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 Lange Nacht
 Sendung vom: Samstag 7.11.1999   • 23:05

Originaltöne zur Wende 1989/90
Auf der Kippe

Aus: Bilderchronik der Wende
Moderation: Monika Künzel
Rainer Burchardt
Studiogäste: Alexander Osang
Jürgen Leinemann

Der Fall der Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten, zwischen zwei Weltsystemen am 9. November 1989 - heißersehnt oder zumindest erwünscht, aber von keinem tatsächlich für möglich gehalten. Wer erinnert sich an die Wochen davor? An den rasanten Wandel in den Monaten danach, der das Leben für manche wie Kino erscheinen ließ, für einige sogar mit Begrüßungsgeld am Einlaß?

Heute - im Rückblick - eröffnen Tonaufnahmen aus jenen Tagen teils überraschende, teils vergessene Momente: Euphorie, Hoffnung, Verunsicherung, Enttäuschung bei den "Bürgern" hüben wie drüben, beschämende Unbelehrbarkeit bei den meisten Machthabern des Übergangs. Agonie der Herrschaft - damals in verräterischen Floskeln und Forderungen dokumentiert - sind heute spannende Belege für diesen deutsch-deutschen Umbruch.

Aus zahllosen Sendestunden herausgefilterte Originaltöne zur deutschen Einheit spiegeln in Schlaglichtern aus Politik, Wirtschaft und Kultur die Stimmungslage der Nation 1989/90. Ergänzt wird dieses Kaleidoskop in der Langen Nacht durch persönliche Schilderungen und Interpretationen der Journalisten Jürgen Leinemann und Alexander Osang, Reiner Burchardt und Monika Künzel.

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Auf der Kippe Auf der Kippe, CD

Aus Anlaß des 10. Jahrestages des Mauerfalls nehmen wir die Collagen der historischen Originaltöne ins Programm: Diese Originaltöne zur Wende 1989/90 "Auf der Kippe" sind als Doppel-CD erhältlich :
DeutschlandRadio Marketing GmbH
Raderberggürtel 40
50968 Köln

 

Auf der Kippe - Originaltöne zur Wende 1989/90

Geschichte entsteht nicht primär durch Raum und Zeit. Es sind die Menschen, die Geschichte schaffen. Das gilt allgemein, vorrangig aber für die Zeitgeschichte, die Erlebnis, Erfahrung und Erinnerung vereinigt. Persönliche Erlebnisse sind deshalb wichtige Gedächtnisstützen für die Zeitgeschichte, vor allem in ihren Brennpunkten.

Der Fall der Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten, zwischen zwei Weltsystemen am 9. November 1989 ist ein solcher Fokus - heißersehnt oder zumindest erwünscht, aber von keinem tatsächlich für möglich gehalten. Wer erinnert sich an die Wochen davor? An den rasanten Wandel in den Monaten danach, der das Leben für manche wie Kino erscheinen ließ, für einige sogar mit Begrüßungsgeld am Einlaß?

Heute - im Rückblick - eröffnen Tonaufnahmen aus jenen Tagen teils überraschende, teils vergessene Momente. Euphorie, Hoffnung, Verunsicherung, Enttäuschung bei den "Bürgern" hüben wie drüben, beschämende Unbelehrbarkeit bei den meisten Machthabern des Übergangs. Agonie der Herrschaft - damals in verräterischen Floskeln und Forderungen dokumentiert - sind heute spannende Belege für diesen deutsch-deutschen Umbruch.

Aus zahllosen Sendestunden herausgefilterte Originaltöne zur deutschen Einheit spiegeln in Schlaglichtern aus Politik, Wirtschaft und Kultur die Stimmungslage der Nation 1989/90. Ergänzt wird dieses Kaleidoskop durch persönliche Schilderungen und Interpretationen der Journalisten Jürgen Leinemann und Alexander Osang, Rainer Burchardt und Monika Künzel.

