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  02./03.07.1999

  • Das Logierhaus zur schwankenden Weltkugel - Die Lange Nacht der Bohème

     

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    La Bohème

    Autor:  Kurt Kreilerr

    Die Bohème ist eine Form der schöpferischen Gegen-Kultur, ein Akt der Rebellion - die Daseinsform der ewig Jungen, der kultiviert Leichtsinnigen, der Spötter und der Liebenden. Café und Atelier bilden ihre Spielwiese. Die provisorische Existenz des Bohemiens, des kunstsinnigen Lebenskünstlers, hat als erster der französische Schriftsteller Henry Murger ins Bild gesetzt. Seinen eigenen Erfahrungen als hungernder Literat gewann er die witzigen Seiten ab in dem pittoresk-realistisch-sentimentalen Roman "Scènes de la vie de bohème", der 1851 erschien und sein einziger Erfolg blieb. Dem Publikum, das sich an der rührseligen Bühnenfassung und an Puccinis Oper erfreute, kam nicht in den Sinn, daß der Autor Murger, Hedonist und Künstler der Mansarde, an den Folgen seiner jugendlichen Entbehrungen mit 38 Jahren gestorben ist. In der Vorrede zum Roman äußert er sich zum Wesen der "echten Bohème".

    Henry Murger:
    Künstlerkneipe Simplicissimus aus: Wo die Geister wandern (s.u.) Die Bohemiens wissen selbst aus unglücklichen Zufällen Nutzen zu ziehen. Regen oder Staub, Schatten oder Sonne, nichts hält diese kühnen Abenteurer auf, deren Laster sämtlich mit einer Tugend gepaart sind. Ihr Geist wird stets wach gehalten vom Ehrgeiz, der ihnen zum Angriff bläst und sie zum Sturm auf die Zukunft treibt: ohne Unterlaß liegen sie im Kampf mit der Notwendigkeit, und ihre Erfindungsgabe, die stets mit brennender Lunte einhergeht, sprengt auf diese Weise das Hindernis, ehe es sie überhaupt zu hemmen vermochte. Jeder Tag ihrer Existenz ist ein geniales Kunststück, ist ein tagtäglich von neuem auftauchendes Problem, das zu lösen ihnen mit Hilfe verwegener Rechenkünste stets gelingt. Diese Leute zwängen selbst Harpagon, ihnen Geld zu leihen, und sie fänden Trüffeln auf dem Floß der "Medusa". Wenn nötig, wissen sie mit der ganzen Tugend eines Anachoreten Enthaltsamkeit zu üben; aber fällt ihnen ein wenig Geld in die Hände, so sieht man sie alsbald die kostspieligsten Launen reiten; sie lieben dann die Schönsten und Jüngsten, trinken vom Besten und Ältesten und finden nie genug Fenster, um ihr Geld hinauszuwerfen. Wenn dann ihr letzter Heller tot und begraben ist, beginnen sie wiederum am Mittagstisch des Zufalls zu speisen, wo immer er für sie gedeckt ist, und mit einer Meute von Listen wildern sie in allen Gewerben, die irgendwie mit der Kunst verwandt sind, und jagen vom Morgen bis zum Abend das wilde Tier, genannt Fünffrancsstück.

    Buchtip:

    Dirk Heißerer
    Wo die Geister wandern
    Eine Topographie der Schwanbinger Bohème um 1900
    Diederichs Verlag, München 1993

    Buchtitel 'Wo die Geister wandern' Die "Kunststadt" München fand im alten Dorf Schwabing den Ort für ihre Bohème: "Er war lange die ästhetische Experimentierstation der Kulturstadt München", schreibt 1946 der Schriftsteller René Prévot in seinem Buch "Seliger Zweiklang. Schwabing/Montmartre". Das Bayerische Montmartre, von ähnlichen Begriffen wie Wahnmoching (Gräfin Reventlow), Wett-Vorort (Ludwig Klages), Schwabylon (Roda Roda) und Traumsstadt (Peter Paul Althaus) stilisiert und unter einer dicken Anekdotenkruste der Jahrzehnte fast verschwunden, hat allgemeine und ganz konkrete Bedingungen für seine Anfänge um 1900. Ex oriente lux:Der Begriff Bohémien steht im Französischen für den Böhmen und den Zigeuner; die Bohéme meint allgemeiner die ungebunden und freizügige Künstlerwelt. In Entsprechung dazu gibt um 1900 in Österreich und Bayern den umgangssprachlichen Ausdruck Schlawiner; abgeleitet ist er vom Slowenen bzw. Slowaken, besonders von den slowenischen Hausierern, die im Handel mit Mausefallen als besonders geschäftstüchtig galten. In München fiel unter den Begriff Schlawiner - so Victor Mann in seinen Erinnerungen "Wir waren fünf (1949) - alles, was hinter den tausend Schwabinger Atleierfenstern malte und Ton knetet, in den Mansarden dichtete, sang oder Noten schrieb, in kleinen Gasthäusern Schulden machte und in Cafés Nihilismus oder Ästhetentum verkündete. Vorausetzung war nur, daß sich der Künstler in Kleidung und Gehaben unbürgerlich gab. Tat er dies, so war er eben auch als geborener Mecklenburger, Franzose, Rheinländer, Norweger oder Thüringer ein Schwabinger Schlawiner."

