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    21./22.05.1999

  • Metropolis auf Sand
    Ein Jahrhundertspaziergang durch Berlin

Tor

Autoren:  Angelika Schrobsdorff
   Prof. Herbert Kundler
   Prof. Peter Steinbach

 

 

Angelika Schrobsdorff, Schriftstellerin

Berlin habe ich erst kennengelernt, als ich das Buch über meine Mutter schrieb und mich notgedrungen mit dieser Stadt beschäftigen mußte. Es war ihre Stadt gewesen, die sie geliebt hatte und die mir nach Jahren des Heimwehs, dann des Hasses, dann der Abwehr, gleichgültig geworden war. Ich war gezwungen, meiner Mutter, einem Ausbund an Temperament, Lebenslust und Wißbegierde, durch die Straßen, die Jahre, die Epochen und Milieus, die sie von 1893 bis 1939 durchwandert hatte, zu folgen: von der warmen, dumpfen Enge des jüdischen Textilmilieus, in das sie hineingeboren wurde, über Literaten- und Künstlerkreise bis in die frostige Atmosphäre des preußischen Junkerstandes, in den sie mich hineingeboren hat; von der behaglich häßlichen Parterrewohnung in Charlottenburg bis in die modern oder antik eingerichteten Villen Dahlems, Grunewalds und Wannsees; von den behäbigen Familiencafés und Operettenmusik bis in die maßlose Vielfalt des Berliner Kultur- und Amüsierbetriebs; vom Kaiserreich über die Weimarer Republik bis in das nationalsozialistische "Dritte Reich", vom Glück ins Unglück, von der Leidenschaft in den Überdruß, von einem christlichen Mann zum anderen, von einem Mischlingskind zum anderen. Sie hat zu meiner Verzweiflung nichts ausgelassen, meine Mutter, sie hat mir das Schreiben sehr schwer gemacht.

Es begann bereits mit der Jahrhundertwende, bei der sie sieben Jahre alt war - ein bezaubernd hübsches, rundes Kind mit rotbraunen Locken und jenen riesigen, dunklen Augen, von denen ein späterer Verehrer sagte. "Wenn man in die hineinfällt, kommt man um." Das Kind, das meine Mutter war, sah ich vor mir, aber das Berlin der Jahrhundertwende! Was stelle ich mir darunter vor?

Meine Erinnerung reicht bis in mein zweites Lebensjahr zurück. Sie besteht nicht aus zusammenhängenden Abläufen, sondern aus schemenhaften Bildern, die aber plötzlich in einem unbedeutenden Detail so eindringlich werden können, daß ich nicht sicher bin, ob sie mir von der Erinnerung oder aus einer Erzählung überliefert wurden.

Wir wohnten damals in Wannsee, in der Lindenstraße, einer abschüssigen Straße, an deren höchsten Punkt unser Haus stand. Ich sehe einen ungewöhnlich großen, asymmetrischen Raum, der mit Parkett ausgelegt ist. Auch einen schwarzen, aufgeklappten Flügel sehe ich und eine lange, gepolsterte Bank, die vor der Fensterwand zur Terrasse steht. Eine Treppe verbindet den Raum mit der oberen Etage, in der sich Bettinas und mein gemeinsames Kinderzimmer befindet. Es hat bemalte Wände, große Motive, von denen ich nicht mehr weiß, was sie darstellten, nur der Farben entsinne ich mich noch genau: ein klares Blau, Gelb und Orange.

Der Garten ist groß und senkt sich mit der Straße. Es stehen viele Bäume darin, und das Gras ist dicht und hoch. Die Beerensträucher sind im hinteren Teil des Gartens, einem schmalen Streifen, der sich an die Rückseite des Hauses anschließt. Die Terrasse sehe ich deutlich und nie ohne meine Großeltern, die zierliche, schwarzgekleidete Minna mit dem schmalen, dunklen Gesicht und dem eisengrauen Haar und den kleinen, rundbäuchigen Daniel mit der rosa Glatze und der Warze unterhalb des linken Mundwinkels. Sie sitzen an einem runden Tisch unter einem Sonnenschirm, der - aber das kann ich auch später dazugedichtet haben - Muster und Farben eines Fliegenpilzes hat.

