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  19./20.2.99

  • Zwischen allen Stühlen - Eine Lange Nacht zum 100. Geburtstag von Erich Kästner

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    Moderation: Udo Samel

    Erich Kaestner

    ERICH KÄSTNER

    WÜRDIGUNGEN UND PRESSESTIMMEN


    Marcel Reich-Ranicki: Der Dichter der kleinen Freiheit.
    In: Frankfurter Allgemeine Zeitung 23.2.1974
    Erich Kästner ist ein wehmütiger Satiriker und ein augenzwinkernder
    Skeptiker. [...] Er, der Autor düsterer und bitterer Gedichte, war in
    Wirklichkeit Deutschlands hoffnungsvollster Pessimist und der deutschen
    Literatur positivster Negationsrat.
    Er gehört zu den Moralisten, die zugleich Spaßmacher sind. Er ist ein
    Conférencier, der keine Hemmungen hat zu predigen. Und er ist ein
    Prediger, der gern und stolz die Narrenkappe trägt. In allem, was er
    geschrieben hat, dominiert unmißverständlich und dennoch unaufdringlich
    das Pädagogische. Mithin ein Schulmeister gar? Aber ja doch, nur eben
    Deutschlands amüsantester und geistreichster.
    Er wurde schnell berühmt und nie ganz anerkannt. Ob in Versen oder in
    Prosa - er drückte sich immer einfach und leicht aus. Also befürchtete
    man, es sei einfältig und ungewichtig. Was er zu sagen hatte, war immer
    ganz klar. Also vermißte man die Tiefe. Er war witzig, also nahm man ihn
    nicht ganz ernst. Er hatte Anmut und Charme. Also hielt man ihn für
    etwas unseriös. Er war sehr erfolgreich, ja er wurde - wie seine
    Zeitgenossen Tucholsky und Ringelnatz, Fallada und Zuckmayer - ein
    typischer Volks-schriftsteller. Also mißtraute man ihm. [...]
    Während andere das Bedürfnis hatten, sich einzureihen, bei einer
    politischen Organisation Schutz zu suchen oder sich mit ihr gar zu
    identi-fizieren, blieb Kästner - wie der Titelheld seines Romans
    "Fabian" (1931) - zwischen den Fronten und Parteien. Ich setze mich sehr
    gerne zwischen Stühle. / Ich säge an dem Ast, auf dem wir sitzen - heißt
    es in seinem "Kurzgefaßten Lebenslauf" aus dem 1930 erschienenen Band
    "Ein Mann gibt Auskunft". Folgerichtig betitelt er seine nächste
    Lyriksammlung "Gesang zwischen den Stühlen" (1932). [...]
    Dieser schon in Kästners frühen Jahren auffallende Rückzug auf die
    Position ausschließlich des Zeugen, des kritischen Kommentators gab
    seinem Werk von vornherein eine (von ihm freilich kokett betonte)
    melancholische Note. [...]
    Kästner liebte das Spiel mit vertauschten Rollen. Er hielt es oft für
    richtig, die Leser seiner Essays und Artikel so zu behandeln als wären
    sie noch Kinder. Und er nahm die Leser seiner Kinderbücher immer so
    ernst, wie Erwachsene behandelt werden wollen.
    Zwar war nicht er emigriert, wohl aber waren es seine Bücher, die damals
    in der Schweiz erschienen. Kästner ist Deutschlands Exilschriftsteller
    honoris causa. Er hat in jenen Jahren nichts geschrieben, dessen er sich
    hätte später zu schämen brauchen. [...] Er, der Sänger der kleinen Leute
    und der Dichter der kleinen Freiheit, gehört mittlerweile zu den
    Klassikern der deutschen Literatur unseres Jahrhunderts. [...]


