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  29./30.1.99

  • ...siehe Deckelprägung - Die Lange Nacht von Haltbarkeit und Verfall

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    Moderation: Florian Felix Weyh

    Deckel

    Die Präzision unserer Zukunftsbeherrschung verblüfft: Nicht nur auf Wochen und Tage, sondern auf Sekunden genau bestimmen mittlerweile Verfallsdaten über die Verwendbarkeit von Nahrungsmitteln - als entfleuche der Geist der Genießbarkeit mit dem Umspringen des Sekundenzeigers aus Joghurt, Marmelade oder Milch. Je schneller die Moden wechseln, je rascher die Produktzyklen der Konsumindustrie Neues in Altes, Gegenstände in Müll verwandeln, desto wichtiger erscheint die garantierte Zeitspanne, in der man sich seiner Erwerbung erfreuen kann.

    Haltbarkeit in der Philosophie als "Constantia" (Beharrlichkeit) gepriesen - steht als einsames Monument in der beschleunigten Gesellschaft. Wo es früher zu den zentralen Traditionen gehörte, die Uhr des Vaters (Großvaters und Urgroßvaters) vererbt zu bekommen und damit eine Bindung über Generationen aufrecht zu erhalten, kauft man heute vierteljährlich neue Plastikchronographen im Abreißpack. Doch es formiert sich steter Widerstand. Versandunternehmen, deren Produkte auf Dauer eines ganzen Lebens ausgelegt sind, erfreuen sich steigender Kundenzahlen - trotz ihrer deutlich höheren Preise.

    Wie ermitteln Lebensmittelchemiker die Lebensdauer ihrer Produkte? Ist Haltbarkeit einer Ehe ein Zeichen von Liebe - oder eher mit dem Verzicht von eigenen Positionen verbunden? Wie müssen Waren aussehen, die man seinen Kindern hinterlassen kann? Wie haltbar sind angesichts unserer Atommüllhalden die Warnungen an die Nachwelt? Allzu deutlich klingt noch im Ohr, wie haltbar die Berliner Mauer nach Vorstellung ihrer Erbauer hätte sein sollen... Die Lange Nacht der Haltbarkeit nähert sich dem Thema von vielen Seiten.

    aus: „Endzeit?" von Alexander Demandt

    Der Mensch lebt sich aus seiner Geschichte heraus: Immer schneller läßt er das Geschaffene hinter sich; immer früher werden Traditionen obsolet - der Zeitabstand zwischen Entstehung und Verschrottung der Geräte wird kürzer. Hirschlederne Reithosen sind out. Wir begegnen unserem eigenen Spielzeug im Museum. Der Mensch lebt sich ebenso aus der Natur heraus: Unsere Umgebung wird künstlicher. So schon die Stoffe unserer Geräte. Nach der Steinzeit kam die Eisenzeit, nach dieser die Plastic-Zeit. "Echtes Holz" und "lebende Blumen", "Schafwolle" und "Naturstein" sind Luxusartikel. Das Landschaftsbild beherrschen zunehmend gerade Linien und rechte Winkel. Das architektonische Ideal moderner Baukünstler ist der Klotz. (S. 137)

    Der Fortschritt wird durch Kreisläufe überlagert. Als Erklärung dafür diente die allgewaltige Vergänglichkeit, etwa bei Platon: Alles Entstandene verfällt, genomenö panti phthora estin oder bei Sallust: omnia orta occidunt et aucta senescunt oder bei Mephisto: "Denn alles, was entsteht, ist wert, daß es zu Grunde geht." Eine zweite Erklärung bedient sich der Pflanzenmetapher: Die Geschlechter der Menschen kommen und gehen wie die Blätter des Waldes im Wechsel der Jahreszeiten, so Homer. Dies war wieder das Denkbild Spenglers. Die dritte Erklärung benutzt das schon von Solon, Pindar und Aischylos vertretene moralische Modell der Dekadenz: Zeiten äußerer Not zwingen zur Anspannung der Kräfte und schaffen Gesundheit. Diese bringt Erfolge: ökonomisch, politisch, militärisch. Im Genuß der Macht und des Luxus aber geht der Sinn für das rechte Maß verloren. Es kommt zur Dekadenz der Moral, zum Verfall der Wohlfahrt, und am Ende steht wieder das äußere Elend. (siehe: S. 119)

