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Kinder und Kopfschmerzen

von Judith Grümmer

"Ein geringer Wohnungsstandard, ein niedriger ökonomischer Status der Familie, Unterbringung im Ganztagskindergarten und eine große Anzahl von Freizeitaktivitäten sind im Kindesalter mit größerem Kopfschmerzrisiko verbunden." soweit das Zitat aus einem aktuellen medizinischen Fachbuch zum Thema Kopfschmerzen bei Kindern. Statistisch ist erwiesen, daß unter anderem Streß, Überlastungen, Reißüberflutung und Überforderung bei Kindern bestimmte Kopfschmerz-Typen auslösen können. Auslösen!, denn über die Ursachen von Kopfschmerzen im Kindesalter ist noch zu wenig bekannt.

Über Kopfschmerzen bei Kindern machte man sich lange Zeit keine Gedanken, denn es herrschte auch unter Medizinern die Meinung, daß Kopfschmerzen bei Kleinkindern und Schulkindern kaum eine Rolle spielen würde. Dabei zeigt sich, daß das Kopfschmerzleiden bereits im 2. und 3. Lebensjahr seinen Anfang finden kann.

Untersuchungen auch aus anderen Industrieländern zeigen, daß 3- 4% aller 3jährigen Kinder unter Kopfschmerzen leiden, bei 5jährigen sind es - laut einer finnischen Studie - bereits 19,5% der Kinder, die an Kopfschmerzen mit großem Leidensdruck erkranken. Mit der Einschulung steigen die Kopfschmerzen weiter drastisch an: 39% der Kinder im 1. Schuljahr leiden unter starken Kopfschmerzen - laut finnischer Studie. 5,7% der 7jährigen erfüllen bereits alle medizinischen Kriterien einer Migräne.

Eine Vielzahl von Studien hat ergeben: die Zahl der Migräne- und Kopfschmerz-Kinder ist in den letzten Jahrzehnten stark angestiegen.

Dennoch bleiben viele von ihnen ohne ausreichende medizinische Behandlung: denn oft vergehen Jahre bis eindeutig geklärt ist, ob ein Kind tatsächlich unter Migräne oder Spannungskopfschmerz leidet. Statt dessen geben sich viele Ärzte mit "wachstumsbedingten Befindlichkeitsstörungen" oder "Anstellerei" als Diagnose zufrieden. Viele Kinder werden mit Medikamenten einfach ruhiggestellt - oder gar nicht erst ernst genommen. Der Weg in die Sucht beginnt schon im Kindergartenalter. Denn Kopfschmerzenanfälle können durch Kopfschmerzmedikamente ausgelöst und verstärkt werden.

90% aller SchülerInnen kennen Kopfschmerzen: 52% dieser Kinder haben Spannungskopfschmerzen und 12% Migräne.

Jungen leiden anfangs häufiger unter Migräne als Mädchen..

Je nach Schultyp - so die Wissenschaftler - werden Kopfschmerzen von den SchülerInnen selbst als das wichtigste und hartnäckigste Gesundheitsproblem bezeichnet. Und es ergeben sich deutliche Hinweise darauf, daß Kopfschmerzen einen wesentlichen Grund für die Entstehung von Suchtverhalten und Drogenmißbrauch darstellen, da Kopfschmerzkinder verstärkt zu Medikamenten und "Entspannern" greifen. Das bedeutet auch: eine rechtzeitige und erfolgreiche Kopfschmerz- oder Migränebehandlung kann Drogenabhängigkeit vorbeugen.

Daraus wird unter Kopfschmerz-Experten der Schluß gezogen, daß "sowohl pädagogische Maßnahmen als auch inhaltliche Anforderungen im Schulunterricht überdacht werden müssen - zur Gesunderhaltung des Nervensystems".

Es gibt 165 verschiedene Kopfschmerztypen - und ebenso vielfältig sind die Ursachen dieser Kopfschmerzen. Kopfschmerzen können ein Symptom für eine andere Erkrankung sein: deshalb wird der Arzt abklären, ob unter Umständen folgende Ursachen für den Kopfschmerz vorliegen:

  • Erkältungskrankheiten, grippale Infekte, Infektionskrankheiten
  • Mandelenzündung
  • Nasennebenhöhlenentzündungen oder Stirnhöhlenvereiterungen
  • Funktionsstörungen des Kauapparates, also Fehlstellungen des Kiefers, etc.
  • Verspannungen im Nackenbereich und der Hals-Wirbel-Säule
  • orthopädische Probleme wie unterschiedliche Beinlängen, Fehlhaltungen, etc.
  • wachstumsbedingte Kreislaufstörungen
  • Kopfverletzungen
  • Hirntumore
  • Hirnhautentzündungen - bei plötzlicher Nackensteife, hohem Fieber, hinzukommender Schläfrigkeit, schwerem Erbrechen oder Krampfanfällen, sollte sofort der Arzt aufgesucht werden!

