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La Bohème

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Archiv 1998

Das gesamte Manuskript Teil 1

Erster Teil: Paris - Berlin (1850-1900)

(MUSIK)

A:

Die Bohème ist eine Form der schöpferischen Gegen-Kultur, ein Akt der Rebellion - die Daseinsform der ewig Jungen, der kultiviert Leichtsinnigen, der Spötter und der Liebenden. Café und Atelier bilden ihre Spielwiese.

Die provisorische Existenz des Bohemiens, des kunstsinnigen Lebenskünstlers, hat als erster der französische Schriftsteller Henry Murger ins Bild gesetzt. Seinen eigenen Erfahrungen als hungernder Literat gewann er die witzigen Seiten ab in dem pittoresk-realistisch-sentimentalen Roman "Scènes de la vie de bohème", der 1851 erschien und sein einziger Erfolg blieb.

Dem Publikum, das sich an der rührseligen Bühnenfassung und an Puccinis Oper erfreute, kam nicht in den Sinn, daß der Autor Murger, Hedonist und Künstler der Mansarde, an den Folgen seiner jugendlichen Entbehrungen mit 38 Jahren gestorben ist.

In der Vorrede zum Roman äußert er sich zum Wesen der "echten Bohème".

HM:

Die Bohemiens wissen selbst aus unglücklichen Zufällen Nutzen zu ziehen. Regen oder Staub, Schatten oder Sonne, nichts hält diese kühnen Abenteurer auf, deren Laster sämtlich mit einer Tugend gepaart sind. Ihr Geist wird stets wach gehalten vom Ehrgeiz, der ihnen zum Angriff bläst und sie zum Sturm auf die Zukunft treibt: ohne Unterlaß liegen sie im Kampf mit der Notwendigkeit, und ihre Erfindungsgabe, die stets mit brennender Lunte einhergeht, sprengt auf diese Weise das Hindernis, ehe es sie überhaupt zu hemmen vermochte. Jeder Tag ihrer Existenz ist ein geniales Kunststück, ist ein tagtäglich von neuem auftauchendes Problem, das zu lösen ihnen mit Hilfe verwegener Rechenkünste stets gelingt. Diese Leute zwängen selbst Harpagon, ihnen Geld zu leihen, und sie fänden Trüffeln auf dem Floß der "Medusa". Wenn nötig, wissen sie mit der ganzen Tugend eines Anachoreten Enthaltsamkeit zu üben; aber fällt ihnen ein wenig Geld in die Hände, so sieht man sie alsbald die kostspieligsten Launen reiten; sie lieben dann die Schönsten und Jüngsten, trinken vom Besten und Ältesten und finden nie genug Fenster, um ihr Geld hinauszuwerfen. Wenn dann ihr letzter Heller tot und begraben ist, beginnen sie wiederum am Mittagstisch des Zufalls zu speisen, wo immer er für sie gedeckt ist, und mit einer Meute von Listen wildern sie in allen Gewerben, die irgendwie mit der Kunst verwandt sind, und jagen vom Morgen bis zum Abend das wilde Tier, genannt Fünffrancsstück.

Die Bohemiens wissen alles und gehen überallhin, je nachdem sie Lackstiefel tragen oder zerrissene Schuhe. Man trifft sie eines Tages, wie sie sich an den Kamin eines Salons der Gesellschaft lehnen, und am Tage darauf an Tischen unter den Lauben der Tanzlokale. Sie können auf dem Boulevard keine zehn Schritte tun, ohne einem Freund zu begegnen, und nirgends dreißig, ohne auf einen Gläubiger zu stoßen.

Es ist ein Leben der Geduld und des Mutes, in dem man nur kämpfen kann, wenn man mit einem festen Panzer der Gleichgültigkeit gewappnet ist, hiebsicher gegen Dumme und Neider; wo man, wenn man unterwegs nicht straucheln will, keinen einzigen Augenblick den Stolz auf sich selbst aufgeben darf, der als Wanderstab dient.

(MUSIK: Camille de Saint-Saens, Le .... aus "Karneval der Tiere")

A:

Die Pariser Bohemiens im "Café Momus" fühlen sich wohl in ihrer Rolle als Lebenskünstler, aber darüber hinaus sind sie natürlich auch Künstler - oder wollen es sein. Sie bilden, dies der romanhafte Aspekt, untereinander eine Gesellschaft der

verkannten und unerkannten Genies, die so frei bleiben wie arm.

Der Roman von Henry Murger hat stilbildend gewirkt in Europa. In Wien, München, Berlin, Oslo trifft man in den 90-er Jahren des 19. Jahrhunderts auf den Typus Bohemien, der aufgeht in seinen Ideen und Amouren, sei er Künstler oder Phantast, Redakteur, Schauspieler oder, was noch nicht viel heißen will, "Anarchist".

Im damaligen Berlin haben sich verschiedene Kreise heraus-gebildet, in denen man à la bohemienne verkehrte. Ihre Zentren waren Schenken und Cafés und der kleine Berliner Vorort Friedrichshagen, die literarische Sommerfrische des Naturalismus und der gemäßigten Sozialrebellen.

Der Schriftsteller und Redakteur Otto Julius Bierbaum hat in seinem Roman "Stilpe" von 1897 ein quirlig-ironisches Porträt der damaligen Bohème und seiner hervorstechendsten Vertreter gezeichnet.

Willibald Stilpe ist zum gefürchteten Kritiker avanciert, aber sein Dasein widert ihn an. Er möchte aus dem falschen Leben heraus und wieder im "richtigen" ankommen. Aus Stilpes Tagebuch:

O.J.B.:

Ich sehne mich nach Unordnung, nach Verrücktheit, nach dem Gelächter derer, die nichts zu verlieren haben.

Ah, du altes, treues Wort: Bohème! Ein gelangweilter Lump zu sein, ein Lump in Wohlsein und Ängsten vor dem bißchem Daseinsgefahr - wie schal und schäbig! Aber ein lachender Lump, ein königlich selbstherrlicher Lump, mit leerem Beutel und den Taschen voll Hoffnung, ein dichtender Lump, ein Lump voll Laune und närrischen Plänen, ein freier Lump mit der Grazie des selbstbewegten Lebens -, wie köstlich und groß!

