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 Lange Nacht


Archiv 1998 - 1999
-> Die Lange Nacht der Dummheit
Dagegen ist kein Kraut gewachsen

Der Dummen sind mehr, als man denkt. Vielleicht ist das der Grund, weshalb sich kluge Menschen aller Zeiten mit tiefsinnigen Erörterungen über die Dummheit ein wenig zurückgehalten haben. Sie wußten, wie zum Beispiel Rober Musil einräumt, daß wir "gelegentlich alle dumm" sind. Außerdem schließen Bildung, berufliche und gesellschaftliche Stellung Dummheit keineswegs aus, sondern scheinen sie oft sogar zu ermutigen. Sie machen sicher und "einwandsimmun". So ist es angebracht, sein Licht demonstrativ unter den Scheffel zu stellen. Dann macht das Lästern über die Dummheit der anderen erst richtig Spaß, besonders zu Wahlkampfzeiten, in denen die vermeitlich Klügeren "uns" für dumm verkaufen wollen. In der Langen Nacht gilt: keine Dummheiten machen, aber darüber gesprochen werden darf allemal.

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-> Aktuelle Lange Nacht
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-> Oktober 1998
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-> Juni 1999
-> Juli 1999
-> August 1999
-> September 1999
-> Oktober 1999
-> November 1999
-> Dezember 1999
-> Die Lange Nacht der drei starken Frauen
Ginzburg - Morante - Ortese

Sie waren fast Altersgenossinnen, sie haben einander gekannt und - aus der Entfernung - geschätzt. Natalia Ginzburg, Elsa Morante und Anna Maria Ortese, drei der bedeutendsten italienischen Autorinnen der Nachkriegszeit. Natalia Ginzburg: ihre Geschichten beschreiben lakonisch die Verdrängungen, die Leiden und die Langeweile der bürgerlichen Gesellschaft. Die Ginzburg, eine öffentliche Figur und eine Instanz, am Ende gar als Senatorin der italienischen Republik. Elsa Morante: schon als junges Mädchen begann sie zu schreiben, mit nur 22Jahren erschien ihr erstes Buch, mit dem Roman "Lüge und Zauberei" wurde sie 1948 berühmt. Anna Maria Ortese: eine reine Autodidaktin, die 1937 - beinahe unbeachtet - ihr erstes Buch herausbrachte. Viele ihrer Bücher blieben bloße Achtungserfolge, erst mit "Die Klage des Distelfinken" erfuhr sie 79-jährig die lange verdiente Anerkennung.

-> Die Lange Nacht der Amerikanischen Dämmerung
American Dusk

Im Zentrum dieses dreiteiligen Hörstücks steht die Erfahrung der Grenze, der Endlichkeit im mittelbaren wie im unmittelbaren Sinn.
American Dusk ist eine Montage aus Originaltönen, Musik und Interviews, die an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, in Waco sowie im Todestrakt von Ellis Unit geführt wurden.

 
-> 2./3.10.98 - Die Lange Nacht der Schweizer Literatur
Hoher Himmel, enges Tal

Uhren, Käse, Pünktlichkeit, Banken, Schokolade, Sauberkeit. Ist das die Schweiz? Natürlich nicht. Das wird das kleine Vielvölkerland im Herzen Europas leicht beweisen können: auf der Buchmesse in Frankfurt. Dort ist die Schweiz das diesjährige Gastland. Bodsenständig, verspielt, kritisch - die Schweizer Literatur bewegt sich zwischen Heimatliebe und Freiheitsdrang. Denn wo die Berge hoch sind, will man drüber schauen, und enge Täler sprengt man nur mit Phantasie. Zu welchen Erkenntnissen man da kommt? Sechs Autorinnen und Autoren der deutschsprachigen Schweitz geben in Lesungen und Gesprächen darüber Auskunf: Thomas Hürlimann, Zoë Jenny, Hugo Loetscher, Adolf Muschg, Erica Pedretti und Urs Widmer. Dazu Musik vom Zürcher Kur- und Badorchesterund alles live aus dem Kölner Gloria.

-> 9./10.10.98 - Edith Piaf und Jacques Brel in einer Langen Nacht
Spar deinen Schmerz nicht auf für morgen

Für sie war die Liebe das unerreichbare vie en rose, für ihn die Gewißheit des nächsten Krieges. Sie feierte die Revolution mit einem lauten ca ira, er stellte nüchtern fest, daß der Sturm auf die Bastille nichts gebracht hat und daß kein Traum bewaffnete Aktionen wert ist ...
So unterschiedlich die Lieder von Edith Piaf und Jacques Brel auch sind, die Intensität ihres Singens und Lebens, die Bereitschaft, auch den ASchmerz anzunehmen, verbindet sie. Und beide starben im Oktober: er am neunten vor 20 Jahren, sie am zehnten vor 35 Jahren.
Eine Nacht lang erinnern wir an die beiden wohl größten Chansonstars des Jahrhunderts - mit vielen Originalaufnahmen und in Gesprächen mit Freunden und Weggefährten. Gast im Studio ist Gisela May, die nach einer Weltkarriere mit Brecht-Songs jetzt eine CDmit Jacques-Brel-Titeln in deutschen Nachdichtungen herausbrachte.

-> 16./17.10.98 - Die Lange Nacht vom Abschied
Ich ging, du standst und sahst zur Erden

"Wir wollen niemals auseinander gehen" - diese Schlagerzeile traf einst mitten ins Herz der verliebten Paare, die im Überschwang der Gefühle natürlich nicht im Traum an Trennung dachten. Doch auch schon damals sah die Realität oft anders aus. Bei Verheirateten führt die Trennung - in der Regel - zur Scheidung. Und daaus wird, nicht selten, ein regelrechter Scheidungskrieg. Da geht es meist nur noch um eines: Geld. Gefühle sollten bei Trennungen manchmal auch noch im Spiel sein, vor allem dann, wenn es kein Abschied für immer ist, am Bahnsteig etwa oder auf dem Flughafen. Oder am Ende eines Berufslebens, wenn man sich in den Ruhestand verabschiedet. Und den Zurückgebliebenen versichert, man sei ja nicht aus der Welt. Nach Trennung oder Scheidung will man in "Kontakt" bleiben, wohl um den Schmerz erträglicher zu machen. Goethe hat sie und beschrieben, die Wechselbäder der Gefühle, so in seinem Gedicht "Willkommen und Abschied": "... Ich ging, du standst und sahst zu Erden und sahst mir nach mit nassem Blick".

-> 23./24.10.98 - Eine Lange Nacht mit
osteuropäischen Frauen
Schwestern, zur Sonne, zur Freiheit ...

Warum gibt es unter den Schwestern in Warschau, Minsk, Kiew oder Sankt Petersburg keine Alice Schwarzer? Brauchen Sie keine, weil sie schon so emanzipiert sind? Kinder, Küche, Job bringen sie seit Jahrzehnten schon unter einen Hut, auch wenn das dritte K, die Karriere, meist auf der Strecke bleibt. Warum sind vor allem sie die Klempnerinnen der Gesellschaft, retten, was kaum noch zu retten ist? Warum gibt es Soldatenmütter und keine Väter, warum gibt es "Frauen gegen Drogen" und keine Männer? Wer macht aus den kleinen Paschas waschechte Patriache? Warum sind nur ganze Kerls Männer? Müssen sich die Emanzen aus dem Westen von den viel "weiblicheren" Frauen des Ostens eine Scheibe abschneiden?

Zu den Verschiedenheiten beim kleinen Unterschied, zum Verhältnis der Geschlechter in Ost und West eine Lange Nacht mit Reportagen und Studiogästen: Gerd Ruge, Fernsehkorrespondent in Rußland, Anna Köberling, Autorin ("Das Klischee der Sowjetfrau") und Larissa Lissjutkina, Soziologin.

-> 30./31.10.98 - Eine Lange Nacht mit dem Weltenbummler Ernst Schnabel
Interview mit einem Stern ...

"Wir leben in einem Land und in einer Zeit der Massenmedien, die die Minderheiten der Neugierigen, der geisstig Aktiven, der Fragenden, der Zweifelnden, der Unersättlichen (was die Befriedigung hoher Ansprüche betrifft) einfach außer Betracht lassen." Ernst Schnabel schrieb dies - einer der (kulturellen) Größen des Rundfunks in Deutschland, maßgeblich beteiligt an der Gründung des legendären "Nachtprogramms im NWDR". Er war Wegbereiter des deutschen Hörspiel-Features, Autor von annähernd zwanzig großen Radioproduktionen, Dramaturg solch wirkungsreicher Stücke, wie Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür", Programmleiter der "Gruppe Wort" des NWDR, kurzzeitig sein Intendant - vor allem war er freier Schriftsteller. Seine Reisebücher, seine Romane, seine Erzählungen sind vergriffen. Seine dokumentarischen Rundfunkwerke indessen werden mit historischer Entfernung immer bedeutsamer. "Der 29. Januar 1947" und "Anne Frank - Spur eines Kindes" sind nur die bekanntesten jener Titel, die in dieser Klangreise durch das radiophone Werk Ernst Schnabels, eine Werkschau für die Ohren zur Erinnerung an einen der eigenwilligsten Kreativen des (derzeit jubilierenden) deutschen Rundfunks - arrangiert von Karl Karst.  

-> 6. / 7.11.98 - Eine Lange Nacht über Deutsche am Westrand Europas
Serenata a Lisboa

Lissabon gilt als eine der schönsten Städte Europas, aber deswegen leben sie nicht dort: Drei deutsche Frauen und ein Mann kamen vor gut zwanzig Jahren aus politischem Idealismus in das Land am Westrand Europas. Damals, 1974, fand hier die Nelkenrevolution statt, mit der Portugal auf einen Schlag von einer feudalistischen Gesellschaft zu einer sozialistisch geprägten Demokratie wurde. Aus Liebe ließen sie sich nieder. Aber warum blieben sie, als die Liebe vorbei war? Saudade, sagt Karin Ferreiras-Sousa, diese undefinierbare portugiesische Sehnsucht, diese Schwermut, ist dem deutschen Hang zu Nachdenklichkeit und Grübelei nicht ganz unähnlich. Nur läßt sich die Saudade, weil gepaart mit dem Mut zur Unvollkommenheit, besser ertragen. Überhaupt, sagt Reiner Dänhardt, Sproß einer seit 200 Jahren in Lissabon ansässigen Familie österreichisch-deutscher Konsuln, überhaupt gibt es kein Volk in Europa, das den Deutschen mehr verbunden wäre als die Portugiesen...
Eine Lange Nacht mit Geschichten über fünf Deutsche in Lissabon, mit Musik und Beiträgen über die Stadt und das Leben dort.


-> 13. / 14.11.98 - Die Lange Nacht der Tagebücher
Die Kleider unserer Seele sind die Tage

Tagebücher, dieses intimste Festhalten des Augenblicks, ungefiltert, ohne Blick auf Leserinnen und Leser, ziehen immer wieder nicht nur Historiker oder Literaturwissenschaftler in ihren Bann. Banales und Weltliteratur entstand in Tagebüchern. All das Vergangene, Alltag und "große Geschichte" werden in den Aufzeichnungen erfahr- und erinnerbar. Die Lange Nacht der Tagebücher, eine Reise durch die Geschichte dieses Jahrhunderts, aber auch eine Reise in Geheimes und Verborgenes von Zeitgenossen.

-> 27./28.11.98 - Arno Schmidt in einer Langen Nacht
Geräusche aus dem Zettelkasten
Moderation: Jörg Drews
Studiogäste: Klaus Buhlert, Bernd Rauschenbach, Ulrich Wildgruber

Arno Schmidt hat häufig im Radio gelesen und somit die akustische Darstellung seiner Texte gebilligt. Der Hörer macht die Erfahrung, daß Schmidts Texte alles andere als spröde oder schwer verständlich sind, egal, wie abweisend das Druckbild mit den vielen Satzzeichen auch wirken mag. Er hört die Musikalität seiner Sprache, hört, wie lebendig und nah am gesprochenen Wort sie klingt. Es soll Schmidt-Leser geben, die - nachdem sie eine Schmidt-Lesung gehört haben - ihre Schmidt-Lektüre daheim laut fortsetzen.

