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 Lange Nacht
 Manuskript vom: Samstag 28.08.99   • 23:05

Die Lange Nacht der Zukunftsspekulationen
Ein Globus, eine Wirtschaft - am Ende ein Staat?

Moderation:  Roland H. Wiegenstein
Studiogäste:  Frank Berberich
 Sebastian Kleinschmidt
 Karl Markus Michel
 Barbara Sichtermann
 

Die Zukunft kann man nicht voraussagen. Man kann nur die Gegenwart verlängern und darüber spekulieren, inwieweit das, was ist, sich fortsetzen wird. Etwa: ob die Wirtschaft wirklich unabwendbar global wird, womöglich bestimmt von einem einzigen Konzept, wie sie zu organisieren sei. Ob es so etwas geben kann wie eine Kultur der einen Welt. Ob der Krieg, der in der "westlichen Welt" fünfzig Jahre lang gebannt zu sein schien - dank der Bombe - sich wieder als Mittel der Politik breitmachen kann. Was hat es mit der Ungleichzeitigkeit der Geschichte auf sich, mit den Religionen, die eine ungeteilte Wahrheit versprechen - und als alleingültig einfordern?
Darüber wollen Herausgeber und Redakteure von vier deutschen Zeitschriften, die all diese Fragen immer wieder bedenken, miteinander streiten: Frank Berberich von "lettre international", Sebastian Kleinschmidt von "Sinn und Form", Karl Markus Michel vom "Kursbuch" und Barbara Sichtermann vom "Freibeuter" in der Langen Nacht der Zukunftsspekulationen.

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Globalisierung und das Bedürfnis nach Unterschieden
von Sergio Benvenuto

Es ist durchaus bekannt, daß die moderne Wahrheit ` das ist natürlich die wissenschaftliche Wahrheit ` englisch spricht. 62 Prozent der Nobelpreisträger in den Naturwissenschaften ` Physik, Chemie, Medizin ` kommen entweder aus den Vereinigten Staaten oder arbeiteten dort. 14 Prozent sind Briten. Die meisten angesehenen wissenschaftlichen Zeitschriften, die im Zitatenindex für Periodica überhaupt eine Rolle spielen, erscheinen in englischer Sprache. Die Vorherrschaft des Englischen in den Wissenschaften, in der Technik und Ökonomie, in internationalen Institutionen und der Geschäftswelt wird nirgends in Frage gestellt. Auch ich halte diesen Vortrag auf englisch.
Was ich als Nobelpreis-Ideologie bezeichnen möchte, sanktioniert zum einen ganz offiziell die Vorherrschaft der anglo-amerikanischen Wissenschaft; die Nobelpreise auf den Gebieten Literatur und Frieden andererseits werden demokratischer unter verschiedenen Ländern aufgeteilt. Wer Schönes schreibt und für das Gute wirkt (der Friedensnobelpreis ist der höchste ethisch-politische Preis), muß nicht notwendigerweise aus der englischsprechenden Welt kommen, er kann auch Asiate oder Lateinamerikaner sein. Die Moral daraus: Heutzutage glaubt ein ernsthafter Mensch ` und das ist das Mitglied einer Nobelpreisjury immer `, die Wahrheit spreche englisch, während das Schöne oder das Gute gleichmäßiger über mehrere Sprachen und Kulturen verteilt sein könnten. Daraus ergibt sich das Nobel-Paradoxon: Einerseits gedeiht der objektive Universalismus der Wissenschaft in einem ausgewählten Streifen der Welt (von San Francisco bis London), während zum anderen die ethischen und ästhetischen Partikularismen allgemeiner verteilt sind. Auf der einen Seite sehen wir das enge Heimatland der Universalität, in dem der furor sciendi herrscht, auf der anderen die ethnische Verbreitung des Schönen und Guten. Viele klagen über die Vorherrschaft der harten Wahrheit über die sanfteren Dimensionen des Schönen und Guten. Der Philosoph Michel Serres sagt: "Wir haben viel zu viel Wahrheit! Heute bräuchten wir viel mehr Schönheit." Dies ließe sich auch so ausdrücken, daß wir zuviel anglo-amerikanische Wissenschaft besitzen und nicht genug lokale Schönheit.