Als ich etwa zweieinhalb Jahre alt war, verließen wir Wannsee. Ich hatte meiner jüdischen Mutter den Weg in die preußische Junkerfamilie geebnet, so wie mein Bruder, zwölf Jahre zuvor, seinem christlichem Vater den Weg in die jüdische Familie geebnet hatte. Meine Eltern hatten geheiratet und wir zogen in ein vornehmes Haus in Berlin-Grunewald.

Aus Else war Frau Doktor Schrobsdorff geworden, eine Dame mit allem, was dazugehört, aber ohne deren Allüren. Ihr Ankleidezimmer war gefüllt mit seidener Unterwäsche, Kleidern für jede Saison und Gelegenheit, Mänteln aus Stoff und aus Pelz, Schuhen und Sandalen mit hohen Absätzen und Hüten mit breiten Krempen, Federn und Schleiern. Ihr Haar hatte den neuesten Schnitt, ihre Lippen waren geschminkt, ihre Fingernägel rot lackiert. Sie war so schlank geworden, wie es ihr gedrungener Körperbau, und so modisch, wie es ihr Interesse zuließen. Aber sie hatte nie die Figur und die geschliffene Eleganz, die beeindruckten. Da war immer eine Locke, die sich nicht bändigen ließ, abgesprungener Nagellack, verruschte Strumpfnähte. Im Grunde machte sie sich wenig aus Mode und Kosmetik und überhaupt nichts aus Schmuck.

Ich war zehn Jahre alt, als ich Berlin verlassen mußte und als ich es wiedersah, waren all die, die ich geliebt hatte, tot. Mit ihnen war Berlin für mich tot. Ich habe nie wieder versucht es zum Leben zu erwecken.

In einem Heft fand ich neulich eine Notiz von mir. Ich muß sie kurz nach der Wende und einer langen Besichtigungsfahrt durch Ost- und West-Berlin geschrieben haben: "Ich sehe zum ersten Male wie groß und auch schön Berlin einmal war. Ich verstehe zum ersten Male, warum man Berlin so geliebt hat, warum meine Mutter, warum die deutschen Juden dort so glücklich waren."...

Prof. Peter Steinbach, Historiker

Berlin macht mich als Historiker bei jedem Stadtspaziergang auf eine merkwürdige Weise traurig und zugleich immer wieder aufs neue süchtig. Denn es gibt keinen Platz, kein Haus, keine Straße und keinen Ort, die sich nicht durch eine überbordende Fülle historischer Bezüge und durch mich Imme wieder erregende Erinnerungen auszeichnen. Hinter der Oberfläche der Stadt und ihrer Straßenfronten wird immer wieder eine zutiefst widersprechende Geschichte spürbar. Das ist etwas anderes als der "schöne Schein des Bösen". Das ist der Urgrund einer städtischen Geschichte, die erst im Zuge von Systemumbrüchen und Systemwechseln das ausbildet, was sie auszeichnet: ein Schillern, eine Ambivalenz unvergleichlicher Art.

Brecht, Walter Mehring, Kästner, Tucholsky, Heinrich Mann - alle stehen für Berlin und für das, was die Nationalsozialisten vertrieben, ausrotteten, entehrten. In der Tat, in der Weimarer Republik spiegelte sich in der deutschen Hauptstadt der Glanz einer kulturellen Blüte, die uns leicht übersehen läßt, daß der kulturelle Glanz der "Weimarer Kultur" auf unsicherem Boden gründete. Wer als Zeitgenosse vor allem für seine Existenz sorgen muß, hat keine Freude an glanzvollen Theateraufführungen. Er denkt an seinen ganz persönlichen Alltag, an die Not des Tages. Er verliert seinen Optimismus. Der galt als typisch berlinerisch. Immerhin lautete das Motto des Eckenstehers Nante, eines Berliner Originals und optimistischen Sinnbilds: "Lebenslauf, ick erwarte dir".

Optimismus erklärt die Berliner Geschichte nach der Machtergreifung aber nur zum Teil. Wir finden vor allem die Aufbruchstimmung der Nationalsozialisten, denen die Straße gehört, ein Optimismus, der trunken machte.

Er schlug sehr schnell in Machtgefühl und Machtgetöse um, das in einer entregelten Diktatur den Alltag bestimmte. Jeder kleine Privatstreit war bald zu politisieren. Wohnungen wurden geräumt, weil man die freien Wohnungen haben wollte, aber nur Erfolg haben konnte, nachdem man deren Bewohner als politisch unzuverlässig, als Juden, als Hörer von Auslandssendern denunziert hatte.