    Marcel Reich-Ranicki: Der große Dichter der kleinen Freiheit.
    Erich Kästner ist , 75 Jahre alt, in München gestorben.
    In: Frankfurter Allgemeine Zeitung 30.7.1974
    Seine frühen Gedichtbände - "Herz auf Taille" (1928), "Lärm im Spiegel"
    (1929), "Ein Mann gibt Auskunft" (1930) - wurden schlagartig berühmt.
    Unzählige Leser spürten sofort, daß hier einer auf klare und einprägsame
    Weise formulierte, was Millionen empfanden, was vielleicht alle wußten
    und was noch keiner ausgedrückt hatte.
    Gewiß, Kästner verließ sich meist auf die herkömmlichen und die
    populärsten Formen der deutschen Lyrik. Aber die alten Schläuche füllte
    er mit neuem Wein. [...]
    Kästners Gedichte ließen die allgemeine Unsicherheit spürbar werden und
    registrierten die Symptome der Krise - der politischen und der
    persönlichen, der wirtschaftlichen und der sexuellen. So konnten sich
    die Zukurzgekommenen und die Benachteiligten, die Verstoßenen und die
    Enttäuschten in seinen Versen wiedererkennen.
    Die Kritiker freilich waren weniger zufrieden. Kästners Lyrik schien
    ihnen zu leicht, zu schnoddrig und zu amüsant. Seine Songs und Chansons,
    Bänkellieder und Balladen wurden oft als "kabarettistisch" abgetan. Und
    seine politische Haltung traf bei allen Parteien auf wenig Gegenliebe.
    Denn Kästner, der Mann der Vernunft, wollte von Ideologien und
    Programmen nichts wissen. [...]
    So haben ihn die Nazis gehaßt. Denn er war ein unbeirrbarer
    Antifaschist. Und die Kommunisten haben ihm immer wieder mißtraut, ihn
    als bürger-lichen Liberalen oder als verspäteten Nachfahren der
    Aufklärung ab-stempeln wollen. Doch was damals viele für einen
    unverzeihlichen Makel hielten, das eben scheint heute eher zu den
    Vorzügen Kästners zu gehören: Sein Glaube an den gesunden
    Menschenverstand und seine Ab-neigung gegen politische Schlagworte haben
    ihn vor ideologischen Scheu-klappen bewahrt. [...]
    "Emil und die Detektive" - das ist der Kinderroman der "Neuen
    Sach-lichkeit". Dieses schlechthin meisterhafte Buch war, genau
    betrachtet, nichts anderes als die längst fällige Hinwendung der
    Literatur für Kinder ebenso zu realistischen Ausdrucksmitteln wie zur
    überprüfbaren Realität. Statt der in der deutschen Kinderliteratur vor
    Kästner bevorzugten Exotik zeigte er seinen Lesern Milieus, die ihnen
    längst vertraut waren: ihre unmittelbare Umwelt. Nicht Lederstrumpf, Ben
    Hur oder Sigismund Rüstig waren seine Helden, sondern gewitzte Kinder
    und Halbwüchsige der modernen Großstadt




    Friedrich Luft: Giftiger, gütiger Großstadtpoet.
    In: Die Welt 30.7.1974
    Er war wirklich ein Gebrauchsschriftsteller, wenn man das als Lob
    verstehen will: Was er schrieb, wurde gebraucht. [...] Er holte die
    Poesie auf die Erde zurück, holte sie auf die Straßen der Städte. Das
    war wahrlich zu brauchen, und es hatte zudem eine so wohlschmeckende
    Bitterkeit in der Diktion. Kästner war ein Großstadtpoet, etwas, das es
    auf deutsch und in dieser Art und Klasse so nie gegeben hatte.

    Er konnte für Kinder schreiben, ohne sich klein zu machen. Er fand
    Zugang zu ihnen, ohne sich anzubiedern oder in falsche Onkelpose zu
    setzen. Er war nach Theodor Storm der erste und einzige Schriftsteller
    von Ruhm, der sich der Kinder annahm und sie, während der sie herrlich
    unterhielt, heimlich erzog, ins Leben einführte und besser machte.

    Er glühte aus, und er wußte es. Er litt darunter. Er, der den "Fabian"
    geschrieben hatte, diesen Roman, in dem Zeitgeist, Angst, Unsicherheit
    und die flirrende Seligkeit der letzten "goldenen" zwanziger Jahre
    aufbewahrt sind wie nirgends, Kästner hat ähnliches, als er alt wurde,
    nicht mehr schreiben können. Um sich etwas anderes vorzumachen, war er
    viel zu gescheit. Darunter hat er auf gescheite Weise tief gelitten.

    Ein großer Schriftsteller. So schreibt keiner Deutsch mehr wie er. Der
    Poet einer brauchbaren Wehmut. Ein Moralist, der, weil er dem Menschen
    so zugetan war, ihn zur Einsicht stuken, oft schockieren, manchmal
    hinekeln wollte. [...] Sein Ton, der Ton seiner klugen Jugendlichkeit,
    seine Sorge, sein frecher, manchmal heinescher Ton, wird nie veralten.