Bohème! Bohème! Der Gedanke läßt mich nicht mehr los: Heraus aus diesem behäbigen Lumpentum und hinein ins freche Abenteuer!

Ich muß mich wieder berauschen können und nicht nur trinken.

Ich muß wieder einen Kreis um mich haben, in dem man betrunken wird an sich selber.

(MUSIK: Caprice)

O.J.B.:

Gleich nach dem Erscheinen des "Tintensumpfs" hatte Stilpe sein Quartier in die Nähe der Weidendammer Brücke verlegt. Da hauste er nun vier Treppen hoch nach seinem Geschmack wie ein Student, nur, daß es keine kümmerliche Bude nach dem Hof hinaus war, sondern groß, hell, mit dem Blick nach der Spree und weithin über einen guten Teil Berlin. Und laut war es, umbrodelt vom Lärm der Friedrichstraße, den man wie ein rollendes Rauschen hörte. Dazu das Rattern der Züge, die in den Bahnhof Friedrichstraße einfuhren, und von den Arbeiten am Neubau der Weidendammer Brücke her die dröhnenden Schläge des Rammwolfs, der die Notpfeiler in das Flußbett trieb.

Da aber gefiel es Stilpen gut. Hier fühlte er sich zu Hause. Das war nach seinem Geschmack: Ein schmuckloses Zimmer mit abgenutzten Möbeln, die er nicht mit besonderer Schonung zu behandeln brauchte; zu Nachbarn Garcons wie er, Studenten, Künstler und ein "besseres Mädchen"; die Hausordnung dementsprechend liberal, die Wirtin desgleichen.

-Ein guter Dunstkreis, hatte er gesagt, wie er die Wohnung bezog; hier laßt uns die Götter locken mit Pfeifen und klingenden Gläsern.

A:

Über seine furiose Zeitschrift strömen Stilpe bald die neuen, passenden Freunde zu - und ausgerechnet sind es die, die im Berlin der 90-er Jahre als extravagante oder "extra-terrestrische" Gestalten am meisten von sich reden gemacht haben.

O.J.B.:

Seine neuen Freunde waren selber Originale, kantig geblieben in der Rührbüchse eines zu derb zugreifenden Lebens, und gaben den Freunden Murgers nichts nach. Es waren köstliche Kumpane für ihn und dabei entschiedene Talente für feinste Kunst und freiestes Leben. Nur ein paar von ihnen waren schon mit Werken an die Öffentlichkeit getreten, und es war nun eine Quelle gemeinsamer herzlicher Freude, wenn sie und und Stilpe die niederträchtigen Kritiken zitierten, mit denen "der gefürchtete Kritiker Willibald Stilpe" sie einst an den Pranger gestellt hatte.

A:

Nun führt Bierbaum alias Stilpe ein die Gesellschaft von Paul Scheerbart, Peter Hille, Stanilaus Przybyszewski und Julius Meier-Graefe. Der "Bärenführer", der "Peripathetikier", "Kasimir, der Fugenorgler" und der "Zungenschnalzer" heißen sie bei ihm. Zusammen bilden sie den Kreis der "Eigentlichen".

O.J.B.:

Der Bärenführer ist der glücklichste aller Menschen. Zwar hat er kein Portemonnaie, aber er hat Weisheit. Er liebt seinen Gott, der ihm täglich von 10-12 Uhr zwanzig Quartseiten Phantasien schenkt. Hat er die niedergelegt und hat ihm sein Kochbär ein tüchtiges Mittagessen mit Grobheiten gewürzt, so wandert er los wie ein tanzender Derwisch, und eie Welt ist ihm eine Crèmestange mit Cognacfüllung. Er macht sich selbst zum Narren und lacht doch alle aus, denn seine Narrheit ist ihm sein Spiel. Er will nichts; das ist sein Geheimnis und seine Heiterkeit.

A:

Die gebratene Ameise. Arbeitsspaß von Paul Scheerbart.

P.S.:

Bei den fleißigen Ameisen herrscht eine sonderbare Sitte:

Die Ameise, die in acht Tagen am meisten gearbeitet hat, wird am neunten Tag feierlich gebraten und von den Ameisen ihres Stammes gemeinschaftlich verspeist.

Die Ameisen glauben, daß durch dieses Gericht der Arbeitsgeist der Fleißigsten auf die Essenden übergehe.

Und es ist für eine Ameise eine ganz außerordentliche Ehre, feierlich am neunten Tage gebraten und verspeist zu werden.

Aber trotzdem ist es einmal vorgekommen, daß eine der fleißigsten Ameisen kurz vorm Gebratenwerden noch folgende kleine Rede hielt: "Meine lieben Brüder und Schwestern! Es ist mir ja ungemein angenehm, daß ihr mich so ehren wollt! Ich muß euch aber gestehen, daß es mir noch angenehmer sein würde, wenn ich nicht die Fleißigste gewesen wäre. Man lebt doch nicht bloß, um sich totzuschuften!"

"Wozu denn ?" schrienen die Ameisen ihres Stammes - und sie schmissen die große Rednerin schnell in die Bratpfanne - sonst hätte dieses dumme Tier noch mehr geredet.

O.J.B.:

Der "Bärenführer war ein wunderlicher Mensch, der mitten in Berlin mit dem Gleichmut eines orientalischen Weisen lebte und, arm wie ein persischer Bettelmönch, sich mit einer köstlichen Grazie des Geistes aushalten ließ. Sein Reich war nicht von dieser Welt, aber wer sein Reich kannte, diese weiten kosmischen Räume voll unerhörter Phantasien und diese bunten Fabelstädte mit den intimsten Winkeln genießender Ruhe nach rasenden Räuschen, der wußte, daß seine Welt beträchtlich schöner war, als unsere. In der Heimat seiners Geistes wäre er wohl auch ohne Alkohol weise und heiter gewesen; in Berlin aber mußte er sehr viel trinken. Doch selbst im Alkohol blieb er harmonisch. Es schien, als ob er wirklich die Fakirkunst besäße, sich durch seelische Kräfte gegen alles Giftige immun zu machen.

