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 Lange Nacht
 Sendung vom: Samstag 23.10.1999   • 23:05

Eine Lange Nacht vom Leben mit Behinderungen
Persönliche Assistenz
Eine Informationsschrift des Zentrums für selbstbestimmtes Leben

Alle Menschen benutzen Assistenzen: manche reparieren z.B. ihr Auto selbst, andere, die weniger Zeit oder keine einschlägige Kenntnisse besitzen, ziehen es vor, einen Automechaniker damit zu beauftragen; weitere Beispiele hierfür sind der Friseur, der Klempner oder der Rechtsanwalt. Man kann eben nicht alles selbst machen. Die meisten Menschen wollen sich auf die Tätigkeiten konzentrieren, die sie auch beherrschen. Auf diese Weise kann man seine zur Verfügung stehende Zeit und Energie effektvoller einsetzen.

Für ältere Menschen, chronisch Kranke, sowie Menschen mit einer Behinderung ist Assistenz noch wichtiger, weil sie ihre Behinderung kompensieren müssen, um eine volle Gleichberechtigung zu erlangen. Ein Assistent ersetzt dem Behinderten, dem chronisch Kranken oder den Senioren z.B. Arme und Beine. Je nach Grad der Beeinträchtigung kann sich z.B. ein Behinderter selbst einen Pullover anziehen, wozu er, je nach Tageskondition, beispielsweise mindestens eine halbe Stunde braucht. Danach ist er dann möglicherweise total erschöpft und muss sich erst einmal ausruhen. Will er aber seine Zeit und Energie für andere, ihm wichtigere Dinge einsetzen, beauftragt er einen Assistenten, der ihm, um beim oben gewählten Beispiel zu bleiben, beim Anziehen hilft.

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Persönliche Assistenz soll zum Ausdruck bringen, dass Behinderte, chronisch Kranke oder Senioren aus ihren persönlichen, individuellen Bedürfnissen heraus die Arbeitsbedingungen bestimmen.

Persönliche Assistenz durch das Arbeitgebermodell
Behinderte, Senioren und chronisch Kranke, die zur Alltagsbewältigung und Pflege auf praktische oder organisatorische Hilfestellungen angewiesen sind, d. h. personelle Hilfen benötigen, können ihre Hilfen als ArbeitgeberInnen organisieren und somit ihren Hilfebedarf eigenverantwortlich sicherstellen.

Mit der Übernahme der Verantwortung für eine "persönliche Assistenz" sind die Anleitungs-, Organisations-, Finanz-, Raum- und Personalkompetenz verbunden. Personalwerbung, -anleitung, -führung und -verwaltung werden eigenständig, im Rahmen angemeldeter Betriebe, im Privathaushalt ausgeübt.

Die behinderten ArbeitgeberInnen vergüten ihr Personal mit einem Bruttolohn in Anlehnung an BAT und stellen sicher, dass Lohnsteuer und Sozialversicherung rechtmäßig abgeführt werden.

Für die behinderten ArbeitgeberInnen bedeutet die persönliche Assistenz im wesentlichen:

- Die Organisation richtet sich nach den individuellen Hilfebedarf des/der behinderten ArbeitgeberIn. Hierbei können alle Einsatzbereiche, z.B. Grundpflege, Haushalt, Freizeit, Ausbildung und Beruf abgedeckt werden.
- Die Arbeitszeitverordnung ist im Privathaushalt nicht zwingend anzuwenden, dies ermöglicht eine flexiblere Organisation der Arbeit.
- Die von behinderten Menschen selbst organisierte Assistenz ist auch kostengünstiger, da hier kein Ambulanter Dienst die Regie leitet und somit keine Einsatzleitung, Büromiete, Telefongebühren, Teambesprechungen, Fahrzeiten usw. zu finanzieren sind.
- Die personelle Hilfe kann ortsunabhängig gesichert werden, d.h. auch in kleinen Städten und Dörfern, in denen kein Ambulanter Dienst oder Sozialstation existiert.

Die "persönliche Assistenz" sichert daher Menschen, die bei der persönlichen Pflege und bei der Alltagsbewältigung auf personelle Hilfen angewiesen sind, eine Unterstützung, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist. Dies ist eine grundlegende Voraussetzung für eine selbstbestimmte Lebensführung von assistenzbedürftigen Menschen.

