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 Lange Nacht
 Sendung vom: Samstag 30.10.1999   • 23:05

Eine Lange Nacht vom Aufstieg und Fall eherner Symbole
Schwerter zu Pflugscharen
Moderation: Michael Bajohr
Musik: Walter Thomas Heyn
Lyrik: Andreas Reimann
Gesang: Barbara Kellerbauer
Chor: Chor des Carl-Goerdeler-Gymnasiums Leipzig und das Orchester des Otto-Pankok-Gymnasiums Mülheim unter der musikalischen Gesamtleitung von Johannes Krauledat
Studiogäste: Christian Führer, Pfarrer an der Nikolaikirche Leipzig, Organisator der Friedensgebete, die zum Auslöser der Leipziger Montagsdemonstration wurden.
Petra Lux, Mitbegründerin und Sprecherin des "Neuen Forum" in Leipzig
Jochen Läßig, Rechtsanwalt, Sprecher des "Neuen Forum" und Kommunalpolitiker, bis 1998 Stadtrat in Leipzig

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In dem Buch Micha des Alten Testaments ist das berühmte Zitat zu finden: "Dann schmieden sie (die Völker) Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen ...". Die Plastik, die diesen biblischen Friedensgedanke symbolisiert, wurde einst von der UdSSR, Mitglied der UNO, als Geschenk im Park des Hauptsitzes der Vereinten Nationen in New York aufgestellt. In der DDR wurde sie in Form von Aufnähern unter Pazifisten und Gegnern jeder Militarisierung verbreitet. Von der Staatsmacht verboten, wird das Friedenssymbol damit auch zum Freiheitssymbol, doch es bleibt vorwiegend in den kirchlichen Raum wie die Leipziger Nikolaikirche verbannt. Die Losung "Für ein freies Land mit offenen Grenzen" wird erstmals am Montag, dem 4. September während der Herbstmesse 1989 vor der Nikolaikirche gezeigt und den Demonstranten von augenscheinlich informierten Stasi-Mitarbeitern gewaltsam aus den Händen gerissen. Andreas Reimann, einer der bedeutendsten Lyriker Sachsens, war auf vielfältige Weise in die großen Zeitläufte eingebunden. Der Enkel von Hans Reimann (Gründer des Leipziger literarischen Kabaretts) und Schüler von Georg Maurer erlebte alle Höhen und Tiefen vom gefeierten revolutionären Jungdichter bis zum Häftling des Regimes. Mit seinen "Leipziger Liedern" in der Interpretation von Barbara Kellerbauer, mit Gesprächen sowie einer Kantate über Alltag und Zivilcourage von Walter Thomas Heyn erinnert diese Langen Nacht an die wirre Zeit der Wende in all ihrer Widersprüchlichkeit.

"Leipziger Legende"
Im Mendelssohn-Saal des Leipziger Gewandhauses erklang am 20. 9. die "Leipziger Legende", die sich thematisch mit dem 10. Jahrestag der Wiedervereinigung auseinandersetzt. Die Autoren Walter Thomas Heyn (Musik) und Andreas Reimann (Text) arbeiteten mit dem Chor des Carl-Goerdeler-Gymnasiums Leipzig und dem Orchester des Otto-Pankok-Gymnasiums Mülheim unter der musikalischen Gesamtleitung von Johannes Krauledat zusammen. Die starkbesetzte Partitur (4 Solostimmen, Chor und großes Orchester) bezieht allerlei musikalische Zitate, aber auch deutsche Volkslieder (mit neuen Texten) sowie Elemente des Free Jazz ein, kann aber dennoch von Laien ausgeführt werden. Wir veröffentlichen nachfolgend einen Auszug aus dem Pressetext, der die Sicht des Komponisten wiedergibt.

