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La Bohème

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Das gesamte Manuskript Teil 2

Erster Teil: Paris - Berlin (1850-1900)

Zweiter Teil: Berlin - München

(MUSIK: Satie, Piccadilly)

R.-R.

Vor vielen Jahren war's, da kam Frank Wedekind nach Berlin. Es war eben zur Zeit, als er am schwersten um seine Anerkennung ringen mußte.

Er trat - in Begleitung einer kleinen Kabarettdiseuse - ins Bierhaus Siechen und fand da Otto Erich Hartleben.

Rasch wollte er sich abwenden - denn er war auch mit Hartleben zerkracht - da erhob sich Hartleben, ging auf Wedekind zu und begrüßte ihn:

"Frank - wenn alle dich anfeinden, will wenigstens ich mich mit dir versöhnen. Reich mir die Hand!"

Wedekind anwortete gerührt:

"Gestatte, lieberr Otto Errich, daß ich dirr zum Zeichen meines tiefen Dankes dieses junge Mädchen dediziere."

A:

Wovon Roda-Roda ausgeht, wenn er über Frank Wedekind in Berlin schreibt: Die literarische Bohème der Jahrhundertwende war niemals provinziell.

Andersgesagt - der Bohemien zeichnet sich aus durch Mobilität. Bestens vertraut mit dem Geschäft des Umzugs aus einem "Atelier" in das andere, aus einer Dachkammer in die nächste, ist er auch größeren Reisen nicht abgeneigt - wenn ein Engagement auf einer der großen Kabarettbühnen lockt - wenn ein Redakteur oder Theaterdirektor vom Wert der eignen Arbeit zu überzeugen ist - oder auch nur, um für eine Weile aus dem Bannkreis seiner Gläubiger zu entfliehen.

Die Berliner, Schwabinger und Wiener Bohème ist durch Zeit-schriften, Theater, Kabarett und gemeinsame Bekanntschaften miteinander vernetzt und verstritten. Aus Berlin kommt der Erzbohemien und Anarchist Erich Mühsam nach München. Im Café Stephanie schließt er Bekanntschaft mit dem österreichisch-ungarischen Novellisten Roda-Roda und spielt mit ihm Schach.

Ernst von Wolzogen, der Gründer des "Überbrettls", ist in Berlin wie in München zuhause, ebenso Frank Wedekind, der Dramatiker, der "schwarze Herr", der sich als Bürgerschreck stilisiert - und jungen Damen mit Vorliebe die Frage stellt, ob sie noch Jungfrau seien. Zusammen mit Roda-Roda veranstaltet er Aufführungen in den großen Städten.

R.-R.:

Unsre gemeinsame Vortragsreise endete in München. Seit Menschengedanken hatte das Polizeipräsidium niemals Zensur an den Vorträgen geübt - weder an Wedekinds, noch an meinen Texten; wir beide an einem Abend aber schienen der Polizei doch allzu bedenklich, und man forderte unser Programm ein.

Mir strich die Polizei nichts; Frank Wedekind strich sie so manches.

Sonst pflegte ich den Abend zu eröffnen und zu schließen - diesmal wollte Wedekind es tun.

Er trat auf und sprach (mit gebleckten Zähnen): "Meine Damen und Herren! Mein Vorrtrrag wirrd sich in zwei Teile gliederrn: errstens die von der Polizei genehmigten, zweitens die von der Polizei verbotenen Liederr."

Und er hielt pünktlich Wort. Er sang alle verbotenen Lieder ab.

Zur Ehre der Münchener Polizei sei es gesagt: kein Hahn hat danach gekräht.

(MUSIK:Satie/Legrand Take 2, Sonate burocratique)

E.M.

Was in Wahrheit den Bohemien ausmacht, ist die radikale Skepsis in der Weltbetrachtung, die gründliche Negation aller konventionellen Werte, das nihilistische Temperament -

A:

Erich Mühsam in seinem Aufsatz "Bohème" von 1906.

E.M.

Gewiß offenbart sich dieses Temperament, das alle Anpassung an die uniforme Lebensart des Philisters fanatisch perhorresziert, äußerlich in der Methode, die der Bohemien wählt, um sein eigenes Ich gegen die Masseninstinkte der Gesellschaft durchzusetzen.

Ein Bohemien ist ein Mensch, der aus der großen Verzweiflung heraus, mit der Masse der Mitmenschen innerlich nie Fühlung gewinnen zu können -und diese Verzweiflung ist die eigentlichste Künstlernot-, drauflosgeht ins Leben, mit dem Zufall experimentiert, mit dem Augenblick Fangball spielt und der allzeit gegenwärtigen Ewigkeit sich verschwistert.

A:

Die Kreise der Schwabinger Bohème waren höchst vielfältiger Art. In den verschiedenen Cafés und Künstlerlokalen gruppierten sich Literaten, Maler, Theaterleute und Anhänger der künstlerischen Lebensart - wobei das Spektrum der politischen Ansichten weit auseinanderklaffte. Der gemeinsame antibürger-liche Nenner mit bürgerlichem Hintergrund war gegeben:

individuell konnte man Anarchist sein oder Bänkelsänger - oder beides in einmer Person -, Kabarettist bei den "Elf Scharfrichtern", die die "Geistestyrannei" mit spitzen Versen bekämpften, oder Witzeverfertiger für den "Simplicissimus",

man konnte als heidnischer Prophet firmieren oder sich der Agitation des Lumpenproletariats verschreiben.