    CD I
  1. Wir sind das Volk!
    HÖRBEISPIEL
    Eröffnungscollage
    Erich Honecker/ Karl Eduard v. Schnitzler/Straßenumfragen/Aktuelle Kamera/ Egon Krenz/ Gregor Gysi/ Stefan Hermlin/ Helmut Kohl/ Detlev Rohwedder/ Theo Waigel/ Norbert Blüm
  2. Gehen oder bleiben?
    Studiogespräch und O-Töne von DDR-Urlaubern in Ungarn im Sommer 1989
    Gerhard Schöne: "Das weiße Band" (Schöne/Schöne)
  3. Reisefreiheit oder Massenflucht?
    Gesprächsrunde mit Jürgen Leinemann und Alexander Osang zur politischen
    Situation in der DDR im Juli/September 1989
  4. "98 % treue Staatsbürger" und Botschaftsflüchtlinge
    O-Ton-Collage Straßenumfrage/Rudolf Seiters /Aktuelle Kamera / Karl Eduard v. Schnitzler
    SILLY: "S.O.S." (Haßbecker - Danz / Gundermann - Danz)
  5. Jubel und Ohnmacht
    O-Ton-Collage zum 7. Oktober 1989 (40. Jahrestag der DDR):
    Erich Honecker/ Aktuelle Kamera / Protokoll einer "Zuführung"
    Gesprächsrunde über die Versuche, die zerbröckelnde DDR-Staatsmacht zu erhalten
  6. 18. Oktober 1989 - Führungswechsel in der DDR
    Collage aus Antrittsrede Egon Krenz/ Erich Honecker/Aktuelle Kamera
    Straßenumfragen
  7. "Gib mir 'n Zeichen..."
    Die DDR-Rockgruppe PANKOW auf einem Festival in der Bundesrepublik/
    "Gib mir'n Zeichen"(Kirchmann/Herzberg)/"Stille"(Ehle/Klauke)/ "Ich bin bei Dir" (Kirchmann/Herzberg)/ "Langeweile" (Kirchmann/Herzberg)
  8. "... zu lange die alten Männer verehrt"
    Gesprächsrunde über die Endzeit- und Aufbruchsstimmung im Oktober/
    November 1989
  9. Verlorener Staat - verlorene Heimat?
    HÖRBEISPIEL
    O-Ton Collage Egon Krenz / Stefan Heym / Straßenumfrage/ Karl-Eduard v. Schnitzler
  10. Tor auf! Tor auf!
    HÖRBEISPIEL
    O-Ton -Collage zum Mauerfall am 9. November 1989 Günter Schabowski / Straßenumfragen/ DDR-Grenzbeamte /
    Deutschlandfunk-Nachrichten
  11. Tanz auf der Mauer
    Gesprächsrunde über den Mauerfall aus Ost- und Westperspektive
  12. Wiedersehen oder Wiedervereinigung?
    O-Ton-Collage zur Demonstration am 10.November 1989 vor dem
    HÖRBEISPIEL
    Schöneberger Rathaus
    Helmut Kohl / Willy Brandt / Straßenumfrage / Erich Mielke
  13. Deutschland, einig Vaterland?
    O-Ton-Collage zur Demonstration vor der Dresdner Frauenkirche am 19.12.89/ Straßenumfrage / Helmut Kohl
  14. In welcher Verfassung in die Zukunft?
    O-Ton-Collage Stefan Heym / Konrad Weiß / Runder Tisch / Christa Wolf / Gesprächsrunde über Realität und Alternativen
  15. Nichts bleibt geheim...
    O-Ton-Collage zur Stasi-Auflösung
    Aktuelle Kamera / Peter Michael Diestel
    Hans Eckhard Wenzel: "Nichts bleibt geheim" (Wenzel/Wenzel)
    CD II
  1. Winter 1989: Kinder in der Wende O-Ton-Collage Umfrage unter Jugendlichen / Käthe Reichel / SILLY: "Verlorene Kinder"(Barton - Danz / Gundermann - Danz) / Umfrage unter zurückgelassenen Kindern
  2. Gespaltene Gefühle
    Gesprächsrunde über die Zeit, in der "das Wort im Munde veraltete"
  3. Neuer Start in alten Kleidern
    O-Ton-Collage PDS
    Gregor Gysi / Helmut Kohl
  4. HERZBUBEN: "Der schönste Junge" (S.Krumbiegel/Lenk)
    HÖRBEISPIEL
  5. 18. März 1990 - Wahlen zur Volkskammer
    O-Ton-Collage Straßenumfragen zum Wahlkampf / Hans Modrow /Wahlspot Demokratischer Aufbruch / Willy Brandt / Wahlspot PDS / Umfrage zum Wahlergebnis
  6. Wende in der Wende Gesprächsrunde zum Wahlergebnis
  7. Neue Demokratie und Alltag
    O-Ton-Collage: Barbara Thalheim: Besuch Januar 1990 (Thalheim - Kross/ Kopka) Straßenumfragen zu Kaufverhalten / Kinderstimme / Rudolf Seiters zu den Modalitäten der bevorstehenden Währungsunion
  8. Pleiten, Pech und Pannen
    O-Ton-Collage: Absurdes aus der Volkskammer / Keimzeit:"Irrenhaus"
  9. Wenn die Mark nicht zu uns kommt,...
    Gesprächsrunde über den Sog der D-Mark
  10. 1. Juli 1990:- Währungsunion
    O-Ton-Collage Helmut Kohl / Straßenumfragen / Theo Waigel / Peter Ensikat
  11. Sommer 1990 - Volkseigentum und Treuhand
    O-Ton-Collage Detlev Rohwedder / Dr. Gebhardt, unabhängiger Wissenschaftler, über Holding, Treuhandgesellschaft undVolkseigentum /Arbeitsamt Dresden / Elisabeth Noelle-Neumann
  12. Aufbruch und Ernüchterung
    Gesprächsrunde über (Medien)wirklichkeit vor der Vereinigung
  13. Gemischte Ansichten vor der Vereinigung
    O-Ton-Collage Straßenumfrage / Helmut Kohl / Wolfgang Schäuble / Oskar Lafontaine / Theo Waigel
  14. Deutschland am Beginn eines langen europäischen Weges
    Gesprächsrunde zum Abschluß der Sendung
  15. Deutschlandfunk-Nachrichten vom 3. Oktober 1990


Wo die Mauer war
Wo die Mauer war
Where was the wall?

Die folgenden Bilder stammen aus dem Buch:

Wo die Mauer war
Where was the wall?

Nicolai Verlag, Berlin
Mit Fotos von Harry Hampel


Das Brandenburger Tor 1976 und 1998



Friedrichstrasse 1990: der letzte Tag des Kontrollhäuschchens Checkpoint Charlie und 1998 fotographiert von der selben Stelle



Blick auf Reichstag und Brandenburger Tor 1989 und 1990




Zeittafel der Wende

Februar 1989
Der Anfang vom Ende des Ostblocks
Das Zentralkomitee der ungarischen Unabhängigen Sozialistischen Arbeiterpartei (USAP) beschließt, das Machtmonopol der Kommunistischen Partei durch ein Mehrparteiensystem zu ersetzen und das Grenzsicherungssystem zu Österreich zu verändern. Ungarn beginnt mit weitreichenden demokratischen Reformen.

April 1989
Honecker will sozialistisches Gesellschftssystem verteidigen
Erich Honecker teilt den Ersten Sekretären der SED-Bezirksleitungen mit, daß die DDR alles tun werde, um "zur Verteidigung der sozialistischen Gesellschafts-verhältnisse in Ungarn" beizutragen.

