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Archiv 1999

Archiv 1998

Das gesamte Manuskript Teil 3

Dritter Teil: Wien - Berlin - Zürich

(MUSIK: Satie/Legrand, Take 44, Idylle)

P.A.

Gedicht.

Ich nahm ein Mädchen zu mir über Nacht.

Das macht nichts.

Bevor sie einschlief, sagte sie: "Sind Sie ein Dichter ?!?"

"Weshalb? Vielleicht. Das macht nichts."

"Ich habe nämlich auch einmal gedichtet -."

"?!?"

"Ich hab dich so gern.

Nun bist du fern ---.

Das macht nichts.

Auf meinem Grab wird stehn:

'Ich liebe dich!'

Niemand wird wissen, wer und wen---.

Das macht nichts."

Ich gab dem Mädchen 10 Gulden statt 5 --.

"Oh," sagte sie lächelnd, "5 waren nur ausbedungen!?!"

"Das macht nichts. Die Rechnung stimmt. Sieh', Mädchen, wie genau ich zähle ---

5 für deinen süßen Leib und fünf für deine süße Seele!"

(MUSIK: Strawinsky)

A:

Peter Altenberg, der Verfasser schwebend präziser Miniaturen in Prosa, war neben Arthur Schnitzler die stärkste dichterische Begabung im Wien der Jahrhundertwende. Ein Bohemien durch und durch, ein Pumpgenie, der gerne am bürgerlich reichen Leben partizipierte - immer ohne eigene geldliche Mittel.

P.A.:

So sollte es immer sein.

Ein Herr trat auf mich zu im Café und sagte: "Ich bin ein fanatischer Verehrer von Ihnen."

"Bitte sehr," sagte ich. "Da werden Sie vielleicht gern einen edlen Champagner zahlen?!?"

"Mit allergrößter Freude."

Wir tranken drei Flaschen G. und H. Mumm, extra dry; süß. Es wurde sieben Uhr morgens. Ich ging ins Zentralbad, 27 Grad, Porzellanwanne. In der Kassa saß eine junge Dame mit edelzarten Händen. Ich sagte ihr mit meinen Augen: "Süßeste Kassierin -" Und: "Man sollte dich miterstehen dürfen - - ."

Dann frühstückte ich in einer Charcüterie: kalten geräucher-ten Stör aus der Wolga, das Deka 12 Heller. Crevettes aus Ostende. Grüne große Oliven aus Spanien, zehn Stück 60 Hel-ler. Prager Schinken, das Deka 6 Heller, 90 Heller. Zwei Bana-nen, gold-gelb-schwarz gefleckt, aus Afrika, das Stück 30 Hel-ler, 60 Heller.

Dann kaufte ich mir eine blaue phototypierte Ansichtskarte: "Weg, am See entlang." In einer Winterlandschaft.

Ich dachte sie mir eingerahmt in einem fünf Zentimeter brei-ten Eschenholzrahmen.

Ich kam infolge dieser Träumereien um halb zehn Uhr mor-gens nach Hause. Da sagte das junge Hausmeistermädchen, die mich zum Aufzuge führte, zu mir: "Herr Altenberg haben ge-wiß wieder heute nacht umgeschmissen - - ."

"Jawohl", sagte ich, "die Weltordnung der Philister!"

Sie dachte: "Nun, er hat 40 Heller bezahlt für den Aufzug, obzwar es im Zins bereits schon miteingerechnet ist - "

A:

Altenbergs Bekenntnis ist die gottgeschaffene Natur und die Freiheit der Seele - aber es gibt nur wenige, die ihn so verstanden haben. Seinen wimmelnden Anhang bilden die Schwärmer und falschen Romantiker.

P.A.:

Krankenlager

Ich lag wieder einmal im Sterben. Einer sandte mir daher Kalbsfußgelee in Glasdose, statt mir seine junge, schöne Ge-liebte zu senden, die mich unbedingt eher hätte erretten können als Kalbshaxen! Das Kalbsfußgelee hatte einen geheimnisvollen, uneröffenbaren Verschluß. Daher war es auch ganz gleichgültig, daß es vor dem Eröffnen zwei Stunden lang in Eis liegen sollte. Einer kam sehr teilnahmsvoll und besprach es mit mir ziemlich eingehend, ob er seiner Mitzi den Laufpaß geben solle oder nicht, nachdem doch, wie ich wisse - . Wir berieten hin und her, und er meinte schließlich, er sehe, ich sei nicht ganz bei der Sa-che. Zum Schlusse sagte er: "Hast du große Schmerzen?! Merkwürdig, daß diese Anfälle in letzter Zeit so häufig wieder-kommen. Vielleicht sieht man dich übrigens morgen im Gast-haus. Da können wir es weiter besprechen." Eine Dame kam und ich teilte ihr mit, daß sie die schönsten Ohren, Hände von der Welt habe. Sie meinte, ich bliebe noch in der Sterbestunde ein Dichter, ein wirklicher Künstler. Einer kam und legte seine Zigarettenasche auf mein Nachtkästchen aus Bambus, neben die große, tiefe Aschenschale. Einer trug mir ein Buch weg, unter dem Vorwande, ich könne in meinem jetzigen Zustande ohne-dies nicht die Sammlung finden, es zu lesen. Einer sagte mir, man dürfe sich nicht so sehr nachgeben, sondern müsse die Krankheit durch Energie überwinden. Gott, wo käme er selbst hin, wenn er sich immer gleich ins Bett legen wollte und sich pflegte!? Eine junge Dame schrieb: "Verehrter Meister, ich höre, daß Sie schwerkrank sind. Darf ich um ein Autogramm bitten?!" Als ich wieder genesen war, sagte man zu mir: "Nun, Peter, du ewig Unzufriedener, hast du es nicht jetzt wieder einmal erlebt, von wieviel Sympathie und echter Freundschaft du in schweren Zeiten dennoch umgeben bist?!" Ich blickte ge-rührt vor mich hin - das heißt, ich dachte: Verbrecher und Schafsköpfe!