Schon einmal von über 10 Jahren hatten wir eine Kantate zusammen geschrieben, die damals das Hochschulorchester unter Leitung von Claus Peter Flor und in der Choreinstudierung von Georg Christoph Biller im alten Rathaus uraufführte. Sie trug den Titel "Neun Kontrapunkte zum Thema Geschichte" und erweckte Interesse vor allem bei den Organen. Denn Reimann hatte eine Figur erfunden, die nicht nur "Der Zweifler" hieß, sondern sich auch so äußerte: "Und welche Idee ist es wert, dass einer zugrund geht für sie?" Das klingt uns heute nach nichts, war aber damals starker Tobak und brachte prompte Überprüfung durch die zuständigen Stellen ein, die ihrerseits als Schriftstellerkollegen getarnt waren. Die entscheidende Szene spielte in einem schönen Einfamilienhaus in Schleusig: Während dem damals krankheitsbedingt an Krücken gehenden Reimann oben im Wohnzimmer sein Text erläutert wurde und wie er ihn umzuschreiben hätte, erzählte mir im Keller des Hauses der 17 Jahre alte Sohn der Gastgeber von seinen Ausreiseplänen.- Der Originaltext der Kantate fand sich in einem der zahlreichen über Reimann angelegten Gauk-Aktenordner unlängst wieder an. Die entgratete Version allerdings kam zur Aufführung und brachte uns beiden ein Lob vom Deutschlandfunk wegen "differenzierter Geschichtsbetrachtung" ein, was weitere Aufführungen verhinderte.

Nach vielen Jahren erlebte diese zweite Kantate mit dem Titel "Leipziger Legende" im kleinen Saal des Gewandhauses ihre Uraufführung als Koproduktion des MDR und des DeutschlandRadio Köln. Die Kantate wird die dritte Stunde der "Langen Nacht" sein. Wichtig an der Arbeit war, dass sie für Jugendliche - sowohl als Publikum als auch als Ausführende - gedacht war. Als Partner fanden sich der Chor des Goerdeler-Gymnasiums Leipzig unter Leitung von Christine Artmann und das Orchester des Otto-Pankok-Gymnasiums Mühlheim/Ruhr unter der Leitung von Johannes Krauledat. Die jungen Leute, die zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung zwischen 4 und 6 Jahren alt waren, hatten genau die Vorurteilslosigkeit zum Thema, zur der wir Älteren wahrscheinlich nicht mehr vordringen werden. Inmitten der Kantate (die achtungsvollerweise mit einigen Bach-Zitaten bereichert worden ist) befinden sich mit den beiden Gesängen "Wenn" und "Regenbogenchoral" auch die beiden Piecen, die 1884 erstmals in der Nikolaikirche erklangen. Sie wurden schon damals von Angelika Wiedemann am Montag Abend gesungen, also zu einer Zeit, als das Wort "Montagsgebete" noch nicht im Umlauf war und weder Ruhm noch Landtagsmandate winkten. Die Kirche war also ziemlich leer.

In Reimann´s Kantatentext liest sich die Fortsetzung und das glückliche Ende der Geschichte so:

Mit "Gorbi, hilf!" sind wir hernach / vor Bullen und vor Hunden
geflohen unters Kirchendach / und haben uns gefunden.

Wir fanden unsre Sprache noch / die war verpackt in Sprüche
und krächzte schlimm und sagte doch / uns Witze vor und Flüche.

O nein, auf christlichem Geländ / die Flüche nicht gerade.
S´warn aus dem alten Testament / Zitate, bloß Zitate.

Was dann geschah, erinnerts gut / Ein Wunder scheint's bis heute:
Der Unmut selbst gebar den Mut / und das in Deutschland, Leute!

Wenn

Wenn ich das Haus nicht bau,
erschlagen mich nicht die Wänd,
wenn ich dem Frieden nicht trau,
bindet mir keiner die Händ,
wenn ich nicht aufsteh zur Früh,
stellt mir der Tag kein Bein,
wenn ich um nichts mich bemüh,
werde ich fehlerlos sein.

Wenn ich das Haus nicht bau,
hab ich kein Bett zur Nacht,
wenn ich dem Frieden nicht trau
beginne ich selber die Schlacht,
wenn ich nicht aufsteh zur früh,
dann ist der Tag vertan,
wenn ich mich nicht mehr bemüh,
enden die Irrtümer nie,
fange ich niemals mehr an.

