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ERICH KÄSTNER
WÜRDIGUNGEN UND PRESSESTIMMEN
Marcel Reich-Ranicki: Der Dichter der kleinen
Freiheit.
In: Frankfurter Allgemeine Zeitung 23.2.1974
Erich Kästner ist ein wehmütiger Satiriker
und ein augenzwinkernder
Skeptiker. [...] Er, der Autor düsterer und
bitterer Gedichte, war in
Wirklichkeit Deutschlands hoffnungsvollster Pessimist
und der deutschen
Literatur positivster Negationsrat.
Er gehört zu den Moralisten, die zugleich Spaßmacher
sind. Er ist ein
Conférencier, der keine Hemmungen hat zu predigen.
Und er ist ein
Prediger, der gern und stolz die Narrenkappe trägt.
In allem, was er
geschrieben hat, dominiert unmißverständlich
und dennoch unaufdringlich
das Pädagogische. Mithin ein Schulmeister gar?
Aber ja doch, nur eben
Deutschlands amüsantester und geistreichster.
Er wurde schnell berühmt und nie ganz anerkannt.
Ob in Versen oder in
Prosa - er drückte sich immer einfach und leicht
aus. Also befürchtete
man, es sei einfältig und ungewichtig. Was er
zu sagen hatte, war immer
ganz klar. Also vermißte man die Tiefe. Er
war witzig, also nahm man ihn
nicht ganz ernst. Er hatte Anmut und Charme. Also
hielt man ihn für
etwas unseriös. Er war sehr erfolgreich, ja
er wurde - wie seine
Zeitgenossen Tucholsky und Ringelnatz, Fallada und
Zuckmayer - ein
typischer Volks-schriftsteller. Also mißtraute
man ihm. [...]
Während andere das Bedürfnis hatten, sich
einzureihen, bei einer
politischen Organisation Schutz zu suchen oder sich
mit ihr gar zu
identi-fizieren, blieb Kästner - wie der Titelheld
seines Romans
"Fabian" (1931) - zwischen den Fronten
und Parteien. Ich setze mich sehr
gerne zwischen Stühle. / Ich säge an dem
Ast, auf dem wir sitzen - heißt
es in seinem "Kurzgefaßten Lebenslauf"
aus dem 1930 erschienenen Band
"Ein Mann gibt Auskunft". Folgerichtig
betitelt er seine nächste
Lyriksammlung "Gesang zwischen den Stühlen"
(1932). [...]
Dieser schon in Kästners frühen Jahren
auffallende Rückzug auf die
Position ausschließlich des Zeugen, des kritischen
Kommentators gab
seinem Werk von vornherein eine (von ihm freilich
kokett betonte)
melancholische Note. [...]
Kästner liebte das Spiel mit vertauschten Rollen.
Er hielt es oft für
richtig, die Leser seiner Essays und Artikel so zu
behandeln als wären
sie noch Kinder. Und er nahm die Leser seiner Kinderbücher
immer so
ernst, wie Erwachsene behandelt werden wollen.
Zwar war nicht er emigriert, wohl aber waren es seine
Bücher, die damals
in der Schweiz erschienen. Kästner ist Deutschlands
Exilschriftsteller
honoris causa. Er hat in jenen Jahren nichts geschrieben,
dessen er sich
hätte später zu schämen brauchen.
[...] Er, der Sänger der kleinen Leute
und der Dichter der kleinen Freiheit, gehört
mittlerweile zu den
Klassikern der deutschen Literatur unseres Jahrhunderts.
[...]
Marcel Reich-Ranicki: Der große Dichter
der kleinen Freiheit.
Erich Kästner ist , 75 Jahre alt, in München
gestorben.
In: Frankfurter Allgemeine Zeitung 30.7.1974
Seine frühen Gedichtbände - "Herz
auf Taille" (1928), "Lärm im Spiegel"
(1929), "Ein Mann gibt Auskunft" (1930)
- wurden schlagartig berühmt.
Unzählige Leser spürten sofort, daß
hier einer auf klare und einprägsame
Weise formulierte, was Millionen empfanden, was vielleicht
alle wußten
und was noch keiner ausgedrückt hatte.
Gewiß, Kästner verließ sich meist
auf die herkömmlichen und die
populärsten Formen der deutschen Lyrik. Aber
die alten Schläuche füllte
er mit neuem Wein. [...]
Kästners Gedichte ließen die allgemeine
Unsicherheit spürbar werden und
registrierten die Symptome der Krise - der politischen
und der
persönlichen, der wirtschaftlichen und der sexuellen.