P.S.:

Die Berliner Bohème unterscheidet sich von der Pariser vornehmlich in zwei Punkten. Die Berliner Bohème verfügt über kolossale Geldmittel und tafelt stets unter Ausschluß der holden Weiblichkeit.

Auf solche Enthüllungen ist sicherlich niemand gefaßt gewesen. Wir Berliner sind eben ganz andre Leute. Und der Torf der gewöhnlichen Weltanschauung erleidet wieder mal eine Revolution!

Sehen wir uns die großen Herren, die an Szepterführen so gewöhnt sind wie der irische Arbeiter an den Kartoffelsalat, einmal näher an! Du lieber Himmel! Einmal muß ja doch die Wahrheit an den Tag kommen.

Otto Julius Bierbaum, der immer mit Zollstock und Winkeleisen auftritt, baut die böhmischen Schlösser und Dörfer aus, was sehr lukrativ ist. Willy Pastor ist bekanntlich mit der bekannten Millionärsfamilie Astor verwandt - ein verhätschelter Enkel des reichsten Astor. Der kann lachen! Peter Hille hat ja seine Kohlegruben. Mackay, Halbe und Jacobowski besitzen immer noch ihre großen Güterkomplexe in Lothringen und Luxemburg. Der berühmte Papa Heilmann hat die intimsten Beziehungen zum Kaiser von China und soll drei Viertel der Stadt Peking sowie die halbe Mandschurei sein Eigen nennen.

(MUSIK: Caprice 2)

A:

Und Otto Julius Bierbaum fährt fort in seinem Exkurs über die neuen Freunde seines Romanhelden Stilpe, die sich zusammentun wollen gegen die "gewürdeten literarischen Beutelschneider".

Der nächste im Bunde ist der Dichter Peter Hille, der Besitzer der Kohlegruben.

O.J.B.:

Der zweite der Eigentlichen war der "Peripathetiker". Auch er repräsentierte Weisheit in einem ganz unmodernen Sinne. Stilpe behauptete, er sei die Reinkarnation des alten Diogenes, und diese Meinung traf das Wesen des Peripathetikers im Ganzen wohl. Nur kam ein gut Teil weicher Verträumtheit hinzu. Er übertraf den Bärenführer noch an sozialer Untergrundlosigkeit, denn er besaß keinen weiblichen Bären, der ihm kochte. Es kam vor, daß er im Tiergarten übernachtete. Sonst wohnte er bei Freunden herum. Dabei war er von sehr edlem Anstande und fühlte die Würde seines Geistes. Traf es sich, daß er in "bürgerlicher Gesellschaft" war, so trug er sofort, doch ohne Pose, ganz aus einem inneren Überlegenheitsgefühl, den Propheten zur Schau, der die Gewöhnlichen milde zum Handkuß zuläßt. Er hätte einen guten, feinen Mönch abgegeben, wenn er nicht etwas Vagantenhaftes gehabt hätte. Wo er auch immer war: er schrieb, und stets trug er Manuskripte mit sich herum, reich genug, fünf Nummern der Times zu füllen.

A:

Tauseele.

Henker und Rebellen.

Schul- und Bekenntnisschrift.

Manuskript von Peter Hille.

P.H.:

Der alte Knabe.

Ich gehe möglichst viel barfuß im dichtgewaschenen Sande des Strandes und in den Schaumkränzen, den weißen Sprüngen des auslaufenden Meeres. Mit freudigem Mitleid sehe ich, wie meine Zehen aus langer Haft in entstellendem Schuhwerk regsamer werden, wie die große Zehe Haltung annimmt und ordentlich, wie sich's für einen gerechten, geradezu gerichteten Fuß ziemt, nach außen ruckt.

So und soviele Jahre Kultur, da gehen einem die Augen auf. Und seien's auch nur die Hühneraugen ... O, es sind Kulturträger die Schuster.

Kulturträger wie jene andern Meister des Leistens, über den sie die werdende Menschheit, die jungen Seelen und schäumenden Geister schlagen.

Auch mich hat man über den Leisten gezogen und da, alles in allem, vierzehn Jahre gezerrt. Dann versuchte es noch für einige Jahre der Staat, die Presse. Am längsten das Elend.

Bin ich noch unverhunzt?

Mit kühnem Stolze eines Selbstwanderers, der auch die klaffendsten Abgründe nicht scheut, sag ich: "Ja".

Aber nur das, knapp entkommen. Nur mir hab ich das zu verdanken.

Zu verdanken, daß ich Verhunzungen entgangen, die nur ich selbst als Fälschungen an mir erkenne, die andere wohl gar für Vorzüge halten; ihr Fehlen mögen sie als einen Mangel empfinden.

Ich bestimme mich selbst.

Wildfrisch, ausgesetzt, ohne jede Zehrung fürs Leben. So ganz ohne Historie. Und stehe vor meinem neunundvierzigsten Jahre. Jemand, der noch nicht in sein Haus getreten ist.

Und noch immer Fluten und Werden. Noch nicht mal eine Mark gelt' ich auf dem Dichtermarkt.

Das ist erhaben, aber bang.

Noch immer dieses jäh Feine, frisch Scharfe, noch immer dieser in die Horizonte greifende Knabensinn.

Besonnen, klar bis in die letzten Fältchen, meinklar, kraftfreudig.

Ein alter Knabe.

Alt? - Nein: hinangejahrt.

Non scholae, sed vitae.

So sagt die Schule, tut's aber nicht. Wohl aber ich.

Das Märchen der eigenen Kräfte, das Leben in Geist und Urdrang und Bildkraft, das hab ich mir immer gewahrt, heimlich gewahrt. Heimlich, da man's offen mir nehmen wollte. Und war wohl da am stärksten, wo ich am schwächsten schien.

Ging da am richtigsten, wo man mich für verkommen hielt.