"Beim Propheten" ist eine frühe Erzählung von Thomas Mann überschrieben, die einen Besuch bei Ludwig Derleth schildert, einem Dichter mit Heiligenschein, der im Namen eines napoleonischen Christus die Welt der "Plünderung" übergeben will. Zu Gast sind die Mitglieder des heidnischen Wolfskehl-Klages-Schuler-Kreises. Man schreibt das Jahr 1904.

Th.M.:

Seltsame Orte gibt es, seltsame Gehirne, seltsame Regionen des Geistes, hoch und ärmlich. An den Peripherien der Großstädte, dort, wo die Laternen spärlicher werden und die Gendarmen zu zweien gehen, muß man in den Häusern emporsteigen, bis es nicht weiter geht, bis in schräge Dachkammern, wo junge, bleiche Genies, Verbrecher des Traumes, mit verschränkten Armen vor sich hinbrüten, bis in billig und bedeutungsvoll geschmückte Ate-liers, wo einsame, empörte und von innen verzehrte Künstler, hungrig und stolz, im Zigarettenqualm mit letzten und wüsten Idealen ringen. Hier ist das Ende, das Eis, die Reinheit und das Nichts. Hier gilt kein Vertrag, kein Zugeständnis, keine Nach-sicht, kein Maß und kein Wert. Hier ist die Luft so dünn und keusch, daß die Miasmen des Lebens nicht mehr gedeihen. Hier herrscht der Trotz, die äußerste Konsequenz, das verzweifelt thronende Ich, die Freiheit, der Wahnsinn und der Tod ...

Es war Karfreitag, abends um acht. Mehrere von denen, die Daniel geladen hatte, kamen zu gleicher Zeit. Sie hatten Ein-ladungen in Quartformat erhalten, auf denen ein Adler einen nackten Degen in seinen Fängen durch die Lüfte trug und die in eigenartiger Schrift die Aufforderung zeigten, an dem Konvent zur Verlesung von Daniels Proklamationen am Karfreitagabend teilzunehmen, und sie trafen nun zur bestimmten Stunde in der öden und halbdunklen Vorstadtstraße vor dem banalen Miets-hause zusammen, in welchem die leibliche Wohnstätte des Pro-pheten gelegen war.

Einige kannten einander und tauschten Grüße. Es waren der pol-nische Maler und das schmale Mädchen, das mit ihm lebte; der Lyriker, ein langer, schwarzbärtiger Semit, mit seiner schweren, bleichen und in hängende Gewänder gekleideten Gattin; eine Persönlichkeit von zugleich martialischem und kränklichem Aus-sehen, Spiritist und Rittmeister außer Dienst - und ein junger Philosoph mit dem Äußern eines Känguruhs. Nur der Novellist, ein Herr mit steifem Hut und gepflegtem Schnurrbart, kannte niemanden. Er kam aus einer anderm Sphäre, war nur zufällig hierher geraten. Er hatte ein gewisses Verhältnis zum Leben, und ein Buch von ihm wurde in bürgerlichen Kreisen gelesen. Er war entschlossen, sich streng bescheiden, dankbar und im ganzen wie ein Geduldeter zu benehmen. In einem kleinen Abstande folgte er den anderen ins Haus.

Sie stiegen die Treppe empor, eine nach der andern, gestützt auf das gußeiserne Geländer. Sie schwiegen, denn es waren Men-schen, die den Wert des Wortes kannten und nicht unnütz zu reden pflegten.

Endlich standen sie unter dem Dach, im Lichte von sechs Kerzen, die in verschiedenen Leuchtern auf einem mit verblichenen Altardeckchen belegten Tischchen zu Häupten der Treppe brannten. An der Tür, welche bereits den Charakter eines Speichereinganges trug, war ein graues Pappschild befestigt, auf dem in römischen Lettern, mit schwarzer Kreide ausgeführt, der Name 'Daniel' zu lesen war. Sie schellten ...

(MUSIK: Satie/Quefellec, Petite ouverte à danser)

Eine feierlich schwankende und flimmernde Helligkeit, erzeugt von zwanzig oder fünfundzwanzig brennenden Kerzen, herrschte in dem mäßig großen Raum, den sie betraten. Ein junges Mädchen mit weißem Fallkragen und Manschetten über dem schlichten Kleid, Maria Josefa, Daniels Schwester, rein und töricht von Angesicht, stand dicht bei der Tür und reichte allen die Hand. Der Novellist kannte sie. Er war an einem literarischen Teetische mit ihr zusammengetroffen. Sie hatte aufrecht dagesessen, die Tasse in der Hand, und mit klarer und inniger Stimme von ihrem Bruder gesprochen. Sie betete Daniel an.

Der Novellist suchte ihn mit den Augen...

"Er ist nicht hier", sagte Maria Josefa. "Er ist abwesend, ich weiß nicht, wo. Aber im Geiste wird er unter uns sein und die Proklamationen Satz für Satz verfolgen, während sie hier verlesen werden."

