Deutschlandfunk DeutschlandRadio Berlin Suchen
programmvorschau sendungen frequenzen
Kontakt
 Lange Nacht
 Manuskript vom: Samstag 04.09.99   • 23:05

Eine Lange Nacht der Groschenromane
Er versank in ihren Augen wie in zwei blauen Seen...
Florentine-Roman
Florentine-Roman
Moderation:  Claudia Mützelfeldt
Studiogäste:  Sabine Gries
 Heinz J. Galle

Es ist schon merkwürdig, da werden Jahr für Jahr Tausende von Heftromanen - dies ist der heute übliche, weniger herablassende Name für Groschenromane - geschrieben, millionenfach gedruckt und verkauft, aber keiner liest sie - anscheinend!

Was macht der Käufer nur mit der erworbenen Lektüre, die er angeblich weder schätzt noch konsumiert?

Der moderne Leser schämt sich seines geheimen Lasters. Man hat ihn darüber aufgeklärt, daß er Handtke und Walser zu lesen hat, bei nostalgischer Einstellung Thomas Mann und Fontane. Ist er beruflich sehr gestreßt, kann er auch schon einmal zu Simmel greifen und als launiger Individualist darf er sich zu seiner Schwäche für Karl May bekennen - aber ausgerechnet diese billigen Heftchen? Schnell ist der Begriff der Schundliteratur zur Hand. In der Langen Nacht der Groschenromane lernen wir sie kennen, die Liebhaber und Verächter der literarischen Massenware, machen uns bekannt mit Perry Mason, Jerry Cotton, John Sinclair, Dr. Norden, Anna von Koppenhof und Jessica, den Helden und Figuren der Science Fiction-, Kriminal-, Grusel-, Arzt-, Heimat- und Frauenromane. "Er versank in ihren Augen wie in zwei blauen Seen", dieser Satz soll uns wie viele andere in der Langen Nacht der Groschenromane auf der Zunge zergehen.

Leseproben

Related Links:
<- Übersicht: Sendungen A-Z
-> Lange Nacht Archiv
-> Lange Nacht Vorschau
-> Lange Nacht Kontakt



Anne-Rose war ein bezauberndes kleines Mädchen. Wenn Walcott die Kleine ansah, dann dachte er immer, daß so Engel aussehen mußten. Dabei war sie nicht einmal blond, wie er die Engel schon auf vielen Bildern gesehen hatte. Ihr Haar war dunkelbraun. Ihr Gesichtchen war von bezaubernder Reinheit, und ihre Augen waren so blau wie der Himmel am Mittag. Die Bewegungen des Kindes waren von gelöster Anmut und wenn Anne-Rose lächelte, dann kamen dem alten Walcott fast die Tränen.
Fürstenroman Nr. 570


Jerry Cotton Heft
Jerry Cotton

Langsam rückten die Typen auf mich zu.
Ich spürte, wie eine wilde, wohltuende Wut in mir aufstieg. Sollten sie kommen! An der FBI-Akademie in Quantico wird Karate von einem echten Chinesen gelehrt, einem Träger des schwarzes Gürtels. In den Sehschlitzen der Maske sah ich die dunklen Augen triumphierend aufblitzen, was vermutlich daran lag, daß ich überhaupt keine erkennbare Karatestellung eingenommen hatte. Er selbst demonstrierte, was er unter Zenkutsudachi verstand. Aus dieser Stellung wollte er mir aus der Hüfte heraus die Oberseite seiner Faust unter das Kinn schmettern, was man im Karatesport Agezuki nennt. Du liebe Güte!
Er versuchte es, und ich setzte eine der einfachsten Abwehrtechniken dagegen, wie sie schon ein Zehnjähriger lernt.
Dies war ein Kampf auf Leben und Tod, und es machte mir nicht die geringsten Gewissensbisse, daß sich mein Gegner stöhnend am Boden wälzte und bestimmt so schnell nicht wieder ins Geschehen eingreifen würde. Da waren's nur noch drei, dachte ich - und immer noch mit der gleichen verzweifelten Wut.
Die letzten drei stürzten sich gleichzeitig auf mich.
Jerry Cotton, Band 1253