O-Ton: Reportage vom 30.01.1933, Razzien

Olympiade einschließlich oder Olympia-Fanfaren

Dieser bombastische Schwulst, dieses Bekenntnis zu Berlin und seinem Reichssportfeld mit Totenkultbühne kann nicht darüber hinweg täuschen: Berlin verkörperte geradezu alles, was Hitler verabscheute. Zwar war Berlin dem großen Zerstörer der Stadt in der Mitte der Jahre wie "eine Mischung aus Warenhaus und Hotel" erschienen, mithin als Spiegelbild einer verabscheuungswürdigen "modernen Kultur". Hitlers Großstadtvision orientierte sich am Untergang von Rom, dem, wie es ihm vorkam, jahrhundertelangen Symbol für die Bestimmung einer verderbten, kraftlosen, faulen und dekadenten Kultur. Drohend und düster spekulierte Hitler: "Würde das Schicksal Roms Berlin treffen, so könnten die Nachkommen als gewaltigste Werke unserer Zeit dereinst die Warenhäuser einiger Juden und die Hotels einiger Gesellschaften als charakteristischen Ausdruck der Kultur unserer Tage bewundern."

Berlin war vor allem die Stadt von Hitlers Architekten Albert Speer, sieht man von den größten Zweckbauten ab, die innerhalb kurzer Zeit unter Aufsicht durch andere Architekten in Berlin entstanden: das Ministerium für Göring, geschaffen von dem Architekten Sagebiel, das Flughafengebäude in Tempelhof, das Olympiagelände in Charlottenburg, die Neue Reichskanzlei in der Voßstraße und - bis heute unter den Trümmern des Teufelsberges begraben - die "Fakultät für Auslandswissenschaften", wo eine Herrschafts- und Unterdrückungselite herangezogen werden sollte, die Osteuropa unterwerfen und aus Berlin die Welthauptstadt Germania machen sollte.

Speer hatte seine Hand im Spiel, wenn es um die theatralische Herrschaftsarchitektur ging, bis zu Errichtung eines Lichtdomes mit Hilfe von Scheinwerfern der Fliegerabwehr.

Doch der Berliner ließ sich nicht tief beeindrucken: Göring? Ein Reichsschellenaugust. Goebbels? Ein Maul, so groß, daß ein Besen quer hineinpaßte. Generäle? Lammetafritzen.

Vorsicht, Feind hört mit, das las man an vielen Ecken. Das war das Erscheinungsbild normaler Diktaturen, die nur auf Angst Stabilität zu gründen vermögen.

Viele Grundsätze wurden verraten. Mehr sein als Schein? Denkst! Jedem das Seine? Wenn man! Berlin im Größenrausch? Na denn!

Deshalb ist es weiterhin wichtig und für die Stadt, die sich in Mahnmalsdebatten verlieren kann, vielleicht sogar lebensnotwendig, an Probst Grüber zu erinnern, der in den sechziger Jahren vor einer geschichtslosen Stadt warnte, weil sie leicht Hysterie als Folge des Vergessens zeigen könnte. Bis heute ist die ehemalige Reichshauptstadt Berlin so eine zeitgeschichtlich geprägte und historische bewußte, manchmal quälend bewußte Stadt geblieben...

Prof. Herbert Kundler, Publizist

Wer Jahrzehnte in Berlin gelebt hat, der wird, so sehr ihm auch so unvergeßliche Ereignisse wie die Blockade Westberlins, die große Freiheitskundgebung mit Ernst Reuter vor dem Reichstag, der Aufstand des 17. Juni, der Bau der Mauer am 13. August und schließlich deren Öffnung und die Wiedervereinigung der geteilten Stadt vor Augen stehen, die "Stunde Null" nicht aus dem Gedächtnis verlieren.

Jeder hat sie anders erfahren. Ich lebte bereits illegal in einem Kellerzimmer in Neu-Westend. Immer lauter drang der Kanonendonner aus dem Osten herüber, die Botschaft des nahenden Endes. Niemand hat die Tage und Nächte vor der Eroberung Berlins erschütternder und präziser beschrieben als Theodor Plivier:

"Die sowjetischen Batterien standen im Bogen um den Stadtkern herum ... der brennende Himmel über der Stadtmitte wurde gespeist von immer neu aufbrechenden Detonationen ... Tote überall, von Panzern und Lastwagen überfahren und in den aufgerissenen Straßengrund gewalzt ..."