A:

Sanftmut und Galle, Zartheit und Streitbarkeit liegen bei Peter Altenberg eng beieinander.

Roda-Roda, der österreichisch-ungarische Schriftsteller und Humorist mit Offiziersvergangenheit, notiert.

R.-R.:

Café Zentral, Wien. Ich hatte eben eine hübsche Geschichte gelesen und reichte sie Peter Altenberg.

Er las sie.

Plötzlich hieb er auf den Tisch.

"Dieser Hund," schrie er, "-wie heißt der Hund? Rehwald? Abgeschrieben hat ers von mir."

"Nein, Peter. Nirgends in deinen Büchern steht was Ähnliches. Die Geschichte ist herrlich, aber nicht von dir."

"Was heißt das? Wörtlich, wort-wörtlich von mir. Genauso hätt ich sie geschrieben."

(MUSIK: Strawinsky)

P.A.:

Kaffeehaus

Du hast Sorgen, sei es diese, sei es jene - - - ins Kaffee-haus!

Sie kann, aus irgendeinem, wenn auch noch so plausiblen Grunde, nicht zu dir kommen --- ins Kaffeehaus!

Du hast zerrissene Stiefel --- Kaffeehaus!

Du hast 400 Kronen Gehalt und gibst 500 aus --- Kaffee-haus!

Du bist korrekt sparsam und gönnst dir nichts--- Kaffee-haus!

Du findest keine, die dir paßt --- Kaffeehaus!

Du stehst innerlich vor dem Selbstmord - - - Kaffee-haus!

Du haßt und verachtest die Menschen und kannst sie den-noch nicht missen --- Kaffeehaus!

Man kreditiert dir nirgends mehr--- Kaffeehaus!

A:

Kabarett Nachtlicht - Wien. Mai 1906.

Von Else Lasker Schüler.

E.L.S.:

Die Straßen enden in Rundungen, tanzumschlingende Arme. Wir wandeln in einem endlosen Saal durch Wien. Es ist Nacht - die Mondkrone mit den vielen tausend Sternenkerzen brennt lustig über der Stadt der Walzer. Nur wenige Menschen begegnen uns, vom Vergnü-gen kehren die letzten heim, und ihre Gedanken dre-hen sich noch mit den blauen Donauklängen leichtfüßig über das spiegelblanke Leben. Aber die Wiener sind höflich gegen ihre Fremdlinge (wir suchen nämlich das Kabarett Nachtlicht), noch im Tanztaumel besinnen sie sich nach dem entferntesten Winkel, begleiten sogar den Suchenden bis an Ort und Stelle. Da steht's ja: »Ka-barett Nachtlicht« - Erich Mühsam trägt gerade seine »Amanda« vor.

E.M.

Also starb Amanda Klopfer --

- dieses war ihr Vatersnam -,

sie, die als der Liebe Opfer

um ihr bißchen Leben kam.

Schuld an ihrem Mißgeschicke

hatte auch die Konvention,

und zumal in seiner Tücke

ihr Galan, der Schandpatron.

Und das Geld, das schon so viele

hoffnungsvolle Leben fraß,

war auch wieder hier im Spiele,

weil sie eben keins besaß.

Wär Amanda eine reiche

Dame, hätt sie der gefreit -

und des Kinds und ihre Leiche

lebten sicherlich noch heut.

E.L.S.:

Mühsam sieht noch lebenslässiger aus wie in Berlin. Zwar sitzt sein Rock heute ohne Tadel, und seine Mähne, löwengelb, ist gepflegter wie an der Spree. Aber er bangt sich nach Ruhe, und auch die Jungfern seiner Verse mit dem nächtlichen unrechtlichen Geschick sind müde, sich hier weiter zu produzieren. "Ein Kunststück, seien Sie mal die Schlußnummer - komme erst um 5 Uhr morgens in die Klappe." Nichtsdestoweniger will er uns noch ins Kasino begleiten. Dort tanzt eine schwarze Blondine, "Spaniens Madonna", sagt Peter Altenberg im Vorübergehen. Er ist im Begriff, gestützt auf seinen Krüppelstock, das Kabarett zu verlassen - ihm folgt die kleine Künstlergesellschaft.