Mit dem Schauspieler Ulrich Wildgruber realisiert Komponist und Regisseur Klaus Buhlert ein ehrgeiziges und anspruchsvolles Unterfangen: Arno Schmidts Trilogie "Nobodaddy's Kinder" als Radiofassung. Ermöglicht eine akustische Umsetzung einen zusätzlichen Werkzugang? Eine der Fragen, die der Literaturwissenschaftler Jörg Drews mit Klaus Buhlert, Ulrich Wildgruber und Bernd Rauschenbach (Arno Schmidt Stiftung) anhand zahlreicher Klangbeispiele und Lesungen diskutiert.

 
-> 04./05.12.1998 - Eine Lange zum 80. Geburtstag von Alexander Solschenizyn
Kerze im Wind
Moderation: Dietrich Möller, German Werth
Studiogäste: Prof. Jefim Etkind, Elisabeth Markstein, Dr. Klaus Waschik

Als das Nobelpreiskomittee im Oktober 1970 den Preisträger in der Sparte Literatur bekanntgab, wurde dem so Geehrten die Ausreise aus der Sowjetunion verweigert; er mußte der Verleihung fernbleiben. Alexander Issajewitsch Solschenizyn ist nicht nur einer der bedeutendsten Schriftsteller, sondern auch eine der bedeutendsten Persönlichkeiten dieses Jahrhunderts. Im Jahr nach der Oktoberrevolution im Nordkaukasus geboren, erlebte Solschenizyn in der Sowjetunion Straflager, Verbannung, Publikationsverbot und Ausbürgerung. Aus dem überzeugten Kommunisten wurde ein unnachgiebiger Regimekritiker. Als er 1994 nach Rußland zurückkehrte wurde er bejubelt und beschimpft. Solschenizyn polarisiert, wirft in seiner Rolle als Dichter und Historiker Fragen auf.
Welche Wirkung hatten Solschenizyns erste westliche Arbeiten auf die sowjetische Literatur? Wie nahm die Gesellschaft, besonders die Intelligenzia, sie auf? Wie sind Solschenizyns Stellungnahmen zur Politik der Sowjetunion und später Rußlands zu bewerten? Welchen Einfluß haben sie und sein literarisches Werk auf das politische Denken im Rußland von heute?
Diese und andere Fragen sollen in der Langen Nacht mit Literaturwissenschaftlern und und Übersetzern diskutiert werden.

-> 11./12.12.1998 - Eine Lange Nacht über Jazz in der DDR
Synopsis und Zentralquartett

Moderation: Heinz Kersten, Karlheinz Drechsel
Studiogäste: Klaus Koch, Ernst Ludwig Petrowsky, Pascal von Wroblewsky

Während der Berlin-Blockade trafen sich schwarze amerikanische Musiker mit deutschen Kollegen zu einer Session im Studio der sowjetischen Schallplattenfirma "Lied der Zeit" und kreierten neben anderen Titeln einen "Airlift Stomp". Diese auf Schellack konservierte Widmung an die Luftbrücke ist ein kurioses Zeugnis der Nachkriegsblütezeit des Jazz, die auch im Osten Deutschlands von amerikanischen Vorbildern inspiriert war.
1972gelang auf dem größten osteuropäischen Jazzfestival in Warschau dem DDR-Jazz mit der Gruppe "Synopsis" auch der internationale Durchbruch. In den achtziger Jahren nannten sich dieselben Musiker ironisch "Zentralquartett". Von kulturpolitischen Restriktionen durch das SED-Zentralkomitee blieben Jazzer im Gegensatz zu anderen Künstlern weitgehend verschont.
Eine Lange Nacht mit vielen musikalischen Erinnerungen aus rund 40 Jahren und Gesprächen mit Beteiligten, moderiert von Heinz Kersten und Karlheinz Drechsel.

-> 18./19.12.1998 - Eine Lange Nacht über die Schwestern Brontë
Bildnisse von Kraft und Demut

Autorin: Nicole Strecker

Drei Pfarrerstöchter im englischen Hochmoor Yorkshire, ein rauhes Klima, eine karge Landschaft, ein eintöniges Dasein - das bietet wenig Inspiration, sollte man meinen, für drei ambitionierte Schriftstellerinnen. Ihre Werke, sieben Romane, zahllose Gedichte, strafen diese These Lügen. Märchenhafte Phantasiewelten stehen am Anfang ihres Schaffens. Im kindlichen Geschichtenerzählen entdecken die drei Schwestern Charlotte, Emily und Anne ihre Passion für die Literatur und für das Schreiben, das sie fortträgt aus ihrem tristen Alltag. Viele Jahre lang verbringen sie ihre Abende mit gemeinsamen Debatten über Byron und Scott, über Geschichte und Geographie und über ihre eigenen Arbeiten. Bis schließlich ihre ersten drei Romane entstehen: "Der Professor", "Sturmhöhe" und "Agnes Grey" - ein Affront gegen die viktorianisch-prüde Gesellschaft. Da lodern Leidenschaften und Gewalt in schweigsamen finsteren Figuren, da wird die öde Gesellschaft durch bissige Kommentare und spitzfindige Charakterdarstellungen bloßgestellt, da verstört die Leser der einsame Weg einer klugen, aber mittellosen Gouvernante wider alle Konvention. Drei taubengraue Schwestern hat Arno Schmidt sie genannt - in der Langen Nacht sind sie drei Paradiesvögel, die die Nachwelt bis heute mit ihrem Werk verzaubern.

-> 25./26.12.1998 - Die Lange Nacht vom Gold
Zu ihm drängt, an ihm hängt doch alles...

Die gold'nen Sternlein prangen in dieser Nacht nicht nur am Himmel, sondern auch allerorten an Tannen, Kiefern und Fichten. Und daneben kuschelt sich hie und da das mittlerweile meist goldig-lächelnde Kindlein ins Stroh der Krippe, auch wenn das Grautier nebenan wahrlich kein Goldesel ist. Gold - das hat nicht nur in dieser lichtarmen Zeit einen magischen Klang: Gold - damit assoziieren wir Reichtum, Ruhm, Schönheit, Anmut, Glanz und Glorie... Aber, ist es alles Gold, was glänzt? Jeder Athlet drängt doch aufs oberste Treppchen und wähnt sich im Paradies, wenn ihm in der goldroten Abendsonne das begehrte Edelmetall gereicht wird. Oft rinnt danach nicht nur ein Tröpfchen des goldenen Rebensaftes durch die Kehle. Ganz ähnliche Glücksgefühle lösen goldene Schallplatten aus oder gar Goldklümpchen, die einer aus dem Wasser gesiebt hat. Goldene Zeiten für die Lange Nacht, auch für den Morgen danach, denn: Morgenstunde hat Gold im Munde!
-> 2./3.1.1999 - Eine Lange Nacht über die Zeit
Verweile doch, du bist so schön...


Zeit gehört in unserer Gesellschaft zu den kostbaren Gütern. Doch anders als Geld läßt sich Zeit nicht vermehren. Wie also können wir Zeit gewinnen und wie verlieren wir sie? Warum bastelt der Rennfahrer Tage an seinem Auto, um eine Sekunde schneller ans Ziel zu kommen? Und warum sollte der wahre Flaneur eine Schildkröte bei sich tragen? Warum fühlt sich die Managerin wichtig, wenn sie keine Zeit hat? Warum empfindet sich der Arbeitslose als überflüssig, wenn der ganze Tag noch vor ihm liegt? Und warum können andere Völker unser Tempo gar nicht verstehen?
Zeitmanagement wird von jeder Führungskraft erwartet. Manchmal jedoch gewinnen die am meisten Zeit, die sie vergeuden.
In der ersten Langen Nacht des neuen Jahres begeben wir uns gemeinsam mit Zeitberatern und Müßiggängern, mit Gehetzten und Gelassenen, mit Raketenschnellen und Schneckenlangsamen auf die Suche nach der verlorenen Zeit.
-> 08./09.01.1999 - Die Lange Nacht der Familienbande
Von Stiefkindern und "richtigen" Kindern

Moderation: Judith Grümmer
Studiogäste: Renate Welsh
  Bert Hellinger
  Hark Bohm

Aschenputtel gilt bis heute als Sinnbild für das Leid, das Kinder durch ihre Stiefmutter oder ihren Stiefvater erfahren. Was Stiefeltern sich in Wirklichkeit abverlangen, nämlich besonders gute, engagierte Eltern zu sein - steht im krassen Widerspruch zum gesellschaftlichen Vorurteil. Doch dieses Überengagement führt fatalerweise oft zu Abwehrreaktionen bei den Kindern, die aus Loyalität gegenüber dem "weggeschiedenen" Elternteil den neuen Partner erstmal ablehnen. Jede fünfte Familie ist eine sogenannte "Stieffamilie", in der die Kinder mit einem "neuen" Elternteil zusammenleben. Leider entpuppt sich dieses neue Familienleben für Kinder und Eltern oft als sehr spannungsgeladen - insbesondere wenn mehrere Kinder aus neuen, alten und gemeinsamen Partnerschaften zusammenleben. Ist Mutterliebe etwas Instinktives, an das eigene "Fleisch und Blut" gebunden? Sind Stiefväter tatsächlich eher potentielle Täter bei sexuellem Mißbrauch als leibliche Väter? Eine Lange Nacht über die Vielschichtigkeit von Familienbeziehungen und die Frage, ob Blut wirklich dicker als Wasser ist.


-> 15./16.01.1999 - Eine Lange Nacht über die jüdische Kulturmetropole Cernowitz
Eislaken auf Feldern

Moderation: Helmut Braun

Czernowitz - einst fast vergessen. Inzwischen weckt der Name dieser Stadt in der Bukowina wieder viele Assoziationen. Czernowitz, im heutigen Rumänien gelegen, war bis in die zwanziger Jahre eine jüdische Kulturmetropole. Ein buntes Völkergemisch lebte in der Stadt: Deutsche und Österreicher, Rumänen, Polen, Ungarn, Russen - und Juden. Sie stellten bis zu 50 Prozent der Bevölkerung und haben die Kultur in Czernowitz besonders nachhaltig geprägt. Unter Schriftstellern, Malern, Bildhauern, Musikern und Komponisten, Schauspielern und Intellektuellen, Wissenschaftlern oder Unternehmern waren Menschen jüdischen Glaubens besonders stark vertreten: die Lyriker Rose Ausländer und Paul Celan, der Maler Oskar Lasker, der Opernsänger Joseph Schmidt. Czernowitz - die Stadt erreichte als Kulturmetropole eine Ausstrahlung weit über ihre Grenzen hinaus. Der Erste Weltkrieg beendete die Blüte der Stadt. Materielle Not zwang vor allem die jüdische Bevölkerung zur Emigration, ein Exodus der Künstler und Intellektuellen begann. Diejenigen, die nicht gingen, wurden im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen ermordet. In der Langen Nacht soll an das Werden, Blühen und den Untergang von Czernowitz als jüdische Kulturmetropole erinnert werden.
-> 22./23.01.1999 - Die Lange Nacht des italienischen Schlagers, der Liebe und des Lebens
Ciao bella Italia
Moderation: Angelica Netz
  Andreas W. Herkendell
Studiogäste: Luciana Cagliotti
  Gualtiero Zambonini

Die Träume der Deutschen liegen jenseits des Brenners: Das blaue Meer, die Sonne und der Chiantiwein, bei dem die Lieder von der Liebe und den schönen Mädchen noch viel sehn-suchtsvoller klingen. Unser Postkarten-Bild von Italien mag der Wirklichkeit schon längst nicht mehr entsprechen. Doch unverbrüchlich halten wir daran fest, seitdem in den 50er Jahren die ersten Urlauber bastumwickelte Weinflaschen, Strohhüte und die Erinnerung an das "dolce far' niente" mit nach Hause gebracht haben. Damals waren auch bald die ersten italienischen Schlager im Radio zu hören, und zu Hause auf dem Plattenteller drehte sich "Volare", "O sole mio" oder "Azzurro". Das Lied vom blauen Himmel über Italien macht einen Mann weltberühmt, der seit nunmehr 40 Jahren für uns der Inbegriff des italienischen Schlagersängers ist: Adriano Celentano. Am 6. Januar wurde er 61 Jahre alt. Der Erfolg seiner Reibeisen-Stimme in Deutschland ist im Zusammenhang mit der Geschichte des deutschen Schlagers zu sehen: Genau wie Rita Pavone ("Wenn ich ein Junge wär"), Mina (Heißer Sand) oder Lucio Battisti ("Luci-ah") sang auch Celentano deutsche Titel, wie z.B.: "Es bleibt die Zeit für keinen steh'n". Dies geschah natürlich im Hinblick auf die Italiensehnsucht der Deutschen ("Wenn bei Capri..."), aber auch auf die starke italienische, gastarbeitende Präsenz in der Bundesrepublik ("Zwei kleine Italiener"). Angelica Netz und Andreas W. Herkendell stellen Ihnen Italiens Schlager und ihre Interpreten vor und machen dabei einen Streifzug durch die italienische Gesellschaft der letzten 40 Jahre.
-> 29./30.01.1999 - Die Lange Nacht von Haltbarkeit
und Verfall
...siehe Deckelprägung

Moderation: Florian Felix Weyh
Gäste: Wilhelm Bartsch, Susanne Berner, Prof. Alexander Demandt

Die Präzision unserer Zukunftsbeherrschung verblüfft: Nicht nur auf Wochen und Tage, sondern auf Sekunden genau bestimmen mittlerweile Verfallsdaten über die Verwendbarkeit von Nahrungsmitteln - als entfleuche der Geist der Genießbarkeit mit dem Umspringen des Sekundenzeigers aus Joghurt, Marmelade oder Milch. Je schneller die Moden wechseln, je rascher die Produktzyklen der Konsumindustrie Neues in Altes, Gegenstände in Müll verwandeln, desto wichtiger erscheint die garantierte Zeitspanne, in der man sich seiner Erwerbung erfreuen kann.