Persönliche Assistenz ist die am individuellen Bedarf orientierte Hilfe bei den täglichen Verrichtungen, insbesondere

- im Bereich der Pflege z.B. Aufstehen, Zubettgehen Körperpflege,, Toilettengang, Essenreichen usw.
- Hilfen im Haushalt z.B. Einkaufen, Kochen, Spülen Putzen, Wäschewaschen usw.
- Mobilitätshilfen z.B. Begleitung beim Studium, Begleitung und Unterstützung am Arbeitsplatz, Freizeitgestaltung usw.
- Kommunikationshilfen
- Anwesenheit für unvorhergesehene, mitunter gefährliche Situationen, in denen schnelle und sachkundige Hilfe benötigt wird.

Sie dienen der eigenständigen Gestaltung des Alltags in der eigenen Wohnung bzw. in einer selbst gewählten Umgebung.

Erforderlich ist sowohl personelle Kontinuität, als auch Flexibilität, die erreicht wird durch Hilfen aus einer Hand.

Entscheidende Kriterien der persönlichen Assistenz ist das Recht des assistenzbedürftigen Menschen, die Arbeitsbedingungen zu bestimmen,
d.h. wer als AssistentIn angestellt wird/ welcher Anbieter gewählt wird,
d.h. welche Arbeiten verrichtet werden,
d.h. wann die Arbeiten verrichtet werden,
d.h. wie die Arbeiten verrichtet werden.

Wofür brauchen alte, behinderte und chronisch kranke Menschen persönliche Assistenz?
Menschen mit starken körperlichen Beeinträchtigungen, Alte und chronisch Kranke benötigen häufig Hilfen bei nahezu allen täglichen Verrichtungen wie z.B. Essen, Trinken, An- und Auskleiden, Körperpflege, Toilettengänge, Handreichungen, Schreiben, Lesen, Kochen, Abwaschen und bei Unternehmungen außerhalb ihrer Wohnung. Diese Hilfen im Alltag können durch persönliche AssistentInnen erbracht werden. Dadurch ist ihnen ein Leben außerhalb eines Heimes in einer selbstgewählten Umgebung und ein selbstbestimmter Tagesablauf möglich.

Die Hilfen müssen nach Umfang und Qualität so bereit gestellt sein, dass ihr Leben nicht ständig um ihre Beeinträchtigung bestimmt wird, sondern genauso wie Nichtbeeinträchtigten die Verfolgung eigener Ziele und Interessen erlaubt. Es wichtig, dass sie zu ihren AssistentInnen ein Verhältnis haben, in dem sie über ihre Assistenz selbst bestimmen.

Die Hilfen müssen sicher sein, da sie in hohem Maß auf sie angewiesen sind. Das gilt insbesondere für neue und unvorhergesehene Situationen. Persönliche Assistenz trägt auch wesentlich zu ihrem körperlichen und psychischen Wohlbefinden bei. Sie muss ihnen auch eine umfassende Teilhabe am Leben in der Gesellschaft ermöglichen.

Prinzipien der persönlichen Assistenz
Diese Art der persönlichen Assistenz, die ihre Grundbedürfnisse erfüllt, sollte folgende Prinzipien erfüllen:

  • Personalkompetenz
    Persönliche Assistenz greift tief in die Privatsphäre und Intimsphäre ein und dieses oft das ganze Leben lang. Dritten müssen Bereiche des Lebens offengelegt werden, in die Nichtbehinderte - wenn überhaupt - nur sehr engen Vertrauenspersonen Einblick gewähren. Assistenzbedürftige Menschen sind hierzu aufgrund ihrer Beeinträchtigung gezwungen. Darum müssen sie das Recht haben, ihre AssistentInnen als Personen ihres Vertrauens selbst auszuwählen. Diese Wahl darf nicht auf einen bestimmten Personenkreis, z.B. Zivildienstleistende, beschränkt sein; insbesondere Alter und Geschlecht müssen frei wählbar sein. So ist es für viele wichtig, von einer gleichgeschlechtlichen Person gepflegt zu werden; anderen fällt es leichter, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, wenn der Altersunterschied nicht zu groß ist.
  • Anleitungskompetenz
    Aufgrund der Erfahrung mit der eigenen Beeinträchtigung wissen assistenzbedürftige Menschen selbst am besten, wie die Hilfen erbracht werden müssen. Nicht die Pflegekräfte, sondern sie selbst müssen daher auch darüber bestimmen können. Dieses ist nicht nur wegen der Selbstbestimmung wichtig. Vielmehr haben sie häufig die Konsequenzen von möglicherweise gut gemeinter, aber schlecht ausgeführter Hilfe selbst am eigenen Leib erfahren.
  • Organisationskompetenz
    Der Alltag wird durch persönliche Assistenz bestimmt. Wie, wann und wo ein Leistungsempfänger Leistungen in Anspruch nimmt, muss er selbst entscheiden können. Er weiß am besten, welche Assistenz er wann und vom wem benötigt. Dabei ist es wichtig, dass er die notwendigen Hilfen auf seine Lebensform bzw. Lebensgestaltung abstimmen kann. Um dies zu erreichen ist es unabdingbar, dass die Leistungen möglichst flexibel und kreativ gestaltet werden können. Dies wird um so wichtiger, je mehr ein Behinderter, chronisch Kranker oder ein älterer Mensch versucht, die Absicherung der notwendigen Hilfen durch eine Kombination von technischen und personellen Hilfen zu erreichen. Liegt die Organisationskompetenz beim Leistungsnehmer, so ist die flexible Gestaltung gewährleistet.
  • Finanzkompetenz
    Menschen, die aufgrund ihres Alters, einer Behinderung oder chronischen Erkrankung auf Assistenz angewiesen sind, sind die Anspruchsberechtigten der Sozialleistungen. Über die finanziellen Mittel, die notwendig sind um eine sach- und fachgerechte Hilfe zu Gewährleisten, muss der betreffende Behinderte, Senior oder chronisch Kranke selbst verfügen können. Nur so ist sichergestellt, dass er eine Assistenz in Anspruch nehmen kann, die seinen Bedürfnissen entspricht und die er braucht. Die z.Z. übliche Praxis, dass Kostenträger und Leistungsträger einen Preis aushandeln, lässt dem Behinderten, dem älteren Menschen oder dem chronisch Kranken kaum Möglichkeiten die erforderliche Hilfe individuell und kreativ zu Organisieren. Er ist weitgehend darauf angewiesen, welche Mitgestaltungsmöglichkeiten ihm der Leistungsanbieter zubilligt bzw. zubilligen kann.
  • Raumkompetenz
    Nicht die assistenzbedürftigen Menschen müssen zu dem Ort der Hilfe gebracht werden, sondern die Hilfe muss in ihrer Lebensumgebung erfolgen. Das bedeutet auch, dass die Assistenz gegebenenfalls außerhalb des Hauses und auf Reisen erbracht wird. Sowohl Servicehäuser, als auch traditionelle Hauspflegedienste sehen keine begleitenden Hilfen vor. Die Teilnahme an Bildungsurlauben, Freizeiten, ehrenamtlichen Aktivitäten scheitert daher häufig an der fehlenden Assistenz.
  • Hilfen aus einer Hand