Am andern Abend sind wir zeitiger da. In einer Rumpelkammer spinnwebgrau sitzen wir. Bestaubte Figuren und Porträts, näher betrachtet von neuen Künstlern ausgeführt, hängen an den Wänden, und auf der Konsole über dem blonden Kopf eines Leutnants steht die Statuette von Madame Delvard, der Schrfrichterin. Sie ist die einzige, die den elf Scharfrichtern in München zur Hand ging. Ihre Nervosität duftet. Blasse Lichtchen werfen einen Schleier auf ihre beringten Hände, die schlaff herabhängen an ihrem überschlanken Samtstengelleib, wie weiße tauschimmernde Blätter. Und Wedekinds rotäugige Straßenlieder singt sie mit der Schüchternheit eines Kindes.

Peter Altenberg nickt zustimmend und setzt sich neben mich in die kleine Loge. Er ist nächtlich Gast des Kabaretts; die Umgebung dieser Künstlerkinder tut ihm wohl, der Aufenthalt auf der kleinen Künstlerinsel unter dem grünlich flackernden Miniaturstern. Ein kostbares Spitzengewebe ist seine Seele, jedes holprige Wort bleibt in ihren Seidenmassen hängen. Aber wen der gute Blick seines Schelmenauges trifft, der möchte ihn wohl ergreifen können und in ein Enveloppe als Andenken legen.

Ich möchte manchmal zu ihm sagen, so ganz unmotiviert: "Lieber Peter Altenberg."

A:

Für Erich Mühsam,den wandernden Bänkelsänger und friedliebenden Anarchisten, endet das Engagement in Wien höchst unvorteilhaft.

E.M.:

Mein Nachtlicht-Chef Monsieur Henry, in Rage gebracht durch eine Anrempelung in der "Fackel", nahm an derem Herausgeber brachiale Rache. Ich saß mit Karl Kraus in einem Weinlokal, als die Kollegen vom Kabarett erschienen und an einem andern Tisch Platz nahmen. Plötzlich stürzte sich Henry auf Kraus, den er buchstäblich bis zur Bewußtlosigkeit verprügelte; es war höchst widerwärtig und roh. Ich lag, in dem Drange, Frieden zu stiften, beiseite geschoben, mit verstauchtem Finger, zerbrochenem Kneifer und zerfetztem Engagementsvertrag in einer Ecke am Boden, während Peter Altenberg seufzend zwischen den verwaisten und derangierten Tischen umherirrte und mit den Worten "Ich bin verzweifelt" von Freund zu Feind die Sektreste austrank.

(MUSIK: Satie/Legrand, Take 7, La Balancoire)

A:

Zum Feindbild der Bohème gehört der Bourgeois. Von seiner seelischen Kälte, seiner philiströsen Behaglichkeit wollen die freien künstlerischen Kräfte sich provokativ absetzen. Was freilich nicht immer gelingt.

Und nicht nur die Kunst soll ein Akt der Revolte sein, sondern das Leben selbst soll zur Kunst werden. Kabarett und Café stellen die Bühne dar, auf der das "andere", das ungebundene Leben seine Inszenierungen feiert.

Else Lasker-Schüler, die das Wiener Kabarett Nachtlicht besucht hat, ist in Berlin Stammgast im Café des Westens.

"Es war 1912, als ich sie kennenlernte", schreibt Gottfried Benn -

G.B:

Sie war klein, damals knabenhaft schlank, hatte pechschwarze Haare, kurz geschnitten, was zu der Zeit noch selten war, große rabenschwarze bewegliche Augen mit einem ausweichenden Blick. Man konnte weder damals noch später mit ihr über die Straße gehen, ohne daß alle Welt stillstand und ihr nachsah: extravagante weite Röcke oder Hosen, unmögliche Obergewänder, Hals und Arme behängt mit auffallendem unechtem Schmuck.

Sie aß nie regelmäßig, sie aß sehr wenig, oft lebte sie wochenlang von Nüssen und Obst.

P.H.:

Der schwarze Schwan Israels, eine Sappho, der die Welt entzwei gegangen ist. Strahlt kindlich, ist urfinster. In ihres Haares Nacht wandert Winterschnee. Ihre Wangen feine Früchte, verbrannt vom Geiste.

A:

Schrieb Peter Hille, der Wanderdichter, in seinem Todesjahr 1904 über die Lasker-Schüler. Als "Prinzessin Tino von Bagdad" begann sie ein poetisches Maskenspiel, das lebenslang währen sollte.