Mai 1989
Der 'eiserne Vorhang' wird demontiert
Ungarische Grenzsoldaten durchtrennen den 'Eisernen Vorhang'. Die Demontage des Stacheldrahtzauns zu Österreich beginnt.

Juni 1989
Ungarn tritt der Genfer Flüchtlingskonvention bei
Der Beitritt Ungarns zur Genfer Flüchtlingskonvention ist vollzogen. Die Genfer Konvention untersagt es, Flüchtlinge in den Staat zurückzuschicken, aus dem sie geflohen waren. Im Ministerium für Staatssicherheit in Ost-Berlin löst der ungarische Beitritt zur Flüchtlingskonvention angesichts eines intensiven Reiseverkehrs von DDR-Bürgern in den sozialistischen "Bruderstaat" starke Beunruhigung aus.

August 1989
Beginn der Botschaftsbesetzungen
Etwa 200 DDR-Bürger flüchten in die bundesdeutschen Botschaft in Budapest. Auch in Prag, Warschau und in der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin suchen DDR-Bürger Zuflucht.
Am 19. August kommt es zur größten Massenflucht von DDR-Bürgern seit dem Mauerbau. Das Ungarische Demokratische Forum und weitere Oppositionsgruppen haben zu einem "paneuropäischen Picknick" an die ungarisch-österreichische Grenze bei Sopron geladen. Duch die symbolische Öffnung eines Grenztores und eine "einmalige Grenzüberschreitung" soll für ein geeintes Gesamteuropa demonstriert werden.Weit über 600 DDR-Bürger flüchten nach Österreich. Am 25. August empfangen Bundeskanzler Kohl und Außenminister Genscher den ungarischen Ministerpräsidenten Nemeth und Außenminister Horn zu einem Gespräch über das Flüchtlingsproblem. Drei Tage später verlautet aus dem ungarischen Außenministerium, das Flüchtlingsproblem werde "in kurzer Zeit" geregelt werden.

September 1989
Unabhängige Oppositionsgruppen gründen sich in der DDR
In ungarischen Auffanglagern warten mehr als 3.500 Ausreisewillige. In Bayern hat der Aufbau von Zeltstädten begonnen. Auch andere Bundesländer richten Unterkünfte ein. Am 10. September gestattet die ungarische Regierung ohne Abstimmung mit Ost-Berlin allen Fluchtwilligen die Ausreise in den Westen. Bis Ende September gelangen ca. 25.000 Übersiedler über die ungarisch-österreichische Grenze in den Westen. Die Bundesregierung erwartet, für die mehreren hundert DDR-Bürger in der deutschen Botschaft in Warschau bald eine Lösung zu finden. Problematisch ist die Situation in der Prager Botschaft, wo sich mehrere Tausend Menschen aufhalten. Am 30. September schließlich kann Bundesaußenminister Genscher den Prager Botschaftsflüchtlingen mitteilen, daß sie noch am gleichen Abend in die Bundesrepublik ausreisen dürfen. Diese Entscheidung, die von Erich Honecker persönlich gefällt wurde, gilt auch für die Flüchtlinge in der Warschauer Botschaft. Mit Sonderzügen der DDR-Reichsbahn kommen viele Tausend DDR-Flüchtlinge in die Bundesrepublik Deutschland. Nun ist es nur noch eine Frage der Zeit, daß es zum offenen Protest in der DDR kommt. Bereits Mitte September waren in Leipzig Hunderte von Demonstranten im Anschluß an das Friedensgebet in der Nikolaikirche auf die Straße gegangen. Oppositionelle gründen unabhängige Gruppen wie das "Neue Forum", "Demokratie Jetzt" oder den "Demokratischen Aufbruch".
In der letzten Septemberwoche, vierzehn Tage vor dem als Großveranstaltung geplanten 40.Jahrestag der DDR, weist Erich Honecker die Ersten Sekretäre der Bezirksleitungen an, "daß diese feindlichen Aktionen im Keime erstickt werden müssen..." An der Leipziger Montagsdemonstration am 25. September beteiligen sich mehr als 5.000 Menschen.

Oktober 1989
Weiter Massendemonstrationen - 40. Jahrestag der DDR-Gründung
In Leipzig demonstrieren nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche mehr als 20.000 Menschen für Reformen in der DDR. In Dresden kommt es vor dem Hauptbahnhof zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und rund 3.000 ausreisewilligen Menschen. Demonstrationen in Ost-Berlin, Leipzig, Dresden, Jena und Potsdam werden gewaltsam aufgelöst. Es ist der 7. Oktober, der 40. Jahrestag der DDR-Gründung. Michail Gorbatschow, der dem Festakt zur Staatsgründung in Ost-Berlin beiwohnt, setzt reformerische Akzente. Seine öffentliche Äußerung "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" wird als Hinweis an die SED-Spitze verstanden, endlich einen Erneuerungsprozess in der DDR einzuleiten. Die Anwendung staatlicher Gewalt gegen Demonstranten scheint trotz Gorbatschows Mahnung zu eskalieren. Stasi-Chef Mielke ordnet "volle Dienstbereitschaft" für alle Angehörigen des MfS sowie die Bereithaltung ausreichender Reservekräfte an. In Leipzig demonstrieren am 9. Oktober nach dem traditionellen Friedensgebet rund 70.000 Menschen für demokratische Erneuerungen; die Sicherheitskräfte greifen nicht ein. Am 12. Oktober fällt im Politbüro der Entschluß, Honecker zu stürzen. Der Staats- und Parteichef sagt eine geplante Auslandsreise ab. Auf der Politbüro-Sitzung am 17. Oktober schließlich stellt Willi Stoph den Antrag, Erich Honecker von sämtlichen Funktionen zu entbinden. Am Ende stimmt Honecker seiner eigenen Ablösung nach 18-jähriger Herrschaft zu. Auf der 9. Tagung des ZK am 18. Oktober wird Erich Honecker formal auf seinen Wunsch "aus gesundheitlichen Gründen" von seinen Funktionen (Generalsekretär des ZK, Mitglied des Politbüros, Vorsitzender des Staatsrates, Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates) entbunden. Egon Krenz wird zum Generalsekretär des ZK gewählt. Auch die bisherigen ZK-Sekretäre Günter Mittag und Joachim Herrmann verlieren ihren Sitz im Politbüro und ihre Funktionen. Bereits einen Tag später wird in einer Sitzung des DDR-Ministerrates der Innenminister beauftragt, "umgehend" einen Gesetzentwurf "über Reisen von Bürgern der DDR ins Ausland" vorzubereiten. Trotz des Machtwechsels im Politbüro breitet sich die Protestbewegung in der DDR weiter aus: in der letzten Oktoberwoche beteiligen sich mehr als eine Halbe Millionen Menschen an Demonstrationen gegen das SED-Regime. Der Staatsrat erläßt eine umfassende Amnestie für Demonstranten und Flüchtlinge. Der Druck von DDR-Flüchtlingen auf bundesdeutsche Botschaften steigt wieder an.

