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-> Aktuelle Lange Nacht
Archiv:
-> Das Jahr 1999 in der Langen Nacht
-> 01.01.2000 - Die Lange Nacht der musikalischen und literarischen Jubiläen
Unsterblich 2000

Moderation:
Nicole Strecker
Stefan Keim

Das Leben ist ungerecht. Wir können immer noch Beethoven hören, Beethoven uns jedoch nicht mehr. So fabulierte - frei übersetzt - die englischen Komikergruppe Monty Python über die "decomposing composers". Was bleibt von den großen Toten? Steht wirklich eine Generation auf den Schultern der vorhergehenden? Oder tritt man den Standbildern der Vergangenheit solange auf die Kniekehlen, bis sie umkippen? Die Geburts- und Todestage eines neuen Jahres geben Anlaß, darüber respektvoll aber nibelungentreulos nachzudenken.

Johann Sebastian Bach ist einer der großen Jubilare im Jahre 2000, ein anderer Friedrich Nietzsche. Von "soli deo gloria" bis zu "Gott ist tot" muß sich allein schon deshalb der Bogen der Sendung spannen. Nicole Strecker und Stefan Keim erinnern an so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Gutenberg, Calderón und Orwell in der Literatur oder in der Musik Aaron Copland, Ernst Krenek, Tosca und den weißen Hai. Die berühmte Filmmusik von John Williams wurde 1975 uraufgeführt, zählt also auch zu den Geburtstagskindern. Eine abwechslungsreiche, ebenso kritische wie humorvolle Lange Nacht, die in drei Stunden klärt, wer nun wirklich "unsterblich 2000" ist.

-> 07./08.01.2000 - Ein kirgisisches Tagebuch in der Langen Nacht
Irgendwo dahinten. Gleich neben China.

Autorin:
Ulrike Bajohr

Ach da, wo die Berge so hoch ragen, dass kein Wind weht. Und die Sterne ganz hell leuchten, weil die Straßen dunkel sind. Wo das Seewasser zum Trinken klar ist, noch. Wo Männer Manas heißen - wie der Held aus dem Volksepos. Und die Schwiegertöchter nicht alle Djamila. Wo es viele schöne Pferde gibt und viel mehr alte Autos. Wo ein Politiker nachmittags Stuntmen ausbildet und abends komponiert. Und ein Schriftsteller - Tschingis Aitmatow - wieder in seiner Sprache schreibt. Einer Sprache, die türkisch klingt. Wo die Menschen asiatisch, sibirisch, chinesisch, russisch und selten gemischt aussehen. Und eine Schule in einem Dorf namens Luxemburg nach einem Deutschen benannt wurde.

Ach da, südlich der kasachischen Steppe, am westlichen Nordrand von China klebt Kirgisien, Kirgistan, Kirgisistan. Nicht einmal über die Bezeichnung weiß man Genaues. Aber über eine Familie: ihre Söhne, Töchter, Schwiegertöchter, Enkel, Freunde und Feinde. Alltags-beobachtungen von Ulrike Bajohr.

-> 14./15.01.2000 - Die Lange Nacht vom Bildungsglück
Die Mühsal nennt man gern Vergnügen

Moderation:
Florian Felix Weyh
Studiogäste:
Prof. Dagmar Schipanski
Sebastian Dresel
Ayse Buchara
Prof. Fritz Siemsen

Wissens- und Informationsgesellschaft wird unsere Epoche gerne genannt. Nie war der Zugriff auf Bildungsgüter leichter, demokratischer, billiger, nie lag die Schwelle niedriger - und doch reißt die Klage übers mangelnde Niveau in Schulen und auf Universitäten nicht ab. Diplomierte Akademiker werden als "sekundäre Analphabeten" entdeckt, zu kaum mehr fähig, als sich rudimentär auszudrücken, in schlechtem Deutsch oder schwachem Englisch zu publizieren, blind für alles, was über ihr Fachgebiet hinausgeht. Heillos überfordert, ist der Bildungsbegriff der Schul- und Hochschulpädagogik auf reine Zweckrationalität geschrumpft, vom Humboldschen Ideal Lichtjahre entfernt.

Doch es gibt Gegenbewegungen. Während sich in der Weltwissens- und Weltunfugsmaschine Internet immer größere Datenmengen aufstauen, bringen Publikumsverlage mit großem Erfolg Lexika und Wissenssammlungen auf den Markt.

Wo politisch nur von der Misere die Rede ist, tut Widerspruch not: Bildung ist ein Genuß und eine menschliche Bereicherung. Sie stärkt die Widerstandskräfte, bei moralischen Anfechtungen wie in persönlichen Krisen. Sie erweitert die Zahl der biographischen Alternativen, schützt vor innerer Leere und versöhnt mit den Unbilden des Lebens. Es gibt sie noch, die Welt des Bildungsglücks. Man muß sie nur suchen und voller Wißbegier durchs Paradies des Geistes streifen.

-> 21.01.2000 Achtung: nur Berlin - Die Lange Nacht der musikalischen und literarischen Jubiläen
Unsterblich 2000

Moderation:
Nicole Strecker
Stefan Keim

Das Leben ist ungerecht. Wir können immer noch Beethoven hören, Beethoven uns jedoch nicht mehr. So fabulierte - frei übersetzt - die englischen Komikergruppe Monty Python über die "decomposing composers". Was bleibt von den großen Toten? Steht wirklich eine Generation auf den Schultern der vorhergehenden? Oder tritt man den Standbildern der Vergangenheit solange auf die Kniekehlen, bis sie umkippen? Die Geburts- und Todestage eines neuen Jahres geben Anlaß, darüber respektvoll aber nibelungentreulos nachzudenken.

Johann Sebastian Bach ist einer der großen Jubilare im Jahre 2000, ein anderer Friedrich Nietzsche. Von "soli deo gloria" bis zu "Gott ist tot" muß sich allein schon deshalb der Bogen der Sendung spannen. Nicole Strecker und Stefan Keim erinnern an so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Gutenberg, Calderón und Orwell in der Literatur oder in der Musik Aaron Copland, Ernst Krenek, Tosca und den weißen Hai. Die berühmte Filmmusik von John Williams wurde 1975 uraufgeführt, zählt also auch zu den Geburtstagskindern. Eine abwechslungsreiche, ebenso kritische wie humorvolle Lange Nacht, die in drei Stunden klärt, wer nun wirklich "unsterblich 2000" ist.

-> 22.01.2000 Achtung: nur in Köln - Eine Lange Nacht der Feste und Rituale
"Tages Arbeit! abends Gäste!..."

Moderation:
Hellfried Brandl
Sibylle Hoffmann
Studiogäste:
Prof. Arthur E. Imhof
Dr. Herrad Schenk

Rituale und Feste als regelmäßig wiederkehrende Handlungs- und Kommunikationsabläufe prägen unsere Gesellschaften, ganz gleich, wie weit sie selbst die Ritualisierung des Alltags noch erkennen oder nicht. Vor allem in den 60er Jahren setzte massive Kritik an der Ritualisierung des Lebens ein. Politischer und religiöser Mißbrauch hat Rituale verdächtig gemacht. Manipulation der Menschen wurde und wird den Ritualen wohl zu Recht vorgeworfen. Rituale - so der Hauptverdacht der Kritiker - verfestigen vertikale, hierarchische Strukturen. Sei es im religiösen, sei es im politischen Leben, dem Ritual ist wegen seiner manipulativen Kraft zu mißtrauen.

Vor allem die Eckpunkte des menschlichen Lebens - Geburt, Heirat, Tod - wurden und werden mit Ritualen aus dem Tagesablauf herausgehoben. Und Feste begleiten gewissermaßen unseren Alltag. Der jährlich wiederkehrende Geburtstag, in katholischen Ländern der Namenstag, der Hochzeitstag, Weihnachten, Ostern, der Jahreswechsel, eine schier unendliche Liste vorgegebener "Fest-"tage prägt unseren Jahresablauf. Und wird nicht der Alltag selbst zu einem "festlichen" Ereignis, wenn wir am Abend bei Kerzenschein mit Freunden den Tag ausklingen lassen? Ohne "Fest" scheint unser Leben leer und sinnlos zu sein. Aber welche Feste können wir wirklich noch feiern?

-> 28./29.01.2000 - Lange Nacht der kurzen Hosen
100 Jahre Deutscher Fußball-Bund

Moderation:
Astrid Rawohl
Herbert Fischer-Solms

"Während der Turner in stolzer Haltung mit gehobener Brust daherschreitet, kommt der ´Nurfußballer` mit gesenktem Kopf, die Brust tief eingedrückt, die Arme wie unnötige Anhängsel mit sich führend, dahergeschlendert." Hohn und Spott, auch aus dem Lager anderer Leibesübender, mußten die ertragen, die am 28. Januar des Jahres 1900 den Deutschen Fußball Bund aus der Taufe hoben. Die Gründungsväter waren eine reine Männer-Gesellschaft von 80 Verwegenen aus 60 Vereinen, und es geschah in Leipzig, dessen VfB (Verein für Ballspiele) quasi folgerichtig 1903 erster Deutscher Fußballmeister wurde.

Freilich wurde schon vor der Jahrhundertwende in Deutschland gegen den Ball getreten, der englische Exportartikel Fußball erwies sich als unaufhaltsam und durchaus resistent bei Obigkeits-Bedenken gegen diesen Sport, der "roh" sei und "unzivilisiert" und "tierische Instinkte weckend". "Oberster Grundsatz des DFB ist die Ausübung des Fußballspiels als Amateursport" - ein Satz aus der Präambel, der sich 100 Jahre gehalten hat und schon damals heftig umstritten war. Kritiker behaupten, im Profi-Fußball von heute seien die DFB-Funktionäre die einzigen Amateure, die aber auch nicht verhindern konnten, daß Deutschland dreimal (1954, 1974 und 1990) Welt meister wurde.

Die Lange Nacht der kurzen Hosen - zum Geburtstag des Deutschen Fußball-Bundes 100 Jahre Fußball-Geschichten mit Fußballern und anderen Gästen.

-> 04./05.02.2000 - Die Lange Nacht der Metropolen von unten
Unterwelten

Moderation:
Susanne Schröder
Peter Kiefer

Die Lange Nacht taucht ein in Unterwelten. Ganz tief zunächst. Wir machen eine geologische Reise zum Mittelpunkt der Erde (in der Pfalz wird eine der tiefsten Bohrungen weltweit vorgenommen) und eine mythologische ins Schattenreich.

Die Stadt ist ein allgemeiner Bezugspunkt - wie sieht es in ihrer Unterwelt aus?

Andererseits - gibt es moderne Städte unter der Erde, ist dergleichen zukunftsträchtig? Berlin erlebt einen gewaltigen Bauboom - wie reagieren die Archäologen? Warum versinken alte Kulturen überhaupt im Boden? Wie sind Städte untertunnelt? Leben wir auf einem Schweizer Käse? Unterwelt pur ist mit dem Aufspüren von Tunnelgangstern verbunden (solchen, die sich maulwurfsartig zu Banktresoren vorgraben). Menschen leben unter der Erde in Wärmeschächten.

Wie möbliert sich der Tod - in rosa Plüsch? Auch Sargkulturen sind ein Thema. Wann, und vor allem warum schlägt eine Wünschelrute aus. Und was ist Erdmagnetismus? Das Militär verstaut seit Jahr und Tag geheime Waffen unter der Erde. Wie funktioniert ein unterirdischer Atomversuch?

Warum hebt man kleine Gräben aus, um bestimmte Gerichte zuzubereiten? Und warum nicht die Sendung mit einem exquisiten Trüffel-Rezept eröffnen? Auch musikalische Ausflüge ins Erdreich sind möglich: Undercar heißt eine Speyerer Musikgruppe, die in einer Hörcollage durch Löcher in den Untergrund taucht. Warum würden wir - psychologisch betrachtet - manchmal am liebsten im Boden versinken? Gibt es eine Tiefenangst? Wir jedenfalls haben keine und tauchen ein in die Lange Nacht der Unterwelten.

-> 11./12.02.2000 - Hans-Georg Gadamer: Ein Hermeneutiker wird Hundert
Von der Lust am Dialog

Autoren:
Hans-Georg Gadamer
Bernd H. Stappert

Am 11. Februar 1900 begann das Lebens eines Mannes, dessen hundertjähriges Bemühen stilbildend werden sollte: Sein Bemühen um das Verstehen, um das Wort, und darin begründet seine Fähigkeit zum offenen Dialog.

Seine "philosophischen Lehrjahre" verbrachte Hans-Georg Gadamer in Breslau, Marburg, München und Freiburg; als Hochschullehrer wirkte er danach bis zum Jahre 1968 in Marburg, Leipzig, Frankfurt am Main und Heidelberg. Und erst dann, als "emiritus" trat er mit großen schriftlichen Arbeiten an die Öffentlichkeit - Fortsetzungen, ja Entfaltungen jenes Werkes aus dem Jahre 1960, dessen Titel programmatisch bleibt: "Wahrheit und Methode".

Wieder und wieder kreist Hans-Georg Gadamer in Schrift und Wort - und da besonders in der freien Rede - um die Fragen, was gemeint ist und was verstanden wird, versucht in sokratischer Tradition dialogisch zu erheben, was Wahrheit ist. Im Gespräch versucht Hans-Georg Gadamer aufzuzeigen, daß das Sein, das verstanden werden kann, Sprache ist.

In Reden und Gesprächen nähert sich die Lange Nacht dem Jahrhundertleben von Hans Georg Gadamer.

-> 18./19.02.2000 - Eine Lange Nacht über die jüdische Kulturmetropole Czernowitz
Eislaken auf Feldern

Autor:
Helmut Braun
Studiogast:
Prof. Klaus Werner

Czernowitz - einst fast vergessen. Inzwischen weckt der Name dieser Stadt in der Bukowina wieder viele Assoziationen. Czernowitz, im heutigen Rumänien gelegen, war bis in die zwanziger Jahre eine jüdische Metropole. Ein buntes Völkergemisch lebte in der Stadt: Deutsche und Österreicher, Rumänen, Polen, Ungarn, Russen - und Juden. Sie stellten bis zu 50 Prozent der Bevölkerung und haben die Kultur in Czernowitz nachhaltig geprägt. Unter Schriftstellern, Malern, Bildhauern, Musikern und Komponisten, Schauspielern und Intellektuellen, Wissenschaftlern oder Unternehmern waren Menschen jüdischen Glaubens besonders stark vertreten, wie die Lyriker Rose Ausländer und Paul Celan, der Maler Oskar Lasker oder die Opernsänger Joseph Schmidt. Czernowitz - die Stadt erreichte als Kulturmetropole eine Ausstrahlung weit über ihre Grenzen hinaus. Der erste Weltkrieg beendete die Blüte der Stadt. Materielle Not zwang vor allem die jüdische Bevölkerung zur Emigration, ein Exodus der Künstler und Intellektuellen begann. Diejenigen, die nicht gingen, wurden im zweiten Weltkrieg von den Deutschen ermordet. In der Langen Nacht soll an das Werden, Blühen und den Untergang von Czernowitz als jüdische Kulturmetropole erinnert werden.

-> 25./26.02.2000 - Eine Lange Nacht für Kurt Weill zum 100. Geburtstag
"aus einem Leben in ein andres Leben"

Buch und Regie:
Gina Pietsch
Produktionsleitung:
Petra S. Hildebrand, Auris M. M.
Besetzung:
Katja Berg
Claudia Stangl
Andreas Joksch
Jochen Langner
Michael Schrodt
Prof. Alexander Vittlin

Dieser Kurt-Weill-Abend würdigt - wie könnte es anders sein im 100. Geburts- und 50. Todesjahr - Leben und Werk des Komponisten. In der Stadt, in der er studierte, studieren auch die Macher des Abends, und sie haben sich dafür des Metiers bedient, das der Komponist in unvergänglicher Weise entwickelt hat - des Songs. Kompositorisch erwiesenermaßen fähig zu jeder Spielart und jedem Genre, hat er vor allem mit dem Song Bleibendes geleistet, während dreier Lebensstationen, in die er geriet und in denen er sich einrichtete - Deutschland, Frankreich, USA - immer "aus einem Leben in ein andres Leben".

Die Songs werden ergänzt durch Aussagen von Kurt Weill, Bertolt Brecht, Ernst Josef Aufricht, Marlene Dietrich, Charlie Chaplin, Bangston Hughes und anderen. Es geht um das Sich-Erinnern in Leben und Kunst und das Produzieren von Kunst und Leben, es geht um Spaß und Mühen beim Arbeiten in seiner alten und neuen Heimat, mit Brecht, mit dem Broadway und mit Hollywood. Immer präsent dabei ist seine große Liebe, Ehefrau und erste Interpretin, auch sie wird zu hören sein: Lotte Lenya.

-> 03./04.03.2000 - Die Lange Nacht vom Kitsch
Zu schön, um wahr zu sein

Moderation:
Ralf Müller
Claus Vogelgesang
Studiogäste:
Prof. Uta Brandes
Prof. Harry Pross
Petra Perle

Lange Zeit war es peinlich, sich zum Kitsch zu bekennen. Die Anhänger einer lupenreinen Hochkultur ergriff Übelkeit beim Gedanken an Sissi, Heintje und den röhrenden Zwölfender aus Porzellan. Die Zeiten sind vorbei. Der Kitsch der Vergangenheit hat die Museen und Bühnen der Gegenwart erobert. Von Jeff Koons bis Christoph Schlingensief, Kunst spielt mit dem Kitsch und Kitsch ist scheinbar Kunst geworden.

Maaaama, sollst doch nicht um deinen Jungen weinen! Warum Kitsch so weh tut und warum er wohl tut: Die Lange Nacht präsentiert Träume und ihre Wirklichkeit, Kitschkritiker und ihre Lieblingsschnulzen, Streit und süße Versöhnung.

-> 10./11.03.2000 - Eine Lange Nacht über Sieger und Verlierer
Man ist, was man denkt

Moderation:
Christine Werner
Ulrich Loke

Von Erfolgs-Hormonen ist die Rede, von Talent und harter Arbeit - und immer wieder vom Kopf. Im Kopf wird über Sieg oder Niederlage entschieden, sagen Erfolgs- und Motivationstrainer. Und sie liefern die Strategien für den erfolgreichen Weg gleich mit: "Weck den Sieger in dir" oder "Ich kann, was ich will" lauten die Titel der Bücher und Seminare die ein besseres, schöneres und erfolgreicheres Leben versprechen. Grundtenor aller Strategien: Erfolg ist machbar, man muss nur wirklich wollen. Ganz gleich ob im Sport, in der Politik oder in der Wirtschaft.

Aber was heißt das eigentlich: Ein erfolgreicheres Leben? Wer oder was definiert den Erfolg? Und hängt wirklich alles vom Willen ab? Oder macht uns nicht manchmal ein Ereignis einfach einen Strich durch die Rechnung im Kopf? Bei alpinen Abfahrtsrennen entscheiden 1000stel-Sekunden über den Sieg, beim Turnen und Eiskunstlauf hängen die Medaillen vom Urteil der Preisrichter ab. Ehescheidungen und Firmenpleiten werfen Menschen aus ihren Lebensbahnen. Ist der Sieg tatsächlich planbar, der Erfolg strategisch durchsetzbar? Was haben Sieger-Typen, was Verlierern fehlt? Gibt es sie nicht doch, die geborenen Sieger? Die Lange Nacht führt über die Straße des Erfolgs und berichtet über Umwege, Abzweigungen und Stolpersteine.

-> 17./18.03.2000 - Eine Lange Nacht über Kommunikation im Tierreich
Graue Maus liebt bunten Papagei

Moderation:
Judith Grümmer
Mirko Smiljanic

Im Tierreich herrschen seltsame Sitten: Bei bestimmten Vogelarten zum Beispiel werben die Männchen um die Weibchen, was ja zunächst einmal nichts besonderes ist. Sie tun dies allerdings in einem geradezu überbordend bunten Federkleid inklusive tänzerischer Einlagen und unentwegtem Singen. Die Weibchen dagegen - nichtssagend grau. Oder nehmen wir die Schwarze Witwe: Sie frißt ihre Begatter nach den Liebesminuten auf. Auch so läßt sich Treue erzwingen.

Das Verhalten und die Kommunikation von Tieren zählt zum Faszinierendsten, was die Zoologie zu bieten hat. Einiges ist bekannt, vieles unerforscht. Woher wissen Heuschrecken, dass 200 Kilometer entfernt Artgenossen zum großen Fressen ansetzen? Warum umhegen Löwen ihre eigenen Jungen, töten aber gnadenlos die Kleinen eines "erbeuteten" Weibchens? Wie orientieren sich Fische und Vögel, wenn sie in riesigen Schwärmen viele Tausend Kilometer unterwegs sind? Und warum sind die Unzertrennlichen - eine exotische Vogelart - so unzertrennlich, dass sie nur als Paar überleben?

Diesen und vielen anderen Fragen geht die Lange Nacht über Kommunikation im Tierreich auf den Grund. Mit Experten im Studio und Reportagen im Stall, im Zoo und wo Tiere sich sonst noch aufhalten

-> 25./26.03.2000 - Die Lange Nacht vom Licht
Zeichen in der Finsternis

Moderation:
Hartmut Topf
Studiogäste:
Prof. Fritz Siemsen
Prof. Peter Thiele

Pharos, der Leuchtturm von Alexandria, war eines der sieben Weltwunder des Altertums. Leuchttürme faszinieren, haben die Phantasie von Dichtern, Malern und Komponisten ebenso angeregt wie die seltsamen, geheimnisvollen Glühwürmchen warmer Sommernächte. Licht als Träger von Information, als nächtlicher Wegweiser, als vielleicht auch trügerisches Zeichen von Hoffnung und ewiger Liebe getrennter Königskinder oder wartender Eltern... Welle oder Korpuskel, was ist Licht eigentlich? Und, viel wichtiger, was bedeutet es den Menschen, wenn sie Kerzen auf Gräber und in Fenster stellen, auf hohen Bergen Feuer anzünden? Was erzählen leuchtende Fische einander? Wer täuscht die Sinne mit Irrlichtern? In der Langen Nacht wollen wir Ihnen und uns ein Licht aufstecken, vielleicht sogar im Sinne der Illuminaten, der Erleuchteten der Aufklärung.

-> 31.3.2000/1.4.2000 - Die Lange Nacht über rechtsradikale Jugendliche
Kindsköpfe oder Verfassungsfeinde?

Autorin:
Jacqueline Boysen

Sind sie die späten Erben der Diktatur des Proletariats oder Kinder, denen Gewaltvideos die Phantasie verdorben haben? Fallen Sie rechten Rattenfängern anheim, weil sich sonst niemand um sie kümmert - oder provozieren sie, um Aufmerksamkeit zu erregen?
Die Heranwachsenden der Nachwendezeit rasieren sich die Köpfe und schmücken sich mit verbotenen Macht-Insignien der Nationalsozialisten. Sie spielen mit der Polizei Katz und Maus um illegale Konzerte, grölen antisemitische Parolen und stampfen in Springerstiefeln durch ihre enge Welt, die sie von Andersdenkenden und Ausländern zu befreien trachten.

Die Szenarien ähneln sich: 16-, 17-jährige Glatzköpfe suchen sich einen Wehrlosen, schlagen und treten, bis das Opfer blutend am Boden liegt. Sie werden geschnappt, verhaftet, verurteilt und lassen sich als Märtyrer von Gleichgesinnten feiern.

Die Hilflosigkeit von Eltern und Lehrern, Richtern und Politikern ist so groß, wie die Erklärungsmuster von Wissenschaftlern unzureichend sind.

Muß sich die Gesellschaft von gewalttätigen Antidemokraten fürchten oder kann sie die 17-jährigen Desperados "heilen"? Gespräche, Meinungen, Reportagen und Diskussionen in dieser Langen Nacht über rechtsradikale Jugendliche.

-> 07./08.04.2000 - Tango in einer Langen Nacht
Mit einem Ohr im Sand

Moderation:
Astrid Kuhlmey
Jochanan Shelliem
Studiogäste:
Albrecht Walter

Am Anfang stehen sie voreinander, sie auf der Jagd nach purer Sinnlichkeit mit langem Schlitz im Kleid, er das Haar glänzend vor Gel, heißkalte Leidenschaft im Blick: TANGO, ob im Bordell, wie einst in Argentinien oder mal ohne Birkenstocksandalen in einem Tanzkurs der Volkshochschule. Von der Tangomanie zwischen Rügen und der fränkischen Schweiz legen Beteiligte, Geschädigte und Hingerissene Zeugnis ab; Tangoadepten und Intellektuelle berichten von dem Rhythmus, der bis heute süchtig macht, schmerzende Füße, blaue Zehen vergessen läßt und Studienräte zu Bewegungen verführt, die schon Eltern ihren Kindern untersagten.

"Mit einem Ohr im Sand" hat Oma Meumes Tochter diesen Tanz genannt, der heute nach wie vor heißblütige Metzgerswitwen mit verhangenem Blick im Arm des unbekannten Brillantineritters schmachten läßt. Besser als der Seitensprung im Separée, da frau die Männer schneller wechseln kann, als rote Pumps durchtanzt sind...

Wie kam das Bandoneon in die Kaschemmen an den Rio de la Plata? Wie starb Carlos Gardel, der junge Gott der Tangosänger? Wo legte man während der Nazizeit zum Klang des Bandoneon den Wiegeschritt aufs Parkett? Auch davon wird eine Lange Nacht voller Tango erzählen.

-> 14./15.04.2000 - Die Lange Nacht der Fälscher und Fälschungen
... die Fuge hast du ganz gestohlen

Autor:
Rainer-Kurt Langner

Als Louis Aragon Pablo Picasso besuchte, zeigte dieser seinem Gast einen Goya. Auf Aragons Frage, ob das Bild echt sei, antwortete Picasso im Brustton der Überzeugung: "Selbstverständlich ist es echt, ich habe es ja selbst gemalt."

Diese Anekdote ist eine Fälschung und doch eine geistreiche Paradoxie.

Goethe und seine Zeitgenossen haben den berühmten "Ossian" als gälischen Dichter gefeiert; der "Stern" hat die Tagebücher Hitlers veröffentlicht; in die Kornfelder bei Cornwall sind Spuren außerirdischer Flugapparate kreisrund eingebrannt; Fotos zeigen UFOs. Nichts gibt es, was nicht zu fälschen wäre. Bilder, Plastiken, Möbel, Bauwerke, literarische Werke, Musik, Briefe, Tagebücher, Autographen, Urkunden, Verträge, Geldscheine, Münzen, Lebensmittel, Fotografien, Medikamente, Spiel- und Dokumentarfilme - nichts ist vor dem Eifer geschickter Fälscher sicher, selbst die moderne Zeitrechnung ist eine Fälschung. Es heißt, daß es vermutlich mehr Fälschungen als Originale gibt.

Diese Lange Nacht erzählt von den spektakulärsten Fälschungen der Neuzeit, von einer Welt, die betrogen werden will.

-> 21./22.04.2000 - Eine Lange Nacht für William Gaddis
Hingabe an die irren Stoffe der Welt

Moderation:
Walter van Rossum
Studiogäste:
Heide Ziegler
Klaus Buhlert
Matthew Gaddis
Marcus Ingendaay
Ingo Schulze

William Gaddis (1922 - 1998) hat nur vier Romane geschrieben. Doch er hat die moderne amerikanische Literatur beeinflußt wie kaum ein anderer: Don DeLillo, Thomas Pynchon, William Gass, Robert Coover und etliche andere berufen sich auf ihn. Gaddis hat nur ein Hörspiel geschrieben - und zwar für den Deutschlandfunk: "Torschlußpanik". Er hat es kurz vor seinem Tod vollendet, im Februar 1999 wurde es im Radio uraufgeführt. Scheinbar handelt es von Gaddis selbst: ein sterbender alter Schriftsteller im steten Monolog über sein letztes Buch, das vom Künstler und von der Kunst handelt, ihrer Einzigartigkeit und Überflüssigkeit, von dem, was bleibt und was war. Erstaunlich - der Romancier Gaddis hatte dem kakophonen Stimmengewirr das Erzählen überlassen, doch ausgerechnet in seinem einzigen Hörspiel verfällt er in einen Monolog.

Nicht nur dieses Rätsel wird in der Langen Nacht über William Gaddis eine Rolle spielen, auch Interviews mit Gaddis, ein Podiumsgespräch anläßlich des 1. Todestages von Gaddis am 12. Dezember 1999 im Kölner Literaturhaus mit seinem Sohn Matthew Gaddis (der einen Film über die Entstehung des Hörspiels gedreht hat), seinem Übersetzer Marcus Ingendaay, dem Schriftsteller Ingo Schulze, dem Regisseur Klaus Buhlert und der Literaturwissenschaftlerin Heide Ziegler.

-> 28./29.04.2000 - Eine Lange Nacht im Hörfunkarchiv der DDR
Von Stalin über Bitterfeld zum Palast der Republik

Autor:
Dr. Kurt Kreiler

Der Besuch im ehemaligen Hörfunkarchiv der DDR wird zur akustischen Konfrontation mit 40 Jahren der DDR. Die Stimme der Archivarin durchwirkt als roter Faden eine Collage aus dokumentarischen Fundstücken. Dem Gedächtnis der Archivarin antwortet das Gedächtnis des Archivs. Die eingebrachten Originaltöne - von der ersten Sendung des Berliner Rundfunks über "Striezelmarkt", "Maxhütte", "Friedensfahrt", "Schutzwall", "Bitterfelder Weg", "Nachtdrusch" bis zu den Leipziger Montagskundgebungen - lassen den Hörer die Choreographie der ideologischen Allgemeinplätze nachvollziehen, sie zeigen Sehnsüchte und Hoffnungen, bringen verstelltes und unverstelltes Reden im "real existierenden Sozialismus" zu Gehör. Angesprochen werden in dieser Langen Nacht auch die Praktiken der Archivierung, die vermuteten "Giftschränke" sowie die aktuelle Situation des Archivs und seiner Mitarbeiter.

-> 05./06.05.2000 - Die Lange Nacht der Herzen
"... ein schwaches Ding"

Moderation:
Ralf Müller
Dr. Claus Vogelgesang
Studiogäste:
Erika Berger, Sexualforscherin, Entertainerin
Dr. Anno Diegeler, Herzchirurg, Herzzentrum Leipzig
Katharina Rutschky, Literaturkritikerin

Im Wonnemonat schlagen die Herzen höher. Liebende schütten sich ihre Herzen aus, und manch einsames Herz wird in lauer Frühlingsnacht gebrochen. Wer Mut hat, faßt sich eines. Berühmte Dichter legen es nackt vor ihre Leser. Klosterbrüder gießen es aus. Jesus offenbart das seine den Gläubigen.
Mit seinem Schlagen fängt das Menschenleben an, mit seinem Stillstehen hört es auf. Das Herz bestimmt nicht nur den Rhytmus von Musik und Seele; im Zentrum des Blutkreislaufs treibt es den Lebenssaft in alle Organe. Schrittmacher helfen ihm auf die Sprünge, schadhafte Stellen umgeht man durch Bypass.
Kranke Herzen werden mitunter sogar verpflanzt, aber ein ehrliches Herz schlägt immer auf der richtigen Stelle, links?


-> 12./13.05.2000 - Die Lange Nacht vom Filz
Es läuft im Staate wie geschmiert

Moderation: Ulrich Gineiger


Filz ist ein ganz besonders Material: Versuchen wir, eine Strähne aus der Oberfläche zu lösen, so zerstören wir die gesamte Struktur. Und damit gilt der Lehrsatz, der eine Filzokratie so verletzlich macht: Ein jeder ist mit einem jeden so verbunden, daß bei der geringsten Bewegung das System wackelt. Mikado in seiner spannendsten Form: Wer sich zuerst bewegt, riskiert den eigenen Zusammenbruch wie auch den seiner Umgebung.

