas vollkommen Fremdes verwandeln, und ich würde nicht mehr dazugehören. Meine Liebe zu Linton ist wie das Laub im Walde: die Zeit wird sie ändern, ich bin mir dessen bewußt, wie der Winter die Bäume verändert. Meine Liebe zu Heathcliff gleicht den ewigen Felsen dort unten; sie ist eine Quelle kaum wahrnehmbarer Freuden, aber sie ist notwendig. Nelly, ich bin Heathcliff! Ich habe ihn immer, immer im Sinn, nicht zum Vergnügen, genausowenig, wie ich mir selbst stets ein Vergnügen bin, sondern als mein eigenes Sein.

    [Ich] setzte meinen Weg das Tal hinunter allein fort. Die graue Kirche sah noch grauer aus und der einsame Friedhof noch einsamer. Ich sah ein Moorschaf, das den kurzen Rasen auf den Gräbern abweidete. Es war köstliches, warmes Wetter, zu warm zum Wandern; aber die Hitze hinderte mich nicht am Genuß der entzückenden Landschaf über und unter mir: hätte ich sie schon im August gesehen, hätte sie mich zweifellos dazu verlockt, einen Monat in ihrer Einsamkeit zu verbringen. Im Winter konnte es nichts Traurigeres, im Sommer nichts Herrlicheres geben als die zwischen Bergen eingeschlossenen Schluchten und die steilen, mit Heidekraut bewachsenen Hänge.

    Ich hörte (..) den Föhrenzweig mit seinem aufreizenden Geräusch (...) "Das muß (...) aufhören!" murmelte ich, stieß meine Faust durch die Scheibe und streckte den Arm aus, um den lästigen Zweig zu packen. Statt dessen schlossen sich meine Finger um eine kleine, eiskalte Hand! Das schreckhafte Entsetzen eines Alpdrucks überfiel mich. Ich versuchte meinen Arm freizubekommen, aber die Hand klammerte sich daran fest, und eine todtraurige Stimme schluchzte: "Laß mich hinein, laß mich hinein!" "Wer bist du?" fragte ich und versuchte mit Macht mich zu befreien. "Catherine Linton", antwortete es bebend (...) "Ich bin wieder da, ich hatte mich im Moor verirrt!" Während es sprach, nahm ich dunkel das Gesicht eines Kindes wahr, das durch das Fenster blickte. Das Entsetzen machte mich grausam: Da es zwecklos schien, das Geschöpf abzuschütteln, zog ich sein Handgelenk an das zerbrochene Glas und rieb es hin und her, bis das Blut herunterrann (...)

    aus: Emily Brontë, Die Sturmhöhe

    "Komm her, Kind", sagte Mr. Brocklehurst.
    Ich ging auf ihn zu, und er stellte mich gerade vor sich hin. Was für ein Gesicht! Jetzt sah ich es
    aus gleicher Höhe. Welch riesige Nase! Welch breiter Mund! Was für hervorstehende Zähne!
    "Kein Anblick ist trauriger als der eines unartigen Kindes", begann er; "ganz besonders,
    wenn es ein kleines Mädchen ist. Weißt du auch, wo die Bösen nach dem Tode hinkommen?"
    "Sie kommen in die Hölle", war meine prompte und rechtgläubige Antwort. (...)
    "Und möchtest du in diese Grube fallen und dort für immer und ewig brennen?"
    "Nein, mein Herr."
    "Was hast du zu tun, um es zu vermeiden?"
    Ich überlegte einen Augenblick; die Antwort, die ich schließlich gab, war nicht einwandfrei:
    "Ich muß bei guter Gesundheit bleiben und nicht sterben."
    aus: Anne Brontë, Jane Eyre. Eine Autobiographie.

    Ich sehe, sehe erscheinen
    Den schrecklichen Brannii, den düsteren Riesen,
    Wie er mit glühendem Atem die Erde versengt,
    Blutdurst in seiner finsteren, rachsüchtigen Seele
    Thront er in Wolken,
    um seinem Donnergrollen zu lauschen.
    Um ihn fliegt die gefürchtete Tallii wie ein grauser Adler
    Und weidet ihre blutigen Augen am Schmerz
    der Sterblichen.
    Emmii und Annii zum Schluß
    Künden mit unheilvollem Schrei
    Krieg, Hungersnot und Elend.

    Angria-Dichtung
    aus: Angria&Gondal, Frankfurter Verlagsanstalt 1987

    "Es gibt da ein paar Leute in Gestalt von drei Mädchen, die sich als mit mir verwandt bezeichnen,
    doch ich leugne, daß sie meine Schwestern sind..."
    "Wie sind Ihre Namen?"
    "Charlotte Wiggins, Jane Wiggins und Anne Wiggins."
    "Sind sie ebenso sonderbar wie sie?"
    "O, es sind erbärmliche Kreaturen, nicht wert, daß man über sie spricht. Charlotte ist achtzehn
    Jahre alt, ein plumpes, untersetztes Wesen, dessen Kopf mir nur bis zum Ellenbogen reicht. Emily ist
    sechzehn, klein und mager und mit einem Gesicht nicht größer als ein Penny, und Anne ist ein
    Nichts, ein völliges Nichts."

    Angria - Charlottes Selbstbeschreibung
    aus: Angria&Gondal, Frankfurter Verlagsanstalt 1987

    Ja, Traumgesichte komm, du meine Zauberliebe!
    Küß sanft die pochenden Schläfen mir;
    Beug über mein einsames Lager dich,
    Und bring mir Wonne, und bring mir Frieden.

    Emily-Gedicht

    Eines Nachts brach ein Gewitter los, eine Art Hurrikan durchschüttelte uns in unseren Betten. Die
    Katholikinnen standen in Panik auf und beteten zu ihren Heiligen. Was mich anlangte, mich
    ergriff der Sturm mit despotischer Gewalt: Rauh wurde ich aufgestört und zum Leben
    gezwungen. Ich erhob mich und kleidete mich an, und dann kroch in aus dem Fenster dicht an meinem
    Bett hinaus und setzte mich, die Füßte auf dem Dach eines anstoßenden niedrigeren
    Gebäudes, auf die Brüstung. Naß war es da draußen, stürmisch, pechschwarz. Drin im Schlafsaal
    versammelten sie sich verstört um die Nachtlampe und beteten laut. Ich konnte nicht hineingehen.
    Zu unwiderstehlich war das Entzücken, in der wilden Stunde auzuharren, die, schwarz
    und donnererfüllt, eine Ode erdröhnen ließ, wie die Sprache sie dem Menschen niemals zu
    geben vermochte. Zu furchtbar erhaben war das Schauspiel der Wolken, die von weißen,
    blendenden Blitzen zerrissen und durchschnitten wurden.

    Villette

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