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 Lange Nacht
 Manuskript vom: Sa. 10.07.1999 • 23:05

Eine Lange Nacht zu Thomas Mann
Eine Merkwürdigkeit, dieses Leben
Thomas Mann Porträt

Thomas Mann 1946
Moderation:  Joachim Scholl
Studiogäste:  Peter Wapnewski
 Inge Jens
 Reinhard Baumgart

Thomas Mann hat in seinem Leben alles erreicht: den Millionen-Erfolg beim Publikum, den literaturhistorischen Status eines der bedeutendsten Schrifstellers in diesem Jahrhundert und die Rolle eines geistigen Repräsentanten Deutschlands, wie sie nach Goethe von keinem zweiten Autor souveräner gespielt wurde. Dennoch ist seine Größe nicht unumstritten. Die vielen biographischen Zeugnisse, die es von ihm und über ihn gibt, zeigen Thomas Mann als oftmals zerrissenen, zweifelnden aber auch ungeheuer selbstgefälligen Menschen, der seine Umgebung bis zum Äußersten strapazieren konnte. Jede Kritik an seiner Person oder dem Werk faßte er als persönliche Beleidigung auf, er war süchtig nach Ruhm und Verehrung. Seine politische Wandlung vom strammen Nationalisten im Ersten Weltkrieg zum überzeugten Demokraten der Weimarer Republik machte ihn nach 1933 zum widerwilligen Luxus-Exilanten und Streitfall. Auch nach dem Krieg sorgten seine politischen Äußerungen und der Entschluß, nicht nach Deutschland zurückzukehren, für öffentliche Kontroversen. Hochgefeiert, aber auch vielgeschmäht - so stand er im Alter da, was ihm wenig gefiel. Sechs Wochen vor seinem Tod notierte er: "Kurios. Kurios. Eine Merkwürdigkeit, dieses Leben."

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Thomas Mann 1900

Thomas Mann 1900

Eines seiner Lieblingsworte war »kurios«. Dem sterbenden Konsul Buddenbrook legte er es als letztes in den Mund, und er selbst annoncierte in seinem Tagebuch: »Das sage ich auch, wenn mir die Stunde schlägt.« Ob das wirklich geschah, ist zweifelhaft: Thomas Mann starb am 12. August 1955 sanft im Schlaf. Notiert hat er die Vokabel jedoch im Alter häufig und stets hinsichtlich der eigenen Existenz, auf die er immer skeptischer blickte, je näher ihr Ende rückte. »Kurios, kurios. Eine Merkwürdigkeit, dieses Leben«, heißt es in seinem Journal wenige Wochen vor seinem Tod. Vorausgegangen war ein Gratulationssturm zu seinem 80. Geburtstag, der ihm und aller Welt noch einmal vor Augen führte, zu welchem Ruhm es der Patriziersohn aus Lübeck gebracht hatte. Thomas Mann hat in seinem Leben viel erreicht: den Millionen-Erfolg beim Publikum, den literaturhistorischen Status eines der bedeutendsten Schriftsteller dieses Jahrhunderts und die Rolle eines geistigen Repräsentanten Deutschlands, wie sie nach Goethe von keinem zweiten Autor souveräner gespielt wurde.

Mit 23 Jahren schrieb er erstmals Weltliteratur, die »Buddenbrooks« sind bis heute das wohl populärste Hausbuch der Deutschen. Der Nobelpreis, den er 1929 für den Roman-Erstling erhielt, fiel in die Zeit, als er mit »Tonio Kröger«, »Tod in Venedig« und dem epochalen »Zauberberg« bereits zu Lebzeiten als Klassiker etabliert war. Die weitgespannte »Josephs«-Tetralogie, »Lotte in Weimar« und »Doktor Faustus«, - geschrieben im Exil, - festigten ein internationales Renommee, das seinen Träger selbstbewußt von sich sagen ließ: »Wo ich bin, ist deutsche Kultur.« In den Jahren des Nationalsozialismus, die Thomas Mann in der Schweiz und in den Vereinigten Staaten zubrachte, war er die wichtigste Stimme der deutschen Emigration. Nach der Kapitulation forderten gar deutsche Zeitungen, Thomas Mann solle der erste Bundespräsident werden. Dieses Ansinnen wies er zwar fast erschrocken von sich, geehrt fühlte er sich aber schon, zumal er das Rampenlicht der Öffentlichkeit durchaus genoß: »Ich habe ein gewisses fürstliches Talent zum Repräsentieren, wenn ich einigermaßen frisch bin.« Doch die vielen biographischen Zeugnisse, die es von ihm und über ihn gibt, stellen Thomas Mann als permanent zerrissenen und an sich selbst zweifelnden Menschen dar, der seine inneren Krisen nur mit Selbstzucht und rigider Arbeitsdisziplin bewältigte. Dem von Beginn an ungebrochenen Willen, »ein Werk zu schaffen«, mußte sich auch seine nächste Umgebung fügen. Heinrich Mann bescheinigte dem Bruder »eine wütende Leidenschaft für das eigene Ich«.