Was aber ist die Machart von Filz? Wie entsteht ein solches Geflecht, das sich für seine Parasiten als so fruchtbar erweist? Ist es denkbar, daß dieses Strickmuster einem jeden Menschen - a priori - mit auf den Weg gegeben ist? Schließlich lebt der Filz auf der ganzen Welt aus ein- und denselben Vorgängen, denselben Eigenschaften, denselben Stärken und Schwächen; unabhängig davon, wann oder wo seine Macher auf dieser Welt leben. Faszinierend ist das Spiel mit den Abhängigkeiten allemal - unabhängig, ob man die Perspektive als Mitglied dieses Systems pflegt - oder die Perspektive des Betrachters von außen. Besonders der letztere Blick inspiriert Autoren, Kabarettisten, Musiker und Redenschreiber gleichermaßen. Für die Perspektive eines Insiders gilt allerdings die Devise: Schweigen ist Gold.
Filz - ein Stoff, der die Demokratie verändert. Auch dieser gewagten These werden wir in der Langen Nacht vom Filz nachgehen.


-> 19./20.05.2000 - Die Lange Nacht vom Zufall
Gott würfelt nicht

Moderation:
Ulrike Burgwinkel
Carsten Schroeder
Studiogäste:
Elisabeth Hürter
Prof. Alois Hahn
Prof. Walter Krämer

Zufälle gibt's..., die gibt's gar nicht. Sie denken gerade an jemanden und kurz darauf ruft er sie an. Sie sitzen in Tokio in der U-Bahn und treffen einen alten Schulfreund. Sie verpassen die Bahn und entgehen einem folgenschweren Unfall. Und Sie erinnern sich noch an den Zufall, durch den Sie die große Liebe Ihres Lebens getroffen haben? Zufall oder Schicksal? Ist Schicksal nichts anderes als reiner Zufall, oder ist es vorherbestimmt? "Gott würfelt nicht", meinte Albert Einstein und plädierte für eine rational begründbare, kausale, gesetzmäßige Ordnung der Welt. Gewürfelt wiederum wurde von Mathematikern und das Resultat war die Wahrscheinlichkeitsrechnung, mit der sie den Zufall in den Griff bekommen wollten. Sechs Richtige im Lotto zu tippen ist, statistisch gesehen, völlig aussichtslos. Andererseits: Jeder Jackpot wird mit Sicherheit irgendwann geknackt. Bildende Künstler wie Hans Arp nutzen das Prinzip Zufall ebenso wie aleatorische Komponisten oder Tristan Tzara mit seiner dadaistischen Wundertüte. Der Philosoph Demokrit ging schon in der Antike davon aus, daß die Welt aus einer zufälligen Abweichung hervorging. Zauber des Zufalls - die Lange Nacht der Schicksalsmächte, Glücksspieler und Chaosforscher.

-> 26./27.05.2000 - Die Lange Nacht der Museen
Schatzkammern oder Gehäuse für Events?

Autor:
Roland H. Wiegenstein
Studiogäste:
Dr. Erika Billeter
Prof. Dr. Sibylle Ebert-Schifferer
Prof. Dr. Alexander Dückers
Prof. Dr. Klaus Schrenck

"Sammler-Museen" entstehen überall, große Ausstellungen ziehen Hunderttausende an: Kunst als Spektakel für bilderhungrige Massen sind modern. Doch in vielen Museen, die von Finanznöten geplagt die Eintrittspreise erhöhen und die Öffnungszeiten einschränken müssen, herrscht gähnende Leere. Nur wenn eines, neu geordnet, im "alten Glanz erstrahlt", kommen die Neugierigen. Und die Touristen.
Die Konsequenzen, die viele Museumsleute aus diesem Befund ziehen sind radikal: man muß die Besucher locken, mit allen Mitteln. Daß Museen eigentlich so etwas wie das visuelle Gedächtnis der Menschheit sind, gerät dabei leicht in Vergessenheit. Wie man diesem gefährlichen Zirkel entkommen kann, darüber reden Museumsleute, Ausstellungsmacher, Kritiker in dieser Langen Nacht der Museen.


-> 02./03.06.2000 - Ein Jahrhundertspaziergang durch Berlin
Metropolis auf Sand

Autoren:
Angelika Schrobsdorff
Prof. Herbert Kundler
Prof. Peter Steinbach

"Soweit diese riesige Stadt aus Stein besteht, ist sie fast noch wie einst. Hinsichtlich der Bewohner gleicht sie längst einem Irrenhaus. Im Osten residiert das Verbrechen, im Zentrum die Gaunerei, im Norden das Elend, im Westen die Unzucht, und in allen Himmelsrichtungen wohnt der Untergang" - das schrieb Erich Kästner im Jahre 1930 über jene Stadt, die schon seit der Jahrhundertwende alle Extreme in sich vereint: Berlin. Prunkvolle Straßen, machtvolle öffentliche Bauten, luxuriöse Geschäfte, Theater: auch Theater, wo Buletten und Enge und "Berliner Schnauze" zusammengehören. Alfred Kerr und Walter Benjamin, Walter Mehring und Alfred Döblin, Friedrich Holländer und Marlene Dietrich, Bertolt Brecht und Ernst Busch, Wolfgang Langhoff oder Max Reinhardt, sie haben Berlin geliebt und geschmäht. Ihr Heimweh nach dem Kurfürstendamm, nach den Linden hat sie - wo auch immer - eingeholt. Was machte Berlin im 20. Jahrhundert aus? Wie hat sich diese Stadt im Schatten zweier Weltkriege verändert? Wie hat das Leben in der geteilten Stadt nach 1945 ihre Bewohner geprägt? Die Lange Nacht begibt sich mit der Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff, dem Historiker Peter Steinbach und dem Radiomann Herbert Kundler in persönlicher Erinnerung, legendären Originaltönen und Musik auf einen Jahrhundertspaziergang durch Berlin.

-> 09./10.06.2000 - Eine Lange Nacht mit neuen Chansons aus Frankreich
Unsere Liebe ist ein Krieg

Moderation:
Stephan Göritz

Einige Zeit schien das französische Chanson neben den harten Rhythmen von Rock und Rap zu verstummen, doch längst hat sich wieder eine neue Generation von Interpreten auf den Weg gemacht, die es wagen, in drei Minuten Geschichten zu erzählen, für die man eigentlich einen Roman braucht.

Da ist zum Beispiel Véronique Pestel, die in ihren Liedern von der fließenden Grenze zwischen Liebe und Krieg spricht. Oder Allain Leprest, er erzählt von den sogenannten kleinen Leuten seiner Umgebung so poetisch und genau, daß wir sie nicht mehr vergessen können. Ihre Lieder blühen (auch in Frankreich) noch im Verborgenen, doch es lohnt sich, sie zu entdecken.

Auch die ´Dinosaurier` des Chansons haben sich nicht zur Ruhe gesetzt: der 72jährige Gilbert Bécaud, der 76jährige Charles Aznavour und selbst der 87jährige Charles Trenet überraschen immer wieder mit neuen Platten und Konzerten.

Stephan Göritz spielt eine Nacht lang neue Chansons von jungen und alten Interpreten und läßt einige von ihnen, wie Véronique Pestel oder Maxime Le Forestier, auch im Gespräch zu Wort kommen.

-> 16./17.06.2000 - Die Lange Nacht vom schönen Mann
Mister Perfect

Moderation:
Ferdos Ferodustan
Reiko Thal
Studiogäste:
Ingelore Ebberfeld
Dr. Heide Hollmer
Ralf Bauer

Bin ich schön? Diese Frage stellen sich längst nicht mehr nur Frauen, sondern inzwischen auch ganze Kerle. Waschbrettbauch, Bizeps und ein Gesicht wie "Mr. Perfect"; der Weg zu diesem Ziel ist hart. Glaubt man Magazinen wie ´Men´s Health` oder ´CG`, dann möchte der moderne Mann ganz genau wissen, mit welcher Körnernahrung er Falten bekämpft, mit welchem Training Muskeln aufgebaut, oder in welchem Wellness-Hotel er sein Gesicht mit Algenpampe bestreichen lasen kann. Auch der Gang zum Schönheitschirurgen ist dem starken Geschlecht - trotz gepflegter Wehleidigkeit - kein Greuel mehr: weg mit Tränensäcken und Truthahnhälsen.

Probleme also treiben den Mann um, die den Frauen nur allzu bekannt vorkommen. Das starke Geschlecht muss sich neuen Werten beugen: viel Geld, super Job, schnelles Auto und schöne Frau(en) - sie sind natürlich immer noch das Ziel. Und: Er möchte nackt gut aussehen.

Hilft Schönheit dem Mann beim beruflichen oder gesellschaftlichem Fortkommen, oder ist physische Attraktivität für Männer eher ein Hindernis? Kurz: was macht einen schönen Mann aus und wieviel ist "Er" bereit, dazu zu tun?

Diesen Fragen will die Lange Nacht im Gespräch mit Experten und einem - natürlich bildschönen - Studiogast nachgehen.

-> 23./24.06.2000 - Die Lange Nacht der Mathematik
Pythagoras und Würfelkanon

Moderation:
Uli Blumenthal
Norbert Ely

Zu Euklid, dem größten Geometer seiner Zeit, dem Haupt des glänzenden alexandrinischen Mathematikerkreises, kam eines Tages ein junger, der Mathematik beflissener Mann mit der Frage: ,,Aber was werde ich gewinnen, wenn ich all diese Dinge lerne ?'' Der Meister winkte statt einer Antwort seinen Sklaven herbei und hieß ihn, dem jungen Mann einige Goldstücke auszuhändigen: ,,Denn er muß Profit aus dem ziehen, was er lernt!''

Diese Anekdote erzählen sich Mathematiker seit Jahrtausenden gern, um zu betonen, dass man Mathematik um ihrer selbst willen betreiben solle. Außenstehende sehen sich eher darin bestätigt, dass es eine brotlose Kunst sei. Heutzutage nun ändert sich die Sicht der Mathematiker auf ihre Disziplin.

Stolz verweisen sie auf die Anwendungen: Ohne komplizierte Transformationsrechnungen wäre die Computertomographie nicht möglich. Das Entwerfen komplexer Rechner-Chips und ihrer Leiterbahnen geht nicht ohne die Jünger des Euklid ebenso wie das Design von Proteinen zur Herstellung neuer Medikamente. Und die mathematische Kunst setzt ihre Jünger inzwischen auch vorzüglich ins Brot. Die Banken reissen heute den Hochschulen die Finanzmathematik-Absolventen aus den Händen, damit sie den Wohlstand der shareholders mehren. An der Wallstreet stellen Mathematiker inzwischen die meisten Beschäftigten.

Die Lange Nacht der Mathematik beschäftigt sich unter anderem mit dem Selbstverständnis der Mathematiker heute, den Wandlungen des Bildes von der Mathematik, mit mathematischen Modellen und ihrer Verwendung im kompositorischen Prozeß sowie mit dem Verhältnis von Mathematik und Malerei.

-> 30. Juni / 1. Juli 2000 - Eine Lange Nacht über Lust und Frust von Teamarbeit
Elf Freunde sollt ihr sein

Moderation:
Michael Roehl

Arbeit im Team, Teamfähigkeit, Bereitschaft zur Teamarbeit: in Stellenanzeigen werden Mitarbeiter gesucht, die kooperieren können.

Gruppenarbeit und Teamarbeit - ohne Zweifel ein Dauerbrenner der modernen Managementliteratur. Aber auch ein Thema, das Widersprüche erzeugt. Von ungeahnten Leistungspotentialen ist da die Rede, von Powerteams gar. Aber: woher kommt der Teamgeist? Ist er erlernbar und wenn ja, wo können wir ihn trainieren? Welche Rolle spielt dabei das Team-Klima und welche soziale Kompetenz brauchen Vorgesetzte, um herauszufinden, wo die Fähigkeiten der einzelnen Mitarbeiter liegen? Denn nur unter günstigen Rahmenbedingungen können Teams wirklich bessere Arbeitsergebnisse erzielen. Kann es bei der heutigen Konkurrenz unter Einzelkämpfern und dem steigenden Leistungsdruck überhaupt teamwork geben? Lassen sich Entscheidungen im Team in einer angemessenen Zeit treffen? Und wie sieht es mit der vielbeschworenen Kreativität im Team aus?
Darüber diskutieren wir in der Langen Nacht der Teamarbeit.


-> 07./08.07.2000 - Eine Lange Nacht zu Thomas Mann
Eine Merkwürdigkeit, dieses Leben

Moderation:
Joachim Scholl
Studiogäste:
Peter Wapnewski
Inge Jens
Reinhard Baumgart

Thomas Mann hat in seinem Leben alles erreicht: den Millionen-Erfolg beim Publikum, den literaturhistorischen Status eines der bedeutendsten Schrifstellers in diesem Jahrhundert und die Rolle eines geistigen Repräsentanten Deutschlands, wie sie nach Goethe von keinem zweiten Autor souveräner gespielt wurde. Dennoch ist seine Größe nicht unumstritten. Die vielen biographischen Zeugnisse, die es von ihm und über ihn gibt, zeigen Thomas Mann als oftmals zerrissenen, zweifelnden aber auch ungeheuer selbstgefälligen Menschen, der seine Umgebung bis zum Äußersten strapazieren konnte. Jede Kritik an seiner Person oder dem Werk faßte er als persönliche Beleidigung auf, er war süchtig nach Ruhm und Verehrung. Seine politische Wandlung vom strammen Nationalisten im Ersten Weltkrieg zum überzeugten Demokraten der Weimarer Republik machte ihn nach 1933 zum widerwilligen Luxus-Exilanten und Streitfall. Auch nach dem Krieg sorgten seine politischen Äußerungen und der Entschluß, nicht nach Deutschland zurückzukehren, für öffentliche Kontroversen. Hochgefeiert, aber auch vielgeschmäht - so stand er im Alter da, was ihm wenig gefiel. Sechs Wochen vor seinem Tod notierte er: "Kurios. Kurios. Eine Merkwürdigkeit, dieses Leben."

-> 14./15.07.2000 - Die Lange Nacht vom Tee
Orient und Okzident in einer Schale

Moderation:
Stella Märtin
Peter Kiefer
Studiogäste:
Dr. Gisela Panzer
Thomas Holz

In Asien war Tee bereits lange vor unserer Zeitrechnung ein Zeichen für Freundschaft, Geselligkeit und Harmonie. In China, dem Ursprungsland des Tees wurde bereits vor 5000 Jahren die wohltuende Wirkung des Teeblatts beschrieben. 552 n.Chr. von Mönchen nach Japan gebracht, versahen dort Zenmeister den Teegenuss mit einer bis ins Detail festgelegten Zeremonie, die sich bis heute erhalten hat.

Den Blick auf Europa gerichtet, waren es allen voran die Briten, die mit den Chinesen um das Tee-Monopol wetteiferten, bis er seinen Siegeszug in die westliche Welt antrat.

Tee original mit Milch und Zucker oder bestens parfümiert, wie man ihn am besten zubereitet, welche Zeremonien und Legenden um ihn ranken - Eine Reise zu Themen, Aromen und in ferne Länder, kurzum eine Teatime in der Langen Nacht.

-> 21./22.07.2000 - Die Lange Nacht der Sportreportage
Ein Reporter ist auch nur ein Mensch

Moderation:
Herbert Fischer-Solms
Ulrich Loke
Studiogäste:
Rudi Michel
Manfred Breuckmann
Wolfgang Hempel
Werner Hansch
Doris Schiederig

Der Feuilletonist Helmut Böttiger erinnert sich wehmütig der Zeiten, in denen der Samstagnachmittag noch einen Sinn hatte, als nämlich zwischen halb fünf und viertel sechs die Vorgärten von aufputschenden Reporterstimmen durchsetzt, die Autoradios voll aufgedreht und die Reihenhäuser nur notdürftige Kulissen vor den vollbesetzten Tribünen und Stehplatzkurven waren. In 75 Jahren Hörfunk in Deutschland hatte die Sportreportage ihre größte Zeit während der Weimarer Republik, besonders aber unter den Nationalsozialisten mit den Übertragungen der Boxkämpfe von Max Schmeling und der Olymipschen Spiele 1936 in Berlin. Nach dem Krieg war das Fußball-Weltmeisterschaftsfinale 1954 von West-Reporter Herbert Zimmermann und Ost-Kollege Wolfgang Hempel im Radio der "letzte große Straßenfeger" (Rudi Michel) im geteilten Deutschland. Statt Emotionen obwaltet jetzt an den Rundfunk-Mikrofonen die sogenannte "neue Sachlichkeit". Mittlerweile bringt vor allem der Griff ins Archiv Faszinierendes hervor. Hat die Sportreportage heute überhaupt noch eine Chance? Oder sind in unserem normierten Alltag Reporter nicht notwendiger denn je, die der Vorstellungskraft der Menschen Flügel verleihen, wie Hannes Stein bei der Übertragung des Gold-Rittes von Hans-Günter Winkler und seiner "Wunderstute" Halla 1956, Pferde in den Himmel fliegen lassen? In der Langen Nacht zu hören: Reportagen und Reporter, von damals und heute, als Konserve vom Band und live aus dem Studio.

-> 28./29.07.2000 - Johann Sebastian Bach zum 250. Todestag
Aus größter Strenge zur höchsten Freiheit

Moderation:
Bettina Schmidt
Norbert Ely

So unterschiedliche Auffassungen die Heroen unserer Geschichte auch vertraten, gegenüber der Musik von Johann Sebastian Bach fühlten sie sich alle irgendwie in Beziehung gesetzt. Goethe meinte in puncto Bach "ein Meer von ferne brausen zu hören" , Richard Wagner endeckte in seiner Musik die "unendliche Melodie", eine "Erhabenheit, die alle Schönheit übertrifft". Für Anton Webern "findet alles bei Bach statt" und Theodor W. Adorno verteidigt Bach gar "gegen seine Liebhaber". Wir werden im Sommersaal des Bach-Archivs Leipzig die Wirkung der Bachschen Musik mit Experten diskutieren und natürlich seine Musik hören, u.a. von der Cembalistin Christine Schornsheim.

Vielleicht kommen wir dem Rätsel seiner Aktualität und seiner Popularität in dieser Langen Nacht ein kleines Stückchen näher...

-> 04./05.8.2000 - Die Lange Nacht der Wüste
Jedes Sandkorn ein Zeichen

Moderation:
Susanne Schröder
Peter Kiefer
Studiogäste:
Salim Alafenisch
Achill Moser

Der Wanderer folgt den Spuren der Käfer, den Wellen der Dünen, der Farbe des Bodens. Die Wüste ist ein Feld für Entdeckungen. Sie birgt Schätze und Geheimnisse, ganze Kulturen, die vom Wind (fast) verweht sind. Wo liegt die alte Hauptstadt des Großen Khan, wo das Reich der Königin von Saba? Existieren auch Seen im Untergrund? Wo ist der größte aller Wüstenschätze, das Wasser, ohne das die Wüste tatsächlich nur ein ödes, wüstes Land wäre? Wüste als Metapher: Wo liegt die Wüste in den großen Städten, wo in uns selbst, als Seelenlandschaft? Heißt "Wüste" dann Leere, Verlassenheit oder repräsentiert sie etwas Weiches, Wärmendes? Die Wüste kann man lesen. In jedem Sandkorn steckt ein überraschendes Zeichen. Die Lange Nacht unternimmt Streifzüge in eine Landschaft mit grünen Bäumen und solchen aus Stein, eine Landschaft, die viele Gesichter hat und viele Geschichten kennt. Die sie erlebt haben, werden erzählen.

-> 11./12.8.2000 - Eine Lange Nacht der Bewußtseinsforschung
Neue Wissenschaft

Moderation:
Harald Brandt
Studiogäste:
Dr. Claudia Müller-Ebeling
Dr. Franz-Theo Gottwald
Prof. Dr. Ervin Laszlo

Die Lange Nacht "Neue Wissenschaft" ist ein Gespräch über die evolutionäre Sackgasse, in der sich die Menschheit an der Schwelle eines neuen Jahrtausends befindet. Wenn es uns nicht gelingt, unser Bewußtsein so zu erweitern, daß wir zu weniger zerstörerischen Umgangsformen mit unserer Umwelt und mit unserer eigenen Spezies finden, könnte das "Abenteuer Menschheit" ein schlimmes Ende nehmen.
In vielen Bereichen der modernen Wissenschaft gibt es zwar hoffnungsvolle Ansätze für ein Umdenken, aber die Frage ist, wie nachhaltig sie zum Tragen kommen.
Die Sendung wird sich auch mit den Brücken beschäftigen, die in den letzten Jahren zwischen traditionellen Erfahrungsmodellen, wie zum Beispiel Schamanismus, und der wissenschaftlichen Erklärung der Welt geschlagen wurden.
Ein Schwerpunkt in der Diskussion wird die Frage sein, wie der einzelne Mensch durch sein Verhalten und Denken im täglichen Leben auf die Evolution des Bewußtseins Einfluß nehmen kann.


-> 18./19.8.2000 - Die Lange Nacht von Haltbarkeit und Verfall
...siehe Deckelprägung

Autor:
Florian Felix Weyh
Studiogäste:
Susanne Berner
Wilhelm Bartsch
Prof. Alexander Demandt


Die Präzision unserer Zukunftsbeherrschung verblüfft: Nicht nur auf Wochen und Tage, sondern auf Sekunden genau bestimmen mittlerweile Verfallsdaten über die Verwendbarkeit von Nahrungsmitteln - als entfleuche der Geist der Genießbarkeit mit dem Umspringen des Sekundenzeigers aus Joghurt, Marmelade oder Milch. Je schneller die Moden wechseln, je rascher die Produktzyklen der Konsumindustrie Neues in Altes, Gegenstände in Müll verwandeln, desto wichtiger erscheint die garantierte Zeitspanne, in der man sich seiner Erwerbung erfreuen kann. Haltbarkeit in der Philosophie als "Constantia" (Beharrlichkeit) gepriesen - steht als einsames Monument in der beschleunigten Gesellschaft. Wo es früher zu den zentralen Traditionen gehörte, die Uhr des Vaters (Großvaters und Urgroßvaters) vererbt zu bekommen und damit eine Bindung über Generationen aufrecht zu erhalten, kauft man heute vierteljährlich neue Plastikchronographen im Abreißpack. Doch es formiert sich steter Widerstand. Versandunternehmen, deren Produkte auf Dauer eines ganzen Lebens ausgelegt sind, erfreuen sich steigender Kundenzahlen - trotz ihrer deutlich höheren Preise. Wie ermitteln Lebensmittelchemiker die Lebensdauer ihrer Produkte? Ist Haltbarkeit einer Ehe ein Zeichen von Liebe - oder eher mit dem Verzicht von eigenen Positionen verbunden? Wie müssen Waren aussehen, die man seinen Kindern hinterlassen kann? Wie haltbar sind angesichts unserer Atommüllhalden die Warnungen an die Nachwelt? Allzu deutlich klingt noch im Ohr, wie haltbar die Berliner Mauer nach Vorstellung ihrer Erbauer hätte sein sollen... Die Lange Nacht der Haltbarkeit nähert sich dem Thema von vielen Seiten.


-> 25./26.8.2000 - Die Lange Nacht der Familiennamen.
Müller-Lüdenscheid ist auch nur ein Mensch.

Autorin:
Ulrike Bajohr

Über 700 000 Deutsche heißen Müller. Kein Mensch macht sich Gedanken über die Herkunft dieses Namens. Müller eben. Im 11., 12. Jahrhundert, als sich die Mitteleuropäer der Verwechslungsgefahr wegen - und weil die Urkundenschreiberei zivilisatorischen Fortschritt demonstrierte - einen Zunamen zulegten, griff man auf das Nächstliegende zurück. Auf den Beruf zum Beispiel.
So einfach ist es nun wieder nicht. Denn strenggenommen kommt der Name aus dem Lateinischen; das älteste heimische Mahlwerkzeug, die Hand- oder Tretmühle, hieß auf gut deutsch "quirne" oder "kürne" - weshalb die Kirners und Kürners die ältesten Müller sind. Unsere Massen-Müller stammen vom Wassermüller ab, lateinisch: molinarius, weshalb älter als Müller noch "Müllner" ist. Und selbstverständlich gibt es diesen Familiennamen in allen Sprachen der brotbackenden Welt. Molinari, Meunier, Molnar, Mielnik... Der Drang nach dem gewissen Unterschied begann die Müller spätestens im 15. Jahrhundert zu plagen, wenn sie sich vom Berufsstand ihrer Namenspatrone entfernt hatten. Dann latinisierte sich der geistesschaffende Müller gern zu Mylius oder Molitor. Weniger gebildete Müller hängten ihren Herkunftsnamen an: Der Müller aus Lüdenscheid . Und wenn dieser, im 17. Jahrhundert, zum Hoflieferanten wurde, konnte auch ein Hofmüller draus werden. Oder für besondere Verdienste um Kaiser, Volk und Vaterland Müller von Lüdenscheid; vielleicht gar Graf Müller von Lüdenscheid - der nach des Kaisers Sturz seinen Titel in seinem Namen verstecken mußte: Müller Graf von Lüdenscheid.
Schon über einen ganz banalen Namen kann man in vielerlei Richtung reflektieren: Über seine Herkunft und seinen Klang, seine Schreibweise und seinen Träger, historisch, ethnologisch, juristisch....


-> 01./02.9.2000 Wiederholung vom 11./12.6.1999 - Die Lange Nacht der historischen Spekulationen
Was wäre geschehen, wenn...

Moderation:
Dietrich Möller
German Werth
Studiogäste:
Prof. Alexander Demandt
Prof. Michael Salewski
Prof. Helmut G. Walther

Was wäre geschehen, wenn Kaiser Friedrich Barbarossa nicht auf dem Kreuzzug ertrunken oder Wallenstein am Leben geblieben wäre? Wie wäre die Geschichte weiter verlaufen, wenn Hitler dem Attentat im Münchner Bürgerbräu zum Opfer gefallen, Goethe nicht nach Weimar gegangen wäre oder das Deutsche Reich 1917 Lenin die Durchfahrt durch Deutschland ins revolutionäre Petrograd verwehrt hätte? Die Geschichtswissenschaft ist eigentlich eine strenge Wissenschaft, die zeigen will, wie es gewesen ist und nicht, wie es gewesen sein könnte. Der Historiker gilt nicht als Kerl, der spekuliert. Allerdings ist die Frage erlaubt, ob die Geschichte selbst nach notwendiger, logischer Gesetzlichkeit verläuft, erst recht die Frage, ob es Alternativen gegeben hat. In der Langen Nacht diskutieren Historiker Fragen der "Historical fiction", der "ungeschehenen Geschichte" (A. Demandt), einer noch neuen umstrittenen Sparte innerhalb der seriösen Historiographie, Fragen, die durchaus ernsthafter Natur sind, doch auch kurzweiligen Charakter haben, die den Blick auf die Vergangenheit erweitern und den Zweifel am Sinn von Historie wecken.

-> 08./09.9.2000 - Eine Lange Nacht über Frauen im GULAG
Ich muß sagen, wie es war

Autor:
Meinhard Stark

Die sowjetische Staatsführung hat bis Mitte der fünfziger Jahre mehrere Millionen Frauen in, wie es offiziell hieß, "Besserungsarbeitslagern" inhaftiert. Unter ihnen befanden sich Bäuerinnen, Arbeiterinnen, Intellektuelle, Partei- und Staatsfunktionärinnen, politische Emigrantinnen und Frauen aus von der Sowjetunion okkupierten Gebieten. Die Anklagen konstruierten Mitarbeiter der sowjetischen Geheimpolizei. Die drakonischen Strafen fällten Militär- und Sondergerichte. Über das Schicksal weiblicher Häftlinge ist bislang wenig bekannt. Auch die Gesprächspartner von Alexander Solschenizyn waren meist Männer. Politische und religiöse Frauen, die jahrelange GULAG-Haft überlebten, erzählen in beeindruckenden Schilderungen über Alltag, Zwangsarbeit, Haftordnung, ihren Kampf ums Überleben und über die Jahre nach der Freilassung in der Sowjetunion.

-> 15./16.9.2000 - Die Lange Nacht zur Weinkultur
Von Reben, Winzern und tiefen Kellern

Moderation:
Monika Lübschen
Helmut Buchholz
Studiogäste:
Helmut Dönnhoff
Uwe Lützkendorf
Rudolf Nickenig
Ernst Rühl

Nördlich des 50. Breitengrades muß sich Weingott Bacchus besonders anstrengen. So reifen auch an Ahr und Unstrut noch Reben. In den Tälern von Mosel, Main und Rhein hat der Weinbau dank des freundlichen Klimas seit der Römerzeit Tradition. Verschieden wie die Landschaften ist auch der Geschmack des vergorenen Rebensaftes. Von der mineralischen Schiefernote der Mosel- und Rheinweine bis zum opulenten Fruchtbouquet der Kreszenzen in Baden und und der Pfalz ist alles möglich. Was in den Weinbergen wächst, wird jedoch erst im Keller zu Wein, bei manchem Winzer sogar zum Kunstwerk. Wohl in keinem anderen Berufsstand bestimmen Individualität und Persönlichkeit derart die Qualität des Produkts. Bei der neuen Winzergeneration setzt sich zudem die Einsicht durch, daß Weine mit Statur und unverwechselbarem Charakter zwar einen größeren Aufwand erfordern als gesichtslose Massenweine, dafür aber auch einen höheren Preis erzielen. Einstmals weltweit hochgeschätzt und teuer bezahlt, gewinnt der Deutsche Wein nach Jahren des dürftigen Mittelmaßes wieder an Renommee. Eine Lange Nacht mit Experten und Genießern über den steinigen Weg zum Weingenuß.

-> 22./23.9.2000 - Eine Lange Nacht der Züge
Abenteurer des Schienenstrangs

Autoren:
Knut Benzner
Michael Frank

Agatha Christies schönster Mord war der im Orient Express. Die traurigste Abschiedsszene vor einem Zug war die in Tolstois "Anna Karenina". In Jeroffejews "Die Reise nach Petuschki" saufen sie im Abteil, und Erich Kästners "Emil und die Detektive" spielt teilweise auch in einem Zug, wie das Jugendbuch von Jack London: "Abenteurer des Schienenstrangs". Die Lieder über Züge, etwa im Blues, im Gospel oder in der Country-Musik, sind nicht zu zählen, Elvis sang mindestens einmal über einen - über einen, der nach Memphis fährt. Ein anderer bekannter war der Chatanooga Choo Choo. Der Zug im Film? Bitte: "Der unsichtbare Dritte", "Manche mögens heiß", "Die Gentleman bitten zur Kasse", "Mission impossible" und "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer". Der Zug war immer eine Metapher. Aufbruch, Ankunft, Flucht natürlich, die Fahrt an ein fremdes Ziel. Erlösung - wenn wir metaphysisch werden wollen. Was meint der Chef der Deutschen Bahn AG zum Mythos Eisenbahn, die in Indien nicht fotografiert werden darf. Und warum setzen sich an den Wochenenden so viele Männer hin und basteln an ihren klitzekleinen Zügen, der Modelleisenbahn?
Trauriges und Besinnliches, aber auch Fröhliches und Hoffnungsvolles erzählt diese Lange Nacht der Züge.


