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 Lange Nacht
 Manuskript vom: Samstag 21.08.99   • 23:05

Eine Lange Nacht der Hörspielkunst
Pfeifen im Dunkel

Moderation:  Mechthild Zschau
 Frank Olbert
Studiogäste:  Christa Vetter
 Andreas Ammer
 Klaus Buhlert
 Götz Naleppa
 Dieter Kühn

Eine E-Gitarre heult auf, es wummert ein Baß, ein Schlagzeug poltert - und über diesem wahrhaft infernalischen Musikgemisch erhebt sich schwebend eine Stimme, die aus Dantes Werken liest: Ja, man hört richtig. Was hier geboten wird, ist ein Hörspiel, das mit konventionellen Formen, mit knarrenden Türen, sauberen Dialogen und ein wenig Musik zur Überleitung der Szenen nicht mehr das Geringste zu tun hat. In Andreas Ammers und F.M. Einheits Stück "Radioinferno" emanzipieren sich Stimmen, Musik und Geräusche zu gleichberechtigten Elementen einer Komposition, die mit zum Aufregendsten gehört, was die Radiokunst der vergangenen Jahre zu bieten hatte.

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HörSpiel als doppelter Imperativ - das hat ein Protagonist der spielerisch-experimentellen Radiokunst bereits vor rund 30 Jahren festgestellt: Ernst Jandl. Und sein berühmtes Diktum wirkt auch mit den Jahren keineswegs angegraut. Niemand nimmt das Hörspiel als HörSpiel so ernst wie zahlreiche junge (und auch bereits arrivierte) Autoren, die die gute alte Radiokunst mitunter zum multimedialen Ereignis machen. Hörspiel im Internet, als öffentliche Veranstaltung, als Grenzgang zwischen akustischem und theatralischem, literarischem und musikalischem Akt. Hörspiel kennt keine Berührungsängste mehr: Da bietet der Schriftsteller John Berger im Frankfurter Theater am Turm eine Bühnen-Performance, während zeitgleich der Komponist und Regisseur Klaus Buhlert im Ü-Wagen eine eigene Radiofassung des Ereignisses herstellt.

Eine Lange Nacht über das Hörspiel also, eine Lange Nacht zur immer noch einzigen Kunstform, die das Radio sich selbst erfunden hat. Doch wo steht diese oft sperrige, oft mehrstündige Form in einem Medium, das immer stärker auf Dynamik, auf prägnante Formate setzt? Was interessiert Autoren an einer Kunst, die durchs' Ohr geht? Welchen Weg hat das Hörspiel seit den goldenen Zwanziger Jahren genommen, als die Sprecher des "Wallenstein" gar in Ritterrüstung im Funkstudio standen, damit der Funke möglichst authentisch zum Radiohörer überspringt? Ein solcher Weg des Hörspiels führt in die Klangwerkstatt von Heiner Goebbels. Wie kaum ein zweiter verstand und versteht es der Frankfurter Komponist und Musiker, besonders in der Zusammenarbeit mit Heiner Müller Spannungsfelder zwischen Sprache und Musik auszuloten. Zu Goebbels gibt es in der Langen Nacht zur Hörspielkunst ebenso ein Porträt wie zu einer Vertreterin jener Zunft, die dem Hörspiel zur Stimme verhilft - der Schauspielerin Jutta Wachowiak. Musiker und Literaten machen gemeinsame Sache: Besonders fruchtbare Ergebnisse dieser Liaison sind etwa die Stücke von Andreas Ammer und F. M. Einheit, dem ehemaligen Schlagzeuger der "Einstürzenden Neubauten", die von der Raumstation Mir bis hin zu Dantes Inferno auf Klangreisen vom Himmel durch die Welt zur Hölle gehen. Die Zeiten einer normativen Ästhetik, wie sie der Hörspielpapst der 50er Jahre, Heinz Schwitzke, über die Radiokunst verhängt hatte, sind lange vorbei. Dabei gibt es sie natürlich auch und sie erreichen ein beachtliches Publikum - die Erzählstücke, die Dialogstücke, die atemberaubenden Krimis und die poetischen Betrachtungen. Runde achtzig Jahre nach seinen ersten Gehversuchen präsentiert sich das Hörspiel mit vitaler Formenvielfalt und Lust am Experiment. Genug HörSpiel für eine Lange Nacht.

Literaturliste:

  • Stefan Bodo Würffel, Das deutsche Hörspiel, Sammlung Metzeler
  • Klaus Schöning, Spuren des Neuen Hörspiels, Suhrkamp
  • Bertolt Brecht, Der Rundfunk als Kommunikationsapparat, in Gesammelte Werke, Bd. 18, Suhrkamp
  • Klaus Schöning, Neues Hörspiel - Essays, Analysen, Gespräche, Suhrkamp
  • Franz Mon, Hörspiele werden gemacht, in Text und Kritik, Bd. 60
  • Werner Klose, Hörspielversuche im Deutschunterricht, Reclam
  • Klaus Steiner, Das Hörspiel im Deutschunterricht, in Staatl. Studienseminar Köln
  • Agnieszka Lessmann/ Frank Olbert, Der Hörspielpreis der Kriegsblinden, in Germanistisches Seminar Köln
  • Reinhard Döhl, Das Neue Hörspiel, Metzeler
  • Klaus Schöning, Neues Hörspiel - Texte, Partituren, Suhrkamp
  • Christian Hörburger, Das Hörspiel der Weimarer Republik, Universität Tübingen
  • Friedrich Knilli, Deutsche Lautsprecher, Metzeler

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