Die Übertreibung war Schuld des Zwanges.

Das Gesetz ist: ein Pendel, das man zu sehr nach rechts zieht, schnellt zu weit links.

Ja, diese Schulweisheit, diese pädagogischen Sprichwörter!

Worte sind es nicht.

Unworte, pergamentene Lügen.

Wie die Schulmeister auf uns herumsäen, so sollen wir ernten.

Und das wollen wir nicht.

O.J.B.:

Stilpe besaß ein Manuskript von ihm, einen Konzeptbogen in Quart, der außer den ersten Szenen zu einem Drama zwei Kapitel aus verschiedenen Romanen, sechs Gedichte in Prosa, drei in Versen und außerdem fünf Dutzend Aphorismen enthielt, alles durcheinander geschrieben, erst waagrecht, dann in senkrechten, dann in diagonalen Zeilen dazu. Und man durfte mit Recht und ohne Übertreibung sagen, daß ein geordneter, ökonomisch disponierender Literat von diesem einen Bogen gut ein Jahr seine geistigen Ausgabebedürfnisse hätte bestreiten können.

A:

Hymnus an die Dummheit.

Von Peter Hille.

P.H.:

Dummheit, erhabene Göttin,

unsere Patronin,

die du auf goldenem Throne

auf niedriger Stirne die blitzende Krone,

- stumpfsinnig erhabenes Lächeln

auf breitem, nichtssagenden Antlitz -

königlich sitzest:

Siehe herab mit der Milde Miene

auf deine treuen, dir nach-

dummenden Kinder,

verjage aus dem Land

die Dichter und Künstler und Denker,

unsere Verächter,

vernichte die Bücher - Traumbuch und Rechenknecht,

Briefsteller und Lacherbsen verschonend -

und wir bringen ein Eselchen dir,

dein Lieblingstier,

dein mildes, sanftes ohrenaufsteigendes

Lieblingstier,

eine goldene Krippe dafür

und ein purpurnes Laken von Disteln.

(MUSIK: Caprice 3)

O.J.B.:

Leidenschaften kannte der Peripathetiker nicht, doch liebte er kleine Mädchen, so bis zum 10. Jahre etwa, sehr. Für die Seele des Kindes war er geradezu hellseherisch begabt, und man konnte Kleinodien an Kinderszenen von ihm vernehmen.

Er konnte übrigens ohne Alkohol auskommen.

Nicht so der dritte der Eigentlichen: Kasimir, der Fugenorgler. Er war ein gar wilder Pole voll von Dämonie und allen Künsten der Übertreibung. Sein Dichten war eine Art verzückter Drehkrankheit, und man wußte nicht, ob er sich drehte, um zu dichten, oder ob er dichtete, um sich zu drehen. Doch konnte sich keiner der Macht dieser grandios wirren Eintönigkeit entziehen. Es war schöpferische Besessenheit, die indessen manchmal mehr Beängstigung als Genuß hervorrief.

St.P.:

Die Du mir mit lichttrunkenen Fingern die Schönheit welkender Herbsttrauer, den müden Glanz lustsatter Pracht, die fiebernden Farben sonnenzerfressener Paradiese in meine schweren Träume verwebst -

Geliebte -

A:

"Epipsychidion". Von Stanilaus Przybyszewski.

- viele Monde sind gegangen, seit ich Dich gesehen, aber noch immer glänzt mein Herz über den Sternen, die Du in mein Leben gesät; noch immer wachsen aus mei-nem Blut Hände, ringend, flehend nach dem Glück, das Du mir einst entfacht.

Die Du mir im Dämmerungsdunkel mit leisen Händen auf verwunschenen Har-fen ein irres Gewebe nie geahnter Melodien spinnst: von seligen Stunden, die wie ein fernes Echo verwehen; von Sonnen, die versinkend ihre schlaftrunkene Glut über die Meere gießen; von Nächten, die mit weichen Flügeln das kranke Herz umfangen --

Geliebte --

viele Monde sind gegangen, seit Du mir meine tiefste Trauer und mein schwer-stes Glück gesungen, aber noch immer seh' ich im Dämmerungsdunkel deine Augen im weltfremden Schmerze tränen, und eine leuchtende Hand seh ich, die sich gespenstisch aus dem Dunkel zu mir herüberschiebt und im flackernden Ver-zweiflungs-schrei die meine umspannt.

Die Du mir den Tag zur Nacht umwandelst, in dunklen Gründen mein Licht verlöschest, alle Weiten mir nahe rückst nnd alle Nähen in unendliche Fernen brei-test - die Du mir im Herzen trübe Irrlichter entflammst und schwarze Traumblüten züchtest --Geliebte -

viele Monde sind gegangen, seit Dein letzter Blick in mein Blut sich schmerzlich wühlte, und immer seh ich Dein mondlicht-blasses Gesicht, die goldne Krone von seidnen Haaren um Deine Stirn, und in das kranke Lächeln seh ich zwei Tränen schwer und langsam unter den langen Wimpern fließen, und Deine Stimme hör ich, wie sie mir ins Herz ihr düsteres Leid blutet.

Die Du mir die Siegel aller Heimlichkeiten erbrichst und mir die heiligen Runen verborgener Kräfte deutest, und nach allen Stürmen des Lebens Dich immer von neuem wie ein Regenbogen von einem Himmel der Gnade zum anderen über mei-nem Gramgeschick entspannst -

Geliebte --

nie noch sah ich meine Sterne in so wilden Stürmen über den Himmel schießen; nie noch hat meine Seele ihre Flügel weiter nach Dir entschwungen; nie haben meine Arme sich schmerzlicher nach Dir gebreitet; nie noch sah ich die Glorie, die meine Sehnsucht um Dein Haupt entfacht, so blutig flackern, wie jetzt, da Du mir in den Ozeanen der Ewigkeit versunken bist.

-Hier mein Herz - mein Herz! In Deine Hände leg ich mein Herz!

