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 Lange Nacht
 Sendung vom: Samstag 27.11.1999   • 23:05

Eine Lange Nacht über die Welt vor 1000 Jahren
Untergang verschoben
Weltuntergang
Moderation:  Dietrich Möller
 German Werth
Studiogäste:  Dr. Gisela Muschiol
 Prof. Helmut G. Walther
 Ekkehard Eickhoff

Ende 999 schien alles vorbei. "Wenn die tausend Jahre vollendet sind, wird der Satan aus seinem Gefängnis freigelassen. Und die Toten werden nach ihren Werken gerichtet." So der burgundische Mönch Rudulfus. Ein Beweisstück für die Endzeiterwartung um die Jahrtausendwende?

Die Historiker sind allerdings der Ansicht, daß es damals gar keine Ängste oder Panikstimmung, geschweige denn Erwartungsvorstellungen gab. Eine kalendarische Rechnung nach Jahren "nach Christi Geburt" war noch gar nicht üblich, die meisten Zeitgenossen wußten gar nicht, in welchem Jahr sie nun konkret lebten. Das Zeitbewußtsein wurde von den Jahreszeiten und vom kirchlichen Festkalender bestimmt, es gab keine Uhren, statt genauer Informationen eher Gerüchte "vom Hörensagen", Geschichte war Heilsgeschehen.

Apokalyptische Vorstellungen waren für den mittelalterlichen Menschen stets gegenwärtig, der Glaube an das Jüngste Gericht gehörte zum Alltag wie das Amen in der Kirche.

Wie Frauen und Männer um 1000 im "Heiligen Römischen Reich" lebten, was Bauern und Burgherren, Städter und Kirchenfürsten in ihrer Vorstellungs- und Lebenswelt einte und trennte - das ist das Thema der Langen Nacht "Untergang verschoben".

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Literaturliste:

  • Heribert Illig
    Das erfundene Mittelalter.
    Die größte Zeitfälschung der Geschichte
    Econ&List Verlag
  • Herbert Illig
    Wer hat an der Uhr gedreht?
    Wie 300 Jahre Geschichte gefälscht wurden.
    Econ&List Verlag
  • Ekkehard Eickhoff
    Kaiser Otto III.
    Die erste Jahrtausendwende und die Entfaltung Europas. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1999
    Kurz vor der Jahrtausendwende beschleunigte sich der gang der Geschichte. Polen und Ungarn, Island und Skandinavien schließen sich dem Abendland an. Das heutige Rußland und die Ukraine werden christianisiert. Wikinger besiedeln Grönland, stoßen bis nach Amerika und bis in die Arktis vor. Neues Wissen aus dem arabischen Spanien bereichert das christliche Abendland. Das historische Panorama, daß mit "Theophanu und der König" begann, setzt Ekkehard Eickhoff mit einer anschaulichen Schilderung der ersten Jahrtausendwende fort. Im Zentrum steht der hochgebildete Otto III.
    http://www.nzz.ch/online/
    02_dossiers/dossiers1999/buchmesse99/
    buch991012helbling.htm
  • Lothar Gall (Hrsg.)
    Das Jahrtausend im Spiegel der Jahrhundertenwenden
    Propyläen Verlag, Berlin 1999
    Der Jahrtausendwechsel wird als gigantisches Medienspektakel zelebriert. Doch unverkennbar gibt es hinter dem Pulverdampf der feuerwerke ein gesteigertes Interesse an den historischen Wurzeln unserer Zeit, die tief in dieses Jahrtausend zurückreichen. Vor dem Schritt ins nächste Millennium wollen wir wissen, woher wir kommen, welche Ereignisse und Ideen, welche Menschen und Lebensumstände unser heutiges dasein geprägt haben.
  • Enno Bünz (Hrsg)
    Der Tag X in der Geschichte. Erwartungen und Enttäuschungen seit tausend Jahren
    DVA 1997
  • Georges Duby
    Europa im Mittelalter
    Klett-Cotta Stuttgart 1984