Haltbarkeit in der Philosophie als "Constantia" (Beharrlichkeit) gepriesen - steht als einsames Monument in der beschleunigten Gesellschaft. Wo es früher zu den zentralen Traditionen gehörte, die Uhr des Vaters (Großvaters und Urgroßvaters) vererbt zu bekommen und damit eine Bindung über Generationen aufrecht zu erhalten, kauft man heute vierteljährlich neue Plastikchronographen im Abreißpack. Doch es formiert sich steter Widerstand. Versandunternehmen, deren Produkte auf Dauer eines ganzen Lebens ausgelegt sind, erfreuen sich steigender Kundenzahlen - trotz ihrer deutlich höheren Preise.

Wie ermitteln Lebensmittelchemiker die Lebensdauer ihrer Produkte? Ist Haltbarkeit einer Ehe ein Zeichen von Liebe - oder eher mit dem Verzicht von eigenen Positionen verbunden? Wie müssen Waren aussehen, die man seinen Kindern hinterlassen kann? Wie haltbar sind angesichts unserer Atommüllhalden die Warnungen an die Nachwelt? Allzu deutlich klingt noch im Ohr, wie haltbar die Berliner Mauer nach Vorstellung ihrer Erbauer hätte sein sollen... Die Lange Nacht der Haltbarkeit nähert sich dem Thema von vielen Seiten.
 
-> 05./06.02.1999 - Die Lange Nacht vom Kitsch
Zu schön, um wahr zu sein
Moderation: Ralf Müller, Claus Vogelgesang
Gäste: Prof. Uta Brandes, Prof. Harry Pross, Petra Perle

Lange Zeit war es peinlich, sich zum Kitsch zu bekennen. Die Anhänger einer lupenreinen Hochkultur ergriff Übelkeit beim Gedanken an Sissi, Heintje und den röhrenden Zwölfender aus Porzellan. Die Zeiten sind vorbei. Der Kitsch der Vergangenheit hat die Museen und Bühnen der Gegenwart erobert. Von Jeff Koons bis Christoph Schlingensief, Kunst spielt mit dem Kitsch und Kitsch ist scheinbar Kunst geworden.

Maaaama, sollst doch nicht um deinen Jungen weinen! Warum Kitsch so weh tut und warum er wohl tut: Die Lange Nacht präsentiert Träume und ihre Wirklichkeit, Kitschkritiker und ihre Lieblingsschnulzen, Streit und süße Versöhnung.
-> 12./13.02.1999 - Die Lange Nacht vom Haar
Mähnen, Locken, Strähnen
Moderation: Peter Kiefer, Waltraud Tschirner
Gäste: Irmela Hannover, Paul Wasiak

Ob flutende Mähne, stoppliger Mecki, spiegelblanke Glatze oder krause Wolle - Haare sind der Stoff, der unser Äußeres schmerzlos verändern kann. Gelegentlich kann der aktuelle Trend jedoch zur haarigen Angelegenheit im doppelten Sinne werden und den Trägern wie Herstellern der Kopfespracht Spitzenleistungen in Sachen Geduld abverlangen - wie beispielsweise die Turmfrisur modebewußter Rokokodamen, deren Körpermitte vom Nabel aufwärts in Richtung Nase verlagert wurde. Gelegentlich schmückte das Haargetü(r)m noch eine perlenbesetzte Barkasse. Doch nicht nur als Kopfdekor hat der gefädelte Horn Bedeutung - schon das Neugeborene sucht nach Haaren. Es klammert sich an der Mutter fest, als sei es ein Äffchen und könnte ihr ans Fell. Vom Ursprung des Lebens bis zu den Haaren auf den Zähnen - die Lange Nacht packt das Thema Haar kurzerhand beim Schopfe und findet, garantiert, auch das eine oder andere Haar in der Suppe.
-> 19./20.02.1999 - Eine Lange Nacht zum 100. Geburtstag von Erich Kästner
Zwischen allen Stühlen
Moderation: Udo Samel

Er sei "...ein Gebinde aus Gänseblümchen, Orchideen, sauren Gurken, Schwertlilien, Makkaroni und Schnürsenkeln", sagte Erick Kästner von sich selbst. Vom bissigen Satiriker über den ausschweifenden Bohémien und Frauenhelden, vom glänzenden Unterhaltungsautor der 30er Jahre zum prophetischen Mahner, vom Moralisten und braven Sohn einer dominanten Mutter zum engagierten Kinderbuchautor reichen die schillernden Facetten seiner Persönlichkeit.

Der Arme-Leute-Sohn aus Dresden schaffte den Aufstieg zum weltberühmten Schriftsteller in den wilden 20er Jahren, erhielt Berufsverbot unter den Nazis und gründete nach dem Krieg zwei sehr erfolgreiche Kabaretts in München.

Seit Kästner liest man wieder Gedichte, hieß es nach dem Erscheinen seiner ersten Bände "Herz auf Taille" (1928), "Lärm im Spiegel" (1929) oder "Gesang zwischen den Stühlen" (1932). Kein Wunder: Kästners Verse waren leicht lesbar, ohne damit zur trivialen Herz-Schmerz-Reimerei zu verkommen. Und - man konnte sie singen, seine Verse. Auch davon lebt die Lange Nacht zu seinem 100. Geburtstag.
-> 26./27.02.1999 - Eine Lange Nacht
im Hörfunkarchiv der DDR
Von Stalin über Bitterfeld zum Palast der Republik

Autor: Dr. Kurt Kreiler

Der Besuch im ehemaligen Hörfunkarchiv der DDR wird zur akustischen Konfrontation mit 40 Jahren Mentalitätsgeschichte der DDR. Die Stimme der Archivarin durchwirkt als roter Faden eine Collage aus dokumentarischen Fundstücken. Dem Gedächtnis der Archivarin antwortet das Gedächtnis des Archivs. Die eingebrachten Originaltöne - von der ersten sendung des Berliner Rundfunks über "Striezelmarkt", "Maxhütte", "Friedensfahrt", "Schutzwall", "Bitterfelder Weg", "Nachtdrusch" bis zu den Leiziger Montagskundgebungen - lassen den Hörer die Choreographie der ideologischen Allgemeinplätze nachvollziehen, sie zeigen Sehnsüchte und Hoffnungen, bringen verstelltes und unverstelltes Reden im "real existierenden Sozialismus" zu gehör. Angesprochen werden in dieser Langen Nacht auch die Praktiken der Archivierung, die vermuteten "Giftschränke" sowie die aktuelle Siutation des Archivs und seiner Mitarbeiter.
 
-> 05./06.03.1999 - Die Lange Nacht der drei starken Frauen
Ginzburg - Morante - Ortese
Autor: Roland H. Wiegenstein

Sie waren fast Altersgenossinnen, sie haben einander gekannt und - aus der Entfernung - geschätzt. Natalia Ginzburg, Elsa Morante und Anna Maria Ortese, drei der bedeutendsten italienischen Autorinnen der Nachkriegszeit. Natalia Ginzburg: ihre Geschichten beschreiben lakonisch die Verdrängungen, die Leiden und die Langeweile der bürgerlichen Gesellschaft. Die Ginzburg, eine öffentliche Figur und eine Instanz, am Ende gar als Senatorin der italienischen Republik. Elsa Morante: schon als junges Mädchen begann sie zu schreiben, mit nur 23 Jahren erschien ihr erstes Buch, mit dem Roman "Lüge und Zauberei" wurde sie 1948 berühmt. Anna Maria Ortese: eine reine Autodidaktin, die 1937 - beinahe unbeachtet - ihr erstes Buch herausbrachte. Viele ihrer Bücher blieben bloße Achtungserfolge, erst mit "Die Klage des Distelfinken" erfuhr sie 79-jährig die lange verdiente Anerkennung.

Was diese Autorinnen miteinander zu tun haben, wie sich ihre Stimmen zu einem Konzert vereinigen, davon wird die Lange Nacht der drei starken Frauen handeln.
-> 12./13.03.1999 - Die Lange Nacht der Väter und Söhne
Über die Entfernung zwischen Stamm und herabgefallenem Apfel
Moderation: Rosemarie Bölts, Johannes Weiß

Der Apfel, sagt das Sprichwort, fällt nicht weit vom Stamm. Wann und wie der Mann ein Mann ist, entscheidet nicht zuletzt seine Beziehung zum Vater. Das Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen wurde häufig glorifiziert, nur in Ausnahmefällen wirklich reflektiert. Wenn sich Väter entziehen, sind die Söhne in Not. Die Gesellschaft sähe anders aus, würden sich alle Väter der Verantwortung ihren Söhnen gegenüber stellen. Väter werden von ihren Söhnen verehrt und verteufelt, geliebt und verachtet. Söhne erfahren Liebe und Strenge, werden erzogen und vernachlässigt. Es gibt "normale" Väter, Stiefväter, Überväter. Wie können sich die Söhne an ihren Vätern orientieren und zugleich von ihnen emanzipieren? In der Langen Nacht reden wir über das Funktionieren und die Wirkungen des Verhältnisses zwischen Vätern und Söhnen - mit Vätern und Söhnen.

-> 19./20.03.1999 - Die Lange Nacht der Sportreportage
Ein Reporter ist auch nur ein Mensch
Moderation: Herbert Fischer-Solms, Ulrich Loke

Der Feuilletonist Helmut Böttiger erinnert sich wehmütig der Zeiten, in denen der Samstagnachmittag noch einen Sinn hatte, als nämlich zwischen halb fünf und viertel sechs die Vorgärten von aufputschenden Reporterstimmen durchsetzt, die Autoradios voll aufgedreht und die Reihenhäuser nur notdürftige Kulissen vor den vollbesetzten Tribünen und Stehplatzkurven waren.

In 75 Jahren Hörfunk in Deutschland hatte die Sportreportage ihre größte Zeit während der Weimarer Republik, besonders aber unter den Nationalsozialisten mit den Übertragungen der Boxkämpfe von Max Schmeling und der Olymipschen Spiele 1936 in Berlin. Nach dem Krieg war das Fußball-Weltmeisterschaftsfinale 1954 von West-Reporter Herbert Zimmermann und Ost-Kollege Wolfgang Hempel im Radio der "letzte große Straßenfeger" (Rudi Michel) im geteilten Deutschland.

Statt Emotionen obwaltet jetzt an den Rundfunk-Mikrofonen die soganannte "neue Sachlichkeit". Mittlerweile bringt vor allem der Griff ins Archiv Faszinierendes hervor.