Doch: die größte Gruppe der Kopfschmerzen ist eine eigenständige Erkrankung - es liegen also keine organischen Ursachen zugrunde.

Die beiden häufigsten Kopfschmerztypen sind der Spannungskopfschmerz und die Migräne.

Migräne:

Schmerzattacken von 2-48stündiger Dauer (bei 50% der Kinder unter 3 Stunden). Der einseitige, pulsierende Kopfschmerz macht körperliche Aktivitäten fast unmöglich. Begleitet werden diese Attacken durch Übelkeit/Erbrechen oder zumindest starke Bauchschmerzen, durch Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Die Migräne wird durch körperliche Aktivitäten verstärkt.

Kinder klagen zusätzlich über Bauchschmerzen, auftretenden Schwindel, Angst, Augenzittern, Sehstörungen und manchmal auch Gefühlsstörungen in Armen und Beinen.

Spannungskopfschmerzen:

Hier treten die Schmerzen episodisch auf, dauern 30 Minuten bis 7 Tage an: Beidseitiger, nicht pulsierender, sondern drückender, ziehender Schmerz, wird durch körperliche Aktivitäten nicht verstärkt. Keine Übelkeit, kein Erbrechen.

Die Ursachen sind nicht genau bekannt, vieles spricht dafür, daß mehrere Faktoren für die Entstehung von Kopfschmerzen verantwortlich sind. Und diese Ursachen könnten auch beispielsweise in der Störung bestimmter Nervenfunktionen zu suchen sein. Wichtig ist aber, daß neben der wie auch immer verursachten "Veranlagung" zu Kopfschmerzen es bestimmte Auslöser für Kopfschmerzen gibt. Wenn man nun diese Auslöser diagnostizieren und dann vermeiden kann, wird sich die Häufigkeit und auch die Heftigkeit der Kopfschmerzen verringern. Deshalb ist es wichtig, möglichen organische Ursachen für Kopfschmerzen zu schließen worden sind, um dann die Auslöser der Kopfschmerzen zu suchen.

Von den Kindern selbst werden als mögliche Auslöser genannt: (Mehrfachnennungen möglich)

  • Autofahren (42%)
  • zuwenig oder zuviel Schlaf (40%)
  • zu langes Computerspielen, Fernsehen, etc. (40%)
  • plötzlicher Wetterwechsel (39%)
  • unregelmäßige Mahlzeiten oder ausgelassene Mahlzeiten (15%)
  • Streß und Ärger in der Schule oder Familie (40%)
  • traurige oder enttäuschende Situationen (30%)
  • Angst, z.B. vor Klassenarbeiten, vor Schulnoten,

nicht zu erfüllenden Erwartungshaltungen (36%)

  • beim Sport (28%)
  • nach zuviel Süßigkeiten (12%)
  • Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie Milch, Nüsse, Schokolade, Käse, etc. (5%)

Von Experten wird auch das heutige Freizeitverhalten der Kinder als Auslöser für Kopfschmerzen genannt: zu viele Freizeitaktivitäten, zu wenig Freiräume, zu wenig Bewegung, etc. Der Bewegungsmangel ist dabei wahrscheinlich am bedeutsamsten.

Achtung:

Kopfschmerzen können zu Verspannungen führen - diese Verspannungen wiederum verstärken die Kopfschmerzen. Wenn dann noch eine unkontrollierte Einnahme von Kopfschmerzmedikamenten hinzukommt, entsteht ein Teufelskreis, denn: auch Kopfschmerzmedikamente können Kopfschmerzen auslösen. Darum dürfen diese Medikamente über längere Zeit nur unter ärztlicher Aufsicht verabreicht werden. Es gibt Kopfschmerzspezialisten, die genau erkennen können, wann die Kopfschmerzen durch Medikamente ausgelöst werden. Besonders gefährlich sind Kombinationspräperate. Und: Kinder werden mit anderen Medikamenten behandelt als Erwachsene. Der Griff in "Mutters Kopfschmerzapotheke" ist gefährlich!

Kopfschmerzen werden heute auch in sogenannten "Kopfschmerzambulanzen" medikamentös behandelt. Hier versucht man 1. Die Migräneattacken prophylaktisch zu behandeln und 2. den Schmerzen ihre Spitzen zu nehmen. Medikamente werden insbesondere dann verordnet, wenn die Schmerzen sehr oft und stark auftreten und die Kinder beispielsweise häufig nicht die Schule besuchen können.

Heute gehen die Kopfschmerz-Experten davon aus, daß jede Behandlung der Migräne oder der Spannungskopfschmerzen sowohl physiologische als auch psychologische Maßnahmen erfordern kann.