Der Leipziger Ring

Wo breit eine Straße das Zentrum umgreift,
man nennt sie den Leipziger Ring,
dort hat einst die Stadt ihre Mauern geschleift,
als sie in die Vororte ging.

Die Burg, die noch lange am Pleißestrand stund,
ist später zum Rathaus mutiert.
Danach ging der Fluß in den Untergrund,
verschlammt und phenol-infiziert.

Auch ragt da am Ring ein gewaltiger Bau,
bedrohlich für jeden, der weiß:
Hier hausten die Typen in Müllrattengrau,
befallen von schnüffelndem Fleiß.

Doch all die Verfolger, verfolgungswahnblind,
lustwandeln jetzt fromm um Geviert.
Es lispeln die Linden vorm Haus so lind,
als wäre hier gar nichts passiert.

Der deutschen Geschichte vergeßlicher Geist,
der ist ein verläßlich Ding ...
So ist’s eine Straße von vielen, die heißt
seit ewig der Leipziger Ring.

Königskinder

Es waren zwei Königskinder,
die hatten einander so lieb.
Sie konnten zusammen nicht kommen.
Das Wasser war viel zu tief.

Das eine war rötlicher Färbung.
Dies kam von Gesinnung, nicht Scham.
Vermutlich ein Restchen Vererbung
von einem marxistischen Stamm.

Das andre war Markstein-Markierer
und fleißig und Wohlstand-besonnt.
Das erste war immer Verlierer.
Das zweite war immer James Bond.

Es schrieb das Verliererlein Briefe
und Jener, der immer gewinnt.
Die kamen leicht über die Tiefe:
Es war ja in ihnen viel Wind.

Sie schrieben, sie wären verpflichtet
aus Liebe zum Brückenschlag.
Und hatten sich eingerichtet
auf einen Sankt-Nimmerleins-Tag.

Da kam eine böse Muhme,
die war `ne verwunschene Fee,
halb Distel, halb Pusteblume,
die schubbste die zwei in den Klee.

Da sitzen sie nun auf den Sterzen
und schaun sich verdutzt ins Gesicht.
Sie möchten sich küssen und herzen,
aber sie wissen es nicht.

Derselbe Sessel - ein anderes Land
10 Jahre soll die Wende schon her sein? Dieser Wirrwarr aus Hoffnungen, Träumen, Utopien und knallharten Realitäten, der 17 Millionen Leben umgekrempelt hat und später als Fußnote der deutschen Nationalgeschichte wahrscheinlich kaum 20 Zeilen umfassen wird. Es ist mir nicht besonders angenehm, mich zu erinnern. Denn das ganze Beitrittsgebiet, anfangs "ehemalige DDR", jetzt "damals-bei-uns-in-der-DDR" genannt, wurde in den letzten Jahren kokongleich mit der Legende vom guten, schönen und einfachen Leben umsponnen. Auch in meinem Kopf.

Hilfreich gegen diese Mythenbildung ist nur die schonungslose Erinnerung, z. B. an volkseigene Konsumläden, links Rotkohl, rechts Weißkohl, Alkohol bis unters Dach, aber Milch ab 11 Uhr nicht mehr. Gut gegen die Rührung (ach ja, damals; weißt du noch...) sind auch DEFA-Spielfilme, die FDGB-Heime, Aufmärsche, Fahnen und Transparente ins Gedächtnis zurückbringen. Die schäbigen Bruchbuden ohne Bad und Fernheizung wären aus der Tiefe des Gedächtnisses zu entbergen. Die Braunkohlen -und Abgasgerüche nicht vergessen!
Am hilfreichsten aber ist mir die Erinnerung an die irrwitzige Militarisierung unseres Alltages, die in der 10. Klasse mit dem ersten Wehrlager anfing, mit dem "Ehrendienst" und den ständigen Bedrohungen durch Reservisteneinberufungen bis weit in die Berufstätigkeit hinein anhielt. Auch nützlich die Erinnerung an vier Wochen in Stiefeln mit scharfer Waffe im Matsch in Nirgendwo, weil die Brudervölker wieder zu heftig an den Ketten gezerrt hatten. Den Gaskrieg und Durch-Napalm-springen hatten wir schon vorher geübt...