Hat die Sportreportage heute überhaupt noch eine Chance? Oder sind in unserem normierten Alltag Reporter nicht notwendiger denn je, die der Vorstellungskraft der Menschen Flügel verleihen, wie Hannes Stein bei der Übertragung des Gold-Rittes von Hans-Günter Winkler und seiner "Wunderstute" Halla 1956, Pferde in den Himmel fliegen lassen? In der Langen Nacht zu hören: Reportagen und Reporter, von damals und heute, als Konserve vom Band und live aus dem Studio.
-> 26./27.03.1999 - Eine Lange Nacht über den Schmerz
Er kommt und geht oder er bleibt
Moderation: Judith Grümmer

Studiogäste:Prof. Michael Zenz, Dr. Claudia Bausewein, Dr. Ingrid Gralow

Wir brauchen ihn, denn er warnt uns vor Gefahr - aber er attackiert uns auch scheinbar grundlos: der Schmerz.

Schon immer haben Menschen versucht, übermäßige Schmerzen abzuwehren - durch Opiate, mit Hilfe von Hypnose, durch aktive Schmerzbewältigung, in dem Menschen sich von Kindesbein an bewußt Schmerzen aussetzen oder indem sie die Schmerzimpulse beispielsweise mit Hilfe von Akupunktur blockieren. Doch oftmals müssen die erkrankten oder verletzten Menschen auch Höllenqualen durchleben, bis der Schmerz vergeht oder der Tod sie erlöst.

Heute leiden in Deutschland allein fünf bis acht Millionen Menschen unter anhaltenden Schmerzen - und Jahr für Jahr nehmen sich 3000 von ihnen das Leben. Dabei wäre es heute möglich, 90 Prozent dieser Patienten so zu therapieren, daß sie gut leben könnten. Doch viel zu spät und viel zu selten werden die Chancen der modernen Schmerzmedizin ausgenutzt - beispielsweise bei der Behandlung von Tumorpatienten. Denn die Behandlung akuter und chronischer Schmerzen ist ein bei uns immer noch vernachlässigtes Gebiet der Medizin: Es gibt zuwenig Schmerzkliniken, Schmerzambulanzen und niedergelassene Schmerztherapeuten. Die deutschen Schmerzpatienten sind unterversorgt. Aber es gibt auch gute Anzeichen für ein Umdenken und die neuen Wege der Schmerzbehandlung sind vielversprechend: So wissen die Schmerzexperten heute, wie beispielsweise Opiate so verabreicht werden können, daß Schmerzpatienten sie gut vertragen, ohne abhängig zu werden.

Wie funktioniert überhaupt der Schmerz? Welche Rolle spielt die Psyche bei der Entstehung von Schmerzzuständen? Und weshalb kann sich seelisches Leid als körperlicher Schmerz ausdrücken? Warum leiden Menschen manchmal immer noch unter Schmerzen, obwohl die Ursachen längst beseitigt sind? Was wissen Schmerzexperten heute über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von Tumorschmerzen, Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen? In Reportagen, Dokumentationen und Expertengesprächen geht es in der Langen Nacht um die neuen Möglichkeiten der modernen Schmerzmedizin und Wege aus dem Schmerz.
 
-> 02./03.04.1999 - Mississippi-Blues in einer Langen Nacht
Ich wollt', ich wär im Himmel
Autor u.Regie:Frank Matheis

Der Country-Blues aus dem Mississippidelta hat es international zu großer Popularität gebracht. Diese Musik, deren Seele von Gefühlen wie Leid, Kummer und Gequältsein geprägt ist, entstand vor ungefähr 80 Jahren als Volksmusik meist ungebildeter, armer Afroamerikaner, als Musik der Baumwollarbeiter. Heute ist der Country-Blues bei Blues-Fans auf der ganzen Welt beliebt, weil er so eindringlich auf ausnahmslos alle wirkt, die ihn hören, obwohl er scheinbar so simpel ist.

-> 09./10.04.1999 - Eine Lange Nacht mit der Sozialtherapeutin Lily Pincus
Lebendig, solange man lebt

Warum sind manche Menschen im hohen Alter glücklich, aktiv und schöpferisch, während andere alte Frauen und Männer schicksalsergeben ein eingeschränktes Leben fristen? In den europäischen Wohlstandsgesellschaften wächst die Zahl der Alten rapide an. Ihren Bedürfnissen und den Herausforderungen des hohen Alters gerecht zu werden, gehört inzwischen zu den drängenden Problemen der Gesellschaft.

Lily Pincus - geboren am 13. März 1898 in Karlsbad - war jahrzehntelang Sozialtherapeutin an der Londoner Tavistock Clinic. Und sie war eine dieser Alten, als sie sich mit dem Älterwerden auseinandersetzte. Ihre lange Lebenserfahrung hatte sie gelehrt, daß die Art wie jemand seine Probleme ein Leben lang bewältigt, letztlich darüber entscheidet, wie sie oder er altert und alt wird. Mit ihren Erfahrungsberichten und anhand ihrer eigenen Lebensgeschichte voller tragischer Zäsuren entsteht hier die Begegnung mit einer Frau, der alle Ausschläge menschlichen Gefühls vertraut sind.
-> 16./17.04.1999 - Europäische Erzählungen über die Neue Welt
Der Klang des Geldes unterbrach sofort die Scherze

Europäische Erzähler und Reiseschriftsteller lassen sich seit über zweihundert Jahren von Natur und Zivilisation jenseits des Atlantiks faszinieren. Mit gutem Grund: Während sich die Alte Welt zerklüftet und durchwachsen von Tradition und Geschichte zeigt, öffnet die Neue Welt bis heute die Sinne. In New York pulsiert das Blut. In Washington, D.C. erkaufen sich Bundestaaten hochkarätige Lobbyisten. Endlose Wege im Westen ermöglichen kinematographisch anmutende Sichtweisen. Trotz aller Skepsis gegenüber Amerikas Leiden, Kriegen und Turbulenzen konnten auch viele deutschsprachige Autoren dem fernen Kontinent in diesem Jahrhundert durchweg positive Eindrücke abgewinnen. Die Lange Nacht stellt Texte dieser Autoren vor. Unter ihnen natürlich Franz Kafka und Bertolt Brecht, Arthur Holitscher und Egon Erwin Kisch, Wolfgang Koeppen und Peter Handke, Max Frisch und Thomas Hürlimann. Derart angekommen in den Vereinigten Staaten von Amerika geht es anschließend mit der Eisenbahn auf Reisen quer durch den Kontinent - von Washington, D.C. im Osten über die Rocky Mountains hinunter nach San Diego im Westen, auf Schienen, die schon Jack London befahren hat.
-> 23./24.04.1999 - Die Lange Nacht vom Zufall
Gott würfelt nicht

Zufälle gibt's..., die gibt's gar nicht. Sie denken gerade an jemanden und kurz darauf ruft er sie an. Sie sitzen in Tokio in der U-Bahn und treffen einen alten Schulfreund. Sie verpassen die Bahn und entgehen einem folgenschweren Unfall. Und Sie erinnern sich noch an den Zufall, durch den Sie die große Liebe Ihres Lebens getroffen haben?

Zufall oder Schicksal? Ist Schicksal nichts anderes als reiner Zufall, oder ist es vorherbestimmt? "Gott würfelt nicht", meinte Albert Einstein und plädierte für eine rational begründbare, kausale, gesetzmäßige Ordnung der Welt. Gewürfelt wiederum wurde von Mathematikern und das Resultat war die Wahrscheinlichkeitsrechnung, mit der sie den Zufall in den Griff bekommen wollten. Sechs Richtige im Lotto zu tippen ist, statistisch gesehen, völlig aussichtslos. Andererseits: Jeder Jackpot wird mit Sicherheit irgendwann geknackt.

Bildende Künstler wie Hans Arp nutzen das Prinzip Zufall ebenso wie aleatorische Komponisten oderTristan Tzara mit seiner dadaistischen Wundertüte. Der Philosoph Demokrit ging schon in der Antike davon aus, daß die Welt aus einer zufälligen Abweichung hervorging.

Zauber des Zufalls - die Lange Nacht der Schicksalsmächte, Glücksspieler und Chaosforscher.
-> 30./31.04.1999 - Die Lange Nacht zur Weinkultur
Von Reben, Winzern und tiefen Kellern
Moderation: Helmut Buchholz, Monika Lübschen

Nördlich des 50. Breitengrades muß sich Weingott Bacchus besonders anstrengen. So reifen auch an Ahr und Unstrut noch Reben. In den Tälern von Mosel, Main und Rhein hat der Weinbau dank des freundlichen Klimas seit der Römerzeit Tradition. Verschieden wie die Landschaften ist auch der Geschmack des vergorenen Rebensaftes. Von der mineralischen Schiefernot der Mosel- und Rheinweine bis zum opulent-stoffigen Fruchtbouquet der Kreszenzen in Baden und und der Pfalz ist alles möglich. Was in den Weinbergen wächst, wird jedoch erst im Keller zu Wein, bei manchen Winzern sogar zum Kunstwerk. Wohl in keinem anderen Berufsstand bestimmen Individualität und Persönlichkeit derart die Qualität des Produkts. Bei der neuen Winzergeneration setzt sich zudem die Einsicht durch, daß Weine mit Statur und unverwechselbarem Charakter zwar einen größeren Aufwand erfordern als gesichtslose Massenweine, dafür aber auch einen höheren Preis erzielen. Einstmals weltweit hochgeschätzt und teuer bezahlt, gewinnt der Deutsche Wein nach Jahren des dürftigen Mittelmaßes wieder an Renommee. Eine Lange Nacht mit Experten und Genießern über den steinigen Weg zum Weingenuß.
 
-> 07./08.05.1999 - Die Lange Nacht einer Radiolegende
Van Dusens größter Fall
Autoren:  Michael Koser
 Sylvia Rauer

Seit dem Start der heiteren historischen Krimireihe 1978 hat Michael Kosers Prof. Dr. Dr. Dr. August van Dusen, genialer Wissenschaftler und leidenschaftlicher Amateur-Kriminologe, mit seinem treuen Begleiter und Chronisten Hutchinson Hatch rund um die Welt für die Lösung unlösbarer Fälle gesorgt und dabei Jahr für Jahr eine ständig wachsende Hörergemeinde in Atem gehalten. Bevor Professor van Dusen in der zweiten Stunde der Langen Nacht mit seinem letzten und größten Fall endgültig in den verdienten radio-kriminologischen Ruhestand entlassen wird, hat Sylvia Rauer, die an der Seite von Regisseur Rainer Clute mehr als die Hälfte aller Fälle der "Denkmaschine" als Regieassistentin betreute, noch einmal in offiziellen Archiven und privaten Erinnerungen gestöbert. In der Langen Nacht auf der Spur der Radiolegende August van Dusen sprach sie mit dem Autor und dem Regisseur, besuchte die Hauptdarsteller Friedrich W. Bauschulte und Klaus Herm, befragte die Taufpatin der Reihe, Ursula Drews, bemühte die Stimmen der Kritik und traf sich mit Fans der ersten Stunde.
-> 14./15.05.1999 - Die Lange Nacht der Laute

Von der Erotik des Tons
Moderation:  Jochanan Shelliem
Studiogast:  Susanne Bohner

Augen kann man schließen, Ohren nicht. Wer kennt das nicht, daß er was hört, was er nicht hören will oder dann doch? Schlafsaalgeräusche, Nachbarn die sich instanzenweise befehden, der unerwünschte Untermieter, der seine Schuhe nacheinander polternd zu Boden fallen läßt, bis man die ganze Nacht nicht schlafen kann, weil er den zweiten leise absetzt. Geräusche stören wie der wilde Hefepilz beim Wein, für Klangcollagen hat Herr Pflaum viel Geld bezahlt. In seinen Betonkatakomben kann Michael Jackson den Golfschläger schwingen und sich auf aseptisch luftigem Rasen frei fühlen wie die Lerche im Bayernwald. Das Furzkonzert im Schullandheim, Biß oder Impotenz der Harley und das Geräusch der Zeit. Was man so hört in einer Langen Nacht, vom Krieg gegen das Ohr, der Sehnsucht nach der Stille und davon, wie die Stille klingt. Vom Ohrwurm wird die Rede sein, und von der Liebe, die durchs Ohr geht. Wir stellen Ihnen Unerhörtes vor.
-> 21./22.05.1999 - Ein Jahrhundertspaziergang durch Berlin
Metropolis auf Sand
Autoren:  Angelika Schrobsdorff
   Prof. Herbert Kundler
   Prof. Peter Steinbach

