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 Lange Nacht
 Sendung vom: Samstag 23.10.1999   • 23:05

Eine Lange Nacht vom Leben mit Behinderungen
Guck nicht so, frag mich lieber!
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Ein Hürdenlauf mit Bus und Bahn durch Berlin
Wir müssen leider draußen bleiben
von Barbara Eckert

Vor wenigen Jahren erschien in der Zeitschrift Brigitte ein Artikel mit der Überschrift "Ich gehe, ich schwebe, Stufe um Stufe". Im Untertitel verriet die Autorin Regina Kramer genaueres: "Träume, Schwindel, Höhenrausch, Erregung, Erwartung, Romantik. Treppen haben etwas Besonderes. Mystisches." Auf Treppen kann man Mörder schön jagen, Feinden spannend davonlaufen, Geliebten in die Arme fallen und zum Happy-Ende hinauf oder zum Verderben hinabsteigen." Die Existenz von Rolltreppen und Aufzügen wurde dagegen fast bedauert. "Es gib heute Büros oder öffentliche Gebäude, da steht die Treppe einsam in der Ecke. Von der Parkgarage fährt man mit der Rolltreppe hoch, von da aus weiter mit dem Aufzug."

Die arme Treppe! Gemeinsam mit Freundinnen, die wie ich auf die Benutzung von Rolltreppen und Aufzügen angewiesen sind, verfassten wir einen Leserbrief. In diesem taten wir u.a. mitleidslos kund, dass es uns lieber ist, dass die Treppe einsam in der Ecke steht als wir einsam vor der Treppe. Veröffentlicht wurde unser Brief nicht, lediglich sein Empfang wurde bestätigt. Da saßen wir also nun mit unserer Intoleranz und nicht vorhandenen Romantik und mussten einmal mehr erkennen, dass barrierefreies Denken in den Köpfen vieler Menschen noch nicht stattfindet. Selbst ein Anstoß des Steines schien - zumindest in diesem Fall - nicht erwünscht.

Ähnlich erging es auch einer Gruppe, die aus Anlass des europaweiten Protesttages gegen die Diskriminierung behinderter Menschen im Mai diesen Jahres auf Einladung der Landesarbeitsgemeinschaft "Hilfe für Behinderte" (LAGH) das "neue Berlin" unter dem Gesichtspunkt Barrierefreiheit besichtigte. Die Teilnehmer mussten feststellen, dass dort, wo in den letzten Jahren Millionen für Sanierung und Neubau von privaten und öffentlichen Gebäuden, Straßen und Plätzen ausgegeben wurden und noch immer werden, Barrieren eher Regel als Ausnahme sind. Nicht abgesenkte Bordsteinkanten, fehlende zugängliche Toiletten, Treppen vor den Eingängen, Aufzüge, ohne akustische Informationen, ... Die Liste lässt sich durchaus erweitern. Das Interesse an einer Benennung derartiger baulicher Defizite ist ebenso gering einzustufen wie die Bereitschaft, diese zu beheben.

Vorschriften, Vorschriften, Vorschriften
Im Umgang mit besonders renitenten behinderten Mitmenschen, die immer wieder auf Mängel aufmerksam machen, weder Kosten- noch Denkmalschutzargumente begreifen und anerkennen wollen und denen ihre persönliche Teilnahme am öffentlichen Leben wichtiger ist als eine dies verhindernde scheinbare Sicherheit1 werden sehr häufig und ausdauernd Verordnungen und Vorschriften der Bau- und Feuerpolizei erwähnt. Auf Fragen nach genaueren Inhalten folgt in der Regel eine Wiederholung der Existenz der Verordnung... Nichts genaues weiß man nicht! Sicherheitsargumente sind in unserem Lande sehr beliebt. Sie werden u.a. gerne benutzt, um behinderten Menschen den Zugang zu Gebäuden zu verweigern. So ist ein Besuch von Funk- und Fernsehturm in Berlin für Menschen im Rollstuhl verboten, weil alle Besucher nur mit Aufzügen nach oben gelangen und diese im Gefahrenfall abgeschaltet werden (abwärts müsste man dann klettern, so die Auskunft einer Mitarbeiterin an der Kasse . ..), Kinos und Theater, die nicht im Erdgeschoss liegen und keinen Aufzug haben, waren vor einigen Jahren verbotenes Terrain, weil sie nur über Treppen zu erreichen waren. Den Betreibern wurden bei Zuwiderhandlungen Bußgelder angedroht! Diese Anordnung wurde nach massiven Protesten von Besuchern nach wenigen Monaten wieder aufgehoben. Der Blick auf die Stadt bleibt jedoch weiterhin denen vorbehalten, die stehend Aufzug fahren können.