    Hörbeispiel
    Hörbeispiel - bitte anklickenDie Lange Nacht der Bohème (Ausschnitt)

    Die Lange Nacht der Bohème: das gesamte Manuskript
    Das gesamte ManuskriptTeil 1
    Das gesamte ManuskriptTeil 2
    Das gesamte ManuskriptTeil 3


    Ich nahm ein Mädchen zu mir über Nacht.
    Das macht nichts.
    Bevor sie einschlief, sagte sie: "Sind Sie ein Dichter ?!?"
    "Weshalb? Vielleicht. Das macht nichts."
    "Ich habe nämlich auch einmal gedichtet -."
    "?!?"
    "Ich hab dich so gern.
    Nun bist du fern ---.
    Das macht nichts.
    Auf meinem Grab wird stehn:
    'Ich liebe dich!'
    Niemand wird wissen, wer und wen---.
    Das macht nichts."
    Ich gab dem Mädchen 10 Gulden statt 5 --.
    "Oh," sagte sie lächelnd, "5 waren nur ausbedungen!?!"
    "Das macht nichts. Die Rechnung stimmt. Sieh', Mädchen, wie genau ich zähle ---
    5 für deinen süßen Leib und fünf für deine süße Seele!"

    Peter Altenberg, der Verfasser schwebend präziser Miniaturen in Prosa, war neben Arthur Schnitzler die stärkste dichterische Begabung im Wien der Jahrhundertwende. Ein Bohemien durch und durch, ein Pumpgenie, der gerne am bürgerlich reichen Leben partizipierte - immer ohne eigene geldliche Mittel.

    So sollte es immer sein.
    Ein Herr trat auf mich zu im Café und sagte: "Ich bin ein fanatischer Verehrer von Ihnen."
    "Bitte sehr," sagte ich. "Da werden Sie vielleicht gern einen edlen Champagner zahlen?!?"
    "Mit allergrößter Freude."
    Wir tranken drei Flaschen G. und H. Mumm, extra dry; süß. Es wurde sieben Uhr morgens. Ich ging ins Zentralbad, 27 Grad, Porzellanwanne. In der Kassa saß eine junge Dame mit edelzarten Händen. Ich sagte ihr mit meinen Augen: "Süßeste Kassierin -" Und: "Man sollte dich miterstehen dürfen - - ."
    Dann frühstückte ich in einer Charcüterie: kalten geräucher-ten Stör aus der Wolga, das Deka 12 Heller. Crevettes aus Ostende. Grüne große Oliven aus Spanien, zehn Stück 60 Hel-ler. Prager Schinken, das Deka 6 Heller, 90 Heller. Zwei Bana-nen, gold-gelb-schwarz gefleckt, aus Afrika, das Stück 30 Hel-ler, 60 Heller.
    Dann kaufte ich mir eine blaue phototypierte Ansichtskarte: "Weg, am See entlang." In einer Winterlandschaft.
    Ich dachte sie mir eingerahmt in einem fünf Zentimeter brei-ten Eschenholzrahmen.
    Ich kam infolge dieser Träumereien um halb zehn Uhr mor-gens nach Hause. Da sagte das junge Hausmeistermädchen, die mich zum Aufzuge führte, zu mir: "Herr Altenberg haben ge-wiß wieder heute nacht umgeschmissen - - ."
    "Jawohl", sagte ich, "die Weltordnung der Philister!"
    Sie dachte: "Nun, er hat 40 Heller bezahlt für den Aufzug, obzwar es im Zins bereits schon miteingerechnet ist - "

    Tabackhaus Zum Hausdichter aus: Wo die Geister wandern, s.o.)

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