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 Lange Nacht
 Manuskript vom: Samstag 22.07.99   • 23:05

Georg Christoph Lichtenberg in einer Langen Nacht
Gewitzte Aufklärung


Georg Christoph Lichtenberg
Moderation: Heiner Boehncke

"Vom Wahrsagen läßt sichs wohl leben in der Welt, aber nicht vom Wahrheit sagen." So illusionslos, wie dieser Satz auf den ersten Blick wirkt, ist der, der ihn schrieb nie gewesen. Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), Physiker, Astronom, Kulturkritiker und Schriftsteller im Zeitalter der Aufklärung, sah die Welt als eine Experimentierbühne. Wie kaum ein Denker vor ihm hat er neue "Irrthümer" erfunden, Fragezeichen gesetzt und mit Konjunktiven experimentiert. In diesem Sinne verwandelt der Aufklärer und Naturwissenschaftler die "Werkstätte" namens Welt noch heute in vergnügliche Denkspiele voll funkelnder Skepsis.

Denken als Vergnügen, Reflexionslust - das teilt dieser Sprachmeister aus dem Göttingen des 18. Jahrhunderts mit den besten Köpfen des illustren Geistesadels im damaligen Europa. Was er aufspießt, trifft heute noch zu, weil es trefflich beobachtet ist: "Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingst hohl, ist es allemal im Buch?"

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Cd-Hülle

CD-Cover Gewitzte Aufklärung

Funkenflug der Vernunft: Lichtenbergsche Aphorismen, annotiert von Hans Blumenberg
Mein Lichtenberg: Miniaturen über ein Denkgenie
Günter Kunert: Lichtenberg lesen

Material:

  • http://www.radiobremen.de/rbtext/rb2/
    _lit/knigge/kog-bio.htm

    Der Autor Jörg Dieter Kogel
  • http://www.Radiobremen.de/rbtext/rb2/
    _lit/frameset.htm

    Zur Sendung haben RADIO BREMEN und der Göttinger Wallstein-Verlag unter dem Titel 'Gewitzte Aufklärung' eine Doppel-CD mit Annäherungen an Georg Christoph Lichtenberg aufgelegt:

    Gewitzte Aufklärung Georg Christoph Lichtenberg zum 200. Todestag,
    hg. von J.D. Kogel und H. Zimmermann.

    Schon das Titelblatt, von Robert Gernhardt gezeichnet, versprüht Lichtenbergischen Geist: "Ich kann es wohl begreifen aber nicht anfassen und umgekehrt." Gezeigt wird, vor einem aufgeschlagenen Buch am offenen Fenster sitzend, der Philosoph, wie er einen draußen am Nachthimmel niederfahrenden Blitzstrahl studiert. Neben einer Auswahl von Lichtenberg-Aphorismen, gesprochen von Christian Brückner, bietet die CD Miniaturen über ein Denkgenie, aufgezeichnet von Robert Gernhardt, Günter Grass, Eberhard Hilscher, Wolf Lepenies, Adolf Muschg, Wolfgang Promies, Günter Kunert und Urs Widmer. Annotierte Aphorismen von Ernst Bloch, Hans Blumenberg, Elias Canetti, Helmut Heißenbüttel, Ernst Jünger und Wolfgang Koeppen ergänzen dieses Angebot. Im zweiten Teil kommt noch einmal Georg Christoph Lichtenberg zu Wort, mit seinem Plädoyer für ein großes öffentliches Seebad in Deutschland aus dem Jahr 1793, mit einer Auswahl aus den dialogischen Experimenten, die er als Briefeschreiber absolvierte, und als Rätsel schließlich wird er von Gerhard Prause neu aufgegeben, dem Autor der Rubrik 'Tratschke fragt' in der Wochenzeitung 'Die Zeit'.

    Herausgegeben haben die CD 'Gewitzte Aufklärung' die RADIO BREMEN-Redakteure Jörg-Dieter Kogel und Harro Zimmermann. Sie ist im Buchhandel und über den Shop von RADIO BREMEN erhältlich:
    http://www.radiobremen.de/shop

    Als insel-taschenbuch liegt in neuer und erweiterter Auflage vor:

    Lichtenbergs Funkenflug der Vernunft. Eine Hommage.
    Herausgegeben von Jörg-Dieter Kogel, Wolfram Schütte und Harro Zimmermann
    (it 1414, 130 Seiten)

Über neue Publikationen im 200. Todesjahr von Georg Christoph Lichtenberg unterrichtet ein Überblick von Harro Zimmermann, den die "Frankfurter Rundschau" in ihrer Ausgabe vom 27. Februar 1999 gedruckt hat.

