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    16./17.04.1999

  • Der Klang des Geldes unterbrach sofort die Scherze - Europäische Erzählungen über die Neue Welt

    Autor: Christian Scholz

     

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New York - Skyline

Europäische Erzähler und Reiseschriftsteller lassen sich seit über zweihundert Jahren von Natur und Zivilisation jenseits des Atlantiks faszinieren. Mit gutem Grund: Während sich die Alte Welt zerklüftet und durchwachsen von Tradition und Geschichte zeigt, öffnet die Neue Welt bis heute die Sinne. In New York pulsiert das Blut. In Washington, D.C. erkaufen sich Bundestaaten hochkarätige Lobbyisten. Endlose Wege im Westen ermöglichen kinematographisch anmutende Sichtweisen. Trotz aller Skepsis gegenüber Amerikas Leiden, Kriegen und Turbulenzen konnten auch viele deutschsprachige Autoren dem fernen Kontinent in diesem Jahrhundert durchweg positive Eindrücke abgewinnen. Die Lange Nacht stellt Texte dieser Autoren vor. Unter ihnen natürlich Franz Kafka und Bertolt Brecht, Arthur Holitscher und Egon Erwin Kisch, Wolfgang Koeppen und Peter Handke, Max Frisch und Thomas Hürlimann. Derart angekommen in den Vereinigten Staaten von Amerika geht es anschließend mit der Eisenbahn auf Reisen quer durch den Kontinent - von Washington, D.C. im Osten über die Rocky Mountains hinunter nach San Diego im Westen, auf Schienen, die schon Jack London befahren hat.

Arthur Holitscher

Soviel ich weiß, so schrieb der deutsche Journalist und Schriftsteller Arthur Holitscher 1912, ist diese Stadt, diese rapide Stadt, 'the windy town', diese windige Stadt, vielmehr eine Karikatur Amerikas. In ihr, die, kaum siebzig Jahre alt, heute die zweitgrößte Stadt des Kontinents ist, leben mehr Deutsche als in Hamburg, mehr Schweden als in Stockholm, mehr Juden als in Palästina.
Und in dieser quirligen, aus den Fugen geratenen Großstadt lebten und arbeiteten um die Jahrhundertwende auch deutschamerikanische Frauen. Ihr Leben gestaltete sich in einem Umfeld, das gleichermaßen geprägt war von rasanten Urbanisierungs- und Industrialisierungsprozessen und der Existenz einer spezifischen deutschamerikanischen Community. Wie sah das Leben dieser Frauen aus, wie ihre konkreten Lebensbedingungen und wie ihre Rolle und ihr Einfluß bei der Gestaltung des Lebens ihrer ethnischen Gruppe in städtischer Umgebung? Diese Fragen machen es notwendig, neben der Suche nach den Frauen immer auch die soziale Realität der gesamten Gruppe einzubeziehen. ...Christiane Harzig über: Deutschamerikanische Frauen in Chicago um die Jahrhundertwende

Arthur Holitscher, 1869 in Budapest geboren, darf als einer der ganz großen Amerikafahrer des 20. Jahrhunderts gelten. Mit 42 Jahren reist er ins "tollrapide" Land jenseits des Atlantiks.
Ankunft in Amerika aus seiner Sicht - in: Amerika, Heute und Morgen.

Hier ist der Raum der Verlassenen, deren Angehörige sich nicht gemeldet haben bei ihrer Ankunft in Amerika. Wie ich an dem Gitter dieser Abteilung vorübergehe, stürzen fünf Weiber mit zerrauftem Haar und leergeweinten Augen aufs Gitter zu, rufen mich an, wollen in fünf mir unbekannten Sprachen von mir erfahren, ob ich den oder jenen kenne, in Scranton, in Brooklyn drüben, oder gar in dem benachtbarten Hoboken. Und ich muß mir, während ich kopfschüttelnd weitergehe, denken, dass diese Ärmsten dahier Damaskus, Saloniki näher sind als dem zehn Minuten fernen Brooklyn oder Hoboken.