Aber konkret. Was tat ich denn an diesem einmaligen Tag, der begann, wie Tausende vor ihm? Ich tat das Gleiche wie am Tag davor und davor und an den vielen, vielen Stunden und Tagen danach: ich saß vor der Glotze. Zwei Programme Ost und zwei Programme West ermöglichten es einigermaßen mitzukriegen, was läuft. Oder was laufen sollte. Die Frau und die Kinder reagierten auf meine ständigen Tag- und Nachtschichten auf dem Kanapee mit Unverständnis. Sie liefen jeden Montag mit um den Leipziger Ring und riefen den einen Spruch: Bumm - Bumm bumm bumm. Für die Kinder war es ein Abenteuer, mehr nicht.

Am Tag der Tage ging die Familie früh ins Bett. Außer mir. Ich zappte ein paar Mal hin und her und wusste dann, dass der Nachtschlaf kurz ausfallen würde. Schauderhafte und schöne Bilder ohne Ende, berauschend, einmalig! Am eindrucksvollsten war die Grenzöffnung zwischen Plauen und Hof, life im Westfernsehen zu besichtigen. Trabant (für Zugereiste: ein damals gebräuchliches Fahrzeug aus Pappe), also Trabant auf Trabant hoppelte im Schritttempo auf kaum befahrbaren Feldwegen auf die Tore der Grenzsicherungsanlage zu. Sie ballten sich zur Schlange und warteten die ganze Nacht ohne ein Wort oder eine Geste. Pünktlich früh um 7 oder um 8 stieg der erste Fahrer aus, klopfte an das von zwei zwanzigjährigen schwerbewaffneten Rotzlöffeln bewachte Grenztor und sagte im weichen Dialekt der Gegend: "In Berlin tanzn se schon auf dr Mauer. Nu macht ihr ooch ma uff!" So war es im Fernsehen zu schauen. Ich habe keine Ahnung, ob’s wirklich so war. Die Familie nahm beim Frühstück beiläufig Notiz. In der Schule fehlten 50 % der Lehrer und 80 % der Schüler. Die Geschäfte waren leer, Busse und Bahnen fuhren deutlich seltener als sonst. Ich war nur müde.

Ich hatte das andere Land zwei Jahre vorher schon besuchsweise erkunden dürfen. Das war 1986 während der ersten Münchener Opernbiennale, die der Komponist Hans Werner Henze ins Leben gerufen hatte. Wir drei jungen Leute waren als Delegation des Komponistenverbandes (Abt. Nachwuchsförderung) ohne einen Pfennig Geld losgeschickt worden. Die netten Mitarbeiter in München versorgten uns mit Lebensmitteln und besorgten Fahrkarten für den Nahverkehr.

Und auch diese Szene hat es wirklich gegeben: die nette Dame im Café des Pressebüros, die den Ossis Arbeitsstellen anbot, falls wer bleiben möchte. Bei mir waren zwei feste Stellen im Angebot (sofort) und eine war richtig attraktiv. Aber ich war gut erzogen und hatte Familie. Doch ich gestehe zugleich auch ein: Ich wollte gar nicht weg. Schon damals nicht. Obwohl das Land schon so marode war, dass die Kontroll- und Regulationsmechanismen zu versagen begannen. Im Februar 1988 begann ich mich dann ein bisschen um die Freiheit zu kümmern. Denn jeder meiner musikalischen Bekannten hatte schon einen Pass, sogar die Kollegen vom Free Jazz, die dem verblichenen Ländchen nun wirklich keinen Millimeter entgegengekommen waren. Ich hatte keinen und kam mir vor wie der letzte Idiot. Also stellte ich Anträge, viele und alle gleichzeitig - und vergaß sie. Doch dann wurde mir beiläufig mitgeteilt, dass ich meine Papiere bei der Polizei abholen könnte, es wäre alles in Ordnung. (Was?). Ich ging also zur Polizei, die in einem schönen Jugendstilhaus neben der jungen Gemeinde residierte und wartete.
Der Nächste bitte, das war ich.