(MUSIK Ende)

A:

Bald erscheinen noch weitere Gäste in dem alkovenartig schwülen Raum, darunter ein "phantastischer Zeichner mit greisemhaften Kindergesicht" und eine "unverheiratete junge Mutter von adeliger Herkunft", wir erkennen in ihr die Gräfin Franziska zu Reventlow -

Th.M.:

- die von ihrer Familie verstoßen, aber ohne alle geistigen Ansprüche war und einzig und allein auf Grund ihrer Mutterschaft in diesen Kreisen Aufnahme gefunden hatte.

A:

"Ohne alle geistigen Ansprüche" soll hier wohl heißen: unbeeindruckt vom Firlefanz der Geistestümelnden.

Der Kreis der "Enormen" - zu ihm gehörten Ludwig Klages, Verfasser des "Kosmogonischen Eros" und Mitbegründer der Graphologie, Alfred Schuler, Mythenforscher, und Karl Wolfskehl, Lyriker, Übersetzer und George-Freund - der Kreis der Enormen hatte die junge Franziska zu Reventlow als "heidnische Madonna" unter seine Fittiche genommen, denn die Tatsache, daß die Reventlow den Vater ihres kleinen Knaben verschwieg und ihn vaterlos erziehen wollte, galt den "Enormen" als enorm. Daß sie, die große Emanzipierte, sich zahllose Amouren gestattete, zeitweise in einer "ménage à trois" lebte, abwechselnd mit Klages und Wolfskehl eine erotische Beziehung pflegte, daß sie den mit großem Brimborium gefeierten Stefan George schlicht "Weihenstefan" titulierte, die Schwabinger Geisteshelden als die Bewohner "Wahnmochings" verspottete und ihre sublimen Gespräche in das "Logierhaus zur schwankenden Weltkugel" verlegte - das mag sie eher verwirrt und geärgert haben.

Der Gräfin aber gefiel die ganze Richtung zunächst sehr gut, auch wenn sie sich vom Typus "Seelenretter" wenig versprach.

F.z.R.:

Das ist sonderbar, gerade wir bösen, unbeständigen Menschen-kinder werden so oft ungemein geliebt. Zumeist wohl von den 'dummen Jungen' und das ist sehr hübsch - ich habe große Sympathie für sie - manchmal aber auch von ganz intelligenten Männern mit inneren Werten, und damit ist nicht so leicht fertig zu werden. Beonders, wenn sie uns zwingen wollen, Tiefen zu offenbaren, über die wir gar nicht verfügen.

Am schlimmsten ist der Typus RETTER. Er hält sich eben für den, der imstande sei, unser zerflattertes Liebesleben einzufangen und auf einen Hauptpunkt, nämlich sich selbst zu konzentrieren.

(MUSIK: Satie/Legrand, Take 21, La Water-Chute)

A:

"Unter allen reichen Eigenschaften", schreibt Erich Mühsam -

E.M.:

Unter allen reichen Eigen-schaften, die Franziska zu Reventlow auszeichneten, dem herrlichen Lebensmut, trotz ewiger Krankheit, ewigem Mißgeschick und quälendster Armut, der Selbstverständ-keit, Handeln und Denken nur den Gesetzen des eige-nen moralischen Gewissens zu unterwerfen, unbekümmert um

Konventionen und gesellschaftliche Vorurteile - unter all diesen Tugenden ruhte der seelische Halt der Frau ganz und gar in ihrer Mutterliebe.

Freilich war sie eine viel zu lebenshungrige und künstle-risch bewegte Natur, um sich nicht unbedenklich den Launen ihres sinnlichen Begehrens zu überlassen, und dazu ein viel zu fröhlicher Charakter, um sich nicht mit unvergleichlicher Leichtigkeit und selbst Ausgelassenheit über die schikanöse Misere des Daseins hinwegzusetzen.

F.z.R.:

Ja, Paul - Paul war in diesem Fall ein Sammelname. Er hieß gar nicht Paul - er war es nur. Es gibt eine bestimmte Art von Erlebnis, das ich Paul nenne, aus dankbarer Erinnerung an seinen ersten Vertreter.

A:

"Von Paul zu Pedro". Amoureseken. Eigentlich wollte Franziska zu Reventlow ihrem Briefroman den Untertitel "Teegespräche" geben - in Anlehnung an die "Hetärengespräche" von Lukian, als dessen Fortsetzung sie sich verstehen.

F.z.R.:

Paul ist eine Begebenheit, die immer von Zeit zu Zeit wiederkehrt. Nicht etwa, weil sie einen besonders tiefen Eindruck gemacht hätte - im Gegenteil, Paul ist immer etwas Lustiges, Belangloses, ohne Bedenken und Konsequenzen. Aber er kommt immer wieder, wenn auch jedesmal in etwas veränderter Form und Gestalt.

Paul kann alles mögliche sein, verheiratet oder Junggeselle, Leutnant, Ingenieur, Afrikareisender - es kommt auch vor, daß er gar keinen Beruf hat. Manchmal ist er auch 'drüben' geboren, dann nennt er sich Pablo und rollt das R - vorausgesetzt, daß der Vorname stimmt, was merkwürigerweise oft, aber natürlich nicht immer der Fall ist.