Imperium Amerikanum

Aber diese Nobelpreisideologie wird von den Fakten widerlegt: Anglo-amerikanische Modelle dominieren auch im ethischen und ästhetischen Bereich. Heutzutage verkaufen die USA auch ` und ohne dabei noch auf nennenswerte Konkurrenz zu stoßen ` die einzige Schönheit, die in aller Welt die Massen zu verführen vermag: zur Verwirrung der lokalen, gewöhnlich kulturell "ethnischen" oder nationalistischen Intellektuellen. (Mir scheint, als seien die Intellektuellen aus der sogenannten Dritten Welt sämtlich Gefolgsleute von Gramscis "national-folkloristischer Kultur".) Und die USA und Großbritannien fördern das einzige politisch Gute, das einen Hauch von Anstand aufweist. Jedes Land und jede Kultur hat eigene Bestseller und einen hausgemachten Ruhm, aber die einzigen aller Welt bekannten Ruhmestaten sind gewöhnlich ` mit wenigen Ausnahmen ` anglo-amerikanisch. Wir alle wissen, daß die Globalisierung, dieser abgenutzte Begriff, heutzutage nur noch ein Euphemismus ist für die Amerikanisierung des Planeten. Nach einer neueren Untersuchung kennen italienische Kinder nicht nur Schneeweißchen und Aschenbrödel nur aus der Disney-Fassung, sondern auch unseren eigenen Pinocchio, den sie nicht auf den Seiten Carlo Collodis entdecken. In unserer Welt rannte jeder ins Kino, um Titanic zu sehen, alle ergeben sich dem Kult amerikanischer Gottheiten wie Naomi Campbell, Madonna oder Di Caprio, und auf jedem Kontinent hören die Menschen neben lokalen Rhythmen anglo-amerikanische Musik. Ein mexikanischer Freund äußerte nach einer Europa-Reise seine Enttäuschung: "Ich dachte, ihr Europäer kümmert euch vor allem um andere europäische Länder, aber ich habe gemerkt, daß ihr genauso seid wie wir Mexikaner ` ihr beschäftigt euch in erster Linie mit den Vereinigten Staaten! Ihr Italiener habt keine Ahnung von dem, was in, sagenwwir, Portugal, Dänemark oder Österreich vorgeht, aber über Chelsea Clinton, Tyson oder Giuliani wißt ihr so gut wie alles."
Vor dreißig Jahren bedeutete die Reise eines Italieners nach England oder Rußland, daß er in eine andere Welt kam; heute fühlt er sich in London oder Moskau durchaus zu Hause. Weil England, Rußland und Italien sich inzwischen alle gleichermaßen amerikanisiert haben. Dies ist der einzige Grund, warum die Länder der europäischen Währungsunion einander heute kulturell näher sind als vor dreißig Jahren.