Schlagwetter des Witzes

Neue Publikationen im 200. Todesjahr von Georg Christoph Lichtenberg
Von Harro Zimmermann

"Hätten wir eine Fantastik wie eine Logik, so wäre die Erfindungskunst erfunden", schreibt Lichtenberg in seinen Sudelbüchern. Es müßte doch nützlich sein, spitzt er seinen Gedanken zu, einmal eine "Anweisung zu geben, wie man nach gewissen Gesetzen von der Regel abweichen könnte. Auf diese Weise könnte Witz zu Erfindungen leiten". Was der naturwissenschaftliche Experimentator hier über seine in konjunktivischen Gedankenblüten aufsprießenden und geradezu assoziations-lüsternen Forschungseskapaden notiert, hat eine schöne Entsprechung vor allem in der neueren bildkünstlerischen Rezeption gefunden. Horst Janssens physiognomische Strichelpartituren bezeichnen schon reine Lustwandeleien durch die Geisteswetter jenes absonderlichen Ingeniums aus der Göttinger Aufklärungsprovinz des 18. Jahrhunderts.
Doch erst bei Robert Gernhardt hat Lichtenberg seinen wahrhaft coproduktiven, auch noch hermeneutisch versierten Geistes- und Herzensfreund gefunden. Wer gemeinsam mit dem Frankfurter Cartoonisten, die Krokodile im Stadtgraben (Insel) unterm Arm, seinen Streifzug durch die aphoristischen Hirnwetter und Gedankenschründe Lichtenbergscher "Erfindung" beendet hat, sollte sich unbedingt noch den subtilen bis kalauernden Bild-Spaß-Exkursionen der 99 Sudelblätter zu 99 Sudelsprüchen beigesellen: Unsere Erde ist vielleicht ein Weibchen (Haffmans).
Lichtenbergs Einfallsgestöber, seine Denk-Experimental-Spiele in und mit den erfahrungsflüchtigen Wirklichkeitsfeldern zwischen "Welt" und "Wörtern", werden bei Gernhardt nicht tautologisch reproduziert und zur Anschaullichkeit verdünnt, nicht ins Pittoreske gezerrt, sondern verschmitzt weitergedacht, "möglichst um die Ecke".

Sich ein Bild von Lichtenbergs Worten machen, heißt gelegentlich nicht weniger als Parodie und Travestie von "Hochkunstvorhaben", heißt Bilder als Antworten finden auf immer noch plausible Fragen, heißt den verborgenen Witz ebendort aufspüren, wo Lichtenberg ein Problem exponiert hat. Wer, wenn nicht Robert Gernhardt, besäße die dazu nötige sympathetische Wünschelrute? Welche Bedeutung zumal dem bildkünstlerischen Interesse Lichtenbergs, seinen schon im 18. Jahrhundert berühmten Hogarth-Kommentaren, im Kontext der Kunstgeschichte und der Text-Bild-Hermeneutik zukommt, läßt sich in Hans-Georg von Arburgs grundgelehrter Studie Kunst-Wissenschaft um 1800 (Wallstein) nachlesen.
"Einige Leute wollen das Studieren der Künste lächerlich machen, indem sie sagen, man schreibe Bücher über Bildchen. Was sind aber unsre Gespräche und unsre Schriften anderes als Beschreibungen von Bildchen auf unserer Retina oder falschen Bildchen in unserem Kopf"? schreibt Lichtenberg. Einer hochmodernen Ästhetik des Unauthentischen und Fragmentarischen ist der Göttinger Professor bei der Analyse der Hogarthschen Erzähl-Kunst-Welten, seiner "Romane", auf die Spur gekommen. Jenes brüchige Ganze, die diskursiven Szenerien und assoziativen Gegenstandsspuren, die Hogarth seinem Betrachter gleichsam als rezeptive Puzzlespiele anbietet, fallen bei dem Möglichkeitsdenker Lichtenberg, diesem "mutwilligen Lacher", der das komplizierte Deutungsfeld zwischen Zeichen und Bezeichnetem seit langem für seine spekulative Forschungsenergie urbar gemacht hat, auf fruchtbaren Boden. Weil die Kunstbetrachtung eine der subtilsten Formen der Natur- und Welterkundung ist, bedarf sie einer ganz besonderen "Physiognomik des Stils". Behutsamkeit der Deutung, Vorbehaltssignale, Fragen und Rückfragen, Leseransprachen, kommentarische Selbstbeobachtungen, Variantenvergleiche, hermeneutische Bild-Text-Reflexionen - ein ganzes Arsenal an konjunktivischen und experimentellen Denkoperationen wendet Lichtenberg an und führt sie zugleich seinem Publikum vor, um über das Wie seiner Analytik in die Mysterien der Naturgeschichte menschlicher Seelen und Schicksale einzuführen.

