Deutschlandfunk DeutschlandRadio Berlin Suchen
programmvorschau sendungen frequenzen
Kontakt
 Lange Nacht
 Manuskript vom: Samstag 14.08.99   • 23:05

Eine Lange Nacht von Schuhen und Füßen
"The shoe must go on"

Moderation:  Ricky Matejka
Studiogäste:  Jürgen Ernst
 Dr. Christian Roggenbuck

Riskieren Sie einen Blick nach unten: Würden Sie Ihre Schuhe gerne und stolz vorzeigen? Oder erinnert Ihr Schuhwerk schon eher an die Fußlappen der alten Ägypter? Vielleicht gehören Sie aber auch zu den Sammlernaturen, die das, womit wir unsere Füße verpacken, zum Kult erheben? Ein Schuh, das ist nicht bloß ein Gebrauchsgegenstand, sondern je nach Mode und Geschmack ein sinnliches Erlebnis. Die Ägypter und Römer malten noch die Gesichter ihrer Feinde auf die Schuhsohlen, so daß sie ihre Feinde mit Füßen treten konnten, während Kinder heutzutage mit blinkenden Sportschuhen den Gang der Dinge bzw. Ihr Kommen ankündigen. Damals wie heute sind Stöckelschuhe ein Sinnbild für Erotik. Aber schließlich entpuppt sich nicht jede Damen mit roten Highheels auch als erotische Verheißung, nicht jeder Öko-Freak in Gesundheitssandalen trennt auch seinen Müll. Und Jugendliche, die ihre astronautenähnlichen Sportschuhe schleppen, sind keine Außerirdische. Auch ihre "Treter" sind ein Statussymbol, ein Ausdruck unseres Wohlstandes.

Ohne Blasen zu verursachen, wandert die Lange Nacht mit Ihnen durch Schuhgeschäfte, durch die wechselvolle Mode der Fußbekleidung, zeigt echte Liebhaber und Ignoranten von Schuhwerk.

Related Links:
<- Übersicht: Sendungen A-Z
-> Lange Nacht Archiv
-> Vorschau

  

 

 




Geschichte des Schuhs

Bei ihrer einfachen Konstruktion ist es nicht weiter verwunderlich, daß Sandalen die früheste Form der Fußbekleidung waren, die Nachfolger primitiver Fußlappen. Offenbar hatte jede alte Kultur ihre eigene Variante des Grundtypus, bestehend aus einer festen Sohle, die mit Riemen zwischen den Zehen oder über den Rist gehalten wurde. Bereits ca. 3500 v. Chr. fertigten die Ägypter mit Hilfe von Fußabdrücken im nassen Sand genau passende Sohlen aus geflochtenem Papyrus an, als Befestigung dienten geflochtene Zehenriemen aus ungegerbtem Leder. Diese Sandalen boten Schutz vor Bodenunebenheiten und vor glühend heißem Sand, doch der Fuß blieb nahezu völlig unbedeckt. Ägyptische Frauen legten deshalb speziellen Fußschmuck an.

Die Sohlen der Sandalen römischer Kaiserinnen waren aus gegossenem Gold und die Riemen zierten kostbare Edelsteine. Die Verbindung von Metall und nackter Haut gilt von jeher als erotisch. Die Ägypter und Römer malten die Gesichter ihrer Feinde auf die Sohlen ihrer Sandalen, so daß sie sie buchstäblich mit Füßen treten konnten.

Perser und Inder schnitzten Plateaussandalen aus farbenfroh verziertem Leder.

Später fertigten die Slawen Sandalen aus Filz, die Spanier nahmen Kordel.

Trotz der kühlen und feuchten Witterung trugen sogar die Briten Sandalen, deren Vorbilder sie bei römischen Besatzungstruppen gesehen hatten.

Die meisten Schuhe sagen etwas über den gesellschaftlichen Status des Trägers aus, bei Sandalen ist die Zuordnung schwierig, denn sie galten abwechselnd als:

  • Prestigeobjekt
  • Zeichen der Armut
  • Symbol der Keuschheit
  • Symbol der Koketterie.
Im Mittelalter trugen die armen und einfachen Leute schlichte Holzsandalen. Nachdem sie fast ein Jahrtausende lang ein modisches Schattendasein geführt hatte, erlebte die Sandale in den 20er Jahren ein großes Comeback. (Absatz dazugekommen = neuer Glimmer.)

In den 30er und 40er Jahren galt es als ungehörig, tagsüber zehenfreie Schuhe zu tragen.

Während des Krieges war Leder den Militärstiefeln vorbehalten gewesen, die Schuhmacher hatten für ihre Sandalen auf Filz, Hanf, Stroh oder Textilien zurückgreifen müssen. Schuhdesigner experimentierten mit Materialen wie Zellophan, das man von Einwickeln von Süßigkeiten verwendete, und transparenten Nylonschnüren an Stelle des Oberleders.

Orthopädisch geformte Birkenstock-Sandalen erlebten in den 60ern als flache Form eine Renaissance.

Vulgär: Disco-Sandalen in 70er und 80er Jahren

Eine schöne Sandalette unterstreicht die natürliche, erotische Ausstrahlung des Fußes, und gibt der Trägerin die Möglichkeit, ihre Reize bis in die Zehenspitzen zur Geltung zu bringen.

Hier können Sie direkt folgende Themen einsehen:

   

Mokassin
erste Fußbekleidung der Amerikaner. Hirschleder, jeder Stamm hatte seine eigenen Verzierungen aus Muscheln, bunten Perlen und gefärbten Stachelschweinborsten.