Edelstein-Roman
Edelstein-Roman

Dreimal war es Frühling, Sommer, Herbst und Winter geworden. Dreimal waren die Herbstnebel über die Berge gezogen, war der Koppenhof in tiefe Schneedecken gehüllt gewesen, die der Föhn in den ersten Frühlingstagen abgezogen hatte wie überflüssiges Linnen - und noch immer lebten Anna und Johannes höflich und freundlich nebeneinander her, ohne daß eines den Schlüssel zum Herzen des anderen gefunden hätte. Der Hof blitzte vor Sauberkeit und Wohlstand. Die Ernten waren reich und gesegnet gewesen und hatten Fässer und Scheunen gefüllt Die junge Koppenhoferin war etwas stattlicher geworden, wirkte aber noch immer schlank, rank und mädchenhaft. Wie früher trug sie die Haare zu einer stolzen Flechtkrone aufgesteckt. Aber ihre Kleider waren reicher geworden, ihre Hände gepflegter als früher, denn Johannes Morath wünschte es nicht, daß seine Frau die grobe Arbeit verrichtete. Dazu waren jetzt Mägde da. Freilich griff Anna nach wie vor noch immer überall dazu wo es nötig war, ohne sich vor irgendeiner Arbeit zu scheuen.
Edelstein Roman, Band 3, Drei Brüder vom Koppenhof,


John Sinclair
John Sinclair

Beide Hände legte die Frau gegen die Wangen des Mannes. Es war zuerst nur eine leichte Berührung, die den Aufpasser zusammenzucken ließ. Er rechnete damit, daß die Frau ihre Hände wieder von seinem Kopf wegnehmen würde. Das passierte nicht. Sie blieben an den Wangen "kleben", und einen Moment später spürte der Mann das heiße Grauen. Die Gestalt des Mannes blieb gleich. Sie war nur erstarrt. Aber ihr Inneres veränderte sich. Plötzlich fing sie an zu leuchten. Ein dunkles, unheimliches Glühen stieg von den Knöcheln her in in die Höhe und näherte sich immer mehr dem Kopf. Es durchdrang den Körper. Es hielt jede Ader besetzt. Es glitt hinein in das Gesicht, es färbte alles in diesem dunklen Rot. Sie sprach mit ihm und während sie redete, nahm die Farbe noch zu. Das Rot bekam einen hellen Stich. Es wurde etwas gelblich, und wenig später war es soweit. Als der Mann seinen Mund aufriß, zuckte es noch einmal in seinem Gesicht. Dann nicht mehr, denn es geschah etwas, das kein Zeuge begriff.
Jason Dark: John Sinclair der Geisterjäger, Band 1079




Den Tränen nahe, kämpfte sie um Fassung und gab es auf. Sollte er doch die Wahrheit erfahren, die er ohnehin schon ahnte. "Ich hätte es nicht ertragen, wenn dir etwas zugestoßen wäre" flüsterte sie erstickt. "Ohne dich wäre mein Leben sinnlos!" Jetzt war es heraus! Und sie war erleichtert. Aber auf das Mitgefühl oder Versicherungen seiner Zuneigung konnte sie verzichten. Sie riß ihren Blick von ihm los und stand auf, doch noch ehe sie einen Schritt getan hatte, faßte er nach ihrer Hand und nahm sie in die Arme. Er hielt sie fest umfangen und wie schon zuvor reagierte ihr Körper auf den warmen Druck seines Mundes - aber nicht lange. Dann meldete sich ihre Vernunft.
Anne Ashley: Rebecca- schön und ungezähmt, My Lady Royal Serie, 1/99




Waren sie bisher der Meinung gewesen, im Teuller-System der Nonggo, in der Galaxis Gorhoon, aus der letzten Hypertakt-Etappe herauszukommen, so sahen sie sich jetzt eines Besseren belehrt. Es war ein Schock für sie. Statt des Teuller-Systems befand sich unverkennbar das heimatliche Solsystem vor ihnen. Und sie konnten nichts tun, denn vor wenigen Sekunden hatte SENECA, das Bordgehirn des Generationenschiffes, sie für verhaftet erklärt und zwei Dutzend Kampfroboter aufmarschieren lassen, darunter sechs TARA-V-UHs, die aus den Beständen des TLD-Towers von Alashan stammten. Perry Rhodans Gedanken kreisten. Er erinnerte sich an die Situation an Bord kurz nach der Eroberung der SOL. Damals herrschte Ungewißheit, ob Shabazza eine Nano-Kolonne an Bord zurückgelassen hatte. Dies schien sich nicht zu bestätigen, insbesondere als man mit Profer Z und seinen Androiden eine heimtückische Hinterlassenschaft Shabazzas aus dem Weg geräumt hatte. Nun sah das vielleicht alles anders aus.
Perry Rhodan