Kein berufener als Wolfgang Promies, verdienstvoller Lichtenberg-Editor, hätte in so akribischen Kommentaren nachweisen können, wie sehr diese grandiose aufklärerische Reflexionsleistung nicht erst Lichtenbergs 'Ausführlichen Erklärungen' Hogarths (1794-1799) zuzusprechen ist, sondern schon denen im 'Göttinger Taschen Calender' (1783-1795).
Lichtenbergs Hogarth (Hanser) ist ein Lesevergnügen allenthalben. Daß der Göttinger Professor im Trunke den rechtschaffenen "Vernunft-Feier-Abend" gesucht und der weiblichen Dienerschaft mit erotischem Furor nachgestellt hat, seiner Stechardin hingegen ein treusorgender Liebhaber war, daß er die französische Guillotine als humanitäres Entleibungsinstrument fasziniert begutachtet und dem ehemals befreundeten Revolutionär Forster einen Nachruft verweigert hat, daß er für das Menschenrecht des "Negers", aber nicht in jeder Hinsicht für dasjenige der Juden eingetreten ist, entnehmen wir Frank Schäfers kenntnisreichem Lichtenberg-ABC (Reclam Leipzig). Besonders der ältere Lichtenberg, nachdem er noch in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts die Judenemanzipation mitverfochten hatte, wird immer offenkundiger ein Opfer der gängigen Judenfeindschaft, bis hin zum "Proto-Rassismus". Das kann Frank Schäfer in seiner lesenswerten Studie Lichtenberg und das Judentum (Wallstein) noch punktgenauer nachweisen. Die Lichtenberg-Forschergemeinde, dies zeigt sich immer wieder, agiert landauf landab eher unauffällig, aber ihre Arbeiten - nicht zuletzt dokumentiert im Lichtenberg-Jahrbuch 1997 (SDV) - sind von bestechender Gelehrsamkeit. Die vor allem scheint man der geistesgespitzten Faszinatorik des eigenen Namenspatrons schuldig zu sein. Wie wenig anrüchig des Professor Lichtenbergs Liebe zu dem Blumenmädchen Maria Dorothea Stechard gewesen ist, wie aufrichtig er sein junges "Mensch" vielmehr verehrt und später hat ehelichen wollen, wird in einer faszinierenden kleinen Studie im vorerst letzten Jahrbuch deutlich. Über Blitz und Donner im Forscherwerk Lichtenbergs kann man sich hier genauestens informieren lassen, sein Blitzableiter, der erste in Deutschland überhaupt, war zuvörderst ein "Furchtableiter".