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  • In 1000 Jahren ist alles vorbei Die Angst der Menschen war so groß wie nie zuvor: Blutrote Kometen drohten am Himmel, Hungersnöte quälten die Armen, und der Regen fiel wie bei der Sündflut. Manch einer glaubte sogar, Heere von Teufeln in den Wolken erspäht zu haben. Weil sich zu dieser Zeit die Geburt und der Tod unseres Herrn Jesus Christus am Kreuz zum tausendsten Male gejährt hatte, wurden alle diese Erscheinungen als Zeichen für den nahen Untergang der Welt genommen. Überall füllten verstörte Christen die Kirchen, verkauften ihr Hab und Gut, bereuten ihre Sünden. Aber der Tag mit der magischen Zahl ging vorüber, ohne daß die finsteren Prophezeiungen wahr wurden und die Erde in Trümmer fiel. Was ist also geschehen? Uns Wissende, die wir lesen und schreiben können, hat das nicht überrascht: Denn wer die Texte der Gelehrten genau studiert hat, der weiß, daß alle diese Unheilsboten nicht auf das Ende der Welt hindeuteten, sondern auf einen großen Entscheidungskampf zwischen den Mächten des Bösen und des Lichts. Nach einem furchtbaren Ringen, so prophezeit etwa Methodios, werde das Gute dann siegen. Und es werde die tausendjährige Herrschaft eines gewaltigen Kaisers beginnen, der dieser Welt Frieden und Wohlergehen bringt. Stehen wir jetzt also am blutigen Anfang dieser Friedenszeit? Ja, sage ich, und noch mal ja. Denn sind die Horden der sarazenischen Ungläubigen, die das Heilige Grab schänden und die gesamte Christenheit bedrohen, nicht die Kräfte der Finsternis? Und ist nicht das Volk Gottes aufgerufen, unter der Führung eines mächtigen Herrschers diese Horden des Bösen zu vernichten und das christliche Friedensreich aufzurichten, das tausend Jahre währt? Erst dann, wenn das Jahr 2000 zu seinem Ende gekommen ist, hat die Menschheit Grund zu zittern. Denn dann, so sagen uns unzweifelhaft die Kirchenlehrer, wird der Antichrist auftreten, dieses schreckliche Tier mit sieben Köpfen und zehn Hörnern, dieser Sohn des Teufels und einer babylonischen Hure. Und viele laue Christen werden seinetwegen vom wahren Glauben abfallen. Doch wehe ihnen! Denn eben in diesem Augenblick, in dem der Antichrist sich des Sieges sicher glaubt, wird beim Schall der Posaunen Jesus aus den Wolken herniederfahren, seinen Widersacher besiegen und die Gerechten ins himmlische Jerusalem aufnehmen. Die reuelosen Sünder jedoch werden hinabstürzen in die ewige Verdammnis des Höllenfeuers. Dann wird das Ende aller Zeiten wirklich da sein. Doch bis dahin, Brüder im Glauben, laßt uns Gott preisen, neue Kirchen bauen und - der Kaiser voran - die Ungläubigen schlagen, wo auch immer wir sie treffen!
    Anno Domini 1035
    Rodulfus Glaber
    aus: http://www.stern.de/millennium/
    1999/27/millennium.html
    - dort können Sie weiterlesen, zu jedem Jahrhundert eine STERN-Millennium-Sonderausgabe
    Zehn Wochen lang bot der STERN so ein historisches Beiboot an - zehn Ausgaben , im Internet nachzulesen, als hätte es den STERN schon seit tausend Jahren gegeben. Anlaß dieser Reihe ist der bevorstehende Wechsel ins nächste Millennium, das nicht nur bei uns das Interesse für Historisches verstärkt hat. Was für eine Geschichte hätte unser Reporter im elften Jahrhundert von den Kreuzzügen mitgebracht? Über welche Prominenten wäre im 16. Jahrhundert berichtet worden? Was hätte der auf Elba internierte Napoleon unserem Interviewer erzählt? Solche Fragen wollen wir beantworten, wissenschaftlich fundiert und - keiner kann Napoleon mehr interviewen - mit historisch untermauerter Phantasie.
  • Mehr über Dr. Gisela Muschiol
    http://www.erz.uni-hannover.de/~itr/muschiol.htm
  • http://www.geo.de/magazin/epoche/02.html
  • http://www.tempus-vivit.net/
    Willkommen zu Tempus vivit! Die Adresse für die Mittelalter-Szene in Deutschland
  • http://www.mittelalter.net/nobilitas/mainframe.html
    Nobilitas ist ein Verein zur Darstellung mittelalterlichen Lebens und höfischer Kultur mit Sitz in Hofheim am Taunus. Die Begeisterung der Mitglieder für das Mittelalter entstand auf die unterschiedlichste Weise und aus den verschiedensten Gründen, z. B. über ein Geschichtsstudium, den aktiven Einstieg in ein Handwerk, dem Wunsch echte Geschichte erlebbar zu machen.
  • http://www.geocities.com/Baja/Trails/2276/
    Die Vaganten, eine Mittelaltergruppe aus dem Rheinland
  • http://www.cultconcept.de/mittelalter/mp3.htm
    Seite mit mp3-kodierten Klangbeispielen mittelalterlicher Musik zum Anhören oder Herunterladen