"Soweit diese riesige Stadt aus Stein besteht, ist sie fast noch wie einst. Hinsichtlich der Bewohner gleicht sie längst einem Irrenhaus. Im Osten residiert das Verbrechen, im Zentrum die Gaunerei, im Norden das Elend, im Westen die Unzucht, und in allen Himmelsrichtungen wohnt der Untergang" - das schrieb Erich Kästner im Jahre 1930 über jene Stadt, die schon seit der Jahrhundertwende alle Extreme in sich vereint: Berlin. Prunkvolle Straßen, machtvolle öffentliche Bauten, luxuriöse Geschäfte, Theater: auch Theater, wo Buletten und Enge und "Berliner Schnauze" zusammengehören. Alfred Kerr und Walter Benjamin, Walter Mehring und Alfred Döblin, Friedrich Holländer und Marlene Dietrich, Bertolt Brecht und Ernst Busch, Wolfgang Langhoff oder Max Reinhardt, sie haben Berlin geliebt und geschmäht. Ihr Heimweh nach dem Kurfürstendamm, nach den Linden hat sie - wo auch immer - eingeholt. Was machte Berlin im 20. Jahrhundert aus? Wie hat sich diese Stadt im Schatten zweier Weltkriege verändert? Wie hat das Leben in der geteilten Stadt nach 1945 ihre Bewohner geprägt? Die Lange Nacht begibt sich mit der Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff, dem Historiker Peter Steinbach und dem Radiomann Herbert Kundler in persönlicher Erinnerung, legendären Originaltönen und Musik auf einen Jahrhundertspaziergang durch Berlin.
-> 28./29.05.1999 - Eine Lange Nacht mit jungen Autoren
Niemand so stark wie wir
Moderation:  Christoph Schmitz

Publikum und Medien gieren nach Sensationen - mittlerweile auch in der Literaturszene. Je jünger die Autoren, je außergewöhnlicher die Lebensumstände, je unverblümter ihre intimen Bekenntnisse, umso größer die Chancen für auflagenstarke Publikationen. Jüngster Fall: der 17jährige Benjamin Lebert und sein Roman "Crazy". Erzählt "Crazy" vom Glück und Leid kecker Internatsbürschchen, stürzen sich Tanja Dückers, 1968 geboren, in "Spielzone", Robert Charles Owen, Jahrgang 1970, in "Mücks Nachtmeer" und Zoran Drvenkar (*1967) in "Niemand so stark wie wir" ins turbulente Berlin unserer Zeit. Autoren wie Christoph Peters (*1966) - "Stadt Land Fluß" - und Ralf Bönt (*1963) - "Icks" - porträtieren Lebensgeschichten der Generation nach 68. Was halten die Helden, was halten ihre Erfinder vom Leben heute? Was halten sie vom literarischen Betrieb, der "Wunderkinder" macht? Fragen an junge deutsche Autorinnen und Autoren in einer Langen Nacht.
 
-> 4./5.6.99 - Die Lange Nacht der Tagebücher
Die Kleider unserer Seele sind die Tage
Autor:  Hellfried Brandl

Das Tagebuch einer 15-jährigen wurde zu einem Bestseller der besonderen Art. Als Nummer 77 erschien 1955 in der Fischer Bücherei "Das Tagebuch der Anne Frank". Zweieinhalb Millionen Exemplare gingen zwischen 1955 und 1992 über deutsche Ladentische. Von der Neuauflage 1992 wurden bisher wiederum 600.000 verkauft. Das Schicksal der deutschen Jüdin Anne Frank, mit ihren Eltern in Amsterdam im Versteck lebend, 1944 nach Bergen Belsen deportiert, im April 1945 an Typhus gestorben, dieses Schicksal wurde zu einem exemplarischen Bild von Zeitgeschichte, das inzwischen schon drei Generationen von Lesern erschütterte. Tagebücher, dieses intimste Festhalten des Augenblicks, ungefiltert, ohne Blick auf Leserinnen und Leser, ziehen immer wieder nicht nur Historiker oder Literaturwissenschaftler in ihren Bann. Banales und Weltliteratur entstand in Tagebüchern. All das Vergangene, Alltag und "große Geschichte" werden in den Aufzeichnungen erfahr- und erinnerbar. Die Lange Nacht der Tagebücher, eine Reise durch die Geschichte dieses Jahrhunderts, aber auch eine Reise in Geheimes und Verborgenes von Zeitgenossen.
-> 11./12.06.1999 - Die Lange Nacht der historischen Spekulationen
Was wäre geschehen, wenn...
Moderation:  Dietrich Möller
 German Werth
Studiogäste:  Prof. Alexander Demandt
 Prof. Helmut G. Walther
 Prof. Michael Salewski

Was wäre geschehen, wenn Kaiser Friedrich Barbarossa nicht auf dem Kreuzzug ertrunken oder Wallenstein am Leben geblieben wäre? Wie wäre die Geschichte weiter verlaufen, wenn Hitler dem Attentat im Münchner Bürgerbräu zum Opfer gefallen, Goethe nicht nach Weimar gegangen wäre oder das Deutsche Reich 1917 Lenin die Durchfahrt durch Deutschland ins revolutionäre Petrograd verwehrt hätte? Die Geschichtswissenschaft ist eigentlich eine strenge Wissenschaft, die zeigen will, wie es gewesen ist und nicht, wie es gewesen sein könnte. Der Historiker gilt nicht als Kerl, der spekuliert. Allerdings ist die Frage erlaubt, ob die Geschichte selbst nach notwendiger, logischer Gesetzlichkeit verläuft, erst recht die Frage, ob es Alternativen gegeben hat. In der Langen Nacht diskutieren Historiker Fragen der "Historical fiction", der "ungeschehenen Geschichte" (A. Demandt), einer noch neuen umstrittenen Sparte innerhalb der seriösen Historiographie, Fragen, die durchaus ernsthafter Natur sind, doch auch kurzweiligen Charakter haben, die den Blick auf die Vergangenheit erweitern und den Zweifel am Sinn von Historie wecken.
-> 18./19.06.1999 - Eine Lange Nacht der Resonanzen
Gezeiten des Lebens
Moderation:  Harald Brandt
Studiogäste:  Prof. Hans-Peter Dürr
 Dr. Franz-Theo Gottwald

Die Erkenntnisse der modernen Physik, besonders im subatomaren Bereich, sind nur schwer auf unsere alltägliche Wirklichkeitserfahrung anzuwenden. Aber vielleicht ist diese scheinbar so stabile Wirklichkeit nicht mehr als "Schaum auf einer Welle" (Hans-Peter Dürr), und die Welle ist der Lebenshintergrund, wo jedes Teilchen mit jedem anderen Teilchen des Ozeans verbunden ist. Im Gespräch mit dem Physiker Hans-Peter Dürr vom Max-Planck-Institut und dem Philosophen Franz-Theo Gottwald, der in München die Schweisfurth-Stiftung leitet, die sich mit tiefenökologischen Fragen beschäftigt, sollen dem Hörer die Dimensionen einer Welt eröffnet werden, in der es nur noch Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten aber keine absoluten Gewißheiten mehr gibt. Auch die Stimmen der Evolutionsforscher Rupert Sheldrake, Lyall Watson und Etienne Guillé werden in Form einer Hörspielmontage in der Langen Nacht der Resonanzen ihren Raum haben.
-> 25./26.06.1999 - Die Lange Nacht der Wüste
Jedes Sandkorn ein Zeichen
Moderation:  Susanne Schröder
 Peter Kiefer
Studiogäste:  Salim Alafenisch
 Achill Moser

Der Wanderer folgt den Spuren der Käfer, den Wellen der Dünen, der Farbe des Bodens. Die Wüste ist ein Feld für Entdeckungen. Sie birgt Schätze und Geheimnisse, ganze Kulturen, die vom Wind (fast) verweht sind. Wo liegt die alte Hauptstadt des Großen Khan, wo das Reich der Königin von Saba? Existieren auch Seen im Untergrund? Wo ist der größte aller Wüstenschätze, das Wasser, ohne das die Wüste tatsächlich nur ein ödes, wüstes Land wäre? Wüste als Metapher: Wo liegt die Wüste in den großen Städten, wo in uns selbst, als Seelenlandschaft? Heißt "Wüste" dann Leere, Verlassenheit oder repräsentiert sie etwas Weiches, Wärmendes? Die Wüste kann man lesen. In jedem Sandkorn steckt ein überraschendes Zeichen. Die Lange Nacht unternimmt Streifzüge in eine Landschaft mit grünen Bäumen und solchen aus Stein, eine Landschaft, die viele Gesichter hat und viele Geschichten kennt. Die sie erlebt haben, werden erzählen.  
-> 02./03.07.1999 - Die Lange Nacht der Bohème
Das Logierhaus zur schwankenden Weltkugel
Autor:  Kurt Kreiler

Die Bohème ist eine Form der schöpferischen Gegen-Kultur, ein Akt der Rebellion - die Daseinsform der ewig Jungen, der kultiviert Leichtsinnigen, der Spötter und der Liebenden. Café und Atelier bilden ihre Spielwiese. Der Bohemien, verliebt ins Leben und in den Eros, opponiert gegen das Korsett der bürgerlichen Normen. Das Leben soll ihm zum Kunstwerk werden, die Arbeit zum kunstvollen Spiel. Poesie und Revolution - Vatermord und Brüderhorde - der Geldkomplex - freie Liebe - Mutter, Muse, Vamp: das sind Kapitel in der Langen Nacht der Bohème, die Sie teilnehmen läßt an der Klutur des lustvollen Widerstands. Zu ihrem Protagonisten zählen Peter Hille, Else Lasker-Schüler, Paul Scheerbart, Erich Mühsam, Peter Altenberg, Franziska zu Reventlow, Walter Serner, Klabund und viele andere. Paris - Berlin (1850 - 1900), Schwabing - Ascona (1900 - 1914) und Wien - Berlin - Zürich (1900 - 1916) markieren die Stationen dieser literarischen Reise mit Spielernaturen und Natur-Spielern.
-> 09./10.07.1999 - Eine Lange Nacht zu Thomas Mann
Eine Merkwürdigkeit, dieses Leben
Moderation:  Joachim Scholl
Studiogäste:  Peter Wapnewski
 Inge Jens
 Reinhard Baumgart


Thomas Mann hat in seinem Leben alles erreicht: den Millionen-Erfolg beim Publikum, den literaturhistorischen Status eines der bedeutendsten Schrifstellers in diesem Jahrhundert und die Rolle eines geistigen Repräsentanten Deutschlands, wie sie nach Goethe von keinem zweiten Autor souveräner gespielt wurde. Dennoch ist seine Größe nicht unumstritten. Die vielen biographischen Zeugnisse, die es von ihm und über ihn gibt, zeigen Thomas Mann als oftmals zerrissenen, zweifelnden aber auch ungeheuer selbstgefälligen Menschen, der seine Umgebung bis zum Äußersten strapazieren konnte. Jede Kritik an seiner Person oder dem Werk faßte er als persönliche Beleidigung auf, er war süchtig nach Ruhm und Verehrung. Seine politische Wandlung vom strammen Nationalisten im Ersten Weltkrieg zum überzeugten Demokraten der Weimarer Republik machte ihn nach 1933 zum widerwilligen Luxus-Exilanten und Streitfall. Auch nach dem Krieg sorgten seine politischen Äußerungen und der Entschluß, nicht nach Deutschland zurückzukehren, für öffentliche Kontroversen. Hochgefeiert, aber auch vielgeschmäht - so stand er im Alter da, was ihm wenig gefiel. Sechs Wochen vor seinem Tod notierte er: "Kurios. Kurios. Eine Merkwürdigkeit, dieses Leben."
-> 16./17.07. 1999 - Die Lange Nacht vom Hund
"Ich muß draußen bleiben"
Moderation:  Hans-Volkmar Findeisen
Studiogäste:  Verena Auffermann
 Dorit Feddersen-Petersen
 Wolfgang Wippermann
 Clemens Lux

"Frißt Fleisch, Aas, mehlige Pflanzenstoffe, kein Kraut, verdaut Knochen. Wässert seitlich. Zu Hause Herr unter den Seinigen. Greift ungereizt Unbekannte an. Heult zur Musik." So hat Linné, der große Naturforscher, ihn ehedem beschrieben. Man glaubt, man kennt den Hund. Aber was ist es, was da nach Menschenart dressiert, zurechtgeputzt, gedrillt und zurechtgezupft wird? Was ist des Hundes Seelenkern? Schoßhündchen oder Schakal? Wadenbeißer oder Wonneproppen? Welches sind die Gefühlsbande, Wärmestöße und Wahlverwandtschaften, die Herr und Hund schon seit Jahrtausenden aneinanderketten? Was verdankt der Hund dem deutschen Volke, das ihn zu seinem Abbild erkor? Warum sind sprechende Hunde heute so selten geworden? Und wieviel braucht es eigentlich noch, bis auch der Hund völlig auf den Hund gekommen ist? Eine Lange Nacht für Hundeliebhaber und Hundehasser.

