Deutschlandfunk DeutschlandRadio Berlin Suchen
programmvorschau sendungen frequenzen
Kontakt


 Lange Nacht
 Manuskript vom: Samstag 18.09.99   • 23:05

Die Lange Nacht der Dichter Lieben und Geliebten
"Aber in den Brüsten welche Brise!"
Die Lange Nacht der Dichter Lieben und Geliebten
Moderation:  Walter van Rossum
Studiogäste:  Claudia Schmölders
 Elke Heidenreich
 Dr. Hildegart Baumgart
 Prof. Reinhard Baumgart

Rauhe Zungen behaupten gerne, die meiste Lyrik sei ein langer Werbebrief ans Weib zuerst, dann an die Liebe schlechthin. Doch gezeugt wird so - Literatur. Was im reinen Maß der Silben sowohl beschworen als auch kontrolliert werden kann, hat wenig mit dem irdischen Verlauf der Dichterlieben zu tun. Die Schriftsteller sind den Verheißungen der Liebe nur selten näher gekommen als Normalvergängliche - aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Sie erheben die Tragödien und Komödien der Liebe nicht nur zum Stoff ihrer Werke, sondern sie schöpfen daraus die empfindlichen Unruhebedingungen der Kunst. Deshalb erstaunt wenig, daß wir zwar kaum Goethes oder Brechts oder Benns Nachkommen kennen, aber die lange Reihe ihrer Lieben fast so vertraut wie ihre Verse hersagen können.

Related Links:
<- Übersicht: Sendungen A-Z
-> Lange Nacht Archiv
-> Lange Nacht Vorschau
-> Lange Nacht Kontakt

Walter van Rossum
Walter van Rossum

So erinnert Eckhart Henscheid zu Recht in seinem soeben erschienenen Buch Goethe unter Frauen daran, daß jeder "der halbwegs zentralgestirnigen Frauen in Goethes 83jährigem Leben mindestens drei, in manchen Fällen mehr als ein Dutzend Biographien" späterhin zuteil wurden, ohne daß sie darin allerdings wirklich zu Worte kämen. Sie versteinern im kulturellen Gedächtnis als Zeuginnen von des Dichters Liebesstreben. Selten wird überliefert, wie Poeten denn so im Alltagsleben begehrten. "Mache doch den Busen frei, daß ihm die Abendluft zu gute komme", sprach beispielsweise der Weimarer zu Bettine von Arnim. Ob Paul Valéry als Impressionist sehnenden Gemütes daran dachte, als er dichtete: "Aber in den Brüsten welche Brise!"?

Wie auch immer - die auf die Fläche des Papiers geworfenen Liebesgelübde lassen sich trefflich gegen die Verwerfungen des gelebten Liebeslebens ausspielen. Allerdings trifft manchmal auch das Gegenteil: Mancher Meister marmor-sterilen Metrums überrascht mit befremdlich unartigem Triebleben. Denken wir an Thomas Mann. Immer schüren solche Geschichten das Mysterium der Kunst, wie auch die Magie der Liebe.

Warum interessiert uns, ob sich Nietzsche seine Syphilis im Bordell zugezogen hat, dem womöglich einzigen Verkehr seines Lebens? Und sollte der Ruf nach der Peitsche beim Weibe bloß die Rache eines erotisch Behinderten bedeuten? Was wollen wir dabei wissen - ob die Literatur Verdrängungsideologie sei oder das Begehren nur trüber Trieb?

Immerhin haben sich die Dichter seit 200 Jahren eine schwere Folgelast aufgebürdet. 1799 schrieb Friedrich Schlegel einen berühmten Bestseller: "Lucinde". In diesem Buch geschieht nichts anderes als die Proklamation der bürgerlichen Liebesehe, das heißt, die Liebe wurde in der Ehe auf Dauer gestellt. Damit begann, was Robert Gernhardt so beschreibt: "Wenn der Mittelstand in die Liebe zieht, gibt es Krieg." Wahrscheinlich hat dieses verblüffende Unternehmen der Liebesehe seit zwei Jahrhunderten immer nur ganz ausnahmsweise in der Wirklichkeit funktioniert. Aber dieses in jeder Beziehung belegbare Scheitern hat nie die geringste Chance gehabt, gegen die biblische Gewalt des Versprechens von romantischer Liebe auch nur wahrgenommen zu werden. Dabei haben sich die Schriftsteller in den letzten 200 Jahren wahrhaft angestrengt zu zeigen, welche Fallhöhe die bürgerliche Liebe hat. Es scheint aber nichts gelungen, was die Kraft einer Gegenvision, einer Anti-Lucinde hätte. Ist auch schwer, denn Schlegel hat in seinem Roman nicht nur die romantische Liebe zur Religion erhoben, damit hat er auch den Anspruch der Literatur als Nachfolgeorganisation der Religion ins Licht gesetzt.