E.L.S.:

Ich bin nun zwei Abende nicht im Café gewesen, ich fühle mich etwas unwohl am Herzen. Dr. Döblin vom Urban kam mit seiner lieblichen Braut, um eine Diagnose zu stellen. Er meint, ich leide an der Schlddrüse, aber in Wirklichkeit hatte ich Sehnsucht nach dem Café. Er bestand aber darauf, mir die Schilddrüse zu entfernen, die aufs Herz indirekt drücke; ein klein wenig Cretin könnte ich davon werden, aber wo ich so aufgeweckt wäre, käm ich nur wieder ins Gleichgewicht. Ich hab nämlich gebeichtet, daß ich mir außerdem das Leben meiner beiden Freunde wegen hätte nehmen wollen am Gashahn, der aber abgestellt worden sei; der ganze Gasometer ist geholt worden. Ich konnte die Gasrechnung nicht bezahlen. Auch in der Milch kann ich mich nicht ersäufen, Bolle bringt keine mehr. Wie soll ich nun, ohne zu erröten, wieder ins Café kommen? Ein Mensch wie ich müßte sein Wort halten.

E.Sz.:

Das moderne Bohèmiencafé führt seine Tradition bis zum "schwarzen Ferkel" zurück, wo man oft den tragischen Strindberg zu Gast sah. Das letzte ruhmvolle deutsche Café Größenwahn war das Café des Westens am Kurfürstendamm.

A:

So Emil Szittya in seinem "Kuriositäten-Kabinett", in dem er

- laut Untertitel - Begegnungen schildert "mit seltsamen Begebenheiten, Landstreichern, Verbrechern, Artisten, religiös Wahnsinnigen, sexuellen Merkwürdigkeiten, Sozialdemokraten, Syndikalisten, Kommunisten, Anarchisten, Politikern und Künstlern".

E.Sz.:

Der sympathischste Tisch im Café des Westens war immer der von der Else Lasker-Schüler. Sie hat in Hilles Kabarett ihre ersten Träumereien vorgelesen. Seit langem hält man sie für die größte deutsche Dichterin. Es ist möglich, daß viele (sogar Else Lasker-Schüler) mit ihrer Abneigung gegen Herwarth Walden recht haben, aber man muß auch zugeben, daß er in der größten Not der Einzige war, der nicht nur bedingungslos an die Dichterin glaubte, sondern neben ihr aushielt. Als ich Else Lasker-Schüler zum ersten Male sah, war es auf dem Kurfürstendamm. Sie trug ein bubenhaft geschnittenes Sammetkleid, stand wie ein Spitzbube vor dem Café Größenwahn und blinzelte in die Frühlingssonne.

E.L.S.:

Herwarth!

Gestern war ein Monstrum im Cafe mit orange-blonden, angesteckten Locken, und wartete scheints bis Mitternacht auf Dich, Herwarth. Leugne nur nicht, Du kennst sie; sie sprach genau so im Tonfall wie Du, überhaupt ganz in Deiner Ausdrucksweise. Nachher ging sie in die Tele-phonzelle; ich und Zeugen hörten sie unsere Nummer rufen, aber Deine Sekretärin mußte wohl schon gegangen sein, denn das Monstrum stampfte so wütend mit dem Fuß, daß die gläserne Tür des kleinen Kabinetts klirrte. Und so stamp-fen nur Verhältnisse! Es wäre doch eine Gemeinheit von Dir, wenn Du mir untreu wärst. Jemand hat hier im Cafe gesehn, wie sie Dir unter dem Tisch eine ihrer künstlichen orangefarbenen Loc-ken schenkte.

(MUSIK: Satie/Legrand, Take 40, Celle qui parle Trop)

A:

Else Lasker-Schüler war zehn Jahre mit dem Musiker, STURM-Herausgeber, Kunstveranstalter und späteren Galeristen

Herwarth Walden verheiratet gewesen. 1912 ging die Ehe in die Brüche, als Herwarth sich in eine junge Norwegerin - die mit den "orange-farbenen Locken" - verliebte.

Während seiner Abwesenheit sendet Else ihm Briefe nach Norwegen und veröffentlicht sie gleichzeitig im "STURM", ihrer Haus-zeitschrift.

E.L.S.:

Lieber Herwarth!

Ich habe das Café satt, aber damit will ich nicht behaupten, daß ich ihm Lebewohl für ewig sage, oder fahre dahin Zigeuner-karren. Im Gegenteil, ich werde noch oft dort verweilen.

Warum man überhaupt in Berlin wohnen bleibt? In dieser kalten, unerquicklichen Stadt. Eine unumstößliche Uhr ist Berlin, sie wacht mit der Zeit, wir wissen, wieviel Uhr Kunst es immer ist. Und ich möchte die Zeit so gern verschlafen.

(MUSIK: Schwertertanz. Interpret: Kevin McCutcheon)

A:

Herwarth Walden ist der "Wunder" von Prinz Jussuf alias Prinz von Theben alias Tino von Bagdad müde. Seine Gedanken schweifen ab zur Norwegerin.

Den "Schwertertanz", den er komponiert und Else geschenkt hat,

widmet er kurzerhand um: "Für Nell Walden".

(MUSIK)

E.L.S.:

Ich und Herwarth sind unerschütterlich auseinander; ich habe eingesehen, wir sehen und fühlen anders, wir spielen und lieben anders, ich bin ein Krieger mit dem Herzen, er mit dem Kopf. Material: ich: Glas mit Burgunder; er: Porzellan mit Mokka.