O.J.B.:

Er wäre als Gesellschafter unmöglich gewesen, wenn er nicht gleichzeitig ein unübertrefflicher Blagueur, geradezu ein Virtuose der Übertreibung gewesen wäre. Stilpen, der selber in dieser Kunst viel vermochte, konnte er dadurch manchmal rasend machen. Nur der Bärenführer und der Peripathetiker ließen sich nie beirren, der Bärenführer, weil er überhaupt aus allem nur inwendige Heiterkeit schöpfte, und der Peripathetiker, weil sein Geist immer noch schneller lief als die Aufschneiderei des Polen.

Dagegen ließ sich der vierte der Eigentlichen, den sie den Zungenschnalzer nannten, nicht selten verführen, Kasimirn auf das polnische Glatteis mystischer Schnoddrigkeiten zu folgen. Er liebte das Mystische gar nicht, er war ganz auf das Ästhetische und Erotische gerichtet. Stilpe nannte ihn Doktor der Erotologie. Er bestritt der Menschheit das Recht, in erotischen Dingen irgend etwas pervers zu nennen und machte aus dem, was er nun nicht pervers, sondern kultiviert nannte, ein eifriges praktisches Studium. Als Dichter pflegte er das Gebiet des Undruckbaren mit anerkannter feiner Meisterschaft. Und: einen sachkundigeren Zirkuskritiker als ihn gab es nicht.

A:

Der als "Zirkuskritiker" und "Zungenschnalzer" karikierte Schriftsteller ist der Kunstkritiker Julius Meier-Graefe, der Verfasser einer "Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst", Verfasser wegweisender Monographien über Van Gogh, Renoir, Degas, Cézanne und Munch.

O.J.B.:

Als Gesellschafter war er unter den Vieren weitaus der angenehmste, denn er war von einer entzückenden echten Liebenswürdigkeit, voller Geist und Laune. Nur mußte man früh um fünf Uhr nicht schon nach Hause gehen wollen. Doch trat dieser Wunsch unter den Eigentlichen nie auf.

- Es kann eine ganz nette Zeitschrift geben mit den Vieren, dachte sich Stilpe, aber es ist mir unklar, ob irgend eine Nummer davon unverboten bleiben wird. Man wird sie als Brief versenden müssen und von vornherein darauf schreiben: Nicht für die Öffentlichkeit.

Hollah! Ein neuer Tric. Ein unöffentliches Blatt! Das ist eine unbezahlbare Idee!

(MUSIK: Caprice)

A:

Natürlich hat es die von Otto Julius Bierbaum via Stilpe einberufene Versammlung der "Eigentlichen" so nie gegeben. In seiner Schilderung der Bohème schwankt der Autor zwischen Wohlwollen und Degout, zwischen sanfter Ironie und beißendem Spott.

Die Erinnerungen eines Julius Meier-Graefe und Stanislaus Przybyzewski stehen dem gelebten Leben näher - ihre Reflexionen und Beschreibungen erscheinen differenzierter, sind deshalb aber nicht weniger romanhaft.

Julius Meier-Graefe schreibt über den "wilden Polen".

J.M.-G.:

Bevor Stanislaus Przybyzewski polnischer Nationaldichter wurde, was erst in reiferem Alter geschah, schrieb er in Berlin deutsche Prosa und beteiligte sich an unserem Sturm und Drang. Man nannte ihn Stac'hu.

Sein Gesicht, starke Backenknochen, zurückliegende Augen, flausiger Bart, Kopf einees slawischen Christus, den man sich am Kreuz vorstellen konnte, hatte zugleich die Züge eines Berserkers.

Stachu machte uns eine Tür auf. Wenn ich zurückdenke, ging damals täglich eine Tür auf, mindestens eine, ja mir ist, als habe das Berlin jener Zeit, obwohl groß und massiv und Sitz der Machthaber, nur aus offenen Türen bestanden, weshalb es uns nicht bedrückte, sondern eher spornte, hierhin und dorthin, in möglichst verschiedene Richtungen zu schweifen. Muntere Winde spielten in unseren Locken. Die Welt entstand erst, Gegenstand beschwingter Improvisation. Stachu machte uns das Slawische auf, jene verborgene Tapetentür, von der man nicht wußte, ob sie ins Chaos oder in eine bewohnbare Landschaft oder nur in einen mit Mixturen gefüllten Wandschrank führte.

Außerdem hing der Pole mit den Skandinaven zusammen. Strindberg und Munch, die uns bestürmten, waren mit ihm befreundet.

Sein Slawentum hatte beunruhigende Perspektiven, die der aus Symptomen polnischer Wirtschaft gemischte Vordergrund einem komischen Widerspruch preisgab, aber nicht auszulöschen vermochte. Die Vernachlässigung des Äußeren hob das Innere. Manchmal schämte man sich, sorgfältiger gekleidet zu sein, und erblickte in den gewohnten Formen der Lebensführung, so wenig Gewicht man ihnen zumaß, einen Makel.

Seinem Sarkasmus entging keine unserer Schwächen. Ausgefallene Axiome von undurch-sichtiger Tragweite kitzelten uns an empfindlichen Stellen.

Die Gespräche spannten Organe, die sonst ungenügend beansprucht waren, und lockerten mit einer an Klopfmassage erinnernden Dialektik vorzeitig gehärtete Gewebe. Dazu trank man Korn.