Ich möchte einen Pass in den Westen / Todesfall, runder Geburtstag, Hochzeit?
Nein / Sondern? / Ich möchte nach Hamburg ins Theater

-Stille, lange Stille. Dann prustendes Gelächter und der Ruf: Erna, gomm mal her, hier will eener ins Deaddr. Die ganze Dienststelle lag krumm vor Lachen.
"Junger Mann", sagte schließlich eine Frau mit beeindruckenden Schulterstücken, "Deaddr brauchen se nich im Westen anguggen, das ham mir hier jeden Tach."

Ich bekam den Pass und wurde in Hamburg angesichts der Alster von einem würdigen alten Herrn gefragt, wie mir Deutschland gefalle. Meine Sprachlosigkeit darauf hält bis heute an. Die Frage ist es wirklich wert, gründlich bedacht zu werden.

Ich durfte dann 1988 noch mal raus, nämlich mal kurz für einen Tag in die selbständige politische Einheit, so hieß Berlin-W damals im Bonzenjargon. Ein entsprechendes Konto, so die Kollegen, sei da und dort am Bahnhof Zoo einzurichten. Kontoauszüge würden auf Wunsch nicht nachgesendet. Die beste aller Ehefrauen hatte mir aber ein Verbot mitgegeben: "Wenn Du drüben bleibst, lasse ich mich scheiden." So was wirkte. Bei Männern jedenfalls. Damals. Also kehrte ich in die verfallende August-Bebel-Str. nach Leipzig zurück. Damals hätte mir manches auffallen müssen, aber ich merkte nichts. Ich war jung, hatte Aufträge auf Jahre im Voraus und reichlich Geld. Nun konnte ich endlich auch die Statussymbole vorweisen, ausgerechnet Bananen fielen mir ein, die ich tütenweise aus Berlin anschleppte. Das Grollen der Lawinen vernahm ich nicht.

Und dann war die Mauer offen. Einfach so. Weil einer sich verquatscht hatte. Oder er hatte sich nicht verquatscht. Keine Ahnung. Der Zufall ist die Ergänzung der Notwendigkeit. Dieser Satz aus dem Rotlichtunterricht (lies: 6 Jahre "Staatsbürgerkunde" in der Penne, 8 Semester "Wissenschaftlicher Kommunismus" an der Uni) hatte mich schon immer geärgert, weil ich ihn dumm fand. Schabowskis Pressekonferenz schien ausgerechnet nach dieser These abzulaufen. Der Super-Extrawitz der Geschichte wird Ihnen präsentiert von Karl Marx.

Alles fuhr los gen Wessiland, Begrüßungsgeld abholen. Peinliche Szenen die Menge. Neugeborene und Sterbende: alle mussten mit, jeder Hundertmartkschein zählte. Auch wir waren unterwegs in einem so überfüllten Zug, dass die Angestellten der Reichsbahn mit Megaphonen außen vorbeiliefen und dem Publikum mitzuteilen: "Die Achsenlast dieses Zuges ist überschritten. Mitreisen auf eigene Gefahr." Der Zug brauchte sechs Stunden statt derer zwei nach Berlin. Unser großes Kind, ein damals 14jähriger Junge kaufte nichts und weinte abends, weil er nichts gekauft hatte: Er konnte sich zwischen all den Sachen einfach nicht entscheiden. Das kleine Kind, ein 10jähriges Mädchen kaufte sofort ein Skateboard für 99,90. Alles kostete 99,90. Oder 9,99. Prima billig. Und so schön bunt hier. Die Fahrt zurück (wieder 6 Stunden) war horrorhaft: betrunkene Väter, übermüdete, hungrige, ständig erbrechende Kinder, die über die Köpfe der überreizten Erwachsenen zur Toilette durchgereicht werden mussten: es war furchtbar. Nie wieder, sagte ich zu mit selbst und nahm wieder vor dem Fernseher Platz. Derselbe Sessel - ein anderes Land...