Und so ist die gegenseitige Koppelung von Liebe und Literatur auch ein wechselseitiger Gründungsakt. Nun könnte man natürlich danach fragen, wie es Schlegel denn mit seiner Dorothea gehalten oder nicht gehalten. Interessanterweise geben die aber nicht das Leitpaar für romantische Liebe ab, sondern Achim von Arnim und Bettine Brentano. Hildegart Baumgart hat kürzlich eine umfangreiche Studie zu den Anfangsjahren ihrer Liebe veröffentlicht. Und es ist verblüffend, wir stoßen nicht auf symbiotisch schwärmende Liebesleute, sondern auf eine Beziehungskiste im modernen Sinne: Zwei Menschen, die auf Anhieb verstanden zu haben schienen, daß Nähe kein leicht zu haltendes Fusions-Versprechen ist, sondern eine Baustelle.

Kurz, wir erwarten von den Schriftstellern immer noch Instruktionen über die Liebe. Von den Autoren oder von ihren Texten?

Walter van Rossum




 

Die Liebende abermals
Johann Wolfgang von Goethe

Warum ich wieder zum Papier mich wende?
 Das mußt Du. Liebster, so bestimmt nicht fragen
 Denn eigentlich hab ich Die nichts zu sagen;
 Doch kommt´s zuletzt in deine lieben Hände.

Weil ich nicht kommen kann, soll, was ich sende.
 Mein ungeteiltes Herz hinübertragen
 Mit Wonnen, Hoffnungen, Entzücken, Plagen.
 Das alles hat nicht Anfang, hat nicht ende.

Ich mag vom heut´gen Tag dir nichts vertrauen,
 Wie sich im Sinne, Wünschen, Wähnen, Wollen
 Mein treues Herz zu Dir hinüberwendet:

So stand ich einst vor Dir, dich anzuschauen,
 Und sagte nichts. Was hätt´ich sagen sollen?
 Mein ganzes Wesen war in sich vollendet.

Sieben Rosen hat der Strauch
Bertold Brecht

Sieben Rosen hat der Strauch
Sechs gehörn dem Wind
Aber eine bleibt, daß auch
Ich noch eine find.

Sieben Male ruf ich Dich
Sechsmal bleib ich fort
Doch beim siebten Mal, versprich
Komme auf mein Wort.




Hörbeispiele:

 1. Glückliche Liebe - Wislawa Szymborska
 2. Lieben gestern - Günther Anders
 3. Erinnerung an Marie A. - Bertold Brecht
 4. Simone de Beauvoire und Jean-Paul Sarte
 Die Kunst der Nähe
 Gelesen von Juliane Bartel und Otto Sander
 erschienen als MC im Hörverlag


Simone de Beauvoire und Jean-Paul Sarte
Simone de Beauvoire und Jean-Paul Sarte

Aus: Walter van Rossum
Simone de Beauvoire und Jean-Paul Sarte
erschienen in der von Claudia Schmölders herausgegebenen Reihe "Paare",
bei Rowohlt Berlin 1998

Das Leben ist eine Baustelle - und die Liebe auch. Wer das nicht erträgt, braucht nicht weiterzulesen. Hier geht es um die Geschichte zweier Menschen, die versucht haben, auf dem Schotter der Ungewissheiten ein reich der Verbindlichkeiten zu errichten. Es war nicht immer leicht und ist nicht immer gelungen. So ist das in Zeiten, wo jedes Leben zum Selbstversuch wird. Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre haben über die Wonnen und Schrecken der Ungewißheit - ihr Deckname ist: Freiheit - nicht nur ein Leben lang geschrieben, sie haben sie sich auch zur alltäglichen Herausforderung gemacht. Beides - die Kunst der Schrift und die des Lebens - wirft man ihnen heute vor. Das liegt nicht an ihnen, sondern an uns: den in die Jahre gekommenen Kindern, die wir gelassen den diversen apokalyptischen Angeboten entgegensehen und gleichzeitig ein so radikal revolutionäres Unternehmen wie die Orthographiereform als Gefährdung innerster Bestandteile wahrnehmen.