Hunde müssen leider draußen bleiben. Aus den bekannten Gründen.
-> 23./24.07. 1999 - Georg Christoph Lichtenberg in einer Langen Nacht
Gewitzte Aufklärung
Moderation:  Heiner Boehncke

"Vom Wahrsagen läßt sichs wohl leben in der Welt, aber nicht vom Wahrheit sagen." So illusionslos, wie dieser Satz auf den ersten Blick wirkt, ist der, der ihn schrieb nie gewesen. Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), Physiker, Astronom, Kulturkritiker und Schriftsteller im Zeitalter der Aufklärung, sah die Welt als eine Experimentierbühne. Wie kaum ein Denker vor ihm hat er neue "Irrthümer" erfunden, Fragezeichen gesetzt und mit Konjunktiven experimentiert. In diesem Sinne verwandelt der Aufklärer und Naturwissenschaftler die "Werkstätte" namens Welt noch heute in vergnügliche Denkspiele voll funkelnder Skepsis.
Denken als Vergnügen, Reflexionslust - das teilt dieser Sprachmeister aus dem Göttingen des 18. Jahrhunderts mit den besten Köpfen des illustren Geistesadels im damaligen Europa. Was er aufspießt, trifft heute noch zu, weil es trefflich beobachtet ist: "Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingst hohl, ist es allemal im Buch?"
-> 30./31.07.1999 - Die Lange Nacht der Gerüchte
Von der Lust an der Intrige
Moderation:  Ulrich Eickhoff
 Jörg Dieter Kogel
Studiogäste:  Eva Jaeggi
 Dr. Hans-Joachim Neubauer
 Klaus Bölling
 Prof. Rainer Paris


Gerüchtemacherei gilt als unfein, aber (fast) jeder macht mit - doch warum? Aus frivoler Lust am kleinen Seitenhieb oder purer Langeweile, aus Geltungsdrang oder Mißgunst? Bereits in der Antike rätselte Lukian: "Ich weiß nicht, wie es kommt, daß wir alle eine heimliche Freude an Dingen haben, die ins Ohr geflüstert werden." Gerüchte sind die Stimme der Straße, mächtiger als andere Medien, in denen Menschen sich äußern. Einmal in die Welt gesetzt, hält sie niemand mehr auf. Da helfen auch keine Dementis, die den ausgesprochenen Verdacht meist erst recht aufkeimen lassen, wenn etwa ein italienischer Politiker öffentlich beteuert: "Ich habe nichts mit der Mafia zu tun." Wie entstehen Gerüchte? Wer benutzt sie? Wie kann man sie erkennen? Gibt es ein Rezept dagegen? Und, ganz praktisch gedacht, wie setzt man ein gutes Gerücht in die Welt? Aufschluß darüber in der Langen Nacht!  

-> 06./07.08.1999 - Eine Lange Nacht über die totale Sonnenfinsternis in Deutschland
Wenn der Tag zur Nacht wird
Moderation:   Uli Blumenthal

Stuttgart am 11. August 1999, 11 Uhr 13 Minuten. Langsam schiebt sich der Mond an diesem Mittwoch vor die Sonne. Die erste und einzige totale Sonnenfinsternis in diesem Jahrhundert in Deutschland beginnt. Die Chance auf klaren Himmel an diesem Tag ist 50%. Sagen die Meteorologen. Nach über einer Stunde ist es dann soweit. Exakt um 12 Uhr 33 Minuten beginnt die totale Sonnenfinsternis. Die Sonne verschwindet vollständig hinter dem Mond, für kurze Zeit wird der Tag zur Nacht. Nur auf einen 100 km breiten Streifen von Saarbrücken über Karlsruhe, Stuttgart, München, Salzburg, Gmunden, Mürzzuschlag und Szombathely wird die Finsternis total sein, d.h. nur von dort aus gesehen wird die Sonne ganz hinter dem Mond verschwinden. Nach 2 Minuten und 17 Sekunden ist dieses einmalige Schauspiel zu Ende, die Sonne tritt wieder hinter dem Mond hervor.

Allein in Stuttgart, das genau im Zentrum des Mondschattens liegt, werden über eine Million Menschen zu diesem Ereignis erwartet. Vor allem in Süddeutschland bahnt sich ein Verkehrschaos an, wenn sich "Sonnenanbeter" und Hobbyastronomen auf den Weg machen in den sogenannten Kernbereich der Sonnenfinsternis, um dieses einmalige Naturschauspiel zu erleben. Denn erst am 3. September 2081 wird der deutsche Sprachraum wieder von einer totalen Sonnenfinsternis getroffen.

Die Lange Nacht stimmt Sie ein auf dieses einmalige Ereignis kurz vor der Jahrtausendwende, informiert Sie, wann, wo und wie man am besten die Sonnenfinsternis beobachten kann. Aber nicht nur das: Drei Stunden lang dreht sich wirklich alles um das Zentralgestirn unseres Planetensystems. Mal wissenschaftlich, mal historisch, in Fakten und Mythen, mit Sonnensuchern, Sonnengöttern und Sonnengelehrten.

-> 13./14.08.1999 - Eine Lange Nacht von Schuhen und Füßen
"The shoe must go on"

Riskieren Sie einen Blick nach unten: Würden Sie Ihre Schuhe gerne und stolz vorzeigen? Oder erinnert Ihr Schuhwerk schon eher an die Fußlappen der alten Ägypter? Vielleicht gehören Sie aber auch zu den Sammlernaturen, die das, womit wir unsere Füße verpacken, zum Kult erheben? Ein Schuh, das ist nicht bloß ein Gebrauchsgegenstand, sondern je nach Mode und Geschmack ein sinnliches Erlebnis. Die Ägypter und Römer malten noch die Gesichter ihrer Feinde auf die Schuhsohlen, so daß sie ihre Feinde mit Füßen treten konnten, während Kinder heutzutage mit blinkenden Sportschuhen den Gang der Dinge bzw. Ihr Kommen ankündigen. Damals wie heute sind Stöckelschuhe ein Sinnbild für Erotik. Aber schließlich entpuppt sich nicht jede Damen mit roten Highheels auch als erotische Verheißung, nicht jeder Öko-Freak in Gesundheitssandalen trennt auch seinen Müll. Und Jugendliche, die ihre astronautenähnlichen Sportschuhe schleppen, sind keine Außerirdische. Auch ihre „Treter" sind ein Statussymbol, ein Ausdruck unseres Wohlstandes. Ohne Blasen zu verursachen, wandert die Lange Nacht mit Ihnen durch Schuhgeschäfte, durch die wechselvolle Mode der Fußbekleidung, zeigt echte Liebhaber und Ignoranten von Schuhwerk.
-> 20./21.08.1999 - Eine Lange Nacht der Hörspielkunst
Pfeifen im Dunkel

Einer der Altmeister der experimentellen Radiokunst, Ernst Jandl, wußte es schon vor 30 Jahren: HörSpiel, das ist gleich ein doppelter Imperativ. Niemand nimmt Jandls Diktum ernster als junge Hörspielautoren. Literaten machen mit Musikern gemeinsame Sache, so wie im Fall von Andreas Ammer und F.M. Einheit. Radiostücke entstehen auf Theaterbühnen, so wie John Bergers "Will it be a likeness". Und natürlich gibt es auch und immer noch Krimis und virtuose Dialogstücke, die achtzig Jahre nach den ersten Gehversuchen der Radiokunst beweisen: Das Hörspiel ist eine vitale Kunstform, die mit Formenvielfalt und Lust am Experiment aufwartet. Eine Lange Nacht zu einem doppeltem Imperativ.
-> 27./28.08.1999 - Die Lange Nacht der Zukunftsspekulationen
Ein Globus, eine Wirtschaft - am Ende ein Staat?

Die Zukunft kann man nicht voraussagen. Man kann nur die Gegenwart verlängern und darüber spekulieren, in wie weit das, was ist, sich fortsetzen wird. Etwa: ob die Wirtschaft wirklich unabwendbar global wird, womöglich bestimmt von einem einzigen Konzept, wie sie zu organisieren sei. Ob es so etwas geben kann, wie eine Kultur der einen Welt. Ob der Krieg, der in der „westlichen Welt" fünfzig Jahre lang gebannt zu sein schien - dank der Bombe - sich wieder als Mittel der Politik breit machen kann. Was hat es mit der Ungleichzeitigkeit der Geschichte auf sich, mit den Religionen, die eine ungeteilte Wahrheit versprechen - und als allein gültig einfordern?

Darüber wollen Herausgeber und Redakteure von vier deutschen Zeitschriften, die all diese Fragen immer wieder bedenken, miteinander diskutieren und womöglich streiten: Frank Berberich von „lettre international", Sebastian Kleinschmidt von „Sinn und Form", Karl Markus Michel vom „Kursbuch" und Barbara Sichtermann vom „Freibeuter in der Langen Nacht der Zukunftsspekulationen.  

-> 03./04.09.1999 - Eine Lange Nacht der Groschenromane
Er versank in ihren Augen wie in zwei blauen Seen...
Moderation:  Claudia Mützelfeldt

Es ist schon merkwürdig, da werden Jahr für Jahr Tausende von Heftromanen - dies ist der heute übliche, weniger herablassende Name für Groschenromane - geschrieben, millionenfach gedruckt und verkauft, aber keiner liest sie - anscheinend!
Was macht der Käufer nur mit der erworbenen Lektüre, die er angeblich weder schätzt noch konsumiert?
Der moderne Leser schämt sich seines geheimen Lasters. Man hat ihn darüber aufgeklärt, daß er Handtke und Walser zu lesen hat, bei nostalgischer Einstellung Thomas Mann und Fontane. Ist er beruflich sehr gestreßt, kann er auch schon einmal zu Simmel greifen und als launiger Individualist darf er sich zu seiner Schwäche für Karl May bekennen - aber ausgerechnet diese billigen Heftchen? Schnell ist der Begriff der Schundliteratur zur Hand.
In der Langen Nacht der Groschenromane lernen wir sie kennen, die Liebhaber und Verächter der literarischen Massenware, machen uns bekannt mit Perry Mason, Jerry Cotton, John Sinclair, Dr. Norden, Anna von Koppenhof und Jessica, den Helden und Figuren der Science Fiction-, Kriminal-, Grusel-, Arzt-, Heimat- und Frauenromane.
"Er versank in ihren Augen wie in zwei blauen Seen", dieser Satz soll uns wie viele andere in der Langen Nacht der Groschenromane auf der Zunge zergehen.
-> 10/11.09.99 - Chansons der Pariser Nachkriegsjahre in einer Langen Nacht
Skandal des Glücks
Moderation:  Stephan Göritz

Nie wieder entstanden so viele Chansons wie im Paris der Nachkriegsjahre. Die "Krähe auf Pedalen", wie die Franzosen den Reichsadler nannten, hatte man verjagt, jetzt konnten nach den vier schwarzen Jahren der deutschen Besatzung Kunst und Denken und vor allem das Leben explodieren.
In ungezählten Cabarets und Chanson-Cafés am Seine-Ufer trat eine neue Generation von Sängern und Poeten an, um das Lebensgefühl des selbstbestimmten Handelns zu feiern: Yves Montand und Jacques Prévert (von dem der Titel dieser Langen Nacht geliehen ist), Juliette Gréco und Léo Ferré, Boris Vian und Georges Moustaki... Man genoß das Glück, wie man einen Skandal genießt, und ahnte vielleicht schon, daß es nicht ewig dauern würde.
Stephan Göritz spielt eine Nacht lang die schönsten Chansons der Pariser Nachkriegsjahre und unterhält sich mit Juliette Gréco über diese einmalige Zeit des Aufbruchs.
-> 17./18.09.1999 - Die Lange Nacht der Dichter Lieben und Geliebten
"Aber in den Brüsten welche Brise!"
Moderation:  Walter van Rossum
Studiogäste:  Claudia Schmölders
 Elke Heidenreich
 Dr. Hildegart Baumgart
 Prof. Reinhard Baumgart

Rauhe Zungen behaupten gerne, die meiste Lyrik sei ein langer Werbebrief ans Weib zuerst, dann an die Liebe schlechthin. Doch was im reinen Maß der Silben sowohl beschworen als auch kontrolliert werden kann, hat wenig mit dem irdischen Verlauf der Dichterlieben zu tun. Die Schriftsteller sind den Verheißungen der Liebe nur selten näher gekommen als Normalvergängliche - aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Sie erheben die Tragödien und Komödien der Liebe nicht nur zum Stoff ihrer Werke, sondern sie schöpfen daraus die empfindliche Unruhebedingungen der Kunst. Deshalb erstaunt wenig, daß wir zwar kaum Goethes oder Brechts oder Benns Nachkommen kennen, aber die lange Reihe ihrer Lieben fast so vertraut wie ihre Verse hersagen können.
Das zähe Scheitern der Liebesverhältnisse im bürgerlichen Zeitalter ist literarisches Dauerthema und bestimmt diese Lange Nacht der Dichter Lieben und Geliebten.