Einige unter Ihnen werden jetzt knurren: Was sollen all diese längst bekannten Banalitäten? Viele nehmen, wenn auch mit säuerlich zusammengepreßten Lippen, diese Anglo-Amerikanisierung des Planeten zur Kenntnis, aber die tieferen Konsequenzen nehmen sie nicht vollständig wahr. Und zwar gerade, weil sie so offensichtlich sind. Vor kurzem argumentierte Massimo Cacciari, einer der bekanntesten italienischen Philosophen, bekannt aber auch als einflußreicher Politiker und Bürgermeister von Venedig, das amerikanische Imperium verfüge über keinerlei Legitimation, weil es keine unbestrittene moralische und kulturelle Autorität besitze. Ich wies ihn darauf hin, daß die Amerikaner selbst ihre Hegemonie nicht so sehr als politisch, militärisch oder ökonomisch begreifen, sondern vor allem als kulturell. "Ja, die USA als Imperium liefern viel Unterhaltung!" rief Cacciari aus. Für ihn besaß der Vorrang amerikanischer Modelle in der Politik, der Wissenschaft und dem Lebensstil keinerlei Bedeutung! Auch er teilt eine unter europäischen Intellektuellen weit verbreitete Überzeugung: daß Amerika die Massenkultur beherrsche, während die Hochkultur ` in unserer Tradition vor allem humanistisch, philosophisch, historisch und politisch ` noch immer von uns Europäern dominiert werde, unter Einschluß der Briten. Disney führt fast alle Kinder in die Märchen ein, aber Proust, Wittgenstein, Kundera, Fellini oder Stockhausen könnten nur im alten Europa geboren sein. Die manipulierten Massen und die verlorene Jugend der Welt lassen sich von Hollywood, Rock und MacWorld anziehen wie Nägel von einem Magneten, aber Europas intellektueller und kreativer Adel spricht Deutsch, Französisch oder Italienisch. Lassen wir den Amerikanern den Vorrang bei den geistig Armen, aber gewährt uns Europäern die Herrschaft über den Geist. Nun könnte all dies noch vor zwanzig oder dreißig Jahren gestimmt haben. Aber heute übernehmen Amerikaner auch in solchen Bereichen ` wie Philosophie und Geisteswissenschaften ` die Führung, in denen sich traditionell die Europäer auszeichneten. Zum Beispiel ist mir aufgefallen, daß viele der klügsten italienischen Philosophie-Studenten, ausgebildet natürlich an klassischen griechischen und deutschen Texten, vor allem mit amerikanischen Autoren liebäugeln ` Richard Rorty vor allem. Dies ist der gleiche Prozeß, der auch in der Antike stattfand, als Rom Griechenland eroberte. Zunächst imitierten die Römer die Griechen, aber später begannen sie ihre eigene große Kultur zu entwickeln: Cicero, Vergil, Horaz, Lukrez, Terenz und Augustinus schrieben alle "vulgäres" Latein, nicht edles Griechisch. Auch die humanistische Kultur wird im nächsten Jahrhundert mehr und mehr englisch sprechen. Und unter jenen italienischen Intellektuellen, die wütende, offen rassistische Anklagen gegen die Amerikaner erheben, für die "alles einen Preis besitzt und nichts einen Wert", nehmen nur sehr wenige diese offensichtliche Entwicklung überhaupt zur Kenntnis.