Nichts destoweniger gewahrte Lichtenberg die humanitäre Kraft alles Vernünftigen ausschließlich in Gefilden des (Wohl-)Temperierten. So schreibt der bucklige Aufklärer: "Bei mir liegt das Herz dem Kopf wenigstens um einen ganzen Schuh näher als bei den übrigen Menschen, daher meine große Billigkeit.
Die Entschlüsse können noch ganz warm ratifiziert werden". Lichtenberg eifert gegen die "Mißhandlung der Vernunft", er plädiert für die dunklen und warmen Gefühle, für die Phantasie- und Traumauslotung alles Rationalen, für das Natürliche in und um den Menschen. Vernünftigkeit ist für Lichtenberg eine humanitäre Projektion der Naturversöhnung, durch die Folien des Zivilisatorischen hindurch könnte man sie ins Werk setzen. Ökologen merkt auf! Blitz und Donner freilich tobten in Lichtenbergs Laboratorium so oft wie nur möglich, er brate und koche geradewegs vor seinen Studenten, hat er einmal geschrieben. Aufschrecken müsse man die Studiosi, sonst würde auch die wissenschaftliche Anschauung blaß und langweilig. Über zweihunderttausend Volt hat der kleine Physikprofessor im winkeligen Göttingen auf seinem berühmten Elektrophor erzeugt, Blitze von fast einem halben Meter Länge entfuhren dem Gerät. Das alles zum Erstaunen sogar seiner Fachkollegen. Nachzulesen bei Dag Nikolaus Hasse, der die Observationes. Die lateinischen Schriften (Wallstein) Lichtenbergs erstmals in zuverlässiger deutscher Übersetzung herausgegeben hat. Und wieder zeigt sich: Naturforschung und Philosophie, Fabulierlaune und literarisch-metaphorischer Witz, polemischer Esprit und belehrender Aufklärungsgeist sind bei Lichtenberg ungeschieden. Er sah in dieser spannnungsreichen Gestalt von Intellektualität die womöglich letzte Chance, das sich auseinander differenzierende Wissenschaftssystem seiner Zeit als intellektuelle und moralische Einheit noch einmal zusammenzuhalten. Ein Vergnügen ist es daher, dem Briefeschreiber Lichtenberg in die Interieurs seiner Ich- und Weltbefindlichkeiten zu folgen. Ulrich Joost - neben Albrecht Schöne der maßgebliche Editor des epistologischen Werkes - hat nun eine Sammlung von 122 Briefen unter dem Titel Ihre Hand, Ihren Mund, nächstens mehr (Beck) herausgegeben. Gedacht für ein "kleines Publikum" jenseits der durch den Druck zu bedienenden Öffentlichkeit, gehören diese Briefe in der Tat zu den integralen Bestandteilen des Lichtenbergschen Werkes, "angesiedelt zwischen Sudelbuchnotiz und gedrucktem Buch". Ein Herr von Hinüber soll der letzte Korrespondent des Göttinger Professors gewesen sein, das ist im Februar anno 1799 eine wahrhaft ahnungsvolle Relation. Doch der bettlägerige Gelehrte räsonniert und schreibt unermüdlich weiter, bis zuletzt. Gegen Fichte gerichtet heißt es: "Alles was der eigentlich weise Mensch thun kann, ist, Alles zu einem guten Zweck zu leiten und dennoch die Menschen zu nehmen, wie sie sind". Dieser subtil gewitzte Professor Lichtenberg hat seine Nachfahren nicht in Ruhe gelassen. Gleichsam als "Vorgriffe des Genies" vermochte und vermag er zahllose geistesverwandte Erben auf seine Spur zu locken, die nicht - wovor er einst gewarnt hatte - hinter ihrer Zeit zurückbleiben wollen. Vergnüglich zu lesen ist immer noch Henning Boetius' neuaufgelegter Roman Der Gnom (Ullstein), wenngleich die jüngere Lichtenberg-Forschung manche dieser erzählerischen Reminiszenzen funkenstiebend zu renovieren vermöchte. Unter dem Titel Lichtenbergs Funkenflug der Vernunft (Insel) ist denn auch eine Anthologie abermals erschienen, die einem ganzen Reigen interessanter Gegenwartsköpfe das intellektuelle Kräftemessen mit der zählebigen Vernunftenergie eines Lichtenberg zur Aufgabe gemacht hat. Und schließlich sei nicht vergessen, daß der allem Sprachlich-Tönenden aufgesessene Aufklärer sich schon im fernen 18. Jahrhundert Gedanken gemacht hatte über eine "Bilderschrift für das Ohr". Nichts weiter als die notwendige Konsequenz daraus wird in einer Doppel-CD unter dem Titel Gewitzte Aufklärung (Wallstein) gezogen, die Lichtenbergsche Geistesgewitter zu vielstimmiger Geselligkeit versammelt.

Literatur:

  • Robert Gernhardt:
    Georg Christoph Lichtenberg. Krokodile im Stadtgraben.
    Frankfurt/Main 1998 (Insel), 39,80 DM;
  • Unsere Erde ist vielleicht ein Weibchen.
    99 Sudelblätter zu 99 Sudelsprüchen.
    Zürich 1999 (Haffmans), 49 DM;
  • Hans-Georg von Arburg:
    Kunst-Wissenschaft um 1800.
    Studien zu Georg Christoph Lichtenbergs Hogarth-Kommentaren.
    Göttingen 1998 (Wallstein), 98 DM;
  • Lichtenbergs Hogarth.
    Die Kalender-Erklärungen von Georg Christoph Lichtenberg. Hrsg. von Wolfgang Promies.
    München 1999 (Hanser), ca. 78 DM;
  • Frank Schäfer:
    Lichtenberg-ABC.
    Leipzig 1998 (Reclam), 18 DM;
  • Lieferbare Bücher von Georg Christoph Lichtenberg bei der Buchhändler-Vereinigung GmbH

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