Links zu Walter van Rossum:

  • http://www.dradio.de/cgi-bin/
    user/fm1004/es/neu-lit-r/1019.html

    Denis Diderot
    Jacob und sein Herr
    Rezension

    Weitere Buchtipps:


  • Liebeserklärungen
    Liebeserklärungen

    Liebeserklärungen
    Ins Gespräch gebracht von Claudia Schmölders
    Wagenbach Verlag 1993
    Dichter und Denker im Gespräch über die Liebe und ihre Heimsuchungen. Ein deutsches Lesebuch aus zwei Jahrhunderten über ein undeutsches Thema.

    Zitate aus "Liebeserklärungen"

    Else Lasker-Schüler
    Der Liebe, der keine Ouvertüre vorausspielt, mangelt die Verbeungung. Weiß dennoch zu hochachten, wenn sich zwei Menschen, von der Kraft des Rausches überwältigt in die Arme sinken. Gibt es noch Elementareres? Auch in noch leichtester Form? Wer macht heute noch Fensterpromenade? Ich habe es mir nie abgewöhnen können, aber - es sitzt niemand am Fenster. (1932)

    Novalis:
    Liebe ist ein Produkt der Wechselreizung zweier Individuen - daher mystisch und universell und unendlich ausbildsam, wie das individuelle Prinzip selbst. - Liebe popularisiert die Personalität. Sie macht Individualitäten mitteilbarer und verständlich. ( 1798)

    Claudia Schmölders
    Schmölders, Claudia:
    Das Vorurteil im Leibe. Eine Einführung in die Physiognomik. 1995.

    Hrsg. v. Claudia Schmölders
    Briefe berühmter Frauen: Von Liselotte von der Pfalz bis Rosa Luxemburg. 1993.

    Vorgestellt v. Claudia Schmölders
    Die Erfindung der Liebe: Berühmte Zeugnisse aus drei Jahrtausenden. 1996.


    Kolonien der Liebe
    Kolonien der Liebe

    Kolonien der Liebe
    Erzählungen
    Elke Heidenreich
    Rowohlt Verlag 1992

    Ich gewöhnte mir damals an, nicht mehr zurückzuzucken, wenn die Hand meiner Mutter niedersauste, ich weinte auch nicht mehr. Ich hielt ganz still und dachte: das kriegt sie alles wieder, und ich träumte von der Liebe. Es MUSSTE sie einfach geben, das sah man ja an Rhett Buttler und Scarlett O´Hara, und mit Rölfchen fühlte ich mich auch sehr wohl - aber war das schon Liebe? Meine Freunde wechselten in rascher Folge, ich legte auch Kußlisten an. Ich war ganz rasch bei Nr. 36, denn ich küßte, was mir in die Quere kam - ein Pfarrerssohn war dabei und ein Drogist, ein Angestellter in einer Eisenwarenhandlung, der achtzehn Jahre älter war als ich, und ein Franzose mit einem grünen und einem braunen Auge, den ich in der Jugendherberge kennenlernt. Beim Jahreswechsel übertrug ich die Kußdaten mit den dazugehörigen Initialen in mein neues Tagebuch. Leider konnte ich die Namen nicht ausschreiben, denn es gab nichts zum Abschließen, und meine Mutter schnüffelte hinter allem her und las mein Tagebuch, wann immer sie es fand. Deshalb wußte ich schon im Februar nicht mehr, wer am 14. August P.W. gewesen war - vielleicht der Schwammhändler aus Bremen, den ich in der "Venezia"-Eisdiele kennengelernt hatte und mit dem ich in "Toxi" war? Nach dem Film "Toxi" wäre ich übrigens sehr gern auch Negerkind geworden, ein interessantes, tragisches Schicksal, das mit Verkennung und Verachtung beginnt und mit der Liebe endet - aber Negerkind zu werden war natürlich völlig aussichtslos, dann schon eher Waise, aber inzwischen wollte ich eigentlich auch nur noch so schnell wie möglich erwachsen werden, viel Geld verdienen, von zu Hause weggehen, nie mehr wiederkommen und endlich die Liebe kennenlernen.