"Ich habe keine Mami, die mich liebhat", sagte das Kind traurig. Frau Kupper richtete sich ein wenig auf. "Doch Alexander! Wenn du willst, dann bin ich deine neue Mami, und ich habe dich schon schrecklich lieb". - "Wirklich? Du wirst meine Mami?" Der Kleine riß seine Kulleraugen auf. "Ja, und einen Papi hast du dann auch! Was hältst du davon?" Alexander war überglücklich
"Chefarzt Dr. Holl", Nr. 548

Links:

http://www.perry-rhodan.net/

http://www.bernt.de/perry-rhodan/index.htm
Mit über 1.400 Mitgliedern ist die Perry Rhodan-FanZentrale e. V. als Dachorganisation die größte Vereinigung von Fans und Lesern


Jerry Cotton im Film
Jerry Cotton im Film

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/
langenacht/990903-muetzelfeldt

Manuskript der Autorin Claudia Mützelfeldt

http://www.dem.de/entertainment/
kino/hintergrund/h_jerry_cotton.html

Endlich ist er wieder da! Jerry Cotton hat seit mehreren Jahrzehnten eine fast gigantisch zu nennende Leserschaft. Egal ob die "Groschenromane" oder die Taschenbücher - Jerry Cotton kann süchtig machen.
Am 23. April 1998 veröffentlichte Taurus Video die acht Filme, die mit George Nader als Jerry Cotton und Heinz Weiss als Phil Decker gedreht wurden, auf Video. Die Romane des G-Man, des Geheimagenten mit der weißen Weste, wurden weltweit in einer Auflage von bisher 750 Millionen verkauft.
Mit seinen Erkennungszeichen - einem roten Jaguar und einer sechsschüssigen Smith & Wesson - kämpft Jerry Cotton für Recht und Ordnung und löst actionreiche, spannungsgeladene Fälle.

http://www.bastei.de/4.htm
Die offizielle Homepage von Jerry Cotton aus dem Bastei Verlag Der Kult um die bekannteste Kriminalserie der Welt, begründet von BASTEI und den Jerry-Cotton-Kinofilmen mit George Nader. Vorschau und News, Pressestimmen.

http://www.bastei.de/cotton/figuren.htm
Jerry Cotton heißt mit richtigem Vornamen Jeremias, den er einer etwas schrulligen Tante zu verdanken hat und den er nicht leiden kann. Nur sein Freund und Partner Phil darf ihn noch mit Jeremias anreden, was er nur dann tut, wenn er seinen Freund foppen oder ärgern will. Ansonsten ist Jerry für alle Jerry - diesen Namen hat ihm übrigens Mr. High verpaßt, als sie sich zum erstenmal trafen ("Ich suchte den Gangsterchef"). Jerry stammt aus Harpersvillage, einem kleinen ländlichen Kaff in Connecticut, in dem er sich nie richtig wohl gefühlt hat, und nach einer Auseinandersetzung mit ein paar angetrunkenen Jungs war er in Harpersvillage sogar als Schlägertyp verschrien. Aber das ist lange her. In jungen Jahren ging er nach New York, wo er schließlich Special Agent wurde. Jetzt arbeitet er seit Jahren für den FBI District New York unter der Leitung von Mr. High, und er und sein Partner Phil Decker gehören zu den erfolgreichsten der New Yorker G-men.
Jerry ist Mitte Dreißig, schwarzhaarig, gutaussehend, etwas 1,85 m groß, sehr sportlich und durchtrainiert. Er wurde in Boxen und mehreren asiatischen Nahkampfsportarten, ist ein hervorragender Schütze sowohl mit Pistole, Revolver oder Gewehr und kann Hubschrauber und kleinere Flugzeuge fliegen, wurde sogar dafür ausgebildet, Kampfjets zu fliegen. Jerry Cotton ist ein umgänglicher und sympathischer Typ, der stets sofort Freunde findet, weltoffen und tolerant gegenüber Andersdenkenden und anderen Kulturen, von denen es in New York so ziemlich alle anzutreffen gibt. Cotton ist jemand, der stets für seine Mitmenschen da ist, gerne hilft. Er haßt das Verbrechen, nicht die Verbrecher, und er kämpft im Grunde nicht gegen etwas, sondern für die Menschen seiner Stadt und für New York, das er liebt und inzwischen als seine Heimat ansieht