 
Slipper
Slipper ist jegliche Art von eleganten, dünnsohligem Schuh aus Textilmaterial oder feinem Leder, der nur eben den Fuß bedeckt, und in den man leicht hinein- oder herausschlüpfen kann. Slipper wurden als Wohlstands- und Statussymbol angesehen, als Zeichen inniger Vertrautheit, weil sie meist nur im heimischen Boudoir getragen wurden. Römische Frauen ließen sich außer Haus niemals in ihren Slippern sehen und so umwehte diese flexiblen, flachen Schlupfschuhe ein Hauch von Erotik. Flache Slipper aus Seidenbrokat oder Samt galten lange Zeit als traditionelle Fußbekleidung der Bischöfe. Als Elisabeth I. den englischen Thron bestieg, waren Slipper mit Absatz in England der letzte Schrei für modebewußte Männer und Frauen.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bezeichnet man jede Art von feiner, empfindlicher Fußbekleidung als Slipper - beachte Ballettschuh!

Marie Antoinette hatte eine Bedienstete, die sich ausschließlich um ihre 500 Paar Slipper kümmerte, die nach Datum, Farbe und Form katalogisiert waren.

Die leichten Stoffslipper spanischer Bauern mit Sohlen aus den Halmen des Espartograses hießen zunächst alpargatas. Anfang des Jahrhunderts entdeckte die High Society in den Badeorten der Riviera sie für sich und nannte sie espadrilles.

 
Stiefel - der große Auftritt
Von jeher sind Stiefel Symbole der Stärke gewesen und gelten auch als Talisman. In den Märchen von Däumling und vom Gestiefelten Kater wenden die vom Pech verfolgten Helden ihr Schicksal, als sie die Stiefel ihrer Unterdrücker stehlen und selbst hineinschlüpfen. Und General Patton fand, daß aus gewöhnlichen Soldaten Krieger wurden, sobald sie in Stiefeln steckten.

Spanische Höhlenmalerei, die auf das Jahr 13.000 vor Chr. datiert werden, zeigen Männer und Frauen in Stiefeln aus Tierhäuten und Fell. Doch im Laufe der Jahrtausende differenzierten sich die Geschlechterrollen, die Männer zogen in Stiefeln aus, um die Welt zu erobern, die Frauen blieben zu Hause, und das in Slippern, die so empfindlich waren, daß sie kaum aus dem Boudoir herauskonnten. Praktisches Schuhwerk für Frauen hätte diese Ordnung ins Wanken gebracht.

Im 18. Jahrhundert liefen Stiefel als modische Fußbekleidung für Männer den Slippern den Rang ab, doch die wohlhabenden Frauen wurden auch weiterhin durch ihre hochempfindlichen Seidenschuhe ans Haus gefesselt. Die einzige Ausnahme von dieser Regel waren Reitstiefel - eine zierliche Variante des Männerstiefels, die Frauen zu Pferde tragen durften. Erst ab etwa 1830 setzten sich bei nicht-werktätigen Frauen Stiefel durch. Damit sie am Frauenfuß zierlicher wirkten, wurden diese neuartigen knöchelhohen Stiefeletten auf schmaleren Leisten gearbeitet und fest verschnürt oder geknöpft. Sie sollten den Fuß ganz umschließen und von jeder Versuchung fernhalten, doch die Wirkung war das genaue Gegenteil - sie ließen die Wade weitaus attraktiver erscheinen und erwiesen sich als ausgesprochen erotisch.

Der strenge Moralkodex der Viktorianischen Zeit (1870/1890) schrieb vor, daß die Knöchel einer Frau züchtig bedeckt sein mußten, damit sie vor neugierigen Männerblicken geschützt waren. Dabei wirkten Stiefeletten besonders aufreizend, in den 1880er Jahren gehörte ein Stiefelknöpfer (seitlich Knöpfe aus Silber, 17 Stück = modischer Pfiff) zur Grundausstattung modisch gekleideter Damen.

Später gabs auch Spangenstiefeletten - Löcher und Aussparungen können aufreizend wirken oder einfach nur dekorativ. Auch Absätze = die Wölbung der Fußmitte gilt bei vielen als der erotischste Teil des Fußes.

Mit der Massenproduktion der Schuhe trugen Dienstmädchen und Herrinnen Stiefel, sie waren kein Statussymbol mehr, sondern Gegenteil Zeichen der sich immer weiter einebnenden Geschlechter- und Klassenunterschiede.

Höhepunkt der Mode = 60er Jahre, Minirock, der mehr vom Frauenbein enthüllte als je zuvor, Stiefel zogen Hauptaugenmerk auf sich, kein Zubehör mehr.

"Schräge" Stiefel brauchten nun nicht mehr von Fetischisten im Schrank versteckt zu werden, sondern fanden den Weg auf den Laufsteg. Ähnlich wie Arbeitsschuhe fanden auch Cowboystiefel vom einfachen Gebrauchsgegenstand zum Modeobjekt erhoben und galten - nicht zuletzt dank des Films Urban Cowboy - plötzlich als schick.

Heute verbinden Doc Martens - der Inbegriff des wuchtigen Stiefels - sämtliche Moderichtungen, von Skinheads über Punks und Psychobilly bis zum Grunge. Und Springerstiefel trägt man, genau wie Schuhe von Manolo Blahnik, einfach zu allem, von Jeans bis zu Dessous. Es hat Jahrtausende gedauert, doch heute sind Stiefel wieder Männer- und Frauenschuh zugleich.