Man erkennt ihn auf den ersten Blick, wenn er einem im Coupé gegenübersitzt oder in ein Hotel hereinkommt, weiß sofort: das ist Paul. Es dauert auch nie sehr lange, bis man sich kennt, duzt (mit Paul muß man sich duzen, es geht nicht anders) und ganz genau weiß, wie sich nun alles entwickeln wird. Ich habe mir auch angewöhnt, ihn immer so zu nennen. Wenn ich das erstemal sage: du, Paul - so ist er sehr erstaunt und fragt, mit wem ich ihn jetzt verwechselt habe. - Nun, mit Paul natürlich - und dann bleibt es dabei. Ich hüte mich wohl, ihn aufzuklären, daß es in Wirklichkeit gar keine Verwechselung ist. Er würde es nicht verstehen.

Paul ist auch selten eifersüchtig, wahrscheinlich, weil er sich seiner wechselvollen Vergänglichkeit dunkel bewußt ist. Er wird mir auch sicher niemals Vorwürfe über meine Wahllosigkeit machen.

Und Sie denken jetzt wohl: Gott sei Dank, daß ich nicht Paul bin. Sie haben nicht ganz unrecht - Paul wird in der Regel bald langweilig, und man entflieht ins Tea-room.

(MUSIK: Satie/Legrand, Take 4, Vivace)

A:

"Mag es einen verpechteren Menschen geben als mich", fragt sich der Junggeselle Mühsam, als zwei von ihm heiß umworbene Frauen ihren Besuch zur gleichen Zeit am gleichen Nachmittag ankündigen. "Kaum sind die Präliminarien des Glücks sichtbar geworden", sinniert er an anderer Stelle im Tagebuch, "so rollt das Bett davon". Aber er läßt sich nicht entmutigen - weder auf dem Feld seiner erotischen noch seiner politischen Hoffnungen.

"Nennt mich getrost einen Don Quichote!", ruft er seinen Kritikern und Anklägern entgegen, als ihm 1909 der Prozeß wegen anarchistischer Agitation des Lumpenproletariats gemacht wird.

E.M:

Der irrende Ritter Don Quichote befreite die Galeerensklaven von ihren Fesseln. Nachher verprügelten sie ihn, weil er verlangte, sie sollten nun hingehen und seine holde Dulcinea schön von ihm grüßen. - Nennt mich getrost einen Don Quichote! Sind die Gefesselten, die ich befreien möchte, undankbare Ruderknechte, so bleiben ihre Ketten doch widerwärtig und in meinen Augen ein Greuel.

A:

War es der Spleen des Literaten und Caféhausgängers, der ihn zu heim-lichen Zusammenkünften mit den Ärmsten der Armen führte, mit Vagabunden Stromern, Huren, denen er von einem Leben in Freiheit und Selbstver-antwortung erzählte? Oder idealistischer Vorsatz, der seine Biographie nachhaltig beeinflussen sollte?

E.M:

Anarchie ist Freiheit von Zwang, Gewalt, Knechtung, Gesetz, Zentrali-sation, Staat. Die anarchische Gesellschaft setzt an deren Stelle: Freiwilligkeit, Verständigung, Vertrag, Konvention, Bündnis, Volk.

A:

Als einer seiner "Kunden" nachts auf menschenleerer Straße mit einem Sprengsatz hantierte, warf man den ahnungslosen Mühsam ins Gefängnis. Und er schrieb in der Zelle ein Gedicht.

E.M:

Wie ein Flaggstock sind Entwürfe,

den ein Wind vom Dache warf.

Denn man meint oft, daß man dürfe,

was man schließlich doch nicht darf.

A:

Der Apothekerssohn Mühsam war bereits eingeführt in die Berliner Bohème, als er sich nach der Jahrhundertwende zum Reisen entschloß, Europa durchwanderte, die vegetarisch-kommunistische Kolonie von Ascona besuchte - und sich 1909 in Schwabing niederließ. Seine Tagebücher aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg spiegeln die ganz persönlichen Erfahrungen eines Bohemiens mit antiautoritärem Ethos - und chronischer Geldnot. Vorrangig wird im Tagebuch das Gebiet der Erotik behandelt. Denn kein Mensch ist frei, der sich nicht freimacht von überlebten Konventionen.

E.M.:

Lottes schneidender Verstand und Witz, dieses starke Kultur-gefühl, dabei das stille Leid und die herrliche Schönheit des Leibes!

Ob ich sie mehr liebe oder Frieda? Ich weiß es nicht. Soviel weiß ich: Glücklicher würde ich mit Frieda sein, deren kluges ruhiges Wesen in Verbindung mit ihrer schönen Mütterlichkeit jeden Frieden gewähr-leistet - grade mit einem Manne wie ich einer bin, der keine törichten Eifersüchteleien kennt. - Aber im Zusammenleben mit Frieda würde ich mich unendlich nach Lotte sehnen. Wäre ich ständig mit Lotte zusammen, würde ich Frieda vielleicht nie vermissen... Uli käme, das ist mir seit Zürich klar, für ein dauerndes Beieinandersein gar nicht in Frage. Ich werde Uli immer lieben, aber diese Liebe muß etwas Fernes -und in der Steigerung zur Leidenschaft ganz Seltenes bleiben.

