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 Lange Nacht
 Manuskript vom: Samstag 11.09.99   • 23:05

Chansons der Pariser Nachkriegsjahre in einer Langen Nacht
Skandal des Glücks
Léo Ferré
Léo Ferré
Moderation:  Stephan Göritz

Nie wieder entstanden so viele Chansons wie im Paris der Nachkriegsjahre. Die "Krähe auf Pedalen", wie die Franzosen den Reichsadler nannten, hatte man verjagt, jetzt konnten nach den vier schwarzen Jahren der deutschen Besatzung Kunst und Denken und vor allem das Leben explodieren. In ungezählten Cabarets und Chanson-Cafés am Seine-Ufer trat eine neue Generation von Sängern und Poeten an, um das Lebensgefühl des selbstbestimmten Handelns zu feiern: Yves Montand und Jacques Prévert (von dem der Titel dieser Langen Nacht geliehen ist), Juliette Gréco und Léo Ferré, Boris Vian und Georges Moustaki... Man genoß das Glück, wie man einen Skandal genießt, und ahnte vielleicht schon, daß es nicht ewig dauern würde. Stephan Göritz spielt eine Nacht lang die schönsten Chansons der Pariser Nachkriegsjahre und unterhält sich mit Juliette Gréco über diese einmalige Zeit des Aufbruchs.

"Paris 1944 - 1962; Dichter und Denker auf der Strasse"
von Stephan Göritz

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Juliette Gréco
Juliette Gréco

Platten mit französischen Chansons der Nachkriegsjahre finden nach wie vor viele Käufer. Als an der Freien Universität Berlin eine Seminar-Reihe über die Philosophie Jean-Paul Sartres stattfand, drängten sich nicht nur die Studenten, sondern auch viele Gäste in dem überfüllten Saal. Das sind nur zwei Beispiele dafür, wie groß das Interesse an Chanson und Philosophie aus dem Frankreich der vierziger und fünfziger Jahre hierzulande ist. Über den Nährboden, auf dem beides gedieh, informiert ein interessantes Buch: "Paris 1944 - 1962; Dichter und Denker auf der Straße". Das Buch ist ganz in Schwarz gekleidet - wie Juliette Gréco. Sie war eine wichtige Identifikationsfigur der Zeit, die hier betrachtet wird. Ihr schwarzes Kleid erschien dem Publikum in den vierziger Jahren in den Keller-Cabarets am Seine-Ufer wie ein schwarzes Manifest. Es stand für Trauer und Aufbruch in einem, für die Erinnerung an die vier schwarzen Jahre der deutschen Besatzung und für die neuen Gedanken über das selbstbestimmte Handeln, mit dem zum Beispiele Jean-Paul Sartre auf die Straße ging und die heimatlos gewordene Jugend anzog. Die "Krähe auf Pedalen" hatte man verjagt, so nennen die Franzosen den Reichsadler, jetzt konnten Kunst und Denken explodieren. Nie wieder entstanden so viele Lieder und Pamphlete, nie wieder diskutierte man sie so heiß wie im Paris der Nachkriegszeit. Die Schauspielerin und Sängerin Catherine Sauvage, die damals viele Stücke und Chansons populär machte, beschrieb mir diese Jahre im Gespräch so: "Es war eine wunderbare Atmosphäre, weil: es war nach dem Krieg und man hatte Durst, sei es unter den Künstlern, sei es im Publikum. Durst nach Poesie, Durst nach neuen Dingen. Die Menschen waren sehr offen. Hier lebten alle Künstler zusammen. Die Romanciers begegneten den Malern, den Schauspielern, den Sängern. Das war eine Zeit, in der man nicht vorwiegend materiell eingestellt war. Gage, darüber mokierte man sich nur, man sang zum Vergnügen, weil da wirklich ein Publikum war, das eine große Lust hatte." Catherine Sauvage fehlt leider in dem Buch des Elster-Verlages.