Aufsässige englische Teenager entdeckten Anfang der 60er Jahre die Doc Martens, die eigentlich Arbeitsschuhe waren. Sie identifizierten sich mit ihrem geradlinigen, kompromisslos praktischen Design und den klobigen Luftpolstersohlen. In den 70er trugen Club-Kids wie Punker beiderlei Geschlechts überall auf der Welt diese Schuhe, die so trotzig anders und in ihrer Einfachheit geradezu brutal waren. In den 90er Jahren hielten Doc Martens Einzug in die kommerzielle Mode, und weltweit schufen führende Designer wie Charles Jourdon oder Kenzo, elegantere, raffiniertere Versionen.

Schenkelhohe Stiefel wurden früher von Schmugglern und Piraten getragen, die ihre Beute (booty) oder ihr Schmuggelgut darin versteckten - daher der Ausdruck bootlegging, nach dem englischen Wort für Stiefelschaft. Diese bis zum Oberschenkel reichenden Stiefel trug 1968 Jane Fonda in Roger Vadims Film Barbarella - eine aufreizende Abwandlung von Strümpfen und Strapsen.

 
Turnschuhe
Gummisohlen wurden schon in den 1860er Jahren auf niedrig geschnittene Segeltuch-Schnürschuhe vulkanisiert. Nur was für reiche Leute. Der erste populäre Turnschuhe kam ca. 1917 auf den Markt - Ked = Name Mischung aus dem lateinischen ped (für Fuß) mit dem amerikanischen kid für Kind.

Sportstiefel: Der "All Star" der Firma Converse kam 1923 heraus, war hochgeschnitten, mit braunen Gummisohlen, strapazierfähigem, einfachen Segeltuch, Vorläufer der Sportstiefel.

Die ersten Schuhe von Nike kamen 1971 auf den Markt. Nach der geflügelten griechischen Siegesgöttin benannt, kamen sie auf neuartigen Sohlen in Waffelmuster daher, hatten Keilabsätze und einen gepolsterten Nylonschaft. Joggingschuhe wurden 1980 als Straßenschuhe akzeptiert, als während des Streiks der New Yorker Verkehrsbetriebe Tausende von Frauen in Kostüm und Turnschuhen zur Arbeit gingen.

Der Freestyle-Aerobic-Schuhe von Reebok, 1982 vorgestellt, war speziell für Frauenfüße konstruiert. Mitte der 90er Jahren inspirierten solche Schuhe eine tragbare hochhackige Parodie von Nobox (tierisch hohe Gummisohle).

Schon lange vor der Zeit der Turnschuhe machten brasilianische Indios ihre Schuhe wasserfest, indem sie deren Sohlen in flüssiges Latex aus Gummibäumen steckten.

Mitte der 90er Jahre wurde das Design von Sportschuhen zunehmend schriller, und selbst die Sohlen zeigten dynamische Muster und auffällige Farbflecken. Die bunten Muster versinnbildlichen die Funktion des Schuhes: Lauf- und Trainingsschuhe vermitteln mit Spiralen und Zick-Zack-Mustern ein Bild von Bewegung.

Der italienische Designer Diego Della Valle entwarf den rutschsicheren Schuh für Autofahrer, Sohle und Ferse mit Noppen versehen (sonst Mokassinform), wurden zum Modeschuh der 90er Jahre, wird getragen von Leuten, die sportlich und ambitioniert sind.

 
Die Geschichte des Absatzes
Die Geschichte liegt weitgehend im Dunkeln. Seine Wurzeln gehen mit Sicherheit bis in die vorchristliche Zeit zurück. Ägyptische Fleischer trugen Absätze, damit sie nicht mit den Füßen im Blut waten mussten. Mongolische Reiter hatten Stiefel mit Absätzen, um sich besser in den Steigbügeln halten zu können. Als modisches Attribut wurden Absätze erstmals 1533 aktenkundig. Damals brachte die zartwüchsige Katharina von Medici Schuhe mit Absätzen von Florenz mit nach Frankreich, weil sie bei ihrer bevorstehenden Hochzeit mit dem Herzog von Orléans größer erscheinen wollte, und schon bald fand diese Mode zahlreiche Nachahmerinnen am französischen Hof. Im folgenden Jahrhundert schwankten die Frauen in Europa auf Absätzen von mehr als 12 cm daher. Da die arbeitende Bevölkerung es sich nicht leisten konnte, derart unpraktisches Schuhwerk zu tragen, wurde der Absatz zum Statussymbol.

1888 erste Absatzfabrik in den USA

Die Vertreterinnen der Frauenbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts bevorzugten kräftiges, vernünftiges Schuhwerk. In den 20er Jahren, als die Röcke kürzer wurden, mussten Schuhe nicht nur praktisch, sondern auch schön sein. Glitzernde Schuhkreationen mit hohen Absätzen und schmalen Riemchen wurden zum Sinnbild des unverholenen Hedonismus.

Am Hofe Ludwigs XIV. trugen die Männer Schuhe, deren Absätze mit pastoralen Szenen bemalt waren.

 
Schnabelschuhe
Die Anfänge der Schuhe mit aufgebogener türkischer Spitze reichen zurück bis ins 12. Jahrhundert, als die Länge des Schnabels Auskunft über den Reichtum des jeweiligen Besitzes gab. Auf dem Höhepunkt dieser Mode maßen manche Schuhe von der Ferse bis zur Spitze an die 75 cm.

Um das Jahr 1822 schufen amerikanische Schuster mit Hilfe zweier verschiedener Leisten erstmals Paare, die in einen linken und einen rechten Schuh unterschieden waren, was den Tragekomfort enorm verbesserte. Diese Schuhe waren anfangs als "krumme" Schuhe bekannt.