Franz Kafka

Franz Kafka Franz Kafka war nie in Amerika. Und hat uns doch einen Text überliefert, ohne den alle Amerika-Berichte des 20. Jahrhunderts unvollständig wären. Es ist ein 420 Seiten Fragment über das Schicksal von Karl Rossmann in Amerika. Das Buch "Der Verschollene", erstmals 1927 veröffentlicht unter dem von Max Brod gewählten Titel "Amerika", dokumentiert Kafkas präzise USA-Kenntnisse.

"Du hast es wirklich weit gebracht", sagte Karl einmal auf einem dieser Gänge durch den Betrieb, auf dessen Durchsicht man viele Tage verwenden mußte, selbst wenn man jede Abteilung gerade nur gesehen haben wollte.

"Und alles habe ich vor dreissig Jahren selbst eingerichtet, musst du wissen. Ich hatte damals im Hafenviertel ein kleines Geschäft und wenn dort am Tag fünf Kisten abgeladen waren, so war es viel und ich ging aufgeblasen nach Hause. Heute habe ich die drittgrössten Lagerhäuser im Hafen und jeder Laden ist das Esszimmer und die Gerätekammer der fünfundsechzigsten Gruppe meiner Gepäckträger."

"Das grenzt ja an Wunderbare," sagte Karl. "Alle Entwicklungen gehen hier so schnell vor sich", sagte der Onkel das Gespräch abbrechend.

Wladimir Majakowski

Majakowsky Majakowski 1925 in Amerika
Wenn man Amerika sagt, so denkt man an New York, an die Pilgerväter, an die Mustangs, an Coolidge und an viele andere Dinge, die den Vereinigten Staaten von Nordamerika zugehören. Das ist sonderbar, aber wahr. Sonderbar, weil es drei Amerika gibt: Nord-, Mitte- und Südamerika. Die USA besitzen nicht einmal ganz Nordamerika, und doch haben sie sich des Titels der Herren von ganz amerika bemächtigt.

Alfred Kerr

gehört zu denen, die im Wirrwarr von Kriegsschuld, Arbeitslosigkeit, Inflation, Wohnungsnot aus der Weimarer Republik bzw. aus Grossberlin nach Amerika aufbrechen.

Ich fahre fort. jetzt kleine Beobachtungen. Ein paar Nebenzüge. Du betrittst eine Stadt ... von zwölfhundert Einwohnern. Einzige Strasse. Darin: Zwei Banken. Ein Geschäft für Landwirtschaftsmaschinen. Drei drug stores - also mit Drogen, Sicherheitsnadeln, Erdbeer-Eis. Zwei groceries oder Kosthandlungen. Ein Geschäft für Autobedarf. Ein barber shop (Zahnarztstühle von weissem Porzellan). Zwei Hotels. Ein Kino. Ein Photograph, mit "kodak finishing". Eine öffentliche Garage. Kleinstadt? Die kleinen Städte sehen aus wie die grossen - sie enden bloss früher ... Das ist es. Kein Wunder. Es gibt hier Einrichtungen der "mail orders". Kataloge für alles, zur fernsten Farm geschickt. Brieflich wird ein Auftrag erteilt: von der Stecknadel bis zum ganzen Haus. Mein Bekannter liess nach Texas ein Haus kommen (780 Dollar); eine Garage ( 160 Dollar). Beides richtig mit der Bahn geliefert.

Egon Erwin Kisch

Egon Erwin Kisch hat mit "Paradies Amerika" eine spannende Reportage vorgelegt. Er hat leibhaftig den US-Alltag erfahren, ... ist mit offenen Augen Fabriken, Gefängnisse, Ateliers, Bibliotheken, Seemannsheime, Bankhäuser abgeschritten. Daß so ein langer Spaziergang so viele Details hervorbringen konte, hat Kisch nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, daß man in den USA in die Betriebe einfach hineingehen kann ...
... und sich vom Arbeiter die Leistungen erklären lassen (kann), niemand kümmert sich darum. In Deutschland würde der Besuch eines Journalisten in der A.E.G. den Verdacht wachrufen, der junge Mann wolle morgen eine Elektrizitätsgesellschaft mit billigeren Bezugsbedingungen eröffnen.