Physiologische Maßnahmen:

  • Eisabreibungen im Kopf-Nackenbereich
  • kalte Tücher auf der Stirn
  • transkutane elektrische Nervenstimulation - das kleine Gerät kann vom Arzt unter Umständen verschrieben werden und von den Kindern selbst angewandt werden, um vor allem bei chronischen und episodischen Spannungskopfschmerzen zu lindern und zu behandeln.
  • Dehnungs- und Kräftigungsübungen der Schulter-Nacken-Halsmuskulatur
  • Kaumuskelübungen
  • Haltungskorrekturen
  • sportlicher Ausgleich

Psychologische Maßnahmen:

  • Entspannungsübungen
  • Biofeedback-Therapie
  • Erkennen der eigenen Streßsituationen
  • Techniken zur Streßbewältigung
  • Zeitmanagment: ausgewogenes Verhältnis zwischen Aktivitäten und Entspannung

Manche Experten wie Dr. Pothmann und seine MitarbeiterInnen in Oberhausen raten, die Ernährungsgewohnheiten umzustellen. Sie empfehlen in bestimmten Fällen eine "Auslaßdiät" und raten dazu, bestimmte Dinge in der Nahrung zu vermeiden. Das können sein:

  • Milch und manche Milchprodukte, wie industriell hergestellter Quark
  • fabrikmäßig hergestellte Fertignahrungsmittel - hier geht es vor allem um die Vielfalt von Zusatzstoffen, die vermieden werden sollen
  • Schokolade
  • Konservierungsstoffe und künstliche Farbstoffe und andere künstlich hinzugefügte Nahrungsmittelzusätze
  • Zucker

Es geht also darum, den Kinder natürlich hergestellte Nahrungsmittel anzubieten.

Gesundheitserziehung ist besser als Medikamenteneinnahme - so lautet der Behandlungsansatz der SchmerzexpertInnen in Oberhausen.

Zu Beginn einer Kopfschmerz- oder Migränebehandlung werden die Kinder (gemeinsam mit ihren Eltern) oftmals gebeten, ein Migränetagebuch zu führen. Dieses Migränetagebuch ist von Dr. Pothmann's Team vom Kinderneurologischen Zentrum in Oberhausen entwickelt worden.

Empfehlungen an die Eltern:

Die Eigenverantwortung des Kindes steht im Vordergrund!

  • Schmerzen sind subjektiv. Stellen Sie daher die Kopfschmerzen nicht in Frage, das führt zu mehr Schmerzverhalten.
  • Ermutigen Sie Ihr Kind, seine normalen Aktivitäten beizubehalten, es sei denn die Schmerzen sind zu stark.
  • Ermutigen Sie Ihr Kind, sich im Alltag zu entspannen - Entspannungsübungen können erlernt werden!
  • Überprüfen Sie, ob Ihr Kind über genügend freie, unverplante Zeit in der Woche verfügt.
  • Lassen Sie nicht zu, daß Ihr Kind aufgrund der Kopfschmerzen eine Sonderrolle einnimmt und von seinen Pflichten enthoben wird.
  • Seien Sie selbst ein Vorbild im gelassenen Umgang mit Schmerzen, das heißt greifen Sie selbst nicht sofort zu Tabletten und anderen "Entspannern"

An wen können sich Eltern wenden?

Es gibt jedoch in Deutschland nicht besonders viele Fachleute, die sich auf das Problem kindlicher Kopfschmerzen spezialisiert haben.

Es sind beispielsweise in NRW spezielle Kopfschmerzambulanzen für Kinder eingerichtet in der

Kölner Universitätskinderklinik, bei

Dr. Emil-Günther Naumann,

dem Leiter der Kopfschmerz und Migräneambulanz

und im Sozialpädiatrischen Zentrum, bei

Dr. R. Pothmann

dem Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums,

Evangelisches Krankenhaus Oberhausen

Darüber hinaus können die kinderneurologischen Abteilungen der größeren Kinderkliniken wie an den Universitäten von Aachen, Bonn, Münster, Bochum, Essen, Düsseldorf , Köln Kopfschmerzkinder behandeln, beziehungsweise vor allem die wichtigen Ausschlußdiagnostiken machen.

Manche Krankenkassen bieten für Kinder Kurse in verschiedenen Entspannungstechniken an (zumeist kostenpflichtig). Auch die Kinderpsychologen können unter Umständen als Anlaufstelle weiterhelfen.

Das "Migränetagebuch für Kinder" kann direkt über die Deutsche Schmerzhilfe e.V. Woldsenweg 3, 20249 Hamburg, gegen eine Überweisung von 6 DM bezogen werden.