Dem ständigen Auf und Ab der Mode zum Trotz haben manche Frauen stets flache Schuhe bevorzugt. Zum Beispiel klassische Ballerinas in runder Babydoll-Form (erinnern an spanische Stierkämpfer mit ihren flamingoroten Strümpfen).

 
Schuhe, die man nicht vergisst:
Der Klassiker unter den Kinderschuhen ist der Spangenschuh, ein flacher, runder Slipper mit einem seitlich geschlossenen Riemen über dem Spann. Auch Mary Jane genannt. Der schlichte Schuh, dessen Name sich von einer Figur aus dem erstmals 1902 im New York Herald erschienen Comic-Strip Buster Brown herleitet, hat sich im Laufe der Jahre nur wenig verändert. In den 30er Jahren tollte Shirley McLaine in weißen Mary Janes über die Leinwand, fast 30 Jahre später trug John Kennedy junior ebensolche Schuhe, als er am Sarg seines Vaters salutierte. Als bevorzugtes Material für diesen Schuh gilt schwarzes Lackleder, aber sein wichtigstes Kennzeichen ist nicht das Material, sondern der Riemen (der an die Stützräder am Fahrrad erinnert)

 
Birkenstock-Schuhe:
Zitat Larry Tritten: "Birkenstock-Sandalen sind ungefähr so elegant wie eine Kiesgrube in einem englischen Garten."

1967 wurden Birkenstock-Sandalen, für Männer und Frauen gleich, zum anti-modischen Erkennungszeichen der Zurück-zur-Natur-Bewegung. Ihre Fersenschale und das patentierte Fußbett aus Kork, Jute und Naturkautschuk folgen den natürlichen Konturen des Fußes, sorgen für gute Durchblutung und engen die Zehen nicht ein. Obwohl es inzwischen 46 Typen gibt, ist das Original immer noch die meistverkaufte Variante. Anfang der 90er machten zwei Designer (Marc Jacobs und Randolph Duke) die klobigen Klassiker zum Abendschuhe salonfähig (mit glitzernden Strassschnallen).

Der Go-Go-Stiefel. André Courrèges war studierter Ingenieur und arbeitete als Zuschneider bei dem großen spanischen Modeschöpfer Balenciaga. Seine Kollektion vom Herbst 1964 machte sich diese doppelte Vorbildung zunutze. Sie brachte ausgestellte Minikleider mit Kunststoff-Gucklöchern in der Taille und dazu Hüte, die aussahen wie flache Teller. Noch revolutionärer waren die zugehörigen Schuhe: flache, wadenhohe Stiefeletten aus weißem Kunststoff, nur mit einem durchsichtigen Plastikstreifen am oberen Schaftende verziert. Der Go-Go-Stiefel machte binnen kurzem den Schritt vom Laufsteg zur Disco. Der Stiefel wurde der Renner des Jahrzehnts und es gab sie in den verschiedensten Formen und Schafthöhen. Sie wurden zu Miniröcken getragen oder zu Hosen. Mit keinem seiner späteren Entwürfe machte Courreges soviel Furore wie mit den kleinen weißen Stiefeln.

 
Schwankende Gestalten - Chopinen und Plateausohlen
Jahrhundertelang haben Männer die Frauen auf den Sockel gehoben, verlockend und unerreichbar. Und die Mode folgte dem Ideal - bisweilen bis zur Lächerlichkeit. Im Venedig des 16. Jahrhunderts standen Frauen auf Sockeln - den sogenannten Chopinen - die nicht selten zu der unglaublichen Höhe von 75 Zentimetern aufragten. Die aus Holz oder Kork gefertigten Stützen waren mit Leder oder edelsteinbesetztem samt passend zu den Schuhen bezogen, die darauf standen. Die venezianischen Chopinen hatten Vorläufer in Spanien, wo sie im 15. Jahrhundert so populär waren, dass sie beinahe die Korkvorräte des Landes erschöpften, in Venedig wurden sie zum Erkennungszeichen von Wohlstand und gesellschaftlichem Rang. Zwei Bediente waren erforderlich, um die Trägerinnen solch lächerlich unpraktischen Schuhwerks zu stützen, doch die Frauen trugen ihre Chopinen stolz - trotz allem Spott der Touristen, die eigens nach Venedig kamen, um diese lebenden Statuen auf ihren hohen Säulen zu bestaunen.

Die Mode schwappte auch nach Frankreich und England über, auch dort schwankten die Frauen stoisch auf Stelzen einher, auf denen sie ohne Hilfe nicht aus dem Haus konnten. Zwei Jahrhunderte lang blieben solche "spazierenden Schemel" in Mode, erst dann kam die Erkenntnis auf, dass sich in solchen Schuhen leichter gehen ließ, wen die sohle vorne niedriger war als hinten. Der Absatz war geboren, und als Rangsymbol lief der rote Absatz dem Chopine rasch den Rang ab.

Chopinen hatten Sohlen aus mehreren Lagen Kork und waren mit reich verziertem Samt bezogen. Kork ist wegen seines geringen Gewichts schon immer das ideale Material für Plateausohlen gewesen. Er ist robust und wetterfest und passt sich gut den Konturen des Fußes an.

Es heißt, die venezianischen Ehemänner hätte mit Absicht ihre Frauen in solch schweres hölzernes Schuhwerk gesteckt, damit sie nicht unbemerkt aus dem Haus konnten. Die Vertreter der Kirche, sonst die letzten, die eine extravagante Mode guthießen, gaben dem Chopine ihren Segen - erschwerte er doch so lasterhafte Dinge wie beispielsweise das Tanzen.