    Klaus Doderer: Erich Kästner.
    In: Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur.
    Weinheim/Basel: Beltz Verlag 1977.
    Band 2. Seite 124-127
    K.s Bedeutung als Kinderbuchautor ist darin zu sehen, daß er einen am
    Ende der zwanziger Jahre neuen Kindertyp als Held seiner Bücher schuf,
    der selbständig, auch selbstbewußt, klug, kooperationsbereit und
    zu-packend sein eigenes Leben vernünftig und furchtlos einrichtet, der
    Erfolg hat (K.s Bücher haben ein happy end) und damit das Ideal des
    gehor-samen, braven Kindes aus der Kinderliteratur des 19. Jahrhunderts
    ablöste. Zugleich holte er die Thematik gegenwärtiger Zeit und Umwelt
    ins Kinder-buch, schrieb eine klare, äußerst präzise und verständliche
    Sprache, scheute sich nicht, vordem verpönte Alltagssprache
    (Straßenjargon) mit einzubeziehen und machte durch den Verlauf der
    erzählten Geschichten, durch den positiven Ausgang, durch den seinen
    Zentralfiguren unterstellten Lebensoptimismus und auch durch die
    eingestreuten Anreden an den Leser den Kindern Mut und Freude.




    Hermann Kestens Grabrede auf Erich Kästner
    [...] er ist sich treu geblieben, ein Leben lang, und sein Talent wie
    sein Werk bewiesen, vom Anfang bis zum Ende, daß er einer der großen
    deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts ist, rar durch seinen Witz und
    seine Anmut, durch seine unbestechliche Strenge eines verschmitzten und
    heiteren Moralisten, durch die Toleranz eines vorurteilslosen
    Menschen-freundes, durch seine spielerische und fehllose Meisterschaft
    der Sprache. Er war ein Satiriker mit Herz, ein Kinderfreund, der nie
    kindisch wurde, ein verzweifelter Optimist, der nie zu lachen vergaß,
    ein Spötter mit Sentiment, einer der klügsten Sprecher unseres
    Jahrhunderts und ein Bastard, aber ohne den Närrischkeiten und
    Fehltritten der Epoche nachzugeben. Kästner wollte wirken, und darum
    wollte er gelesen werden; er hat gesagt, was mancher gedacht und keiner
    zu sagen gewagt hat. Er hat die bittersten Wahrheiten ausgesprochen,
    doch mit Charme und Grazie, mit Anmut und Witz. Und noch die bittere
    Wahrheit erheiterte ihn und seine Leser.
    Er traf seine Zeitgenossen, seine Landsleute; er entlarvte sie, er
    des-avouierte sie, er zog sie aus und häutete sie, wie Apoll den
    Marsyas. Statt den Schmerz und die Schläge zu fühlen, fühlten sich seine
    Leser amüsiert. Seine Leser rechneten es ihm hoch an, daß er sie
    hochnahm. Es stimmte sie lustig, daß er sich über sie lustig machte.
    Selbst die Kinder, die ja so gerne über ihre Erzieher lachen, lachten
    mit ihm und merkten gar nicht, daß er sie erzog, indem er sie amüsierte,
    und sie besser und vernünftiger machte. [...]
    Er schrieb Verse, die nach einem halben Jahrhundert so schlagend und
    aktuell sind, als hätte er sie erst gestern geschrieben. Er hat zu sich
    gesprochen und für sich, und Millionen, Erwachsene und Kinder,
    empfinden, er habe sie belauscht und artikuliert und ihre eigentliche
    Wahrheit ausgesprochen. Es sieht aus, als hätte er das
    Selbstverständliche gesagt, nur klang es erst so selbstverständlich,
    nachdem er es als erster ausgesprochen hatte. Es war die Vernunft, die
    gesprochen hatte, eine verreimte Vernunft. Sogar das Ungereimte schien
    bei ihm die Farbe und den Tonfall der Vernunft zu tragen. Der Trick der
    meisten Zauberer ist ihre Geschicklichkeit und Geschwindigkeit. [...]
    Kästner, der Mann zwischen den Stühlen, der zu keiner Partei gehört hat
    und immer Partei ergriff, ein Zuschauer im Parkett des Alltags, ein
    eigenwilliger Abonnent im Theater der Welt, ein entschlossener
    Indivi-dualist wurde nicht zufällig 1951, nach dem verlorenen Krieg der
    Deutschen und dem moralischen Sturz der halben Welt, einer der Sprecher
    der deutschen Autoren und der Präsident des deutschen PEN-Clubs, dieser
    Vereinigung deutscher Autoren, die ihre Mitglieder nach gewissen
    Prinzipien ausgewählt hatten, nach universalen Prinzipien.
    Kästners Einfluß auf seine Kollegen und der Gewinn, den seine Kollegen
    daraus gezogen haben, daß er ihr Sprecher war vor Deutschen und vor
    aller Welt, ist sehr bedeutend. Wer hätte besser diese Aufgabe erfüllt
    von den deutschen Autoren, die in Deutschland geblieben waren, nämlich
    wieder literarische Achtung und moralisches Ansehen in aller Welt zu
    schaffen, als Erich Kästner?

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