November 1989
Rücktritte im DDR-Politbüro und Öffnung der Mauer
Mehrere Politbüro-Mitglieder, unter anderem Stasi-Chef Erich Mielke, sowie der Vorsitzende des FDGB, Harry Tisch, der Vorsitzende der DDR-CDU, Gerald Götting und Margot Honecker als Volksbildungsministerin treten von ihren Ämtern zurück. Auf der bislang größten nicht von der SED veranstalteten Kundgebung in der DDR demonstrieren am 4. November in Ost-Berlin weit mehr als 500.000 Menschen für mehr Demokratie in der DDR. Schriftsteller wie Christa Wolf, Stefan Heym und Christoph Hein wenden sich an die Menge. Die Demonstranten fordern u. a. ein neues Reisegesetz ohne Einschränkungen. Am 7. 11. tritt die DDR-Regierung geschlossen zurück; am 8.11. das Politbüro. Einen Tag später, am Abend des 9. November, öffnet die DDR die Mauer, die Grenzübergänge zur Bundesrepublik Deutschland und nach West-Berlin. Nach 28 Jahren ist die Mauer faktisch gefallen. Tausende strömen in den Westteil der Stadt, werden von den Bundesbürgern begeistert empfangen. Bis zum Monatsende reisen Millionen aus der DDR in die Bundesrepublik. Hans Modrow, der neue Vorsitzende des DDR-Ministerrats, präsentiert der Volkskammer ein neues Kabinett. Die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten steht für die neue DDR- Regierung weiterhin nicht zur Diskussion. Kanzleramtsminister Rudolf Seiters kommt zu politischen Gesprächen nach Ost-Berlin. Auf Kundgebungen fordern die Bürger der DDR weiter demokratische Erneuerungen und die Wiedervereinigung: "Wir sind ein Volk", "Deutschland - einig Vaterland", so lauten die Parolen. In Bonn legt Bundeskanzler Kohl ein 10-Punkte-Programm zur Deutschlandpolitik vor. Endziel: ein Zustand des Friedens in Europa, in dem das deutsche Volk in freier Selbstbestimmung seine Einheit wieder erlangen kann. Namhafte Persönlichkeiten der DDR fordern mit dem Appell "Für unser Land" die Bewahrung der Eigenständigkeit der DDR.

Dezember 1989
Verzicht auf Führungsanspruch der SED - ZK und Politbüro treten zutück
Die Volkskammer beschließt, den in der Verfassung der DDR verankerten Führungsanspruch der SED zu streichen. Die Abgeordneten debattieren offen über Amtsmißbrauch, Korruption, Privilegien und Bereicherungen der ehemals führenden Altfunktionäre. Unter dem Druck anhaltender Massendemonstrationen treten das ZK und das neu gewählte Politbüro der SED mit Egon Krenz als Generalsekretär geschlossen zurück. Honecker, Mielke und andere werden förmlich aus der SED ausgeschlossen, andere ehemals führende Funktionäre werden verhaftet. Der Machtverfall der SED schreitet rapide voran. Egon Krenz erklärt seinen Rücktritt als Vorsitzender des Staatsrates und Vorsitzender des nationalen Verteidigungsrates. Am 6. Dezember beschließt der Staatsrat eine weitgehende Amnestie für Strafgefangene.
Ein außerordentlicher Parteitag der SED wählt Gregor Gysi zum neuen Vorsitzenden und beschließt die Umbenennung in SED-PDS ("Partei des demokratischen Sozialismus"). Der Ost-Berliner Generalstaatsanwalt leitet ein förmliches Ermittlungsverfahren gegen Honecker, Mielke, Stoph und andere Alt-Funktionäre ein. Hans Modrow und Rudolf Seiters beschließen die Einrichtung eines gemeinsamen Devisenfonds. Es beginnen erste Gespräche zwischen politischen Parteien und Oppositionsgruppen in Form sogenannter 'Runder Tische'. Am 19. Dezember trifft Bundeskanzler Kohl zu einem Besuch in Dresden ein. Im Anschluß an ihre Unterredungen verkünden Kohl und Modrow u. a., daß eine Vertragsgemeinschaft zwischen beiden Staaten für das Frühjahr 1990 in Aussicht genommen wird. Das Brandenburger Tor wird für den Besucherverkehr geöffnet. Fast 350.000 Übersiedler sind im Jahr 1989 aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland gekommen. In seiner Neujahrsansprache stellt Bundeskanzler Kohl die deutsche Einheit in den Gesamtrahmen der europäischen Einigungsbestrebung.