Ein weiteres Beispiel für unsinnige und ausgrenzende baupolizeiliche Maßnahmen erlebte ich jüngst auf der Bundesgartenschau in Magdeburg. Der dort errichtete schiefe Turm ist von außen durch eine breite Rampe, die sich um das Gebäude schlängelt, stufenlos begehbar. Der Zugang zu diesem eigentlich zugänglichen Objekt wurde mittels einer engen Drehtür unzugänglich gemacht: Kinderwagen und Rollstühle dürfen diese Rampe nicht berollen. Begründung: Anordnung der Baupolizei... Nichts genaues weiß man nicht!

Barriere in den Köpfen
Auf fehlende Literatur zum Thema ,barrierefreies Bauen' können die Verantwortlichen nicht verweisen. Es ist eher das Problem der Einbeziehung behindertengerechten Bauens in das Denken der Planenden, d.h. aus der Sonderleistung eine ,Standardversion' zu machen. Würde generell darauf geachtet, dass Neubauten einen stufenlosen Zugang bekämen, ständen potentiell alle Erdgeschosswohnungen für gehbehinderte Menschen als Wohnraum zur Verfügung. Jeder, der sich schon einmal auf dem Wohnungsmarkt nach zugänglichen Objekten umgesehen hat, weiß, dass wir von diesem Zustand noch weit entfernt sind.

Nicht besser ist die Situation im Bereich der öffentlichen Verkehrsmittel. Hohe Einstiegstufen Bahnhöfe ohne Rolltreppen und Aufzüge, zu schmale Abteil- und Bustüren, keine oder zu wenig Stellplätze für Rollstühle, fehlende Leitsysteme für blinde und sehbehinderte Reisende sowie optische Orientierungshilfen für gehörlose Fahrgäste. Eine Reise mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist für behinderte Menschen selten ein ,Urlaub von Anfang an'. Selbst im ICE, dem Vorzeige-Zug der Deutschen Bahn, wird jeder Toilettenbesuch zur Hindernisfahrt, da fehlender Stauraum die Reisenden veranlasst, ihre Gepäckstücke vorzugsweise im geräumigeren (rollstuhlzugänglichen) Teil des Zuges abzustellen. Zudem gibt es auch bei diesen Zügen keine fahrzeuggebundenen Einstiegshilfen, so dass gehbehinderte Menschen einmal mehr auf fremde Hilfe angewiesen sind. Ein überflüssiger Zustand!

Geduld, Geduld, Geduld
Auch im öffentlichen Nahverkehr steckt die Tücke wie so oft im Detail. In Berlin sind inzwischen einige Busse mit Rampen ausgestattet, die leider nicht zuverlässig funktionieren. Für die mechanisch ausklappbaren benötigt der Busfahrer einen Haken - der sich allzu häufig nicht finden lässt. Bei den automatischen häufen sich die technischen Defekte. Auf Fragen nach den Ursachen werden in der Regel nur Vermutungen geäußert: vielleicht liegt es an der Kälte oder an der Feuchtigkeit oder daran, dass sie zu selten benutzt werden ... In den USA ist eine defekte Einstieghilfe ein Grund, das Fahrzeug sofort aus dem Verkehr zu nehmen und reparieren zu lassen. Busunternehmen, die keine behindertengerechten Busse einsetzen, müssen dort mit hohen Geldstrafen rechnen. In dieser Hinsicht sind wir hier viel flexibler. Immerhin fährt der Bus doch noch und wer in diesen nicht reinkommt, der muss eben auf den nächsten warten. Vielleicht klappt es ja dann.


Zusammen

Bei all diesen angehäuften Hindernissen, die dafür sorgen, dass sich meine Teilnahme am öffentlichen Leben nicht zu stressfrei gestaltet, freue ich mich immer wieder darüber, dass ich das eine oder andere Ziel mit meinem eigenen Auto erreichen kann. Sicher sind die Straßen häufig voll, die Staus auf den Autobahnen fast endlos, aber irgendwann komme ich immer an. Und benötige ich unterwegs eine Toilette, so ist das inzwischen kein großes Problem mehr. An nahezu jeder Raststätte gibt es eine. Schade nur, dass ich mir nie sicher sein kann, ob ich auf der Toilette Besuch bekomme oder nicht. Die Türen lassen sich zwar von innen abschließen, von außen ist es jedoch nicht zu erkennen, ob die Toilette frei oder besetzt ist. Mit dem passenden Schlüssel kann die Tür wieder geöffnet werden, auch wenn sie von innen verschlossen wurde. Mehrere Tausend Schlüsselkopien sind im Umlauf. Das erhöht die Chance, auf diesen Toiletten nicht alleine zu bleiben...

Barbara Eckert ist Sonderpädagogin und arbeite an einer integrativen Grundschule mit einem Aufzug und vielen Treppen

Der Aufsatz stammt aus:
Zusammen: Behinderte und nicht behinderte Menschen
Auf Draht - Mobilität - Oktober 99

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