-> 29./30.9.2000 - Lebensbilder 16-jähriger in Deutschland
Von Nähe und weiter Ferne

Autorin:
Monika Künzel


"Mit 17 hat man noch Träume ..." Hat man mit 16 auch noch Träume? Die virtuellen Versuchungen heißen Gameboy, Play-Station und PC. Es gibt keine Tabus mehr. Wie Liebe "geht", weiß jeder. BRAVO-Leserinnen und -Leser wissen schon seit längerem mehr. Doch die ersten endlichen Erfahrungen sind oft dramatisch wie zu Werthers Zeiten; Erfahrungen mit Lehrern, Mitschülern, mit Fremden, die Freunde werden, mit Freunden, die fremd werden.
"Crazy", der große Filmerfolg nach der Romanvorlage des 16jährigen Benjamin Lebert trifft offenbar das unentschieden kraftvolle Lebensgefühl Jugendlicher voller Wünsche und Zweifel, rüde und prüde zugleich. In dieser Sendung sprechen Jugendliche über vieles, was sie sich zwar gegenseitig, aber keinesfalls Älteren sagen - über die Liebe heute und Familie morgen, über Religion, über berufliche Pläne und 1000 Sehnsüchte, die nicht zuletzt in der von ihnen selbst ausgewählten Musik stecken.
Von Nähe und weiter Ferne - eine Lange Nacht von den Mühen sich zurechtzufinden.


-> 06./07.10.2000 - Mississippi - Blues in einer Langen Nacht
Ich wollt', ich wär im Himmel

Autor:
Frank Matheis

Der Country-Blues aus dem Mississippidelta hat es international zu großer Popularität gebracht. Diese Musik, deren Seele von Gefühlen wie Leid, Kummer und Gequältsein geprägt ist, entstand vor ungefähr 80 Jahren als Volksmusik meist ungebildeter, armer Afroamerikaner, als Musik der Baumwollarbeiter. Heute ist der Country-Blues bei Blues-Fans auf der ganzen Welt beliebt, weil er so eindringlich auf ausnahmslos alle wirkt, die ihn hören, obwohl er scheinbar so simpel ist. Country-Blues hebt die Stimmung und verscheucht den Trübsinn.

Diese Dokumentation beginnt mit den Ursprüngen des Blues in Afrika und bringt die ersten wichtigen Aufnahmen der zwanziger und dreißiger Jahre aus dem Mississippi-Delta zu Gehör. Über die "Goldenen Jahre", die Epoche des Blues in Chicago, nach der Massenmigration vieler Schwarzer in den städtischen Norden Anfang der 40er Jahre bis heute schildert der Autor Frank Matheis, Musiker und Radio-DJ in New York, die wichtigsten stilistischen Entwicklungen in dieser Musikgattung. Die Lange Nacht spannt einen Bogen von der Musik der Völker aus Westafrika bis zu den Gospels und Arbeitsliedern der Sträflingskolonnen in den amerikanischen Zuchthäusern, mit Musik von Charley Patton, Son House, Robert Johnson, Muddy Waters und vielen anderen, die das Herz und die Seele des Blues geprägt haben.

-> 13./14.10.2000 - Die Lange Nacht der polnischen Literatur
Der scharfe Geschmack der Gedanken

Moderation:
Angela Gutzeit
Dr. Albrecht Lempp
Studiogäste:
Anna Bolecka
Henryk Grynberg
Pawel Huelle
Ewa Kuryluk
Olga Tokarczuk
Adam Zagajewski

Gibt es etwas Spannenderes zur Zeit als die Literatur Osteuropas? Zehn Jahre nach dem Zusammenbruch des Sozialismus leiden diese Länder zwar nach wie vor unter wirtschaftlichen Problemen, aber trotz des Mangels blüht die Verlagslandschaft und es entwickelte sich ein literarischer Pluralismus, der seinesgleichen sucht und allemal mehr Beachtung im Westen verdient, als es bislang geschehen ist.

Umso erfreulicher, daß - nach Ungarn - in diesem Jahr Polen das Gastland der Frankfurter Buchmesse ist. Ein literarisches Niemandsland war es zwar für die westliche Welt nie. So genoß der kürzlich verstorbene Romancier Andrzej Szczypiorski nicht nur in Deutschland höchstes Ansehen. Und mit Czeslaw Milosz und Wislawa Szymborska erhielten 1980 und 1996 zwei polnische Lyriker die weltweit begehrteste Literaturauszeichnung, den Literatur-Nobelpreis. Aber das ganze Spektrum des polnischen Literaturschaffens, zum Beispiel seine hervorragende Essayistik sind hier doch viel zu wenig bekannt. Auch gilt es wahrzunehmen, was sich nach 50 Jahren Unfreiheit in diesem Land an neuen literarischen Strömungen herausgebildet hat. Wie reagiert die Literatur, die laut Szczypiorski ihre vornehmste Pflicht immer darin sah, angesichts von Fremdherrschaft, Okkupationen und Kriegen die nationale Identität der Polen zu beschwören und den Widerstandsgeist zu festigen nun auf die Freiheit?

-> 20./21.10.2000 - Edith Piaf und Jacques Brel in einer Langen Nacht
Spar deinen Schmerz nicht auf für morgen

Moderation:
Stephan Göritz
Studiogast:
Gisela May

Für sie war die Liebe das unerreichbare "vie en rose", für ihn die Gewißheit des nächsten Krieges. Sie feierte die Revolution mit einem lauten "ça ira", er stellte nüchtern fest, daß der Sturm auf die Bastille nichts gebracht hat und daß kein Traum bewaffnete Aktionen wert ist.
So unterschiedlich die Lieder von Edith Piaf und Jacques Brel auch sind, die Intensität ihres Singens und Lebens, die Bereitschaft, auch den Schmerz anzunehmen, verbindet sie.
Eine Nacht lang erinnern wir an die beiden wohl größten Chansonstars des zwanzigsten Jahrhunderts - mit vielen Liedern und in Gesprächen mit Freunden und Weggefährten. So verrät Jacques Brels Akkordeonist Marcel Azzola, wie der rasante "Wettlauf" zwischen Sänger und Akkordeon zustande kam, der das Chansons "Vesoul" berühmt gemacht hat.
Neben den alten Originalaufnahmen werden auch heutige Versionen der Brel- und Piaf-Chansons zu hören sein. Serge Hureau spricht über seine CD "Gueules de Piaf", auf der er viele fast vergessene Lieder aus Edith Piafs Anfangsjahren neu interpretiert. Und Gisela May erzählt, was sie nach einer Weltkarriere mit Brecht-Songs dazu brachte, eine CD mit Jacques-Brel-Titeln in deutscher Sprache einzuspielen.


-> 27./28.10.2000 - Eine Lange Nacht familiärer Lebenskonzepte im 21. Jahrhundert
"Total normal" oder "voll daneben"?

Moderation:
Judith Grümmer
Autorin:
Doris Arp

Familie, die Keimzelle aller sozialen Entwicklung, das Versprechen schlechthin auf die Zukunft, ist wie das Leben selbst: Bunt und grau-schwarz, vielfältig und langweilig, vergnügt und brutal. Doch wieviele Risse der Putz auch hat, Familie umgibt der Mythos von Geborgenheit, ja von Heiligkeit. Dabei ist die Welt längst aus den Fugen geraten. Die Rollenverteilung ist aufgebrochen, die Kleinfamilie zersplittert. Einzelhaushalte, alleinerziehende Väter und Mütter, Patchworkfamilien, vielleicht bald Schwulen- und Lesbenehen mit adoptierten Kindern - Familienleben total normal und irgendwie auch voll daneben.

Familienpolitik existiert eigentlich nur in Sonntagsreden und auf dem Papier. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bleibt nach wie vor überwiegend den Frauen überlassen.

Wer mit Kindern lebt, sorgt für die Zukunft, heißt es. Für ein Zusammenleben mit Kindern entscheiden sich jedoch - ob freiwillig oder nicht - immer weniger Menschen. Eigentlich auch kein Wunder, schaut man sich den idealen Arbeitnehmer am Anfang des 21. Jahrhunderts an: mobil, flexibel, anpassungsfähig, auslandserfahren, fortbildungshungrig, bereit zur Nacht- und Wochenendarbeit. Wie läßt sich das vereinbaren, wenn Kinder da sind? Oder kommen Kinder mit offeneren Lebensformen besser zu Recht als manche Mütter und Väter glauben?

-> 03./04.11.2000 - Eine Lange Nacht vom Niedergang der Musikkultur im Dritten Reich
Immer nur lächeln, immer vergnügt?

Autor:
Helmut Braun

Der Rassenwahn der Nationalsozialisten machte auch vor der Musik nicht halt. Rein sollte die deutsche Musik sein, rein von allem Undeutschen, Nichtarischen. Die jüdischen Musiker, die Dirigenten, die Sänger und Sängerinnen, die Intendanten, verloren ihre Anstellungen. Rundfunk und Film waren willige Vollstrecker dieser offiziösen Verweigerung. Jüdische Komponisten, wie Schönberg, Weill, Korngold, Hollaender, Nelson, May, Abraham durften ihre Werke nicht mehr aufführen. Auch sie wurden verfemt, verdrängt, verboten. Doch auch Nichtjuden traf die Ächtung der Nationalsozialisten: der "atonale" Hindemith erhielt Aufführverbot, der "Niggermusik" schreibende Ernst Krenek ebenso, verpönt waren die Lieder der "Eunuchen", der Comedian Harmonists, die Songs der "Vaterlandsverräterin" Marlene Dietrich. Zwischen zackigen Aufmärschen und Operettenseeligkeit vollzog sich der Niedergang der Musikkultur unter den Augen und dem Beifall einer breiten Öffentlichkeit. Im bewußten Kontrast zu einer Auswahl sogenannter entarteter Musik dokumentiert die Lange Nacht diesen Prozeß in Originaltönen und -dokumenten.

-> 10./11.11.2000 - Eine Lange Nacht von Verantwortung und Verführung
Wie die Macht schmeckt

Moderation:
Dietrich Möller

Macht sei das bestimmende Element der Politik, schrieb Niccolo Machiavelli vor über einem halben Jahrtausend in seinem Traktat "Il Principe"; und mit dieser apodiktischen Feststellung wurde er zu einem Wegbereiter künftiger Auffassungen. Tatsächlich ist Macht für die moderne Staats- und Soziallehre die Voraussetzung für jedes gesellschaftliche Zusammenleben.
Aber Macht sei ihrem Wesen nach böse, wandte Jakob Burckhardt ein. Und sie "schmeckt", ergänzte der slowakische Schriftsteller Ladiv Mnacko mit seinem Roman über den Aufstieg eines Revolutionärs zum Staatsmann. Von der Arroganz der Macht war schließlich mit Blick auf die Präsidentschaft Richard Nixons in den USA die Rede.
Die Lange Nacht handelt von der Notwendigkeit der Macht ebenso wie von den Mitteln zur Machtausübung, von den Grenzen der Macht wie von ihrem Wesen, von den ihr innewohnenden Verführungen wie von der sinnlichen Lust, Mächtigen nahe zu sein.


-> 17./18.11.2000 - Die Lange Nacht vom Häusle-Bauen
Das letzte Abenteuer

Autoren:
Agnieszka Lessmann
Frank Olbert

Endlich Weihnachten in den eigenen vier Wänden: Die Kerzen schimmern, im Kamin knistert das Holz, in der Röhre brutzelt die Gans - denkste! An den Wänden tropft das Wasser herunter, denn das Dach ist undicht und die nagelneue Heizung streikt. Der Kamin ist ohnehin aus versehen zugemauert und die Einbau-Küche kommt erst nächste Woche - ganz bestimmt. "Das letzte Abenteuer der zivilisierten Wohlstandsgesellschaft" hat ein offenbar aus Erfahrung klug gewordener Zeitgenosse das Häusle-Bauen einmal genannt. Warum aber nehmen es Jahr um Jahr so viele hoffnungsfrohe Menschen auf sich?
Ein Lange Nacht zu Glück und Leid des Bauens. Architekten, Soziologen, Psychologen, Finanzberater und Handwerker geben Auskunft, vor allem aber diejenigen, die es wirklich wissen müssen: Bauherren und -frauen. Die das letzte Hemd dafür gaben, dass ihnen die Sanitätsfirma bitte, bitte doch noch ein Bad installierte. Eine junge Familie, die auf eine Baugenossenschaft vertraute - und am Ende selber in der Baugrube stand und schippte. Das arrivierte Lehrer-Ehepaar, das alle Verantwortung blind dem Architekten überließ und nach dem ersten Regenguss im frisch gefliesten Keller knietief im Wasser watete.
Manchmal aber geht es auch gut. Diese Leute antworten auf die Frage: "Na, wie geht´s altes Haus" aus voller Überzeugung: "Bestens!"


-> 24./25.11.2000 - Die Lange Nacht über Kunst als Beute
Gütetermin

Studiogäste:
Prof. Dr. Wolfgang Eichwede
Dr. Michael M. Franz
Prof. Dr. Klaus-Dieter Lehmann
Prof. Dr. h.c. Werner Schmidt

In den Kriegen der Antike war es üblich, dass die Sieger die Götterbilder der Unterworfenen, später deren Tempel- und Reliquienschätze im Triumph mitnahmen. So gerieten persische Statuen nach Griechenland, ägyptische Obelisken nach Rom und die Gebeine der Heiligen Drei Könige nach Köln. Als man zu Beginn der Moderne Kunstwerke nicht mehr nur als Zeugnisse frommen Handwerksfleißes, sondern als wichtige Produkte menschlichen Ingeniums zu betrachten begann, wurden auch sie zur Beute. Von Napoleons Kunsttransporten nach Paris, Lord Elgins Geschenk des Pantheon-Frieses an ein Londoner Museum, Winkelmanns Raub des Priamos-Schatzes aus Troja bis zu Alfred Rosenbergs systematischen Raubzügen in eroberte Gebiete zieht sich die Spur des Geraubten durch die europäische Geschichte der Neuzeit. Manches große europäische Museum wäre weit ärmer, müsste es all das zurückgeben, was auf unrechtmäßigen Wegen in seine Hallen geraten ist.

-> 01./02.12.2000 - Lange Nacht über 50 Jahre Deutscher Sportbund
Schneller, höher und wie weiter?

Moderation: Herbert Fischer-Solms

Es war am Sonntag, den 10. Dezember des Jahres 1950, als der Deutsche Sportbund (DSB) in Hannover gegründet wurde. "In Deutschland ist viel demontiert worden", hieß es in Anspielung auf schwere Zeiten nach Kriegsende, "aber nicht demontiert werden konnten die Kunst, die Musik und der Sport als Urquell der Gesundung des Körpers und des Geistes".

Man traf sich im Hannoveraner Rathaus unter dem beziehungsreichen Bild "Die Einmütigkeit" des Schweizer Malers Hodler. Tatsächlich reüssierten die Sportpioniere mit der erstmaligen Errichtung einer gemeinsamen Dachorganisation alle Kräfte des Sports. Seither ist das zuvor erlebte Neben- und Gegeneinander von Turnern und Sportlern, von Arbeitersport und konfessionellem Sport in Deutschland Vergangenheit. Dennoch war die Geburt des DSB nicht ohne Kontroversen. "Der Deutsche Sportbund steht auf dem Boden des Amateursports", sagte die Satzung. Den Zusatz "und lehnt jede Materialisierung des Sports ab" verwarfen ausgerechnet die Fußballer und nahmen damit eine spätere Entwicklung schon voraus. In einem halben Jahrhundert hat der DSB eine wechselhafte, aber doch Erfolgsgeschichte hinter sich: Mit dem Leistungsbeweis bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften, dem Siegeszug der Trimm-Aktion, der schwierigen Partnerschaft mit dem DDR-Sport bis zur deutschen Einheit im Jahre 1990. Immer mehr wird der Sport mit seinen sozialen Angeboten in Anspruch genommen. In der DSB-Analyse "Menschen im Sport 2000" heißt es, der Sport wolle "alles sein: Rekordfabrik, Familienersatz, Moralanstalt, Krankenstation, Reparaturbetrieb, Lebenshilfe und demnächst auch Altersheim". Aber "aus der Vielfalt der Motive und Zwecke bezieht der Sport auch einen Großteil seiner Faszination" (Hermann Bausinger). Mit 26 Millionen Mitgliedern in 78.000 Vereinen ist der Deutsche Sportbund Deutschlands größte Personenvereinigung, gleichwohl ständig konfrontiert mit der Parole "Opas Sportverein ist tot".

In der Langen Nacht kommen in Ton-Dokumenten und Live-Gesprächen Sportführer, Zeitzeugen und Weggefährten zu Wort, die die Strecke "50 Jahre Deutscher Sportbund" mitgegangen sind.

-> 08./09.12.2000 - Rußlanddeutsche zwischen Karaganda, Hamburg und Irgendwo
Zu Hause ist, wo ich nicht bin

Moderation: Ulrike Bajohr

Gerade hat Ina Reimer ihr Mathematikstudium beendet und ihren ersten Job angetreten. Wer es nicht packt, sagt sie, ist selber schuld. Und: Hier bin ich zu Hause.

Vor zehn Jahren hätte sie ihr Zuhause beschrieben mit: Nicht hier und nicht dort. Da war sie 18, hatte gerade die Schule hinter sich, und ihr Leben sollte sich überhaupt schlagartig ändern. Die Eltern zogen mit ihr von Karaganda, Kasachstan, nach Deutschland.

Heute ist die russlanddeutsche Gemeinde in Karaganda auf ein Häuflein derjenigen zusammengeschmolzen, die ihre Ausreise noch nicht geschafft haben. Sozialarbeiter, die Russlanddeutsche in Deutschland betreuen, besuchen Karaganda, um zu sehen, woher die Ausgewanderten kommen. Um zu verstehen, warum Ina eine Ausnahme ist und nicht die Regel. Um den Zurückgebliebenen zu sagen: Es kann sein, dass der Traum von der Ferne schöner als die Wirklichkeit ist.

-> 15./16.12.2000 - Eine Lange Nacht der Utopien
Verdeckte Brüche

Moderation: Peter Zudeick
Autor: Rolf Cantzen
Studiogäste:
Prof. Dr. Birgit Rommelspacher
Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, Berlin
Barbara Sichtermann
Publizistin
Ulrich Khuon
Intendant Thalia Theater
Horst Stowasser
erklärter Anarchist und erfolgreicher Werbetexter

Es gibt kaum eine Chance für gesellschaftliche Utopien: Die parlamentarische Demokratie in Verbindung mit der kapitalistischen Marktwirtschaft etabliert sich global und wird als Modell wasserdicht und einwandsimmun. Die in vergangenen Zeiten beunruhigenden sozialen Utopien scheinen zusammen mit dem gescheiterten Staatssozialismus entsorgt. Pragmatismus, Kompromissfähigkeit, Einsicht in die Notwendigkeit des Marktes sind zu den zentralen Tugenden des Politikers geworden. Sonntagsreden über die Erweiterung der EU oder der NATO nach Osten werden als großartige Visionen und Zukunftsperspektiven gefeiert. Zusammen mit den anschließenden Börsennotierungen der Drei-Minuten-Nachrichten machen derlei "Visionen" bloch´sche Tagträume utopisch unschädlich. Als ewig-gestrig gilt seit langem ein Denken in Interessens- oder gar Klassengegensätzen. Wie also Armut, Vereinsamung, Rassismus, Sozialverfall, Umweltzerstörungen verstehen, wenn nicht - "marktgesellschaftlich" - als individuelles Problem.

Der Langen Nacht der Utopien geht es um die gesellschaftliche und soziale Perspektive. Eine relativ unbelastete Utopietradition gerät dabei in den Blick - die der Anarchisten und libertären Sozialisten.

-> 22./23.12.2000 - Die Lange Nacht der Opernskandale
Verzeihen Sie, wenn ich so heftig bin...

Autor: Dieter Kranz

Opernfans hängen mit größter Leidenschaft am Gegenstand ihrer Begeisterung. Sie feiern, was ihnen gefällt, mit stundenlangen Ovationen. Und sie regieren auf das, was ihnen missfällt, mit Buh-Chören und lautstarker Randale, die schon manche Vorstellung ins Stocken brachten. Für die Medien sind solche Opernskandale stets ein gefundenes Fressen, und die Öffentlichkeit genießt sie mit unverhohlener Lust.

So wollten konservative Wagnerianer 1976 nicht dulden, dass der "Ring des Nibelungen" als Spiegel des 19. Jahrhunderts auf die Bühne gebracht wurden. Die Aufführung, die damals Stinkbomben-Würfe und Morddrohungen gegen den Regisseur Patrice Chereau auslöste, galt schon wenige Jahre später als "Jahrhundert-Ring" und Höhepunkt in der Geschichte der Bayreuther Festspiele.
In der Langen Nacht geht es um besonders spektakuläre Opernskandale, - von der inszenierten stalinistischen Randale, die 1951 die Uraufführung der "Lukullus"-Oper von Paul Dessau und Bert Brecht verhinderte, bis zum unlängst lautstark ausgetragenen Meinungsstreit über Peter Konwitschnys Dresdener Inszenierung der "Csardasfürstin" und seine juristischen Folgen.


-> 29./30.12.2000 - Eine Lange Nacht mit Wladimir Rosenbaum
Das Wort ist meine Musik

Das 20. Jahrhundert hatte gerade begonnen, als der achtjährige Wladimir Rosenbaum nach Genf kam: Angesichts der antisemitischen Pogrome im zaristischen Russland fürchteten seine Eltern um das Leben des Jungen und seiner beiden älteren Schwestern. Mehr als 80 Jahre lebt Rosenbaum in der Schweiz, stieg nach seinem Jurastudium kometenhaft auf, wurde zu einem der bekanntesten und angesehensten Anwälte der Zeit, bis ihn ein gegen ihn geführter politischer Prozeß 1936 aus der Bahn warf.

Der tiefe Fall aber vernichtete ihn nicht, wie es manche seiner Gegner erwartet hatten: Sein Pol war schon als "Fürsprech" das Wort, das gesprochene Wort, aber auch dessen Wurzel, das im Inneren schwingende Wort. Hier öffneten sich ihm für seine zweite Lebenshälfte neue Dimensionen und neue Begegnungen: "Das Wort", so Wladimir Rosenbaum in der Langen Nacht, "ist meine Musik, das Wort ist meine Faszination, das Wort ist mein Leben!"

-> 05./06.01.2001 - Die Lange Nacht vom Telefonieren
Der sprechende Knochen

Moderation:
Florian Felix Weyh
Studiogäste:
Esther-Blanche Scheidler
Dr. Jürgen Bräunlein

Wie oft hat man sich über die Störung im unpassenden Moment geärgert - und greift doch stets zum Hörer, sobald sich der kleine Haustyrann auch nur räuspert. "Das Telefon", befindet der Schriftsteller Peter Glaser, "ist eine elektrische Weiterentwicklung des Hundes. Es frißt Gebühreneinheiten und scheidet Gequassel aus." Trotz aller kindlicher Attitüden - immer will es im Mittelpunkt stehen und erheischt unsere ganze Aufmerksamkeit - fand sich das Telefon neben dem neuen Auto ganz oben auf der Wunschliste der abgekoppelten DDR-Bürger; die böswillige Metapher vom gesamtdeutschen "Anschluß" erwies sich nach der Wende als konkretes Telekom-Projekt. "Verdammt, ist da das Fernamt?" sang sich einst Manfred Krug den Frust von der Seele. Wahlfreiheit als rein politisches Phänomen betrachtet, greift eben zu kurz. Von Warteschleifen und Schweigeminuten, Call-Centern und Telefonfräuleins, Tarifwirrwarr und Quasselstrippen, Liebesgesäusel und Hotlineversprechungen, kurzum: von allem, was man rund ums Telefon bereden kann, handelt die Lange Nacht vom Telefonieren. Spätestens seit dem Siegeszug des Handys hat "die Idee des Zuhauses ausgedient", wie der Romancier Don DeLilo schon beim Anrufbeantworter konstatierte, und mancher lebt inzwischen ganz in einer rein telefonisch verdrahteten Gesellschaft. Daß man das Handy eigentlich gar nicht so dringend braucht, beweisen allerdings statistische Zahlen: Die meisten - und längsten! - Gespräche finden über eine Distanz statt, die man bequem zu Fuß erledigen könnte.

Literatur und Theater, Film und Musik haben sich oft des "sprechenden Knochens" angenommen, von Cocteau bis Valentin, von Kafka bis Kästner. Auch wenn von 23.05 bis 2.00 Uhr noch reger Telefonverkehr in den Kabelnetzen herrschen mag - während dieser Langen Nacht wird sich kein Radiohörer durchs Schrillen seines Apparats den Hörgenuß vergällen lassen. Versprochen.

-> 12./13.01.2001 - Eine Lange Nacht in Galizien
Die papierene Brücke

Autor:
Kurt Kreiler

Galizien, einst Heimat eines bunten Völkergemischs aus Polen, Ukrainern, Juden und Österreichern, war während fünfzig Jahren deutscher und sowjetischer Okkupation zu einem Atlantis des Ostens geworden , zu einem unsichtbaren und vergessenen Land. Durch Krieg und Völkermord seiner Geschichte und der Hälfte seiner Menschen beraubt, schien von diesem Land wenig mehr übrig geblieben zu sein als sein Name. Große Künstler und Schriftsteller hatten hier gelebt und waren ohne Ausnahme entwurzelt oder vertrieben worden: die Polen Jozef Wittlin und Bruno Schulz, der Ukrainer Ivan Franko, die Juden Joseph Roth, Alexander Granach, Manès Sperber, Samuel Josef Agnon und Salcia Landmann.

In der Langen Nacht in Galizien sucht der Autor nach der "papierenen Brücke" (M.Sperber), die die Vergangenheit Galiziens mit der Gegenwart verbindet. Auf den Spuren von Jozef Wittlich, Bruno Schulz und S.J. Agnon erkundet er Lemberg und Drohobycz und wagt sich in das galizische Hinterland bis Brody, einst das galizische Jerusalem genannt.

Er begegnet heutigen westukrainischen Schriftstellern, jungen Musikern und Intellektuellen, jüdischen Überlebenden des Holokaust, einer Kunsthistorikerin aus altem österreichischem Adelsgeschlecht, einem Priester der katholisch-byzantinischen Kirche, Museumswärtern, Archivaren und Architekten.

-> 19./20.01.2001 - Arno Schmidt in einer Langen Nacht
Geräusche aus dem Zettelkasten

Moderation:
Jörg Drews
Studiogäste:
Klaus Buhlert
Bernd Rauschenbach
Ulrich Wildgruber

Arno Schmidt hat häufig im Radio gelesen und somit die akustische Darstellung seiner Texte gebilligt. Der Hörer macht die Erfahrung, daß Schmidts Texte alles andere als spröde oder schwer verständlich sind, egal, wie abweisend das Druckbild mit den vielen Satzzeichen auch wirken mag. Er hört die Musikalität seiner Sprache, hört, wie lebendig und nah am gesprochenen Wort sie klingt. Es soll Schmidt-Leser geben, die - nachdem sie eine Schmidt-Lesung gehört haben - ihre Schmidt-Lektüre daheim laut fortsetzen.

Mit dieser Sendung erinnern wir an den Schauspieler Ulrich Wildgruber mit dem der Komponist und Regisseur Klaus Buhlert ein ehrgeiziges und anspruchsvolles Unterfangen umsetzte: Arno Schmidts Trilogie "Nobodaddy's Kinder" als Radiofassung. Ermöglicht eine akustische Umsetzung einen zusätzlichen Werkzugang? Eine der Fragen, die der Literaturwissenschaftler Jörg Drews 1998 im Münchner Literaturhaus mit Klaus Buhlert, Ulrich Wildgruber und Bernd Rauschenbach von der Arno Schmidt Stiftung anhand zahlreicher Klangbeispiele und Lesungen diskutierte.

-> 26./27.01.2001 - Die Lange Nacht der Berge und Täler
Auf geht's ... und 'runter auch!

Moderation:
Kate Maleike
Thomas Heyer

"Wahnsinn! Vom Bett blickt man über das ganze Tal, das abends wie eine riesige Milchstraße funkelt", schwärmt Angelika Taschen, Frau des Kunstbuchverlegers Benedikt Taschen. Beide sind seit kurzem stolze Besitzer des wohl spektakulärsten Hauses auf Erden. "The Chemosphere" schwebt wie ein Adlerhorst hoch über einem Tal der Hollywood Hills bei Los Angeles. Die Begeisterung der Taschenes für den Blick in "ihr" Tal, die Sucht von Männern wie Reinhold Messner und Hans Hindel, die Gipfel dieser Welt zu ersteigen, das ewige Auf und Ab der Mountainbiker aus der Sicht des Bundestrainers Frank Brückner, aber auch um die Gefahren, die in Bergen und Tälern lauern, wird es in der Langen Nacht gehen, die uns hoch hinauf und tief hinab führt.

Warum sind Berge heilig? Wieso gibt es Streit um den höchsten Berg Kanadas? Wie erlebt Jan Ullrich den Mont Ventoux, den Gipfel der "Tour de France"? Warum ist es im Silicon Valley, dem Tal der Internet-Millionäre, viel zu eng geworden? Wie schützt sich das Berner Oberland vor gewaltigen Felsabstürzen und wie durchlebt Hans Castorp im "Zauberberg" von Thomas Mann beim Tod seines Cousins ein tiefes Tal der Tränen ? Diese und andere Fragen finden (vielleicht) Antworten in der Langen Nacht - einer Nacht, in der Berge "rufen" und Täler "locken"...

-> 02./03. Februar 2001 - Eine Lange Nacht über den Schmerz
Er kommt und geht oder er bleibt

Moderation:
Judith Gümmer
Studiogäste:
Prof. Michael Zenz
Dr. Claudia Bausewein
Dr. Ingrid Gralow

Wir brauchen ihn, denn er warnt uns vor Gefahr - aber er attackiert uns auch scheinbar grundlos: der Schmerz. Schon immer haben Menschen versucht, übermäßige Schmerzen abzuwehren. Andere Kulturen betäuben den Schmerz mit Opiaten oder blockieren die Schmerzimpulse mit Hilfe der Akkupunktur. Doch oftmals müssen die erkrankten oder verletzten Menschen auch Höllenqualen durchleiden, bis der Schmerz vergeht oder der Tod sie erlöst. Heute leiden in Deutschland allein fünf bis acht Millionen Menschen unter anhaltenden Schmerzen - und Jahr für Jahr nehmen sich 3000 von ihnen das Leben. Dabei wäre es heute möglich, 90 Prozent dieser Patienten so zu therapieren, daß sie gut leben könnten. Doch viel zu spät und viel zu selten werden die Chancen der modernen Schmerzmedizin ausgenutzt - beispielsweise bei der Behandlung von Tumorpatienten. Die neuen Wege der Schmerzbehandlung sind vielversprechend: So wissen die Schmerzexperten heute, daß Opiate von Schmerzpatienten in einer Dosis vertragen werden, die einen gesunden Menschen umbringen würde. Wie funktioniert überhaupt der Schmerz? Welche Rolle spielt die Psyche bei der Entstehung von Schmerzzuständen? Und weshalb kann sich seelisches Leid als körperlicher Schmerz ausdrücken? Warum leiden Menschen manchmal immer noch unter Schmerzen, obwohl die Ursachen längst beseitigt sind? In Reportagen, Dokumentationen und Expertengesprächen geht es in der Langen Nacht um neue Möglichkeiten der modernen Schmerzmedizin und Wege aus dem Schmerz.

-> 09./10.02.2001 - Die Lange Nacht der Aufmerksamkeit
Beachtung ist ein warmer Segen

Moderation:
Florian Felix Weyh

Um sie wird gekämpft wie um einen raren Rohstoff. Tatsächlich läßt sich Aufmerksamkeit, unmittelbar an unsere Lebenszeit gekoppelt, nicht beliebig vermehren. Im Grunde kann man immer nur einer Sache Aufmerksamkeit widmen.

