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    28./29.05.1999

  • Niemand so stark wie wir
    Eine Lange Nacht mit jungen Autoren

Collage

Moderation:  Christoph Schmitz
Studiogäste:  Karen Duve
   Zoran Drvenkar
   Tanja Dückers
   Ralf Bönt

 

 

Der Literaturbetrieb lechze geradezu nach Jungautoren, meinte die TAZ. Auch in diesem Jahr habe er seinen Jungstar aus der Taufe gehoben und ihn zum Protagonisten einer neuen Autorengeneration erklärt: Benjamin Lebert, 17 Jahre alt und Autor des autobiographischen Internatsromans "Crazy", den er bereits mit 16 geschrieben hat. Im vergangenen Jahr war es die 28jährige Judith Hermann, die mit ihrem Erzähldebüt "Sommerhaus, später" nicht nurKritik und Leser ins Schwärmen brachte, sondern angesichts der um die 100 000 verkauften Exemplare wohl auch den Verlag. Und im Jahr zuvor waren Medienrummel und Auflagesegen der Schweizerin Zoe Jenny und ihrem Romandebüt "Das Blütenstaubzimmer" beschieden gewesen. Der Preis für die öffentliche Aufmerksamkeit ist freilich, "daß die fotogenen Jungautorinnen oft wichtiger scheinen als ihre Literatur", hieß es im Spiegel. Wie ist dieses besondere Interesse an jungen Autoren zu erklären? Sind da nur Verlagsstrategen am Werk, die mit sensationsträchtigen Ankündigungen wie "der jüngste Autor der Verlagsgeschichte" (Kiepenheuer&Witsch-Werbung über Benjamin Lebert) den Betrieb aufmischen? Oder sucht in den Texten der jungen Autoren eine ältere Lesergeneration vielleicht nach Einsicht in eine ihr fremde Lebenswelt? "Wir gehen in den Fußgängerzonen oft genug ratlos hinter diesen jungen Schlacksen her, die mit verkehrt herum aufgesetzten Baseballkappen, übergroßen Hosen und riesigen Turnschuhen abwesend und abweisend vor uns herschlurfen. Lebert schafft es nicht nur, daß wir ahnen, was in den Köpfen vorgeht, er schafft es sogar, daß wir die mögen, die sie tragen", schrieb Elke Heidenreich über "Crazy". Vielleicht sind es aber auch ein neuer Ton des Erzählens und neue Themen, die die Arbeiten jüngerer Autoren so anziehend machen. "Die Enkelgeneration tritt an", diagnostizierte der Literaturkritiker Volker Hage, "während die vor und im Krieg geborenen deutschen Schriftsteller - wie Monika Maron, Martin Walser oder Christa Wolf - derzeit ihre Rückschaubemühungen, ihr Nachdenken über deutsche Befindlichkeiten eher noch intensivieren, scheinen viele der nach 1960 geborenen Autoren diese Beschwernis abschütteln zu können". Poetische Unbefangenheit, Spaß an guten Geschichten - zahlreiche neuere Titel junger Autoren scheinen dafür zu stehen; außer den bereits erwähnten Arbeiten "Die Angst der Fische in der Tiefe" von Götz Thomalla (*1973), "Spielzone" von Tanja Dückers (*1968), "Mücks Nachtmeer" von Robert Charles Owen (*1970), "Niemand so stark wie wir" von Zoran Drvenkar (*1967) - Romane, die ins turbulente Berlin von heute führen-, weiterhin: "Regenroman" von Karen Duve (*1962), "Icks" von Ralf Bönt (*1963) und "Stadt Land Fluß" von Christoph Peters (*1966).

Die Studiogäste:

Karen Duve Karin Duve: geboren 1961, zog vor kurzem von Hamburg in das kleine Dorf Zernien in der Nähe von Dannenberg. Nach dem Abitur schlug sie sich mit Gelegenheitsjobs durch, Regenroman arbeitete als Korrektorin und Taxifahrerin in Hamburg, bis sie sich 1990 entschloss, nur noch von ihren Texten zu leben. Die Autorin erhielt neben Stipendienaufenthalten im Rowohlt-Haus in New York und dem Stuttgarter Schloß Solitude zahlreiche Auszeichnungen für ihr literarisches Erzählen - darunter den Preis für junge Prosa, Arnsberg, den Open-Mike der LiteraturWerkstatt Berlin und den Bettine-von-Arnim-Preis. Als Mitautorin des "Lexikons der berühmten Tiere", in dem vom Bismark-Hering bis zum Ikea-Elch die ganze Tierprominenz versammelt ist, wurde sie bereits einem größerem Publikum bekannt. "Der Regenroman" ist Karin Duves erster Roman. Als der Hamburger Schriftsteller Leon sein Traumhaus am Rande eines ostdeutschen Moores finde, scheint alles bereit für eine glückliche Idylle. Aber das Moor und der Morast menschlicher Beziehungen sind tückisch. So, wie die Schneckenplage und der unablässige Regen die Grundmauern des Hauses angreifen, so durchdringen Gleichgültigkeit und Kälte Leon und seine Ehe. Ein zugelaufener Hund und die erotischen Verwirrungen um die herbe Kay und ihre nimmersatte, fette Schwester Isadora beschleunigen den Zerfall.