Charles Aznavour
Charles Aznavour

Aber es fehlt natürlich nicht das Chanson, die wohl populärste Kunstform jener Jahre, als man das Beben der Welt bis in die Fungerspitzen fühlte, als man bei dem Wort Bikini sofort an Hiroshima dachte und nicht an Saint-Tropez: Boris Vian, den viele lange nur als Snob sahen, brachte zu Beginn des Algerienkrieges mit seinem bald verbotenen und doch weitergesungenen Lied vom "Deserteur" die Notwendigkeit des Widerstandes auf den Punkt. Er wird hier besonders ausführlich betrachtet und steht damit für viele Vertreter des intelligenten, menschlichen Liedes, das wir heute von silberglänzenden CDs hören und das doch eigentlich für die Straße entstand. Andere Kapitel widmen sich dem Blues, der Krimireihe "Série noire", den so grundverschiedenen und sich gleichzeitig doch verwandten Theaterkonzepten von Jean Cocteau und Samuel Beckett, vielem mehr. Der Rausch des Lebens, so die Kapitel-Überschrift, in beinahe allen seinen Spielarten. Die Autoren des Bandes haben ihn genossen. Man spürt, daß hier keine Pflichtübung absolviert wurde, daß Beispiele, Hintergründe, Widersprüche nicht nur mit Eifer, sondern mit Lust zusammengetragen wurden, von der auch Catherine Sauvage eben sprach. Die für dieses Buch schrieben, haben entweder die Pariser Nachkriegsgeschichte direkt oder bewußt vor Ort erlebt, auch mitgestaltet, oder sich später intensiv mit deren Phänomenen befaßt. Originale Zeitdokumente - Interviews, die Dominique Aury in den vierziger Jahren mit Jean Paul Sarte und anderen führte - stehen neben Betrachtungen aus heutiger Sicht. So wenn Vincent von Wroblewsky das Verdrängen von Mittäterschaft in der Besatzungszeit vor dem Hintergrund jüngster Entwicklungen in Osteuropa kommentiert. Die Fragen nach Schuld und Verantwortung, nach Möglichkeiten und Grenzen von Widerstand sind immer dieselben, und doch müssen sie immer neu beantwortet werden.

Damit ist dieses Buch über eine vergangene Zeit - vom Ende des zweiten Weltkrieges bis zum Ende des Algerienkrieges - zugleich ein wichtiges Nachdenken über unsere Zeit. Mehrere Autoren allerdings scheinen zu glauben, die Bedeutung eines Gedankens wachse mit der Länge des Satzes, in dem er formuliert wird. Da hätte die zupackende Gedankenklarheit einer Catherine Sauvage dem Band schon gutgetan. Gerade weil er von einer Zeit spricht, in der Dichter und Denker mit dem Anspruch arbeiten, auf der Straße verstanden werden. Ob sie nun ganz konkret vom gerade zu Ende gegangenen Krieg sprachen oder poetischer von den Vögeln des Unglücks - wie hier Jaques Prévert in einem Chanson über Catherine Sauvage.

Bernd Wizek (Hg.)
"Paris 1944 - 1962"
Dichter und Denker auf der Straße
Elster-Verlag
Es kostet leider etwas mehr, 48 Mark, aber es lohnt sich der Kauf, meint Stephan Göritz.