    Kuriosität aus der ZEIT vom 29.10.1998:

    Der „vereidigte Hostienbäcker" Ralf Klumpp aus Ochsenhausen (Wochenproduktion circa 500.000 Oblaten) hatte zuvor noch nie eine Messe besucht. Nun übt er sich zum ersten Mal, den Besuchern die Qualität seiner Backwaren zu erklären und zu vermitteln, warum eine Hostie kein Verfallsdatum besitzt: „Für einen Priester ist das nämlich gar kein Lebensmittel."

    Auszug aus dem Buch: „Abschied von der Wegwerfgesellschaft" von Christian Deutsch:

    Die Geschwindigkeit, mit der neue Produkte entwickelt und hergestellt werden, hat absurde Auswüchse erreicht. Der Schweizer Unternehmensberater Walter R. Stahel, Direktor des Instituts für Produktdauerforschung in Genf, beobachtet seit einigen Jahren ein bislang wenig beachtetes Phänomen, sogenannte »Güter rnit Nutzungsdauer Null«. TrddyDas sind Neuprodukte oder fabrikneue Ersatzteile, die aus Gründen der Lagerhaltungskosten direkt vom Hersteller oder Händler in den Abfall wandern. Die Betreiber von Kehrichtanlagen in der Schweiz beklagten, daß sie zunehmend Neuprodukte entsorgen müssen. Eine Umfrage bei Müllverbrennungsanlagen förderte eine lange Liste an Produkten zu Tage, die ungebraucht vom Laden oder Lager direkt im Müll landeten. Dazu zählten neben Lippenstiften, Nagellackfläschchen und Puderdosen, auch Autositzüberzüge, Büromaterial, Computer und Computerspiele, Fotoapparate, Kleider, Möbel, Skischuhe und Skier, Surfbretter, Tennisschläger, Motorradhelme und Motorradanzüge.

    Aus: Thomas, Carmen: „Berührungsängste? Vom Umgang mit der Leiche" vgs Verlagsgesellschaft • Köln 1994 (Seite 87ff.)

    Ein Medizinprofessor in Frankreich bewahrt seine 1984 an Krebs verstorbene Frau tiefgefroren (bei minus 54 Grad Celsius) in einem Metallbehälter auf und hält für 9,- DM Eintrittspreis seine Frost-gruft für Besucher-innen geöffnet. Der Mediziner hofft, seine Frau so lange konservieren zu können, bis man Krebs heilen kann. Das Tiefkühlen der Leiche kostet monat-lich 130,- DM Strom. In den USA wird offensichtlich das Tiefkühlen von Leichen von einer kleinen, aber wachsenden Zahl von Menschen für erstrebenswert gehalten, weil sie daran glauben, daß der wissenschaftliche Fort-schritt es eines Tages möglich machen wird, gekühlte Verstorbene wieder zum Leben zu erwec-ken. Es gibt eine Sekte von Fortschrittsgläubigen, die sich "Kryonisten" nen-nen. "Kryobiologie" ist die Wissenschaft, die sich mit dem Studium des Lebensprozesses bei extrem niedri-gen Temperaturen befaßt. Die Sektenbewegung wurde 1962 von Robert Ettinger, einem Physiklehrer aus Michigan, ins Leben gerufen. Später verlagerte sich der Sitz der "Gesellschaft für Kryonik" nach San Francisco. In der Nähe von Los Angeles befindet sich auch die Einfrierungsanlage eines anderen Vereins: der 1972 gegründeten Alcor-Stiftung. Es gibt inzwi-schen ca. 500 Kryonisten. Die Kosten für die Mitglied-schaft sind hoch: 1000 Dollar Aufnahmegebühr, 180 Dollar Jahresbeitrag. Die Kosten für Einfrieren und Lagerung, wenn sie in Anspruch genommen werden, betragen 125 000 Dollar, davon entfallen 40 000 Dollar auf das Präparieren der Leiche, der Rest wird zinsgün-stig angelegt, um die Energie-kosten zu decken. Man nennt die tiefgefrorenen Toten "suspendees", "die Schwebenden", weil man glaubt, daß sie noch zwi-schen Leben und Tod schweben. Das Gesetz in den USA erlaubt diese Form der Aufbewahrung.