(MUSIK)

Er besaß Humor. Zwischen zwei Türen kam es zu drastischen Episoden. Einmal gab Dr. Asch, der ge-scheite Arzt im Osten Berlins, Gönner moderner Dich-ter, einen Abend. Die ganze Bande war da, auch John Henry Mackay, der deutsch-schottische Barde und Anarchist, wie gewöhnlich im Bratenrock. Er und Stachu saßen einander gegenüber und stritten von Anfang an, der Pole flau, der Schotte in druckfähiger Prosa, auffallend bissig. Offen-bar konnte John Henry Slawen nicht ausstehen, obwohl die Abneigung gegen eine bestimmte Rasse eigentlich seiner bekannten Theorie widersprach. Man hörte not-gedrungen zu, ohne den strittigen Punkt, der außer John Henry niemanden interessierte, zu fassen. Es war ziem-lich öde. Plötzlich erhob sich Stachu und hielt eine Rede auf Wilhelm II. Alles andere hätte man eher erwartet. Er sprach leise und heiser mit gewohnten Untertönen, aber mit schlichtem Ernst, den man in diesem Zusam-menhang nicht an ihm kannte und der einer Trauerver-sammlung oder bei Einweihung eines Denkmals ange-messener gewesen wäre. Die Disposition gesucht ein-fach. Der Kaiser war jung, wir waren auch jung, er hatte Zukunft, wir hatten Zukunft. Ein neues Lüftchen wehte. Unnachahmlich, wie Stachu "Lüftgen" sagte. Er entkno-tete das ungefüge Wort, ließ es tapsig wie einen jungen Hund mit zu dicken Pfoten vor sich hinhüpfen, freute sich selbst daran, ohne deshalb die gemessene Haltung zu verlieren. Lüftgen kam immer wieder, war der Stolz einer Nation, Bürgschaft siegreichen Aufstiegs und ewigen Friedens. Lüftgen labte das Individuum und die Massen, glich soziale Härten aus und den Unterschied der Religionen, stärkte die Hoffnungen unterdrückter Völker, lichtete Horizonte im Osten und im Westen. Lüftgen schwoll und umspielte meta-physische Möglich-keiten, während John Henrys Augen zu Tellern wur-den und die unseren mitzuhüpfen begannen. Mit einem Wort, schloß Stachu, ein Mysterium. Darauf, Brüder, wollen wir trinken!

Da stand John Henry auf, steckte die Rechte in den seidenen Aufschlag des Bratenrocks und nannte es, ge-linde gesagt, taktlos, in seiner Gegenwart auf einen Monarchen zu toasten, da sein Bekenntnis zur Anarchie hinlänglich bekannt sein dürfte.

Die Worte trafen ins Zwerchfell. Die Anarchie des Redners sammelte sich in einer geschlossenen Gebärde zürnender Würde. So steht am Stiftungsfest der Präsi-dent des Vereins vor den Seinen und mahnt zur Treue. Man hielt den Atem an.

Stachus kleine Augen aber starrten gebannt auf die Stelle des Bratenrocks, hinter der die cäsarische Hand, den Aufschlag blähend, stak, und mit seiner heiseren Verschwörerstimme bat er eindringlich: "Bruder, gib Bombe!" ---

Die Stühle wieherten, die Tapeten weinten vor La-chen, Schüsseln hielten sich den Bauch, Gläser, Messer, Gabeln tanzten. John Henry aber wölbte verächtlich die Lippen und verließ den Ort.

(MUSIK: Chopin)

St.P.:

Man hat in Polen von meinem Einfluß auf die deutsche Literatur phantasiert. Ich habe ihn wirklich ausgeübt - aber nicht mit meinem geschriebenen Werk, das ihnen von Natur aus fremd war und fremd sein mußte, obwohl ich mich ihrer Sprache bediente oder eher: bedienen mußte. Sie verstanden die Worte, waren sogar erstaunt, daß ich so unverschämt ihre Sprache "chopinisierte", aber der Geist meines Werkes war ihnen fremder als ein chinesischer - einer nur verstand ihn: Richard Dehmel. Dagegen habe ich wirklich einen Einfluß ausgeübt durch mein Spiel - lacht nur nicht -, durch den Schwung, die ungebändigte Furie meines Spiels, das in keine Regeln gefaßt und frei war von den Sünden der Konservatoriumsmethodik oder überhaupt irgendeines Schulmeisters.

Ihre erschrockene Verwunderung, wenn sie das h-moll-Scherzo, die fis-moll-Polonaise, die f-moll-Phantasie, die zweite Ballade, die Barkarole hörten! Und das alles gespielt von einem Menschen, der selbst während des Spiels in eine unheimliche Trance verfiel und die anderen dadurch ansteckte! Bei dem Spiel eines inspirierten, in rasende Ekstase versenkten Dilettanten wirkte auf sie allein der Geist des Stücks.

Das Spielen erschöpfte mich immer unendlich, selbst ein so unendlich trockener Lyriker wie Arno Holz warnte Dehmel: "Wenn der Kerl sich weiter so verausgaben wird, krepiert er in einem Jahr!", aber dieses Spiel wurde zum stärksten Bindeglied zwischen mir und meinen deutschen Brüdern in Apoll.

(MUSIK frei)

Während dieses Spiels entstand Dehmels Zyklus "Die Verwandlungen der Venus", vielleicht das herrlichste Dokument seines schöpferischen Genius. Der ewig spottende Scheerbart - niemand hat ihn je ein ernstes Wort sprechen gehört - verfiel in Trance und begann von den Kometen des Jahres 1848 zu schreiben, die in große Wut gerieten und sich unter delirierenden Hallelujahs in den Ozean der Ewigkeit stürzten. Und in einer Ecke stand der wunderbare Anachoret Peter Hille und schrieb auf der Manschette seine Beobachtungen darüber nieder, wie sich das Wort in den Klang verwandelt und umgekehrt. Von mir rede ich nicht, denn ich kann nicht anders als in Chopin-Klängen überhaupt schöpferisch denken.

(MUSIK Ende)

Ich war nach Friedrichshagen zu Julius Harts Hochzeit einge-laden; er heira-tete eine junge Lehrerin und adoptierte am selben Tag die halbwüchsige Tochter, die er von seiner bisherigen Wirtin hatte, und diese Tochter war auf der Hochzeit Brautjungfer ihrer zweiten Mutter.

Gegen Morgen faßten Dehmel und ich uns bei den Händen und fingen an zu tanzen. Am Klavier saß Willy Pastor, auf seine Art ein vorzüglicher Musiker, und spielte Wagners Walkürenritt. Was wär das für ein Tanz ! Man schob in aller Eile Tische und Schemel beiseite, damit wir uns nicht die Beine brächen, die Gäste hockten an den Wänden nieder, damit für unseren wilden Schwung mehr Platz bliebe, und als Dehmel, am nächsten Tag um die Mittagszeit in sein Büro kam, erschien bei ihm ein Redak-teur der "Täglichen Rundschau", des, wie man weiß, ultra-preußischen, vielmehr alldeutschen und am meisten polenfresserischen Blattes im damaligen Berlin, ein ge-wisser Lange, ein sehr angesehener Alldeutscher, und warnte Dehmel: "Dehmel, Dehmel, nehmen Sie sich in acht - ich habe Sie in dieser Nacht mit dem verfluchten Polen tanzen sehen."