Januar 1990
Sturm auf die Stasi-Zentrale
Unter dem Druck der Opposition rückt Ministerpräsident Hans Modrow von seinen Plänen ab, einen Verfassungsschutz und einen Nachrichtendienst zu schaffen. Die bereits im Dezember 1989 beschlossene Auflösung des MfS-Nachfolgers "Amt für Nationale Sicherheit" ist noch nicht vollzogen. Am 15. 1. stürmen Demonstranten die ehemalige Stasi-Zentrale in der Ost-Berliner Normannenstraße und verwüsten sie teilweise. In zahlreichen Städten der DDR demonstrieren Hunderttausende gegen die "Resraurationspolitik der SED-PDS und ihres Sicherheitsapparates". Die konsequente Auflösung des Amtes für Nationale Sicherheit wird gefordert. Ende Januar zieht die DDR-CDU ihre drei Minister aus der Regierung Modrow zurück. Bei Verhandlungen zwischen dem Ministerpräsidenten und dem 'Runden Tisch' wird vereinbart, die Volkskammerwahl am 18. März - vorgezogen - durchzuführen. Die Lage der DDR-Wirtschaft verschlechtert sich durch Warnstreiks und Ausfälle kontinuierlich und soll durch die Bildung einer "Regierung der nationalen Verantwortung" stabilisiert werden. Die Sozialdemokratische Partei in der DDR beschließt ihre Umbenennung von SDP in SPD und bekennt sich - ähnlich wie die DDR-CDU - zur "Einheit der deutschen Nation".

Februar 1990
Sowjetunion akzeptiert nationale Einheit der Deutschen - Erste Schritte zur Wirtschafts- und Währungsunion
DDR-Ministerpräsident Modrow legt seine "Konzeption für den Weg zu einem einheitlichen Deutschland" vor. Die Volkskammer bestätigt die mit dem 'Runden Tisch' vereinbarte "Regierung der nationalen Verantwortung". Acht neue Minister ohne Geschäftsbereich werden in der Kabinettsliste aufgeführt. Beschlossen wird auch die uneingeschränkte Meinungs-, Informations- und Medienfreiheit. Fortan ist jede Zensur verboten. Fast alle Parteien in der DDR befürworten die deutsche Einheit. Die FDP der DDR konstituiert sich in Ost-Berlin; Grüne und Frauenverband schließen ein Wahlbündnis, die konservativen Parteien die "Allianz für Deutschland", die oppositionellen Bürgerrechtsbewegungen schließen sich zum Bündnis 90 zusammen. Am 10.Februar reisen Bundeskanzler Kohl und Außenminister Genscher zu einem Blitzbesuch nach Moskau. Sie erhalten Gorbatschows Zustimmung, daß die Sowjetunion die Entscheidung der Deutschen respektiert, in einem Staat zu leben. Die Außenminister der zwei deutschen Staaten und der vier alliierten Mächte stimmen darin überein, auf 2+4-Konferenzen die Aspekte der deutschen Wiedervereinigung sowie Sicherheitsfragen der Nachbarn zu erörtern. Die deutsche Frage ist wieder auf der Tagesordnung der internationalen Politik. Deutschland will NATO-Mitglied bleiben. Nach einem Gespräch mit seinem DDR-Amtskollegen warnt Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl vor einer schnellen Einführung der D-Mark in der DDR. Die Bundesregierung erklärt aber ihre Bereitschaft zu Verhandlungen mit der DDR über eine "Währungsunion mit Wirtschaftsreform".

März 1990
Sozialcharta und erste freie Volkskammer-Wahl
Der DDR-Ministerrat beschließt die Gründung einer Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung von Volkseigentum. Der 'Runde Tisch' verabschiedet eine Sozialcharta als Verhandlungsgrundlage für die deutsch-deutsche Wirtschafts- und Währungsunion. Das Recht auf Arbeit, Wohnen und Bildung, die Demokratisierung und Humanisierung des Arbeitslebens, die Gleichstellung von Mann und Frau sind u. a. als soziale Sicherheiten festzuschreiben. Am 7. März - auf ihrer letzten Sitzung vor der ersten freien Volkskammerwahl - billigt die Volkskammer die Sozialcharta mit großer Mehrheit. Der 'Runde Tisch' spricht sich auf seiner letzten Sitzung noch einmal gegen die Übertragung des Grundgesetzes durch den Beitritt der DDR aus. In Leipzig kommt es zur letzten Montagsdemonstration. In Ost-Berlin trifft sich die Expertenkommission Bundesrepublik Deutschland/DDR für die Währungsunion zu einer Beratungsrunde. Bundeskanzler Kohl erklärt bei einer Wahlkampfveranstaltung, kleinere Sparkonten in der DDR würden 1:1 umgestellt; weiter bekennt sich der Kanzler zum dauerhaften Bestand der polnischen Westgrenze. Bis unmittelbar vor der Volkskammerwahl hält der Strom von Übersiedlern aus der DDR in die Bundesrepublik an. Am 18. März finden die ersten freien Wahlen zur Volkskammer statt. Die Wahlbeteiligung liegt bei über 93 Prozent. Das konservative Wahlbündnis "Allianz für Deutschland" geht als Sieger hervor. Lothar de Maizière, der Vorsitzende der DDR-CDU, kandidiert für das Amt des Ministerpräsidenten in einer Koalition mit den Liberalen. Gregor Gysi wird zum Fraktionsvorsitzenden seiner Partei in der Volkskammer gewählt, Hans Modrow wird von der PDS-Fraktion als Kandidat für das Amt des Volkskammerpräsidenten vorgeschlagen. Die Volkskammerfraktion Bündnis 90/Grüne fordert eine Sicherheitsüberprüfung aller 400 Abgeordneten. Die Bundesregierung einigt sich darauf, daß eine Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion mit der DDR bis zur parlamentarischen Sommerpause erreicht werden soll. Bundesfinanzminister Theo Waigel erklärt, die Bundesregierung habe sich auf die Einführung der D-Mark in der DDR bis zu diesem Zeitpunkt eingerichtet. Die Deutsche Bundesbank plant bei der Einführung der D-Mark in der DDR ein Umtauschverhältnis von 2:1.