Gilbert Bécaud
Gilbert Bécaud

Weitere Buchempfehlungen
(ausgewählt von Stephan Göritz):
    Lexika und Porträtsammlungen:
  • Matthias Henke:
    Die großen Chansonniers und Liedermacher - Wichtige Interpreten, bedeutende Dichtersänger
    Hermes Handlexikon, Düsseldorf, Econ 1987
  • Sabine Renken (Hg.)
    Chanteusen - Stimmen der Großstadt
    Mannheim, Bollmann 1997
    Übergreifende Darstellungen/ Textsammlungen
  • Wihelm Neef
    Das Chanson - Eine Monographie
    Leipzig, Koehler&Amelang 1972
  • Felix Schmidt
    Das Chanson - Herkunft, Entwicklung, Interpretation
    Frankfurt/M. Fischer-Taschenbuchverlag 1982
  • Dietmar Rieger (Hg.) Von Béranger bis Barbara - Französische Chansons
    zweisprachig, deutsch von Dietmar Rieger
    Stuttagrt, Reclam 1987
  • Elisabeth Bügler-Arnold
    Das französische Chanson der Gegenwart
    Die neunte Kunst in ihrer Selbstbestimmung
    Mannheim, Universität 1993
  • Ursula von Kardorff
    Adieu Paris - Streifzüge durch die Stadt des Bohéme
    Reinbeck, Rowohlt 1993
  • Mona Wosak
    Poetischer Paris-Führer
    Gedichte und Chansons, zweisprachig,
    Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1994
  • Andrea Oberhuber
    Chanson(s) des femme(s)
    Entwicklung und Typologie der weiblichen Chansons in Frankreich 1968 - 1993
    Berlin, Schmidt 1995
  • Andrea Weiss
    Paris war eine Frau - Die Frauen von der Left Bank
    Dortmund, Eberbach 1996


Edith Piaf
Edith Piaf

    Einzelne SängerInnen und DichterInnen:
  • Frauke Deißner-Jenssen (Hg)
    Chanson - mein Leben. Aus den Erinnerungen großer Interpreten: Yvette Guilbert, Minstiguette, Maurice Chevalier, Edith Piaf, Yves Montand, Charles Aznavour Berlin, Henschel 1975
  • Georges Brassent
    Ich bitte nicht um deine Hand - Chansons
    zweisprachig, deutsch von Gisbert Haefs
    Hamburg, Zweitausendundeins, 1996
  • Olivier Todd
    Jacques Brel - ein Leben
    Bremen, Achilla-Presse 1997
  • Léo Ferré
    Chansons
    zweisprachig, deutsch von Christine Hetzenauer,
    Berlin, Centre Culture Francais 1986
  • Serge Gainsbourg
    Je t'aime - Liedertexte
    zweisprachig, feutsch von Barbara Höhfeld
    Echternach, Edition Phi 1989
  • Juliette Gréco
    Ich bin, die ich bin - Erinnerungen
    München, Knaur 1982
  • Jorge Semprun
    Yves Montand: Das leben geht weiter
    Frankfurt/M., Insel 1984
  • Hervé Hamon/Patrick Rotman
    Yves Montand: Du siehst, ich habe nicht vergessen - Ein Leben in diesem Jahrhundert
    Berlin, Rütten&Loening 1991
  • Cathérine Allégret
    Rendez-vous mit der verlorenen Zeit - Die Jahre mit meiner Mutter Simone Signoret und Yves Montand
    Köln, Kiepenheuer&Witsch 1997
  • Monique Lange
    Edith Piaf
    Reinbeck, Rowohlt 1966
  • Joelle Monserrat
    Edith Piaf: Non, je ne regrette rien
    München, Panorama 1985
  • Margret Grosland
    Piaf
    Neuausgabe, Berlin Ullstein 1997
  • Matthias Henke
    Süchtig nach der Sehnsucht - Edith Piaf
    München und Düsseldorf, Econ (Rebellische Frauen) 1998
  • Jacques Prévert
    Gedichte und Chansons
    zweisprachig, deutsch von Kurt Kusenberg, Reinbeck 1962
  • Jacques Prévert
    Das sanfte gefährliche Antlitz der Liebe
    deutsch von Heribert Becker
    Berlin, Kramer 1991
  • Manfred Schneider
    Die Kinder des Olymp - Triumph der Schaulust
    Texte, Dokumente, Kommentare zum Film von Jacques Prévert
    Frankfurt/M. Fischer Taschenbuchverlag 1985
  • Philippe Boggio
    Boris Vian - Biographie
    Köln und Basel, Bruckner&Thünker 1995
Links:

 

Jacques Brel
Jacques Brel
http://www.dradio.de/dlf/
sendungen/langenacht/981009.html

Für sie war die Liebe das unerreichbare vie en rose, für ihn die Gewißheit des nächsten Krieges. Sie feierte die Revolution mit einem lauten ça ira, er stellte nüchtern fest, daß der Sturm auf die Bastille nichts gebracht hat und daß kein Traum bewaffnete Aktionen wert ist ...

http://www.avo.ch/greco.html
Donnerstag, 28. Oktober 1999 - 21.20 Uhr - Messe Basel
Sie war die Muse von Jean-Paul Sartre und Albert Camus. Sie singt auch heute noch, mit über 70 Jahren, sinnlich, intensiv und facettenreich - von Glück und Liebe, aber auch von Trauer und Trennungsschmerz. Und an ihren Konzerten pflegt sie stets ganz in Schwarz aufzutreten: Juliette Gréco.

http://www.euromagazin.de/europaeer/
frankreich/frankreich_kultur_chanson.html

Das französische Chanson
In Frankreich erfreut sich das "muttersprachliche Lied" bei allen Generationen großer Beliebtheit. Ein Blick auf die Hitparaden zeigt, daß stets die Hälfte der Plätze von französischen Interpreten besetzt ist. Ein Grund für diese Akzeptanz liegt sicherlich in der großen "Musikalität" der französischen Sprache: durch die hohe Anzahl an Reimwörtern können die Autoren ihre Geschichten in eine Reimform bringen, ohne daß diese gekünstelt wirkt. Außerdem läßt das Französische viel Raum für Wortspiele. Nicht zuletzt dürfte auch die lange Tradition ausschlaggebend für die Bedeutung des modernen Chanson sein, deren Ursprünge bis in die Mitte des 18. Jh. zurückgehen. Zentrum seiner Entstehung war Paris, besonders der damalige Vorort Montmartre. Die typische musikalische Form des Chanson steht in direktem Zusammenhang mit der räumlichen Enge der "cabarets", in denen er enstand. Für Instrumente war nur wenig Platz, es war also der Text, der im Vordergrund stand.

http://www.geocities.com/
WestHollywood/Village/8871/chanson.htm

Zu meinen größten Hobbies gehört der frankophone Chanson, und das obwohl ich Deutsch/Grieche bin. Ich finde die französischen Melodien ganz speziell und diese Sprache wie geschaffen für Musik.... die Sprache selbst klingt bereits wie Musik. Ich bin kein Musikexperte sondern nur ein Fan dieser ganzen großartigen Künstler der Frankophonie, deswegen kann ich hier keine großen Abhandlungen über den Chanson von mir geben. Dafür habe ich für alle Interessierten eine Link - Sammlung angelegt, anhand welcher man sich auf eine Reise durch das WWW begeben kann um Tips, Hintergrundinfos, Star-Homepages und Online - Shops zu finden.

http://www.popsprite.de/snap/schall/index.html
Hier werden von jungen Autoren alte und neue französische Pop-Phänomene verhandelt. Die Online-Popgazette SNAP kommt nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch äusserst interessant daher.

http://www.club-internet.fr/chorus/
CHORUS ist das amtliche (und quasi einzige) Magazin für Chansonfragen.

http://users.skynet.be/fpecheux/musique.htm
Ausführliche Linkliste zum Thema.

http://chanter.com/
Eine sehr umfangreiche Linkliste zu einzelnen SängerInnen bietet dieses französischsprachige Internetangebot. Ausserdem im Programm: Mp3-Suchmaschine, Chanson-Texte und Hitparaden.

http://www.inrockuptibles.com/
Noch ein amtliches französisches Musikmagazin, dass sich aber nicht auf Chansons beschränkt, sondern alle Stile und Richtungen im Auge behält. Vergleichbar vielleicht mit der deutschen SPEX.



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