Ich kam von dieser Hochzeit mit zerschlagener Nase heim, denn als wir auf die Straße hinausgingen; legte sich Scheerbart, so lang er war, auf den Bürgersteig, begann mit den Fäusten auf die Erde zu schlagen und zu schreien: "Weltgeist, wo bist du?" Als ihm aber dieser Weltgeist erschien und ihn auf die Beine bringen wollte, geriet Scheerbart in Wut und zerschlug mir mit seinem Spazier-stock die Nase. Gewiß, ich mußte auf den starken Schmerz entsprechend reagieren, aber das beeinträchtigte unsere herzliche Freundschaft keineswegs, eine Freundschaft, die um so herzlicher wurde, je mehr Scheerbart mein Werk zu verspotten und zu travestieren anfing.

Oh jene Augenblicke der Betäubung und des Verlangens zu vergessen - vergeblich: Der erwachende Tag ernüchterte die nach Vergessen lechzenden Hirne, und in aller höllischen Nackheit erschien die tägliche Not, die Jagd nach den paar Pfennigen, um das Heute überleben zu können, die Demütigung und die Scham, wenn man gezwungen war, ein paar Mark zu borgen, und zugleich das Bewußtsein, man werde alle Taschen sehr sorgfältig verschlossen finden.

A:

Inmitten dieser Szenerie tritt eine der verführerischsten, geheimnisvollsten Frauengestalten dieser Jahre auf, eine "Königin" von eigenartiger Schönheit, umstrahlt von mystischem Glanz - die Norwegerin Dagne Juel, in den Kreisen der Bohème Duc'ha genannt.

Zusammen mit dem Maler Edward Munch war sie 1892 nach Berlin gekomen, um Musik zu studieren, durch Munch, dem sie Modell stand, lernte sie August Strindberg kennen, Stammgast im Lokal "Zum Schwarzen Ferkel" in der Neuen Wilhelmstraße, das auch Przybyzewski frequentierte. Strindberg hatte gerade seine Verlobte zum Zug nach Wien begleitet, nach ihrer Rückkehr wollte er mit ihr Hochzeit feiern, da verliebte er sich rasend in Dagne; sie sei im Ferkel "über ihn hergefallen", ließ er später wissen, "ohne Schamgefühl". Die beiden gehen eine Beziehung ein, bis Dagne ihn - Strindberg - darauf aufmerksam macht, daß er ihr Vater sein könnte - und der "Weiberfeind" sie in einem Anfall von Haß und Schuldgefühl hinauswirft.

Seine Braut würgt er in der Hochzeitsnacht, weil er sie "für eine andere hält".

Dagne verbindet sich mit Przybyzewski, dem "wilden Polen" - und wird zu "Ducha". August Strindberg aber flieht nach Paris, weil er sich von den Menschen - und von Przybyzewski - verfolgt fühlt.

Der Pole hat Fragmente dieser leidenschaftlichen Szenerie in einer Eifersuchtsdichtung zusammengesetzt, die er "Vigilien" überschreibt.

St.P.:

Wir waren alle so betrunken, so betrunken.

Ein wilder Rausch, der unsre Geisteskräfte herrlich poten-zierte, der das Denken mit verjüngten Energien speiste, ließ uns alles tiefer, heftiger empfinden.

Er saß dort in der großen Fensternische. Von der Seite fiel auf sein dämonisch blasses, furchenwildes Gesicht grelles Lampenlicht. Jeder seiner scharf geschnitte-nen Züge trat noch schärfer, deutlicher, beinahe karikiert hervor, jeder Zug ein Abgrund unbezwinglichen, unentrinnbar suggestiven Willens.

Ein Fatum lag in diesen Zügen. Ich kann mich deutlich erinnern, daß ich ihn damals garnicht als Persönlichkeit empfand, sondern als verkörperlichte Macht, als das Werkzeug einer Macht, die auf uns alle, brütend, lauernd ihre Hand gelegt hielt.

Er sprach mit seiner Schicksalsstimme das mächtige Gedicht eines Freundes. Ich konnte nicht dem Sinn der einzelnen Sätze folgen, ich empfand nur ihren grauenstiefen, schmerzlichen Gefühlsuntergrund, eine Stimmung aus zuckenden Blitzen und keuchenden Sehnsuchtsstürmen gewoben.

"Niemals sah ich die Nacht beglänzter,

Diamantisch reizen die Fernen ..."

(MUSIK)

Sie spielte weich, gedämpft eine Begleitung auf dem Klavier. Ich weiß nicht, wie es kam, aber plötzlich richtete sich meine ganze Seele auf ihr Spiel. Ich kroch in jeden Ton, ich faßte sie mühsam zusammen, mit tausend Händen, umfaßte ich krampfhaft tausend Sätze, tausend Töne kribbelten und krochen mir in meine Ner-ven, und so stand ich da mit tausend geballten Fäusten, tausend Lanzettenstichen durch mein Hirn - und plötzlich verstand ich ...

Diese aus tausend Tiefen dumpf aufjauchzende Sehnsucht, diese in tausend Tönen schillernde Innigkeit der Brunst - o Gott, o Gott, wie schmerzte das ...

Und es waren nicht Töne, nicht Worte, zwei Riesenseelen waren es, die sich an einander klammerten, in steigender Macht sich umschlungen hielten; eine rang sich an der andern hin, empor, hernieder, und immer fester verschlangen sich die Hände, immer wilder preßten sie sich in einander und es wurde eine Orgie geschlechtlicher Sehnsucht, zuckender Schmerzensschreie, winselnder, lechzender Gier.