"Die venezianischen Damen sind aus drei Teilen zusammengesetzt: ein Drittel Holz, nämlich die Chopinen, ein Drittel Kleid, und das letzte Drittel ist eine Frau." Zitat eines Venedigreisenden aus 17. Jahrhundert

Die schwindelerregenden Höhen der Chopinen erreichten Plateausohlen nie wieder, doch in unserem Jahrhundert sind sie, in Zyklen von etwa 20 Jahren Abstand, immer wieder einmal Mode gewesen. Die erste solche Welle kam in den 30er Jahren, als die kleinwüchsige Schauspielerin Carmen Miranda mit ihrem Turban und einem Koffer voller glitzernder Keilabsatzschuhe nach Hollywood kam. In Europa entstanden zur gleichen Zeit Plateausohlen aus synthetischen Materialien, ein praktischer Ersatz für knapp gewordenes Leder und Holz. In den Nachkriegsjahren verschwanden die Plateaus, in den psychedelischen 70ern trug sie wieder jeder, der schick sein wollte, Plateaus. Je weiter die Hosenbeine wurden, desto dicker die zugehörigen Sohlen und desto schreiender ihr Dekor. Obwohl Mediziner vor Rückgratschäden warnten, die diese ungelenken, klobigen Schuhe verursachten, trugen Männer wie Frauen sie - darunter Popstars wie Diana Ross, Stevie Nicks und Elton John, der eine große Sammlung davon hatte. Mit der Wiederkehr der Disco-Mode kam Anfang der 70er die nächste Welle, und die Club-Kids stampften sich auf den Tanzböden in strassbesetzten Plateausandalen oder dicksohligen Vinyl-Turnschuhen die Seele aus dem Leib. Auch heute noch knicken die Frauen damit so unelegant um wie vor Jahrhunderten, man darf wohl trotzdem voraussagen, dass um das Jahr 2010 die Plateausohle zu ihrem nächsten Höhenflug antreten wird.

Im osmanischen Reich trugen Frauen Stelz-Sandalen, um ihre Füße vor dem Staub auf den Straßen und den Fußböden der Badehäuser zu schützen.

Im England des 16. Jahrhunderts konnte ein Ehemann die Ehe annullieren lassen, wenn die Braut ihm durch Chopinen eine falsche Körpergröße vorgespiegelt hatte.

In Venedig wurden Chopinen schließlich verboten, weil immer wieder schwangere Frauen mit ihnen stürzten und dann Fehlgeburten erlitten. Trotzdem hielt sich die Mode in ganz Europa bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts hinein.

Die Frauen der Mandschu-Zeit (spätes 19. Jahrhundert, China), deren Füße nicht eingeschnürt wurden, trugen Schuhe mit Sockel, mit denen sie den von chinesischen Männern so bewunderten Trippelschritt der "Lotosfüßchen" imitierten.

 
Pumps
Ein Pumps kommt niemals aus der Mode. Dank seiner klaren, schnörkellosen Form und seinem gemäßigt hohen Absatz ist er praktisch und elegant zugleich, dezent und klassisch konservativ. Heutzutage werden Pumps von Frauen getragen, doch im frühen 16. Jahrhundert waren sie Bestandteil der Lakaienuniform. Die Bezeichnung "Pumps", die erstmals 1555 in der Schreibung poumpe, pompe oder pumpe auftauchte, leitet sich her von dem Geräusch, das der Schuh machte, wenn man damit über einen gebohnerten Fußboden ging.

Seinen Einzug in die Frauenmode hielt der Pumps in der Mitte des 18. Jahrhunderts, und zwar als Abwandlung eines Straßenschuhs, der bevorzugt von Dandys getragen wurde. Er gewann in Europa rasch an Boden, da er eine gangbare Alternative zu unpraktischen Slippern und Schnürstiefeln war. Am Ende des Jahrhunderts, nach der Erfindung des Lackleders, sah man Damen und Herren auf beiden Seiten des Atlantiks in Pumps, die als idealer Tanzschuh galten.

Die ersten Pumps speziell für Frauen kamen um das Jahr 1838 auf, als Alfred Gabriel, der Graf von Orsay, buchstäblich den Schuh in die Hand nahm und ihn persönlich schneiderte. Seine Pumps waren eine gewagte Neuerung gegenüber den hochgeschlossenen Damenschuhen der Zeit. Ihr V-förmiges Dekolleté umschmeichelte den Zehenansatz, und die niedrig geschnittenen Seiten enthüllten die Wölbung der Fußmitte.

Das Schöne an einem schlichten Pumps ist es, dass schon einfache Verzierungen für dramatische Verwandlungen sorgen können. Schnallen geben dem Schuh mehr Pfiff.

 
Soweit die Füße tragen - solides Schuhwerk
Clogs in ihrer ursprünglichen Form, die Mokassins der nordamerikanischen Indianer und die schlichten Sandalen der alten Ägypter sind alles, was wir an Schuhen wirklich brauchen. Alles andere entspringt den Träumen der Schuhdesigner und der weiblichen (und männlichen) Phantasie.

Wo der Nutzen und nicht die Mode im Vordergrund steht, siegt die Vernunft, und das willkommene Resultat ist ein bequemer, vernünftiger Schuh. In solchen Schuhen kann man frei und sicher auftreten und muss nicht durchs Leben trippeln oder stolpern.