April 1990
Lothar de Maizière wird neuer Ministerpräsident - Prüfung von Stasi-Kontakten
Der Bundesbank-Vorschlag zur Konvertierung DDR- in D-Mark löst bei der Bevölkerung große Unruhe aus. Am 5. April konstituiert sich die erste frei gewählte Volkskammer; Lothar de Maizière wird mit der Regierungsbildung beauftragt, und am 12.4. zum Minister-präsidenten gewählt. Mehrheitlich stimmen die Volkskammer-Abgeordneten einem Beschluß über die Aufgaben eines zeitweiligen Prüfungsausschusses zu, der eventuelle Verbindungen der Abgeordneten zum frühreren Staatssicherheitsdienst überprüfen soll. Die Bundesregierung schlägt der DDR-Regierung am 23. April die Bildung einer Währungsunion mit einem Umtauschkurs von 1:1 für Löhne und Gehälter, Renten, Bargeld und Sparguthaben bis zu 4.000 Mark pro Person vor. Wenig später verabreden Kohl und de Maizière, daß die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion am 1. Juli 1990 in Kraft treten soll. Rudolf Seiters und der stellvertretende Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer verhandeln in Ost-Berlin über den Staatsvertrag. Ein außerordentlicher EG-Gipfel in Dublin endet mit einmütiger Zustimmung zur Vereinigung Deutschlands.

Mai 1990
Der Staatsvertrag tritt in Kraft
Erstmals seit 44 Jahren findet wieder eine gesamtdeutsche Maikundgebung statt. Der Vorstand der Einheitsgewerkschaft FDGB beschließt in der zweiten Maiwoche angesichts einer bevorstehenden Spaltung seine Auflösung. Wegen des zu erwartenden Anstiegs der Arbeitslosigkeit in der DDR nach der Währungsunion sagt die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit der DDR Unterstützung beim Aufbau von Arbeitsämtern zu. Die deutsch-deutsche Expertenkommission einigt sich auf einen Entwurf für den Staatsvertrag über die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion. Die Finanzierung des Staatsvertrages ist bis zum 14. Mai nicht vollständig geklärt. Bundeskanzler Helmut Kohl kündigt am 15. Mai an, daß noch 1990 gesamtdeutsche Wahlen stattfinden sollen. Bund und Länder einigen sich am 16. Mai endgültig auf ein gemeinsames Finanzierungsmodell für den Vereinigungsprozess und beschließen die Gründung eines "Fonds Deutsche Einheit" über 115 Milliarden Mark. Am 18. Mai wird der Staatsvertrag unterzeichnet. Der entscheidende Schritt zur staatlichen Einheit ist vollzogen.

Juni 1990
Dramatischer Anstieg der Arbeitslosenzahl in der DDR
Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl befürchtet im Zusammenhang mit den Kosten der deutschen Einheit Zinserhöhungen als "unausweichliche Konsequenz"; der DDR-Wirtschaftsminister soziale Unruhen. Die DDR sieht sich mit einem bis dahin unbekannten Phänomen konfrontiert: Anfang Juni gibt es mehr als 100.000 Arbeitslose. Der Ministerrat berät über ein neues Treuhandgesetz, das die Umwandlung von Kombinaten und volkseigenen Betrieben in Kapitalgesellschaften regelt. Der sowjetische Präsident Gorbatschow spricht sich nach einem Gipfeltreffen mit US-Präsident George Bush für eine möglichst gleichzeitige Lösung der inneren und äußeren Aspekte der deutschen Vereinigung aus: strittig ist immer noch die deutsche NATO-Mitgliedschaft. Die Nationale Volksarmee wird in eine Ausbildungs- und Basisarmee umgewandelt. Die Ausschüsse Deutsche Einheit von Volkskammer und Bundestag einigen sich auf eine Erklärung zur Anerkennung der polnischen Westgrenze. Das Ost-Berliner Kabinett kann sich noch nicht auf einen Termin für gesamtdeutsche Wahlen verständigen; es gibt unterschiedliche Auffassungen über das Tempo der politischen Vereinigung. Am 21. Juni stimmen beide deutsche Parlamente dem Staatsvertrag zu, einen Tag später auch der Bundesrat. Der alliierte Kontrollpunkt in Berlin, "Checkpoint Charlie" an der Friedrichstraße, wird im Beisein der Außenminister der vier Siegermächte beseitigt. Bundespräsident Richard von Weizsäcker plädiert für Berlin als Hauptstadt und Regierungssitz eines vereinigten Deutschlands.