Tanja Dückers Tanja Dückers: geboren 1968 in Berlin. Sie studierte Germanistik und Nordamerikanistik in Berlin. Längere Aufenthalte in den USA, Amsterdam und Barcelona. Mehrere Literaturstipendien,. 1. Preis für Reiseliteratur des westfälischen Literaturbüros in Unna (1998). Sie lebt in Berlin. Spielzone Berlin, Ende der neunziger Jahre, eine Stadt zwischen Provinzialität und Szeneleben. In Neukölln und Prenzlauer Berg - genauer in der Thomas- und der Sonnenburger Straße - treffen beide Welten aufeinander. Das sind zum Beispiel Elida und Jason, zwei Paradiesvögel in Neukölln, die in schrillen Siebziger-Jahre-Klamotten herumlaufen, in mehr oder minder seriösen Jobs Geld verdienen, meist aber nur Musik hören, in der Badewanne liegen und miteinander schlafen. Von den Nachbarn werden die beiden Traumtänzer neugierig-wohlwollend beobachtet, von einem biederen Angestellten sogar vom Dach einer Friedhofsgruft observiert. So wie das Szenepaar Inbegriff der unausgelebten Sehnsüchte der Leute ringsum ist, so dient der Thomasfriedhof als Ort nichtalltäglicher, abgehobener Aktivitäten: Für Partys oder eben Spannereien. Für die jungen Leute ist Neukölln trotzdem ein langweiliger, fast verslumter Bezirk, ohne Szene, Spaßkultur oder Events. Die gerade findet man im Prenzlauer Berg, und darum zieht auch die Studentin Katharina dorthin. Sie trifft auf Szenegänger zwischen zwanzig und dreißig, die ständig auf der Suche nach angesagten Locations sind, Eventhunting betrieben und natürlich ihr freizügiges Sexleben ausstellen. Dennoch holen auch sie hier Gewöhnung und Überdruß ein - und plötzlich geht es einfach wieder um so etwas Altmodisches wie Liebe.

Zoran Drvenkar Zoran Drvenkar: geboren 1967 in Krizevci, Jugoslawien, zog er 1970 mit seinen Eltern nach Berlin. Dort verbrachte er die seinem Roman "Niemand so stark wie wir" beschriebenen Kinder- und Jugendtage. Niemand so stark wie wir Seit 1989 arbeitet er als freier Schriftsteller und erhielt mehrere Literaturstipendien für seine Romane, Gedichte und Kurzgeschichten. "Niemand so stark wie wir" ist seine erste Romanveröffentlichung. Zoran Drvenkar lebt heute in Berlin und Vehlin. Berlin-Charlottenburg, rund um die Philippistraße: das ist das Viertel von Zoran und seiner Clique. Da ist Adrian, sein bester Freund; Karim, der Sohn eines türkischen Gemüsehändlers; Sprudel, der Junge, der beschlossen hat, kein Sterbenswörtchen mehr zu reden; Terri, Zorans Freundin aus dem angrenzenden Viertel, wo die schmucken Häuser stehen; und all die anderen. Da ist aber auch die Türkenclique, die ihnen den geliebten Fußballplatz streitig machen will. In jenen Tagen und Wochen pulsiert ihr Leben voller Liebe und Streit, Freundschaft und Auseinandersetzung, Träume und Ängste. http://www.hainholz.de/wortlaut/inhrez.htm wortlaut.de Göttinger Zeitschrift für neue Literatur - Verzeichnis der Buchrezensionen, u.a. Lebert, Peters, Drvenkar

Ralf Bönt Ralf Bönt: geboren 1963, lebt in berlin und Bielefeld. Nach Kfz-Lehre, Studium und Promotion in Theroretischer Physik, Forschungsaufträgen u.a. in Genf und New York, arbeitet er seit 1994 als freier Schriftsteller. Ralf Bönt veröffentlichte Kurzprosa und literarische Essays in zahlreichen literarischen Zeitschriften und war herausgeber der zeitschrift "Konzepte". Bei dem 21. Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis 1998 wurde ihm dasr 3-Sat-Stipendium zuerkannt. "Icks" ist sein erster Roman. Icks Ingeborg Bachmann Preis 1998 - mit vielen Autorentexten
Ingo Arend über: Generation dazwischen - REGEN IM HERZEN - In seinem Debütroman "Icks" gelingt es dem Berliner Schriftsteller Ralf Bönt, die Sprache für eine Generation zwischen allen Stühlen zu finden Von Berlin ans Ende der Welt: Icks reist zurück in seine Heimat, ein tristes westfälisches Kaff. Seit mehr als zehn Jahren hat er sich dort nicht mehr blicken lassen, und geplant war auch nur eine unverbindliche Stippvisite. Aber schon auf dem Bahnhofsvorplatz ist Icks mittendrin in seiner Vergangenheit, verfolgen ihn die Erinnerungen an seine erste Liebe, an die monströse Skulptur vor der Kunsthalle und den nicht gegebenen Elfmeter damals. Am Ende seines Besuchs wartet das Treffen mit den Eltern, dessen Ausgang ihm schon Stunden vorher gespenstisch deutlich vor Augen gestanden hat.

Links:

weitere Literaturtips:

  • Andreas Steinhöfel:
    "Die Mitte der Welt", Roman
    Hamburg: Carlsen, 1998
    http://www.hainholz.de/wortlaut/steinh.htm
  • Stiftung für zukünftige Generationen (hrsg.)
    Die 68er. Warum wir Jungen sie nicht mehr brauchen
    Kore Verlag, 1998
  • Herausgeben vom Jugendwerk der Deutschen Shell
    12. Shell Jugendstudie
    Jugend 97. Zukunftsperspektiven, Gesellschaftliches Engagement, Politische Orientierung
    erschienen bei Leske+Budric
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