Aber wie steht es mit Erfolgen, die nicht anglo-amerikanischen Ursprungs sind? Einige Lateinamerikaner werden Borges und Garc^a Marquez ins Feld führen, die Chinesen werden von den Filmen Yi-mous und Gong Lis sprechen, die Japaner von Kurosawa, karaoke, tamagotchi und sushi, die Italiener von ihrer Mode und ihrem Design. Aber diese Künstler, Schriftsteller oder Stilisten werden gewöhnlich gerade deshalb berühmt, weil sie von den Amerikanern oder Briten sozusagen adoptiert und folgerichtig in die anglo-amerikanische Publizitäts-Spirale hineingezogen wurden. Die bekanntesten lebenden Italiener auf der Welt ` Eco, Pavarotti, Armani, Zeffirelli, Benigni, Piano, Fo und ein paar andere ` sind vor allem in den USA berühmt.
Einige meiner französischen Freunde, bekannte Intellektuelle im eigenen Land, beklagen sich, sie würden in Italien vollständig ignoriert ` worauf ich antworte: "Konzentriert euch darauf, in den USA bekannt zu werden; sobald euch die Amerikaner mögen, werden sie euch nach Italien exportieren!"
Mit Interesse habe ich verfolgt, wie die Malerin Frida Kahlo bekannt wurde. Heute sind ihre Werke in aller Welt bekannt, aber das haben nicht die Mexikaner in die Wege geleitet; es verdankt sich der New Yorker Ausstellung des Metropolitan Museum über mexikanische Kunst aus dem Jahre 1990, woraufhin Historiker, Feministinnen, Marxisten, Kulturstudenten und Dekonstruktivisten, offensichtlich alles Amerikaner, über sie herfielen. Kahlo war sicherlich eine Gringo-Feindin. Viele europäische Intellkktuelle vom Kontinent, verarmter Adel voller Verachtung für die "amerikanische Rasse", wollen einfach nicht wahrhaben, daß der Antiamerikanismus weitgehend eine amerikanische Erfindung war. Das theoretische Paradigma des Antiamerikanismus erfand im Zweiten Weltkrieg der Amerikaner Ezra Pound in seinen italienischen Radio-Programmen für Mussolini. Antiamerikaner wie Marcuse, Chomsky oder Lyotard litten tief, weil sie ihren Ruhm gerade dem anglo-amerikanischen Kultursystem verdankten, das sie in Fetzen gerissen hatten. Marcuse ` eher noch als seine philosophisch solideren Frankfurter Kollegen Adorno und Horkheimer ` wurde in den sechziger Jahren zur Kultfigur, weil er in den USA lebte und englisch schrieb.
Was also bleibt von unseren kulturellen Traditionen in einer Welt, die von anglo-amerikanischer Wahrheit, Schönheit, Güte beherrscht wird?