    Die "Trans Time"-Gesellschaft - "Trans Time" be-deutet "Zeit des Übergangs" - hat 445 Mitglie-der und 35 Angestellte. Die Aufnahmegebühr beträgt 1000 Dollar, der Jahresbeitrag 175 Dollar, im Todesfall wird eine Zahlung von 50 000 Dollar für das Einfrieren und Lagern fällig. Nach dem Tod wird der Leichnam an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, damit das Hirn nicht verfällt. Dann wird der Körper von außen durch das Auflegen von Eisstücken, von innen durch das Einpum-pen einer Salzlösung auf 4 Grad Celsius abgekühlt. Der Salzlösung ist ein Gefrier-schutzmittel beige-fügt, das ihr völliges Gefrieren ver-hindern soll - sonst würden Zell- und Gewebsschädi-gungen verur-sacht. Anschließend wird der Leichnam in Plastiktücher gewickelt, in ein Tiefkühlfach gescho-ben und durch Zugabe von Trockeneis auf minus 70 Grad gekühlt. In der nächsten Phase wird der Leich-nam in weitere Plastikhüllen gewickelt, dazu kommen eine Aluminiumfolie und ein Fiberglastuch. Der Leichnam wird so auf eine Aluminiumbahre ge-schnallt und in eine Metallkapsel gesteckt. In die-ser kann man durch Beigabe von flüssigem Stickstoff eine Temperatur von minus 196 Grad Celsius erreichen, die aber nur gehalten werden kann, wenn der Stick-stoff alle 70 Tage ausgetauscht wird. In einer solchen Metallkapsel liegen jeweils zwei tiefgefrorene "Schwe-bende". Die Angehörigen dieser Gesellschaft tragen eine kleine Metallmarke am Handgelenk, aus der her-vorgeht, daß sie nach ihrem Tod nicht bestattet, sondern tiefgekühlt werden wollen. Wer immer dabei ist, wenn sie sterben, soll so schnell wie möglich die auf dem Metallanhänger angegebene Nummer wählen, damit die "Todesambulanzen" den Leichnam möglichst rasch ins Labor bringen können. Gesellschaften, deren Mitglieder auf ein Weiter-leben nach einer Phase des tiefgefrorenen Schlafes hoffen, gibt es inzwischen in Los Angeles, Michigan und Florida.

    Aus: Strittmatter, Erwin: „Schulzenhofer Kramkalender" Aufbau Verlag • Berlin (DDR) 1989

    Stühle flicken

     

      Ich wollte aufs Feld, doch es regnete, regnete. "Flick die zwei Stühle!" sagte meine Frau. Es waren zwei niederträchtige Stühle; ein schlechter Tischler hatte sie hinterhältig gemacht: Einmal kamen Junge Pioniere. Ich sollte ihnen Geschichten erzählen. Die Pionierleiterin setzte sich. Der Stuhl brach zusam-men. Einmal saß die Großmutter vor dem Fernsehappa-rat. Es lief ein aufregender Film. Die Großmutter rutschte hin und her. Der Stuhl brach zusammen. Die Großmutter ist schwer. Zu dritt mußten wir sie aufhe-ben. Ich zog unter jeden Stuhlsitz zwei Leisten. Die Lei-sten befestigte ich mit Holzschrauben, und es zeigte sich, daß ich den Charakter der Stühle repariert hatte. Schön wär's, könnte man Niedertracht allemal so wegreparieren.