Mangelnde Aufmerksamkeit kann zu Katastrophen führen (Tschernobyl, Three Miles Island), das soziale Leben verkümmern lassen, ja scheint für unser Selbstbewußtsein und unsere Identitätsbildung von herausragender Bedeutung zu sein. Was tun Kinder nicht alles, um die Aufmerksamkeit ihrer Umwelt zu erlangen! Aufmerksamkeit ist ein Selbstzweck, a priori ein Teil unserer Lebensbestimmung, und wer davon nicht genug erhält, meldet sich zu einer TV-Talkshow an. Auf der anderen Seite fordert die kreischende und gellende Medienumwelt von uns immer mehr Aufmerksamkeit in immer schnelleren Intervallen, nervt uns mit ihren Appellen , denn nur wenn wir aufmerksam sind, werfen wir Geld ab. Der wirtschaftliche Wert eines Mediums hängt unmittelbar mit der eingesammelten Aufmerksamkeit ab, wie Georg Franck in seiner bahnbrechenden "Ökonomie der Aufmerksamkeit" beschreibt..
Die Lange Nacht der Aufmerksamkeit will sich den psychologischen, sozialen und ökonomischen Fragen dieses vitalen Lebensaspektes widmen.


-> 16./17. Februar 2001 - Die Lange Nacht der Messer
Vom Schwertfisch und der Nassrasur

Moderation:
Susanne Schröder
Peter Kiefer

Greifen eifersüchtige Männer eher zum Messer, Frauen dagegen eher zum Gift? Vermutlich wird uns diese Frage in einer Langen Nacht der Messer eher am Rande beschäftigen. Immerhin ist das Messer ein Gefahren- ein "wildes" Objekt. Der Blick in seine Geschichte zeigt unter anderem, dass es "gezähmt", gesellschaftlich sanktioniert werden musste, ehe man bereit war, es einem Fremden als Essgerät auf den Tisch zu legen. Als nächstes erhob sich die Frage (die noch heute vielen viele Rätsel aufgibt): Welches Messer verwende ich zu welcher Speise? Warum schneidet ein Messer? Und wie stellt man diese Schärfe am besten her? Welche Arten von Messern gibt es? Wer stellt die Messergriffe her? Die Geschichte der Messer ist natürlich auch eine Kriminalgeschichte. Berühmte Messermorde interessieren uns, ebenso die Täter, die unterm Messer endeten. Wie war das mit den japanischen Samurai-Kämpfern und ihrem Harakiri? Aber auch die schönen und berühmten Messer werden nicht vergessen, etwa das "singende Schwert" von Prinz Eisenherz oder Excalibur und erst recht solche, die es wirklich gibt oder gegeben hat. Wie arbeitet ein Schwertfisch? Und warum können Ameisen noch besser sägen? Ist der Laserstrahl das Schneidegerät der Zukunft? Manches steht noch auf des Messers Schneide, weswegen auch der Metaphorik des Messers beachtenswert ist. Es soll also nicht nur eine Nacht der langen, sondern eine Lange Nacht der Messer werden.

-> 23./24. Februar 2001 - Die Lange Sissi-Nacht
Ich bin erwacht in einem Kerker

Autorin:
Gabriele Figge
Im Alter von 16 Jahren erlebt die Herzogin Elisabeth in Bayern eine Geschichte, die ihr Leben von Grund auf ändern wird. Ihr Cousin Franz Joseph, der Kaiser von Österreich, hält um ihre Hand an. Aus der einfachen Landadeligen wird die Kaiserin von Österreich. Märchen enden an dieser Stelle, doch das Leben geht weiter. Elisabeth ist am Wiener Hof unglücklich, sie flieht wann immer sie kann, lässt sich krank schreiben. Im Gegensatz zu ihrem Mann ist sie eine modern denkende Frau der Jahrhundertwende, die die Monarchie für überholt hält. Ihr rastloses Leben wird durch ein sinnloses Attentat beendet.
Aus der Lebensgeschichte dieser zutiefst unglücklichen Frau ist eine Kunstfigur geworden. Sissi, die strahlende Filmheldin, die alle Schwierigkeiten mit ihren Franz Joseph meistert. Dieser Mythos von der Märchenprinzessin hält sich auch heute noch, er lässt sich sogar für einen Tag buchen.


-> 02./03. März 2001 - Eine Lange Nacht über die Hospizbewegung
Leben bis zum letzten Tag

Moderation:
Gabriele von Arnim

80 Prozent aller Deutschen wünschen sich, zu Hause zu sterben. Wollen also offenbar nicht im Krankenhaus an kalten Maschinen hängen, wollen nicht der Technik ausgeliefert sein, Lebensverlängerung um jeden Preis ertragen, sondern bei sich daheim den Tod erwarten. Bei vielen Ärzten, so scheint es, kommt die Botschaft erst allmählich an. Ihr Fach ist die Heil-Kunde und nicht die Kunde vom unheilbaren Menschen. Und wenn ein Patient dann doch aufgegeben werden muß, weil er als "austherapiert" gilt, wie es in der so sensiblen Fachsprache heißt, wird er oft auf Flure geschoben, in Besenkammern, in Sterbekemenaten.
Als die Hightech-Medizin im Kampf gegen den Tod antrat, begannen sich die Menschen zu wehren. In England wurde die Hospizbewegung gegründet, die sich eine Bürgerbewegung nennt. Eine Gruppierung von Menschen, die sich darum kümmern, dass der Mensch auch im Tod Eigenverantwortung übernehmen kann. "Der muß verdammt schlechte Pflege und Hilfe haben, der sich aktive Sterbehilfe wünscht" sagt Gustava Everding, Ärztin und Familientherapeutin.
Über das Sterben und den Tod, über achtungsvolle Sterbebegleitung, über die Hospizbewegung werden wir in dieser Langen Nacht nachdenken und diskutieren.


-> 09./10. März 2001 (Wiederholung vom 19./20.06.1998) - Die Lange Nacht der Familienromane
Vom Glück und Leid der frühen Jahre

Moderation:
Christoph Schmitz
Studiogäste:
Zoë Jenny
Caritas Führer
Abraham Rodriguez
Hans-Ulrich Treichel

"Zehn Uhr abends, wissen Sie, wo Ihre Kinder sind? YEAH. Sie sind draußen auf der Straße und machen mehr Kohle pro Stunde, als Sie je zusammenkratzen können", mit Drogen, an denen sie zugrunde gehen. Doch zuvor säen sie Gewalt, die ihnen zu Hause eingedroschen worden ist. Abraham Rodriguez kennt die Familien, von denen er in seinem Roman "Spidertown" erzählt. Nicht minder Hans-Ulrich Treichel. "Der Verlorene" heißt seine Erzählung über den Alptraum einer deutschen Wirtschaftswunderfamilie der 50er Jahre Aber auch das konnte Familie sein: Schutzraum vor den Obszönitäten praktischer Ideologie im sozialistischen Alltag der DDR - Caritas Führer weiß davon in "Die Montagsangst" zu berichten. Werke deutschsprachiger und internationaler Literatur geben aufschlussreiche Einblicke ins Leid und Glück der frühen Jahre - literarische Jugend- und Familienportraits aus der Zeit von 1950 bis heute in einer Langen Nacht.

-> 16./17. März 2001 - Eine Lange Nacht über Konsumerfahrungen in der DDR
VEB - die tun was...

Autor:
Meinhard Stark

Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung erzählen Frauen und Männer über ihre Konsumerfahrungen in der DDR. Für die meisten ging es nach der Abschaffung der letzten Lebensmittelmarken Ende der 50er Jahre aufwärts. Die Löhne stiegen, die Preise sanken. Junge Familien schafften sich Kühlschränke, Radio- und Fernsehtruhen, Waschmaschinen oder gar ein Auto an. In den Honeckerjahren, nach 1973, verschlechterte sich zunehmend die Versorgung der Bevölkerung. Vor allem Frauen hatten den Frust des Einkaufs zu bewältigen und sich mit immer größeren Warteschlangen und Angebotslücken herumzuschlagen. Spott und Humor half über manche Enttäuschung hinweg. Aber auch der Genugtuung und Freude über ein erstandenes, lang gesuchtes Produkt erinnert man sich bis heute. Konsumgeschichte ist gar zur wissenschaftlichen Disziplin geworden und die DDR-Intershops zum Thema von Studentenarbeiten. Fast jeder DDR-Bürger machte mit den wohlriechenden Läden seine eigenen Erfahrungen und kann darüber kleine oder große Geschichten erzählen. Für Westdeutsche bzw. Westberliner war der Intershop ein beliebter, da preiswerter Einkaufsort. Manche kauften die billigeren Waren im großen Stil und schmuggelten vor allem Zigaretten und Alkohol in den Westen. Mobile Zollkommandos des Westens griffen ein.

-> 23./24. März 2001 - Eine Lange Nacht über die Sehnsucht
Mir fehlt etwas, das fühl' ich gut

Autorin:
Heide Hollmer

Meine Sehnsucht, deine Sehnsucht ... - von Balalaika bis Yesterday, Taiga und Heimat, Meer und Mondschein über Liebe und Frieden, Wahrheit oder Tod reicht die Skala unserer ganz persönlichen Sehnsüchte. In dem schillernden Panoptikum der Bilder, Farben und Töne gibt es dennoch einen gemeinsamen Nenner: das heftige, elementare Verlangen nach etwas schwer oder gar nicht Erreichbarem, nach dem Überschreiten der eigenen Grenzen. Wer die Sehnsucht kennt, weiß natürlich auch, dass sie mit Leid verbunden sein kann - nicht nur Verliebte können ein Lied davon singen! Was aber wäre ein Leben ohne den Traum von fernen schönen Dingen, ein Leben, dem die Sehnsucht fehlt?

-> 30./31. März 2001 - Die Lange Nacht des Kulturföderalismus
Metropole und Provinz

Autor:
Joachim Braun

So wie Berlin während der deutschen Teilung der "Pfahl im Fleisch" des Systems war, das die Stadt umgab, so ist die Hauptstadt Berlin heute der Zankapfel, an dem sich der Kulturföderalismus zu verschlucken droht. Die "Kulturnation" Deutschland war durch viele Jahrhunderte hindurch föderal, hatte viele Zentren: München, Weimar, Köln, Hamburg, Mannheim. Erst mit der Reichseinigung 1871 übernahm Preußen die Führung, wurde Berlin Hauptstadt des Deutschen Reichs. Heute ist Berlin die Regierungshauptstadt der Bundesrepublik und gleichzeitig Deutschland größte Metropole.
Was können (und müssen) die kulturellen Zentren der anderen Bundesländer tun, um der Hauptstadt Luft zum Atmen zu lassen, ohne selbst in die Provinzialität gedrängt zu werden. Der Bund als Mäzen? Auch das muss in der Langen Nacht diskutiert werden.


-> 06./07. April 2001 - Eine Lange Nacht mit der nordamerikanischen Folk Musik
Von Quebec bis Hawaii

Autor: Frank Matheis

Die musikalische Landschaft Nordamerikas ist so reichhaltig wie die ethnische Vielfalt seiner Bewohner. Wie viele Bereiche der amerikanischen Kultur spielen die wichtigsten Musiktraditionen, vor allem die Folk Musik, in der aktuellen populären Kultur jedoch kaum eine Rolle. Dabei gibt es in der traditionellen Folk Musik nicht nur viel Geschichte zu entdecken, sondern auch schier grenzenlose musikalische Schönheit. Ganz abgesehen davon, dass Folk Musik viele Genres unserer Tage entscheidend beeinflusst hat. Von den Massenmedien ignoriert, wird Folk dennoch häufig abschätzig als "primitiv" abgetan. Sogar die meisten Amerikaner selbst kennen diesen wichtigen Teil ihrer eigenen Kultur nicht mehr. Vom "Mainstream-Rundfunk" ausgeschlossen, wird dieser "musikalische Schatz" nur einem kleinen Fachpublikum, Folkloristen und Sammlern angeboten.

In der Langen Nacht lädt Frank Matheis ein, abseits ausgetretener Pfade in kleinen Seitenstraßen faszinierende Klänge zu entdecken. Die Reise führt von Quebec und Cape Breton im Osten Kanadas, zu den Bergen der Appalachen. Vorgestellt werden Cajunklänge aus dem Südwesten Louisianas ebenso wie Conjunto- und Tex-Mex-Musik aus dem texanisch-mexikanischen Grenzgebiet, Slack-Key- und Steel-Guitar-Virtuosen von Hawaii; Musik der nordamerikanischen Ureinwohner und zeitgenössischer Folk.

-> 13./14. April 2001 - Die Lange Nacht vom Huhn
Tod und Verderben

Autoren:
Rolf Cantzen
Bodo Dringenberg

Was sich in der Weltliteratur eher zaghaft andeutet und sich in der Musik verdichtet, bestätigt sich eindeutig in der gesellschaftspolitischen Wirklichkeit. Mit dem Huhn kommen Tod und Verderben über die Menschheit: In den Mythen der Völker und in der Literatur des Abendlandes begegnet uns das Federvieh - von der Öffentlichkeit kaum beachtet - als unheilverheißendes Omen oder gar als Vorbote der Apokalypse. So wundert es nicht, dass Huhn und Hahn federführend sind in den großen Gift- und Seuchenskandalen unserer Tage.

Die vielfache Verwendung des Huhns als Brathähnchen (Vorsicht: 50% der Brathähnchen sind männlichen Geschlechts!), als Legehenne und Suppenhuhn oder Ei, als Auspizienhuhn, als unerlässlicher Bestandteil des Voodoo-Kults und der Eiernudel weist auf die zahlreichen funkischen Verwendungsmöglichkeiten des Huhns: Hühner gackern, gackeln, schreien und so weiter, ja sie krähen sogar, was für ihre Flexibilität und Intelligenz spricht. -- In der Langen Nacht des Huhns sind die tragischen und komischen Aspekte des Hühnerlebens unvermeidlich, doch vermitteln die Beiträge auch harte Informationen über die Nutzung und Haltung des Huhns, über die Geschichte des Huhns, über Züchtungen und Adoptionen von Hühnern. ( In der Schweiz kann sich der Kunde bereits Onliner sein persönliches Huhn leasen.) Überschattet werden derartige Fakten allerdings von der leicht zu vermittelnden Einsicht, dass Hühner aus den Schlüsselsituationen unseres Daseins und seiner vielfältigen Desaster nicht fortzudenken sind.

-> 20./21. April 2001 - Die Lange Nacht der Dichter Lieben und Geliebten
"Aber in den Brüsten welche Brise!"

Moderation:
Walter van Rossum
Studiogäste:
Elke Heidenreich
Claudia Schmölders
Hildegard Baumgart
Reinhard Baumgart

Raue Zungen behaupten gerne, die meiste Lyrik sei ein langer Werbebrief ans Weib zuerst, dann an die Liebe schlechthin. Doch was im reinen Maß der Silben sowohl beschworen als auch kontrolliert werden kann, hat wenig mit dem irdischen Verlauf der Dichterlieben zu tun. Die Schriftsteller sind den Verheißungen der Liebe nur selten näher gekommen als Normalvergängliche - aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Sie erheben die Tragödien und Komödien der Liebe nicht nur zum Stoff ihrer Werke, sondern sie schöpfen daraus die empfindliche Unruhebedingungen der Kunst. Deshalb erstaunt wenig, dass wir zwar kaum Goethes oder Brechts oder Benns Nachkommen kennen, aber die lange Reihe ihrer Lieben fast so vertraut wie ihre Verse hersagen können.

Das zähe Scheitern der Liebesverhältnisse im bürgerlichen Zeitalter ist literarisches Dauerthema und bestimmt diese Lange Nacht der Dichter Lieben und Geliebten.

-> 27./28.04.2001 - Eine Lange Nacht von der Kunst, sich im Urlaub zu erholen
Wenn die Seele neue Kraft braucht

Moderation:
Joachim Scholl
Studiogäste:
Michael Stark
Peter Sandmeyer
Erwin Staudt

Endlich Urlaub! Schlechtes Wetter, schlechtes Hotel, schlechte Laune - das passiert immer nur den anderen. Wir haben das Paradies gebucht! Was heißt: wir?! Sie will - eigentlich - ans Meer. Aber wenn er sich bei ausgedehnten Bergwanderungen doch so gut erholen kann! Für die halbwüchsigen Kinder sind abgelegene Gegenden ein Grauen, sie wollen Party und die Eltern - endlich - Ruhe...

Rund die Hälfte der Urlauber, das zeigen Umfragen, sind am Ende ihrer Ferien weder erholt noch zufrieden. Doch Menschen, die nicht wissen, wie sie sich erholen können, stolpern oft blind ins nächste Ferienfiasko. Gehören Sie zu den Urlaubsgefrusteten? Wie reif sind Sie für den nächsten Urlaub? Wann ist ein Urlaub für Sie gelungen? Welcher Alltagsärger gehört mit ins Feriengepäck und welcher auf keinen Fall? Urlaub auf dem Balkon oder Reise um die Welt? Pauschal oder auf eigene Faust? Lang und gründlich planen oder "last minute" einfach abheben?

Diese und viele andere Fragen erörtern wir in der Langen Nacht mit Michael Stark und Peter Sandmeyer, den Autoren des Buches: "Wenn die Seele neue Kraft braucht".

-> 04./05.05.2001 - Die Lange Nacht der Schokolade
Lust und Last der Götterspeise aus dem Regenwald

Moderation:
Stella Märtin
Peter Kiefer

Die Beziehung zwischen Mensch und Schokolade schwankt zwischen bedingungsloser Leidenschaft, zartester Versuchung und hoffnungsloser Abhängigkeit. Um die Geheimnisse der Schokolade zu ergründen, reisen wir durch die Kulturgeschichte in die Heimat des Kakaobaumes. Die Verarbeitung seiner Früchte erlebte bei den Maya und Azteken ihre erste große Blütezeit.

Aus zerstoßenen Kakaobohnen, Pfeffer und Vanille entstand dort ein Getränk, von dessen aphrodisierender Wirkung der letzte Aztekenherrscher Moctezuma so überzeugt war, dass er täglich mehr als 5o Tassen davon getrunken haben soll. Wir werden in dieser Langen Nacht in die Welt der Ureinwohner Mittelamerikas eintauchen, einen märchenhaften Schokoladenbrunnen besuchen, Pralinen und Trüffel herstellen lassen - und nicht zuletzt klären, warum Schokolade süchtig, dick oder einfach nur glücklich macht.

-> 11./12. Mai 2001 - Eine Lange Nacht zum 100. Geburtstag der Dichterin Rose Ausländer
Mein Atem heißt jetzt

Autor: Helmut Braun

Am 11. Mai 1901 "im seidigen Grün einer Mainacht" wurde Rose Ausländer in Czernowitz in der Bukowina geboren. Sie starb am 3. Januar 1988 in Düsseldorf.

Fast das ganze 20. Jahrhundert umschließt das Leben der Dichterin; zwei Weltkriege, Flucht und Vertreibung, Shoa und Exil. Sie wurde zur Nomadin, die, nach dem Verlust der Heimat zwischen Europa und Amerika pendelnd, vergeblich versuchte, sich an einem Ort dieser Erde erneut zu verwurzeln.

Einzig die Sprache blieb ihr - "unser verwundetes/geheiltes Deutsch"; "Mutter Sprache" wurde ihre Heimat; sie lebte in ihrem "Mutterland Wort". Die "eingebrannten Jahre" der Shoa finden sich als Metatext in all ihren Gedichten. Aber auch die "Glücksmomente" haben Spuren hinterlassen.

Helmut Braun betreute die Lyrikerin von 1975 bis 1988 und besuchte sie während ihrer zehnjährigen selbstgewählten Bettlägerigkeit und Isolation an die fünfhundertmal: jeden Freitag um 18.45 Uhr. Er erzählt aus dem Leben Rose Ausländers und stellt ihr Werk vor. Die Gedichte liest Ulrike Krummbiegel.

-> 18./19. Mai 2001 - Bob Dylan zum Sechzigsten
Back to the sixties

Moderation:
Günter Amendt

Für die Medien weltweit ist Dylans 60. Geburtstag Anlass, ihn als einen der bedeutendsten Künstler unserer Zeit zu würdigen. Für Dylan sicher kein Grund, seine "never ending Tour" zu unterbrechen. Er wird den Tag mit seiner Band irgendwo auf einer Bühne dieser Welt verbringen.

In Dylans Laufbahn als songwriter und performing artist gab es immer wieder Brüche, die sein Publikum irritierten und bis zur Randale provozierten. Die Lange Nacht kommt noch einmal zurück auf Dylans Deutschlandpremiere 1978 und den Zwischenfall in der Berliner Deutschlandhalle, als aus dem Publikum Wasserbeutel und Mehltüten auf die Bühne geworfen wurden. Auch das Konzert in Nürnberg, wo Dylan und seine Band sich plötzlich inmitten der Nazikulisse des Reichsparteitagsgeländes wiederfanden, ist Thema der Sendung.

In der deutschsprachigen Uraufführung eines Hörspiels von Sam Shepard "True Dylan" gibt "Bob" Auskunft über die Idole seiner eigenen Jugend und über die Jahre, die er nach dem Motorradunfall in Woodstock als Familienmann mit Sara und den Kindern verbrachte. Das Thema "Dylan und die Frauen" wird (in einem Kongressbericht) angemessen erörtert werden mit Texten und Musik von Dylan und über Dylan.

-> 25./26.05.2001 - Die Lange Nacht der Briefe
Und Ihnen alle Zärtlichkeiten...



-> 1./2. Juni 2001 - Die Lange Nacht der Spötter
Spielt Eure Rollen gut! Ihr spielt ums Leben...

Moderation: Simonetta Dibbern, Beate Moeller

Das Kabarett, im 19. Jahrhundert noch eine gängige Bezeichnung für eine in Fächer eingeteilte Speiseplatte, hat sich vor fast genau 100 Jahren auch in Deutschland als Kunstform etabliert: angeregt von vielen Abenden in Pariser Cabarets eröffnete Ernst von Wolzogen in Berlin ausgerechnet am 200. Geburtstag der Erhebung Preußens zum Königreich am 18. Januar 1901 sein "Überbrettl", eine Anspielung auf Nietzsches Übermenschen - und die Geburt einer Gattung, die sich alle großen Künste einverleibt hat: Literatur, Kunst, Theater und Musik. Die Lust am Laster und der Spaß, die bürgerlichen Spießer zu verhöhnen, brachte Dichter, Maler, Sängerinnen auf die Bühnen der kleinen Clubs, die wie Pilze aus dem Boden schossen - und seitdem nicht mehr wegzudenken sind aus dem großstädtischen Kulturbetrieb.

In den zwanziger Jahren, während der Nazi-Diktatur, in der Nachkriegszeit bis heute, wo Comedy das intelligente Kabarett zu vertreiben scheint setzen Satiriker, Zyniker und Philosophen Stacheln in eingefleischte Denkweisen, machen Unterhaltung wider den Zeitgeist. Ein Rückblick und eine Vorausschau auf mehr als 100 Jahre Kabarett.

-> 8./9. Juni 2001 - Die Lange Nacht einer komplizierten Lebensbeziehung
Geschwisterliebe - Geschwisterkampf

Moderation: Judith Grümmer
Studiogäste: Dorothea Broil-Eyssel, Klaus Kordon, Prof. Dr. Horst Petri, sieben Kinder der Familie Holzapfel

Warum erschlug der Kain den Abel - oder weshalb ist der erste Mord in der Bibel ein Geschwistermord?

Geschwisterliebe, Geschwisterrivalität, Geschwisterhaß - die Beziehung zu den Schwestern und Brüdern gehören zu den längsten und einflußreichsten Beziehungen unseres Lebens. Ob Erstgeborene/r oder Nesthäkchen, ob Lieblingskind oder Stiefgeschwister, die Stellung innerhalb der Familie beschäftigt viele Menschen ihr Leben lang.

Wie entsteht Geschwisterhaß und wann können liebevolle Bindungen unter Geschwistern entstehen? Welchen Einfluß haben die Eltern auf das Verhältnis ihrer Kinder untereinander? Haben die Erstgeborenen es einfacher als die sogenannten Sandwich-Kinder? Über die Bedeutung von Familienkonstellationen wird in dieser Langen Nacht der Geschwister diskutiert werden: über Eifersucht und Liebe, über gemeinsame Kindheitserinnerungen und tiefe Sprachlosigkeit. Ob sie ihre Geschwister nun besonders lieben, hassen oder ob sie ihnen gleichgültig sind - viele bleiben an ihre Geschwister gebunden - ein Leben lang und über die gemeinsame Verantwortung für die altwerdenden Eltern hinaus.

-> 15./16. Juni 2001 - Die Lange Nacht der Kleinkunst in der Weimarer Republik
Es lag in der Luft

Moderation: Heinz Kersten

"Es liegt in der Luft", "Bei uns um die Gedächtniskirche rum": die Titel Berliner Revuen der Zwanziger Jahre haben ihre Zeit überdauert, genau wie viele Texte und Melodien, die Evergreens blieben. "Wenn die beste Freundin mit der besten Freundin" trällerte die damals noch ziemlich unbekannte Marlene Dietrich mit Margo Lion im Duett. Trude Hesterberg rührte Tucholskys Trommel vom "Leibregiment". Vom "Nachtgespenst" sang Kurt Gerron, den die Nazis zuletzt noch in Ausschwitz umbrachten, nachdem der für sie einen Propagandafilm über Theresienstadt hatte drehen müssen. Nicht wenige Größen jener goldenen Jahre des Kabaretts in der Weimarer Republik wurden ein Opfer des Holocaust, andere überlebten im Exil. Zu ihnen gehören drei Komponisten, deren musikalischer Einfallsreichtum den Texten der Klabund, Ringelnatz, Walter Mehring und Marcellus Schiffer zum Erfolg verhalfen: Rudolf Nelson, Mischa Spoliansky und Werner Richard Heymann. Ihre Melodien und die Stimmen ihrer Interpreten von Hans Albers bis Claire Waldoff begleiten uns durch eine Lange Nacht.

-> 22./23. Juni 2001 - Eine Lange Nacht über 40 Jahre Mauerbau
Niemand hat die Absicht...

Moderation: Petra Schwarz, Raiko Thal

"Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten", antwortete Walter Ulbricht, Staatsratsvorsitzender der DDR am 15. Juni 1961 auf Anfrage einer Journalistin der FRANKFURTER RUNDSCHAU während einer Internationalen Pressekonferenz. Zwei Monate später wurde diese Lüge in Beton gegossen. 28 Jahre lange Jahre hat sich so ein Regime eingemauert, das mit perfiden Herrschaftsmechanismen sozialistische Ideen zu zementieren suchte. Fast dreißig Jahre mußte Berlin mit der Mauer leben, Symbol der Macht und der Ohnmacht zugleich. Stacheldraht auf der einen, Graffiti auf der anderen Seite. Wie haben die Menschen diesseits und jenseits damit gelebt? Wie haben sich Künstler mit dieser Ambivalenz von Aufbegehren und Anpassung auseinandergesetzt? Wie groß waren die Hoffnungen, die Mauer zu überwinden, wie ernüchternd die Realität für jene, die es versucht haben. Für mehr als 250 Menschen endeten diese Versuche mit dem Tode.

Mit Zeitzeugen und Originaltönen, mit literarischen Passagen und Musik erinnert die Lange Nacht an dieses dunkle und absurde Kapitel deutscher Geschichte.

-> 29./30 Juni 2001 - Die Lange Nacht der Pferde
Geboren aus Meeresschaum und dem Blut der Medusa

Autoren: Agnieszka Lessmann, Frank Olbert

Auf den eigenen zwei Beinen endet die Welt für den Menschen am Horizont - oder zumindest nicht sehr weit dahinter. Eines Tages aber erkannte der Jäger und Bauer der Frühzeit, dass er das Pferd auf seiner Weide nicht nur zum Essen brauchen konnte. Pferde machten den Menschen mobil und seine Welt um ein Beträchtliches größer. Die meisten Kulturbegegnungen hätten - wenn überhaupt - Jahrhunderte später erst stattgefunden, die meisten Kriege wären nie gekämpft worden. Viele der großen Herrscher der Weltgeschichte ließen sich von Malern und Bildhauern auf ihrem Pferd verewigen. Der berühmte Ausruf vom Königreich für ein Pferd machte die zentrale Rolle des Pferdes für den Menschen - nicht nur in der Schlacht - sinnfällig.

Die Beziehung Mensch - Pferd gehört zu den Vorbedingungen unserer Zivilisation. Wie eng unser Schicksal viele Jahrhunderte hindurch an das unserer vierbeinigen Träger geknüpft war, verbildlichen die altgriechischen Sagen vom Zentaur und die relativ jungen Legenden der Indianer, denen die spanischen Kolonisatoren entlaufenen Mustangs zunächst als "Zauberhunde" erschienen. Und diese Beziehung ging schon immer über ein bloßes Arbeitsverhältnis hinaus. Das fliegende Pferd Pegasus, dass entstand, nachdem Perseus dem Monster Medusa den Kopf abgeschlagen hatte, beflügelt seitdem die Phantasie der Dichter. Heute, während wir uns mit über 100 PS in einer ohnehin fast vollständig vernetzten Welt fortbewegen, bekommt die Fähigkeit des Pferdes, sich mit seiner ganzen Kraft und Schnelligkeit dem Menschen unterzuordnen eine neue Funktion. Immer mehr Freizeitreiter suchen im Reitstall vor der Stadt, im unbeschwerten Ausritt durch den Wald nach Entspannung und Ausgleich und nach einem neuzuentdeckenden Verhältnis zur Natur. In Gesprächen mit Pferdefreunden und -trainern, in Tondokumenten echter Pferdeflüsterer und Ausschnitten fiktionaler Pferdeliteratur nähert sich diese Lange Nacht einer Beziehung voller Sehnsucht und Harmonie, aber auch voller Gewalt und Klischees.

-> 06./07. Juli 2001 - Eine Lange Nacht der Groschenromane
Er versank in ihren Augen wie in zwei blauen Seen...

Moderation:
Claudia Mützelfeldt
Studiogäste:
Sabine Gries
Heinz J. Galle
Es ist schon merkwürdig, da werden Jahr für Jahr Tausende von Heftromanen - dies ist der heute übliche, weniger herablassende Name für Groschenromane - geschrieben, millionenfach gedruckt und verkauft, aber keiner liest sie - anscheinend! Was macht der Käufer nur mit der erworbenen Lektüre, die er angeblich weder schätzt noch konsumiert?
Der moderne Leser schämt sich seines geheimen Lasters. Man hat ihn darüber aufgeklärt, dass er Handke und Walser zu lesen hat, bei nostalgischer Einstellung Thomas Mann und Fontane. Ist er beruflich sehr gestresst, kann er auch schon einmal zu Simmel greifen und als launiger Individualist darf er sich zu seiner Schwäche für Karl May bekennen - aber ausgerechnet diese billigen Heftchen? Schnell ist der Begriff der Schundliteratur zur Hand.
In der Langen Nacht der Groschenromane lernen wir sie kennen, die Liebhaber und Verächter der literarischen Massenware, machen uns bekannt mit Perry Mason, Jerry Cotton, John Sinclair, Dr. Norden, Anna von Koppenhof und Jessica, den Helden und Figuren der Science Fiction-, Kriminal-, Grusel-, Arzt-, Heimat- und Frauenromane.
"Er versank in ihren Augen wie in zwei blauen Seen", dieser Satz soll uns wie viele andere in der Langen Nacht der Groschenromane auf der Zunge zergehen.