Den kompletten Text lesen Sie in "lettre international", Ausgabe 45

  • http://www.lettre.de/
    lettre international - Europas Kulturzeitschrift - Homepage - Ein geistiges Abenteuer
    Lettre ist ein Brennpunkt von Reportagen, Erzählungen, Interviews, Poesie, Essays, Kunst, Fotografie in einzigartigen Konstellationen. Brisante, inspirierende und aktuelle Beiträge aus aller Welt.
  • http://www3.zeit.de/zeit/print/199841.lettre_.html
    Für Lustleser und Masochisten - Ein Fenster in ferne Denkwelten:
    Die europäische Kulturzeitschrift "Lettre International" feiert ihr Zehnjähriges
    Von Richard Herzinger -in :DIE ZEIT 1998 Nr. 41
  • Johannes Saltzwedel - Abschied vom Sequentiellen.
    Notizen zur digitalen Vielfalt
    Zumindest so lange wie die Moderne gibt es den Argwohn, "daß der Gedanke von der Simplizität unserer Seele ein geborgter Begriff ist" (Lichtenberg). Doch nun scheint die Furcht nicht nur bestätigt: Der Umgang mit einer Vielzahl paralleler Wahrnehmungswelten ist zur Normalform aktiven Daseins geworden. Von der Installation elektronischer Schrifttafeln oder Bildschirmanzeigen im öffentlichen Verkehr bis zur Steigerung der Beatfrequenz in der Technomusik, vom wirtschaftlichen Gebot der Radiosender, alle paar Minuten die "Klangfarbe" zu ändern, auf daß die Hörer dem Abschaltknopf fernbleiben, über die hakenschlagende Prosa der Vernetzungspropheten bis zur Ästhetik unausgesetzter Bewegung nicht unmittelbar in das Nebeneinander mehrerer separater Reize übergehen kann, muß wenigstens ein pausenloser Wechsel der Bilder, Sujets und Intensitätsebenen den Schein aufrechterhalten, daß die aktuelle Erlebnisspanne mitreißend gefüllt ist. Reizüberflutung zu beklagen, ist spätestens seit den zwanziger Jahren ein Topos der Eigentlichkeit geworden. Jenseits solcher Floskeln aber scheint sich unser Verhalten in der und zur Welt tatsächlich zu wandeln: Wir gewöhnen uns an dauerndes Umschalten, an einen Alltag paralleler oder zumindest simultan vorstellbarer Sinneserregungen diversester Art, wie ihn schon die Kaufhausmusik oder ein Telefonat mit dem Handy aus dem fahrenden Zug darstellen. Vorgreifend könnte man behaupten: Die innere Haltung, die solchen für Bürger Westeuropas fast unausweichlichen Situationen entspricht, ist eine im höchsten Grade anti-mediative und somit ein Inbegriff, wenn nicht gar die Übersteigerung dessen, was als westliche Lebensform seit etlichen Jahren in die Kritik geraten ist. Eine weitere Entfernung vom asketischen Ideal der Selbstfindung als die momentan im Ästhetischen grassiernden Neuigkeitsversessenheit scheint kaum mehr denkbar. Weiter nachzulesen in:
    Sinn und Form. Beitrage zur Literatur
    Herausgegeben von der Akademie der Künste, Aufbau-Verlag Berlin
    4. Heft 1999
  • Der Tagesspiegel über "Sinn und Form"
    Sie wurde gelesen und diskutiert, fotokopiert, weitergegeben und zitiert, in Ost wie West - die Zeitschrift "Sinn und Form", die am Freitagabend in der Berliner Akademie der Künste ihr 50jähriges Jubiläum feiert. In dieser ungewöhnlichen Publikation konnte man erfahren, was in jenen Kreisen gedacht wurde, in denen Bertolt Brecht und Johannes R. Becher, Georg Lukßcs und Ernst Bloch miteinander debattierten. Und wo, in Ansätzen, die Literatur der ganzen Welt verhandelt wurde und manchmal Weltliteratur enstand. Das Konzept, anspruchsvoll, theoretisch und poetisch in einem, geht zurück auf den Schriftsteller Peter Huchel, an dessen Grundrichtlinien keiner der späteren Mitarbeiter zu rütteln wagte. Walter Jens, der Heft und Macher jahrelang begleitete, zeichnet seine Erinnerungen an "Sinn und Form" für den Tagesspiegel auf.
  • http://www.tagesspiegel.de/archiv/
    1999/01/20/ku-hi-10575.html

