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  11./12.6.99

  • Was wäre geschehen, wenn... - Die Lange Nacht der historischen Spekulationen

     

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    Archiv 1999

    Archiv 1998

    Uhr
    Moderatoren:  Dietrich Möller
     German Werth
    Studiogäste:  Michael Salewski
     Alexander Demandt
     Prof. Helmut G. Walther

    Wer hat sich nicht schon im Rückblick die Frage gestellt, ob alles so kommen mußte, wie es gekommen ist? Und unter welchen Umständen es ganz anders gekommen wäre, wenn - ja, wenn...

    Eine Fragestellung für Stammtische, freilich. Doch sie ist längst auch eine für seriöse Historiker. So hat jetzt, an der Jahrtausendwende, der junge englische Geschichtsforscher Nial Ferguson sogar die "Urkatastrophe" (George Kennan) dieses Jahrhunderts in Frage gestellt: Den Ersten Weltkrieg. Was wäre geschehen, wenn sich England im August 1914 aus dem Krieg zwischen Deutschland, Frankreich und Rußland herausgehalten hätte? Ein deutscher Sieg, gewiß. Vielleicht aber am Ende eine europäische Union unter Führung Deutschlands; kein Eingreifen der USA; keine bolschewistische Revolution; kein Stalin; kein Hitler... Ferguson: "Wäre der Erste Weltkrieg nie ausgefochten worden, dann hätte die Konsequenz schlimmstenfalls wie ein erster Kalter Krieg sein können, ein Gleichgewicht zwischen den fünf Großmächten, doch ohne das eigene ökonomische Wachstum zu bedrohen. Ein Faschismus hätte sich eher in Frankreich, das vor 1914 weit schärfer antisemitisch war, als in Deutschland ausgebildet... ; nach einem deutschen Sieg hätte Adolf Hitler sein Leben wohl als mittelmäßiger Postkartenmaler beendet, Lenin ewig in Zürich auf den Zusammenbruch des Kapitalismus gewartet..."

    Ferguson wie andere Vertreter einer ´alternativen` Geschichtsbetrachtung können sich nicht nur auf Friedrich Nietzsche berufen, der den "Götzendienst des Tatsächlichen" angeprangert hatte, sondern gar auf den Urvater der deutschen Historiographie, auf Leopold von Ranke, der eine Notwendigkeit im Geschichtsverlauf verneinte und sich durchaus auf die immer noch "verpönte Überlegung" (Alexander Demandt) eingelassen hatte, "was wäre geschehen, wenn..."

    Übrigens haben es Schriftsteller den Historikern seit langem vorgemacht; es gibt eine Fülle von Romanen, in denen historische Ereignisse aufgenommen und zu einer eigenen Form von Science-fiction umgekrempelt wurden. 1910 erschien in Deutschland ein Roman "für die reifere Jugend", in dem "Der Einfall der Deutschen in England" geschildert wurde, über ein halbes Jahrhundert später beschrieb der Thriller-Autor Len Deighton die geglückte Invasion von Hitlers Wehrmacht auf der britischen Insel ("SS gegen GB"); der Klassiker der ´historical fiction` (erfundenen Geschichte) ist der Italiener Guido Morselli, der in seinem Roman ´Licht am Ende des Tunnels` den ganzen Verlauf des Ersten Weltkrieges umkrempelte, indem er durch einen unterirdischen Gang 1916 deutsche Truppen gefahrlos in Italien einmarschieren ließ.

    Aber natürlich gehen die Historiker eigene Wege - immer mehr und immer öfter. Die ´alternative`, die fiktive Geschichtsbetrachtung boomt. Die Lust am Virtuellen, am Spiel mit historischen Möglichkeiten hat Einzug in die Geschichtsschreibung gefunden. Ohnehin war und ist ja die Rekonstruktion von Vergangenheit ein schwieriges Unterfangen: Wie steht es um die Echtheit von Quellen? Schreibt nicht auch jeweils der Zeitgeist mit an Geschichtswerken? Macht nicht überhaupt auch der Zufall Geschichte?

    Was wäre - beispielsweise - geschehen, wenn Friedrich der Große Maria Theresia geheiratet hätte? Wenn Hitler 1939 dem Attentat im Münchner Bürgerbräukeller zum Opfer gefallen wäre? Wenn Goethe nicht nach Weimar gegangen, Rom von Hannibal eingenommen worden wäre? Wenn Kaiser Friedrich Barbarossa nicht auf dem Kreuzzug ins Heilige Land ertrunken, Wallenstein am Leben oder der deutsche Kaiser Friedrich III., der im Gegensatz zu Wilhelm II. ein liberaler, friedliebender Mann war, 1888 nicht (nach nur 99 Tagen auf dem Thron) an Krebs gestorben wäre?

    "Historiker sind neugierig, sie wollen keine Frage- und Denkverbote, darüber haben wir nun sattsam lange und schmerzhaft diskutiert", meint der Zeitgeschichtler Michael Salewski. "So wie wir in Unkenntnis künftigen Geschehens mehrere Möglichkeiten bedenken müssen, so müssen wir ebenso in Unkenntnis vergangenen Geschehens mehrere Möglichkeiten einkalkulieren. Dem ´Es kann so, aber auch anders kommen` entspricht das ´Es kann so, aber auch anders gewesen sein!`" fordert Alexander Demandt.

    In der Langen Nacht besteigen Historiker und Publizisten gleichsam eine Zeitmaschine, um in die Vergangenheit zu reisen und verborgene Möglichkeiten zu entdecken: "Was wäre geschehen, wenn...?"

    German Werth

    Literaturliste:

    • Alexander Demandt Ungeschehene Geschichte, Ein Traktat über die Frage: Was wäre geschehen, wenn? Göttingen 1986, 1999
    • Niall Ferguson (Hrsg.)
      Virtuelle Geschichte. Historische Alternativen im 20. Jahrhundert.
      Wissenschaftliche Buchgesellschaften Darmstadt, 1999
    • Michael Salewski (Hrsg.)
      Was wäre, wenn ..... Alternativ- und Parallelgeschichte.
      Wiesbaden 1999
    • Hans-Joachim Alpers/ Werner Fuchs/M. Ronald/ Wolfgang Jeschke
      An den anderen Ufern: Alternativ- und Parallelwelten,
      in: Dies. (Hg.) Lexikon der Science Fiction Literatur
      München 1987
    • Karl Michael Armer
      Schubladenprojekte der Weltgeschichte,
      in: Ders. (Hg.), Hiroshima soll leben!
      München 1990
    • Bodo von Borries
      Imaginierte Geschichte. Die biographische Bedeutung historischer Fiktionen und Phantasien
      (= Beiträge zur Kulturgeschichte, 1)
      Köln 1986
    • Reinhardt Koselleck
      Der Zufall als Motivationsrest in der Geschichtsschreibung,
      in: Ders., Vergangene Zeiten. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten
      Frankfurt 1993
    • Michael Salewski
      Andere Welten, andere Geschichten: "Verheißung oder Drohung?
      in: Burmeister, Klaus/Steinmüller, Karlheinz (Hg), Streifzüge ins Übermorgen.
      Science Fiktion und Zukunftsforschung
      Weinheim, Basel 1992
    • Michael Salewski
      Zeitgeist und Zeitmaschine. Science Fiction und geschichte.
      München 1986
    • German Werth
      Was wäre geschehen, wenn.... Das Dritte Reiche als Rohstoff für Thriller Autoren.
      Beiträge der Stuttgarter Zeitung vom 6.3.1982
      und: Deutschlandfunk 2.4.1981
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