     

     

     

    Die Studiogäste:

    • Wilhelm Bartsch, Lyriker (Halle/Saale)
    • Susanne Berner, Grafikerin (Halle/Saale)
    • Prof. Alexander Demandt, Historiker (Berlin)<

      sowie in der 3. Stunde als aufgezeichnetes Gespräch:

    • Walter Stahel, Produktforscher (Genf)

    Veröffentlichungen der Studiogäste (Auswahl)

    • Bartsch, Wilhelm: „Übungen im Joch", Aufbau Verlag • Berlin 1987 (vergriffen)
    • Bartsch, Wilhelm: „Gen Ginnungagap" Mitteldeutscher Verlag • Halle 1994
    • Bartsch, Wilhelm: „Baron Hackendrick und Gantz Edler Flick von Fasan geistern durch den Saalkreis" (mit Bildern von Susanne Berner) Edition Stekofoto • Halle 1993
    • Bartsch, Wilhelm: „In Babel" Buch und CD (mit Bildern von Susanne Berner) 300 numerierte und signierte Exemplare Halle/Saale 1999
    • Wilhelm Bartsch: „Heldenlärm" (mit Zeich-nungen von Susanne Berner) Verlag Janos Stekovics • Halle 1998
    • Demandt, Alexander: „Endzeit?" Siedler Verlag • Berlin 1993
    • Demandt, Alexander: „Geschichte der Geschichte" (Wissenschaftshistorische Essays) Böhlau Verlag • Köln 1997
    • Demandt, Alexander: „Der Fall Roms. Die Auflösung des römischen Reiches im Ur-teil der Nachwelt" C.H. Beck • München 1984
    • Demandt, Alexander: „Metaphern für Ge-schichte" C.H. Beck • München 1979
    • Demandt, Alexander: „Vandalismus" Siedler Verlag • Berlin 1997
    • Demandt, Alexander: „Das Privatleben der römischen Kaiser" C.H. Beck Verlag • München 1997
    • Demandt, Alexander: „Ungeschehene Ge-schichte" (Ein Traktat über die Frage: Was wäre geschehen, wenn...?) Vandenhoeck&Ruprecht • Göttingen 1986

    Für die Sendung verwendete bzw. in ihr zitierte Literatur

    • Bergmeister, Astrid (Hrsg.): „Mindestens haltbar bis..." (Konservieren und Bevor-ra-ten in Glasgefäßen) Klartext Verlag • Essen 1999
    • Deutsch, Christian: „Abschied vom Weg-werf-prinzip" Schäffer-Pöschel-Verlag • Stuttgart 1994
    • Elste, Ulrich: „Haltbarkeit von Grund-stof-fen und Zubereitungen in der Apotheke" Wissenschaftliche Verlagsgesell-schaft • Stuttgart 1990
    • Fenichell, Stephen: „Plastic" Rütten&Loening • Berlin 1997
    • Hohler, Franz: „Der Mann auf der Insel" Luchterhand Literaturverlag • Frankfurt 1991
    • „Merck‘s Warenlexikon" (Reprint von 1920) Manuscriptum Verlagsbuchhandlung Recklinghausen 1996 (erhältlich über das Versandhaus Manufactum, Adresse s.u.)
    • Posner, Roland (Hrsg.): „Warnungen an die ferne Zukunft" Raben Verlag • München 1990
    • Rapp, Heike (Hrsg.): „Mindestens haltbar bis..." (Katalog zur Ausstellung) AID • Bonn 1998 (erhältlich über den AID, Adresse s.u.)
    • Strittmatter, Erwin: „Schulzenhofer Kramkalender" Aufbau Verlag • Berlin (DDR) 1989
    • Thomas, Carmen: „Berührungsängste? Vom Umgang mit der Leiche" vgs Verlagsgesellschaft • Köln 1994
    • Zbarski, Ilya: „Lenin und andere Leichen" Verlag Klett-Cotta • Stuttgart 1999

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