So konnten sich
die Zukurzgekommenen und die Benachteiligten, die
Verstoßenen und die
Enttäuschten in seinen Versen wiedererkennen.
Die Kritiker freilich waren weniger zufrieden. Kästners
Lyrik schien
ihnen zu leicht, zu schnoddrig und zu amüsant.
Seine Songs und Chansons,
Bänkellieder und Balladen wurden oft als "kabarettistisch"
abgetan. Und
seine politische Haltung traf bei allen Parteien
auf wenig Gegenliebe.
Denn Kästner, der Mann der Vernunft, wollte
von Ideologien und
Programmen nichts wissen. [...]
So haben ihn die Nazis gehaßt. Denn er war
ein unbeirrbarer
Antifaschist. Und die Kommunisten haben ihm immer
wieder mißtraut, ihn
als bürger-lichen Liberalen oder als verspäteten
Nachfahren der
Aufklärung ab-stempeln wollen. Doch was damals
viele für einen
unverzeihlichen Makel hielten, das eben scheint heute
eher zu den
Vorzügen Kästners zu gehören: Sein
Glaube an den gesunden
Menschenverstand und seine Ab-neigung gegen politische
Schlagworte haben
ihn vor ideologischen Scheu-klappen bewahrt. [...]
"Emil und die Detektive" - das ist der
Kinderroman der "Neuen
Sach-lichkeit". Dieses schlechthin meisterhafte
Buch war, genau
betrachtet, nichts anderes als die längst fällige
Hinwendung der
Literatur für Kinder ebenso zu realistischen
Ausdrucksmitteln wie zur
überprüfbaren Realität. Statt der
in der deutschen Kinderliteratur vor
Kästner bevorzugten Exotik zeigte er seinen
Lesern Milieus, die ihnen
längst vertraut waren: ihre unmittelbare Umwelt.
Nicht Lederstrumpf, Ben
Hur oder Sigismund Rüstig waren seine Helden,
sondern gewitzte Kinder
und Halbwüchsige der modernen Großstadt
Friedrich Luft: Giftiger, gütiger Großstadtpoet.
In: Die Welt 30.7.1974
Er war wirklich ein Gebrauchsschriftsteller, wenn
man das als Lob
verstehen will: Was er schrieb, wurde gebraucht.
[...] Er holte die
Poesie auf die Erde zurück, holte sie auf die
Straßen der Städte. Das
war wahrlich zu brauchen, und es hatte zudem eine
so wohlschmeckende
Bitterkeit in der Diktion. Kästner war ein Großstadtpoet,
etwas, das es
auf deutsch und in dieser Art und Klasse so nie gegeben
hatte.
Er konnte für Kinder schreiben, ohne sich klein
zu machen. Er fand
Zugang zu ihnen, ohne sich anzubiedern oder in falsche
Onkelpose zu
setzen. Er war nach Theodor Storm der erste und einzige
Schriftsteller
von Ruhm, der sich der Kinder annahm und sie, während
der sie herrlich
unterhielt, heimlich erzog, ins Leben einführte
und besser machte.
Er glühte aus, und er wußte es. Er litt
darunter. Er, der den "Fabian"
geschrieben hatte, diesen Roman, in dem Zeitgeist,
Angst, Unsicherheit
und die flirrende Seligkeit der letzten "goldenen"
zwanziger Jahre
aufbewahrt sind wie nirgends, Kästner hat ähnliches,
als er alt wurde,
nicht mehr schreiben können. Um sich etwas anderes
vorzumachen, war er
viel zu gescheit. Darunter hat er auf gescheite Weise
tief gelitten.
Ein großer Schriftsteller. So schreibt keiner
Deutsch mehr wie er. Der
Poet einer brauchbaren Wehmut. Ein Moralist, der,
weil er dem Menschen
so zugetan war, ihn zur Einsicht stuken, oft schockieren,
manchmal
hinekeln wollte. [...] Sein Ton, der Ton seiner klugen
Jugendlichkeit,
seine Sorge, sein frecher, manchmal heinescher Ton,
wird nie veralten.
Klaus Doderer: Erich Kästner.
In: Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur.
Weinheim/Basel: Beltz Verlag 1977.