J.M-G..:

Strindberg sah in dieser Frau eine zielbewußte Messalina von letzter Teufelei, vor der man nicht weit genug fliehen konnte und die einen selbst noch in der ferne am Band hielt. Munch dachte ähnlich und nannte sie, wenn wir unter uns von ihr sprachen, die Dame, was weiter nichts als gebotene Fremdheit besagen sollte. Die Dame befand sich draußen, durch hohe Eiswände abgesondert und hatte da zu bleiben. Zuweilen gefährdete unvorhergesehene Strahlung das Eis. Sie brauchte nur mit den Augen zu blinzeln, so schmolzen ganze Gletscher und verheerten die Gegend.

St.P.:

Plötzlich wurde ich ruhig, matt und boshaft.

Niemand gab auf mich acht. Wir waren ja so betrunken, so betrunken ...

Jetzt mußte ich mich quälen, den bittern Kelch bis auf die Hefe leeren, ich mußte mich mit unerhörter Lüsternheit selbst quälen, wenn ich auch dabei vergehen, hu - -verrecken sollte.

Die Deklamation war zu Ende, ich heuchelte eine maßlose Begeisterung:

- Jetzt mußt du ihn küssen! Du mußt; dem Künstler schenk' ich mein Weib , ich König, königlich mein Preis - schrie ich ihr zu und setzte mich in meinem Ses-sel zurecht, um alles besser, tiefer, in der schärfsten Lichtlage genießen zu können.

Das war alles so selbstverständlich, in dieser Rauschglut und Begeisterung so zwingend, daß es keinem auffallen konnte.

Und nun kam der große Keulenschlag.

Ich sehe sie beide vor mir, ganz deutlich, da vor dem Klavier. Sie standen sich gegenüber wartend, keuchend; es kam mir vor, als hätte irgend etwas Mächtiges ihre Muskeln gelähmt.

Eine Ewigkeit verging. Ich sog mich gierig in jeden Schauer, jedes Zucken ihrer Körper, in diese Stille, die den Sturm gebären sollte. Ich lenkte, berechnete, setzte sie in mir zurecht, diese schauernden Innervationsgefühle ihrer Muskelfibern, nach der Richtung meines intensivsten Schmerzempfindens.

Noch standen sie wie verzaubert. Da plötzlich legte sie sich ihre Hände um den Kopf, reckte ihren Körper auf den Zehen hoch, in der Linie des geschwungenen Bogens - sie sah ihn an! O Gott, wie sie ihn ansah! Diese brünstige Innigkeit, diese schamhafte, schamlose Hingebung; eine ganze Welt von Brunst lag in dieser Bewegung, und ihre Brust keuchte. Dann seh ich ihn, wie er auf sie zustürzt, sie auf seine Hände nimmt; mit beiden Händen nahm er sie und schnellte sie empor, dann sah ich ihre Lippen sich ineinander wühlen und graben, dann fing mein Atelier an, um mich herum zu tanzen an, ich griff krampfhaft um die Lehnen meines 5essels und schrie wütend: Fester noch, fester!

J.M-G.:

Das Zusammensein Stachus und Duchas, ihre Existenz zu zweit, das Paar als solches, war Improvisation von sichtlicher Willkür, über die man sich nur deshalb nicht weiter wunderte, weil jeder der beiden genug für Verwunderung geignete Seiten besaß.

Der große geistige Unterschied zwischen ihr und Stachu lag in ihrem Widerstand gegen jede Art von Spezialistentum. Nur deshalb und aus keinem andern Grund war sie der Monogamie abgeneigt. Stachu hätte zum Beispiel Duchas Stallknecht sein können, und er schien es darauf anzulegen, der mit der Herrin verkuppelte Leibeigene.

Sie hatte Verstand und Witz, wußte in Menschen und Dingen Bescheid und war für alles zu haben, am wenigsten für das in dem Kreise beliebteste Thema, Stachus Spezialität. Das ewige Sexualproblem ging ihr auf die Neven und war wahrscheinlich die Klippe, an der die Ehe mit Stachu strandete.

Wir kamen an einem kalten Winterabend zu vieren durch die Friedrichstraße. Das Glatteis zwang uns, eingehakt zu gehen. Stachu entwickelte seine Physiologie, sprach zu mir, meinte aber Ducha. Ich kannte das schon. Vor uns fuhr ein Zug über die Brücke.

"Der Mann auf der Lokomotive", sagte Ducha und zeigte hin. Die Lokomotive war schon vorüber. "Der Mann auf der Lokomotive", wiederholte sie, "ein wun-derbarer Mann!" Sie sprach zu mir, meinte aber Stachu.

Der Mann auf der Lokomotive, wollte sie sagen, inter-essiere sie mehr als wir alle. Stachu nahm die Gelegenheit wahr, bezog sich auf den Schluß eines Romans von Zola und berichtete über das Liebesleben der Lokomotiv-führer. Ducha erklärte, sie habe das Glatteis satt und wolle nicht mehr weiter. Stachu ließ sich nicht abhalten. Solche Improvisationen waren seine Stärke. Ducha blieb stehen. "Wenn ihr nicht aufhört, lege ich mich hier vor euch auf die Straße!" Man lachte. Schon lag sie in ganzer Länge auf dem Trottoir.

Dies war einer ihrer Anlässe. Stell dir die Situation möglichst kraß vor, und wenn du alles hast, sage ich dir, daß sie selbst in diesem Augenblick nichts verlor. Sie lag da wie gegossen. So liegt ihre Ahnin auf dem Sarkophag.

Es war einer meiner letzten Berliner Abende. Später ging sie mit einem jungen Russen nach Tiflis. Wieder ein Literat, wahrscheinlich auch einer mit Spezialitäten, soll begabt ge-wesen sein, tatarischer Herkunft. Er konnte ihr Lachen nicht vertragen und hielt ihr, um sie von dem Ernst seiner Darlegungen zu überzeugen, den Revolver vor die Stirn. Sie lachte ihn an, und der Mensch drückte los, hat sich dann auch erschossen.

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