Juli 1990
Termin für gesamtdeutsche Wahlen Deutschlands NATO-Mitgliedschaft Die D-Mark wird zum Zahlungsmittel in der DDR; die Währungsunion ist vollzogen.Mit einem Massenansturm auf westdeutsche Geschäfte reagieren DDR-Kunden am ersten verkaufsoffenen Samstag seit der Währungsumstellung auf vielfach überhöhte Preise und Angebotslücken in der DDR. Die Bonner Koalition aus CDU/CSU und FDP einigt sich auf den 2. Dezember als Termin für gesamtdeutsche Wahlen. Die Ost-CDU spricht sich dafür aus, daß es für die erste gesamtdeutsche Wahl zwei Wahlgebiete mit unterschiedlichen Wahlmodi geben soll. Der Streit in der Regierungskoalition um den Termin der deutschen Vereinigung verschärft sich; schließlich bricht die Regierung de Maizière auseinander. Die gemeinsam tagenden Parlamentsausschüsse Deutsche Einheit von Bundestag und Volkskammer verständigen sich in Bonn darauf, daß die gesamtdeutsche Wahl am 2. Dezember in einem Wahlgebiet und nach einem Wahlrecht stattfinden soll. Die liberalen Minister im Kabinett de Maizière signalisieren die Bereitschaft zu weiterer Mitarbeit, auch die Sozialdemokraten lenken ein. Ministerpräsident de Maizière schlägt vor, daß die Volkskammer noch vor den gesamtdeutschen Wahlen den Beitritt zur Bundesrepublik beschließt. Bundeskanzler Kohl reist Mitte Juli nach Moskau, um mit der sowjetischen Führung die noch offene Bündnisfrage eines vereinigten Deutschland zu klären. Ein Durchbruch gelingt; das geeinte Deutschland soll "selbst und frei" darüber entscheiden, welchem Bündnis es angehören möchte.

August 1990
Beitrittstermin 3. Oktober
Der Einigungsvertrag nimmt Konturen an. Von DDR-Seite wird unter anderem angestrebt, daß Berlin Hauptstadt und Regierungssitz des gesamtdeutschen Staates werden soll. Ministerpräsident Lothar de Maizière will nach einem Gespräch mit Bundeskanzler Helmut Kohl überraschend den Termin der gesamtdeutschen Wahlen vorverlegen. Wieder eskaliert in der DDR der Parteienstreit um den Wahltermin; de Maizière bildet sein Kabinett um. Die Ost-SPD steigt nach der Entlassung von Finanzminister Walter Romberg aus der Koalition aus und macht ihre Zustimmung zum Einigungsvertrag von sozialen Forderungen abhängig. Am 23. August beschließt die DDR-Volkskammer auf einer Sondersitzung den Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland zum 3.Oktober 1990. Entgegen den Entwürfen im Einigungsvertrag votiert die Volkskammer dafür, die Akten der Staatssicherheit auf dem Gebiet der DDR zu belassen. Der Bundestag verabschiedet - gegen die Stimmen der Grünen- den gesamtdeutschen Wahlvertrag. Am 31. August wird in Ost-Berlin der deutsch-deutsche Einigungsvertrag unterschrieben. Dieser zweite Staatsvertrag regelt Einzelheiten des DDR-Beitritts zur Bundesrepublik Deutschland. Der 3. Oktober wird gesetzlicher Feiertag als Tag der Deutschen Einheit.

September 1990
Deutschlandvertrag / Stasi-Akten
Die 2+4-Verhandlungen über die äußeren Aspekte der deutschen Vereinigung gehen in die letzte Phase. Am 12. September schließlich wird in Moskau der "Vertrag über die endgültige Regelung in bezug auf Deutschland" abgeschlossen. Er legt u. a. fest, daß die Rechte der Alliierten erlöschen und ein deutscher Staat seine volle Souveränität erhält. Bundesaußenminister Genscher betont nach der Unterzeichnung, dies sei eine historische Stunde für Europa und "eine glückliche Stunde für Deutschland". Eine Gruppe von Bürgerrechtlern besetzt seit Anfang September die ehemalige Stasi-Zentrale; die Bürgerrechtler fordern u. a. die Übergabe der Akten an die Betroffenen. Bonn und Ost-Berlin erzielen am 19. September eine Einigung über den künftigen Umgang mit Stasi-Unterlagen. Die DDR-Regierung ernennt Joachim Gauck zum Sonderbeauftragten für den Umgang mit Stasi-Akten. Am 20. September stimmen die beiden deutschen Parlamente in Bonn und Ost-Berlin dem Einigungsvertrag zu. Sozialdemokraten beider Teile Deutschlands beschließen auf getrennten Parteitagen ihre Vereinigung. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) löst sich als Dachverband endgültig selbst auf.

Oktober 1990
Deutschlands Wiedervereinigung

CDU-Verbände aus dem noch geteilten Deutschland schließen sich zu einer gesamtdeutschen CDU zusammen. Auf dem Vereinigungsparteitag in Hamburg wird Bundeskanzler Kohl mit einem Rekordergebnis zum ersten gesamtdeutschen Parteichef gewählt; Lothar de Maizière wird sein einziger Stellvertreter. Am 2. Oktober löst sich die DDR-Volkskammer mit einer Festsitzung auf. Mit der Verabschiedung der westalliierten Stadtkommandanten in Berlin wird nach 45 Jahren der Besatzungsstatus Berlins beendet. Senat und Magistrat von West- bzw. Ost-Berlin verabschieden eine gemeinsame Erklärung, in der es heißt: "Von morgen an ist das wiedervereinigte Berlin die Hauptstadt des vereinten Deutschland".In Berlin beginnt ein großes "Fest der Einheit" vor dem Reichstagsgebäude, das bis zum nächsten Tag dauert. Am 3. Oktober wird der Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes nach Art. 23 wirksam. Damit endet die Existenz der DDR. Nach 45 Jahren ist die staatliche Einheit Deutschlands wiederhergestellt.