Band 2. Seite 124-127
K.s Bedeutung als Kinderbuchautor ist darin zu sehen,
daß er einen am
Ende der zwanziger Jahre neuen Kindertyp als Held
seiner Bücher schuf,
der selbständig, auch selbstbewußt, klug,
kooperationsbereit und
zu-packend sein eigenes Leben vernünftig und
furchtlos einrichtet, der
Erfolg hat (K.s Bücher haben ein happy end)
und damit das Ideal des
gehor-samen, braven Kindes aus der Kinderliteratur
des 19. Jahrhunderts
ablöste. Zugleich holte er die Thematik gegenwärtiger
Zeit und Umwelt
ins Kinder-buch, schrieb eine klare, äußerst
präzise und verständliche
Sprache, scheute sich nicht, vordem verpönte
Alltagssprache
(Straßenjargon) mit einzubeziehen und machte
durch den Verlauf der
erzählten Geschichten, durch den positiven Ausgang,
durch den seinen
Zentralfiguren unterstellten Lebensoptimismus und
auch durch die
eingestreuten Anreden an den Leser den Kindern Mut
und Freude.
Hermann Kestens Grabrede auf Erich Kästner
[...] er ist sich treu geblieben, ein Leben lang,
und sein Talent wie
sein Werk bewiesen, vom Anfang bis zum Ende, daß
er einer der großen
deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts ist, rar durch
seinen Witz und
seine Anmut, durch seine unbestechliche Strenge eines
verschmitzten und
heiteren Moralisten, durch die Toleranz eines vorurteilslosen
Menschen-freundes, durch seine spielerische und fehllose
Meisterschaft
der Sprache. Er war ein Satiriker mit Herz, ein Kinderfreund,
der nie
kindisch wurde, ein verzweifelter Optimist, der nie
zu lachen vergaß,
ein Spötter mit Sentiment, einer der klügsten
Sprecher unseres
Jahrhunderts und ein Bastard, aber ohne den Närrischkeiten
und
Fehltritten der Epoche nachzugeben. Kästner
wollte wirken, und darum
wollte er gelesen werden; er hat gesagt, was mancher
gedacht und keiner
zu sagen gewagt hat. Er hat die bittersten Wahrheiten
ausgesprochen,
doch mit Charme und Grazie, mit Anmut und Witz. Und
noch die bittere
Wahrheit erheiterte ihn und seine Leser.
Er traf seine Zeitgenossen, seine Landsleute; er
entlarvte sie, er
des-avouierte sie, er zog sie aus und häutete
sie, wie Apoll den
Marsyas. Statt den Schmerz und die Schläge zu
fühlen, fühlten sich seine
Leser amüsiert. Seine Leser rechneten es ihm
hoch an, daß er sie
hochnahm. Es stimmte sie lustig, daß er sich
über sie lustig machte.
Selbst die Kinder, die ja so gerne über ihre
Erzieher lachen, lachten
mit ihm und merkten gar nicht, daß er sie erzog,
indem er sie amüsierte,
und sie besser und vernünftiger machte. [...]
Er schrieb Verse, die nach einem halben Jahrhundert
so schlagend und
aktuell sind, als hätte er sie erst gestern
geschrieben. Er hat zu sich
gesprochen und für sich, und Millionen, Erwachsene
und Kinder,
empfinden, er habe sie belauscht und artikuliert
und ihre eigentliche
Wahrheit ausgesprochen. Es sieht aus, als hätte
er das
Selbstverständliche gesagt, nur klang es erst
so selbstverständlich,
nachdem er es als erster ausgesprochen hatte. Es
war die Vernunft, die
gesprochen hatte, eine verreimte Vernunft. Sogar
das Ungereimte schien
bei ihm die Farbe und den Tonfall der Vernunft zu
tragen. Der Trick der
meisten Zauberer ist ihre Geschicklichkeit und Geschwindigkeit.
[...]
Kästner, der Mann zwischen den Stühlen,
der zu keiner Partei gehört hat
und immer Partei ergriff, ein Zuschauer im Parkett
des Alltags, ein
eigenwilliger Abonnent im Theater der Welt, ein entschlossener
Indivi-dualist wurde nicht zufällig 1951, nach
dem verlorenen Krieg der
Deutschen und dem moralischen Sturz der halben Welt,
einer der Sprecher
der deutschen Autoren und der Präsident des
deutschen PEN-Clubs, dieser
Vereinigung deutscher Autoren, die ihre Mitglieder
nach gewissen
Prinzipien ausgewählt hatten, nach universalen
Prinzipien.
Kästners Einfluß auf seine Kollegen und
der Gewinn, den seine Kollegen
daraus gezogen haben, daß er ihr Sprecher war
vor Deutschen und vor
aller Welt, ist sehr bedeutend. Wer hätte besser
diese Aufgabe erfüllt
von den deutschen Autoren, die in Deutschland geblieben
waren, nämlich
wieder literarische Achtung und moralisches Ansehen
in aller Welt zu
schaffen, als Erich Kästner?
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