J.H. (John Höxter):

Im Kaufhaus des Westens stößt Else Lasker-Schüler mit einer dicken Madame zusammen; ein peinlicher Disput erhebt sich; immer bedrohlicher werden die Worte. Da richtet sich Else auf: "Wissen Sie überhaupt, wer ich bin? Ich bin der Prinz von Theben und (auf ihre Dienstmagd weisend) dieses ist Zobeide, meine erste Tänzerin!" Linksumkehrt - ab; hinter der Szene ertönt Fanfarenmusik.

(MUSIK Ende)

E.Sz.:

Sie hat nicht die Emporkömmlingspose angenommen, sondern immer das Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem Café aufrechterhalten. In die vornehmsten Kreise lädt man sie ein, aber sie liebt das Bohemientum.

A:

Emil Szittya über Else und ihre Freunde im "Café des Westens".

E.Sz.:

Zu ihrem Kreis gehört der Dichter Max Hermann-Neiße. Max Hermann ist sehr devot gegen jeden, dem er Pumpbriefe schreiben darf. Er schreibt schöne Gedichte, die wie das Weinen von Mönchen sind. - Selbstredend muß es einen Orientalen in der Gesellschaft des Prinzen von Theben geben. Es ist der Bildhauer Abo aus Palästina. Er spricht eine zu lärmende, blumenreiche Sprache. Nebenbei ist er, wie es sich für einen Palästinenser ziemt, Zionist. - Auch hegt der Prinz manche Sympathie für John Höxter, der behauptet, er stamme aus einem alten jüdischen Fürstengeschlecht, und über den Ferdinand Hardekopf das Wort "John, der dunkelste aller Morphinisten" schrieb. Er ist ein Mensch, der von allem etwas versteht und sich seit Jahren gebückt durchs Café schleicht. Er kennt nicht nur alle Berühmtheiten Deutschlands, sondern kann sich rühmen, mit jedem Berühmten einmal im Suff schon per Du gestanden zu haben; dennoch sieht er immer zerlumpt und gebrochen aus. Der Hunger glotzt ihm aus den Augen. Er ist der Ahashver des Café Größenwahn.

(MUSIK: Satie/Legrand, Take 27, 3.Gymnopédie)

E.M.:

Der Deutsch-Argentinier Schmied war einer der originellsten Kerle, die ich je gekannt habe.

Jeder, der mit ihm in Berührung gekommen ist, weiß Dutzende von Anekdoten von ihm zu erzählen, denn die ungeheure Beweglichkeit seines durchaus bedeutenden Geistes schuf aus jeder Begegnung mit ihm selbst eine Anekdote. Er hat nur zwei kleine Bücher geschrieben, seine Kindheitserlebnisse, und hinter diesen feinen, klugen, zarten und humorvollen Geschichten vermutet niemand als Verfasser einen ewig besoffenen, immer glücklichen und doch stets seinem Glück mißtrauenden, die Realität des Lebens aufs tiefste verachtenden Künstlermenschen.

Schmied war von seiner Genialität absolut überzeugt, wenn er sich selbst auch gestattete, sie zu ironisieren. "Ich glaube nicht an Genies", sagte einmal ein Tischgenosse. Rudolf Johannes sprang auf und bohrte ihm den Zeigefinger in die Weste: "Was haben Sie gegen mich?!"

Die großen Werke der Weltliteratur be-urteilte er nach ganz eigenen Gesichtspunkten, nie nach dem künstlerischen Wert, stets aus der Einfühlung in die Persönlichkeit des Dichters.

Er las Dantes Vita nuova, das ihn tagelang ausschließlich beschäftigte. Plötzlich meinte er: "Angenommen, daß Beatrice eine blöde Gans war, dann ist Dante blamiert, tief blamiert!"

J.H.:

Der Philister steht mit beiden Beinen fest auf dieser Erde, aber der Künstler ist ein Bürger zweier Welten - eine Situation, die Rudolf Johannes Schmied mit den Worten zeichnete: "Unser Hintern fährt 3. Klasse, unser Haupt ragt über die Wolken." Von der andern Seite aus gesehen rückt das Bild leider mehr in die Perspektive von des Astronomen Kutscher: "Im Himmel, Herr, mögt Ihr gut Bescheid wissen, aber hier auf Erden seid ihr ein rechter Esel."

E.M.:

Am amüsantesten war es, Rudolf Johannes Schmied in der Gesellschaft des Malers und Lebenskünstlers Friedrich von Schennis zu genießen. Schennis betrat das Cafe des We-stens verhältnismäßig selten und immer erst in später Nachtstunde. Dieser Mann, eine Mischung von Aristokrat, Zigeuner, Anarchist, Künstler, Menschheitsverächter, großem Liebenden und Leidenden, wirkte in der Erschei-nung, im Benehmen und in der Lebensführung anachroni-stisch und unwirklich. Aus dem zerrissenen und doch ebenmäßigen langen Gesicht mit den grauen Haaren und und dem dünnen grauen Schnurrbart leuchteten große tiefe blaue Augen; die Hände waren übermäßig lang und schmal, und man sah die Adern auf den Handrücken hervortreten. Allerdings sah man sie nur selten. In der Regel trug Schennis Zwirnhandschuhe mit Aus-schnitten an den Fingerspitzen, so daß die langen, gepflegten Fingernägel herausstaken. Die Handschuhe behielt er gewöhnlich auch beim Trinken an, ebenso behielt er den gelbbraunen runden Hut auf dem Kopf.