A:

Erich Mühsam kennt keine Angst vor Frauen - nur den ästhetischen Einwand.

E.M:

Johannes stellt mir in einer Postkarte Damenbekanntschaften in Aussicht. Eine Schwester seiner Freundin, der er schönen Körperwuchs nachsagt, sei bei ihm und eine 45-jährige Französin, voll Esprit und Reife, die er "sehr sehr" lieb habe. Ich denke schaudernd an Micha, deren Asche in einer Blechkanne eingelötet Hans auf seinem Tisch stehen hat. Diese Asche und ein Koffer, das ist alles, was er von ihr geerbt hat, und der gute Junge hat immer noch zärtliche Erinnerungen für die arme Greisin.

(MUSIK: Satie/Legrand, Take 29 (Idylle Cynique)

A:

Franziska zu Reventlow, die Übermütige, läßt sich kein Pläsier, kein Abenteuer entgehen. "Dann wird man später die nötige Müdigkeit haben, und kein Bedauern, daß die Zeit um ist."

F.z.R.:

Man tut doch schließlich in erster Linie, was einen freut, und weil es einen freut. Und das ist natürlich jedesmal etwas anderes. Es kann wohl manchmal Liebe und "große Leidenschaft" sein, aber ein andermal - viele, viele andere Male ist es

nur Pläsier, Abenteuer, Situation, Höflichkeit - Moment - Langeweile und alles mögliche. Jede einzelne Spielart hat ihre besonderen Reize, und das Ensemble aller dieser Reize dürfte man wohl Erotik nennen.

Es kommt "der Frau" auch gar nicht in den Sinn, sich immer einzureden, daß es Liebe ist, im Gegenteil, das wäre ihr manchmal nur peinlich, und sie ist recht froh, daß es sich anders verhält. Man braucht doch auch Erholung vom Ernst des Lebens.

Und Liebe? Unter Liebe verstehe ich - nun, eine seriöse Dauersache. Aber Sie dürfen mir diesen Begriff nicht zu optimistisch auffassen. Dauersache ist alles, was - sagen wir, was monatelang dauert - seriöse Dauersache, wenn es viele Monate sind; über ein Jahr, - dann wird es schon Verhängnis mit einem Stich ins Ewige. Natürlich gibt es auch Dauersachen mit Unterbrechung und viele andere Variationen.

A:

Frühling 1911. Die reizende Emmy Hennings geht Mühsam nicht aus

dem Kopf. In ihrer Männerwahl ist sie nicht zimperlich, da das "süße Ding" nie zu lange allein schlafen kann. In Mühsam ist sie sogar "verliebt" - aber es tauchen Hindernisse über Hindernisse auf.

E.M.:

Nach dem Theater "Simplizissimus". Emmy hat ein Verhältnis mit dem kleinen Keller angefangen und ich Esel habe die tolerantesten Prin-zipien und war doch eifersüchtig. Natürlich ließ ich mir nicht das mindeste anmerken. Aber es ist doch eigentümlich, wie lieb ich die kleine Frau habe. Sie trug mit Morax zusammen die schöne Ballade vom Räuber vor, der seinen Bruder abmurksen will und an seiner "blaßen Brust" das Bild der Mutter findet. Der große Bilderbogen, den ich dazu gezeichnet habe, wirkte sehr lustig zu dem Leierkastenlied. Eine peinliche Überraschung wurde uns dadurch zuteil, daß die Lasker-Schüler plötzlich das Lokal betrat. Die eifer-süchtige Megäre, die komplett wahnsinnig ist, hat Emmy schon in Berlin mit Schimpfreden und Drohungen nachgestellt. Nun war das arme Kind ganz verängstigt. Ich hoffe, Elschen fährt bald wieder ab.

(MUSIK: Satie/Legrand, Take 47, Jack in the Pot)

F.z.R.:

Sie haben mir einmal einen Vortrag über "typische Erleb-nisse"

gehalten. Ich glaube, der andere, die anderen sind von jeher mein typisches Erlebnis gewesen. Und deshalb kam ich nie dazu, einem treu zu bleiben.

Ein harmloses Beispiel:

A ... holt mich ab, zu irgendeiner Unternehmung. B ..., der mich auch abholen will, kommt dazu. Wir gehen also alle drei miteinander. Zu merken: ich stehe beiden noch ganz unbescholten gegenüber. - In bezug auf A ... habe ich meine Vermutungen - er lädt mich denn auch auf über-morgen ein, aber es interessiert mich einstweilen noch nicht besonders. B ... begleitet mich heim - ich habe gar keine Vorahnungen, aber es folgt ,une de ces heures` und so wei-ter ... und dann natürlich auch eine Verabredung auf über-übermorgen.

Der Abend mit A ... geht in Szene und endigt schicksals-voll, wir verlieben uns heftig und auf Dauersache. Ich fühle auch gar kein Verlangen, ihn gleich von vornherein zu hin-tergehen, aber ich habe B ... auch sehr gerne und würde es ungerecht finden, ihn nun umgehend wieder zu versetzen. Wie peinlich außerdem,

ihm beim ersten Rendezvous zu sagen: ich habe mich gestern in

A ... verliebt - leben Sie wohl!