Die Mehrzahl der bequemen Frauenschuhe sind abgewandelte Männerschuhe. Ob Schnürschuh, Schnürpumps oder Bootsschuh, ob Turnschuh oder Joggingschuh - alle wurden zunächst nur für Männer hergestellt und erst später auch dem Frauenfuß angepasst. Bei anderen Schuhtypen wie zum Beispiel Mokassin, Clog oder Espadrille gab es von Anfang an keinen Unterschied zwischen Männer- und Frauenschuhen.

Praktische Erwägungen, nicht Eitelkeit, gaben den Ausschlag bei der Entwicklung des indianischen Hirschleder-Mokassins - einem der ältesten Schuhe für beiderlei Geschlecht und Vorläufer der modernen Trotteurs. Diese geschmeidigen "Fußsäcke" aus einem einzigen Stück Leder schützten den Träger vor Wind und Wetter und erhöhten seine Mobilität. Die europäischen Siedlerfrauen, deren Füße noch in engen, unbequemen Schuhen steckten, erkannten rasch die Vorteile der Mokassins, einige von ihnen gingen dazu über, sie im Haus zu tragen." In Europa hingegen spiegelte die Fußbekleidung auch weiterhin die Klassenunterschiede. Auf dem Lande oder in der Arbeiterschicht trugen die Frauen seit eh und je vernünftige Schuhe, während sich die verwöhnten Damen der Oberschicht, ihre schönen Schuhe als Ausdruck ihrer privilegierten Lebensweise trugen. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an veränderte eine Zeit des raschen sozialen und ökonomischen Wandels das Leben der Frauen - und damit auch die Art, wie sie sich kleideten. Als Frauen erst einmal aus dem Haus gingen, um in Büros und Fabriken zu arbeiten, wurden ihre Schuhe und Kleider freier und praktischer.

Was macht der Schuh mit dem Fuß. Oder: was tun die Menschen ihren Füßen an

"Hohe Absätze sind ein Paradoxon. Sie lassen eine Frau stärker und schwächer zugleich erscheinen." aus: Vogue

 
Frauenschuhe als erotisches Signal
Wenn eine Frau in einen hochhackigen Schuh schlüpft, ist es immer, als schlüpfe sie in eine Rolle. Psychologisch gesehen erlauben die hohen Absätze zu führen statt zu folgen. Aus einer ganz gewöhnlichen Frau wird eine alle überragende Verführerin, die buchstäblich auf die Männer herabsieht. Rein physiologisch gesehen ist es unmöglich, dass eine Frau mit hohen Absätzen eine geduckte Haltung einnimmt. Sie ist einfach gezwungen, Rückgrat zu zeigen, sich in Positur zu werfen, denn ihr anatomischer Schwerpunkt hat sich nach vorne verlagert. Sie streckt den Po heraus, Rückgrat und Beine erscheinen länger, und die Brust ist stolz erhoben. Waden und Fesseln wirken schmaler, der Rist des Fußes scheint sich aus dem Schuh hervorzuwölben. Hohe Absätze zwingen den Fuß in die Vertikale, eine Haltung, die der Sexualforscher Alfred Kinsey als typisches Signal für die sexuelle Erregung der Frau deutet, bei der der gesamte Fuß so weit gestreckt sein kann, dass er mit dem restlichen Bein eine Linie bildet.

Der Pfennig-, Bleistift-, Stiletto- oder Stöckelabsatz betrat in voller Länge von 10 cm das modische Parkett im Jahre 1952 und zierte einen klassischen, vorne spitz zulaufenden Pumps. Bei Schustern waren die Bleistiftabsätze äußerst beliebt, weil die Laufflächen ständig erneuert werden mussten. Ärzte warnten vor dem Tragen von Stöckelschuhen wegen der Gefahr, sich den Knöchel zu verstauchen oder zu brechen. In Flugzeugen und zahlreichen öffentlichen Gebäuden waren die Stöckelschuhe nicht erlaubt, oder man stattete die Frauen kurzerhand mit sackartigen Überschuhen aus, um so ihr gefährliches Schuhwerk zu entschärfen. Als Symbol der Aggression, gesteigerte Sexualität und einer spielerischen Herausforderung wurden Stöckelschuhe zum Markenzeichen für den Typus des ungezogenen Mädchens.

Messungen haben ergeben, dass die Wölbung des weiblichen Pos im Durchschnitt um 25 Prozent zunimmt, sobald eine Frau hochhakige Schuhe trägt.

Rote Schuhe haben mehr als Schuhe in jeder anderen Farbe, immer ein ganz besonderes Flair. In Hans Christian Andersens Märchen "Die roten Schuhe" treiben sie die Heldin dazu, sich zu Tode zu tanzen. Im Zauberer von Oz bringen sie der Heldin die Rettung.

Bei Christian Louboutin sind die Sohlen sämtlicher Modelle hellrot lackiert, ganz gleich welche Farbe das Oberleder hat. Louboutin nennt sie seine "Geh-mir-nach-Schuhe".

Einengende Schuhe = China um 1900, eingeschnürte Frauenfüße. Mit solchen Stiefeln oder Schuhen konnte man keine großen Sprünge machen. Sollten wirken als setze sich das Bein gerade nach unten fort.

 
Lustobjekte - Fetisch- und Lotosschuhe
Auch wenn die Kulturen, die sie hervorbrachten, noch so unterschiedlich sind, ist den westlichen Fetischschuhen und den winzigen chinesischen Lotosschuhen doch gemeinsam, dass sie Trägerin zum Objekt machen und dabei vom Betrachter als erotisch stimulierend empfunden werden. Den Fetischisten des Westens geht es allerdings eher darum, beherrscht zu werden, wohingegen in China Passivität, deren Symbol die eingeschnürten Füße sind, als Schlüssel zum Liebesglück gilt.