-> 13./14. Juli 2001 - Eine Lange Nacht über den Indischen Ozean
Die tiefen Farben des Seins

Autor: Harald Brandt
Der Indische Ozean ist ein magisches Universum, das in sich selbst zu ruhen scheint. Ob man an der jemenitischen Südküste oder an der Nordspitze Madagaskars steht - man hat immer den Eindruck, in einer Dimension zu sein, die grenzenlos und offen ist, aber eine eigentümliche Einheit besitzt.
Das ist der Leitfaden für die drei Stunden der Langen Nacht: Aus der Vielfalt der Kulturen, aus der Unterschiedlichkeit der geographischen Räume das Element herauszuarbeiten, das dem Reisenden immer die Gewissheit gibt, im Zentrum eines besonderen Universums zu sein. Der französische Archäologe Serge Cleuziou spricht von den "verlorenen Wegen der Menschheit", die schon in der Bronzezeit die arabische Halbinsel zum Bindeglied zwischen Ostafrika und dem indischen Subkontinent machten.
Später, zur Zeit der Königin von Saba, kamen Weihrauch und Gewürze aus Oman und Indien und wurden im südjemenitischen Hafen Qana auf Kamelkarawanen umgeladen, die sie bis an die Küsten des Mittelmeeres brachte.
In seinen Romanen beschreibt der bengalische Schriftsteller Amitav Gosh das ausgeklügelte Handelssystem, das bis zum Eintreffen der ersten Kolonialmacht Portugal, den Austausch von Waren zwischen Europa, Indien und Ostafrika möglich machte.


-> 20./21. Juli 2001 - Die Lange Nacht der Kleinanzeige
Ganzfoto erbeten - garantiert zurück

Moderation: Ulrike Bajohr
Musik: Erhard Gehl
Warum ist so etwas Altmodisches wie die Zeitung noch nicht ausgestorben? Ganz einfach, wegen der Kleinanzeigen. Geben wir es doch zu: Nicht des Leitartikels, nicht der Sportseite wegen lesen wir unser Lokalblatt, sondern wegen der Inserate - und die wiederum halten die Zeitung lebendig, wirtschaftlich und im wörtlichen Sinne. "Zauberei mit Charme und Witz - Alfred Czernewitz", "Probleme? Präzise Beratung von Parapsychologin", "Das Besondere: Ich male ihr Haus". Oder, na klar: "Männlein (45/190) sucht Weiblein, gerne mit 10 Kindern", "Sophie, bitte melde dich!"...
Welch komprimierter Tatendrang steckt in einer Anzeige, welche Entschlusskraft, nun aber wirklich und wahrhaftig alles anders zu machen: ein (neuer) Job, eine (billigere) Wohnung, ein neuer Mann... Welch Fundus von Geschichten tut sich da auf: Über Menschen, die Anzeigen aufgeben und auf welche reagieren, und solche, die Anzeigen sammeln und davon leben, die sie künstlerisch verarbeiten und wissenschaftlich ordnen, sie ent- und verschlüsseln...und über solche, die mit einer Anzeige ihrem Leben eine unerwartete Wendung gaben.
(Wiederholung vom 19./20.04.1996)


-> 27./28. Juli 2001 - Eine Lange Nacht von der Ewigkeit des Augen-Blicks
Coup de foudre

Autoren:
Ralf Busse
Bernd Wegener
Regie:
Monika Künzel
"Am Zittern meiner Augen" - so schreibt Dante in seiner Vita nuova - hätte ein jeder die Liebe kennen lernen können, damals als er 1274 erstmals seiner Beatrice begegnete: "L´amour fou" par excellence!
Die Dichter aller Jahrhunderte hätten dieses Geschehen jedoch nicht zu beschreiben vermocht, würde der Donnerschlag des coup de foudre nicht Menschen immer wieder getroffen haben. Leo Tolstoi hat dieses Geschehen in seinen Romanen mit einem Maß an psychologischen Einfühlungsvermögen dargestellt, als sammle er wie in einem Brennglas das Spektrum aller bisherigen Äußerungen über diesen zentralen Aspekt menschlicher Innenwelten.
Goethe skizzierte in seinem Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers", jene große Sehnsucht des Liebenden, eine Verliebtheit, die das Objekt des Verlangens von der Wirklichkeit narzisstisch abspaltete. Und auch Sören Kierkegaard genoss in seiner Liebe zu Regine Olsen nur die eigene Illusion, blieb ein "Romantiker, der in der unendlichen Suche nach dem Du sich selber verfehlte": Eine Lange Nacht also über das Augen-Blicks-Geschehen der Liebe und ihre nicht endende Sehnsucht.


-> 03./04.08.2001 - Eine lange Nacht über den Schwanenmythos
Still zieht dein Lichtgewölbe

Autorin: Katharina Palm

Von den Sternen bis ins Reich des Todes hinab, der Schwan hat die Menschen seit Jahrhunderten zu den unterschiedlichsten Geschichten und Erzählungen inspiriert. Von Mund zu Mund wurden diese Geschichten weitergetragen und so entstand ein Mythos, der bis heute nichts von seiner Faszination eingebüßt hat. Komponisten haben ihn auf die Bühnen der Welt gehoben, Dichter ihm gehuldigt und Maler auf Leinwänden oder profanen Gegenständen verewigt. Der Schwan steht für Reinheit, Tugend, Jungfräulichkeit, aber auch für Erotik, Verführung und Ehebruch. Mal ist er zart, grazil und friedlich, mal groß, gefährlich und kriegerisch. Für die Einen ist er ein göttlicher Vogel, für die Anderen ein besonders prunkvoller Festtagsbraten. Die Lange Nacht des Schwanenmythos wird sich in diesem Spannungsfeld bewegen und Geschichten vom Schwan erzählen, die manchmal so unglaublich sind, dass sie einfach weitergetragen werden müssen. Doch nicht nur dass, die Musik dieser Nacht wird sich ausschließlich mit dem Schwan beschäftigen und so manche Überraschung bereit halten.

-> 10./11.08.2001 - Eine Lange Nacht über die Pubertät
Pickel, Zoff und erste Liebe

Moderation:
Judith Grümmer
Studiogäste:
Marliese Lichtenberg, Gesamtschullehrerin
Nina Petrick, Autorin
Frank Herrath, Sexual- und Medienpädagoge
Rainer Neutzling, Soziologe und Autor


Pubertät heute - Gefühlschaos, Kommerz, Zukunftsangst? Mehr als erste Liebe ? Pubertät bedeutet heute Suche nach einem eigenen Lebensstil, nach einer selbstbestimmten gesellschaftpolitischen Haltung, nach neuen Werten. Jugendliche auf der Suche. Ständig wechseln Idole, Standpunkte, Lebensziele und Berufswünsche. Für die Eltern bedeutet das, Ruhe bewahren und sich an eigene Erinnerungen wagen, an eine persönliche Rückschau: Waren die eigenen Schwärmereien etwa genauso unverständlich oder schockierend, die eigenen Provokationen genauso nervig für Eltern und Umgebung? Die Lange Nacht über Pickel, Zoff und erste Liebe.


-> 17./18.08.2001 - Eine Lange Nacht über Zustand und Zukunft deutscher Kulturinstitutionen
Kulturverschwörung

Moderation: Konrad Franke

Werden Museen zu "Suchmaschinen" oder zu "Disziplinierungsmaschinen"? Lieselotte Kugler, Direktorin des Deutschen Technikmuseums sieht sich auf der Suche, wenn sie an die Zukunft ihres Hauses denkt. Stephan Schmidt-Wulffen, Kunstprofessor in Hamburg mit langer Ausstellungserfahrung findet, die Museen würden künftig die Besucher noch mehr disziplinieren als bisher. Wer wird Recht behalten?
Auf Zukunftssuche für Kino und Kirche, Schule und Universität, Museum und Bibliothek, Theater und Oper, Radio und Fernsehen begaben sich im Frühjahr dieses Jahres Experten wie Volker Schlöndorff und Kardinal Sterzinsky, Gabriele Behler und Gesine Schwan, Jean-Christophe Ammann und Paul Raabe, Claus Peymann und Udo Zimmermann, Ernst Elitz und Christiane zu Salm - sie stellten zehn klassische deutsche Kulturinstitutionen auf den Prüfstand für das 21. Jahrhundert und machten Vorschläge für ihre Reform. Was ist dabei herausgekommen? Alle Institutionen haben die Prüfung bestanden. Alle Institutionen werden sich ändern müssen. Manche unter ihnen werden wir in wenigen Jahren vielleicht nicht wiedererkennen.
Kulturexperten, erprobt in der Veranstaltungsreihe "Kulturverschwörung", stellen ihre Gedanken, ihre Entwürfe und Szenarien in einer Langen Nacht vor.


-> 24./25.08.2001 - Eine Lange Chansonnacht zum 85. Geburtstag von Léo Ferré
Die Fingerschale macht noch keine sauberen Hände und der Handkuss nicht die Zärtlichkeit

Autor: Stephan Göritz

Wie viele französische Chansonpoeten begann auch Léo Ferré im Paris der Nachkriegsjahre: in den Keller-Cabarets am linken Seine-Ufer, zusammen mit Charles Aznavour, Juliette Gréco und Yves Montand. Doch bald ging er stilistisch eigene Wege.
Ferré überschritt die Grenze zwischen kleinem Lied und großer Oper, sang seine Poesie zur Begleitung eines Sinfonieorchesters, engagierte große Chöre und schrieb gar einen Text auf Beethovens Egmont-Ouvertüre. Bis heute, fast ein Jahrzehnt nach Ferrés Tod, sind seine Lieder von Liebe und Anarchie, von Gewalt und Zärtlichkeit aktuell geblieben.
Die Lange Nacht zum 85. Geburtstag bringt viele der schönsten Aufnahmen, darunter auch einige der erst 2000 postum veröffentlichten letzten Platte. Im Mittelpunkt der Sendung steht ein Gespräch, das Stephan Göritz wenige Jahre vor Ferrés Tod mit ihm führte. Stellvertretend für die nachrückenden Chansongenerationen kommen in weiteren Gesprächen Jacques Higelin, Arno und Corinne Douarre zu Wort, die heute Lieder von Ferré neu interpretieren.


-> 31.08./01.09.2001 - Die Lange Nacht der Mathematik
Pythagoras und Würfelkanon

Moderation:
Uli Blumenthal
Norbert Ely
Studiogäste:
Albrecht Beutelspacher
Dr. Knut Radbruch
Burkhard Kümmerer
Dieter Lohse
Peter Baptist
Herbert Henck

Zu Euklid, dem größten Geometer seiner Zeit, dem Haupt des glänzenden alexandrinischen Mathematikerkreises, kam eines Tages ein junger, der Mathematik beflissener Mann mit der Frage: ,,Aber was werde ich gewinnen, wenn ich all diese Dinge lerne ?'' Der Meister winkte statt einer Antwort seinen Sklaven herbei und hieß ihn, dem jungen Mann einige Goldstücke auszuhändigen: ,,Denn er muss Profit aus dem ziehen, was er lernt!''
Diese Anekdote erzählen sich Mathematiker seit Jahrtausenden gern, um zu betonen, dass man Mathematik um ihrer selbst willen betreiben solle. Außenstehende sehen sich eher darin bestätigt, dass es eine brotlose Kunst sei. Heutzutage nun ändert sich die Sicht der Mathematiker auf ihre Disziplin.
Stolz verweisen sie auf die Anwendungen: Ohne komplizierte Transformationsrechnungen wäre die Computertomographie nicht möglich. Das Entwerfen komplexer Rechner-Chips und ihrer Leiterbahnen geht nicht ohne die Jünger des Euklid ebenso wie das Design von Proteinen zur Herstellung neuer Medikamente. Und die mathematische Kunst setzt ihre Jünger inzwischen auch vorzüglich ins Brot. Die Banken reissen heute den Hochschulen die Finanzmathematik-Absolventen aus den Händen, damit sie den Wohlstand der shareholders mehren. An der Wallstreet stellen Mathematiker inzwischen die meisten Beschäftigten.
Die Lange Nacht der Mathematik beschäftigt sich unter anderem mit dem Selbstverständnis der Mathematiker heute, den Wandlungen des Bildes von der Mathematik, mit mathematischen Modellen und ihrer Verwendung im kompositorischen Prozeß sowie mit dem Verhältnis von Mathematik und Malerei.


-> 07./08.09.2001 - Die Lange Nacht der Diven
Von der Schönheit der Sünde

Autor:
Jochanan Shelliem

Sarah Bernard schrieb mehr als einen Brief, Gina ließ sich nicht lange bitte, hatte dann leider doch nichts anzuziehen. Die Knef gab sich die Ehre im Kempinski, Juliette Greco im klassizistisch klammen Frankfurter Hof. Marlene lässt sich allein im abgedunkelten Salon zu zeitlosen Aussagen hinreißen und Isadora Duncan überlebte nicht die Kapriolen ihres Schals an der Corniche von Nizza, Georgette dagegen liebt das Rampenlicht und redet gern bewaffnet mit Champagner, Zigarettenspitze und begleitet vom Gemurmel des Klaviers im Varieté und wer Wolf Biermann eine Kamera vor´s Auge hält, der muss viel Zeit mitbringen.
Die Diven halten heute Hof. Und hingerissen sonnt sich alle Welt in ihrem Glanz, mancher nimmt Maß und spürt sein bittersüßes Schrumpfen. Es wird aber auch gern exekutiert: als die Knef sich frühreif ausgezogen vor fast fünfzig Jahr´, da wurde sie zur Sünderin, das 50 Sekunden lang sichtbare Aktmodel galt als Bedrohung der deutschen Nachkriegsmoral. Als Romy nicht mehr Sisi spielen wollte und Frankreich den Vorzug vor deutschen Gauen gab, da wurde sie geschmäht, von Hildegard von Bingen ganz zu schweigen.
Es sind die Diven selbst, die uns berichten werden, mit Federboa, Pumps und melancholischem Gesang, in ihren Briefen, von ihrer Leidenschaft und ihrer Sehnsucht nach Vollkommenheit. Jochanan Shelliem führt durch die Lange Nacht der Diven.


-> 14.09.2001 - Eine Lange Nacht mit der Sozialtherapeutin Lily Pincus
"Lebendig, solange man lebt". Nur im DeutschlandRadio Berlin!

Aufgrund der Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon haben wir unser Programm geändert!

Warum sind manche Menschen im hohen Alter glücklich, aktiv und schöpferisch, während andere alte Frauen und Männer schicksalsergeben ein eingeschränktes Leben fristen? In den europäischen Wohlstandsgesellschaften wächst die Zahl der Alten rapide an. Ihren Bedürfnissen und den Herausforderungen des hohen Alters gerecht zu werden, gehört inzwischen zu den drängenden Problemen der Gesellschaft.
Lily Pincus - geboren am 13. März 1898 in Karlsbad - war jahrzehntelang Sozialtherapeutin an der Londoner Tavistock Clinic. Und sie war eine dieser Alten, als sie sich mit dem Älterwerden auseinandersetzte. Ihre lange Lebenserfahrung hatte sie gelehrt, daß die Art wie jemand seine Probleme ein Leben lang bewältigt, letztlich darüber entscheidet, wie sie oder er altert und alt wird. Mit ihren Erfahrungsberichten und anhand ihrer eigenen Lebensgeschichte voller tragischer Zäsuren entsteht hier die Begegnung mit einer Frau, der alle Ausschläge menschlichen Gefühls vertraut sind.


-> 15.9.2001 - Eine Lange Nacht über Frauen im GULAG
Ich muss sagen, wie es war. Nur im Deutschlandfunk!

Aufgrund der Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon haben wir unser Programm geändert!

Autor :
Meinhard Stark

Die sowjetische Staatsführung hat bis Mitte der fünfziger Jahre mehrere Millionen Frauen in, wie es offiziell hieß, "Besserungsarbeitslagern" inhaftiert. Unter ihnen befanden sich Bäuerinnen, Arbeiterinnen, Intellektuelle, Partei- und Staatsfunktionärinnen, politische Emigrantinnen und Frauen aus von der Sowjetunion okkupierten Gebieten. Die Anklagen konstruierten Mitarbeiter der sowjetischen Geheimpolizei. Die drakonischen Strafen fällten Militär- und Sondergerichte. Über das Schicksal weiblicher Häftlinge ist bislang wenig bekannt. Auch die Gesprächspartner von Alexander Solschenizyn waren meist Männer. Politische und religiöse Frauen, die jahrelange GULAG-Haft überlebten, erzählen in beeindruckenden Schilderungen über Alltag, Zwangsarbeit, Haftordnung, ihren Kampf ums Überleben und über die Jahre nach der Freilassung in der Sowjetunion.

-> 21./22.09.2001 - Die Lange Nacht der iranischen Frauen
Die halbe Wahrheit, das ganze Leben

Autorin: Ulrike Bajohr

Iran. Fundamentalismus. Männerwelt. Frauen in langen Mänteln und Kopftüchern. Ein Bild, das so richtig und so falsch ist, wie Klischees eben sind. Es ist wahr, ohne Mantel und Kopftuch darf keine Frau in die Öffentlichkeit, und ohne bodenlangen Schador keine in die Moschee. Es ist wahr, Flughäfen haben einen Eingang nur für Frauen; in Bussen sitzen sie hinten, von den Männern durch eine Barriere getrennt. Das Fernsehprogramm zeigt Männer und Strenggläubige. Gemischte Schulen sind ebenso undenkbar wie männliche und weibliche Kommilitonen gemeinsam auf einer Hörsaalbank.
Und trotz - manche sagen: wegen - der strengen Religiosität sind zwei Drittel der Studierenden an iranischen Universitäten Frauen. Sie belegen vorzugsweise Mathematik und Informatik. Die unter einheimischen Experten geschätzteste Person auf dem Gebiet der Informationstechnologie ist eine Frau, Mehran Shantiai. Ihr ist es gleich, dass sie in der Öffentlichkeit niemand kennt und dass sie im Büro Kopftuch trägt. Sie macht ihren Job besser als jeder Mann, und ihre Kollegen wissen das.
Kopftuch und Mantel - das ist Theater, ein lästig-listiges Spiel, sagen Gizella und Farah, zwei Künstlerinnen. Sie haben beide denselben Mann geliebt - und geheiratet. Es war ihre Entscheidung - deswegen waren die Mullahs dagegen. Auch die islamischen Feministinnen fanden diese Ehe schlecht für den Fortschritt, wie sie ihn erkämpfen wollen. Die äußere Welt ist eine Welt der Männer. Die innere bestimmen die Frauen. Die äußere ist streng und trist. Die innere ist warm und farbig. So einfach ist das - und so kompliziert. Viel Stoff für eine Lange Nacht.


-> 28./29.09.2001 - Die Lange Nacht der Bohème
Das Logierhaus zur schwankenden Weltkugel

Autor: Kurt Kreiler

Die Bohème ist eine Form der schöpferischen Gegen-Kultur, ein Akt der Rebellion - die Daseinsform der ewig Jungen, der kultiviert Leichtsinnigen, der Spötter und der Liebenden. Café und Atelier bilden ihre Spielwiese.
Der Bohemien, verliebt ins Leben und in den Eros, opponiert gegen das Korsett der bürgerlichen Normen. Das Leben soll ihm zum Kunstwerk werden, die Arbeit zum kunstvollen Spiel.
Poesie und Revolution - Vatermord und Brüderhorde - der Geldkomplex - freie Liebe - Mutter, Muse, Vamp: das sind Kapitel in der Langen Nacht der Bohème, die Sie teilnehmen lässt an der Kultur des lustvollen Widerstands. Zu ihrem Protagonisten zählen Peter Hille, Else Lasker-Schüler, Paul Scheerbart, Erich Mühsam, Peter Altenberg, Franziska zu Reventlow, Walter Serner, Klabund und viele andere.
Paris - Berlin (1850 - 1900), Schwabing - Ascona (1900 - 1914) und Wien - Berlin - Zürich (1900 - 1916) markieren die Stationen dieser literarischen Reise mit Spielernaturen und Natur-Spielern.


-> 05./06.10.2001 - Die Lange Nacht der griechischen Literatur
Das Leben jenseits der Säulen

Moderation:
Ulf-Dieter Klemm
Studiogäste:
Frau Rhea Galanaki
Frau Ioanna Karystiani
Herr Dimosthenis Kourtovik
Herr Petros Markaris
Herr Alexis Pansélinos
Herr Charis Vlavianos

Kaum ein anderes Land ist der deutschen Literaturgeschichte so präsent wie Griechenland. Und von kaum einer Kultur herrschen so viele Klischees vor wie von der griechischen, die im Urlaubskatalog zwischen Akropolis, Troja, Sirtaki und Alexis Sorbas abgelegt ist.
Doch oberflächliche Exotik und Folklore sind keine Maßstäbe für die griechische Gegenwartsliteratur, die spätestens seit den beiden Nobelpreisen für Literatur an griechische Dichter (Jorgos Seferis 1963 und Odysseas Elytis 1979) ein "Leben jenseits der Säulen" ,so ein Vers von Seferis, führt. Antike Werke spielen darin weiterhin eine Rolle, doch sie werden konfrontiert mit neuen Formen und Inhalten. Europäische Moderne, Beschreibungen des Bürgerkrieges und der Militärjunta stehen neben den Schilderungen der Athener Jugendszene. Als Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse stellt Griechenland seine facettenreiche Literatur vor.
Wie in den Jahren zuvor stellt die Lange Nacht sechs wichtige Autorinnen und Autoren des Gastlandes und deren Werke in Lesungen und Gesprächen über Kultur, Geschichte und Alltag vor.


-> 12./13.10.2001 - Die Lange Nacht der drei starken Frauen
Ginzburg - Morante - Ortese

Autor:
Roland H. Wiegenstein

Sie waren fast Altersgenossinnen, sie haben einander gekannt und - aus der Entfernung - geschätzt. Natalia Ginzburg, Elsa Morante und Anna Maria Ortese, drei der bedeutendsten italienischen Autorinnen der Nachkriegszeit. Natalia Ginzburg: ihre Geschichten beschreiben lakonisch die Verdrängungen, die Leiden und die Langeweile der bürgerlichen Gesellschaft. Die Ginzburg, eine öffentliche Figur und eine Instanz, am Ende gar als Senatorin der italienischen Republik. Elsa Morante: schon als junges Mädchen begann sie zu schreiben, mit nur 23 Jahren erschien ihr erstes Buch, mit dem Roman "Lüge und Zauberei" wurde sie 1948 berühmt. Anna Maria Ortese: eine reine Autodidaktin, die 1937 - beinahe unbeachtet - ihr erstes Buch herausbrachte. Viele ihrer Bücher blieben bloße Achtungserfolge, erst mit "Die Klage des Distelfinken" erfuhr sie 79-jährig die lange verdiente Anerkennung. Was diese Autorinnen miteinander zu tun haben, wie sich ihre

-> 19./20.10.2001 - Eine Lange Nacht der Exzentrik
Käuze - Spinner - schwarze Schafe?

Autorin:
Hannelore Hippe

Es sind mehr als man glaubt und sie findet man nicht nur in England: Exzentriker gibt es überall, denn auf 10000 Menschen, so sagt eine exzentrische Studie, kommt einer, der so ist, wie er eben ist. Anders. Der beinharte Exzentrikertest zeigt dem Hörer, worauf es ankommt an der aufregenden Peripherie des Durchschnitts, denn eine fehlerhafte Orthografie und eine Vorliebe für Kartoffeln tun es nicht allein. Wirkliche Exzentriker wandern immer auf unbetretenen Pfaden, auch wenn man über sie lacht. Sie halten sich selbstverständlich nicht für exzentrisch und ziehen ihr Ding unbeirrt durch. Exzentrikerinnen lebten jedoch schon immer näher am Scheiterhaufen oder der Psychiatrie.
Die Lange Nacht der Exzentrik stellt viele hervorragende Vertreter vor: Den Herrn, der heute im 18. Jahrhundert lebt bis zur Dame, die einen städtischen Müllwagen anhielt um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen und sich nichts dabei dachte. Wir erhalten einen ernst zunehmenden Einblick in den aktuellen Stand der Exzentrikforschung . Gehört reich und exzentrisch wirklich zusammen? Selbstverständlich gibt es praktische Ratschläge, falls Sie einen Exzentriker bei sich beherbergen. Kurz, eine Lange Nacht, die Ihr Leben verändern kann.


-> 26./27.10.2001 - Eine Lange über Mütter und Söhne
"Junge, komm bald wieder..."

Moderation:
Judith Grümmer
Studiogäste:
Prof. Dr. Barbara Vinken
Prof. Gerhardt Amendt
Prof. Albrecht Koschorke

Mit "Mama, du sollst doch nicht um deinen Jungen weinen", rührte Heintje in den 60erJahren viele Herzen. Die Liebe zwischen Mutter und Sohn - sie wird verkitscht, aber auch verflucht und verdrängt, denn in kaum einer menschlichen Beziehung sind die Gefühlsextreme größer: Liebe, Haß, Verehrung und Verachtung. Von ihren Mütter erzogen, geliebt oder weggestoßen, versucht mancher Mann ein Leben lang vor der Mutter zu fliehen, ein anderer löst sich nie von der ersten Frau seines Lebens. Dabei werden die meisten Söhne von ihren Müttern mehr geprägt, als sie selbst wahrhaben wollen. Um zu einem "richtigen" Mann zu werden - so heißt es - müssten Söhne sich viel vehementer von ihren Müttern lösen als von ihren (oft abwesenden) Vätern.
Auch die Mütter werden mit Klischees belegt: sie können und wollen gerade die Söhne nicht loslassen, sie verfolgen die Söhne mit aufopfernder Liebe, der Sohn wird zum Macho, Gewalttäter, Frauenhasser oder ein unglücklicher Don Juan. "Junge, komm bald wieder nach Haus - und geh nie wieder hinaus", besang ein anderer Sohn die Liebe der Frau, die ihm das Leben schenkte. Lieben Mütter ihre Söhne anders als ihre Töchter. Oder mehr?
In einer Langen Nacht mit Müttern und Söhnen, in literarischen und musikalischen Spaziergängen wollen wir uns einer lebenslangen, oft komplizierten Liebesgeschichte annähern.


-> 02./03.11.2001 - Die Lange Nacht des Pfeifens
Teekessel, Dompfaffe und letzte Löcher

Moderation:
Hermann-Christoph Müller
Studiogäste:
Valerian Maly
Matthias Osterwald
Simha Arom

Alles pfeift und alle pfeifen, und fast niemand denkt darüber nach. Menschen pfeifen - oft unbewußt - im Alltag, in gehobener Stimmung, manchmal kokett, manchmal vulgär. Sie pfeifen aus Empörung, aus Begeisterung, aus Angst, als Signal, als geheimer Code der Wiedererkennung. Und wer morgens pfeift, den holt abends die Katz´ - behauptet der Volksmund. Menschen pfeifen sich an, sie pfeifen aus, sie pfeifen hinterher, sie verpfeifen (sich), sie pfeifen sich was rein, sie pfeifen auf dem letzten Loch. Spatzen pfeifen Neuigkeiten vorzugsweise von Dächern. Aber nicht nur Vögel pfeifen, auch andere Tiere, Delphine, Murmeltiere, Ratten, Fledermäuse pfeifen, und manche glauben, ihr Schwein pfeift. Maschinen, Motoren und Computer pfeifen, Kugeln pfeifen, der Kosmos pfeift.

In der Langen Nacht des Pfeifens soll dem Phänomen des Pfeifens in der Fülle seiner Facetten nachgegangen werden, als akustische und symbolische Äußerung bei Mensch und Tier, in der Natur, in der Technik, als Teil der Alltagskultur, als Element der Musik. Dabei werden zahlreiche Wissensgebiete und Lebensbereiche berührt: Kommunikations- und Sprachwissenschaft, Sozialpsychologie, Film, Volkskunde, Biologie, Ornithologie, physikalische Akustik, Psychoakustik, Sport, Transportwesen, Medizin - und mehr als 500 Jahre Musikgeschichte.

-> 09./10.11.2001 - Die Lange Nacht der Spots und Slogans
Damit Sie auch morgen noch kraftvoll konsumieren können!

Autorin:
Claudia Mützelfeldt

Mit dem richtigen Kaffee landen Sie bei der Nachbarin - oder sorgt doch ein bestimmter Geschirrspüler für mehr Sexappeal? Mit Halbfettmargarine und dem neuen leichten Joghurt starten Sie fröhlich in einen erfolgreichen Tag, der Ihnen cremig und locker von der Hand geht und wenn Sie dann auch noch die richtigen Aktiengeschäfte tätigen, müssen Sie auch nicht mehr lange auf die rasante Autofahrt durch Traumlandschaften warten, selbstredend in dem Auto, das Ihnen die Sicherheit und Geborgenheit gibt, die man sonst kaum noch vom Leben zu erhoffen wagt. Mehr noch: das richtige Auto rettet Ihre Ehe oder lässt ein heimliches Tête-à-tête auch beim schlimmsten Unwetter zu, je nachdem.
Zuhause sorgen zwischenzeitlich gute Geister und schlaue Füchse aus der günstigen Nachfüllpackung für strahlenden Glanz ohne Nachwischen auf Kacheln und in den Augen der ganzen Familie. Zum krönenden Abschluss dieses perfekten Tages in einem perfekten Leben gehört der perfekte Drink - Sie müssen ihn nur kaufen! Worauf warten Sie?
Mit sanfter Stimme vollzieht sich der knallharte Werbefeldzug auf unser Portemonnaie und verspricht uns gegen Bares das Beste: Glück, Erfolg, gutes Aussehen und gesellschaftliche Anerkennung, just buy it!
Wie wird Werbung gemacht? Warum funktioniert Sie und was sagt sie über uns aus? Werbebotschaften zum Schmunzeln, Ärgern und Nachdenken in der längsten Praline der Nacht.


-> 16./17.11.2001 - Die Lange Nacht vom Bauhaus
Weg von Dessau und zurück

Autor:
Adolf Stock

Das Bauhaus wurde 1919 von dem Architekten Walter Gropius gegründet. Schon 1925 zog die Kunstgewerbeschule vom bürgerlichen Weimar in die Industriestadt Dessau, wo ihre weltweite Erfolgsgeschichte begann. Das dortige Bauhausgebäude gilt als Ikone der Moderne und steht heute auf der Weltkulturerbeliste. Das Dessauer Industriedesign vom Marcel Breuer oder Wilhelm Wagenfeld ist bis heute stilbildend. Die Nationalsozialisten zerschlugen das Bauhaus, doch sie konnten den Siegeszug der Bauhausidee letztendlich nicht aufhalten. In Dessau war erst in den achtziger Jahren ein Neuanfang möglich. Heute steht der Name Bauhaus für die Moderne schlechthin, und die Erben dieser großen Idee streiten sich ebenso gründlich wie die Bauhäusler in ihren besten Zeiten, nicht zuletzt in dieser Langen Nacht.

-> 23./24.11.2001 - Eine amerikanische Nacht
American Dusk

Autoren:
Edgar Lipki
Hermann-Christoph Müller

American Dusk - im Zentrum dieses dreiteiligen Hörspiels steht die Erfahrung der Grenze - der Staatsgrenze zwischen Mexiko und den USA, der Grenzerfahrung zwischen Leben und Tod, der Grenze zwischen Geschichte und Aktualität.
Die Grenze ist ein paradoxer Ort - 1890 ist in den USA die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation offiziell verschwunden, jene Grenze, die sich in das Bewusstsein der europäischen Siedler ursprünglich als die neue Identität einschrieb. Heute wiederholt sich an der Grenze zu Mexiko das Drama der Besitznahme: Bei Anbruch der Dunkelheit überqueren illegale Einwanderer den Rio Grande, die Demarkationslinie zwischen Pesos und Dollars. Auf Güterzügen oder zu Fuß durch die Wüste schwärmen sie in alle Teile der Weltmacht aus.
Die letzte Grenze tut sich im Todestrakt von Ellis Unit auf, dem größten Hinrichtungsgefängnis der Vereinigten Staaten, oder in Waco, wo 1993 beim Sturm des FBI auf das Gebäude der Davidianer Sekte 79 Menschen starben.
Originaltöne von Beteiligten und Betroffenen wie auch Musik- und Literaturfragmente verschmelzen und kollidieren in diesem Szenario der Grenzerfahrung - ein unbekannteres Amerika.


