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  2./3.1.99

  • Verweile doch, du bist so schön... Eine Lange Nacht über die Zeit

    Uhr

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    Moderation: Simone Reber
    Studiogäste: Prof. Karlheinz Geißler, Dr. Susanne Hauser

    Zeit gehört in unserer Gesellschaft zu den kostbaren Gütern. Doch anders als Geld läßt sich Zeit nicht vermehren. Wie also können wir Zeit gewinnen und wie verlieren wir sie? Warum bastelt der Rennfahrer Tage an seinem Auto, um eine Sekunde schneller ans Ziel zu kommen? Und warum sollte der wahre Flaneur eine Schildkröte bei sich tragen? Warum fühlt sich die Managerin wichtig, wenn sie keine Zeit hat? Warum empfindet sich der Arbeitslose als überflüssig, wenn der ganze Tag noch vor ihm liegt? Und warum können andere Völker unser Tempo gar nicht verstehen?

    Zeitmanagement wird von jeder Führungskraft erwartet. Manchmal jedoch gewinnen die am meisten Zeit, die sie vergeuden.

    In der ersten Langen Nacht des neuen Jahres begeben wir uns gemeinsam mit Zeitberatern und Müßiggängern, mit Gehetzten und Gelassenen, mit Raketenschnellen und Schneckenlangsamen auf die Suche nach der verlorenen Zeit.

    Endlich weiß man, was Zeit ist:

    Solange man auch trödelt, es wird nicht früher."

    G. Eich, Maulwürfe

    Zeit leben! Ja, aber wir? Was tun, damit die Zeit nicht gegen, sondern für uns da ist? Nun, man kann mit lauter Stimme eine Zeit-Revolution fordern. So schön und so attraktiv eine große Alternative zur Beschleunigungsgesellschaft auch aussehen mag, so ähnelt diese Strategie doch allzusehr jenen Menschen, die, wenn sie sich verirrt haben, durch die Erhöhung ihrer Schrittgeschwindigkeit der furchtsamen sie ängstigenden Situation zu entfliehen versuchen. Der revolutionäre Fortschritt endet häufig damit, aß nachher die gleichen Fehler wie vor dem Umsturz gemacht werden, nur hektischer und radikaler. Allzuoft fliehen wir vor der Beschleunigung mit den Mitteln der Beschleunigung und versinken tiefer in jenem Sumpf, aus dem wir uns am eigenen Schopf herauszuziehen bemühen. Und trotzdem, wir brauchen die Sehnsüchte, die Hoffnungen, die Erwartungen, die das "ganz andere" in den Blick kommen lassen. Wir brauchen diese letzlich nicht, um sie zu realisieren, sondern um das, was wir täglich verwirklichen und tun, durch ihre Energie zu befruchten. Sie sind wichtig, damit wir nicht nur das Unwichtige und das Unsinnige durch unsere selbsrproduzierte Ordnung der "Zeit" wichtig machen und wichtig nehmen.
    aus : Karlheinz A. Geißler, Zeit verweile doch, du bist so schön

    MOMO : ein Hörbeispiel Ton

    Cover

    mehr über Michael Ende

    Michael Ende

    http://www.thienemann.de/autoren/f_autoren.htm

    "Einer Schildkröte zuzusehen, heißt auch über Zeit nachzudenken: Stundenlang können Schildkröten unbeweglich in der Sonne sitzen, ihren Kopf unverwandt zum Himmel gestreckt, zur Sonne.

    Der Fluß der Zeit scheint völlig zum Stillstand gekommen, die reine Gegenwärtigkeit; keine Vergangenheit belastet, keine Zukunft bedroht; die Sorgen vergessen, aber auch die Hoffnung verloren.

    Als ob er eine Schildkröte beschreiben wollte, hat Thomas Mann im "Zauberberg" seinen Helden beschrieben:

    "Der junge Faun war sehr glücklich auf seiner Sommerwiese. Hier herrschte das Vergessen selbst, der selige Stillstand, die Unschuld der Zeitlosigkeit."

    Und Rilke rühmt das Verweilen des Augenblicks in einem seiner Sonette an Orpheus (I,XXII): "Wir sind die Treibenden..."

    Alles das Eilende
    wird schon vorüber sein;
    denn das Verweilende
    erst weiht und ein.

    Knaben, o werft Mut
    nicht in die Schnelligkeit,
    nicht in den Flugversuch.

    Alles ist ausgeruht:
    Dunkel und Helligkeit,
    Blume und Buch.

    Auch die Katze kommt einem in den Sinn: Katzen können reglos auf der Jagd ansitzen, doch bei ihnen bleibt immer noch die Absicht spürbar, die Erregung der Jagd, trotz äußerster Ruhe. Die Katze hält die Zeit fest, ist aber bereit, sie jederzeit loszulassen.

    Ganz anders die Schildkröte: In ihrer Unbeweglichkeit scheint die Zeit nicht nur still zu stehen, sie hat aufgehört, sie ist einfach abhanden gekommen."
    Aus: Süss/Malter, Vom Mythos der Schildkröte, Harenberg Edition

    Danach schrieb Dr. Orme über die "fatale Beschleunigung des Zeitalters": er schlug vor, die Geschwindigkeit aller Individuen mit Geräten zu messen und dann zu entscheiden, wofür jedes sich besonders eigne. Es gebe "Überblicksberufe" und "Einzelheitsberufe". Viele sinnlose Anstrengungen und Leiden erübrigen sich bei rechtzeitigem Messen der Geschwindigkeit. Schon in der Schule könne man Abteilungen für schnelle und für langsame Kinder einrichten.

    "Man lasse die Schnellen schnell und die Langsamen langsam sein, jeden nach seinem aparten Zeitmaß. Die Schnellen können in Überblicksberufe gebracht werden, die der Beschleunigung des Zeitalters ausgesetzt sind: sie werden das gut vertragen und als Kutscher oder Parlamentsabgeordnete beste Dienste tun. Langsame Menschen hingegen lasse man Einzelheitsberufe wie Handwerk, Arztgewerbe oder Malerei lernen. Aus dieser Zurückgezogenheit werden sie auch den allmählichen Wandel am besten verfolgen können und die Arbeit der Schnellen und Regierenden vom Ergebnis her sorgsam beurteilen."
    aus: Sten Nadolny, Die Entdeckung der Langsamkeit, Piper Verlag

    Es gibt auch in Europa nur wenige Menschen, die wirklich Zeit haben. Vielleicht gar keine. Daher rennen auch die meisten durchs Leben wie ein geworfener Stein. Fast alle sehen im Gehen zu Boden und schleudern die Arme weit von sich, um möglichst schnell voranzukommen. Wenn man sie anhält, rufen sie unwillig: "Was musst du mich stören; ich habe keine Zeit, siehe zu, dass du deine ausnützt." Sie tun geradeso, als ob ein Mensch, der schnell geht, mehr wert sei und tapferer, als der, welcher langsam geht.

    Nur ein einziges Mal traf ich einen Menschen, der viel Zeit hatte, der nie ihrer klagte; aber der war arm und schmutzig und verworfen. Die Menschen gingen in weitem Bogen um ihn herum, und keiner achtete seiner. Ich begriff solches Tun nicht, denn sein Gehen war ohne Hast, und seine Augen hatten ein stilles, freundliches Gesicht, und er sagte traurig: "Ich wusste nie meine Zeit zu nützen, daher bin ich ein armer, missachteter Tropf." Dieser Mensch hatte Zeit, doch auch er war nicht glücklich.
    aus: Der Papalagi hat keine Zeit

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