-> 24./25.09.1999 - Eine Lange Nacht der israelischen Literatur
Das große Erwachen
Moderation:  Jochanan Shelliem
Studiogäste:  Benny Barbasch
 Judith Katzir
 Etgar Keret
 Sami Michael

Für die Staatsgründer von Israel war von Anfang an klar, daß Hebräisch - Ivrit - die Sprache Israels sein mußte und nicht das Jiddisch des Exils. Literatur in hebräischer Sprache ist so eine noch junge Literatur. Hebräisch, die Sprache der Bibel, hat sich verjüngen und entwickeln, hat alltagstauglich werden müssen. Vier Autoren stehen mit ihrem Werk exemplarisch für die junge israelische Literatur: Benny Barbasch, Etgar Keret, Sami Michael und Judith Katzir.
Benny Barbasch, 1951 geboren, begann als Drehbuch- und Theaterautor. Zwei Romane sind bisher in Israel von ihm erschienen: "Das große Erwachen" und "Mein erster Sony", sein erster in Deutschland veröffentlichter Roman. Etgar Keret, 1967 geboren, gilt als einer der interessantesten unter den jungen israelischen Schriftstellern. Sami Michael wurde 1926 in Bagdad geboren und kam 1949 nach Israel. Seine Muttersprache ist Arabisch. "Viktoria", Sami Michaels jüngster Roman erschien 1993. Judith Katzmir, Jahrgang 1963, studierte Literatur und Filmgeschichte. Sie gilt als eine der wichtigsten literarischen Stimmen ihres Landes, ihre Bücher sind in Israel Bestseller.
Hebräische Literatur ist multikulturell, die Einwanderer entstammen allen Teilen der Welt. Die Staatsgründung Israels war Anlaß für eine Lange Nacht über die vielstimmige und vielschichtige Literatur dieser jungen Nation.

 



-> 01./02.10.1999 - Die Lange Nacht über die Schicksalstage in Dresden und Leipzig ´89
Auf Messers Schneide
Moderation:  Dr. Günter Müchler
 Bernhard Holfeld
Studiogäste:  Wolfgang Berghofer
 Arnold Vaatz

"Oktoberrevolution" hat Erhard Neubert, der Biograph der DDR-Opposition, die entscheidenden Tage des Oktober 1989 genannt, in denen sich die Krise der SED-Diktatur zuspitzte. In der "Heldenstadt" Leipzig erreichten die Spannungen am 09. Oktober ihren Höhepunkt. Die Staatsmacht hatte eine große Anzahl Polizei, NVA, MfS und Kampfgruppen in der Stadt zusammengezogen. Mit einem gewaltsamen Unterdrücken der Bürgerproteste war zu rechnen. In der Stadt kursierten Gerüchte über bereitgestellte Krankenhausbetten. Trotzdem sammelten sich 70.000 Menschen aus Leipzig und anderen Städten zu der bisher größten Massendemonstration gegen das herrschende Regime. Unter der Büchner entlehnten Losung "Wir sind das Volk" sammelten sie sich zum Marsch über den Innenstadtring. Für die friedlichen Revolutionäre, aber auch für die Staatsmacht, war die Stunde der Entscheidung angebrochen.
Die Lange Nacht erinnert mit Gesprächen und Originaldokumenten an diese Zeit "Auf Messers Schneide".


-> 08./09.10.1999 - Die Lange Nacht der Ungarischen Literatur
Gottsucher und Käuze
Moderation:  Zsuzsanna Gahse
 Christoph Schmitz
Studiogäste:  Péter Esterházy
 Lászlo Krasznahorkai
 László F. Földényi
 Endre Kukorelly
 Péter Nádas
 Zsuzsa Rakovszky

Seit Jahren versetzen ungarische Autoren die deutsche Leserschaft in Erstaunen. Was das kleine Land an literarischer Qualität zu bieten hat, ist von europäischem Rang.
Imre Kertész` "Roman eines Schicksallosen" über einen jüdischen Jungen, der seinen Schindern im KZ mit gutmütigem Lächeln begegnet, berührt zutiefst. Peter Nadas`s opus magnum "Buch der Erinnerungen" über die Liebe und den osteuropäischen Sozialismus ist von schwindelerregender Radikalität. Aber auch die jüngsten Publikationen bisher unbekannter Autoren machen von sich Reden. László Mártons intelligente Sprachakrobatik in "Die wahre Geschichte des Jakob Wunschwitz" wäre da zu nennen oder Sándor Tars komisches Porträt liebenswerter Käuze in "Ein Bier für mein Pferd".
Eine Lange Nacht mit Ungarns wichtigsten Autoren, mit Lesungen, Gesprächen und viel Musik.



-> 15./16.10.1999 - Eine Lange Nacht über die Schwestern Brontë
Bildnisse von Kraft und Demut
Autorin:  Nicole Strecker

Drei Pfarrerstöchter im englischen Hochmoor Yorkshire, ein rauhes Klima, eine karge Landschaft, ein eintöniges Dasein - das bietet wenig Inspiration, sollte man meinen, für drei ambitionierte Schriftstellerinnen. Ihre Werke - sieben Romane, zahllose Gedichte - strafen diese These Lügen. Märchenhafte Phantasiewelten stehen am Anfang ihres Schaffens. Im kindlichen Geschichtenerzählen entdecken die drei Schwestern Charlotte, Emily und Anne ihre Passion für die Literatur und für das Schreiben, das sie fortträgt aus ihrem tristen Alltag. Viele Jahre lang verbringen sie ihre Abende mit gemeinsamen Debatten über Byron und Scott, über Geschichte und Geographie und über ihre eigenen Arbeiten. Bis schließlich ihre ersten drei Romane entstehen: "Der Professor", "Sturmhöhe" und "Agnes Grey" - ein Affront gegen die viktorianisch-prüde Gesellschaft. Da lodern Leidenschaften und Gewalt in schweigsamen finsteren Figuren, da wird die öde Gesellschaft durch bissige Kommentare und spitzfindige Charakterdarstellungen bloßgestellt, da verstört die Leser der einsame Weg einer klugen, aber mittellosen Gouvernante wider alle Konvention. Drei taubengraue Schwestern hat Arno Schmidt sie genannt - in der Langen Nacht sind sie drei Paradiesvögel, die die Nachwelt bis heute mit ihrem Werk verzaubern.


-> 22./23.10.1999 - Eine Lange Nacht vom Leben mit Behinderungen
Guck nicht so, frag mich lieber!
Moderation:  Judith Grümmer
Autorin:  Doris Arp
Studiogäste:  Bettina Mücke-Fritsch
 Cora Halder
 Friedhelm Ochel
 Martin Eckert

"Behindert ist man nicht, behindert wird man." Auf diese Formel bringen viele Menschen mit Behinderungen ihr Zusammenleben mit den Nicht-Behinderten, den Gesunden, Schönen, Fitten, den Leistungsstarken.
Ihre Unfähigkeiten, so zu gehen, zu sprechen, zu lernen oder zu arbeiten wie die anderen empfinden sie weniger einschränkend als das Unvermögen vieler Mitmenschen, sie so anzunehmen, wie sie sind. Behinderung bedeutet für viele nur Unglück und Leid. Auch Eltern fällt es zunächst oft schwer, ihre behinderten Kinder so zu akzeptieren und zu lieben wie sie sind. Das Zusammenleben stellt die Familien vor besondere Anforderungen, birgt aber auch besondere Chancen.
Von den Ängsten, Ausgrenzungen und Barrieren wird in der Langen Nacht zu reden sein, jedoch auch von den Chancen, die das Zusammenleben birgt, wenn sich die Sackgasse aus Leistungsfähigkeit und ewiger Jugend einmal öffnet.



-> 29./30.10.1999 - Eine Lange Nacht vom Aufstieg und Fall eherner Symbole
Schwerter zu Pflugscharen
Moderation:  Michael Bajohr
Musik:  Walter Thomas Heyn

In dem Buch Micha des Alten Testaments ist das berühmte Zitat zu finden: "Dann schmieden sie (die Völker) Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen ...". Die Plastik, die diesen biblischen Friedensgedanke symbolisiert, wurde einst von der UdSSR, Mitglied der UNO, als Geschenk im Park des Hauptsitzes der Vereinten Nationen in New York aufgestellt. In der DDR wurde sie in Form von Aufnähern unter Pazifisten und Gegnern jeder Militarisierung verbreitet. Von der Staatsmacht verboten, wird das Friedenssymbol damit auch zum Freiheitssymbol, doch es bleibt vorwiegend in den kirchlichen Raum wie die Leipziger Nikolaikirche verbannt. Die Losung "Für ein freies Land mit offenen Grenzen" wird erstmals am Montag, dem 4. September während der Herbstmesse 1989 vor der Nikolaikirche gezeigt und den Demonstranten von augenscheinlich informierten Stasi-Mitarbeitern gewaltsam aus den Händen gerissen.
Andreas Reimann, einer der bedeutendsten Lyriker Sachsens, war auf vielfältige Weise in die großen Zeitläufte eingebunden. Der Enkel von Hans Reimann (Gründer des Leipziger literarischen Kabaretts) und Schüler von Georg Maurer erlebte alle Höhen und Tiefen vom gefeierten revolutionären Jungdichter bis zum Häftling des Regimes. Mit seinen "Leipziger Liedern" in der Interpretation von Barbara Kellerbauer, mit Gesprächen sowie einer Kantate über Alltag und Zivilcourage von Walter Thomas Heyn erinnert diese Langen Nacht an die wirre Zeit der Wende in all ihrer Widersprüchlichkeit.
 

-> 05./06.11.1999 - Originaltöne zur Wende 1989/90
Auf der Kippe
Moderation:  Monika Künzel
 Rainer Burchardt
Studiogäste:  Alexander Osang
 Jürgen Leinemann

Der Fall der Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten, zwischen zwei Weltsystemen am 9. November 1989 - heißersehnt oder zumindest erwünscht, aber von keinem tatsächlich für möglich gehalten. Wer erinnert sich an die Wochen davor? An den rasanten Wandel in den Monaten danach, der das Leben für manche wie Kino erscheinen ließ, für einige sogar mit Begrüßungsgeld am Einlaß?
Heute - im Rückblick - eröffnen Tonaufnahmen aus jenen Tagen teils überraschende, teils vergessene Momente: Euphorie, Hoffnung, Verunsicherung, Enttäuschung bei den "Bürgern" hüben wie drüben, beschämende Unbelehrbarkeit bei den meisten Machthabern des Übergangs. Agonie der Herrschaft - damals in verräterischen Floskeln und Forderungen dokumentiert - sind heute spannende Belege für diesen deutsch-deutschen Umbruch.
Aus zahllosen Sendestunden herausgefilterte Originaltöne zur deutschen Einheit spiegeln in Schlaglichtern aus Politik, Wirtschaft und Kultur die Stimmungslage der Nation 1989/90. Ergänzt wird dieses Kaleidoskop in der Langen Nacht durch persönliche Schilderungen und Interpretationen der Journalisten Jürgen Leinemann und Alexander Osang, Reiner Burchardt und Monika Künzel.