Berlin kapitulierte am 2. Mai 1945 um 15 Uhr. Bis zum Abend nahmen die Sowjettruppen über 70.000 Soldaten und Offiziere gefangen.

Noch zwei Tage zuvor hatten Bombensplitter das Fenster meiner Bleibe durchschlagen und mich, wie ein Wunder, nicht getroffen. Nun wagte ich mich erstmals wieder auf die Straße. Ein paar Häuser weiter winkte ein väterlicher Freund, Hugo Thienhaus. Im I. Weltkrieg hatte er beide Beine verloren. Auf zwei Prothesen stand er vor seinem Gartentor, ein Mann von mächtiger Gestalt. Außer sich vor Freude rief er "Das Schwein ist tot!". Er hatte Hitler gehaßt und nicht erst in den berühmten "fünf Minuten vor zwölf" die Fronten gewechselt, als der Spruch die Runde machte "Tausche großes Bild von Hitler gegen kleines Brot von Wittler...". Manche betranken sich vor dem Untergang des 1000jährigen Reiches, damit die Soldaten der Roten Armee im Weinkeller leere Regale vorfänden. Plötzlich standen Wohnung leer: NS-Funktionäre waren überstürzt in den Westen geflohen, während als letztes Aufgebot ein "Volkssturm" aus Jugendlichen und zuvor "Wehrunwürdigen" Straßenbarrikaden ins Pflaster rammen sollte.

"Stunde Null" - und eine neue Zeit begann: Befehl des Militärkommandanten und Chefs der Besatzung von Berlin, Generaloberst Bersarin: "Bis zur Herausgabe besonderer Anweisungen ist in der Stadt Berlin nach Moskauer Zeit zu arbeiten." Und wieder Brandgeruch. Er kommt aus den Wohnungen: In Panik verbrennen Familien ihre Hakenkreuzfahnen.

Keine Wasserversorgung, kein Strom, keine Verkehrsmittel - die Stadt, die 1939 bei Kriegsausbruch 4,3 Millionen Einwohner hatte, scheint sich in hunderte von kleinen Dörfern aufzusplittern. Auf dem Mittelstreifen der Reichsstraße und andernorts Plakate der Russen: "Die Hitler kommen und gehen, das deutsche Volk aber bleibt bestehen".

Aus unerfindlichen Gründen werde ich, noch keine 20 Jahre alt, Minibürgermeister im Kiez. Die Angst vor Vergewaltigungen geht um. Ich hole die Militärpolizei, die gegen eine streunende Soldateska eingreift, zornig darüber, daß Ausschreitungen das Ansehen der siegreichen Roten Armee schädigen. Doch Uhren und Fahrräder wechseln die Besitzer. Aufgeregte Anfragen: "Da ist ein SS-Mann getürmt, der wollte einen Anzug meines Mannes und hat die Uniform dagelassen! Wie kriegen wir die weg, ohne daß uns etwas passiert? Vieles passiert! Im Kiez wird ein Elektronikexperte "abgeholt" - man hat nie wieder vom ihm gehört. Der Buchhändler will Rat, wie er seine Nazi-Literatur verschwinden lassen kann. In einer Ruine hat jemand Waffen versteckt, ein Nachbar hat es beobachtet. Nun fürchtet er, daß im Fall der Entdeckung die Ruine samt seinem Haus in die Luft gesprengt wird. Die Schlangen vor den Wasserpumpen sind die Nachrichtenbörse. Manche schicken die Großmütter zum Wasserholen, damit sie vorgelassen werden.

Ausgemergelte, neue Gesichter: Ausgebombte - Luftangriffe und Artelleriebeschuß haben 60 Millionen Kubikmeter Schutt hinterlassen. Die Zahl ist abstrakt, und wir kennen sie damals noch nicht. Flüchtlinge und Ausgewiesene aus den Ostgebieten irren in den Trümmern umher, Wehrmachtsangehörige, die der Gefangenschaft entgangen sind - wo sie ihre Familie, Freunde, Bekannte suchen, stehen die Häuser nicht mehr. Ein halbes Jahrhundert und ein paar Jahre ist das her. Für die, die in die neue Bundeshauptstadt umziehen, eine ferne Legende...

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