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 Lange Nacht
 Sendung vom: Samstag 23.10.1999   • 23:05

Eine Lange Nacht vom Leben mit Behinderungen
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Zehn Jahre nach der Wende
Bessere Zeiten?
von Heidrun Metzler

Am 9. November 1989 fiel die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland. Mit der Wende begann der Wandel aus einer geschlossenen, zentralistischen Gesellschaft des DDR-Staates in eine offene, vielfältige Sozialordnung westlicher Prägung. Auch das System der Behindertenhilfe wurde den Menschen in den neuen Bundesländern vorgesetzt - einiges passt, anderes wurde besser, manches schlechter. Die Autorin versucht ein Resümee nach 10 Jahren Wende.

"Alles in allem möchte ich aber doch bekennen, dass ich hoffnungsvoll in die Zukunft sehe. Insgesamt ist in letzter Zeit ja schon viel bei uns erreicht worden. Wir müssen die noch offenen Probleme aber richtig erkennen, aussprechen und anpacken. Ich meine auch, dass wir nur dann im echten Sinne von einer sozialistischen Gesellschaft sprechen dürfen, wenn wir dabei das Behindertenproblem nicht ausklammern. Und dass ich dabei nicht nur das Materielle, sondern vielmehr noch das Ideelle, das Ideologische meine, ist ja wohl klar."

So fasst die Mutter eines behinderten Kindes in der ehemaligen DDR Anfang der 80er Jahre ihre Erfahrungen und Hoffnungen zusammen. Die Hoffnungen, die diese Mutter - sicher stellvertretend für viele andere Menschen - formuliert, erhalten wenige Jahre später einen anderen Adressaten. Mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten werden auch bei Menschen mit Behinderungen und ihren Angehörigen neue Erwartungen, aber auch neue Sorgen geweckt. In welcher Weise werden sich die Hilfen verändern? Wie werden Menschen mit Behinderungen in diesem Umbruch berücksichtigt werden? Wie wird man sich in einem neuen System mit neuen Zuständigkeiten und Verfahrensregeln zurechtfinden? All dies sind Fragen, mit denen sich über die allgemeinen Verunsicherungen und Zukunftssorgen hinaus, Menschen mit Behinderungen in den neuen Ländern Anfang der 90er Jahre auseinandersetzen mussten.

Heute - zehn Jahre nach der Wiedervereinigung - lässt sich ein erstes Resümee ziehen, was sich nun tatsächlich verändert hat und wie diese Veränderungen von den betroffenen Menschen eingeschätzt werden.

Totale staatliche Erfassung
Familien und Haushalte in der ehemaligen DDR, in denen Menschen mit Behinderungen lebten, waren eingebunden in ein System staatlicher Vorgaben und Leistungen. Der Anspruch des sozialistischen Staates, umfassende Fürsorge zu leisten für alle seine Mitglieder, sollte in umfassenden gesundheitlichen und sozialen Versorgungsstrukturen und kulturellen Angeboten umgesetzt werden. Für Menschen mit Behinderungen wurde bereits in der Verfassung das Recht auf besondere Fürsorgeleistungen herausgestellt.

Um dieses Recht zu gewährleisten, wurden im Gesundheits-, Bildungs- und Fürsorgewesen einheitlich und zentral verschiedene Versorgungsleistungen geplant. Für Menschen mit Behinderung sollten von einem möglichst frühen Zeitpunkt an umfassende Hilfen zu ihrer Rehabilitation zur Verfügung stehen.

Hilfen aus einer Hand
Die seit den 50er Jahren bestehende Meldepflicht zielte auf eine frühzeitige und vollständige Erfassung behinderter oder von Behinderung bedrohter Menschen, insbesondere im Kindesalter. Ihre Rehabilitation war eingebettet in ein Gesamtsystem der gesundheitlichen Überwachung von Heranwachsenden. Bei der Feststellung von Auffälligkeiten erfolgte eine Zuordnung zu einer sog. Dispensaire-Betreuung, in der diagnostische, therapeutische und rehabilitative Maßnahmen koordiniert sowie eine Beratung der Eltern geleistet werden sollten.

Dieser Ansatz, Beeinträchtigungen der Entwicklung von Kindern frühzeitig zu erkennen und den Eltern "Hilfen aus einer Hand" anzubieten, unterschied das System der ehemaligen DDR erheblich von den Regelungen in den alten Bundesländern. Hier stellte sich bereits bei der Früherkennung und Frühförderung oft das Problem unterschiedlicher Zuständigkeiten und unklarer Ansprechpartner. Die notwendigen Hilfen für das behinderte Kind mussten (und müssen) allzu oft von den Eltern koordiniert werden. Dass auch in den neuen Ländern - entgegen dem offiziellen Anspruch - viel vom Engagement und der Hartnäckigkeit der Eltern abhing, bezeugen allerdings Äußerungen von Fachleuten ebenso wie Schilderungen betroffener Eltern.