Die beste Ehefrau von allen ließ sich trotz Wende scheiden. Oder wegen der Wende. Ich floh die Stadt und verfiel meiner altneuen, neualten Hassliebe. Berlin hieß die schon immer und das war eine verkommene Göre mit großer Klappe, schlecht angezogen und sehr vorlaut. Witzig soll dieses permanente schlechtgelaunte Genöle angeblich sein, was der feingeistige Sachse zu recht nie verstehen wird. Der Rheinländer sowieso nicht. Keinem Bonner soll es schlechter gehen, steht auf einigen hängengebliebenen Wahlplakaten. Wenn die wüssten...

Und der Blick nach vorn? Die Feinde von einst sind C-4-Professoren geworden oder arbeitslos, die Freunde von einst kämpfen um die Verbeamtung oder sie schlagen sich halt so durch. Manche bauen. Alle reisen mehr oder weniger verschämt intensiv durch die Welt. Keiner liebt das neue Land, welches dabei ist, keine Nation mehr zu sein, sondern voreilig in irgendeinem Europa aufzugehen. Aber eindeutig gibt es mehr unendlich mehr Wendegewinne als Wendeverluste. Das Herz tut manchmal trotzdem weh. "Trinken Sie weniger" hat meine Ärztin dazu gesagt und mir nichts verschrieben. Das wäre auch eine Lösung.


Leipziger Legende
Leipziger Legende

Walter Thomas Heyn
geboren 1953 in Görlitz.
Studium an der Leipziger Hochschule für Musik, u. a. Komposition bei Prof. Siegfried Thiele, danach Meisterschüler an der Akademie der Künste Berlin bei Prof. Siegfried Matthus, zugleich an der Leipziger Musikhochschule Oberassistent für Tonsatz.
Seit 1988 freier Autor.
1991 – 1999 Cheflektor im Verlag Neue Musik Berlin.
Heyn ist Vorsitzender des Vereines der Komponisten und Musikwissenschaftler (VKM e.V.) und Leiter der Fachgruppe Musik der Künstlergilde Esslingen.

Preise
- 1978 / 80 Mendelssohn-Stipendiat des Ministeriums für Kultur - 1987 Hanns-Eisler-Preis ( für "3 Jiddische Gesänge") - 1991/93 Stipendiat der Körber-Stiftung Hamburg - (für die Oper "Die Bakchen des Euripides")

Werke (Auswahl)
- 4 Concerti Grossi für verschiedene Solisten und Orchester - 3 Opern, szenische Kammermusiken, Bühnen- und Hörspielmusik - Vokalzyklen nach Texten verschiedener Dichter (u.a. Achmatowa, Goethe, Fontane, Reimann) - zahlreiche Piecen der Kammermusik.


Nicht jeder Abschied macht klein
Nicht jeder Abschied macht klein

Nicht jeder Abschied macht klein
Barbara Kellerbauer
neuen deutschen volkes lieder
von Andreas Reimann & Walter Thomas Heyn

Hörbeispiel:

Die Frau trinkt Wodka

Links:

http://www.nmz.de
Die neue musikzeitung befasst sich in ihren monatlichen Ausgaben mit dem deutschen und internationalen Musikleben mit Hintergrundinformationen, Berichten und Recherchen zu Themen aus Oper und Konzert, Jazz und Pop, Kulturpolitik und Musikwirtschaft, Musikpädagogik und -wissenschaft, und vielem anderem mehr.

http://www.nmz.de/huflaikhan/inhalt.htm
Kritische Kommentare zum Zeitgeschehen, Bilderpassagen, Werkbesprechungen

http://www.nmz.de/taktlos/
taktlos - das Musikmagazin des Bayrischen Rundfunks und der neuen Musikzeitung