Die Veröffentlichung seiner 20 Jahre unter Verschluß gehaltenen Tagebücher haben einiges Licht in die problematischen Zonen seiner Seele geworfen: die Sucht nach Größe, seine Unfähigkeit, Kritik zu ertragen, die Abhängigkeit von materiellem Wohlstand. Auch die vielen Vermutungen über das »gelinde gesagt, komplizierte Sexual-Leben«, wie sein englischer Biograph Donald A.Prater höflich formulierte, haben sich bestätigt. Tadzio, der junge Joseph, Felix Krull - die vielen schönen Jünglinge in seinen Büchern waren nicht nur Apotheosen ästhetisch-literarischer Überlegungen, sondern auch Träume einer realen Sehnsucht, deren Erfüllung sich Thomas Mann zeitlebens verbot. Ein gewaltiges Leben, ein riesenhaftes Werk - eine »Lange Nacht« ist die angemessene Form, Thomas Manns Leistung und Wesen zu diskutieren. Er selbst wird zu hören sein, in Original-Lesungen aus seinen Werken, mit Essayistischem wie der »Entstehung der >Buddenbrooks<« und seiner Ansprache zum Goethe-Preis in Weimar, die im Sommer 1949 ein Politikum ersten Ranges war. Für ein fundiertes Gespräch sorgt publizistische Prominenz: Inge Jens, Reinhard Baumgart und Peter Wapnewski haben viel zu sagen über den großen, gefeierten Mann, dessen Resümee am Ende so traurig klang: »War nicht dies ganze Leben peinlich? Ein seltenes Ineinander von Glanz und Qual.«
· Joachim Scholl

 


Heinrich und Thomas Mann

Heinrich und Thomas Mann (sitzend)

Das Leben als Kunstwerk

Ruhe gibt es nicht...

Hörbeispiel
Eine Lange Nacht zu Thomas Mann (Ausschnitt)
Tonio Kröger - gelesen von Thomas Mann

Links und Lieferbare Bücher:

  • Weitere Hörbeispiele zu Thomas Mann im Literaturangebot des DeutschlandRadios
  • Mann, Thomas:
    Tagebücher
    Hrsg. v. Mendelssohn, Peter; Jens, Inge
    Fischer, S, 1997
    10 Bde. - Zus. 9504 S.. - Broschiert
  • Hermann Kurzke
    Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk.
    Eine Biographie
    C.H. Beck Verlag 1999
  • Uwe Naumann (Hrsg.)
    "Ruhe gibt es nicht bis zum Schluß"
    Klaus Mann (1906 - 1949)
    Bilder und Dokumente
    Rowohlt Verlag 1999
  • Deutsche Grammophon
    Hörbuch auf MC
    Thomas Mann: Der Zauberberg
    Gelesen von Gert Westphal
    Produktion: Norddeutscher Rundfunk
    Regie und Fassung: Hanjo Kesting
    Der Zauberberg, gebändigt in 14 Kassetten, entführt in eine Traum- und Zauberwelt, läßt glitzernde Bergmassive aufleuchten, verströmt Kälte und die leise Ironie des Autors. Fast beginnt man Thomas Mann zu hassen und gleichzeitig zu bewundern. Die Stimme von Gert Westphal legt die Ironie, aber auch die Überheblichkeit Manns in seinen Personenschilderungen bloß. Die Vermittlung durch den Sprecher läßt Nuancen des Textes hörbar werden, die man sonst überlesen hätte. Somit wird das Hörbuch nicht zum bloßen Ersatz für den gelesenen Text, sondern zum neuen Kunstwerk: Thomas Mann in der Fassung von Hanjo Kesting und der Interpretation von Gert Westphal. Nach leichtem Ärger über die unmerklichen Kürzungen und Ausfälle läßt man sich gern von beiden auf die Thomas-Mann- Entdeckungsreise entführen - hätte man sonst hinterher noch einmal das Buch zur Hand genommen, um manche Passagen noch einmal genußvoll in ganzer Länge nachzuvollziehen?
    http://www.omm.de/feuilleton/thomas-mann-zauberberg.html
  • SchülerInnen und Studenten zu Thomas Mann - unter www.hausarbeiten.de finden Sie Arbeiten, in denen sich SchülerInnen und StudentInnen mit seinem Werk auseinandersetzen:

    Die Buddenbrooks
    von Thomas Mann
    Untertitel: "Verfall einer Familie"
    Analyse eines Romans der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zusammengestellt von Maria-Luise Doppelreiter
    .... Ein Meisterwerk der deutschen Literatur, das man gelesen haben muss! Der Autor schrieb diesen Roman bereits im Alter von knapp 26 Jahren. Mit seinem präzisen Stil zeigt er die geistig-künstlerischen Neigungen als Verfallserscheinung des Bürgertums auf. Wenn auch der Umfang des Werks anfänglich ein wenig schockiert, wird man nach wenigen Seiten von der lebendigen Erzählform derart gefesselt, dass es schwer fällt, das Buch zur Seite zu legen. Der Leser wird in die Zeit zurückversetzt, erlebt das Geschehen mit und fühlt sich in die einzelnen Charaktere ein. Schon dieses Jugendwerk des berühmten Autors zeigt sein literarisches Feingefühl, seinen Intellekt und den philosophischen Scharfsinn.
    Weiterlesen:
    http://www.hausarbeiten.de/archiv/deutsch/
    deutsch-buddenbrooks.shtml