Lebenslanger Stempel: förderungsunfähig
Fatal für den weiteren Lebensweg der behinderten Kinder erwies sich das Bemühen um eine frühzeitige Bestimmung der "Bildungsfähigkeit" der Kinder vorzunehmen und sie entsprechend der jeweiligen Diagnose unterschiedlichen Versorgungsbereichen zuzuweisen. Die Entscheidung darüber, ob ein Kind als "schulbildungsfähig", "schulbildungsunfähig, förderungsfähig" oder aber als "förderungsunfähig" einzuschätzen sei, hatte nicht nur für das System der frühen Förderung Konsequenzen, sondern legte bis in das Erwachsenenalter hinein mögliche Entwicklungen und Betreuungsformen fest. Insbesondere für diejenigen, die als "förderungsunfähig" galten, standen bis zum Ende der DDR nur sehr unzureichende Hilfen zur Verfügung. Sie mussten weitgehend von ihren Eltern alleine betreut werden oder aber sie fanden in Einrichtungen des Gesundheitswesens - in Krankenhäusern, Pflegeheimen, psychiatrischen Kliniken - Aufnahme.

Aufbau von Sonderschulen
Diese nicht kleine Gruppe - Schneider spricht von knapp 7.000 Kindern und Jugendlichen alleine in Pflegeheimen - blieb gänzlich ausgeschlossen von einem Schulbesuch. Gleiches galt jedoch auch für die als "schulbildungsunfähig, förderungsfähig" etikettierten Kinder und Jugendlichen; für diese Gruppe bestand jedoch wenigstens die Möglichkeit einer Betreuung und Förderung in Rehabilitationspädagogischen Fördereinrichtungen. Ein zentrales Ziel der Umgestaltung der Hilfen für behinderte Menschen nach der Wiedervereinigung richtete sich entsprechend auf den Aufbau von (Sonder-)Schulen, in denen alle Kinder unabhängig von Art und Schwere ihrer Behinderung Aufnahme finden sollten.

Bereits 1993 standen in den neuen Ländern etwa 12.500 Plätze in Sonderschulen für Kinder und Jugendliche mit geistigen Behinderungen zur Verfügung. Die Mehrzahl der neuen Länder schließt in ihren Schulgesetzen eine sog. "Befreiung vom Schulbesuch" aufgrund der Schwere einer Behinderung aus. Auch wenn diese Entwicklung von den Eltern sehr begrüßt wurde, bleiben doch manche Wünsche offen. Vielen reicht nicht, dass ihre Kinder nun Schulen besuchen können, sie wünschen sich auch zumindest die Möglichkeit einer integrativen Beschulung. Manche Länder räumen in ihren Schulgesetzen dies zwar ein; eine Chance, tatsächlich eine allgemeine Schule zu besuchen, besteht jedoch vorrangig für Kinder mit körperlichen Behinderungen. Insbesondere für geistig behinderte Kinder bleibt Integration - wie auch in den alten Bundesländern - vorrangig auf den Bereich vorschulischer Einrichtungen beschränkt.

Großer Bedarf an familienentlastenden Dienste
Offene Wünsche erstrecken sich auch auf eine Entlastung der Familien. Besonders Mütter - die früher wie heute oft die Hauptlast der Betreuung ihrer Kinder tragen - nehmen Einschränkungen in der Tagesbetreuung wahr, die sie selbst an der Aufnahme einer Arbeit hindern. Nach wie vor zählt die Erwerbstätigkeit von Frauen in den neuen Ländern zu den Selbstverständlichkeiten ihres Alltags, auch wenn angesichts der Arbeitsmarktsituation viele Hürden überwunden werden müssen. Hier bedeutet jede Reduzierung des Betreuungsangebotes für Kinder - das früher selbstverständlich war - eine weitere Hürde.

Berufliche Integration verschlechtert
Zwiespältig sind die Veränderungen in Hinblick auf die berufliche Integration behinderter Menschen. Die Eingliederung aller Bürgerinnen und Bürger in den Produktionsprozess galt in der DDR als vorrangiges Ziel, das auch im Bereich der Rehabilitation verfolgt wurde. Zahlreiche Regelungen sollten die berufliche Integration "geschädigter Bürger" unterstützen; auf Seiten des Beschäftigungssystems wurden dazu Ausbildungs- und vor allem Arbeitsplätze zur Verfügung gestellt. Über die Verpflichtung aller Betriebe hinaus, 10% ihrer Arbeitsplätze mit behinderten Menschen zu besetzen, wurden in den 70er Jahren sog. "geschützte Arbeitsplätze" geschaffen, um auch und vor allem schwerstbehinderten, geistig behinderten und psychisch kranken Menschen eine Beteiligung am Arbeitsleben zu ermöglichen. Als besonders wichtiges Angebot wurde von den Menschen mit Behinderung dabei auch die Regelung der Heimarbeit wahrgenommen. Insgesamt ist von einem hohen Beschäftigungsstand behinderter Menschen in der damaligen DDR auszugehen.