-> 30.11./01.12.2001 - Die Lange Nacht vom Euro
Währung auf Bewährung

Moderation:
Ursula Welter
Klaus Harke

Europa wird verwirrt sein: Menschen die auf Münzen beißen und bunte Scheine skeptisch gegen das Licht halten. Der Euro ist für alle Europäer ungewohnt neu, nur die Deutschen haben besonders schlechte Erfahrungen mit dem Austausch von Geld gemacht. "Währung auf Bewährung" heißt deshalb die Lange Nacht vom Euro. Sie handelt von Abschied und von Ängsten, von Blütenträumen der Fälscher, von Konkurrenz in Übersee. Sie bietet Währungsgeschichte und -geschichten, ökonomische wie politische Hintergründe und hie und da ein bisschen Sentimentalität.

-> 07./08.12.2001 - Chansons der Pariser Nachkriegsjahre in einer Langen Nacht
Skandal des Glücks

Autor:
Stephan Göritz

Nie wieder entstanden so viele Chansons wie im Paris der Nachkriegsjahre. Die "Krähe auf Pedalen", wie die Franzosen den Reichsadler nannten, hatte man verjagt, jetzt konnten nach den vier schwarzen Jahren der deutschen Besatzung Kunst und Denken und vor allem das Leben explodieren.
In ungezählten Cabarets und Chanson-Cafés am Seine-Ufer trat eine neue Generation von Sängern und Poeten an, um das Lebensgefühl des selbstbestimmten Handelns zu feiern: Yves Montand und Jacques Prévert (von dem der Titel dieser Langen Nacht geliehen ist), Juliette Gréco und Léo Ferré, Boris Vian und Georges Moustaki... Man genoss das Glück, wie man einen Skandal genießt, und ahnte vielleicht schon, dass es nicht ewig dauern würde.
Stephan Göritz spielt eine Nacht lang die schönsten Chansons der Pariser Nachkriegsjahre und unterhält sich mit Juliette Gréco über diese einmalige Zeit des Aufbruchs.


-> 14./15.12.2001 - Eine Lange Nacht über Russen in Berlin
"... wie ein See inmitten seiner Ufer."

Moderation:
Dietrich Möller

"Es riecht nach Russland", notierte einst Andrej Belyj in Berlin, allenthalben träfe er auf Landsleute: "und hört man einmal deutsch, ist das Staunen groß: Wieso? Deutsche? Was haben die in "unserer" Stadt zu suchen? Und Viktor Schklowskij schrieb: "Die Russen in Berlin ziehen ihre Kreise um die Gedächtniskirche wie Fliegen um den Kronleuchter. ... Wir leben zuhauf unter den Deutschen, wie ein See inmitten seiner Ufer." Alle, alle schien es in die Stadt zu ziehen, die Zwetajewa und den Pasternak, Majakowskij und Pilnjak, Ehrenburg und Aleksej Tolstoj, Jessenin und Berdjajew, Meyerhold und Lissitzkij. Wladimir Nabokows erster russischsprachiger Roman entstand hier; wie auch die nächsten sieben, und sie spielten allesamt ganz oder teilweise vor Berliner Kulisse. Damals in den Zwanziger Jahren.
Es riecht wieder nach Russland. Wo einst sich die Creme der russischen Literatur ein Stelldichein gab, dazu Revolutionäre und Konterrevolutionäre, Monarchisten und Sozialisten, tummeln sich heute die "neuen" Russen - Touristen und Aussiedler, Glückssucher und Emigranten, aber immer auch noch Literaten und - viele Musiker.
Die Lange Nacht zum Thema bietet ein Kaleidoskop aus historischen und literarischen Reminiszenzen, aus Reportagen und Gesprächen.


-> 21./22.12.2001 - Eine Lange Nacht zum 100. Geburtstag von Marlene Dietrich
Ich weiß nicht zu wem ich gehöre...

Autor:
Hans Bräunlich

Sie ist "Die Frau, nach der man sich sehnt". Damals noch - 1929 - in einem Stummfilm mit ihr als Hauptdarstellerin. Sie wird es ein Leben lang als Frau und Künstlerin bleiben, nachdem der Regisseur Josef von Sternberg ein Jahr später mit dem UFA-Tonfilm "Der blaue Engel" ihren Weltruhm begründet. Von Babelsberg geht es nach Hollywood, der spektakuläre Anfangserfolg allerdings wiederholt sich nie wieder. Trotzdem wird sie zu einem begehrten Filmstar, zu einer Leinwandlegende. Den Nazis entzieht sie sich und lässt sich in Amerika einbürgern. Sie arbeitet in Hollywood mit berühmten Regisseuren, trotzdem kommt es immer wieder zu Karriereeinbrüchen. Verheiratet bleibt sie ein Leben lang, doch es gibt daneben auch zahlreiche Affären, z.B. mit Erich Maria Remarque oder Jean Gabin. In Deutschland diffamiert man sie später als "Vaterlandsverräterin", weil sie sich in der amerikanischen Truppenbetreuung während des Krieges engagiert hatte. Eine neue, weltweite Karriere macht sie in den 60er und 70er Jahren als Sängerin berühmt. 1992 stirbt sie vereinsamt mit 91 Jahren in Paris.
In einer Collage aus Briefen, Liedern, O-Tönen, Berichten von Zeitzeugen nähern wir uns dieser Legende des vergangenen Jahrhunderts in der Langen Nacht.


-> 28./29.12.2001 - Die Lange Oldie-Nacht
Deine Spuren im Sand...

Autor:
Wolfgang Koczian

Die Dokumentaristen verfügen immer nur über die halbe Wahrheit. Vom Standpunkt der Gegenwart, dem winzigen Zeitpunkt, da sich Vergangenheit und Zukunft treffen, amputieren sie die Realität um die Träume. Das macht den Reiz der Science Fiction aus, die Phantasie als schöpferische Kraft, die Sachrealität erst schafft. Aber auch der Blick in die Vergangenheit lässt wieder zusammenwachsen, was zusammengehört, die Realität mit der Emotion, mit Zuneigung und Abneigung und Leidenschaft. Darin liegt der geheimnisvolle Reiz der Oldies, die wieder Saiten anklingen lassen, deren Ton verschüttet war, und das mit der Ursprünglichkeit, die nicht zwischen Kitsch und Kunst scheidet. "Den Drang, am Tag über die Wunder der Welt zu grübeln und des Nachts die Sterne am Himmel zu zählen" formulierte immerhin Heinrich Heine ,und der seinerzeit durchaus altväterlichen FAZ diente die Zeile "Deine Spuren im Sand, die ich gestern noch fand, hat der Wind mir genommen" der Aufnahme ins Feuilleton würdig und als Nachweis, dass der Alltag durchaus Lyrik kennt. Das Gedächtnis verfügt über eigene List, selektiert und ordnet neu zu und rettet somit die Träume von einst. Oldies stehen für die Poesie des Lebens.
Wann ist Zeit für Oldies? Einst hatte der Deutschlandfunk, angeregt von Wolfgang Koczian und präsentiert von Wolfgang Alzen mit den 'Memory Hits' einen Programmrenner am Samstag Mittag. Tempi passati. Aber immer noch kennt der Mensch magische Zeiten, die Mitternacht gehört dazu und auch der Jahreswechsel. Magische Zeiten legen magische Distanzen nahe, und so gibt es an Sylvester die Lange Oldie-Nacht mit Wolfgang Koczian und mit Rückblick auf die Zeit vor 40, 30 und 20 Jahren, also von der Kuba-Krise über Vietnamkrieg und Transit-Abkommen bis zur Heirat von Charles und Diana und Schimanskis erstem Auftritt. Zeitzeugen kommen zu Wort und natürlich die Hits der Zeit, Elvis Presley, Billy Vaughn, Janis Joplin, Middle of the road, Queen, Phil Collins und viele andere mehr.


-> 04./05.01.2002 - Die Lange Nacht des Theater- und Hörspielmanns Martin Esslin
Vom Glauben an das Leben

Autorin:
Heike Tauch

1918 in der ungarisch-österreichischen Monarchie geboren, kommt Martin Esslin, geb. Pereszlenyi, als Zweijähriger nach Wien, wo er bei seinem Vater und seiner Stiefmutter aufwächst. Die jungfräuliche Schwester seiner Stiefmutter wird für ihn entscheidend: Sie liebte zwar nie einen Mann, aber sie liebte das Theater und vor allem den großen Schauspieler Alexander Moissi. 1936 bewirbt er sich am Max-Reinhardt-Seminar in Wien, um Regisseur oder Dramaturg zu werden. Die deutschen Truppen haben Wien schon eingenommen, da erhält er 1938 das Zeugnis vom Reinhardt-Seminar und verlässt Wien. Ein Jahr lebt er in Brüssel, bis es seinem Vater gelingt, ihn zu der sehr wohl habenden Familie Salaman zu schicken. Diese Familie lebt in der Nähe von London und gehört dem Bloomsbury Circle an, einem Kreis der fortschrittlichsten Intellektuellen des Landes. Als er Krieg ausbrach, muss er sie verlassen und er bewirbt sich beim Monitoring Service, dem Abhörhördienst der BBC. Esslin: "So begann meine BBC-Karriere". Sie führt ihn über die Deutsche Abteilung und den BBC World Service hin zur Hörspielabteilung. 14 Jahre, von 1963-1977, leitet Esslin, ein deutschsprachiger Ausländer, das Kleinod der britischen Nation, das National Theater On The Air. Eine enge Freundschaft verbindet ihn mit Beckett und Pinter. Sein "Das Theater des Absurden" zählt heute zu den Standardwerken der Theaterliteratur. Die Gespräche für die Lange Nacht mit dem Theater- und Hörspielmann Martin Esslin sind im April 2000 in Berlin und London aufgenommen wurden.

-> 11./12.01.2002 - Eine Lange Nacht über 40 Jahre Deutschlandfunk
Grundton D

Moderation:
Andreas Stopp

Am Neujahrstag 1962 begann der Deutschlandfunk seine Sendungen auszustrahlen mit folgendem programmatischen Satz des Intendanten: "Der Deutschlandfunk wird ein Informationssender sein". Seither hat der Sender deutsche Zeitgeschichte begleitet und - als Brücke zwischen Ost und West - mit gestaltet. Im "Tal der Ahnungslosen", wie der westfernseh-freie Raum in Teilen von Sachsen um Dresden zu DDR-Zeiten spöttisch genannt wurde, war der Deutschlandfunk immer eine entscheidende Informationsquelle. Sendungen wie "Aus ostdeutschen Zeitungen", "Wie wir leben" oder "Das Wochenendjournal" gehörten damals zu den Klassikern. Hier erfuhren Hörerinnen und Hörer oft mehr über Ereignisse und Entwicklungen in der DDR als über den gleichgeschalteten Apparat des DDR-Rundfunks. In dieser Langen Nacht treffen sich im Kölner Funkhaus Programm-Macher, die vor dem Mikrofon oder im Hintergrund die Geschichte des Senders geprägt haben. Jene, die in den ersten Stunden dabei waren, berichten über die Schwierigkeiten der Anfänge, die im Laufe der Jahre Dazugekommenen erzählen vom journalistischen und organisatorischen Alltag, von besonderen Momenten, von Sternstunden der Berichterstattung und solchen, die man lieber vergessen möchte...
Wie hat sich der Deutschlandfunk nach dem Fall der Mauer verändert? Wie ist er seinem Programmanliegen als Informationsprogramm für Deutschland treu geblieben? Diese und viele andere Fragen beschäftigen uns in der Langen Nacht über 40 Jahre Sendergeschichte.


-> 18./19.1.2002 - Eine Lange Nacht über die Welt als Kaufhaus
Zahltag! oder Alles hat seinen Preis

Autor:
Michael Langer

Das Menschenbild im 21. Jahrhundert lautet: Homo Oeconomicus. Wahlweise auch: Homo Consumans. Bekanntlich soll der kapitalistische neoliberale Markt alles richten. Nach dem Zeitalter der Utopien sind ausser der Kommerzialisierung aller Lebensbereiche kaum noch Visionen übriggeblieben.
Gerne geht man mit der Konjunktur. Das Marketing hat den Menschen-als-Kunden entdeckt und die Welt als Bühne für den Erlebniseinkauf. Der Bürger mutiert inzwischen zum reinen Verbraucher. Wem das Wirtschaftswachstum ein eherner Wert ist, der mag auch am Kaufrausch nichts auszusetzen haben. Shopping? Na Logo! - Aber warum bloß sollten wir eigentlich immerzu konsumieren?
Die Lange Nacht über die Welt als Kaufhaus mit Antworten und Ansichten u.a. von "Why-do-you-shop?", Naomi Klein oder Raul Vaneigem: "Tatsächlich ist mir die Welt nicht fremd, aber alles ist mir in einer Welt fremd, die sich verkauft, statt sich zu schenken - sogar der ökonomische Reflex, dem meine Gesten manchmal folgen."


-> 25./26.01.2002 - Eine Lange Nacht über Lust und Frust von Teamarbeit
Elf Freunde sollt ihr sein

Moderation:
Michael Roehl
Studiogäste:
Prof. Dr. Margarete Boos
Hedwig Kellner
Prof. Dr. Olaf-Axel Burow

Arbeit im Team, Teamfähigkeit, Bereitschaft zur Teamarbeit: in Stellenanzeigen werden Mitarbeiter gesucht, die kooperieren können.
Gruppenarbeit und Teamarbeit - ohne Zweifel ein Dauerbrenner der modernen Managementliteratur. Aber auch ein Thema, das Widersprüche erzeugt. Von ungeahnten Leistungspotentialen ist da die Rede, von Powerteams gar. Aber: woher kommt der Teamgeist? Ist er erlernbar und wenn ja, wo können wir ihn trainieren? Welche Rolle spielt dabei das Team-Klima und welche soziale Kompetenz brauchen Vorgesetzte, um herauszufinden, wo die Fähigkeiten der einzelnen Mitarbeiter liegen? Denn nur unter günstigen Rahmenbedingungen können Teams wirklich bessere Arbeitsergebnisse erzielen. Kann es bei der heutigen Konkurrenz unter Einzelkämpfern und dem steigenden Leistungsdruck überhaupt teamwork geben? Lassen sich Entscheidungen im Team in einer angemessenen Zeit treffen? Und wie sieht es mit der vielbeschworenen Kreativität im Team aus?
Darüber diskutieren wir in der Langen Nacht der Teamarbeit.


-> 01./02. Februar 2002 - Die Lange Nacht der singenden Schauspieler
Unser kleines Welt-Spektakel

Autor: Dieter Kranz

Wenn Schauspieler singen, dann kann sich Talmi in pures Gold verwandeln; dann offenbaren schlichte Volkslieder plötzlich einen subversiven Nebensinn. Man ertappt sich erschrocken bei dem Gedanken, dass Schauspieler vielleicht doch die besseren Sänger sind! Oder etwa nicht?
Auf jeden Fall sind sie die geborenen Grenzüberschreiter und Alles-Woller: Lasst mich den Löwen auch singen! Die eben noch Iphigenie spielte, kann im nächsten Moment Didos ergreifende Abschieds-Arie "When I am laid in earth" aus der Purcell-Oper singen oder im Cancan-Rhythmus die Beine schmeißen. Und überhaupt die Operette! Wenn sich Schauspieler über die "Schöne Helena" oder "Pariser Leben" hermachen, kippt die Absurdität lustvoll in die vierte Dimension: "Es ist ein Traum" singen Paris und Helena.
Inspiriert von Musiker-Regisseuren (oder Regisseur-Musikern) kreierten singende Schauspieler sogar ein neues Genre: Was sich bei Franz Wittenbrink und (auf andere Weise) Christoph Marthaler als "Liederabend für Schauspieler" gibt, das bietet in Wahrheit ein vielfarbiges Programm unserer Epoche, ein kleines musikalisches Weltspektakel und wird zum Fundus für unsere Lange Nacht der singenden Schauspieler.


-> 08./09. Februar 2002 - Die Lange Nacht der Familiennamen
Müller-Lüdenscheid ist auch nur ein Mensch

Autorin: Ulrike Bajohr

Über 700 000 Deutsche heißen Müller. Kein Mensch macht sich Gedanken über die Herkunft dieses Namens. Müller eben. Im 11., 12. Jahrhundert, als sich die Mitteleuropäer der Verwechslungsgefahr wegen - und weil die Urkundenschreiberei zivilisatorischen Fortschritt demonstrierte - einen Zunamen zulegten, griff man auf das Nächstliegende zurück. Auf den Beruf zum Beispiel.
So einfach ist es nun wieder nicht. Denn strenggenommen kommt der Name aus dem Lateinischen; das älteste heimische Mahlwerkzeug, die Hand- oder Tretmühle, hieß auf gut deutsch "quirne" oder "kürne" - weshalb die Kirners und Kürners die ältesten Müller sind. Unsere Massen-Müller stammen vom Wassermüller ab, lateinisch: molinarius, weshalb älter als Müller noch "Müllner" ist. Und selbstverständlich gibt es diesen Familiennamen in allen Sprachen der brotbackenden Welt. Molinari, Meunier, Molnar, Mielnik... Der Drang nach dem gewissen Unterschied begann die Müller spätestens im 15. Jahrhundert zu plagen, wenn sie sich vom Berufsstand ihrer Namenspatrone entfernt hatten. Dann latinisierte sich der geistesschaffende Müller gern zu Mylius oder Molitor. Weniger gebildete Müller hängten ihren Herkunftsnamen an: Der Müller aus Lüdenscheid . Und wenn dieser, im 17. Jahrhundert, zum Hoflieferanten wurde, konnte auch ein Hofmüller draus werden. Oder für besondere Verdienste um Kaiser, Volk und Vaterland Müller von Lüdenscheid; vielleicht gar Graf Müller von Lüdenscheid - der nach des Kaisers Sturz seinen Titel in seinem Namen verstecken musste: Müller Graf von Lüdenscheid.
Schon über einen ganz banalen Namen kann man in vielerlei Richtung reflektieren: Über seine Herkunft und seinen Klang, seine Schreibweise und seinen Träger, historisch, ethnologisch, juristisch....


-> 15./16.2.2002 - Die Lange Nacht der sowjetischen Popmusik
Tanz schneller, Genosse und vergiss das Weinen nicht!

Autor: Uli Hufen

Ob man's glaubt oder nicht - in der Sowjetunion war es nicht verboten, sich zu amüsieren. Sicher - der Kommunismus musste aufgebaut werden, und das war hart genug. Doch spätestens seit den 50er Jahren hatte die Partei begriffen, dass etwas Ablenkung und Unterhaltung nicht schaden konnten. Es gab Restaurants, es gab Bars, es gab Konzerte. Die Menschen hörten Radio, schauten Fernsehen und kauften Schallplatten. Sie kleideten sich modisch, sie gingen tanzen und sie verehrten ihre Stars. Diese trugen klangvolle Namen wie Iosif Kobson, Edita Pecha, Valeri Meladse, Anna German oder Alla Pugatschowa und sie verkauften Hunderte Millionen Schallplatten zwischen Brest und Wladiwostock, Murmansk und Taschkent. Sprachbarriere und kalter Krieg sorgten in unheiliger Allianz dafür, dass von all dem im Westen wenig ankam.
Auch in der DDR waren die Roten Stars schlecht gelitten. Doch damit soll nun Schluss sein! Uli Hufen spielt drei Stunden lang Liebeslieder, Balladen und Tanzmusik aus dem real existierenden Sozialismus und erzählt die Geschichte des sowjetischen Pop: von den Aufbau- und Marschliedern der Stalinjahre zu den barocken Tränendrückern der zerfallenden, späten Sowjetunion.


-> 22./23.02.2002 - Die Lange Nacht der Kopfbedeckungen
Mut zum Hut

Autorin: Hannelore Hippe

Wir sind die erste Generation mitteleuropäischer Menschen, die unbehütet durch die Welt läuft und sich darum wohl auch schutz- und heimatlos fühlen mag. Religiöse Vorschriften, geschlechtsspezifische Schamvorstellungen und strenge Moralkodizes regelten Jahrhunderte lang die Verbreitung standesgemäßer Kappen, Kapuzen und Turbane und was sonst noch gegen Wetter und Feinde getragen wurde. Erst vor knapp dreihundert Jahren stieß die eitle Menschheit zum reinen Zierhut vor. Ist nun der letzte Ausdruck eleganter Lebensart passé oder doch wieder im Kommen? Nicht nur Fahrradfahrer greifen heute zum Helm, in Australien gar wird ob des Ozonlochs geraten, mit Hut auf der Hut zu sein. Von Ängsten und Freuden vor und über die verschiedensten Kopfbedeckungen.

-> 01./02. März 2002 - Eine Lange Nacht über Amerikas Süden
Mythen, Meilen und Musik

Autor: Matias Boem

Der Christopher Columbus Transcontinental Highway ist Amerikas südlichste Verbindung vom Atlantik zum Pazifik. 2500 Meilen Asphalt quer über den ganzen Kontinent - im nüchternen Nummernsystem amerikanischer Autobahnen schlicht I-10 genannt.
In den Ohren fernwehgeplagter "On the road"-Fans klingt das Kürzel verheißungsvoll nach brummenden Motoren, summenden Reifen und rauschendem Fahrtwind. Doch der verführerische Soundtrack des I-10 bietet weit mehr: Junge Wilde wehren sich mit Alternative Rock gegen den Konservativismus des Bible Belt. Vergnügte Alte vergessen beim Tanz zu TexMex und Zydeco ihre harte Arbeit. Einsame Melancholiker spielen sich mit Countrymusic und Blues den Frust von der Seele. Virtuose Instrumentalisten hoben hier den Jazz aus der Taufe und bringen ihn noch heute täglich auf den Weg.
Der I-10 führt von Jacksonville in Florida bis Los Angeles in Kalifornien quer durch die Wiege der amerikanischen Musik. In den Städten entlang der Straße leben junge Chartsstürmer und alte Genrebegründer. Eine Lange Nacht lang singen sie ihre Lieder, erzählen von ihrer Musik und ihrer Inspiration: von Land, Leuten und der überwältigenden Natur.


-> 08./09. März 2002 - Eine Lange Nacht der Züge
Abenteurer des Schienenstrangs

Autoren:
Knut Benzner
Michael Frank

Agatha Christies schönster Mord war der im Orient Express. Die traurigste Abschiedsszene vor einem Zug war die in Tolstois "Anna Karenina". In Jeroffejews "Die Reise nach Petuschki" saufen sie im Abteil, und Erich Kästners "Emil und die Detektive" spielt teilweise auch in einem Zug, wie das Jugendbuch von Jack London: "Abenteurer des Schienenstrangs". Die Lieder über Züge, etwa im Blues, im Gospel oder in der Country-Musik, sind nicht zu zählen, Elvis sang mindestens einmal über einen - über einen, der nach Memphis fährt. Ein anderer bekannter war der Chatanooga Choo Choo. Der Zug im Film? Bitte: "Der unsichtbare Dritte", "Manche mögens heiß", "Die Gentleman bitten zur Kasse", "Mission impossible" und "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer". Der Zug war auch immer eine Metapher. Aufbruch, Ankunft, Flucht natürlich, die Fahrt an ein fremdes Ziel. Erlösung - wenn wir metaphysisch werden wollen. Was meint der Chef der Deutschen Bahn AG zum Mythos Eisenbahn, die in Indien nicht fotografiert werden darf. Und warum setzen sich an den Wochenenden so viele Männer hin und basteln an ihren klitzekleinen Zügen, der Modelleisenbahn?
Trauriges und Besinnliches, aber auch Fröhliches und Hoffnungsvolles erzählt diese Lange Nacht der Züge.


-> 15./16. März 2002 - Die Lange Nacht der russischen Grotesken
Von Nasen und anderen Menschen

Autor: Rolf Cantzen

"Was man da auch reden mag, aber derlei Dinge kommen in der Welt vor - selten, überaus selten - aber sie kommen vor." Gogol wusste es, zum Beispiel, dass sich hochrangige Nasen selbständig machen und dass einer der Ivanows etwas hat, was sonst nur Hexen haben, nämlich ein Schwänzchen hinten. Bereits bei Puschkin gibt es diese Momente, in denen die Alltagslogik brüchig wird und ein Entsetzen verursacht, das komisch daherkommt. Er und seine Söhne fallen - so später Charms in seinen Anekdoten über Puschkin - vom Stuhl. Tschechows Einakter und Erzählungen enthalten rasante, oft absurde Wendungen und Moralparodien.
Nach der Machtergreifung der Bolschewiki liefert das neue Regime den Hintergrund für seltsame Ereignisse. Bulgakow lässt Funktionärsköpfe über Moskauer Straßen rollen, proletarische Hunde zitieren Lenin und rote Strahlen brüten sowjetbürgerfressende Schlangen aus. Neben diesen satirisch-grotesken Literaturen entwickelt sich eine grotesk-absurde Tradition, die nach dem Zerfall des Sowjetregimes erst langsam bekannt wird: "Das Gedächtnis bleibt scharf, aber der gesunde Menschenverstand schwindet." (Trinkfeste) literarische Zeitzeugen begleiten Sie durch diese Lange Nacht der russischen Grotesken.


-> 22./23. März 2002 - ACHTUNG! Nur im Deutschlandfunk! Eine Lange Nacht von den anderen Gesichtern Israels und Palästinas
Vielleicht sind wir am Ende doch Brüder

Autorin: Dolores Bauer

Die Welt kennt oft nur dies: das martialische Gesicht Israels, das sich in Bomben, Raketen, Panzern und Bulldozern ausdrückt und das terroristische Gesicht Palästinas, das durch junge Männer verkörpert wird, die als lebende Bomben den israelischen Alltag in Angst und Schrecken versetzen.
Es gibt aber auch die anderen Gesichter der beiden Völker: In Israel das Gesicht der Friedensaktivisten, die seit Jahren und Jahrzehnten die eigene Regierung kritisieren und eine Rückgabe der besetzten Gebiete, die Auflösung der israelischen Siedlungen und eine Lösung für die Flüchtlinge und die heikle Frage Jerusalem fordern; In Palästina das Gesicht einer gewaltfreien Bevölkerung, das Gesicht von Männern, Frauen und vor allem Kindern, die unter dem Druck der Besatzung leiden, ein Überleben in Gerechtigkeit und Würde fordern und oft nicht wissen, woher das tägliche Brot für morgen kommen soll.
Diese anderen Gesichter kennt die Welt kaum. In einer Langen Nacht wollen wir sie kennen lernen: Auf israelischer Seite sollen u.a. Uri Avnery - Träger des Alternativen Nobelpreises 2001 - und seine Friedensbewegung Gush Shalom, und Dr. Abbi Al Gasi von der Friedensgruppe Ta´ajush zu Wort kommen. Die palästinensische Seite soll durch zwei Frauen, die Biologin und Friedensaktivistin Sumaya Farhat-Nasser und die Theologin Viola Raheb vertreten sein. Reportagen aus der Zeit nach Oslo sorgen für den historischen Rahmen.


-> 29./30.03.2002 - Künstlerleben in einer Langen Nacht
Modigliani, Simenon und all die anderen

Autor: Ralf Busse

Der eine: Stammgast des Pariser "Cafè Rotonde". Hier zeichnete er ununterbrochen, weder der Lüge noch der Anpassung fähig: widerborstig, unbequem und schön. Die Frauen blickten sich nach ihm um und seine Belesenheit setzte in Erstaunen: Amedeo Modigliani, Maler aus Verzweiflung. Der andere: Georges Simenon, ein unermüdlicher Arbeiter, der Romane wie am Fließband zu produzieren schien. Sein Kommissar Maigret macht ihn reich. 10 000 Frauen habe er besessen, doch hat er die Liebe je gekannt? Das gelebte Leben und seine schöpferische Anverwandlung ist Thema der Essays in der Langen Nacht der Lebensläufe.

-> 05./06.4.2002 - Die Lange Nacht vom Häusle-Bauen
Das letzte Abenteuer

Autoren:
Agnieszka Lessmann
Frank Olbert

An den Wänden tropft das Wasser herunter, denn das Dach ist undicht und die nagelneue Heizung streikt. Der Kamin ist ohnehin aus Versehen zugemauert und die Einbau-Küche kommt erst nächste Woche - ganz bestimmt. Statt großer Einweihungsparty ist der Einzug ins eigene Heim oftmals ein Weg mit vielen Hindernissen. "Das letzte Abenteuer der zivilisierten Wohlstandsgesellschaft" hat ein offenbar aus Erfahrung klug gewordener Zeitgenosse das Häusle-Bauen einmal genannt. Warum aber nehmen es Jahr um Jahr so viele hoffnungsfrohe Menschen auf sich?
Ein Lange Nacht zu Glück und Leid des Bauens. Architekten, Soziologen, Psychologen, Finanzberater und Handwerker geben Auskunft, vor allem aber diejenigen, die es wirklich wissen müssen: Bauherren und -frauen. Die das letzte Hemd dafür gaben, dass ihnen die Sanitätsfirma bitte, bitte doch noch ein Bad installierte. Eine junge Familie, die auf eine Baugenossenschaft vertraute - und am Ende selber in der Baugrube stand und schippte. Das arrivierte Lehrer-Ehepaar, das alle Verantwortung blind dem Architekten überließ und nach dem ersten Regenguss im frisch gefliesten Keller knietief im Wasser watete.
Manchmal aber geht es auch gut. Diese Leute antworten auf die Frage: "Na, wie geht´s altes Haus" aus voller Überzeugung: "Bestens!"


-> 12./13.04.2002 - Die Lange Nacht vom Vertrauen
All, was du hältst, davon bist du gehalten

Moderation:
Gabriele von Arnim

Der Philosoph fragt nach Weltvertrauen, der Psychologe nach Urvertrauen, der Gläubige nach Gottvertrauen, der Mensch an sich ringt um Selbstvertrauen, der Kanzler stellt die Vertrauensfrage, Verführer und Betrüger buhlen um blindes Vertrauen und lassen Misstrauen erblühen.
Vertrauen ist ein rares Gut, dass man nicht kaufen kann. Parteien, Ehemänner und -frauen, Banken, Religionen, Autohersteller, Chefs oder Freunde wollen es geschenkt bekommen und versprechen dafür einen fürsorglichen Vater Staat, eine nette Ehe, ein sicheres Konto, einen Platz im Himmel, ein solides Auto, einen solidarischen Chef, treue Freunde.
Vertrauen ist gut, heißt es, Kontrolle ist besser. Von Lenin ist dieser Satz, den heute unter anderem Sparkassen gern als Werbeslogan benutzen.
Aber stimmt das auch für das Vertrauen zwischen Mensch und Mensch? Wann ist Vertrauen besser als Kontrolle? Gäbe es eine Welt ohne Weltvertrauen? Fragen, Fragen, Fragen - Vertrauensfragen in einer Langen Nacht.


