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 Lange Nacht
 Sendung vom: Samstag 23.10.1999   • 23:05

Eine Lange Nacht vom Leben mit Behinderungen
Zentrum für selbstbestimmtes Leben

Die Beratungsstelle:
Als Beratungsstelle stellen wir keine Dienste wie Pflege oder Transport zur Verfügung, sondern unser Angebot besteht in der Analyse der Lebenssituation von Ratsuchenden, um dann mit ihnen gemeinsam Lösungsstrategien und Perspektiven zu entwickeln.

Die alleinige Beschränkung auf Beratung war uns von Anfang an wichtig, um nicht über andere Dienstleistungen in eine wechselseitige Abhängigkeit zu Ratsuchenden zu gelangen. Da die Beratung kostenlos erfolgt, kommen wir nicht in Versuchung, sie an uns zu binden, und sie wiederum können jederzeit entscheiden, ob sie mit uns weiter zusammenarbeiten wollen, ohne eine existentielle Dienstleistung zu riskieren.

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Wir gliedern die Beratung inhaltlich in zwei Bereiche:

  1. Die Vermittlung von "Sach- und Fachkenntnissen".
    Hierzu zählen u. a. Fragen zur Nutzung des BSHG, des SchwbG oder Fragen des behindertengerechten Wohnens oder der Hilfsmittel.
  2. Die Vermittlung neuer "Sichtweisen"
    Dieser Punkt ist genauso wichtig wie der vorherige, und wir möchten ihn etwas näher erläutern.
Sichtweisen sind individuell aus Erlebnissen und Erfahrungen entwickelte Haltungen. - Sie sind also erworben und spielen eine Rolle beim Umgang mit Lebensproblemen.

Wir möchten dies einmal daran verdeutlichen, welche Haltung man in unserer Gesellschaft dazu hat, wenn "Hilfen" in Anspruch genommen werden müssen. Man kann diese ja einmal durch "Hilfsmittel" bekommen, oder aber durch einen "Service".

Nimmt man Serviceleistungen in Anspruch, so verschafft man sich Erleichterung, um sich auf die Dinge zu konzentrieren, die man selber tun will und gut kann. Durch die Konzentration auf das, was ich kann, entwickle ich mich wiederum weiter, fühle mich dadurch ausgefüllter und zufriedener.

Ein Beispiel:
Ein Schreiner könnte keine Möbel herstellen, wenn er nicht Helfer wie Bäcker, Frisöre oder Automechaniker in Anspruch nehmen würde. Er konzentriert sich also auf das, was er gut kann - nämlich Möbel bauen - und nicht darauf, sich selbst die Haare zu schneiden oder das Brot zu backen.

Wenn wir Behinderte uns diese Sichtweise hinsichtlich unserer Hilfs- oder Pflegebedürftigkeit auch zu eigen machen würden, dann könnten wir uns freier entscheiden, ob, wann, von wem und wie viel Hilfe-(Service)Leistung wir wünschen, anstatt beispielsweise wertvolle Zeit damit zu vergeuden, uns eine Stunde lang selber anzuziehen. Pflege-"Hilfe" in Anspruch zu nehmen verliert so gesehen den Makel der Minderwertigkeit.

Arbeitsansatz & Methoden des Z s L
Das Z s L ist ein Projekt, welches die Inhalte und Vorteile der Selbsthilfe mit dem Know-how der Professionalität zu verbinden versucht. Dieser Ansatz wird personell durch die MitarbeiterInnen erfüllt, da sie z.T. seit Anfang der 80er Jahre in Selbsthilfegruppen behindertenpolitisch tätig waren.

Die Grenzen der Selbsthilfe führten zu der Idee, Selbsthilfe und Professionalität zu integrieren.

Die Beratungs- und Begleitungssituation im Z s L bekommt durch diesen Ansatz eine andere Qualität. Der/die Ratsuchende erfährt unmittelbar die Kompetenz der MitarbeiterInnen, denn sie kennen die Probleme behinderter Menschen aus eigener Erfahrung. Hierin liegt der wesentliche Grund dafür, dass Ratsuchende sich sehr bald gut verstanden fühlen.

In Fachkreisen wird dieser Ansatz auch "Peer Counceling" genannt.