Verlust der eigenständigen Lebenssicherung
Als eher schwierig war dagegen auch in diesem Bereich die Situation schwer- und mehrfachbehinderter Menschen, die bereits von einem Schulbesuch ausgeschlossen waren und nun auch im Bereich der Arbeit benachteiligt wurden. Um hier einen Ausgleich zu schaffen, ging man in den letzten Jahren der DDR zu einem Ausbau der sog. Geschützten Werkstätten über. Von dem massiven Arbeitsplatzabbau nach der Wiedervereinigung waren Menschen mit Behinderungen in besonderer Weise betroffen. Ihre Arbeitslosenquote stieg überproportional an, was für sie einen Verlust ihrer eigenständigen Lebenssicherung bedeutete, vor allem aber auch soziale Isolation, da die früheren Kontakte zu Arbeitskollegen und die Integration in den sozialen Zusammenhang der Betriebe verloren ging. In verschiedenen Studien, in denen Menschen mit Behinderungen zu ihren Erfahrungen nach der Wiedervereinigung befragt wurden, steht der Verlust des Arbeitsplatzes an zentraler Stelle; ebenso berichten Eltern von Kindern, dass sie um die berufliche Zukunft ihres Kindes besonders besorgt seien.

Mit dem Ausbau von geschützten Werkstätten nach 1990 wurde die Situation schwerbehinderter, insbesondere geistig behinderter Menschen zwar insofern verbessert, als sich vielen von ihnen erstmals die Chance einer Betätigung im Arbeitsbereich bot. Das Arbeitsangebot dieser Werkstätten hängt jedoch wesentlich auch von der allgemeinen Arbeitsmarktentwicklung ab und der Chance, Aufträge aus der Industrie oder von öffentlichen Auftraggebern zu erhalten. Zudem verfestigte sich mit dem Auf- und Ausbau der Werkstätten der Sonderarbeitsmarkt für behinderte Menschen; einzelne Länder versuchen entsprechend, Arbeitsplätze in Werkstätten in allgemeine Betriebe auszugliedern und damit das System der geschützten Einzelarbeitsplätze oder Betriebsabteilungen fortzuführen.

Soziale Klima ist rauer
Eine Integration von Menschen mit Behinderungen in die Gesellschaft lässt sich jedoch nicht allein mit der Bereitstellung spezifischer Hilfen bewerkstelligen. Entscheidend hierfür ist vielmehr die Bereitschaft aller Gesellschaftsmitglieder, Vorurteile zu überwinden und die Rechte behinderter Menschen auf gleichberechtigte Teilhabe anzuerkennen. Dies bedeutet nicht nur Veränderungen im Denken; erforderlich ist vielmehr auch eine Gestaltung der gemeinsamen Umwelt, die Menschen aufgrund ihrer Beeinträchtigung nicht von vornherein ausschließt. Das Anliegen der eingangs zitierten Mutter, nicht nur Hilfen weiterzuentwickeln, sondern auch etwas für das "Ideelle" zu tun, d.h. Integration und Anerkennung behinderter Menschen zu fördern, bleibt sicherlich weiterhin eine zentrale Aufgabe nicht nur in den neuen Ländern. Unmittelbar nach der Auflösung der DDR berichten Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen davon, dass das soziale Klima rauer geworden sei und das Verständnis für ihre Belange eher noch abgenommen habe. Zehn Jahre danach hat sich an dieser Situation kaum etwas grundlegend geändert. Diskriminierungen abzubauen, Menschen mit Behinderungen gleiche Chancen einzuräumen und jede Form der Ausgliederung zu vermeiden, zählt weiterhin zu den zentralen Aufgaben im vereinigten Deutschland.


Zusammen

Dr. Heidrun Metzler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle "Lebenswelten behinderter Menschen" an der Universität Tübingen.

Der Aufsatz stammt aus:
Zusammen: Behinderte und nicht behinderte Menschen
Schreiben als Lebensbewältigung. Mai `99

Zum Weiterlesen:
Häußler, Monika, Bormann, Berthold, Studie zur Lebenssituation von Familien mit behinderten Kindern in den neuen Bundesländern, Baden-Baden 1997 (Schriftenreihe des BMG, Band 87).
Metzler, Heidrun, Wachtel, Grit, Wacker, Elisabeth, Die Wende in der Behindertenhilfe. Zur Situation behinderter Kinder und Jugendlicher in den neuen Bundesländern, Tübingen1997.
Schneider, Dagwin-Raphael, Die Situation der Behinderten in der ehemaligen DDR - am Beispiel der körperlich und der geistig Behinderten sowie der Früherziehung, in: Nachrichtendienst des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge 71 (1991), S. 83-88.

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