Am meisten Kopfzerbrechen hat mir die Frage gemacht, welcher von ihnen nun eigentlich der andere war.

E.M.:

Nachmittags war ich bei Emmy im Atelier gewesen, um dort für eine Ballade, die ich neulich Morax aus dem Handgelenk diktiert hatte, einen Bilderbogen zu zeichnen. Morax, Engert und Keller waren da. Emmy lag im Bett. Das arme Mädel kriegt viel zu wenig Schlaf. Jeder will mit ihr schlafen, und da sie sehr gefällig ist, kommt sie nie zur Ruhe. Bis drei muß sie bei Kathi Kobus sein, die sie scheußlich ausnutzt, und morgens um neun Uhr sitzt sie dann schon in der Malstunde. Ich wollte, ich wäre erst gesund. Dann würde ich sie oft zu mir nehmen und einfach nicht fortlassen, ehe sie nicht gründlich ausgeschlafen ist.

F.z.R.:

Erinnern Sie sich noch an den deprimierten Jüngling, den ich mir vergangenes Jahr an die Sohlen geheftet hatte, wie Sie so hübsch zu sagen pflegten? Er war zum Verzagen lang-weilig, aber unwiderstehlich, absolut unwiderstehlich ele-gant.

Als ich ihn gerade kennengelernt hatte und noch nicht

unterzubringen wußte, fanden Lily - Ihre Lily und ich - zufällig ein Inserat in der Zeitung, das uns frappierte. Es lautete: "Elegante Begleitdogge zu verkaufen".

Nach diesem Inserat wurde der Jüngling dann benannt und eingereiht.

Bei mir war gerade saison morte, ich hatte eine Herzens-angelegenheit, die mich sehr in Anspruch nahm und in jeder Beziehung ganz nach Wunsch war, bis auf eine pathologische Vorliebe für farbenfrohe Krawatten. Ich machte es mir zur Lebensaufgabe, ihn davon zu heilen. Wie oft, ach, wie oft saßen wir stundenlang im Laden und ließen uns Krawatten, immer nur Krawatten vorlegen. Ich bot all meinen Einfluß auf, aber selbst wenn nach schwerem Kampf eine annähernd glückliche Wahl zustande gekommen war, so entdeckte er sicher im letzten Moment noch irgendein furchtbares Blau, Gelb oder Violett, das er durchaus haben mußte. Ich habe ihn wirklich geliebt, aber die farbenfrohen Krawatten kosteten mich meine Seelenruhe. Auf die Länge war es geradezu aufreibend. Meine einzige Erholung war die elegante Begleitdogge, denn man konnte überall und ohne Hemmungsgefühle mit ihr hingehen. Sie war immer vorhanden - immer melancholisch und immer tip top wanderte sie unentwegt mit langen Schritten und müder Haltung neben mir durch Straßen und Restaurants.

(MUSIK: Satie/Legrand, Take 22, Tango)

E.M.:

Sonntags traf ich im Café Emmy. Ihre Taufe hat sie überstanden - und nun redet sie ernstlich vom Kloster. Ich sagte ihr, ins Kloster hineinkommen sei leichter als wieder herauskommen, und als ich sie schließlich fragte, wer denn im Kloster ihr Gärtchen bestellen soll, wurde sie böse und ging. - Heute früh, als ich sie im Stephanie begrüßen wollte, schnitt sie mich. Zu dumm! Sie wird kaum einen Freund finden, der es so uneigennützig gut mit ihr meint wie ich.

A:

Emmy Hennings aber dichtet für Ferdinand Hardekopf:

E.H.:

Einsam irr ich durch die Nächte und denke an dich.

Manchmal seh ich einen Mantel, der deinem gleicht.

Und dann rufe ich dich leise beim Namen.

Mein Herz steht still vor Trauer,

müde lehne ich mich an die Mauer und schließe die Augen.

Langsam rinnen viele Tränen zur Erde.

Die Welt bleibt weit zurück.

Ich wehe durch weiße Wolken in offene Arme.

Ein Rosenregen fällt mir nach und kühlt meine kranken Augen.

Alles ist so weiß und zart.

Ach so süß.

A:

Emmy Hennings, die kleine Kabarettdiseuse" wird später den Dichter Hugo Ball kennenlernen, mit ihm 1915 nach Zürich gehen und das berühmte "Cabaret Voltaire" begründen.

E.M:

Ein alter Genosse Vrba, ein feiner Revolutionärstyp mit einem Kopf, gemischt aus Hermann Bahr und Michael Bakunin, stellte sich vor. (Ich lud ihn gestern zum Essen zu mir. Ein armer Teufel, der als Modell lebt, und dem ich einen Anzug, Stiefel, Mütze und bares Geld gab). Dann viele Studenten, darunter einer, der mir jüngst einen sehr jugendlichen Artikel geschickt hatte mit der Bemerkung, vielleicht könne ich mit seiner Arbeit - oder mit ihm selbst - etwas anfangen. Ein weicher blonder Junge. Vielleicht kann Lotte von ihm Gebrauch machen.

(MUSIK: Satie/Legrand, Take 20, Picnic)

A:

Endlich fand Erich Mühsam die Lösung, die "Gräfin" ihrer permanten Geldsorgen zu entheben.

