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 Lange Nacht
 Sendung vom: Samstag 25.09.99   • 23:05

Eine Lange Nacht der israelischen Literatur
Das große Erwachen
Moderation: Jochanan Shelliem
Studiogäste: Benny Barbasch
Judith Katzir
Etgar Keret
Sami Michael

Für die Staatsgründer von Israel war von Anfang an klar, dass Hebräisch - Ivrit - die Sprache Israels sein musste und nicht das Jiddisch des Exils. Literatur in hebräischer Sprache ist so eine noch junge Literatur. Hebräisch, die Sprache der Bibel, hat sich verjüngen und entwickeln, hat alltagstauglich werden müssen. Vier Autoren stehen mit ihrem Werk exemplarisch für die junge israelische Literatur: Benny Barbasch, Etgar Keret, Sami Michael und Judith Katzir.

Benny Barbasch, 1951 geboren, begann als Drehbuch- und Theaterautor. Zwei Romane sind bisher in Israel von ihm erschienen: "Das große Erwachen" und "Mein erster Sony", sein erster in Deutschland veröffentlichter Roman. Etgar Keret, 1967 geboren, gilt als einer der interessantesten unter den jungen israelischen Schriftstellern. Sami Michael wurde 1926 in Bagdad geboren und kam 1949 nach Israel. Seine Muttersprache ist Arabisch. "Viktoria", Sami Michaels jüngster Roman erschien 1993. Judith Katzmir, Jahrgang 1963, studierte Literatur und Filmgeschichte. Sie gilt als eine der wichtigsten literarischen Stimmen ihres Landes, ihre Bücher sind in Israel Bestseller.

Hebräische Literatur ist multikulturell, die Einwanderer entstammen allen Teilen der Welt. Die Staatsgründung Israels war Anlass für eine Lange Nacht über die vielstimmige und vielschichtige Literatur dieser jungen Nation.

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Abschied von den Mythen
Verblüffende Wandlungen hat die israelische Literatur schon erlebt, seit die Pioniere den Staat gründeten
Von Patricia Reimann

"Wenn wir hier in Erez Israel Verbrecher, Huren und Alkoholiker haben werden wie alle anderen Völker auch, dann endlich werden wir ein normales Volk sein", hatte der Dichterfürst Chajim N. Bialik gemutmaßt und nicht geahnt, wie schnell der eine Teil seiner Vision Realität werden und dabei die Einlösung des zweiten Teils schuldig bleiben würde: Von "Normalität" kann keine Rede sein. Gerade das verleiht der Literatur dieses Landes ihren besonderen Reiz. Sie ist so vielstimmig und facettenreich wie der multiethnische Staat es vermuten lässt. Ihre Sujets entstammen jenen multiplen, landestypischen Spannungsfeldern, die so etwas wie Einheitlichkeit der Gesellschaft gründlich untergraben: Die ältere noch von den Pionieridealen der zionistischen Gründerväter geprägte Generation steht den jüngeren Sabres, den im Staat Israel geborenen Juden gegenüber; die Aschkenasim (osteuropäische, deutsche und amerikanische Einwanderer und ihre Nachkommen) den Sephardim (Abkömmlinge der "spanischen" bzw. "orientalischen" Juden), Laizisten den Orthodoxen, Juden den Arabern.
Hier können Sie weiterlesen:
http://www.fr-aktuell.de/fr/spezial/israel50/t701017.htm

Patricia Reimann ist Lektorin und Übersetzerin und hat in diesem Jahr das Programm der 9. Internationalen Frühjahrsbuchwoche "Literatur aus Israel" erarbeitet.
Erschienen ist ihr Artikel in der Frankfurter Rundschau.




Benny Barbasch:
Mein erster Sony.
Berlin Verlag, 39,80 DM.

Die Familie des 10jährigen Jotam ist eine Ansammlung von Versagern, Fanatikern und Verrückten. Jeder hat seine eigene Geschichte und diese dokumentiert Jotam mit seinem Kassettenrekorder, seinem ersten Sony. Wo immer die Familie ihren Mund öffnet, lauert das Mikrophon und wird Zeuge haarsträubender wie bewegender, liebevoller wie rüder Szenen. Jotams Eltern trennen sich gerade zum wiederholten Male, weil der Vater beruflichen Misserfolg mit Affären kompensiert. Die Mutter beginnt ein Verhältnis mit dem russischen Einwanderer Leonid, der seine Ausweisung aus Israel nur verhindern kann, wenn er sich beschneiden lässt. Jotams Großvater ist eine imposante Persönlichkeit, die den Holocaust im politischen Untergrund überlebt hat und der Familie bei jeder Gelegenheit die Verkommenheit der israelischen Gesellschaft vorhält. Durchgeknallte Tanten und religiös-fanatische Onkel, sowie exzentrische Freundinnen der Mutter komplettieren das Kuriositätenkabinett, das Jotam auf etlichen Kassettenseiten festhält. Entstanden ist eine Chronik, die in rasanter Abfolge den ganz normalen Wahnsinn einer Familie beschreibt. Die Typen sind zwar allesamt etwas extrem, aber doch wiederum so realistisch und nachvollziehbar gezeichnet, dass man beim Lesen oft lächelnd an die eigene Sippe denken muss.

Judith Katzir
Matisse hat die Sonne im Bauch.
Aus d. Hebr.
Ammann 1997. 318 S.
Die Liebesgeschichte der Studentin Rivi mit dem doppelt so alten verheirateten Yigal.