In der westlichen Welt gab es Schuhliebhaber bereits in der Antike, doch erst im England des 19. Jahrhunderts blühte der Fetischismus wirklich auf und bekam seinen heutigen Namen. Die repressive viktorianische Moral schuf neue Ausdrucksformen der Sexualität. Frauenbeine waren so kategorisch unter bodenlangen Röcken und in Stiefeln verborgen, dass schon ein einziger Blick auf den Knöchel als erregend galt. Frauenfesseln und, übertragne, ihre Schuhe und Stiefel, wurden zum Symbol verborgener Körperteile, und die Lust an Füßen oder ihrer Fußkleidung wurden zum Tabu. Und so blühte denn Mitte des vorigen Jahrhunderts der Londoner Markt für Pornographie und Schuhe mit 12-cm-absätzen im Verborgenen. Auch anderthalb Jahrhundetee später und obwohl es Zeitschriften wie High Heel Honeys und Super Spikes gibt, ist Schuhfetischismus noch ein Tabuthema, teils vielleicht, weil es mit Transvestitentum und Sado-Maso-Praktiken in Verbindung gebracht wird. Der klassische Fetischist der westlichen Kultur liebt schwarzes Lackleder (den Wet-Look), extrem hohe Bleistiftabsätze (die als Zeichen sexuell angriffslustiger Frauen gelten) oder schenkelhohe Schnürstiefel (wie sie die statuesken Comic-Heldinnen tragen, deren Brüste wie Torpedos aus der knappen Latexkluft hervorstechen). Hohe Absätze mindern die Bewegungsfreiheit - eine Art Frauen zu fesseln, die manche erotisch finden -, während die gefährlich aussehenden Formen den passiven Mann erregen, der es genießt, bedroht zu werden. Doch jeder Fetischist hat seine Vorlieben. Manche Schuhe - mit Vorhängeschlössern, Riemen, nietenverzierten Knöchelspangen - suggerieren Unterjochung ebenso wie Dominanz und stellen den Fuß, wie die Modehistorikerin Anne Hollander es formuliert, als schöne Sklavin dar. In Extremfällen wird die Frau ganz überflüssig, und der Fetischist ist zufrieden, wenn er den Samstagabend mit einem hochhackigen Pumps verbringen darf. Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit, ob tatsächlich oder symbolisch, ist offenbar das Entscheidende für die Fetischwirkung eines Schuhs, unabhängig vom kulturellen Umfeld.

 
Einschnüren der Füße - in China
Doch anders als im Westen, wo ein Schuh mit zunehmender Höhe als immer erotischer empfunden wird, ist der Maßstab in China die Zierlichkeit. Schon lange bevor das Einschnüren von Füßen zu einem kulturell abgesegneten Quasi-Fetischismus wurde, galten in der chinesischen Gesellschaft besonders kleine Füße als schön. Schon im 10. Jahrhundert trugen Tänzerinnen am kaiserlichen Hof enge Socken, damit ihre Füße kleiner erschienen. Dieser Brauch breitete sich in der Oberschicht aus, und daraus entwickelte sich das noch schmerzhaftere Einschnüren der Füße, das zugleich auch ein Initiationsritus war. Eine aristokratische Mutter ließ sich vom Astrologen den Zeitpunkt für die gin lien-Zeremonie ihrer Tochter bestimmen, die Initiation, die zwischen dem 3. und 8. Lebensjahr stattfand. Die Nägel des Mädchens wurden beschnitten, dann wurden die vier kleinen Zehen unter den Fuß gebogen und festgebunden. Der große Zeh blieb frei, so dass eine Halbmondform entstand. (erwachsene Frau = nur 7,5 cm langer Lotosfuß) Nach jedem Baden wurde der Fuß fester geschnürt und dann in einen Schuh gezwängt, der eine Nummer kleiner war als der vorherige. Die Mutter hoffte, dass ihr eines der großen Wunder ihrer Kultur gelingen würde: der "Goldene Lotos", ein Fuß, der nur siebeneinhalb Zentimeter maß. Unverhüllt ah das Mädchen seine Füße von nun an nur noch beim Baden oder, später, wenn ihr Mann sie beim Liebesspiel enthüllte. Trotz ihrer Verkrüppelung galten Lotosfüße als erotischster Teil eines Frauenkörpers, und entsprechend reich waren die zarten Slippper oder Stiefelchen gearbeitet, die sie bedeckten. Chinesische Ehemänner verehrten die winzigen Lotosschuhe ihrer Frau und stellten sie bisweilen auf einem Tellerchen zur Schau, um zu zeigen, wie klein sie waren. Die Frauen besaßen Hunderte solcher Schuhe und verbrachten viele Stunden damit, sie mit Symbolen zu besticken, die ihnen Fruchtbarkeit, langes Leben, Glück und eine harmonische Ehe bescheren sollten. Als China 1912 Republik wurde, kam das Binden der Füße aus der Mode und war in den meisten Provinzen fast schon ausgestorben, als Mao es 1949 verbot. Heute schämt man sich in China dieses Rituals, das tausend Jahre lang offen praktiziert wurde, und Lotosschuhe sind Sammlerstücke, die von einem Brauch Zeugnis ablegen, den die heutigen Chinesen am liebsten vergessen würden.

 
Schuhfetischismus in Westeuropa
Anders als im Westen, wo der Fetischismus stets als subversiv gegolten hat und wo durch veränderte Einstellungen zur Sexualität Fetischobjekte heute als schick gelten. In den letzten beiden Jahrzehnten sind Fetisch-Accessoires regelrecht Mode geworden, und Fetischschuhe sind heute Teil des modischen Mainstream.