-> 19./20.4.2002 - Die Lange Nacht vom Leben in der Stadt
Glockenturm und CINEMAXX

Moderation:
Jacqueline Boysen
Adolf Stock

In München lebt man gern, weil es die Berge gibt und Italien so nah ist. Die Hamburger lieben die Alster und ihren Hafen und in Köln und Berlin fühlt man sich wohl zwischen Nachbarn im Kiez. Das Loblied auf die Stadt wird noch immer gesungen. Doch Gefahren lauern: Videokameras überwachen Müßiggänger und Clochards. Die Innenstädte verkommen zu Kommerzkulissen. In der global genormten McDonalds-Stadt verläuft sich kein Flaneur. Die soziale Stadt zerfällt vor unser aller Augen. Es entstehen Inseln für Arme und Reiche, während der Mittelstand ins Häuschen am Stadtrand flüchtet. Doch überzeugten Städtebewohnern ist die Lust an der Stadt nicht auszureiben.
Bis heute ist die Stadt ein mythischer und utopischer Ort, zugleich aber ein realer Raum, wo sich Menschen begegnen und Zivilisationsgeschichte schreiben. In der Langen Nacht vom Leben in der Stadt streiten sich Architekten, Stadtplaner und Politiker, Soziologen und Ethnologen, Stadtbewohner über ein soziales Gebilde, das unser Leben bestimmt und nicht totzukriegen ist.


-> 26./27.4.2002 - Eine Lange Nacht der Sammler
Die Geister, die ich rief...

Autorin:
Heide Hollmer

Autogramme? Briefmarken? Comics?...oder Xylophone? Yo-Yos? Zigarettenspitzen? Eigentlich gibt es nichts, was man nicht sammeln kann! Hinter jeder Sammlung, ob klein oder groß, ob kurios oder wertvoll, steckt ein Mensch. Auf dessen Spur heftet sich die Lange Nacht der Sammler: Gibt es einen klassischen Sammlertyp? Sind Sammler glücklicher als Nicht-Sammler? Was ist lustvoller: das Jagen oder die Beute? Sind Sammler arme Tröpfe oder eher Millionäre, wie Honoré de Balzac geglaubt hat? Wie leben Sammler mit ihren Schätzen? Wie viel Sammeln ist normal? Wie hat das alles angefangen? Wann ist man am Ziel? Die Lange Nacht der Sammler ist selbst eine Sammlung von Impressionen und Überlegungen, wessen Geistes Kinder die Sammler denn eigentlich sind!

-> 03./4.5.2002 - Eine Lange Nacht über die Haut
Leinwand der Seele

Moderation:
Kim Kindermann
Peter Kiefer

Die Haut wird mit zahlreichen Attributen belegt. Sie kann weich sein, ledern, ehrlich oder faul. Sie kann die Farbe wechseln, sie kann Botschaften aussenden, sie kann sich auch häuten. Sie gibt Parasiten eine Heimstatt, reagiert allergisch und hat ein enormes Gedächtnis. Sie ist eine Projektionsfläche für Schönheitsideale unterschiedlichster Art. Sie wird, als tierische Haut, zum Fetisch, als Kleidungsstück zur zweiten Haut und kann in dieser Eigenschaft künftig Energie speichern, kommunizieren und - genau wie die erste Haut - sogar bei Bedarf die Farbe wechseln.
Die Haut ist politisch (weil sie nicht in jeder Schattierung akzeptiert wird), sie ist religiös (und damit gelegentlich tabu). Sie ist Schwarte, Schorf oder Lustgarten und im Gespräch mit Dermatologen, Anthropologen und anderen wird sich zeigen, dass manches, was man über sie erfährt, regelrecht unter die Haut gehen kann.


-> 10./11.5.2002 - Eine Lange Nacht zum 10. Todestag von Marlene Dietrich
Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre...

Autor:
Hans Bräunlich

Marlene Dietrich - "Die Frau, nach der man sich sehnt", damals noch - 1929 - in einem Stummfilm mit ihr als Hauptdarstellerin. Sie bleibt es ein Leben lang als Frau und Künstlerin, nachdem der Regisseur Josef von Sternberg ein Jahr später mit dem UFA-Tonfilm "Der blaue Engel" ihren Weltruhm begründet. Von Babelsberg geht es nach Hollywood, der spektakuläre Anfangserfolg allerdings wiederholt sich nie wieder. Trotzdem wird sie zu einem begehrten Filmstar, zu einer Leinwandlegende. Den Nazis entzieht sie sich und lässt sich in Amerika einbürgern. Sie arbeitet in Hollywood mit berühmten Regisseuren, trotzdem kommt es immer wieder zu Karriereeinbrüchen. Verheiratet bleibt sie ein Leben lang, doch es gibt daneben auch zahlreiche Affären, z.B. mit Erich Maria Remarque oder Jean Gabin. In Deutschland diffamiert man sie später als "Vaterlandsverräterin", weil sie sich in der amerikanischen Truppenbetreuung während des Krieges engagiert hatte. Eine neue, weltweite Karriere macht sie in den 60er und 70er Jahren als Sängerin berühmt. 1992 stirbt sie vereinsamt mit 91 Jahren in Paris.
In einer Collage aus Briefen, Liedern, O-Tönen, Berichten von Zeitzeugen nähern wir uns dieser Legende des vergangenen Jahrhunderts in der Langen Nacht.


-> 17./18.5.2002 - Die lange Hochzeitsnacht
Da hängt der Himmel voller Geigen

Autoren:
Regina Kusch
Andreas Beckmann

Ob man sich ganz romantisch in weiß auf einem Schloss das Jawort gibt, sich auf einem Traumschiff vom Kapitän trauen lässt, im Fernsehen heiratet oder im Rathaus von Amorbach - Hochzeiten sind wieder im Trend, obwohl oder gerade weil heute niemand mehr heiraten muss, um eine Wohnung zu bekommen, weil ein Baby unterwegs ist oder um versorgt zu sein.
Nur noch die Liebe zählt. Dabei ist die Zeremonie heute eher weniger romantisch als früher. Trauzeugen sind überflüssig geworden und unterschiedliche Namen kann man auch behalten. Mitgift und Aussteuer sind alte Hüte aus einer anderen Zeit, dafür werden immer häufiger Eheverträge geschlossen für den Fall des Scheiterns. Und doch sind an diesem Tag alle sicher, dass ihr Glück zu zweit ewig dauert.
Aber woher weiß man, ob man wirklich den oder die Richtige gefunden hat? Was macht den Traumpartner aus? Wird man bei der zweiten oder dritten Ehe schlauer? Welche Bedeutung hat heutzutage die Hochzeitsnacht? Kann man jemanden heiraten, dessen Familie man schrecklich findet? Junge und alte, hetero- und homosexuelle Brautpaare erzählen in dieser Langen Nacht vom schönsten Tag in ihrem Leben.


-> 24./25.5.2002 - Eine Lange Nacht der Bewusstseinsforschung
Neue Wissenschaft

Moderation:
Harald Brandt
Studiogäste:
Dr. Claudia Müller-Ebeling
Prof. Dr. Ervin Laszlo
Dr. Franz-Theo Gottwald

Die Lange Nacht "Neue Wissenschaft" ist ein Gespräch über die evolutionäre Sackgasse, in der sich die Menschheit an der Schwelle eines neuen Jahrtausends befindet. Wenn es uns nicht gelingt, unser Bewusstsein so zu erweitern, dass wir zu weniger zerstörerischen Umgangsformen mit unserer Umwelt und mit unserer eigenen Spezies finden, könnte das "Abenteuer Menschheit" ein schlimmes Ende nehmen.
In vielen Bereichen der modernen Wissenschaft gibt es zwar hoffnungsvolle Ansätze für ein Umdenken, aber die Frage ist, wie nachhaltig sie zum Tragen kommen.
Die Sendung wird sich auch mit den Brücken beschäftigen, die in den letzten Jahren zwischen traditionellen Erfahrungsmodellen, wie zum Beispiel Schamanismus, und der wissenschaftlichen Erklärung der Welt geschlagen wurden.
Ein Schwerpunkt in der Diskussion wird die Frage sein, wie der einzelne Mensch durch sein Verhalten und Denken im täglichen Leben auf die Evolution des Bewusstseins Einfluss nehmen kann.


-> 31.5./1.6.2002 - Die Lange Nacht der Väter
"Aus dem Leben eines Taugenichts..."

Autor:
Jochanan Shelliem

Wie Eichendorffs Traumtänzer durch den blauen Mohn stolperte Boris in die Besenkammer. Auch wenn verliebte Frauen ihren Göttergatten dufte finden, wenn er wie Papa riecht, es ist ein hartes Los, das Los der Neuen Väter nach dem Tod des Patriarchats. Wie harmlos wirkt das Schwert im Doppelbett, wenn in der Mitte Mamas Liebling liegt. No Sex today. Seit die Vatermörder eingemottet, seit der Machtverlust im Haus nicht mehr zu leugnen ist, Sabatical her & Karriere hin, seit die Familienfalle mit sozialem Abstieg droht, seit selbst die Zeugung life oder deluxe mit Samenmix in vitrio zur Auswahl steht, mit einem Wort, der Patriarch enttrohnt, schleicht sich der Mann ins Internet zum Papa-Check. Und Besenkammern lauern überall. No Sex today.
"O mein Papa” - die Sehnsucht starker Männer nach der schwachen Hand.
Berühmte Väter, kreative Patriarchen, die Bennents und der Becker-Sander-Clan, wenn Heinz und Otto sprechen. Was ist nun dran am Vatertier? Doch keine Angst jenseits der Solitäre, die Rettung naht: Modelle bietet diese Lange Nacht der Neuen Väter und Antworten auf alles, was Sie sich nie zu fragen wagten, auf der Suche nach dem Taugenichts mit Waschbrettbauch.


-> 07./8.6.2002 - Eine Lange Nacht von den 1. Europäischen Chanson-Tagen in Oberursel
Keine Sandburg trotzt der Flut

Autor:
Stephan Göritz

Die Französin Enzo Enzo war in ihrem ersten Leben Bassistin einer Rockgruppe, heute bevorzugt sie die leisen Töne des Chansons. Zu einer Musik, die zwischen Django Reinhardt und Cole Porter angesiedelt ist, singt sie über Erinnerungen und Wünsche, Revolten und Enttäuschungen, über das, was viele denken, ohne es zu sagen, unspektakulär und vielleicht gerade deshalb so genau. Ihre Lieder versteht sie als Sandburgen, die der nächsten Flut nicht trotzen werden, die wir aber immer wieder bauen, weil sie uns Mut geben. Die CDs von Enzo Enzo wurden in Frankreich inzwischen mit Gold und Platin geehrt, Tourneen führten die Künstlerin bis nach China und Japan.
Noch am Anfang ihres Weges steht dagegen Corinne Douarre. Sie fand über den Umweg eines Architekturstudiums zum Chanson, als sie bemerkte, dass beim Abriss alter Häuser viele Geschichten der Menschen, die darin gewohnt haben, verloren gehen können. Geschichten, die sie heute in ihren Chansons erzählt und so vor dem Vergessenwerden bewahrt.
Enzo Enzo und Corinne Douarre gehörten im Mai, zusammen mit Jean-Luc Dancy, Bernard Joyet und vielen anderen, zu den Gästen der "1. Europäischen Chanson-Tage" in Oberursel. Stephan Göritz hat diese besucht und präsentiert im Rückblick eine Nacht lang die schönsten Lieder und viele Gespräche mit Künstlern.


-> 14./15.6.2002 - Eine Lange Nacht mit osteuropäischen Frauen
Schwestern, zur Sonne, zur Freiheit...

Moderation:
Sabine Adler
Studiogäste:
Larissa Lissjutkina
Anna Köbberling
Gulnara Rachmatulina
Gerd Ruge

Warum gibt es unter den Schwestern in Warschau, Minsk, Kiew oder Sankt Petersburg keine Alice Schwarzer? Brauchen sie keine, weil sie schon emanzipiert sind? Kinder, Küche, Job bringen sie seit Jahrzehnten schon unter einen Hut, auch wenn das dritte K, die Karriere, meist auf der Strecke bleibt. Warum sind vor allem sie die Klempnerinnen der Gesellschaft, retten, was kaum noch zu retten ist? Warum gibt es Soldatenmütter und keine Väter, warum gibt es "Frauen gegen Drogen" und keine Männer? Wer macht aus kleinen Paschas waschechte Patriarche? Warum sind nur ganze Kerle Männer? Müssen sich die Emanzen aus dem Westen von den viel "weiblicheren" Frauen des Ostens eine Scheibe abschneiden?
Zu den Verschiedenheiten beim kleinen Unterschied, zum Verhältnis der Geschlechter in Ost und West eine Lange Nacht mit Reportagen und Studiogästen: Gerd Ruge, Fernsehkorrespondent in Rußland, Anna Köbberling, Autorin ("Das Klischee der Sowjetfrau"), Larissa Lissjutkina, Soziologin und Gulnara Rachmatulina, Studentin.


-> 21./22.6.2002 - Die Lange Nacht vom Hafen
Ein Schiff wird kommen

Autoren:
Simonetta Dibbern
Knut Benzner

Wer in einen Hafen einläuft, so interpretiert die Traumdeutung, ist am Ziel seiner Reise. Der Hafen umschreibt also die Erfüllung einer Hoffnung. Man kommt an bei denen, die man liebt. Daher auch der "Hafen der Ehe"? Vielleicht...
In den Überseehäfen wird gearbeitet, Tag und Nacht; in den Marinas, so nennt man die Sportboothäfen inzwischen auch bei uns, ist nur am Wochenende etwas los, denn nur dann erlaubt die knappe Zeit den Freizeitkapitänen, sich auf ihren Yachten zu zeigen. Duisburg hat den größten Binnenhafen Europas – und darüber hinaus einen wunderbaren Shantychor, mitten im Pott. Hamburg? Natürlich Hamburg - als "Tor zur Welt", mit der sündigen Reeperbahn und der damit verbundenen Frage: Hat ein zur See F(f)ahrender eigentlich immer noch in jedem Hafen eine Braut? Ist das ist die Liebe der Matrosen?!
Im Hafen von Hongkong blühte der Opiumhandel, auf Ellis Island im Hafen von New York kamen die an, die aus der alten in die neue Welt wollten, Columbus brach von Genua aus auf. Marco Polo, Vasco da Gama, Klaus Störtebeker, Lord Nelson. Auch an ihnen kommt niemand vorbei - in der Langen Nacht vom Hafen.


-> 28./29.6.2002 - Die Lange Nacht zum 125. Geburtstag von Hermann Hesse
Ich war ein Suchender und bin es noch

Autor:
Joachim Scholl
Studiogäste:
Dr. Sigrid Löffler
Dr. Helmut Böttiger
Dr. Gunnar Decker

Thomas Mann sah in ihm "den Nächsten und Liebsten", Walter Benjamin schätzte seine Weltsicht, die "zwischen der Kontemplation eines Mystikers und dem Scharfblick eines Amerikaners eine eigene Mitte hält." Gottfried Benn indes empfand ihn "als durchschnittlichen Entwicklungs-, Ehe-, und Innerlichkeitsromancier – eine typisch deutsche Sache." Zwischen Bewunderung und Verachtung bewegten sich schon zu Lebzeiten die Stimmen, wenn es um die Person und das Werk Hermann Hesses ging. Heute überwiegt die Kritik, in intellektuellen Kreisen gilt der Autor und Nobelpreisträger nicht viel. Sein weltweites Publikum hat das nie geschert. Hermann Hesse wurde zum erfolgreichsten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, zum Guru und Idol für ganze Generationen rebellischer Jugend. In über 50 Sprachen sind seine Bücher übersetzt, in mehr als 100 Millionen Exemplaren verbreitet. Der 125. Geburtstag am 2. Juli bietet die Gelegenheit, in einer Langen Nacht das Phänomen Hermann Hesse neu zu diskutieren. Wo liegen die Gründe und Ursprung seiner unvergleichlichen Wirkung? Was haben "Demian", "Steppenwolf" und "Glasperlenspiel" uns heute noch zu sagen? Kompetente Kritiker werden ihre Faszination und Skepsis beschreiben, der Dichter kommt selbst in Original-Aufnahmen und Lesungen zu Wort.

-> 05./06. Juli 2002 - Lange Nacht vom Tanz- und Folkfest Rudolstadt
Weltmusik am Saaleufer

Moderation:
Antje Kühlmorgen
Knut Benzner

Die Kniegeige ist vor allem in Asien aber auch in Europa verbreitet und in jedem Fall ein magisches Instrument. Polen hat eine vitale Musikszene, bei der vom Trachtentanz bis zu modernen Club-Sounds alles möglich ist. Und dass in der Region zwischen Rhein im Westen, Ruhr im Süden und Emscher im Norden Musik gemacht wird, ist alles andere als neu. Was hat das alles miteinander zu tun? Das Tanz- und Folkfest im thüringischen Rudolstadt vereint diese Aspekte miteinander: Polen, das Ruhrgebiet und die Kniegeige. Das sind in diesem Jahr die Programmschwerpunkte beim wichtigsten deutschen Festival der Musik unserer Welt. Das sind nur die Schwerpunkte, also längst nicht alles. Es werden sicher wieder rund tausend Musiker und Tänzer nach Rudolstadt kommen, die sich auf mehr als einem Dutzend Bühnen an beiden Ufern der Saale etwa 70.000 Besuchern präsentieren werden. Drei Tage lang Folk, Tanz, Weltmusik von fünf Kontinenten.
Die Lange Nacht ist mit ihren Ü-Wagen in der Stadt und sendet live vom Festival. Antje Kühlmorgen und Knut Benzner wollen das Fest, seine Musik und seine Atmosphäre vorstellen. Nicht ganz leicht, bei dem großen Angebot in Rudolstadt.


-> 12./13. Juli 2002 - Eine Lange Nacht mit dem Dirigenten Kurt Masur zum 75. Geburtstag
Ich wollte nie Karriere machen

Moderation:
Rainer-Kurt Langner

Als am 11. September 2001 zwei Flugzeuge in die beiden Türme des World Trade Center rasten, bereitete sich das Londoner Philharmonische Orchester während einer Gasttournee auf den Konzertabend in Bukarest vor. Auch Kurt Masur, gerade Chefdirigent der Londoner, ist dieser Tag unvergesslich: "Das war ein Riesen-Schock. Weil wir zu sehr gewöhnt sind, Horrorfilme zu sehen. Und so etwas als Realität zu begreifen war wirklich schwer. Wir haben überlegt, ob wir überhaupt spielen können." London Philharmonic spielte, eröffnete den Abend mit Brahms "Deutschem Requiem", das sie den Opfern der Terroranschläge widmeten. Masurs Karriere begann 1946 im zerbombten Leipzig, als einer der ersten Studenten der wiedereröffneten Musikhochschule. Nie hat ihn diese Stadt losgelassen, ihre glänzende Vergangenheit nicht und nicht ihre unsichere Zukunft. Über ein Vierteljahrhundert hat er als Gewandhauskapellmeister das Leipziger Gewandhausorchester, eines der ältesten Orchester der Welt, dirigiert. Im Herbst 1989 öffnete er "sein Gewandhaus" dem friedlichen Dialog, stellte er sich an die Seite der Leipziger "Montagsdemonstranten", in Wort und Tat. Zu unserer Langen Nacht des Dirigenten Kurt Masur hat sich Rainer-Kurt Langner Gäste eingeladen, die von ihren Begegnungen mit einem Mann erzählen, der vor 75 Jahren geboren wurde, Musik als Chance zur Verständigung der Menschen versteht, den Konzertsaal als einen Ort der Humanitas. "Vielleicht", so sagte der Maestro, "bin ich an diesem Abend in Bukarest mit meinem Anliegen von allen, sogar einschließlich der Kritiker, am besten verstanden worden". Eine Lange Nacht mit dem Dirigenten Kurt Masur, mit Gesprächen über Musik, große Interpreten, über die Musikstadt Leipzig und natürlich mit viel Musik.

-> 19./20. Juli 2002 - Eine Lange Nacht über Kommunikation im Tierreich
Graue Maus liebt bunten Papagei

Moderation:
Judith Grümmer
Mirko Smiljanic
Studiogäste:
Annette Kilian
Privatdozent Dr. Hans-Wolfgang Helb
Prof. Gunther Nogge

Im Tierreich herrschen seltsame Sitten: Bei bestimmten Vogelarten zum Beispiel werben die Männchen um die Weibchen, was ja zunächst einmal nichts besonderes ist. Sie tun dies allerdings in einem geradezu überbordend bunten Federkleid inklusive tänzerischer Einlagen und unentwegtem Singen. Die Weibchen dagegen - nichtssagend grau. Oder nehmen wir die Schwarze Witwe: Sie frisst ihre Begatter nach den Liebesminuten auf. Auch so lässt sich Treue erzwingen.
Das Verhalten und die Kommunikation von Tieren zählt zum Faszinierendsten, was die Zoologie zu bieten hat. Einiges ist bekannt, vieles unerforscht. Woher wissen Heuschrecken, dass 200 Kilometer entfernt Artgenossen zum großen Fressen ansetzen? Warum umhegen Löwen ihre eigenen Jungen, töten aber gnadenlos die Kleinen eines "erbeuteten" Weibchens? Wie orientieren sich Fische und Vögel, wenn sie in riesigen Schwärmen viele Tausend Kilometer unterwegs sind? Und warum sind die Unzertrennlichen - eine exotische Vogelart - so unzertrennlich, dass sie nur als Paar überleben?
Diesen und vielen anderen Fragen geht die Lange Nacht über Kommunikation im Tierreich auf den Grund. Mit Experten im Studio und Reportagen im Stall, im Zoo und wo Tiere sich sonst noch aufhalten.


-> 26./27. Juli 2002 - Eine Lange Nacht über Stoffe
"Was ist das für ein reizender Hauch von nichts..."

Autorinnen:
Sandra Doedter
Esther Koerfgen
Moderation:
Simonetta Dibbern

Mit keinem anderen Gegenstand des täglichen Lebens haben wir so engen und ständigen Kontakt wie mit den Stoffen, die uns kleiden. Sie wärmen uns, setzen uns in Szene, sie sollen uns schmeicheln oder andere reizen.
Doch Stoffe begegnen uns nicht nur in Form von Kleidung, sondern auch als Sofabezug, Badematte oder Kinovorhang. Die Funktion bestimmt Material und Herstellung. Beides hat sich über die Jahrhunderte stark verändert. Von der mittelalterlichen Seide bis zur modernen Kunstfaser war es ein weiter Weg. In den 50er Jahren löste das Reagenzglasprodukt Nylon geradezu eine textile Revolution aus: Bügelfrei und nicht kaputt zu kriegen. Heute ist auch der Traum vom geruch- oder hitzeresistenten Stoff längst keine Zukunftsmusik mehr. Doch auch wenn die Industrie mit immer neuen Fabrikaten aufwartet, letztlich entscheidet jeder für sich selbst, welchen Stoff er an seine Haut oder in seine Wohnung lässt. Stoff spricht Bände über Status, Budget und vor allem Geschmack.
Ob kühl fließend oder durchsichtig, Stoffe regen die Fantasie an. Und dabei ist weniger oft mehr - findet nicht nur James Bond: "Was ist das für ein reizender Hauch von nichts, den Sie da beinahe anhaben?", umgarnt er eine seiner Gespielinnen.
Eine Lange Nacht, die Geschichten webt von kostbaren Ballroben über moderne Hightech-Stoffe bis hin zu erotischen Spitzenkompositionen. Die den Weg der Wolle von der Ziege bis zum Kaschmirpullover verfolgt. Und die der Frage nachgeht: Wer trägt was und vor allem: warum?


-> 02./03.08.2002 - Die Lange Nacht vom schönen Mann
Mister Perfect

Moderation:
Ferdos Ferodustan
Raiko Thal
Studiogäste:
Ingelore Ebberfeld
Dr. Heide Hollmer
Ralf Bauer

Bin ich schön? Diese Frage stellen sich längst nicht mehr nur Frauen, sondern inzwischen auch ganze Kerle. Waschbrettbauch, Bizeps und ein Gesicht wie "Mr. Perfect"; der Weg zu diesem Ziel ist hart. Glaubt man Magazinen wie ´Men´s Health` oder ´CG`, dann möchte der moderne Mann ganz genau wissen, mit welcher Körnernahrung er Falten bekämpft, mit welchem Training Muskeln aufgebaut, oder in welchem Wellness-Hotel er sein Gesicht mit Algenpampe bestreichen lasen kann. Auch der Gang zum Schönheitschirurgen ist dem starken Geschlecht - trotz gepflegter Wehleidigkeit - kein Gräuel mehr: weg mit Tränensäcken und Truthahnhälsen.
Probleme also treiben den Mann um, die den Frauen nur allzu bekannt vorkommen. Das starke Geschlecht muss sich neuen Werten beugen: viel Geld, super Job, schnelles Auto und schöne Frau(en) - sie sind natürlich immer noch das Ziel. Und: Er möchte nackt gut aussehen.
Hilft Schönheit dem Mann beim beruflichen oder gesellschaftlichem Fortkommen, oder ist physische Attraktivität für Männer eher ein Hindernis? Kurz: was macht einen schönen Mann aus und wie viel ist "Er" bereit, dazu zu tun?
Diesen Fragen will die Lange Nacht im Gespräch mit Experten und einem - natürlich bildschönen - Studiogast nachgehen.


-> 09./10.08.2002 - Georg Büchner in einer Langen Nacht
Ich habe darüber meine eigenen Gedanken

Autor:
Hans Bräunlich

Vor 165 Jahren starb er, 24-jährig. Doch welch ein Werk hat Georg Büchner in nur drei Jahren Arbeit hinterlassen: herausragende Theaterstücke wie "Dantons Tod", "Woyzeck" und "Leonce und Lena". Dazu die Novelle "Lenz" und die polemische Flugschrift "Der hessische Landbote". Viele Briefe sind überliefert, die seine Gedanken und Hoffnungen enthalten.
Im Zentrum dieser Langen Nacht steht ein zweistündiges Büchner-Porträt, eine Art innere Autobiografie aus Briefen, dem dichterischen Werk und aus Zeit-Dokumenten über Büchner zu einer szenischen Collage gestaltet.
Die moderne deutsche Literatur ist ohne Georg Büchner nicht vorstellbar. Wohl auch deshalb trägt der wichtigste Literaturpreis für deutschsprachige Autorinnen und Autoren, verliehen von der Akademie für Sprache und Dichtkunst, seinen Namen. 1985 erhielt Heiner Müller den Büchner-Preis. In seiner Dankesrede sprach er von der immer noch "offenen Wunde Büchner". Kaum ein anderer, die Zeiten überdauernder Autor, enthüllt mit derart gedanklicher Klarheit und poetischer Lakonie die Brutalität menschlicher und sozialer Widersprüche wie Georg Büchner: "Was ist das, das in uns lügt, mordet, stiehlt?"
Die Inszenierung Fritz Göhlers aus dem Jahre 1987, mit Musik von Jürgen Ecke, versammelte namhafte Darsteller vom Staatstheater Dresden und den Deutschen Theater Berlin, so z.B. Hans Jörn Weber (als Büchner), Rolf Hoppe, Friedrich Wilhelm Junge, Horst Hiemer, Walfriede Schmitt und Barbara Schnitzler, aber auch den Schriftsteller Stephan Hermlin, der die "Lenz"-Novelle spricht.


-> 16./17.08.2002 - Eine Lange Nacht zum 25. Todestag von Elvis Presley
The King of Rock'n'Roll

Moderation:
Knut Benzner

Elvis lebt – das ist klar. Und sein spezielles Leben hat nicht einmal damit etwas zu tun, dass ihn nach dessen Tod mindestens 20, wenn nicht sogar 30 Personen gesehen haben wollen. Elvis lebt, weil er eben unsterblich ist.
Wie kein anderer aus der mittleren Vergangenheit der populären Musik hat Elvis Presley uns angeregt, angewidert, in Erstaunen versetzt, manche Frau zum Träumen gebracht bzw. zu Tränen gerührt und manchen Mann zum Rock and Roll. Er war jung, blutjung, als er 1954 in Memphis, Tennessee, zu Sam Phillips ins "Sun Studio" ging und seine ersten Aufnahmen machte. Und Elvis war ebenso jung, als er vor nunmehr 25 Jahren, am 16. August 1977 im Badezimmer seiner Villa "Graceland" in Memphis, Tennessee, starb. Den "König" nannten sie ihn, sie tun es noch heute. Zu jedem Todestag erscheinen neue Kompilationen seiner größten Hits, neueste Zusammenstellungen der tollsten Country-Songs und allerletzte Bearbeitungen aller Chartbreaker. Denn eine Geldmaschine ist Elvis eben auch.
Alle, die irgendwie mit ihm zu tun hatten, erinnern sich – meist – liebevoll an ihn. Ob nun ehemalige Mit-Musiker, der Herreneinkleider, der alte Produzent oder alte Bekannte. Selbst seine Ex-Frau spricht in den höchsten Tönen von ihm – und die hatte ihn ja schließlich verlassen. Wegen eines Karatelehrers. Nur einer wird vielleicht heute noch sauer sein auf ihn: Jerry Lee Lewis, der selbst gerne König gewesen wäre.
Wie hatte Elvis im Alter von 19, 20 mal gesagt? "Wenn ihr Ärger wollt, dann seid ihr hier richtig". Dass er dann auch mal zum Dean-Martin-Verschnitt werden wollte, konnte damals noch niemand wissen.


-> 23./24.08.2002 - Die Lange Nacht der Fälscher und Fälschungen
... die Fuge hast du ganz gestohlen ...

Autor:
Rainer-Kurt Langner

Als Louis Aragon Pablo Picasso besuchte, zeigte dieser seinem Gast einen Goya. Auf Aragons Frage, ob das Bild echt sei, antwortete Picasso im Brustton der Überzeugung: „Selbstverständlich ist es echt, ich habe es ja selbst gemalt."
Diese Anekdote ist eine Fälschung und doch eine geistreiche Paradoxie.
Goethe und seine Zeitgenossen haben den berühmten „Ossian„ als gälischen Dichter gefeiert; der „Stern„ hat die Tagebücher Hitlers veröffentlicht; in die Kornfelder bei Cornwall sind Spuren außerirdischer Flugapparate kreisrund eingebrannt; Fotos zeigen UFOs. Nichts gibt es, was nicht zu fälschen wäre. Bilder, Plastiken, Möbel, Bauwerke, literarische Werke, Musik, Briefe, Tagebücher, Autographen, Urkunden, Verträge, Geldscheine, Münzen, Lebensmittel, Fotografien, Medikamente, Spiel- und Dokumentarfilme - nichts ist vor dem Eifer geschickter Fälscher sicher, selbst die moderne Zeitrechnung ist eine Fälschung. Es heißt, dass es vermutlich mehr Fälschungen als Originale gibt.
Diese Lange Nacht erzählt von den spektakulärsten Fälschungen der Neuzeit, von einer Welt, die betrogen werden will.


-> 30./31.08.2002 - Die Lange Nacht der Männerfreundschaft
Ein Freund, ein guter Freund

Autor:
Kurt Kreiler

Freundschaft zwischen Männern besteht jenseits von bloßer Kumpanei, Zweckbündnissen oder Verliebtheiten. Sie wird zurecht als eine Bereicherung der eigenen Existenz empfunden: als ein Teil des "gelungenen Lebens". Unter Freunden wird es uns möglich, aus dem Konkurrenzkampf auszuscheren, Ähnlichkeiten zu nutzen, der Herausforderung des Andersseins zu begegnen, gemeinsam zu denken und gemeinsam zu handeln. Freunde sind ohne Vorbehalt einander hilfreich. Doch ähnlich wie eine Liebesbeziehung ist Freundschaft der Gefahr der Zerstörung ausgesetzt: es ist leicht, den anderen zu verletzen, ihn zu vereinnahmen, zu verraten oder auf ihn eifersüchtig zu sein. Inwieweit ist Freundschaft die Kunst, Verschiedenheit zu empfinden und Gleichheit herzustellen? Ist es eine geistige Beziehung auf realem Terrain? Vor allem: wie unterscheidet sich Männer-Freundschaft von der Freundschaft zwischen Frauen? In der Langen Nacht der Freundschaft geht es um das Wesen der Freundschaft, aber auch vor allem um Freundeserfahrungen: Es werden Künstlerfreundschaften und berühmte Freundespaare der Geschichte vorgestellt (Goethe/Schiller, Marx/Engels, Nietzsche/Wagner, Kafka/Brod, Benn/Oelze, Lennon/McCarthey) und große literarische Schilderungen der Männer-Freundschaft zitiert – von Jean Paul, Thomas Mann, Sandor Márai, Harry Mulisch, Yazmina Reza und vielen anderen.