Sami Michael
Eine Trompete im Wadi.
Aus d. Hebr.
Berlin Verl. 1996. 300 S.
Die Schwestern Huda und Mary leben mit ihrer Familie im arabischen Viertel von Haifa. Als sich Huda in einen jüdischen Einwanderer verliebt, scheint es keine Zukunft für sie zu geben.




Etgar Keret:
GAZA BLUES

Kerets Streifzuge durch Tel Aviv sind geschrieben wie erzählerische Videoclips: poetische, schnelle Bilder aus dem Israel der neunziger Jahre. Sie sind präzise, überraschend und ohne Sentiment.
Die Sujets der einzelnen Erzählungen sind denkbar unterschiedlich: Von Großstadtnächten und Alkoholexzessen, von Meschuggenen aller Schichten bis zu den Kämpfen und Krämpfen, die auch in israelischen Familien das gemeinsame Wochenende prägen. Die Ich-Erzähler dieser an der Grenze von Komik und Verzweiflung, Poesie und Brutalität entlanggeführten Geschichten sind Kinder oder junge Erwachsene, die ihren Platz in der Gesellschaft noch suchen. Keret beherrscht souverän die kurze Prosaform. Er nutzt ungewöhnliche Perspektiven, die dem Leser ein unvermutet frisches, neues Bild Israels vermitteln.
»Keret hat einen scharfen Blick für das groteske Detail, für den Aberwitz des Alltäglichen, und darum sieht er in der Trostlosigkeit immer wieder Lebenslust und Schönheit aufblitzen.« FAZ
Etgar Keret, 1967 in Tel Aviv geboren, unterrichtet an der Film- und Fernsehakademie in Tel Aviv. ''Gaza Blues'' stand in Israel wochenlang auf der Bestsellerliste.
Fischer Taschenbuch, 1998




Aktuelle Meldungen aus dem jüdischen Kulturleben zu den Themen: Kunst, Musik und Literatur:

http://www.hagalil.com/aktuell/literatur.htm
Ob "gefillte Fisch per Mausklick", ein Essay über die zerstörte Welt des jüdischen Ostpreußen, oder aktuelle Nachrichten aus Israel seit zwei Jahren berichtet 'haGalil-online' im Internet in deutscher Sprache über alle Facetten jüdischen Lebens. Von München aus wurde man in kurzer Zeit zum größten jüdischen Internet-Magazin Europas.
"330 000 Seitenaufrufe haben wir pro Monat", berichtet David Gall, der 'haGalil-online' gemeinsam mit Eva Ehrlich ins Leben rief. Ziel war es, abseits von großen Organisationen ein Angebot zu gründen, "das Juden ein Forum bietet, und in dem Nichtjuden sich über jüdische Kultur und Geschichte, aber auch aktuelle Ereignisse, die mit jüdischen Belangen zu tun haben, informieren können".
Neben einer Unmenge an Hintergrundwissen kann man hier aber auch täglich neueste Nachrichten aus Israel und aus deutschsprachigen Ländern Europas abrufen, "wir arbeiten mit verschiedenen israelischen Zeitungen zusammen, und haben deren Texte abrufbar", sagt Eva Ehrlich. "Das sind keine Themen, die nur für Juden interessant wären." Außer auf deutsch gibt es bei "haGalil" auch Texte in der Internetsprache Englisch und auf Hebräisch. Die meisten Leser kommen aus Deutschland, Israel und den USA.




Die schwierige Suche nach einer Identität
Ein Bericht über die 9. Internationalen Frühjahrs-Buchwoche 1998 in München: Thema "Literatur aus Israel" von JAKOB HESSING - SZ vom 5.3.1998 Der Autor lebt als Übersetzer und Journalist in Jerusalem.
http://www.hagalil.com/archiv/buchwoche.htm

50 Jahre Israel - Ein Literaturverzeichnis anlässlich der Frühjahrsbuchmesse 1998
http://www.mannheim.de/stadtbuecherei/IsraelIV.html




Die Kinder von der Shenkin Road
"Plötzlich konnte ich es. Ich sagte "Stillgestanden!", und alle Leute blieben stehen, einfach so, mitten auf der Straße. Autos hielten an, Fahrräder, sogar diese kleinen Knattertöfftöffs der fliegenden Boten verharrten an Ort und Stelle. Und ich schlenderte zwischen ihnen durch und suchte mir die hübschesten Mädchen aus. Ich sagte zu ihnen, sie sollten die Einkauftüten abstellen, oder holte sie aus dem Bus, nahm sie mit in meine Wohnung und vögelte sie, bis es rauchte. Es war herrlich, es war einfach super. "Stillgestanden!", "Komm", "Leg dich hier aufs Bett!", und dann rumms-bumms! Die Mädchen, die bei mir durchliefen, waren der Stoff für Illustrierte, ich fühlte mich herrlich. Ich fühlte mich wie der King. Bis meine Mutter anfing, sich einzumischen."

1967, als der Sechs Tage Krieg ausbrach, schwamm der Schriftsteller Edgar Keret noch quietschfidel im Mutterleib und wußte nichts von seinem leichten Weg ins Leben und dessen Preis. Die Kinder von Groß Israel wird man seine Generation später mit einem überlegenen Lächeln nennen.
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/
langenacht/990924-shenkin.html

 

 

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