Es ist eine weit verbreitete Vorstellung, dass Fetischisten sich gern mit Füßen treten lassen, doch das ist ein Vorurteil. Allerdings lassen sich manche gern von Frauen die Sporen geben.

Pelz und Veloursleder sind für den Schuhfetischisten das, was für andere Kuchen und Eiscreme sind. In Westwoods Londoner Boutique wurden von solchen komischen Dingern (aus Messingrohr 20 cm Absatz) über 300 Paar verkauft.

Stiefel-Fetisch: Hautenge Stiefel bringen ein wohlgeformtes Bein zur Geltung. Ursprünglich waren Stiefel ja Männerschuhe, die Frauen sich angeeignet haben, und deshalb schwingt bei ihnen stets etwas Zweideutiges, die Geschlechtergrenzen überschreitendes mit, das immer auch erotisch aufgeladen ist.

Schwarz ist die Farbe des westlichen Fetischismus, doch Rot ist in West wie Fernost ebenfalls stark vertreten.

 
Sprüche
"Ein Schuh soll beflügeln, uns in die Lüfte heben. Wer erst einmal auf Wolken geht, der wird auch andere Träume wahrmachen." Roger Vivier

"Auf französischen Absätzen wankt ihr zum Ball / Und modische Torheit bringt so manchen zu Fall." (Satirisches Gedicht aus 18. Jahrhundert)

"Wer gegen hohe Absätze wettert, sollte dabei wenigstens einen besonders eleganten Hut tragen." George Bernard Shaw

"Sehen Sie bei einer Dinnerparty unter den Tisch, und Sie werden feststellen, dass die meisten Frauen ihre Schuhe abgestreift haben." Diego della Valle

"Wie groß bin ich? Schätzchen, wenn du Haare, Absätze und Ego mitrechnest, stoße ich an die Decke." Ru Paul

"Zwischen der Ferse einer Frau und dem Erdboden gibt es soviel Raum, mit dem man etwas anfangen kann." Schuh-Designer Bernard Figueroa (Absatz ist das A und O seiner Ästhetik, Absatz als Metallabsätze wie Zweige oder Äste):

"Ein Paar Schuhe muss ausgewogen sein wie die zwei Seiten einer Gleichung und millimetergenau justiert wie ein Uhrwerk." André Perugia (Designer, 50er Jahre)

"Nichts sorgt so gut wie ein hoher Absatz dafür, dass ein Paar hübscher Beine wunderbar und ein Paar wunderbarerer Beine einfach göttlich aussieht." Designer Stuart Weitzman

Als die französische Kaiserin Josefine ihrem Schuhmacher einen Slipper zeigte, der bereits nach einmaligem Tragen unbrauchbar geworden war, soll dieser geantwortet haben: "Ah, Madame, ich weiß woran es liegt, Ihr seid damit gegangen."

Madonna kauft beim Designer Manolo Blahnik und sagte ("Davon hat man mehr als von Sex"), ebenso Bianca Jagger, Prinzessian Diana und Paloma Picasso. Sie alle wissen nicht nur die handwerkliche Perfektion und den frechen Charme seiner Kreationen zu schätzen, sondern auch ihre legendäre Passform.

 
Bräuche
Im angelsächsischen Raum übergab der Brautvater dem Bräutigam einen Schuh seiner Tochter als Symbol dafür, dass sie fortan der Autorität des Ehemanns unterstand.

Im Märchen sind Schuhe oft ein Mittel zur Flucht aus einem eintönigen Leben.

 
Kunst
Wenn die Tagträume eines Designers Wirklichkeit werden und den Fuß eine Kreation ziert, die einmalig in Idee und Ausführung ist, dann wird der Schuh zum Kunstwerk. Die Bandbreite reicht vom Exzentrischen und Extravaganten bis zum Witzigen und Respektlosen. Fischhaut, Kunstrasen, Perlen, Briefmarken - alles kommt dabei zum Einsatz. Manche dieser Stücke sind technische Bravourleistungen, ein Sieg über die Schwerkraft.

Das berühmteste Paar Filmschuhe - vielleicht das berühmteste Paar Schuhe der Welt - sind die rubinroten Glitzerpumps (paillettenbesetzte rote Pumps), die Judy Garland 1939 als Dorothy im Zauberer von Oz trug. Die magische Wirkung dieser Schuhe, in denen sie die Yellow Brick Road zu neuen Abenteuern, neuen Horizonten entlanghüpfte, war einfach unvergleichlich und ist es bis heute geblieben. 1988 ersteigerte ein anonymer Verehrer sie für 165.000 Dollar.

 
Literatur:
Schuhe Eine Hommage an Sandalen, Slipper, Stöckelschuhe Lind O'Keefe Fotografien von Andreas Bleckmann 1997 Könemann Verlagsgesellschaft mbH, Köln

z. B. Schuhe Eine Kulturgeschichte der Fußbekleidung Vom bloßen Fuß zum Stöckelschuh Günter Kämpf, Vilma Link Anabas Verlag Frankfurt/Main

Schuhe Eine Ausstellung des Zweckverbandes Dachauer Galerien und Museen (Katalog)

Getragene Schuhe Beobachtungen zur Geschichte und Bedeutung der Schuhe Nina Felicitas Matt Bezirksmuseum Dachau 1997 Zweckverband Dachauer Galerien und Museen/ Dachau

 
Links zum Thema:

<-
Seitenfuss