Ärzte, denen die Patienten vertrauen


Der Bergdoktor
Der Bergdoktor

Was den durchschnittlichen Arzt von seinem Kollegen aus dem Groschenroman trennen muß - und was sie dennoch verbinden sollte Dr. Stefan Frank, Dr. Norden, Dr. Daniel - es gibt unzählige der strahlenden Helden in Weiß. Es wird in den Heften keine Angabe über die Auflagenhöhe gemacht, sondern nur etwas großzügig mit "Millionen begeisterter Leserinnen" geworben. Nimmt man jedoch alle Serien zusammen, müssen tatsächlich jede Woche eine ganze Menge der tränenreichen Geschichten über die Ladentheke der Zeitschriftenhändler wandern. Hält man sich als "realer" Mediziner vor Augen, daß Groschenromane für viele Menschen ein Idealbild der Welt darstellen, lohnt es sich durchaus, einen näheren Blick in diese Idealwelt zu werfen. Eine Welt, in der immer die Liebe siegt, und in der Ärzte Freunde und Helfer sind. Denn welcher Mediziner weiß schon, wie der "gute Arzt", dem nicht nur die Frauen vertrauen, eigentlich genau aussehen soll? Groß, schlank, mit seinen sechsundvierzig Jahren eine noch sehr jugendliche, straffe Erscheinung, zog er immer wieder bewundernde Frauenblicke auf sich. Ärztinnen, Schwestern und Patientinnen schwärmten insgeheim gleichermaßen für ihn. Dr. Jan Bracht war ein Bild von einem Mann. Wer sich in dieser Beschreibung nicht sofort wieder erkennt, sollte deshalb aber nicht gleich seinen "ohnehin herzerobernden weißen Kittel" an den Nagel hängen. Nicht in erster Linie das Aussehen macht den guten Arzt, sondern die Tatsache, daß er völlig in seinem Beruf aufgeht und vor allem für seine Patienten lebt. ........ Der gesamte Text ist nachzulesen unter:

http://www.uni-heidelberg.de/stud/
fachschaften/fs-medizin/infusion/3347/roman.html


Literaturliste Groschenromane

    DOMAGALSKI, Peter: Trivialliteratur. Geschichte, Produktion, Rezeption
    Freiburg/Basel/Wien 1981
  • GALLE, Heinz Jürgen: Groschenhefte. Die Geschichte der deutschen Trivialliteratur
    Ullstein Vlg. Berlin 1988
  • GALLE, Heinz Jürgen: Streifzug durch 100 Jahre Unterhaltungsliteratur, Buchreihe EDFC Fantasia
    Passau 1998
  • GRIES, Sabine: Tränen in blauen Kinderaugen: über die Darstellung von Kindern in trivialen Frauenheftromanen
    Bochum, Universitätsverlag Brockmeyer, 1992, ISBN 3-88339-999-X
  • NUSSER, Peter: Romane für die Unterschicht. Groschenhefte und ihre Leser
    Stuttgart 1981, 5. erw. Auflage
  • SCHÖPS, Hans Joachim: "Da will ich lieber das Gute beschreiben". Über die heimlichen Bestseller der Deutschen: die Heftromane.
    In: DER SPIEGEL, 42 Jg., H 42, Hamburg 1988 a, S. 110-126
  • SCHÖPS, Hans Joachim: "Da will ich lieber das Gute beschreiben". Über die heimlichen Bestseller der Deutschen: die Heftromane (II).
    In: DER SPIEGEL, 42 Jg., H 43, Hamburg 1988 b, S. 95-111
  • SCHMIDT, Heiner: Die Lektüre der Flegeljahre. Ein Beitrag zur Bekämpfung der Schundliteratur.
    Duisburg-Beeck: Arbeitsgemeinschaft Junge Lesefreunde, 1954
  • WELLERSHOFF, Dieter: Von der Moral erwischt. Aufsätze zur Trivialliteratur
    Frankfurt a.M. 1983
  • WERNSING, Armin Volkmar/WUCHERPFENNIG, Wolf: Die "Groschenhefte": Individualität als Ware
    Wiesbaden 1976

".....denn das Glück ist eine Hure"

Die Wunschträume im Kolportageroman
von Ursula Gaßmann,

Kolportage leitet sich aus dem Französischen ab: col, der Hals, porter bedeutet tragen.

