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 Lange Nacht
 Manuskript vom: Samstag 07.08.99   • 23:05

Eine Lange Nacht über die totale Sonnenfinsternis in Deutschland
Wenn der Tag zur Nacht wird


Moderation:  Uli Blumenthal

Stuttgart, 11. August 1999, 11 Uhr 13 Minuten: Zunächst ist es nur eine kleine Delle am rechten Rand der Sonne. Aber der Schatten auf dem grellen Feuerball wird immer größer. Langsam, aber unaufhaltsam. Wind kommt auf, es wird kühler, selbst unmittelbar in der Sonne. Die dunkle Scheibe des Mondes schiebt sich weiter vor den lebensspendenden Glutball, bis der ganz verdeckt ist. Der Wind legt sich schlagartig, Venus, Merkur und Saturn tauchen am Himmel auf. Aus dem Tag wird zur besten Mittagszeit Nacht, die Zeitrechnung geht für exakt 2 Minuten und 17 Sekunden verloren - eine totale Sonnenfinsternis über Süddeutschland, die letzte in diesem Jahrtausend.

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Es beginnt kurz nach halb Zehn rund 300 Kilometer vor Neufundland. Dort berührt der sogenannte Kernschatten erstmals die Erdoberfläche. Mit doppelter Lichtgeschwindigkeit rast der immer breiter werdende Schatten der »Schwarzen Sonne« über die Erde: Südengland, Normandie, Belgien, Luxemburg. Um 12 Uhr 28 - die Sonne, oder das, was von ihr noch zu sehen ist, steht 53° hoch - »überschreitet« die totale Finsternis die Grenze nach Süddeutschland. 13 Minuten dauert dieses Schauspiel, dann »geht es weiter« über Österreich, Ungarn, Rumänien. In Budapest schließlich der Höhepunkt, die zentrale Verfinsterung. Nach gut 3 Stunden und 14 000 Kilometern Schattenflug auf der Erdoberfläche endet das Schauspiel im Golf von Bengalen.

Das letzte derartige Ereignis fand hierzulande am 19. August 1887 statt. Allerdings versperrten dicke Wolken den üngetrübten Blick auf das überwältigende Naturschauspiel. Der Mond, 400 mal kleiner als die Sonne, kann diese nur deshalb vollständig verdecken, weil das Zentralgestirn vierhundertmal so weit entfernt von der Erde ist wie der Mond. Die Größenverhältnisse im Sonnensystem geraten so für einige Stunden scheinbar gehörig durcheinander. Eine Konstellation, die nach kosmischen Maßstäben gar nicht so selten ist: Die Sonnenfinsternis vom 11. August 1999 ist bereits das 21. derartige Ereignis in der sogenannten Saros-Serie 145, die davon insgesamt 77 umfaßt. Begonnen hat sie am 4. Januar 1639 mit einer partiellen Finsternis im hohen Norden und endet am 17. April 3009 ebenfalls mit einer partiellen Finsternis in der südlichen Polarregion. In Deutschland erscheint die »Schwarze Sonne« allerdings erst wieder am 7. Oktober 2135.

Grund genug, um für »Sofi '99«, wie sie liebevoll unter professionellen Astronomen und Hobby-Sonnenanbetern genannt wird, am 11. August nach Süddeutschland zu reisen. Stuttgart besitzt einen regelrechten Logenplatz bei der Beobachtung der »Schwarzen Sonne«. Die Stadt liegt genau im Mittelpunkt der über 100 Kilometer breiten Kernzone der Finsternis. 300 000 Besucher aus aller Welt werden allein in der Stadt erwartet. 2 Minuten und 17 Sekunden dauert die totale Abdeckung der Sonne, länger ist das Schauspiel in Deutschland nicht zu sehen. Aber auch in Speyer an nördlichen und Offenburg am südlichen Rand ist die Abdeckung der Sonne noch 100prozentig. Allerdings ist dort die »Schwarze Sonne« nur rund eine Minute zu sehen.

Sonderzüge sollen die Menschen zum Schatten des Mondes bringen, mit speziellen Arrangements soll der »Schwarze Mittwoch« touristisch vergoldet werden. Um ein Verkehrschaos zu vermeiden, sollen in Süddeutschland zeitweise die Ampeln auf Rot geschaltet werden. Aber egal, wo man die Sonnenfinsternis am 11. August erlebt - in der Kernzone oder in Kiel als partielle Abdeckung mit knapp 83 Prozent: Augenärzte warnen vor dem ungeschützen Blick in die verdeckte Sonne. Solare Retinopathie wäre die Folge, das auf der Netzhaut gebündelte Licht zerstört die Photorezeptoren, eine irreversible Schädigung der Sehfunktion. Bei der partiellen Sonnenfinsternis 1912 mußten über 3 000 Menschen mit »Verbrennungen in den Augen« behandelt werden. Lassen Sie es nicht darauf ankommen.

Links zum Thema:
In der folgenden umfangreichen Linkliste zur Sonnenfinsternis finden Sie alles, was Sie für eine erfolgreiche und gefahrlose Sonnenbeobachtung brauchen. Ganz risikolos ist das Ganze nämlich nicht, wie die zahlreichen Gefahrenhinweise und Ratschläge auf fast allen SoFi-Seiten im Internet beweisen. Von Spezialbrillen und Objektivfiltern ist da die Rede und dementsprechend boomt auch das Geschäft mit diesen Artikeln (und wenn es bloß das Geschäft der Webetreibenden ist: die Brillen zum Beispiel liegen oft kostenlos Fernsehzeitschriften bei, versehen mit bunten Werbelogos und spritzigen Slogans aller Art).
Auch der Wettervorhersage wird viel Platz eingeräumt auf den einschlägigen Internetseiten, spielt es doch eine zur Beobachtung der Sonnenfinsternis entscheidende Rolle, ob es diesig ist oder klar am 11. August 1999. Daneben gibt es Zahlen, Fakten, Animationen, Bilder und und und...klicken Sie sich einfach durch, es ist ja noch etwas Zeit bis zur totalen Sonnenfinsternis...

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