  • Thomas-Mann-Jahr 2000
    Das EXPO-Jahr 2000 ist in doppelter Hinsicht ein Thomas-Mann-Jahr: Wir feiern Thomas Manns 125. Geburtstag. Am 6. Juni 1875 wurde er in Lübeck geboren. Und vor genau 100 Jahren hat Thomas Mann seinen Jahrhundertroman 'Buddenbrooks' vollendet. 1929 erhielt der Autor für 'Buddenbrooks' den Nobelpreis für Literatur.

    Buddenbrooks-Volksausgabe
    Das weltweit einzige Literaturprojekt der EXPO 2000 An Thomas Manns Geburtstag am 6. Juni 2000 kehrt der Roman 'Buddenbrooks' wieder an den Hauptschauplatz seiner Handlung zurück. Das Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum im Buddenbrookhaus zeigt eine neue Buddenbrooks-Ausstellung. Die Entstehung des Buches, seine ästhetischen Schwerpunkte und die internationale Wirkungsgeschichte werden mit modernster Museumstechnik dargestellt
    mehr Informationen:
    http://www.buddenbrookhaus.de/
    expo2000/expo2000.html

  • http://selene.rz.uni-duesseldorf.de/
    WWW/ulb/tmswebl.html

    Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf
    Die Düsseldorfer Virtuelle Bibliothek
    Thomas-Mann-Sammlung Dr. Hans-Otto Mayer (Schenkung Rudolf Groth)
  • http://www.tma.ethz.ch/
    Thomas-Mann-Archiv der ETH Zürich
    Schönberggasse 15
    CH-8001 Zürich
    Tel. ++41 1 632 40 45
    Fax ++41 1 632 12 54
    E-mail: tma@tma.huwi.ethz.ch
  • http://www.tma.ethz.ch/willkommen.htm
    Besuch im Museum des Thomas-Mann-Archivs
  • http://www.tma.ethz.ch/Links.html
    aktuelle Links zu Thomas Mann
  • http://www.oeko-net.de/kommune/
    kommune5-97/KMANN.html

    Letzte Tage in Cannes - Klaus Mann - Erinnerungen an einen Zeitgenossen
    von Marko Martin
    Der 18. November 1996 war kein besonderer Tag. Zumindest nicht für die großen Feuilletons dieser Republik. Was hätte es auch zu feiern und zu würdigen gegeben? Vielleicht den 90. Geburtstag von Klaus Mann. Man hatte nicht daran gedacht. Der 102. Geburtstag von Ernst Jünger, der 1. Todestag Heiner Müllers - das ja. Aber Klaus Mann? Die Ausblutung und Hinrichtung der deutschen Kunst durch Hitler und seine Schergen brachte es mit sich", schreibt der in Paris lebende Regisseur und Essayist Benjamin Korn, "daß die moralische Latte erheblich gesenkt werden mußte, damit die Gewieften, die Schlauen und Gerissenen noch drüberhüpfen können; und wenn man die nicht mehr feiern kann, die in Sachen Wahrheit und Standhaftigkeit unbestechlich waren, die Toten, dann feiert man halt die, die noch da sind; denn irgend etwas muß der Mensch ja feiern." Also keine Feier für Klaus Mann. Vielleicht ist das nicht einmal falsch, denn der im Mai 1949 in Cannes in den Selbstmord Gegangene erscheint uns noch heute als Zeitgenosse, während das 1906 in München zur Welt gekommene Wunderkind eher fremd bleibt, romanesk und bizarr. Die schillernde und politisch aufgepeitschte Welt der zwanziger und frühen dreißiger Jahre ist bereits beschrieben - zum Teil von Klaus Mann selbst, in seinen atemlosen Tagebüchern oder den Romanen, die ebenso unfertig wie weltläufig sind; ein Reiz, den die deutsche Literatur von heute seit langem nicht mehr besitzt.
  • http://www.buddenbrookhaus.de/
    BUDDENBROOKHAUS
    Kulturstiftung Hansestadt Lübeck
    Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum
    Mengstraße 4
    23552 Lübeck
    Telefon 0451 1224192 und 1224190
    Fax 0451 1224140
    Email: kaipf@aol.com
    Den Besucher erwartet eine Literaturausstellung. Gezeigt werden Leben und Werk von Heinrich und Thomas Mann. Dabei sind zwei Schwerpunkte gesetzt. Zum einen wird die Beziehung der Brüder zu ihrer Geburtsstadt Lübeck dargestellt. Zum anderen steht das Verhältnis der Brüder untereinander im Mittelpunkt der Ausstellung. Die Präsentation umfaßt den Zeitraum vom 1871 bis 1955, der Geburt von Heinrich Mann bis zum Todesjahr von Thomas Mann.
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