"Im Westen fühle ich mich nach wie vor wie im Ausland", sagt Barbara Kellerbauer und guckt in ihr Glas Rotwein. Wir sitzen in der "Nolle", die Sängerin aus Hellersdorf und die Journalistin aus Paris. Trotz später Stunde dröhnen draußen die Presslufthämmer am Bahnhof Friedrichstraße. Die Hauptstadt wird hergerichtet zu Ehren des Bonner Establishments und der "Berliner Republik". Bei allem äußeren Wandel aber doch keine Spur von Angleichung der Mentalitäten? "Wir werden nicht gebraucht", sagt die ehemals beliebte Sängerin und Fernsehmoderatorin des Ostens. "Die Medienmacher des Westens zeigen uns die kalte Schulter. Sie haben ihre eigenen Netze, brauchen keine Konkurrenz." Sie hat gelernt: Künstler aus dem Osten sind im Westen von vornherein als "staatsnah" verschrien, ein bequemes Argument, um unter sich zu bleiben. "Aber wie kann eine Stimme ›staatsnah‹ sein?" fragt die Mittfünfzigerin. Schade, sie gehört nicht zu den Puhdys, Pankow oder den anderen Ost-Rockgruppen, die in der ostdeutschen Provinz ihr Comeback feiern konnten. Sie singt Brecht, Heine oder Lieder von arbeitslosen Frauen mit trinkenden Männern und weiß nun, was es heißt, nicht mehr gefragt zu sein, zumindest im postmodernen Westen.
Aus: Freitag 04 , Brigitte Pätzold, Entdeckung der zwei Welten Blicke aus Paris - Der Ost-West-Dissens der Deutschen überrascht die Franzosen
Den vollständigen Artikel lesen Sie unter: http://www.freitag.de/1999/04/015.htm

Im Deutschlandfunk Köln ging vor einiger Zeit eine Produktion von Heine-Liedern zu Ende, die jetzt bei Kreuzberg Records auf CD erscheinen wird. Neben zwei Liedern von Barbara Kellerbauer und Helmut Frommhold stehen zwei ausgedehntere Zyklen der Berliner Komponisten Reiner Bredemeyer und Walter Thomas Heyn im Mittelpunkt der Produktion, letzterer hat Barbara Kellerbauer bei der Produktion auch auf der Gitarre begleitet.
http://www.verlag-neue-musik.de/heine.htm

Leipziger Bürgerinnen und Bürger, die 1989 nach den Friedensgebeten in der Nikolaikirche zu Hunderten, dann Tausenden und zuletzt zu Zehntausenden auf dem Leipziger Innenstadtring zogen, haben Geschichte geschrieben. Die Bilder von den "Montagsdemos" im Herbst 1989 gingen um die Welt. Mutig-verzweifelte Menschen riefen "Wir sind das Volk" und forderten demokratische Grundrechte in einer verkrusteten Gesellschaft ein. Seit 1991 hält Leipzig in den Oktobertagen die Ereignisse unter dem Motto "Aufbruch zur Demokratie" mit thematischen Diskussionen und einem Bürgerfest wach.

Eine Dekade nach Beginn der Friedlichen Revolution des Jahres 1989 und der bevorstehende Eintritt in ein neues Jahrtausend bieten in besonderer Weise Anlass, den grundlegenden demokratischen Veränderungen in der Gesellschaft nachzuspüren, Entwicklungen zu verdeutlichen und Fragen an die Zukunft zu stellen: Wo sind wir auf dem Weg zur Demokratie angekommen? Wie bewerten wir die Veränderungen, die in einer rastlosen Zeit Biografien auf den Kopf gestellt und das gesellschaftliche Fundament, aber auch privates Leben völlig neu geordnet haben? Vor diesem Hintergrund beteiligen sich mehr als 30 Leipziger Bürgervereine und -initiativen, Institutionen und Projektgruppen unter dem Dach der Stadt mit der Schlagzeile "Leipzig erinnert an den Herbst '89" an einer ganzjährigen Veranstaltungslandschaft. Sie umfasst bislang mehr als 50 Ausstellungen und Diskussionen, Aktionen im öffentlichen Raum und Kolloquien, Kunstereignisse und Schul-Workshops. Sie eröffnen Podien für individuelle Sichtweisen - kontrovers, unkonventionell, sachlich, kritisch, mahnend, mit unverstelltem Blick nach vorn. Eine Arbeitsgruppe "Zehn Jahre friedliche Revolution 1989" unter Leitung des Direktors des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig, Dr. Volker Rodekamp, koordiniert und vernetzt die vielfältigen, bereits entwickelten und noch hinzuwachsenden Aktivitäten - als Spiegelbild und Brennglas für Pluralismus und politische Kultur.