    Walter Jens am 21.Januar 1999:
    Wagnis und Glanz kennzeichnete "Sinn und Form",
    die Zeitschrift der Ost-Intellektuellen.
  • http://www.sonambiente.de/
    deutsch/ged_pub_inh_suf.html

    Zeitschrift der Akademie der Künste
    Sinn und Form
    Beiträge zur Literatur
    Begründet von Johannes R. Becher und Paul Wiegler
    Geleitet von Sebastian Kleinschmidt
    Herausgegeben von der Akademie der Künste, Berlin
    Erscheint seit 1949 zweimonatlich im
    Aufbau-Verlag, Berlin
    Wie Europa ein Kontinent im Umbruch, ist auch Deutschland ein exemplarischer Ort des Wandels geworden. Zeiten des Wandels sind Zeiten kultureller Intensität. Sind Zeiten des Lernens, einer anderen Neugier, unerwarteter Deutung. Sie sind der Kunst undPhilosophie günstig.
  • Buchtipp: Stimme und Spiegel. Fünf Jahrzehnte Sinn und Form
    Eine Auswahl - hrsg. von Sebastian Kleinschmidt
    mit Beiträgen vieler namhafter Autoren
    aus dem In- und Ausland, 640 S.
    Akademie der Künste
    Aufbau-Verlag 1998, DM 78
  • "Die Barbaren kommen" Ein Gespräch mit Piero Basseti über Einwanderung und Invasion
    von Emilio Gallo Zugaro
    Pierro Basseti - prominenter italienischer Wirtschaftführer und Mitglied der Trilateral Commission - wird befragt nach dem "Fall Bari" am 8. August 1991: damals bat der albanische Frachter "Vlora" um Einlaß in den Hafen von Bari. Als die 11000 Albaner - nach Durchbruch der Hafenblockade - an Land gingen, kam, prügelten italienische Polizisten auf sie ein.
  • ...Wir befinden uns... auf der Schwelle zwischen "Einwanderung" und "Invasion". Wir haben in der Schule gelernt, daß die alten Römer von einer "barbarischen" Invasion sprachen, wenn es um bewaffnete Auseinandersetzungen ging. Aber die Dinge lagen weit komplizierter. Die Römer waren nämlich einer kontinuierlichen, Jahrhunderte währenden "Unterwanderung" ausgesetzt. So kamen viele Sklaven aus Griechenland, denn die Eingewanderten gehörten zur Schicht der Gebildeten .. . Rom importierte Gelehrte, die seine Kinder ausbildeten, so wie die Amerikaner es im letzten Jahrhundert in Harvard machten, das sie durch englische Professoren veredelten. Es gint also nicht nur die "Unterwanderung", es gibt auch eine Art "Überwanderung", will sagen: von "oben" her. Dementsprechend fällt auch die "Abwehrpolitik" aus. Wenn man Elite-Einwanderung verhindern will, handelt man anders, als wenn mann armen Leuten die Tür weist. Ein Bespiel sind wiederum die USA: Die Eliten der amerikanischen Universitäten wollen sich vor der jetzt möglichen asiatischen Unterwanderung schützen - durch die Green card. Das ist eine substanziell andere Situation als bei den Albanern in Bari. Wenn die Masse kommt, das hat kaum jemand in Europa realisiert, haben wir den Sprung von der Einwanderung zur gewaltsamen, gesetzeswidrigen Invasion. Es ging in Bari um den Versuch einer "Besetzung", das ist der korrekte Begriff...
    in: Kursbuch 136 "Schluß mit der Moral", Juni 1999
  • http://www.goethe.de/z/82/acwww25/kataloz/l2502.htm
    Das Goethe-Institut bietet per Online-Datenbank einen Überblick über deutschsprachige Zeitungen und Zeitschriften -über das Kursbuch schreibt das Goethe-Institut: Kursbuch : Kulturzeitschrift, die aus den Bewegungen der "68iger" heraus entstanden ist. Die Hefte sind themengebunden (z.B. Jugend, Sekten, Rechts-Staat u.v.a.m.). Anhand von Aufsätzen, Kurzgeschichten, Lyrik- und Prosabeiträgen wird unsere heutige Kapitalgesellschaft, deren Politik und Kultur analysiert und kritisch hinterfragt. Zu aktuellen sozialen und philosophischen Fragen wird Stellung genommen. Das Kursbuch bietet ein Meinungsforum für bekannte Wissenschaftler aus allen Fachrichtungen, Schriftsteller und Journalisten ebenso wie für weniger berühmte, "andersdenkende" Autoren. Mittelschweres Sprachniveau.

    Kursbuch / begr. von Hans Magnus Enzensberger. Hrsg.
    von Karl Markus Michel, ...
    Berlin: Rowohlt Berlin
    erscheint vierteljährlich