    Sonst noch was
    Sonst noch was

    Sonst noch was
    Elke Heidenreich
    Hanser Verlag 1999

    Die alte Geschichte von Müttern, die meinen, ganz genau zu wissen, was gut und richtig ist. Elke Heidenreichs urkomische Version erzählt außerdem von einem Kind, das die Sprache der Tiere versteht - mit herrlich skurrilen Bilder von Bernd Pfarr


    Lehrjahre einer Liebe
    Lehrjahre einer Liebe

    Lehrjahre einer Liebe
    Hildegard Baumgart
    Berlin Verlag 1999

    Die heimliche Hochzeit Bettine Brentanos und Achim von Arnims im Jahr 1811, viele Jahre nachdem sie sich kennen- und liebengelernt haben, besiegelt das Bündnis zweier Menschen, die gegensätzlicher nicht sein konnten und die doch, jeder aus seine Weise, das Fühlen, Denken und Schreiben der Romantik verkörpern. Kenntnisreich beleuchtet Hildegard Baumgart die Vorgeschichte dieser Ehe und spürt feinfühlig und mit überzeugter Sympathie den Lebenslinien der Protagonisten nach. Von der Geburt der beiden bis 1811 beschreibt sie die Kristallisationspunkte ihrer Biographien: Elternhaus, Erziehung, soziale Umwelt, kulturelle Einflüsse, Freunde. Die ganze Welt dieser auch politisch ereignisreichen Jahre wird lebendig.

    Eckhard Henscheid
    Goethe unter Frauen.
    11 biographische Klarstellungen. 1999.

    Sie hatten eigentlich nicht viel zu sagen, die Frauen in Goethes Leben. Jetzt aber bricht Eckhard Henscheid ihr Schweigen, lässt Friederike Brion und Bettina von Arnim, Frau von Stein und Ulrike von Levetzow, Marianne von Willemer und nicht zuletzt Christiane und Gretchen erzählen, wie sie Goethe erlebten, wie sie ihn sahen und was sie über ihn dachten.

    Klaus Theweleit
    Buch der Könige
    Band 1
    Stroemfeld/Roter Stern, Verlag Frankfurt

    John Fuegi
    Brecht & Co.
    Propyläen Taschenbuch bei Ullstein, Erscheint November 1999

    Basierend auf seiner fünfundzwanzig Jahre dauernden Auseinandersetzung mit der Person und dem Werk von Bertold Brecht schreibt Fuegi nicht nur eine Biographie des großen Dichters, sondern unternimmt weit mehr: Er legt die kollektive Biographie des "Brecht-Kreises" vor, aller derjenigen, die selbst das Werk Brechts sind und zugleich an dessen Zustandekommen wesentlich beteiligt waren. Fuegi zeigt, indem er das literarische Werk ausbreitet, Tagebücher, Briefe, literarische Entwürfe heranzieht, den Dichter als einen verhexenden Mann, ehrgeizig, genial und geltungsbedürftig, ruhmsüchtig, anmaßend und von unentrinnbarem Zauber.


    Liebe und Betrug
    Liebe und Betrug

    Liebe und Betrug
    Manfred Schneider
    Die Sprachen des Verlangens
    Carl Hanser Verlag 1992

    Soll eine Leibe oder eine Passion, eine Affäre oder eine "Traumnummer" beginne, müssen zuvor die richtigen Worte fallen. Unmögliche Worte. Denn sie sollen verführerisch klingen und aufrichtig sein, schön und vertrauenserweckend, verlangend und wahr. Ihr Paradox brachte Nietsche auf die Formel: "Was als wahr wirken solle, darf nicht wahr sein". Doch als dürfte ein Nietsche niemals recht bekommen, arbeiten seit Jahrhunderten Philosophen, Theologen, Juristen, Mediziner und Dichter daran, das trügerische Spiel der Verführung, der Illusionen. Lockungen und Täuschungen durch Wahrheit zu bannen. Gesetze, Schwüre, Zeichenlehre, Wissenschaften und Seelensprachen rücken immer wieder gegen den Betrug. In diesem Bündnis sind die Wahrheiten und die Liebe, wie es scheint, einander auf ewig verfallen. Seit Platon geben sie sich gegenseitig ihre Namen und hören nicht auf, glückliche Familien und Gesellschaften gründen zu wollen. Aus der Geschichte des ewigen und vergeblichen Kampfes gegen den Betrug erzählt dieses Buch.

    <-
    Seitenfuss