-> 12./13.11.1999 - Die Lange Nacht vom Telefonieren
Der sprechende Knochen
Moderation:  Florian Felix Weyh

Wie oft hat man sich über die Störung im unpassenden Moment geärgert – und greift doch stets zum Hörer, sobald sich der kleine Haustyrann auch nur räuspert. "Das Telefon", befindet der Schriftsteller Peter Glaser, "ist eine elektrische Weiterentwicklung des Hundes. Es frisst Gebühreneinheiten und scheidet Gequassel aus." Trotz aller kindlicher Attitüden - immer will es im Mittelpunkt stehen und erheischt unsere ganze Aufmerksamkeit - fand sich das Telefon neben dem neuen Auto ganz oben auf der Wunschliste der abgekoppelten DDR-Bürger; die böswillige Metapher vom gesamtdeutschen "Anschluss" erwies sich nach der Wende als konkretes Telekom-Projekt. "Verdammt, ist da das Fernamt?" sang sich einst Manfred Krug den Frust von der Seele. Wahlfreiheit als rein politisches Phänomen betrachtet, greift eben zu kurz.
Von Warteschleifen und Schweigeminuten, Call-Centern und Telefonfräuleins, Tarifwirrwarr und Quasselstrippen, Liebesgesäusel und Hotlineversprechungen, kurzum: von allem, was man rund ums Telefon bereden kann, handelt die Lange Nacht vom Telefonieren. Spätestens seit dem Siegeszug des Handys hat "die Idee des Zuhauses ausgedient", wie der Romancier Don DeLilo schon beim Anrufbeantworter konstatierte, und mancher lebt inzwischen ganz in einer rein telefonisch verdrahteten Gesellschaft. Dass man das Handy eigentlich gar nicht so dringend braucht, beweisen allerdings statistische Zahlen: Die meisten - und längsten! - Gespräche finden über eine Distanz statt, die man bequem zu Fuß erledigen könnte.
Literatur und Theater, Film und Musik haben sich oft des "sprechenden Knochens" angenommen, von Cocteau bis Valentin, von Kafka bis Kästner. Auch wenn von 23.05 bis 2.00 Uhr noch reger Telefonverkehr in den Kabelnetzen herrschen mag - während dieser Langen Nacht wird sich kein Radiohörer durchs Schrillen seines Apparats den Hörgenuss vergällen lassen. Versprochen.


-> 19./20.11.1999 - intermedium 1 in der Langen Nacht
HörArt im BlickFeld

Die Preisverleihung der "Woche des Hörspiels" am 19. November bildet traditionell den Abschluss dieser Veranstaltung. In diesem Jahr bildet die Preisverleihung zugleich den Auftakt zur "intermedium 1", vom 19. bis zum 21. November in der Berliner Akademie der Künste. An den Abenden und in den Nächten werden international renommierte Künstler, Musiker, Medienschaffende des Klangs, der Farbe und des Lichts im Rahmen von Performances grenzüberschreitende Medienereignisse auf die Bühne bringen.
DeutschlandRadio lädt Sie in zwei Langen Nächten ein, diesen Impuls aus der Radiokunst im Wechselspiel mit anderen Kunstformen und Medien mit zu verfolgen: Am Freitag bietet DeutschlandRadio Berlin zunächst einen Rückblick auf die "Woche des Hörspiels". Außerdem werden in einer Vorschau Teilnehmer und Projekte, die auf der "intermedium 1" vertreten sind, vorgestellt: "Vinyl Coda III" von Philip Jeck sowie das spektakuläre Rassendrama "Twilight L.A." von Anna Deavere Smith und Ali N. Askin.
Am Samstag eröffnet der Deutschlandfunk die zweite Lange Nacht der intermedialen Kunst mit "Little white Lies", einem Stück der deutsch-englischen Gruppe Gob Squad. Die mediale Party, der sprichwörtliche Event, wird hier als experimentelle Hör-Provokation geboten.
Ab Mitternacht laden wir Sie dann ein, die Grenze der Nacht bis in den frühen Morgen zu überschreiten, wenn die "Audiolounge" bis um 4.00 Uhr live übertragen wird: Zwischen Klangwerkstatt und Clubabend verfolgen wir in dieser besonderen Langen Nacht die Suche nach Klang, Sound und Struktur mit allen Mitteln.


-> 26./27.11.1999 - Eine Lange Nacht über die Welt vor 1000 Jahren
Untergang verschoben
Moderation:  Dietrich Möller
 German Werth

Ende 999 schien alles vorbei. "Wenn die tausend Jahre vollendet sind, wird der Satan aus seinem Gefängnis freigelassen. Und die Toten werden nach ihren Werken gerichtet." So der burgundische Mönch Rudulfus. Ein Beweisstück für die Endzeiterwartung um die Jahrtausendwende?
Die Historiker sind allerdings der Ansicht, dass es damals gar keine Ängste oder Panikstimmung, geschweige denn Erwartungsvorstellungen gab. Eine kalendarische Rechnung nach Jahren "nach Christi Geburt" war noch gar nicht üblich, die meisten Zeitgenossen wussten gar nicht, in welchem Jahr sie nun konkret lebten. Das Zeitbewusstsein wurde von den Jahreszeiten und vom kirchlichen Festkalender bestimmt, es gab keine Uhren, statt genauer Informationen eher Gerüchte "vom Hörensagen", Geschichte war Heilsgeschehen.
Apokalyptische Vorstellungen waren für den mittelalterlichen Menschen stets gegenwärtig, der Glaube an das Jüngste Gericht gehörte zum Alltag wie das Amen in der Kirche.
Wie Frauen und Männer um 1000 im "Heiligen Römischen Reich" lebten, was Bauern und Burgherren, Städter und Kirchenfürsten in ihrer Vorstellungs- und Lebenswelt einte und trennte - das ist das Thema der Langen Nacht "Untergang verschoben".  

-> 03./04.12.1999 - Lange Nacht mit deutschen Autoren
Ende der Bescheidenheit
Moderation:  Liane Dirks
 Dr. Hajo Steinert
Studiogäste:  Judith Herrmann
 Felicitas Hoppe
 Dagmar Leupold
 Kathrin Schmidt
 Christoph Peters
 Jens Sparschuh

Vor 30 Jahren hat sie im Kölner Gürzenich stattgefunden: Die Gründungsversammlung des deutschen Schriftstellerverbandes VS. Aus klassischen Einzelgängern werden mit einem Schlag gewerkschaftlich orientierte Verbandsmitglieder. Ihr wohl prominentester Vertreter, der Nobelpreisträger Heinrich Böll, machte klar, worum es ging: "Es soll hier öffentlich Tacheles geredet werden", meinte er, und zwar nicht über Literatur, sondern über Geld. Denn das Buch war ein Produkt, der Autor Produzent und damit hatte er das Recht auf anständige Bezahlung. Was Böll in seiner berühmt gewordenen Rede verlangte, war das "Ende der Bescheidenheit".
Viel hat der VS seitdem erreicht und viel hat ihn bewegt. Jetzt sind "Aufbrüche" Thema des Jubiläumskongresses in Köln.
In der Langen Nacht stellen 6 deutsche Autoren ihre Literatur vor, ihre Visionen und ihr Selbstverständnis: Judith Herrmann, Felicitas Hoppe, Dagmar Leupold, Kathrin Schmidt, Christoph Peters und Jens Sparschuh. Die Lange Nacht mit deutschen Autoren aus dem Kölner Gürzenich.


-> 11.12.1999 - Eine Lange Computernacht aus dem Heinz Nixdorf Museumsforum in Paderborn
Die MultimediaMaschine
Moderation:  Christiane Knoll
 Max Schönherr

Mehr als 50 Millionen Computer sind weltweit über das Internet miteinander verbunden. Kisten aus Blech und Silizium ersetzen mehr und mehr die direkte Kommunikation zwischen den Individuen. Auch die Medien verändern sich. Schon senden mehr als 2000 Radiostationen ihre Programme ausschließlich im Internet, rund 500 Fernsehstationen weltweit kommen hinzu.
Wie Computer und Roboter den Alltag erobern, wie ihre Wahrnehmung und Intelligenz zunimmt und der Mensch mit ihnen in eine Wechselbeziehung tritt, sind die Themen der siebenstündigen Multimedia-Sendung. Interaktiv in Radio, Fernsehen und Internet (23:00 bis 6:00 Uhr) - visionär, realistisch, experimentell, konkret. Diskutiert wird, was die Wissensgesellschaft an der Schwelle zum 3. Jahrtausend von den Automaten und Maschinen, Programmen und Systemen der Kommunikations- und Informationstechnologie erwarten kann und mit welchen Visionen die Mitteleuropäer in die Zukunft blicken.
Dazu Stellung nehmen wollen auf einer Radiobühne in einer Talkshow Chefs der großen IT-Unternehmen wie Siemens, IBM, Telekom. Medienmacher und -Kritiker sitzen zusammen. Spitzenpolitiker aus Bund und Ländern kommen für diese Computernacht nach Paderborn. Und Forscher und Entwickler bringen dazu nicht nur ihr Wissen mit, sondern auch kleine und große Maschinen, die mit Museumsbesuchern und mit ihren "Artgenossen" in der Langen Nacht in Interaktion treten wollen.


-> 17./18.12.1999 - Eine Lange Nacht zum Ausklang des Goethe-Jahres
"Ich beförderte gern, was vernünftig war."
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Autor:  R.H. Wiegenstein

Um Himmels willen: immer noch Goethe? Haben wir nicht genug von dem Dichter gehört, gelesen, der vor 250 Jahren geboren wurde?
Diese Lange Nacht ist der Versuch, den Hörern von einer ausgiebigen Goethe Lektüre Eindrücke zu vermitteln: durch Goethes Briefe, in denen sich die Person und ihre wechselnden Masken spiegeln: der junge Dichter, der Staatsmann, der Italien-Flüchtling, der Stratege, der sein unendliches Werk verwaltet und - seiner Bedeutung gewiß - fortführt.
Er war in unruhige Zeiten hineingeboren, die weltgeschichtlichen Umbrüche haben ihn erschreckt (und manchmal auch beflügelt). In seinem "Wilhelm Meister" (an dem er wie am "Faust" jahrzehntelang gearbeitet hat) kehren alle Motive seines Lebens wieder. Und immer wieder gelingen in diesem Buch die Frauen-Figuren am schönsten und merkwürdigsten: Mignon, Philine, Aurelia, Therese, Natalie.
Begleiten Sie uns durch das Werk des Meisters - in dieser Langen Nacht zum Ausklang des Goethe-Jahres.


-> 24./25.12.1999 - Die Lange Nacht des Jesus von Nazareth
Messias, Prophet und grosser Meister
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Moderation:  Eva-Maria Schlittenbauer
 Herbert A.Gornik

Wer war und wer ist Jesus von Nazareth? fragt die Lange Nacht am Weihnachtsfest 1999 und zeigt ihn im Spiegel der Weltreligionen. Was Jesus heute bedeutet und warum er ebenso eint wie entzweit liegt, immer auch an der Lebenssituation derjenigen, die auf ihn schauen oder sich auf ihn berufen. "Auch Christus hätte zum Gewehr gegriffen", hat einst im revolutionären Kampf der Priester Camillo Torres gesagt. Als "den Gesalbten der Frauen" reklamiert ihn eine feministische Theologin unserer Tage. Der "Bruder und sanfte Weggenosse" zieht sich wie ein unauslöschliches Bild durch die Jahrhunderte - und gemalt wurde er - mit europäischem Blick - jahrhundertelang als germanischer Recke oder Südländer mit wallendem Haar.
Im Spiegel der Malerei ebenso wie in der klassischen Dichtung und deutschen Gegenwartsliteratur erscheint jener Mensch, den seine Umwelt als gar nicht immer freundlichen empfand, an dessen behaupteter Doppelnatur - Mensch und Gott - ganze Theologien zerbrachen und in dessen Namen Menschen geheilt und Menschen vernichtet wurden.
Im Gespräch mit palästinensischen Christen aus der evangelisch-lutherischen Gemeinde von Bethlehem und israelischen Rabbinern, darunter eine Rabbinatsanwärterin, mit hebräischen Christen, deren Gebetssprache Hebräisch ist und arabischen Muslimen, die als Palästinenser eher den Dialog mit den Christen als mit den Juden pflegen, zeigt die Lange Nacht den Menschen- und Gottessohn.


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