Zwischen ihm und Rudolf Johannes Schmied herrschte, da ihre Art des schlagenden bildhaften Ausdrucks ziemlich ähnlich war, eine leichte, aber von großer gegenseitiger Sympathie gemilderte Rivalität. Schmied litt darunter, daß man ihm nachsagte, er kopiere Schennis. Einmal platzte er damit los: "Du kopierst mich, Schennis - nicht umgekehrt!" Der alte Maler machte seine charakteristische knipsende Handbewegung. "Kalb!" sagte er nur.

"Ochse!" replizierte Schmied wütend. Da war Schennis beleidigt. "Ochse?! Ochse?! Das mir?!" Er schlug sich mit flachen Händen an den Kopf und wollte gehen. Da lenkte der andere bescheiden ein: "Bitte sehr, der Ochse ist die Sehnsucht des Kalbes!" Die Versöhnung war hergestellt und wurde gewaltig begossen.

(MUSIK: Satie/Legrand, Take 19, Les Quatre-Coins)

A:

Februar 1915. Totenrede. Auf den Dichter Hans Leybold.

H.B.:

Hans Leybold - ich muß ihn ja gekannt haben! Wir führten an den Kammer-spielen in München zusammen Hauptmanns "Helios" auf.

Er war ein Student. Er negierte mein Gesäß. Er reizte mich maßlos.

Wir fanden einen kleinen Yerlag in München. Der hieß Bachmair. H.F.S.X.(Y.) Bachmair. Anlaß vielen Gelächters für uns. Sprach Leybold: "Lasset uns eine Zeitschrift gründen!" Die hießen wir "Revolution". Als die Zeit-schrift gegründet war, verlangten die Abonnenten ein Programm. Leyhold sprach: "Wohlan denn, Ihr -, wennschon immerhin: Hier habet ihr ein Pro-gramm". Und schrieb: "Kampf gegen Seiendes, für Keimendes. Gegen Kunst-wächter, Kulturwächter, Obskuranten, Schwärzlinge, Hohlwege, Panteutschisten, Stagnaten, Kastraten. Gegen literaturbehaftete Oberlehrer, kunstsinnige Kritiker, allgemeine Rundschauer. In summa: Gegen Zuständliches". Und fügte hinzu: "Nicht-schrift-steller heraus! Keine Literaten sollen gezüchtet werden." Da hatte man denn die Revolution! Da war sie. 20 Jahre alt war der Kerl. Sehr hurtig. Und paffte einfach drauf los.

- Sprach jemand in Berlin: "Was ist das für eine Revolution, die ihr da macht in München! Da steht ja kein Satz Politik drin!" "Richtig", sprach Leybold, "da steht kein Satz Politik drin. Was soll man tun?" 5 Minuten später waren wir konfisziert mit Nummer 1.

(MUSIK: Satie/Legrand, Take 13, Yachting)

Ich befreundete mich mit Kandinsky und ging zum Expressionismus über. Ich schrieb ihm:

"Wir, Bruder, toben mit den grellen Bumerangs,

Trompetenbäume schrillen in cis-moll.

Wir schnellen durch die Luft gleich Fetzen grünen Tangs,

blutäugig fliegende Fische voller Haß und Groll."

In demselben Moment erklärte Kaiser Wilhelm, daß das mit den Franzosen und Russen nicht so weitergehen könne. Und Leybold schwenkte auch die Fahne und blies auch ins Hifthorn und machte auch den Krieg mit Frankreich. Mir persönlich ist ja der Krieg unsympathisch, denn es ist eine Rigorosität, daß Leute wie Charles Péguy erschossen werden. Aber man kann nichts machen. Dazu kam, daß Leybold eine Sympathie hatte für Kanonenrohre, weil sie ihn mit Freudschen Theorien erfüllten.

Eines Tages, mitten im Krieg, stürzte er vom Pferd, vor der Stadt Namur, kam zurück nach Berlin, pflanzte einen Vollbart ins Café des Westens und begab sich in seine Garnison Itzehoe, von wo er depeschieren ließ, er sei mit dem Tode abgegangen.

(Selbstmord).

Er starb in irgendeiner Ecke, ohne einen Laut, und ohne daß er noch jemand gesprochen hätte. Fürs Vaterland. Aber er wollte hinaus aus dem Vaterland. Immer. Nur hinaus aus dem Vaterland. Mangel an Vaterland war direkt der Defekt bei ihm. So war er geartet.