  • Barbara Sichtermann: Aufhören
    ... Kann man "aufhören" üben? Vielleicht, wenn man muß. Und wenn man sich vergegenwärtigt, daß aufhören nur sehr bedingt ein Selbstzweck, daß es vor allem die Voraussetzung für einen Neubeginn ist. Wer sich trennen kann - von einer Gewohnheit, einem Haus, einem Gemahl - , der verabschiedet nicht nur eine biographische Epoche, sondern er beweist sich, daß er - wenn auch in Grenzen - frei ist, etwas Neues zu beginnen. Innezuhalten, eine Pause zu machen, umzukehren, aufzubrechen in unbekannte Gegenden. Lauter Entschlüsse, die kaum einer gern faßt. Und doch sind sie heute nicht nur, wie jederzeit, die Schwelle für Herausforderungen und Abenteuer, sondern die Grundlage für alle Formen des Weitermachens und Weiterleben. Das massive Hindernis einer Kunst des Aufhörens sind die Gewohnheiten. Die bilden sich von selbst, da muß sich niemand eigens aufschwingen. Aber die Gegenbewegung des Abweichens, Ausscherens, Auflösens, die versteht sich nicht von selbst, deshalb braucht sie eine besondere Ermutigung. Beispiele fehlen. Gegenbeispiele gibt es massenhaft. ... Das ökologische Zeitalter hat uns Menschen gelehrt, daß Ressourcen endlich sind, daß Quellen versiegen und daß Vorräte aufgebraucht werden. Ich meine damit nicht nur das Erdöl und das Grundwasser, sondern auch menschliche Anlagen, Fähigkeiten und Leistungen: Konzentration, Imagination, Witz ... Sie sind endlich. Sie brauchen Erholungspausen und Umrüstungen, Brache und Ruhe, neue Umgebungen und frischen Anreiz. Dies bedenkend dürften wir fähig sein, uns mit den Fersen gegen die Rutschbahn zu stemmen und - aufzuhören. Wir werden dann sehen, daß es nicht die Geschichte ist, die wie eine Rutschbahn funktioniert, sondern nur unsere Trägheit, unsere Neigung zur Routine, Wiederholung und Sucht. Diese Trägheit ist an- und aufhaltbar, ohne daß ein Schaden entsteht. Wir müssen nur wollen. Aufhören kostet einen Entschluß, einen Ruck. Und manchmal bringt es die Welt ein.
  • LITERATUR-NACHRICHTEN aus: Der Tagesspiegel
    Ohne Trauer, ohne Zorn, erschienen am 26. März 1999

    Der Wagenbach Verlag stellt im April die Zeitschrift "Freibeuter" ein

    Die traditionsreiche Berliner Literaturzeitschrift "Freibeuter" wird ihr Erscheinen einstellen. Die Vierteljahresschrift, die seit 1979 im Berliner Wagenbach Verlag erscheint, bringt Ende April ihr 80. und damit letztes Heft heraus, das dem Thema "50 Jahre Deutschland" gewidmet ist und Beiträge von Perry Anderson, Cornelia Brink, Carlo Ginzburg und Kerstin Hensel enthält.

    Die Einstellung der Zeitschrift begründet der Literaturverlag mit der veränderten Marktsituation: Während der "Freibeuter" in seinen Anfangsjahren Auflagenzahlen von 15 000 bis 20 000 Exemplaren hatte, stagnierte die Auflage in den letzten Jahren bei 5000, darunter 2500 Abonnenten. Die Form des politisch engagierten Feuilletons, mit der sich der "Freibeuter" auf Pasolinis "Freibeuterschriften" berief, habe sich überlebt oder sei in andere Publikationsformen - etwa die Kulturteile und Wochenendmagazine der Tageszeitungen - abgewandert, erklärt Bruno Preisendörfer, seit 1985 Redakteur des "Freibeuters", den steten Rückgang der Auflagenzahlen. Klaus Wagenbach, Leiter des Berliner Wagenbach-Verlags und gemeinsam mit Barbara Sichtermann und Heinrich von Berenberg Herausgeber des "Freibeuters", verläßt nach eigenen Worten den Zeitschriftenmarkt "hocherhobenen Hauptes" und ohne große Trauer. Der Begriff "Zeitschrift" enthalte, daß ihre "Zeit" auch irgendwann vorbei sei.

    Nach dem "Tintenfisch" ist der "Freibeuter" das zweite Literaturmagazin, das der Verlag einstellt. Das ähnlich gelagerte "Kursbuch" Hans Magnus Enzensbergers habe den Veränderungen der Zeitschriftenlandschaft dadurch entsprochen, daß es sich zu einer jeweils einem Thema gewidmeten Anthologie entwickelt habe, so Preisendörfer. Magazine wie "Lettre" verdankten ihren Erfolg dagegen der Tatsache, daß sie am Kiosk und im Handverkauf erhältlich seien.

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