Fliessbandanlage der Autoindustrie:
Ein Griff nach der Kette, Auflegen der Schraubenmutter, ein Griff nach der Kette, Einstecken der Schraube, ein Griff nach der Kette, Einstecken der Schraube, ein Griff nach der Kette, zwei Hammerschläge, ein Griff nach der Kette, Ansetzen des autogenen Bohrers, Funken stieben, ein Griff nach der Kette, Befestigung der Bleilamelle, Parafinpappe, eine Hülse, ein Bündel Kerzen, eine Kurbelwelle, und immer dazwischen ein Griff nach der Kette, eine Griff nach der Kette, Handbewegung und Ergebnis, Körperhaltung und Einsatz, Menschen und Maschine, immerfort, gleich. Die Motoren, fertig rattern an Probeständen.

Berthold Brecht, Kalifornien 1941

Hollywood

Jeden Morgen, mein Brot verdienen
Gehe ich auf den markt, wo Lügen gekauft werden
Hoffnungsvoll
Reihe ich mich ein zwischen die Verkäufer

Wolfgang Koeppen

Koeppen 1959 schaut sich Wolfgang Koeppen den nordamerikanischen Kontinent an.
Ich ging durch das Tor. Ich war in Amerika angekommen. Ich spürte Freiheit. Ich empfand Freiheit. Die Freiheit war der Wind. Niemand fragte mich, wohin ich gehen, was ich tun, was ich beginnen wolle vom Atlantik bis zur pazifischen Küste, vom Golf von Medxiko bis zu den Eisbergen Alaskas.

Koeppen in New Orleans

Ich suchte den New Orleans Jazz. Es gab ihn nicht, es gab ihn nicht mehr. Er war nach Norden ausgewandert oder nach Westen, in tolerantere Gegenden, oder er reiste durch Europa, spielte in Paris, begeisterte Hamburg, hatte sich für viel Geld an die Schallplattenfirmen und Rundfunkgesellschaften verkauft. Wohl fand ich die alten gelobten Stätten, die Paddock Lounge, die "famous Door", die Erinnerungen an Pap Celestin, die vergilbten Photographien, doch nur die Photographien der Heroen von Basin Street und des niedergerissenen kreoloischen Viertels. Das muss damals eine fröhliche Gotteswelt gewesen sein trotz aller Armut und alles Unrechts. Heute ehrte man wohl noch das Andenken der Meister des Blues, der Väter jedes grossen Jazzstils, aber auf den Podien gab es nur noch die gewöhnlichste und kommerzielle Unterhaltung.

Max Frisch

Max Frisch Seit vorgestern US-Einmarsch in Kambodscha, heute im Fernsehen die üblichen Bilder: Tanks von hinten, Helikopter in Schwärmen, Soldaten mit schiefen Helmen und mit schwerer Packung.

Die Worte stammen von Max Frisch, sie sind seinem Tagebuch 1966-1971 entnommen. Und sie beziehen sich auf seine Visite im Weissen Haus genau in dem Moment, als die US-Armee den Vietnamkrieg ausweitet.

Peter Handke

Peter Handke

Besichtigen einer Weltmacht.
Das Gefüttertwerden mit Signalen der Grösse und Gewalt
Das Herumtreiben in einem Land
So riesig, wie Europa nie war, Deutschland nicht
Die Schweiz und Österreich nicht.
Grosse Orientierungsnot.
Anfall von Schwindel.

 

 

Thomas Hürlimann, Carleton, 1996

Hürlimann Es ist ein natürlicher Vorgang. Ein kapitalistischer Vorgang. Der Weizen hielt sogar den härtesten Wintern stand, der Dürre, dem Halmrost - früher hatte die Glut ihn erstickt, jetzt erstickt er an sich selbst. An seiner eigenen Fülle. Überproduktion: Die welt kann nicht verdauen, was der Kornvulkan ausstösst, die Preise sinken, die Farmer liefern weiter, die Börse reagiert, jetzt srürzen die Preise, die Börse in Panik, auch die Banken, die Krise ist da, Konkurs, der Crash.
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