Heute wird der Begriff Kolportage als vage Metapher für Sensationsmache und inhaltliche Wertlosigkeit gebraucht. Der col-porteur Mitte des 19. Jahrhunderts trug seine Ware in einer Kiepe auf dem Rücken. Die Kiepe war mit einem Lederriemen um seinen Hals verbunden. So zog er von Haus zu Haus. Da es ihm verboten war, den herrschaftlichen Eingang zu nehmen, verschaffte der Kolporteur sich über die Hintertreppen und Dienstmädchenaufgänge Zugang zu potentiellen Kunden. Später hat man dem Kolportageroman dann auch die wenig schmeichelhaft gemeinten Namen "Hintertreppen-" oder "Dienstmädchenroman" gegeben. Im Angebot hatte der Kolporteur auch nicht nur Lieferungen von Romanen, sondern Bilderbögen, Kalender, Kochbücher, religiöse Erbauungsliteratur. Die Kolportage begann sich zu etablieren als ein ganz spezifisches Produktions- und Vertriebssystem von populären Lesestoffen.

Unterhaltung für Massen, die heute gesellschaftskonform als Fernsehserien, seichte Kinofilmchen oder Werbung daherkommt, hatte ihr Pendant zwischen 1840 und dem ersten Weltkrieg in Gestalt der Kolportageromane. Diese Romane nahmen häufig ein aktuell-zeitgeschichtliches Ereignis auf, das Leser ohnehin aus der Presse kannten. Ort des Geschehens war die gesamte Lebenswelt des 19. Jahrhunderts, von höchsten Kreisen bis zu den Behausungen der Ärmsten. Die Autoren verstanden es hervorragend, durch Ausschmückungen des jeweiligen Umfelds die Phantasie des Leser anzuregen.

Erregte Zeiten

Schmutz und Schund im Kaiserreich
von Ina Jekeli
http://parapluie.de/archiv/unkultur/schund/

Kolportageromane und Groschenhefte erregten das wilhelminische Deutschland. Die einen ließen sich von ihnen anregen, die anderen empörten sich über sie. Im Schundkampf trafen sie alle aufeinander. Leseprobe:..... Das Lesen zur Unterhaltung hält von der Arbeit ab, es führt zu Sinnlichkeit und Weichlichkeit, und es kommen falsche und unverdaute Ideen in Umlauf, die der "einfache Verstand" nicht fassen kann. Unzufriedenheit und Mißmut, wenn nicht gar Aufstand und Revolution sind die Folgen. Und so schrieb der preußische Politiker und Historiker Christian Wilhelm von Dohm 1796: "Der gemeine Mann wird zu allen Zeiten nur wenig lesen, und ich nehme keinen Anstand zu sagen -- er muß nur wenig lesen." Dieser Standpunkt wirkte im Kaiserreich kaum verändert fort. Im Zuge der Volksbildungsbewegung mit ihren Leihbüchereien und Volkshochschulen wurde das Lesen auch und gerade für "das Volk" als notwendiges und sinnvolles Erziehungsmittel angesehen, aber der Geruch des Suspekten haftete ihm weiterhin an. Der inhärente Anarchismus der Lesefähigkeit (wer gelernt hat, zu lesen, könnte auf die Idee kommen, diese neue Freiheit weiterzuentwickeln und auch die Wahl seiner Lesestoffe selbst in die Hand zu nehmen) wirkte beängstigend und führte zu strengen Restriktionen in Bezug auf die Akzeptanz und Propagierung des Lesens. Lektüre, gleich ob zur Weiterbildung oder zur Unterhaltung, muß in jedem Fall zur sittlichen Erziehung beitragen. Und: immer in Maßen, eher weniger als mehr. Die Schundliteratur, massenhaftes Lesefutter breitester Bevölkerungsschichten, lief diesem Ideal natürlich völlig zuwider. Entsprechend drastisch waren die Reaktionen derer, die sich berufen fühlten, über die "sittliche Gesundheit" des Volkes zu wachen. Die Empörung über die "Pest und Seuche" dieser "Verbrecherschulen" mit ihrem "schmutzigen, aller Sittlichkeit und Wohlanständigkeit spottenden Inhalt" brachte den Schundkämpfer Arthur Heldt in seiner berühmten Schrift von 1908 zu dem Ausruf, er könne es "vor Schauder und Ekel nicht fassen, wie es einem zu Gottes Ebenbild geschaffenen, denkenden und fühlenden Menschen möglich war, mit solcher Verkommenheit zu schreiben und es auch noch in die Öffentlichkeit dringen zu lassen."

<-
Seitenfuss