A:

Hugo Ball, Poet und Dramaturg, Musiker und Philosoph, ein Vertreter der literarischen Avantgarde, entsprach nicht unbedingt dem Typ des Bohemiens, wurde aber nach seiner Begegnung mit Emmy Hennings, der entzückenden Sängerin und Diseuse, in den Kreisen der Münchner Bohème einigermaßen heimisch - als Gast und Mitaufführender in den Kabaretts, als Theaterexperte und, wie von ihm beschrieben, als Herausgeber des Blättchens "Revolution". Der Selbstmord seines jungen Freundes Hans Leybold im Lazarett von Itzehoe ließ seine anfängliche Kriegsfaszination ins Gegenteil umschlagen.

Die "Gedenkfeier für die gefallenen Dichter" - Walter Heymann, Charles Péguy, Ernst Stadler und Hans Leybold - wurde Anfang 1915 abgehalten in Berlin. Sie schloß mit der Verlesung eines "Literarischen Manifests" von Hugo Ball und Richard Huelsenbeck.

H.B.:

Wir wollen: Aufreizen, umwerfen, bluffen, triezen, zu Tode kitzeln, wirr, ohne Zusammenhang, Draufgänger und Negationisten sein. Unsere Sache ist die Sache der Intensität, der Nüstern, der Askese, des methodischen Fanatismus, der Flaggen und Konspirationen. Wir werden immer "gegen" sein.

A:

Im Mai 1915 ließ Hugo Ball sich unter Vorweis des Landsturm-scheins von John Höxter, der als dauerhaft dienstuntauglich galt, einen Paß auf den Namen Höxters ausschreiben - und floh damit in die Schweiz. Emmy Hennings folgte ihm nach Zürich.

Um sich am Leben zu erhalten, verdingt sich das Paar beim Tingel-Tangel - er als Pianist, Verfasser von Rührstücken und Gedichten, sie als Sängerin, angekündigt als "der Stern vieler Nächte von Kabaretts und Gedichten".

In seinem Roman "Flametti oder vom Dandysmus der Armen" beschreibt Ball die gemeinsame Zeit in der Gruppe "Maxim"

unter Leitung des Herrn Flamingo, d.h. die halb erzwungene, halb rauschhafte Bohème der Außenseiter, der kleinen Künstler, der traurigen Narren und Heimatlosen.

(MUSIK: Satie)

E.H. (Emmy Hennings) :

Die Mädel rannten hinter die Bühne. Flametti stürzte sein Helles hinunter. Der Zwergpintscher auf Fräulein Amaliens Busen kläffte, weil ihm Amalie kitzelte. Die Rosenlauben schwankten. Das Publikum rückte gespannt auf den Stühlen.

Klingelzeichen. Der Vorhang ging auf, und in einer Reihe stan-

den: Jenny, Rosa, die Soubrette, Fräulein Güssy und Fräu-lein Traute; alle in Tangokostümen. Rot, blau, grün, gelb, vio-lett die Schleifen im Haar. Uberflutet von Bühnenlicht. Ein zärt-licher Anblick.

Die hochgeschminkten Gesichter strahlten. Die fünf Paar Beine in farbigen Seidenstrümpfen standen adrett geschlossen, Ka-dettenbeine. Die duftigen Hänger in süßen Farben stützten kokett die baumelnden Lockenköpfe.

Mehr oder weniger Busen sog sich voll Luft. Herr Meyer schlug den Akkord an. Die ziegelrot übermalten Münder öffneten sich, und ein Frühlings-Begrüßungsmarsch erfüllte die Bühne, das Publikum und die Rosenlauben mit unternehmendem Marsch-rhythmus:

,Freunde, rasch voran, laßt die Becher kreisen!

Heiter immerdar Lieb' und Jugend preisen.

Freude nur allein kann das Leben schönen.

Schenket Kraft, spendet Mut, macht die Alten jung.<

Der Beifall wurde lebhaft. Das Orchester richtete seine Instru-mente und die Notenblätter her für die zweite Unternehmung. Das Publikum kam in Stimmung.

Gläser klapperten. Stimmen schwirrten. Satzfragmente zer-knäulten sich im Zigarettenhimmel. Die Kellnerinnen riefen einander zu und Herr Schnabel legte die Hand an die zurück-fliehende Stirn wie ein kleines Dach und übersah das Gewühl. Mehr Stühle!« Man schleppte noch Stühle herbei.

Die Kassierungen kamen herein: Glänzend! Exzentrik-, Zau-ber-, Gesangs- und Ensemblenummern lösten einander ab in wohl-arrangierter Steigerung. Zwischenmusik: die Kapelle des Herrn Fournier.

An der Kasse aber saß einheimsend Jennymama, Silber- und Kleingeld ordnend, Fünffrankenscheine wechselnd, die ankom-menden Muschelschalen ihrer kassierenden Damen so distin-guiert in die Kasse kippend, als fürchte sie, sich die Finger zu netzen.

"Mba, mba, mba!" dröhnte die Musik.

"Umziehen! Indianer!" drängte Flametti vorn bei der Rampe.