    Für Menschen ohne Beeinträchtigung ist es selbstverständlich ihren Alltag und ihre Freizeit flexibel zu gestalten. Für Assistenzbedürftige Menschen ist diese Flexibilität ebenso wichtig. Sie müssen einen Einkauf oder Spaziergang verschieben und dafür Dinge im Haushalt oder persönliche Angelegenheiten vorziehen können. Viele Ding, vorzugsweise solche, die der Pflege zugerechnet werden, lassen sich aber auch nicht fest vorplanen, sondern müssen nach Bedarf erledigt werden z.B. Toilettengang, Anheben, Umlagern, Nase wischen. Diese Flexibilität lässt sich aber nur erreichen, wenn der Assistent bzw. die Assistentin, die gerade bei ihnen ist, für alle Hilfen zuständig ist. Sonst kann es leicht sein, dass sie stundenlang in ihrem eigenen Kot und Urin sitzen müssen, nur weil die AssistentInnen zwar zur Stelle, aber nicht zuständig sind. Eine solche Situation kann sich ergeben, wenn eine AssistentIn ausschließlich für die pflegerischen Tätigkeiten, eine andere für die hauswirtschaftlichen Verrichtungen und eine Dritte für Begleitung außer Haus zuständig ist. Das Prinzip Hilfen aus einer Hand ist auch insofern unverzichtbar, als damit die Zahl der HelferInnen, die jemanden täglich umgeben möglichst gering gehalten werden kann, auch um nicht zu vielen die Privatsphäre offen legen zu müssen.
  • Kontinuität
    Einige assistenzbedürftige Menschen finden einen häufigen Wechsel ihrer AssistentInnen anregend und abwechslungsreich. Doch den meisten liegt daran, dass ihre AssistentInnen über einen längeren Zeitraum und regelmäßig mit ihnen zusammenarbeiten. Je länger die AssistentInnen bei ihnen arbeiten, desto besser lernt man sich kennen, desto eher entsteht Vertrauen und eine kooperative Basis, desto besser und zuverlässiger wird die Assistenz. Es gibt z.B. Tage an denen mehr Hilfe benötigt wird, als vorher eingeplant war, weil bestimmte Krankheits- bzw. Schädigungssymptome sich witterungsbedingt verschlimmert. Dann müssen die AssistentInnen so flexibel sein, auch mal länger als geplant zu arbeiten. Diese Flexibilität kann nur von vertrauten und langfristig Beschäftigten erwartet werden. Eine möglichst geringe Fluktuation hält außerdem den Anleitungsbedarf in Grenzen und lässt mehr Spielraum für die Dinge, die man eigentlich tun will.
  • Anwesenheit
    Aufgrund der Beeinträchtigung können eher einmal unvorhergesehene, mitunter gefährliche Situationen auftreten z.B. ein Rollstuhlfahrer fällt aus dem Rollstuhl, in denen schnelle sachkundige Hilfe benötigt wird. Notrufgeräte haben sich aber in der Vergangenheit als unzuverlässig herausgestellt. sie haben nicht sicherstellen können, dass die gewünschten AssistenInnen auch tatsächlich kommen. Deshalb ist es unabdingbar, die Zeiten, in denen assistenzsbedürftige Menschen auf solche technischen Sicherungen angewiesen sind, möglichst gering zu halten.
  • Ausreichender Umfang
    Der Umfang von Assistenzstunden muss einen assistenzbedürftigen Menschen in die Lage versetzen seinen persönlichen Zielen und Neigungen Nachzugehen. Dazu gehört auch die Möglichkeit, an Bildungs-, Kultur-, Sport- und Unterhaltungsveranstaltungen teilzunehmen und ehrenamtliche Arbeit leisten zu können. Begleitung außerhalb der Wohnung ist mehr als einen Rollstuhlschieben und "Aufpassen". Begleitung bedeutet auch die Wahrnehmung anfallender pflegerischen Dienstleistungen wie Toilettengänge, Hilfen beim Essen und Trinken etc..
Zusammenfassung
Besondere Merkmale dieses Modells sind:

- Hohe Qualität, weil die behinderten Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber Experten in eigener Angelegenheit sind und die erforderlichen Hilfen entsprechend den persönlichen Bedarfen organisiert werden können.
- Kostengünstig, weil kaum Regiekosten entstehen zur Schaffung der Arbeitsbedingungen. Kosten wie Fahrtkosten, Büromiete, Personalkosten für die Einsatzleitung oder Telefonkosten fallen nicht an.
- Sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis aufgrund der hohen Qualität verbunden mit der kostengünstigen Realisierbarkeit. Das Arbeitgebermodell ist daher sehr effizient.
- Das Arbeitgebermodell sichert für die Betroffenen eine selbstbestimmte und menschenwürdige Lebensführung, weil der persönliche Hilfebedarf eigenverantwortlich sichergestellt wird und zu den Helfern strukturell ein gleichberechtigtes Verhältnis besteht.

Adresse der Beratungsstelle:
Zentrum für selbstbestimmtes Leben
An der Bottmühle 2-15
50678 Köln
Tel.: 0221/ 32 22 90
Fax: 0221/ 32 14 69

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