E.M.

Eine Freundin von mir kam aus Ascona zurück und berichtete mir folgendes: Der Vater des Baron Rechenberg, eines Kerls, der ein verwegenes Leben als Matrose und als Goldwäscher hinter sich hatte, habe sich nun ebenfalls in Ascona festgesetzt und möchte gern, daß der Sohn heiraten solle. Das habe Rechenberg junior auf eine gute Idee gebracht. Nach dem Willen des Vaters würde sein Erbteil an die Geschwister fallen, falls er unverheiratet bliebe. Darum lasse Rechenberg mich fragen, ob ich nicht eine Frau für ihn wisse, die mit ihm einen Scheinehevertrag eingehen möchte. Sie würde, sobald er die Erbschaft antrete, die Hälfte des Vermögens sofort ausgezahlt erhalten.

Als ich den Vorschlag hörte, rief ich augenblicklich: "Die Gräfin!"

A:

Franziska zu Reventlow schreibt am 2. Januar 1911 aus Ascona nach München:

F.z.R.:

Der Mann ist ein sehr merkwürdiger Typ, sieht aus wie ein Seeräuber, und sitzt seit Jahren hier und trinkt. Dabei aber nicht unsympathisch und trotz des rauhen Äußeren durchaus Gentleman. Nun hat er sich ungemein für Bubi begeistert und will ihn adoptieren und zu seinem Erben einsetzen. Und hat die Idee, daß die bloße Tatsache, Frau und Kind zu haben (die Ehe versteht sich ohne irgendwelches Zusam-menleben etc.) ihn tatsächlich veranlassen würde, nicht mehr zu saufen und irgend etwas Vernünftiges anzufangen.-

Übrigens scheint die ganze Familie zu spinnen, ein Bruder ist Vegetarianer, Theosoph etc., und die Schwester ist fromm und trägt eine blaue Brille.

Nachdem wir uns über alle Punkte geeinigt haben, wurde ich heute dem Schwiegervater vorgeführt, der sich zur Zeit in Locarno aufhält.

Es war schlimmer wie zum Zahnarzt gehen, lief aber sehr glän-zend ab, die Sache wurde ihm als ernste Neigung mit Tendenz zum guten Engel dargestellt, und er erteilte seinen Segen. Da saß man mit seiner schwarzen Seele und antwortete ausweichend auf verfängliche Fragen, z. B. ob ich Vermögen habe und wovon wir gedächten, einen Haushalt zu gründen.

Du lieber Gott, wenn Sie mich hier an der Seite dieses Gatten wandeln sähen, aber ich war wenigstens beruhigt, daß es kein Vegetarier mit langen Locken war, davon gibt es hier böse Exemplare. Überhaupt geniert man sich etwas, in Ascona zu sein. Gott gebe, daß ich bald auswandern kann.

(MUSIK: Satie/Legrand, Take 3, Andante)

Ascona, 17. Januar 1911

Unsere Beziehungen zu den hiesigen Behörden sind durchaus dramatisch. Neulich führte mich der Seeräuber zum Notar, um einen Kontrakt aufzusetzen. - Habe ich Ihnen erzählt, daß er beinah taub ist und wir uns auch im Gespräch nur schriftlich verständigen? Ein Hörrohr, das der Vater ihm gab, hat er sofort zerschmettert. - Also wir sitzen beim Notar, und der fragt, was er denn eigentlich wolle. Der Seeräuber haut mit der Faust auf den Tisch und sagt: "Ihr verfluchten Bürokraten begreift auch nichts auf der Welt - ich will Kontrakt machen, daß meine Frau und ich gar nichts miteinander zu tun haben, jeder vollständig frei ist, außerdem bestimme ich, daß sie mein halbes Vermögen bekommt und sich verpflichtet, die andere Hälfte an das Kind einer Wäscherin in Ronco zu geben." -

Notar schüttelt den Kopf und brüllt ihm ins Ohr: "Das können Sie nicht als Kontrakt machen."

Der Seeräuber tobt, schlägt wütend auf den Tisch und beleidigt sämtliche anwesende Bürokraten, bis man ihm klar macht, es sei am einfachsten, ein Testament zu machen. Dann setzt er sich hin und macht das Testament, wirft jeden Augenblick die Feder hin und flucht wahnsinnig.

Nachdem der Notar es beglaubigt hat, überreicht er es mir, als ob es eine Schachtel Streichhölzer wäre.

In diesem Augenblick war er wirklich groß.

(MUSIK: Satie/Legrand, Take 9, La Comédie Italienne)

Ascona, Juni 1911

Ich habe ein paar freie Monate vor mir und in denen sollen Wunder geschehen.

Geheiratet haben wir auch - vor vierzehn Tagen, es war der reinste Karneval. Vormittags fuhr man nach Ronco zur Ziviltrauung. Sämtliche Dorfbewohner standen mit ihren Kindern am Arm um uns herum - und wir legten unsere Zigaretten nur weg, um "si" zu sagen. Dann über den See nah Locarno zur Kirche. Keiner wußte, wo sie war, da wir alle auf die Ortskenntnis des Gatten gerechnet hatten. Eine halbe Stunde rannten wir durch die Straßen und fragten nach der Chiesa Protestante, bis ein Fuhrmann sie uns zeigte. Vor der Kirche standen Schwiegervater und Schwester in tiefstem Schwarz - wir alle in hellen Sommerkleidern - sahen aus wie eine Tennispartie.