Und Herr Direktor Farolyi vom Zirkus Donna Maria Josefa, ein Pferdekenner wie kein zweiter, Flamettis erklärter Freund, kam aus der Garderobe, steifte sich auf vor der Rampe, klopf-te ans Glas und sprach:

"Meine verehrten Herrschaften! Sie erleben jetzt die Sensation dieses Abends. Unser Freund Flametti wird Ihnen jetzt seine von Rotter bearbeiteten 'Indianer' vorführen. Gestatten Sie mir, mit kurzen Worten meiner Freude über den wohlge-lungenen Abend und meiner Bewunderung für unsren verehr-ten Flametti Ausdruck zu verleihen. >Die Indianer<: welche Gefühle durchwandern unsere Brust beim Klang dieses Wor-tes! Welche Ahnungen entzücken das Herz! Welche Hoffnun-gen und Erinnerungen liegen darin begraben! Der Rausch un-serer Kindheit, die Freude unserer Mannbarkeit! Wer hoffte nicht selbst, als Indianer die Gefilde unserer Heimat zu durch-schweifen. Wem zuckt die Hand nicht nach Feuerwasser, dem Bowiemesser, nach dem Skalp unserer Feinde !"

Die Damen lächelten hold. Die Augen ihrer Freunde blitzten verständnisinnig, verlegen.

Der Vorhang hob sich. Leer war die Bühne, und die >Indianer< fanden statt.

Erst die Ouvertüre mit den worgelnden Donner- und Blitz-Akkorden.

Dann der Kriegspfad.

Und die Lichter im Saal waren verdunkelt. Und die Indianer, Flametti, Jenny, die Soubrette, Fräulein Rosa, Fräulein Güs-sy und Fräulein Traute schwenkten die roten Laternchen, in hohem Federschmuck, und sangen so monoton-klagend, so herz-ergreifend-verschollen, daß Fräulein Amalien und Mutter Dud-linger die Tränen in die Augen traten; daß Herr Meyer plötz-lich glaubte, er habe falsch gespielt, und infolgedessen für einen Moment wirklich daneben griff; daß Engel beim Vor-hang seine Erregung nicht anders mehr bemeistern konnte, als indem er zitternd eine Zigarette anzündete; und Herr Farolyi, der wieder bei Donna Maria Josefa saß, ein über das andere Mal ausrief: "Macht er wirklich hübsch, der Flametti!"

(MUSIK: Satie)

A:

Im Zürcher Bezirk Niederdorf, in der Spiegelgasse 1 gründete Hugo Ball Anfang 1916 zusammen mit Emmy Hennings, mit den Rumänen Tristan Tzara und Marcel Janco und dem Elsässer Hans Arp das in die Literaturgeschichte eingegangene "Cabaret Voltaire" - den Geburtsort von DADA.

Das "Cabaret Voltaire" steht am Ende der Bohème und bringt deren Traditionen doch noch mit ein. Ein "internationales" Kabarett sollte geschaffen werden, dessen Programm sich per se allen patriotischen, paternalistischen und kriegerischen Ideen verweigerte.

Hugo Ball in seinem Tagebuch "Flucht aus der Zeit":

H.B.: 6.

Februar 1916.

Verse von Kandinsky und Else Lasker. Das "Donnerwetterlied" von Wedekind. 11.

Februar.

Huelsenbeck ist angekommen. Er plädiert dafür, daß man den Rhythmus verstärkt (den Negerrhythmus). Er möchte am liebsten die Literatur in Grund und Boden trommeln.

A:

Totentanz 1916. Das politisch schärfste Gedicht, das in der Spiegelgasse zu hören war, von Emmy Hennings auf die Melodie des Alten Dessauermarsches gesungen. Ein Chronist überliefert ihren Auftritt.

K.G.:

Nichts war zu sehen als das schneeweiße Gesicht der kleinen Diseuse. Ihre Lippen waren feurig rot bemalt, die großen Augen mit dunkler Kreide umrandet, ihre Stirne bedeckten die glatten Fransen schwarzen Haares; schmächtig stand sie in ihrem topasgrünen Pullover neben dem ebenholzschwarzen Klavier. Dann öffnete die kleine Frau ohne weitere Bewegung den Mund und sang unbewegten Gesichts, mit munterer, leicht scherbelnder Stimme:

E.H.:

So sterben wir, so sterben wir,

so sterben wir alle Tage.

Weil es so gemütlich sich sterben läßt.

Morgens noch in Schlaf und Traum,

mittags schon dahin,

abends schon zuunterst im Grabe drin.

K.G.:

Mäuschenstill war es im Lokal geworden; das rhythmische Wiegen hatte aufgehört. Hart, als wäre es ein Marsch, hackten die großen Hände des Begleiters auf die Zähne des Pianos, und die Sängerin gab die zweite, die dritte Strophe zum besten:

E.H.:

So morden wir, so morden wir,

so morden wir alle Tage

unsere Kameraden im Totentanz ...

K.G.:

Bewegungslos, geschlossenen Auges stand Emmy Hennings am Ende des Lichtbalkens und wartete in die Stille hinein. Es herrschte offenbar Unsicherheit im Publikum, ob Beifallsklatschen angebracht sei.

(MUSIK: Strawinsky)

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