Ekkehard Eickhoff

Um die erste Jahrtausendwende sind im heutigen Deutschland - damals dem säschisch-ostfränkischen Reich - bemerkenswerte Veränderungen im Gange. Das Lehenswesen entfaltet sich. In der Landwirtschaft kommen wirksamere Anbaumethoden in Gebrauch: Neuartige Geschirre steigern die Zugkraft von Ochsen und Pferden. In den Mittelgebirgen entstehen große Rodungen. Eine wachsende Bevölkerung kann damit ernährt werden. Überall zeigen neue Burgen und Kirchen die Vergrößerung und Vermehrung von Siedlungen an. Noch findet man richtige Städte mit einem ummauerten, volkreichen Stadtkern nur in Köln, Mainz und Regensburg. Aber "frühstädtische" Siedlungen mit Bischofskirche, Bischofsburg und Markt, mit einem Kaufmannsquartier, mit Handwerkerwohnungen und -werkstätten bilden den Kern künftiger Städte. Oft nehmen sie den Platz alter Römerstädte am Rhein und südlich der Donau ein, manche - wie Frankfurt am Main und Aachen - bilden sich um die großen Pfalzen des Königs.

In den Außenräumen im Osten und Norden Europas vollzieht sich in den letzten Jahren des alten Jahrtausends ein stürmischer Wandel: In Polen und im riesigen Herrschaftsraum der Rus von Kiew und Nowgorod (dem künftigen Russland) richtet die Kirche sich ein, nach lateinischem Ritus in Polen, nach griechischem in Ritus in Kiew. In Norwegen, Schweden und Ungarn setzen die Könige gleichzeitig und oft mit sehr rauhen Methoden das Christentum durch. In Island entscheidet das Althing, die alljährliche gesetzgebende Versammlung der freien Großbauern, sich ohne Blutvergiessen zur Taufe. Natürlich wird es noch lange dauern, bis der neue Glaube mehr als rein äußerlich in die bäuerliche Bevölkerung eindringt. Aber mit dem Einzug der Kirche in diese Länder gewinnen diese direkten Anschluss an die Kultur der Mittelmeerwelt und das geistige Erbe der Antike, das durch Klöster und Domschulen durch das Latein, die einheitliche Bildungssprache des Mittelalters, vermittelt wird. Deutlicher als zuvor zeichnet sich das Werden neuer Nationen in Ost- und Ostmitteleuropa ab. Zusammen mit den skandinavischen Königreichen werden sie Mitglieder der europäischen Völkerfamilie. Durch die kirchliche Ausrichtung auf Rom hat das christliche Abendland ein gemeinsames Zentrum, jeder Zuwachse an theoretischem Wissen wird durch die großen Dom- oder Klosterschulen weit verbreitet. Vor allem naturwissenschaftliche Kenntnisse aus der Antike, von den Arabern übersetzt und vermittelt, dringt aus dem maurischen Spanien und über die Bibliotheken im christlichen Nordsaum der Iberischen Halbinsel ein. Erstaunliche mathematische, astronomische und kosmologische Einsichten zählen dazu. Die stürmische Ausbreitung der Mission und Zugewinne der Wissenschaft finden in dem römischen Kaiser der Jahrtausendwende, dem jungen, genialen und neuerungsfreudigen Sachsen Otto III. und seinem Partner Gergert von Aurillac (als Papst Silvester II.) weitsichtige und energische Förderer. Gerbert gilt mit Recht als der bedeutendste Gelehrte seiner Generation. So wird die Angst vor einem irgendwann, sehr bald oder erst in Jahrzehnten, bevorstehenden Weltgericht in eine dynamische Kraft des Wandels umgesetzt.

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