Für spezielle Probleme arbeiten wir mit Honorarkräften zusammen. Hierzu zählt z. B. ein Rechtsanwalt und ein Hilfsmittelberater. Nach Möglichkeit sollten die Honorarkräfte, wie bei diesen Beiden der Fall, selbst Betroffene sein, um auch hier eine Beratung nach dem Prinzip des "Peer Counceling" zu ermöglichen.

Das Z s L versteht sich nicht als Institution, die alle möglichen Hilfsangebote selbst zur Verfügung stellen kann. Es strebt jedoch eine Koordination der vorhandenen Hilfsangebote an.

Grundgedanke unseres Handelns ist: Ratsuchenden nicht ihre Probleme abzunehmen, sondern sie gemeinsam zu erkennen. Aus diesem "Problemprofil" kann dann ein Lösungsweg mit entsprechenden Handlungsstrategien entwickelt werden. Bei dieser Methode stehen Planung und Realisierung in einer sich gegenseitig beeinflussenden Beziehung.

Unsere Zielvorstellung hierbei ist: Selbstbestimmtes Leben ist auch für Schwerstbehinderte möglich, wenn die Lebensbedingungen entsprechend gestaltet sind.

"Selbstbestimmt Leben" für Behinderte
Selbstbestimmung ist ein natürlicher, dynamischer Prozess der Individualisierung, der aus dem Unbehagen von Abhängigkeit und Fremdbestimmung erwächst. Er zielt darauf ab, das, für das jeweilige Individuum, höchste Maß freigewählter und selbstverantworteter Entscheidungen treffen zu können.

Die Verlebendigung dieser Definition stößt bei uns, also bei Menschen mit Behinderungen, auf spezielle Schwierigkeiten, die zu Benachteiligungen während unserer Sozialisation führen. Die Nutzung des gesellschaftlichen Prinzips der Chancengleichheit wird uns durch eine familiär und gesellschaftlich verfestigte, caritativ versorgende Haltung der Umwelt verwehrt, und führt nicht selten zur Unterentwicklung von aktiv gestaltenden Formen der Lebensbewältigung und Selbstbehauptung.

Erst diese "Mangel-Sozialisation" behindert uns jedoch bei der Nutzung und Entfaltung unserer vorhandenen Fähigkeiten, so dass das gesellschaftliche Behindertenbild von kranken, abhängigen HilfeempfängerInnen aufrecht erhalten bleibt.