Literaturtipps:

  • Hannes Bahrmann, Christoph Links
    Bilderchronik der Wende
    Erlebnisse aus der Zeit des Umbruchs 1989/90
    Ch. Links Verlag, Berlin 1999
  • Hannes Bahrmann, Christoph Links
    Chronik der Wende
    Die Ereignisse in der DDR zwischen 7. Oktober 1989 und 18. März 1990
    Ch. Links Verlag, Berlin 1999
  • Hans-Hermann Hertle, Kathrin Elsner
    Mein 9. November
    Der Tag, an dem die Mauer fiel
    Nicolai Verlag, Berlin 1999
  • Wo die Mauer war
    Where was the wall?

    Nicolai Verlag, Berlin
    Mit Fotos von Harry Hampel
  • Thomas Flemming, Hagen Koch
    Die Berliner Mauer
    Geschichte eines politischen Bauwerks
    be.bra Verlag, Berlin 1999
  • Hermann Glaser
    Die Mauer fiel, die Mauer steht
    Ein deutsches Lesebuch 1989 - 1999
    DTV, München 1999
  • Heinrich Senfft
    Die sogenannte Wiedervereinigung
    Rowohlt Berlin, 1999
  • Hans Pleschinski
    Ostsucht
    Ein Jugend im deutsch-deutschen Grenzland
    C.H. Beck, München 1999
  • Klaus Kordon
    Hundert Jahre & ein Sommer
    Beltz&Gelberg, 1999
    Kurz bevor das 20. Jahrhundert zu Ende geht schreibt die Studentin Eva Seemann einen langen Brief an ihre Ururgroßmutter. Eva weiß von dieser Hermine kaum mehr, als dass sie seit über fünfzig Jahren tot ist; es gibt nicht einmal mehr ein Grab. Aber eva beseitzt ein Foto von ihr, und der jungen Frau darauf fühlt sie siech merkwürdig nahe. "Liebes Minchen", beginnt Eva ihren Brief und erzählt vom letzten Sommer: wie sie und Grigorij sich ineinander verliebt haben, wie sie zum ersten man ihren Großvater Robert, Minchens Enkel, in Berlin besuchte und was sie über ihre Familiengeschichte herausgefunden hat. Großvater Robert, einst ein gefeierter DDR-Schriftsteller, lebt noch im selben Haus, in dem vor hundert Jahren das Dienstmädchen Hermine Seemann arbeitete und wohnte. Klaus Kordons Roman schlägt einen Bogen vom Kaiserreichen bis ins wiedervereinigte Deutschland. Aus der Geschihcte einer Familie und eines Hauses entsteht ein ebenso anschauliches wie tiefgreifendes Bild unseres Jahrhunderts. Ein Buch für Jugendliche - das insbesondere auch das Leben im geteilten Deutschland und die Geschichte des Mauerfalls spannend erzählt.
  • Jürgen Becker
    Aus der Geschichte der Trennung
    Suhrkamp, Frankfurt 1999
    Der erste Roman des Lyrikers Jürgen Becker wäre nicht entstanden ohne den Fall der mauer vor zehn Jahren, ohne Wiedervereinigung. Seitdem reist Jörn Winter, ein Mann Ende sechzig, in jedem Jahr hin und her zwischen Elbe und Oder, Rügen und Thüringer Wald. Magischer Anziehungspunkt ist der in der Mark Brandenburg gelegene Schwieloch-See, wo 1946 seine Mutter ums Leben gekommen ist. Fünfzig Jahre nach ihrem nie geklärten Tod findet er den Weg dorthin.

Links im DeutschlandRadio:

Museumstipp:

  • Deutsch-Deutsches Museum Mödlareuth

    Little Berlin - die Amerikaner nannten es "Little Berlin" - dieses 50-Seelen-Dorf, das als Symbol der Deutschen Teilung galt. Seit Gründung der beiden deutschen Staaten gehörte der Thüringische Teil des Ortes zum Territorium der DDR, die Bayerische Hälfte zu dem der Bundesrepublik. 1952 entstanden die ersten Grenzsperranlagen. 1966 erfolgte der Bau einer 700 m langen und 3,30 m hohen Betonmauer, die bis zur "Wende" 1989 das Dorf teilte.

    Im Freigelände sind große Teile der Sperranlagen im Original erhalten. Aufbau und Funktion des Grenzgebietes der DDR werden anschaulich demonstriert. Ein vier Kilometer langer Geschichts-Lehrpfad, eine Fahrzeugschau sowie erste Ausstellungsräume ergänzen das Freigelände. Bei Gruppenführuingen erfährt der Besucher alles über die historischen Hintergründe, über die Aufgaben der Grenzsicherungs- und Grenzüberwachungsorgane beider deutschen Staaten. Vor allem aber über die aßergewöhnlichen Lebensumstände, die im Grenzgebiet herrschten. Der Neubau eines Museumsgebäudes zur Präsentation der umfangreichen Sammlung ist in Planung.

    Anschrift: Deutsch-Deutsches Museum, Mödlareuth 13, 5183 Töpen
    Telefon: 092 95 / 1334
    Öffnungszeiten: Täglich von 9.00-18.00 Uhr
    Anfahrtsweg: A 72 Richtung Dresden, Ausfahrt Töpen

    Video-Tipps:

    • Fünf Wochen im Herbst
      Protokoll einer Revolution
      Eine zeitgeschichtliche Dokumentation über den Wandel in der DDR.
    • Der Fall der Mauer
      Eine zeitgeschichtliche Dokumentation zum 9. November 1989
    • Der Untergang der Stasi
      Ende eines Überwachungsstaates
    • Der Weg zur Einheit
      Vom Fall der Mauer bis zur Wiedervereinigung

    Diese vier Videodokumentationen sind bei Spiegel TV erschienen:
    Spiegel TV
    Postfach 10 58 40
    20039 Hamburg

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