Stummes Spiel: Ich ließ, von plötzlichem Entsetzen erfaßt, alles stehen und rannte in die Kirche, durch die Kirche durch bis zum Altar - die anderen behaupteten nachher, es hätte ausgesehen, als ob ich zu einem Bahnhofsbüfett stürzte, um noch rasch etwas zu trinken. Na, der Seeräuber fand sich dann auch ein, der Pa-stor hielt eine endlose Rede, und wir rangen unsere Heiterkeit nach besten Kräften nieder. Es kamen bedenkliche Stellen vor: Herr, Du wollest ihnen beistehen in all ihren rechtmäßigen Geschäften - und ich sollte von allem Schweren, was das Leben bringt, an seiner treuen Brust ausruhen.

Dann war es vorüber, der Alte wollte seinen Sohn segnend auf den Kopf pratzen. Der machte einen wilden Seitensprung, und die Schwester fiel mir um den Hals, hatte aber auch nicht viel davon.

Draußen zog der Alte mich beiseite, schwiegertochterte und duzte mich und überreichte mir ein Portemonnaie mit 100 Frcs. Dann schoben wir die Familie glücklich ab und gingen ins Café. Der arme Seeräuber sagte, ihm sei zumut gewesen, als ob er gehängt würde.

Der Schwiegervater machte mir am nächsten Tag einen Besuch und war etwas erstaunt, daß sein Sohn nicht da war. Mit ihm duze ich mich jetzt, mit dem Gatten nicht. Überhaupt, der Alte liebt mich und steigt mir direkt nach. Es ist sehr lustig. Ich kann nicht anders sagen, als daß ich mich in dieser Ehe durchaus

glücklich fühle.

(MUSIK: Satie)

Ascona, Frühjahr 1914

Liebe Freunde! Lassen Sie sich in Kürze den letzten Film meines Daseins berichten, um Sie milde zu stimmen: Anfang Dezember die schmerzlich erwartete Erbschaft - man gab Auftrag, die Obligationen in Rußland zu verkaufen, bekam daraufhin Vorschuß von der Bank in Locarno und begab sich auf eine kurze Millionärsreise - kam zurück, um die inzwischen eingetroffenen Gelder zu erheben - gerade in dem Moment, wo der "Credito Ticinese" in Konkurs ging.

Es scheint kein Segen an dem Geld gehangen zu haben.

Sonst geht es mir glänzend, gesund und guter Laune. Der kurze Glanz war sehr schön, der Krach eigentlich auch ganz lustig, und der Entschluß, im Ausland zu bleiben, erlösend.

(MUSIK: Satie/Legrand: Take 46, Meditation)

A:

Der Tanzsaal des frivolen Lebens steckt voller böser Widerhaken. Noch eben hat der Dichter Klabund, Klabautermann und Vagabund, das Mädchen Marietta besungen, das im Künstler-lokal "Simplizissimus" tingelt:

Kl:

Ich habe kein Vaterland.

Ich habe kein Mutterland. Jede fremde Sprache berührt mich heimatlich.

Ich bin eine polnische Prinzessin: hübsch aber schlampig.

Ich schiele.

Das ist meine Weltanschaung.

Eigentlich müßte ich ein Monokel tragen.

Ich gewinne auf der Münchner Wohlfahrtslotterie

eine kleine Kuhglocke.

Ich binde sie mir um den Hals und lasse sie läuten.

Jeder möchte mein Hirt sein.

Ich bin Marietta.

Bin funkelndes Feuer.

Und sehr viel Rauch.

Ich habe eine unordentlich zugeknöpfte orangine Bluse

und verkünde nachts im Simplicissimus blaue Fabeln

und graue Anekdoten von Klabund.

Manche sind nur leise rosa und schmecken wie Himbeerkompott.

Ich kriege für den Abend vier Mark und nicht mal

warmes Abenbrot.

Ich suche nach Nebenverdienst.

A:

Dann ist von einem Tag zum andern das freie Leben der Bohème zuende. Im Namen des Vaterlandes kehrt erst der martialische Rausch, später die große Bedrückung ein.

Zu denen, die von Anfang an nicht an die "große Zeit" geglaubt haben, gehört der verwegene, menschengläubige Erich Mühsam.

In der Nacht vom dritten auf den vierten August 1914 schreibt er in sein Tagebuch:

(MUSIK: Satie/Legrand, Take 1, Gymnopède 1)

E.M.:

Es ist ein Uhr nachts. Der Himmel ist klar und voll Sternen, aber über die Akademie ragt der Rand einer weißen, in dicken Schichten gehäuften Wolke, in der es unaufhörlich blitzt. Unheimlich grelle, lang sichtbare, in horizontaler Linie laufende Blitze.

Und es ist Krieg! Alles Fürchterliche ist entfesselt. Seit einer Woche ist die Welt verwandelt. Seit drei Tagen rasen die Götter. Wie furchtbar sind diese Zeiten! Wie schrecklich nah ist uns allen der Tod!

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