  1. "Selbstbestimmt Leben" heißt, seine Grundbedürfnisse befriedigen zu können.
    Zu den speziellen Grundbedürfnissen von Menschen mit Behinderung zählen wir
    - das Bedürfnis nach umfassender Hygiene, wie allg. Reinlichkeit, Toilettengang, angemessener Kleidung;
    - das Bedürfnis nach körperlichen Wohlbefinden, das bedeutet, sich überall zu kratzen, wenn es juckt, oder sich die Nase zu putzen, wenn sie läuft;
    - das Bedürfnis nach einfühlsamer Pflege, das bedeutet gründlichen und behutsamen Umgang mit uns bei der Pflege;
    - das Bedürfnis nach Mobilität, das bedeutet die Gewährleistung einer interessenorientierten Teilnahme am öffentlichen Leben;
    - das Bedürfnis nach individuellem Wohnraum, das bedeutet die Gewährleistung seiner freien Zugänglichkeit und Gestaltung.
    Diese Bedürfnisse werden bei Aufzählungen der Grundbedürfnisse Nichtbehinderter normalerweise nicht erwähnt. Das ist nicht verwunderlich, denn es sind Bedürfnisse, die sich potentiell j e d e r und zu jeder Zeit selber erfüllen kann.
  2. "Selbstbestimmt Leben" heißt, sich seiner selbst bewusst zu sein.
    Wie die zu Beginn aufgeführte Definition bereits andeutet, muss sich jeder Mensch, ob gewollt oder ungewollt, lebenslänglich mit den Themen Selbstbestimmung und Fremdbestimmung, Autonomie und Abhängigkeit auseinandersetzen.
    Bei körpergeschädigten Menschen gehen dadurch mehr oder weniger Möglichkeiten des Handelns, des Ausführens und Umsetzens von Gedanken und Gefühlen verloren, also die Fähigkeit, sich Leben und Umwelt "b e g r e i f e n d" anzueignen. Das bedeutet gleichzeitig eine Einschränkung der Möglichkeiten, sich zu verwirklichen und sich seiner Eigenmächtigkeit selbstbewusst zu werden.
  3. "Selbstbestimmt Leben" ist ein Prozess, sich immer mehr zu akzeptieren und selbst zu vertreten.
    Menschen, die häufig erfahren, dass ihre Bestrebungen nach Individuation ignoriert und unterbunden werden, bleibt am Ende nur die Möglichkeit zu glauben, dass sie es nicht wert sind, eigene Meinungen und eigene Gefühle zu haben, so dass ein inneres Selbstbild entstehen muss, welches von Minderwertigkeit und Selbstzweifel geprägt ist. Deshalb sind viele behinderte Menschen oft pflegeleicht, angepasst und bescheiden. Sie haben die Flucht nach hinten vollzogen und geben sich zufrieden. Sie haben es aufgegeben, sich selber zu vertreten.
  4. "Selbstbestimmt Leben" heißt, sich in der Begegnung mit anderen Menschen gleichwertig zu fühlen.
    Wer glaubt, er könne in völliger Unabhängigkeit von seinen Mitmenschen leben, der lebt einen verhängnisvollen Irrtum. Gerade durch die Existenz anderer Personen stellt sich immer wieder neu die Frage nach der Verhältnismäßigkeit von Selbstbestimmung und Fremdbestimmung.
    Dieses Verhältnis schlägt bei uns jedoch häufig in Richtung Fremdbestimmung und Abhängigkeit aus. Durch dieses Ungleichgewicht geht uns häufig das Gefühl der sozialen Gleichwertigkeit verloren, denn die übergroß erlebten und tatsächlichen Abhängigkeiten lassen nur schwer ein positives Selbstwertgefühl aufkommen.
  5. "Selbstbestimmt Leben" heißt, ein Leben zu führen, in dem man freier wird, eigenverantwortliche Entscheidungen zu treffen, und in dem man sich für die daraus folgenden Konsequenzen entscheiden kann.
    "Freier zu sein, eigenverantwortliche Entscheidungen zu treffen", das bedeutet nicht, völlig unabhängig von Grenzen zu leben, sondern eher, mit ihnen umgehen zu können.
    Um zu verdeutlichen, was damit gemeint ist, hier ein Beispiel aus der Beratungspraxis:
    Ein Ratsuchender kam, nachdem er mit uns alle für ihn in Frage kommenden Lebensmöglichkeiten durchdacht hatte, zu dem Entschluss, zukünftig in einem Pflegeheim leben zu wollen. Er hatte also die Richtung seines Lebens nach reiflicher Überlegung selbst bestimmt, so dass wir ihn dann bei der Umsetzung seiner Entscheidung weiter unterstützt haben.
    Entscheidend an diesem Beispiel ist, dass dieser Schritt freiwillig getan wurde, nachdem alle Alternativen beleuchtet worden waren. Die Entscheidung kam also nicht aufgrund etwaiger Interessen von Angehörigen, die vielleicht eine häusliche Lebensweise zu kostspielig finden, oder hilflos der Versorgung gegenüber stehen, zustande.
  6. "Selbstbestimmt Leben" heißt, in und mit der Gemeinschaft zu leben.
    Behinderte, die in Wohnghettos (Heime, Wohnanlagen etc.) leben und so vom öffentlichen Leben ausgeschlossen sind, werden nicht behaupten können, in und mit der Gemeinschaft zu leben.
  7. "Selbstbestimmt Leben" heißt, ein politisches Wesen zu sein.
    Der Mensch wird durch die Gemeinschaft bestimmt und geprägt. Er ist Teil und Produkt der bestehenden Gesellschaft. Als Individuum ist er jedoch auch Mitgestalter und verantwortlich für die Weiterentwicklung der Gesellschaft. Er bestimmt selber mit, was und wie Gesellschaft sein soll.
    Diese Funktionen kann er jedoch nur erfüllen, wenn er sich seiner Lebensaufgabe zwischen Individuation und Gemeinschaft stellt. Nur so ist er fähig, eine verantwortliche Position in der Gesellschaft einzunehmen. Nur so wird auch die Gemeinschaft von seinen Individuationsbestrebungen profitieren können, denn aus diesen Kräften entsteht gesellschaftlicher Fortschritt.

(Auszüge aus unserer Expertise zur Erstellung des neuen Behindertengesamtplanes der Landesregierung von NRW)

Adresse:
Zentrum für selbstbestimmtes Leben
An der Bottmühle 2-15
50678 Köln
Tel.: 0221/ 32 22 90
Fax: 0221/ 32 14 69

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