Die Erinnerungsarbeit bedeutet zugleich Chance und Impuls für die Zukunft. Leipzig tritt bei der Weltausstellung EXPO mit einem Motto an, das ursächlich mit dem Herbst 1989 korrespondiert: "Leipzig - den Wandel zeigen". Es ist Klammer für drei Projekte über Widerstand und Aufbruch, Landschaftssanierung und Stadtentwicklung in den zehn Jahren nach der friedlichen Revolution.
http://www.leipzig.de/amtsdaten/alle/amt.nsf/pages/herbst89-index

Andreas Reimann

Buchtipp:
Andreas Reimann
Das Sonettarium
Mit 12 Graphiken von Frank Ruddigkeit

Andreas Reimann, 1946 in Leipzig geboren, Schüler Georg Maurers, politischer Häftling, seit 1973 freischaffend als Schriftsteller, wurde in den 70er Jahren durch die beiden Gedichtbände "Die Weisheit des Fleisches" sowie "Das ganze halbe Leben" bekannt, machte sich einen Namen als Theaterautor und Texter für Stephan Krawczyk oder die Rockgruppe "Lift". Nicht zuletzt seinen kritischen Tönen ist es zu verdanken, dass es zwei Jahrzehnte gedauert hat, bis 1995 wieder ein Buch von ihm erscheinen konnte. Hier legen wir mit einer Sammlung seiner Sonette einen Band vor, von dem wir hoffen, dass durch ihn möglichst viele neue Leser den vielleicht verkanntesten Dichter unserer Tage entdecken.

Das sonettarium

Der worte sind genug verwechselt. Schaut:
auf der gebleckten zunge der belag
ist nicht des tabaks teerner niederschlag:
ich hab nur ums verrecken das gekaut,

was sprache hieß, damit ich nur die sätze,
wie ich sie meinte, durch die zähne ließ
und wörter hatte, frei von presse-krätze,
und nichts verhieß, und nicht den gries-schlamm pries.

Und dennoch sonne, großgeblüht, die nächtlich
herüberspiegelt: Dies hinwiederum
zu leugnen schamhaft, wäre selbstverächtlich...

Komm auf ein wort ins sonettarium!

Und was dir drin mißfällt, mein freund: bewein's!
Ansonsten: allen alles. Keinem keins.

Urlaubskarte

Ich bin in z., doch z. ist nicht bei mir
Bei mir ist r. Das heißt: Nicht ganz. Das heißt:
R. tut hier tun, als wäre sie nicht hier
Beziehungsweise hier, doch nicht verreist.

Und ist's ja nicht. Drum ist sie nicht ganz nah.
Und ich nur hier und nicht so ganz bei r.
Obzwar hier z. ist. Und das meer noch da.
Doch ohne r.?: Das meer gibt's auch nicht mehr.

Das also heißt (wenn ich mich recht versteh):
ich bin vermutlich auch noch nicht in z.,
da r. nicht z. zwecks z. und mir betritt.

Wenn ich die lage halbwegs überseh,
scheint mir der irrtum irgendwie komplett:
ich wollt zu r. nicht gehen, sondern: mit.

76 Seiten, schön gebunden, Fadenheftung, 28,- DM
ISBN 3-928833-32-4

mehr unter: http://www.cvb.de/VERLAG/lyrik.htm auf der Homepage der (virtuellen) Connewitzer Verlagsbuchhandlung

Archiv:
01./02.10.1999 - Die Lange Nacht über die Schicksalstage in Dresden und Leipzig ´89

Vorschau:
05./06.11.1999 - Auf der Kippe - Originaltöne zur Wende 1989/90

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