-> 06./07. September 2002 - Eine Lange Nacht über John Cage
Ich habe nichts zu sagen, und ich sage es

Autor:
Hermann-Christoph Müller

Kein anderer Komponist hat unsere Vorstellung von Musik derart erweitert wie John Cage. Das präparierte Klavier, der Zufall als Kompositionsmethode, die Gleichberechtigung von Stille und Klang – das sind nur einige der wegweisenden Neuerungen, mit denen er die Musikwelt überraschte. „Ich habe nichts zu sagen, und ich sage es, und das ist Poesie, wie ich sie brauche.“ Der Satz stammt aus dem „Vortrag über Nichts“ und demonstriert jene absichtsvolle Absichtslosigkeit, mit der Cage stets aufs neue unbekanntes Terrain betreten hat. Dabei überschritt er die Grenzen der Musik geradezu mühelos in alle Richtungen. Medienkunst, Performance, Installation, Lautpoesie, Hörspiel – kaum eine neuere Kunstform, zu der in seinem Oeuvre kein Schlüsselwerk zu finden wäre. Auch wenn die Wirkung seiner Ideen heute kaum in Umrissen zu erkennen ist, so steht doch fest, dass die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts ohne ihn einen anderen Verlauf genommen hätte. John Cage wäre am 5. September dieses Jahres 90 Jahre alt geworden.

-> 13./14. September 2002 - Die Lange Nacht der Nomaden
Vom Heimweh, unterwegs zu sein

Moderation:
Susanne Schröder
Peter Kiefer
Studiogäste:
Dr. Tirmiziou Diallo
Furugh Kranke
Hein Sorgenfrei
Klaus Trappmann

In der Innenstadt von Madrid sind zweieinhalbtausend Merinoschafe aufgetaucht. Die Ost-West-Achse, auf der sie mit ihren Schäfern die spanische Hauptstadt durchquert haben, ist Teil eines vergessenen Viehwechsels. Die Siedlungen und Städte haben sich dieser anderen, der nomadischen Lebensform, in den Weg gestellt. Freilich reicht sie noch bis weit in unsere Zivilisation hinein. Aber die Landstreicher, Vaganten, Wandervögel, Globetrotter, auch die Zimmermannsburschen sind doch nur entfernte Verwandte jener Hirtenvölker, die sich zum Teil noch bis heute in keine Mauern haben einschließen lassen. Ihnen allen folgt die Lange Nacht der Nomaden und Wanderer (selbst den Ameisen und Elefanten). Und sie begegnet jener Völkerwanderung von Arm nach Reich, von Süd nach Nord, die sich ins 21. Jahrhundert bewegt.

-> 20./21. September 2002 - Eine Lange Nacht der Exzentrik
Käuze – Spinner – schwarze Schafe?

Autorin:
Hannelore Hippe

Es sind mehr, als man glaubt, und man findet sie nicht nur in England: Exzentriker gibt es überall, denn auf 10000 Menschen, so sagt eine exzentrische Studie, kommt einer, der so ist, wie er eben ist. Anders.
Der beinharte Exzentrikertest zeigt dem Hörer, worauf es ankommt an der aufregenden Peripherie des Durchschnitts, denn eine fehlerhafte Orthografie und eine Vorliebe für Kartoffeln tun es nicht allein. Wirkliche Exzentriker wandern immer auf unbetretenen Pfaden, auch wenn man über sie lacht. Sie halten sich selbstverständlich nicht für exzentrisch und ziehen ihr Ding unbeirrt durch. Exzentrikerinnen lebten jedoch schon immer näher am Scheiterhaufen oder der Psychiatrie.
Die Lange Nacht der Exzentrik stellt viele hervorragende Vertreter vor: Den Herrn, der heute im 18. Jahrhundert lebt, bis zur Dame, die einen städtischen Müllwagen anhielt um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen und sich nichts dabei dachte. Wir erhalten einen ernst zunehmenden Einblick in den aktuellen Stand der Exzentrikforschung . Gehört reich und exzentrisch wirklich zusammen? Selbstverständlich gibt es praktische Ratschläge, falls Sie einen Exzentriker bei sich beherbergen. Kurz, eine Lange Nacht, die Ihr Leben verändern kann.


-> 27./28. September 2002 - Die Lange Nacht vom Strafvollzug
Lebensraum Knast

Autoren:
Heide und Rainer Schwochow

Mauer, Stacheldraht, Wachtürme - das verschlossene Tor. Eine Beamtin drückt den Summer. Das Tor öffnet sich leise. Anmeldung durch die Glasscheibe, Ausweis abgeben, Handy ins Schließfach, Taschenkontrolle, Gang durch den Metalldetektor, wieder verschlossene Türen, unendlich lange Gänge. An der Wand nackter Draht. Bei Berührung löst er Alarm aus. - Alles wie im Film: bedrückend, aber aufregend. Die erste Begegnung mit Strafgefangenen. Sie erzählen ihre Geschichten, Opfergeschichten zumeist. Wer in dieser Welt lebt, wird vom Täter zum Opfer, denken wir. "Versucht, den Knast zu verstehen!", sagt eine Bedienstete. "Hier gelten eigene Gesetze. Hier ticken die Uhren anders!" Wir gehen wieder und wieder hinein, besuchen unterschiedliche Anstalten, führen Gespräche mit Inhaftierten und Bediensteten. Es ist wie eine Reise in ein fremdes Land: Eine andere Sprache, ungewöhnliche Geschichten, ein besonderer Raum, in der zwei Welten aufeinander treffen: die der Gefangenen und die der Schlüsselgewaltigen, die der inhaftierten Männer und Frauen und die der Sozialarbeiter, Pastoren, Psychologen, die abends wieder raus gehen und sich ihr Leben "um den Knast herum bauen". Die Frage nach dem Sinn des Strafvollzugs stellt sich ständig neu in der Begegnung dieser Welten: Strafe, Resozialisierung oder Rache? Die Lange Nacht des Strafvollzugs lässt Gefangene, Beamte, Sozialarbeiter und eine Anstaltsleiterin zu Wort kommen. Wie ein Puzzle setzt sich Stück für Stück ein Bild des Lebens hinter Gefängnismauern zusammen.

-> 04./05. Oktober 2002 - Eine Lange Nacht über Jazz in der DDR
Synopsis und Zentralquartett

Moderation:
Heinz Kersten
Karlheinz Drechsel
Studiogäste:
Klaus Koch
Ernst Ludwig Petrowsky
Pascal von Wroblewsky

Während der Berlin-Blockade trafen sich schwarze amerikanische Musiker mit deutschen Kollegen zu einer Session im Studio der sowjetischen Schallplattenfirma "Lied der Zeit" und kreierten neben anderen Titeln einen "Airlift Stomp". Diese auf Schellack konservierte Widmung an die Luftbrücke ist ein kurioses Zeugnis der Nachkriegsblütezeit des Jazz, die auch im Osten Deutschlands von amerikanischen Vorbildern inspiriert war.
1973 gelang auf dem größten osteuropäischen Jazzfestival in Warschau, dem DDR-Jazz mit der Gruppe "Synopsis" auch der internationale Durchbruch. In den achtziger Jahren nannten sich dieselben Musiker ironisch "Zentralquartett". Von kulturpolitischen Restriktionen durch das SED-Zentralkomitee blieben Jazzer im Gegensatz zu anderen Künstlern weitgehend verschont. Eine Lange Nacht mit vielen musikalischen Erinnerungen und Gesprächen mit Beteiligten, moderiert von Heinz Kersten und Karlheinz Drechsel.


-> 11./12. Oktober 2002 - Die Lange Nacht der Schulgeschichten
Lektionen fürs Leben

Autoren:
Agnieszka Lessmann
Frank Olbert

Eines Tages wirst du mir dankbar sein, sagt der Lehrer zum Schüler, den er mit endlosen Vokabellisten quält. So mancher mag nach erfolgreichem Schulabschluss gewartet haben, auf diesen Tag, an dem er etwa seine neue Chefin mit der lückenlosen Aufzählung der chemischen Elemente beeindrucken, seinen Kreditsachbearbeiter mit einem Zitat aus "Maria Stuart" bestechen oder die Frau fürs Leben mit einer detailgenauen Schilderung der Nahrungsaufnahme von Pantoffeltierchen in Bann ziehen würde. Oder? Was lernen wir in der Schule für das Leben wirklich? Was ist das für eine Gestalt, dort vorne an der Tafel? Wie prägt sie unsere Persönlichkeit? Wie beeinflusst die auf Schulbänken verdrückte Lebenszeit den weiteren Verlauf der Biografie? Die Lange Nacht der Schulgeschichten - drei Unterrichtsstunden über all das, was Menschen in Schulen erlebten und wozu die Curriculae schweigen.

-> 18./19. Oktober 2002 - Eine Lange Nacht über Odysseen der Selbstfindung
Randfiguren

Autor:
Klaus Baum

Bedürftigkeit war die Quelle ihrer Kunst: Während zweihundert Jahren haben Robert Walser, Vincent van Gogh und Karl Philipp Moritz mit seiner Autobiographie "Anton Reiser" ihren Mitmenschen einen Spiegel vorgehalten, nicht als intellektuelle Eiferer, sondern in der Wahrnehmung ihrer eigenen Lebenswirklichkeit aus der Froschperspektive.
Wie bewältigt Anton Reiser die Demütigungen und auch die Scham, die er als junger, an den Rand gedrängter Mensch im 18. Jahrhundert durchleidet?
Wie kann Vincent van Gogh einhundert Jahre später seine Authentizität finden, erst als Hilfsprediger unter den Ärmsten, dann als verachteter, ja als Wahnsinniger behandelter Künstler in dem Jahrzehnt vor seinem Selbstmord? Wie begegnet Robert Walser den Lügen der tonangebenden Kreise in der Schweiz und in Berlin vor dem ersten Weltkrieg? Seine Verweigerung zur Unterwerfung brachten ihn 1929 mit der falschen Diagnose "Schizophrenie" bis zu seinem Tode 1956 ins Irrenhaus. Klaus Baum begreift seine drei Essays in der Langen Nacht als Plädoyer für die Selbstfindung, für die Menschlichkeit.


-> 25./26. Oktober 2002 - Die Lange Nacht der Stühle
Setzen Sie sich!

Autor:
Adolf Stock

Setzen Sie sich! Pfeiffer aus der Feuerzangenbowle hat den Satz ziemlich oft zu hören bekommen. Schließlich ist Stillsitzen erste Schülerpflicht. Stühle, überall Stühle. Wir sind umstellt von Sitzgelegenheiten, und sie sind uns so selbstverständlich geworden, dass wir kaum noch über das Sitzen nachdenken, es sei denn, uns quält gerade ein Bandscheibenvorfall. Der Stuhlphilosoph Hajo Eickhoff hat seine Stühle jedenfalls abgeschafft. Er gehört nun zu jener Hälfte der Menschheit, die auf Stühle verzichten.
Es gibt Stühle mit Beinen und Kufen, es gibt schlichte Hocker. Stühle stehen als Designobjekt in Museen und schicken Lofts. Ein Stuhl ist weit mehr als nur ein Möbelstück, er ist ein Stück abendländischer Kulturgeschichte. Die Geschichte der Menschheit ist rund zwei Millionen Jahre alt, die Geschichte des Sitzens weniger als fünftausend. Vom Thron der Könige bis hin zum simplen Küchenstuhl war es ein weiter Weg. Grund genug, sich mit den eigentümlichen Zwei- und Vierbeinern zu beschäftigen, zumal Stühle auch in der Kunst und Literatur – von Kosuth bis Beckett – eine bedeutende Rolle spielen.
Und wer möchte schließlich nicht wissen, was einen Stuhl von einer Kirchenbank unterscheidet, was es mit dem Ulmer Hocker auf sich hat und weshalb sich die Thonet-Stühle so gut zerlegen lassen, als kämen sie geradewegs aus dem Ikea Regal?!


-> 01./02. November 2002 - Eine Lange Nacht zur Droge Politik
Kein Preis zu hoch?

Moderation:
Ferdos Forudastan
Studiogäste:
Jürgen Leinemann

Sie hängen nicht an der Nadel, sie kommen (noch) ohne die fixe Menge aus der Flasche und der Pillendose aus, um die Wirklichkeit wegzudrängen. Aber: Politiker sind süchtig, süchtig nach Aufmerksamkeit, Anerkennung, Macht.
Die meisten Abgeordneten und Großstadtoberhäupter, Minister oder Regierungschefs wissen, was es heißen kann, prominent und einflussreich zu sein. Man wird schnell hart gegen sich und andere, immer schwerer zugänglich, man verliert zunehmend den Blick für seine Umwelt, und für die Situation, in der man selber steckt.
Warum steuern dennoch gerade so viele junge Männer und Frauen in die Politik? Weshalb klammern sich Menschen an Ämter, in denen sie schwerste Niederlagen erlebt haben? Wieso sind etwa Wolfgang Schäuble, Rudolf Scharping oder Irmgard Schwaetzer auch dann dabeigeblieben, als die Bitterkeit über die erlittenen Kränkungen sich nicht mehr wegschlucken ließ? Und was bedeutet es für das Volk, wenn viele seiner Vertreter "Junkies der höheren Art" sind?


-> 08./09. November 2002 - Eine Lange Nacht über Depressionen
Saturns Schatten

Moderation:
Judith Grümmer
Martin Winkelheide

"Hoffnung, dieser Erwartungs-Gegenaffekt gegen Angst und Furcht, ist die menschlichste aller Gemütsbewegungen und nur Menschen zugänglich". (Ernst Bloch) "Wenn der Mensch nicht mehr hoffen kann, aus welchen Gründen auch immer, dann vegetiert er nur noch. Genau das traf jetzt auf mich zu. Ich vegetierte. Die Hoffnung war mir abhanden gekommen, in mir war nur noch ein schwarzes Loch", beschreibt der Schweizer Regisseur und Autor Rolf Lyssy in seinem autobiographischen Bericht "Swiss Paradise" den Beginn seiner Depression. Als eine alle Lebenskräfte lähmende Erkrankung erlebte er eine Art Tod bei lebendigem Leib, bis er den Weg aus dem endlosen schwarzen Tunnel wieder heraus fand. Als radikalste Vereinsamung zerstört die Depressionen sowohl die Bindungen an andere als auch die Fähigkeit, im Frieden mit sich selbst zu leben.
Doch das Leben mit Depressionen ist nicht nur für den Patienten selbst, sondern auch für seine Angehörigen, Freunde und Kollegen oft unfassbar und schwer zu ertragen. Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es für Angehörige, die sich den unberechenbaren Folgen der Depressionen oft genauso ausgeliefert fühlen wie die Patienten selbst? Wenn sich das Alltagsleben nur noch um den endlosen schwarzen Tunnel dreht, aus dem für den Depressiven lange kein Entrinnen gibt, dann kann neben einem individuell passenden Behandlungskonzept auch die zuverlässige Unterstützung und Verständnis durch Angehörige, Freunde und Kollegen das lebensnotwendige Licht am Ende des Tunnels sein.


-> 15./16. November 2002 - Die Lange Nacht der Diven
Von der Schönheit der Sünde

Autor:
Jochanan Shelliem

Sarah Bernard schrieb mehr als einen Brief, Gina ließ sich nicht lange bitte, hatte dann leider doch nichts anzuziehen. Die Knef gab sich die Ehre im Kempinski, Juliette Greco im klassizistisch klammen Frankfurter Hof. Marlene lässt sich allein im abgedunkelten Salon zu zeitlosen Aussagen hinreißen und Isadora Duncan überlebte nicht die Kapriolen ihres Schals an der Corniche von Nizza, Georgette dagegen liebt das Rampenlicht und redet gern bewaffnet mit Champagner, Zigarettenspitze und begleitet vom Gemurmel des Klaviers im Varieté und wer Wolf Biermann eine Kamera vor´s Auge hält, der muss viel Zeit mitbringen.
Die Diven halten heute Hof. Und hingerissen sonnt sich alle Welt in ihrem Glanz, mancher nimmt Maß und spürt sein bittersüßes Schrumpfen. Es wird aber auch gern exekutiert: als die Knef sich frühreif ausgezogen vor fast fünfzig Jahr´, da wurde sie zur Sünderin, das 50 Sekunden lang sichtbare Aktmodel galt als Bedrohung der deutschen Nachkriegsmoral. Als Romy nicht mehr Sisi spielen wollte und Frankreich den Vorzug vor deutschen Gauen gab, da wurde sie geschmäht, von Hildegard von Bingen ganz zu schweigen.
Es sind die Diven selbst, die uns berichten werden, mit Federboa, Pumps und melancholischem Gesang, in ihren Briefen, von ihrer Leidenschaft und ihrer Sehnsucht nach Vollkommenheit. Jochanan Shelliem führt durch die Lange Nacht der Diven.


-> 22./23. November 2002 - Eine Lange Nacht mit dem sizilianischen Autor Andrea Camilleri
Commissario Montalbano

Autor:
Roland H. Wiegenstein

Es ist eine märchenhafte Geschichte: 1967/68 schreibt Andrea Camilleri, ein in Rom als TV und Theaterregisseur lebender Sizilianer (geboren 1925 in Porto Empedocle bei Agrigent) einen Roman "Der Lauf der Dinge" - und veröffentlicht ihn erst fünf Jahre später in einem winzigen Verlag - ohne jeden Erfolg. Nur Leonardo Sciascia, ein anderer Sizilianer kann ihn, noch einmal über ein Jahrzehnt später, dazu bringen, es noch einmal damit zu versuchen. Diesmal hat das Buch Erfolg; ihm folgen in immer kürzeren Abständen historische und Kriminalromane. Auf einmal ist Andrea Camilleri ein Bestseller-Autor, zuerst nur in Italien, dann in vielen Ländern Europas. Sein Kommissar Montalbano wird zur Legenden- und Filmfigur (wie Simenons Maigret!), seine Recherchen über das "alte Sizilien" - das nach der Einigung Italiens, als die Insel von den Bürokraten aus Savoyen förmlich erobert wurde - erklären in Romanen und Geschichten, was heute ein "Problem" darstellt: die sizilianische Mentalität. Sie kommt von weit her, ist der Reflex einer Bevölkerung, die immer unter "fremder Herrschaft" leben musste: von Phöniziern, Griechen, Römern, von Arabern und Staufern, Aragonesen und Bourbonen, vatikanischen Prälaten und Politikern aus dem "Norden".
Camilleri verleiht "seinen Leuten" Stimme, und er tut es in einem in keiner Übersetzung nachahmbaren Stil: einem "Sizilianisch", das er sich erfunden hat. Doch selbst das, was - etwa ins Deutsche - zu retten ist, erweist ihn als Autor von Rang, als einen großen Humoristen, als Satiriker von Graden, als ebenso kampfeslustigen wie pessimistischen Anwalt der Insel Sizilien. Damit reiht er sich ein unter die bedeutenden Stimmen Süditaliens, die Pirandello und Verga, Vittorini und Sciascia, Bufalino und Consolo, die so viel dazu beigetragen haben, dass die Insel nicht nur als "Mafia-Land" ins Bewusstsein rückte. Und er schreibt weiter an der unendlichen Geschichte vom Lauf der Dinge - ein alter Mann, der nicht aufhören will, erzählend Zeugnis abzulegen von seinem Land.


-> 29./30. November 2002 - Wilhelm Busch in einer Langen Nacht
Das Tier im Kopf

Dramaturgie:
Bettina Bartz
Musik:
Thomas Heyn
Autor:
Holmar Attila Mück

Was ihn betrifft: er empfiehlt seine Bildergeschichten zu nehmen, "wie man auf Reisen einen Bitteren nimmt". Wir sehen sie vor uns: die Fromme Helene, Witwe Bolte, den Lehrer Lämpel und allen voran Max und Moritz. Wilhelm Busch zeigte den "Speckphilistern" im 19. Jahrhundert die (doppelte) Moral von der Geschicht’: Enthaltsamkeit ist das Vergnügen an Sachen welche wir nicht kriegen...
Zerrieben zwischen der Verzweiflung an der deutschen Spießerwelt und der ihm als Karikaturist gewährten Narrenfreiheit, fällt er in tiefe Depressionen: "Meine Seele ist heiser; ich habe eine philosophische Erkältung".
In einem Singspiel nähert sich die Lange Nacht dem Leben dieses einsamen, zerrissenen, bis heute ungebrochen populären "Malerdichters" Wilhelm Busch.


-> 06./07.12.2002 - Eine Lange Sándor-Márai-Nacht
So blieb er ein Fremder



-> 13./14. Dezember 2002 - Die Lange Nacht der Opernskandale
Verzeihen Sie, wenn ich so heftig bin...

Autor: Dieter Kranz


Opernfans hängen mit größter Leidenschaft am Gegenstand ihrer Begeisterung. Sie feiern, was ihnen gefällt, mit stundenlangen Ovationen. Und sie reagieren auf das, was ihnen missfällt, mit Buh-Chören und lautstarker Randale, die schon manche Vorstellung ins Stocken brachten. Für die Medien sind solche Opernskandale stets ein gefundenes Fressen, und die Öffentlichkeit genießt sie mit unverhohlener Lust.
So wollten konservative Wagnerianer 1976 nicht dulden, dass der "Ring des Nibelungen" als Spiegel des 19. Jahrhunderts auf die Bühne gebracht wurde. Die Aufführung, die damals Stinkbomben-Würfe und Morddrohungen gegen den Regisseur Patrice Chereau auslöste, galt schon wenige Jahre später als "Jahrhundert-Ring" und Höhepunkt in der Geschichte der Bayreuther Festspiele.
In der Langen Nacht geht es um besonders spektakuläre Opernskandale, - von der inszenierten stalinistischen Randale, die 1951 die Uraufführung der "Lukullus"-Oper von Paul Dessau und Bert Brecht verhinderte, bis zum lautstark ausgetragenen Meinungsstreit über Peter Konwitschnys Dresdener Inszenierung der "Csardasfürstin" und seine juristischen Folgen.


-> 20./21. Dezember 2002 - Die Lange Nacht der Engel
Himmlische Heerscharen

Autor: Rolf Cantzen

Seitdem die Engel aus der Kirche ausgetreten sind, glauben spirituelle Menschen wieder an sie, und die Engel danken es ihnen; geben sich Hilfsbedürftigen zu erkennen, stehen ihnen mit Rat und Tat zur Seite, diktieren ihnen ganze Bücher über sich und ihre himmlischen und irdischen Angelegenheiten. Voraussetzung ist allerdings die Bereitschaft der Menschen, Herz und Verstand gegenüber den Engeln zu öffnen. Hilfreich für Kontaktaufnahmen sind: Meditationen (Anleitungen in Kassetten- oder Buchform, ggf. in Workshops), angenehm riechende - und problemlos über das Internet beziehbare -Engelessenzen, das gute alte Gebet (allerdings möglichst multikulturell, wie die Engel auch), Zurkenntnisnahme der wissenschaftlichen Forschung (besonders für "verkopfte" Menschen!)
Die ganzheitliche und besinnliche Lange Nacht nähert sich den Engeln vor allem aus theologischer, literaturwissenschaftlicher und ornithologischer Sicht.


-> 27./28.12.2002 - Berlin-Feuilletons in einer Langen Nacht
Was bleibt, ist ein Gerücht

Autor: Holmar Attila Mück

Es ist bereits ein halbes Jahrhundert her, als ich quengelnd an der Hand von Urgroßmutter Elisabeth durch ihr "ruiniertet Berlin" zottelte. "Mach keene Fisimatenten", grunzte sie, "und guck dir allet jenau an. Bei die Mentalität der Leute kann det morjen schon allet weg sein. Und wat bleibt? Een Gerücht". Wie recht hatte sie. Wenige Wochen später war das Berliner Schloss nicht einmal mehr eine Ruine. Berlin hatte sein Gesicht verloren. Sein infames, keckes Grinsen, seine verführerischen Düfte und Dämpfe, das impertinente Getue, das Geklapper in immer zu großen Schuhen - alles schien für ewig verloren, würde eben nur noch als Gerücht weiterleben.
Aber es gab sie noch, die alten Reviere. Auf endlosen Wanderungen durch versunkene Areale fand ich immer Stimmen und Zeichen, die mir die Rekonstruktion meiner hassgeliebten Stadt ermöglichten. Ich hatte die nobelsten Begleiter: den Hauptmann von Köpenick, den letzten Kaiser, Moses Mendelsohn, Lortzing, E.T.A. Hoffmann, Casanova, Goethe, Schinkel, Heine, Humboldt, Kollo, Karl Marx und Marlene Dietrich. Ich saß mit ihnen in ihren Salons, Kneipen, Kaschemmen, Kellerstuben, Asylen, hörte die Gassenhauer der Zeitungsjungen und das wehmütige Klagen der Ghetto-Juden - auf meiner Tour durch das (un-)sichtbare Berlin.


-> 03./04. Januar 2003 - Die Lange "Nathan"-Nacht
Lessings Traum vom Sieg der Vernunft

Autor: Dieter Kranz

Shakespeare lässt seinen Hamlet über die Schauspieler sagen (und meint damit das Theater insgesamt): "Sie sind der Spiegel und die abgekürzte Chronik des Zeitalters". Das trifft auf kein Stück in höherem Grade zu als auf Lessings "Nathan der Weise". Im letzten halben Jahrhundert wurde es mindestens fünfmal an den Berliner Bühnen inszeniert, und entsprechend der jeweils herrschenden historischen Situationen - erwies es jedes Mal auf andere Weise seine Aktualität. Am 7. September 1945 bei der Premiere im Deutschen Theater durfte Lessings Humanitätsbotschaft nach zwölf Jahren brauner Barbarei zum ersten Mal wieder von der Bühne herab verkündet werden. Im Parkett saßen ausgemergelte hungrige Leute, die froh waren, den Krieg überlebt zu haben. Die Forderung des Patriarchen: "Der Jude wird verbrannt" muss ihnen wie ein Menetekel in den Ohren geklungen haben. Damals spielte Paul Wegner den Nathan, später folgten ihm in der Rolle Eduard von Winterstein, Ernst Deutsch und Wolfgang Heinz.
Heute kann man Lessings Drama sogar an zwei Berliner Bühnen sehen. Der Inszenierung von Friedo Solter mit Otto Mellies , die 1987 im Deutschen Theater herauskam, stellte Claus Peymann mit Peter Fitz in der Titelrolle im Berliner Ensemble eine kühne und auf jeden Fall gänzlich andere Sicht entgegen: "Nathan der Weise" als heiter-helle Komödie, deren auf Lessing zurückgehende Lustspiel-Maskierung nur das Zeichen ist für Skepsis und Verzweiflung. "Natürlich habe ich dieses Stück gewählt unter dem Eindruck dieser im September 2001 jählings ausgebrochenen Finsternis", erklärt Claus Peymann. "Es wird von Kreuzrittern gesprochen, von Revanche, von Rache, vom Kampf gegen das Böse, und da schien mir diese bedeutende Stimme der Vernunft aus dem brodelnden Topf der deutschen Klassik gerade die richtige Antwort."


-> 10./11. Januar 2003 - Die Lange Nacht vom Bauhaus
Weg von Dessau und zurück

Autor: Adolf Stock

Das Bauhaus wurde 1919 von dem Architekten Walter Gropius gegründet. Schon 1925 zog die Kunstgewerbeschule vom bürgerlichen Weimar in die Industriestadt Dessau, wo ihre weltweite Erfolgsgeschichte begann. Das dortige Bauhausgebäude gilt als Ikone der Moderne und steht heute auf der Weltkulturerbeliste. Das Dessauer Industriedesign von Marcel Breuer oder Wilhelm Wagenfeld ist bis heute stilbildend. Die Nationalsozialisten zerschlugen das Bauhaus, doch sie konnten den Siegeszug der Bauhausidee letztendlich nicht aufhalten. In Dessau war erst in den achtziger Jahren ein Neuanfang möglich. Heute steht der Name Bauhaus für die Moderne schlechthin, und die Erben dieser großen Idee streiten sich ebenso gründlich wie die Bauhäusler in ihren besten Zeiten, nicht zuletzt in dieser Langen Nacht.

-> 17./18. Januar 2003 - Eine Lange Nacht über den Mythos Odessa
Dichter, Gauner, Sänger

Autor: Uli Hufen

"Odessa ist eine abscheuliche Stadt. Das weiß jedermann: Statt 'das ist ein großer Unterschied' sagt man dort 'das sind zwei große Unterschiede', und auch sonst sagt man vieles anders. Ich glaube aber, man kann auch vieles Gute über diese bedeutende und bezaubernde Stadt des Russischen Reiches berichten. Wohlgemerkt, es ist eine Stadt, in der es sich leicht und hell leben lässt." Als Isaak Babel 1916 diese vielleicht berühmtesten aller Sätze über seine Stadt niederschrieb, war Odessa eine erst 120 Jahre alte Schönheit. Der Mythos der lebensfreudigen, kosmopolitischen, freien Stadt Odessa stand in voller Blüte. Heute, knapp 100 Jahre später, erlebt Odessa eine Zeit des Welkens, wie sie die Stadt schon mehrfach erlebte. Es ist "ein poetisches Vergehens, in dem ein Hauch von Sorglosigkeit und sehr viel Hilflosigkeit liegen." Babel kannte auch das.
Der Mythos aber lebt fort. Die Lange Nacht erzählt von diesem Mythos, seiner Entstehung und Pflege. In literarischen Texten und Interviews, vor allem aber mit Liedern. Denn außer genialen Kriminellen und Dichtern hat nichts den Mythos der 'abscheulichen' Stadt Odessa mehr befördert, als ihre Chansons.


-> 24./25. Januar 2003 - Eine Lange Nacht über Leopold Kohr und seine Erben
Die Lehre vom rechten Maß

Autorin: Dolores Bauer

Leopold Kohr, "stille Weise" aus der Salzburger Stille-Nacht-Gemeinde Oberndorf am Inn ist nicht unter die prominentesten, aber unter die wichtigsten Denker des 20.Jahrhunderts einzureihen. Und seine Ideen und Lehren gewinnen von Tag zu Tag an Aktualität und Brisanz. Das Große, das Monumentale, die heute so wirkmächtige Gigantomanie hat er immer skeptisch betrachtet. Er hat den vom heutigen Casino-Kapitalismus geförderte Wachstumsfetischismus schon früh als Gefahr erkannt und die Rückkehr zu kleinen, überschaubaren Einheiten, zum menschlichen, zu rechten Maß propagiert.
Mit seiner Philosophie des "small is beautiful", die Fritz Schumacher und Ivan Illich populär gemacht haben, beeinflusste er das Denken und Handeln der großen Alternativgestalten der vergangenen Jahrzehnte und so stößt man überall auf der Welt, wo die Vordenker und Pioniere eines nachhaltigen, also zukunftsfähigen Wirtschaften und Lebens in den Blick kommen, schnell auf die Ideenwelt des Leopold Kohr.


-> 31.01./01.02.2003 - Eine Lange Nacht über den Indischen Ozean
Die tiefen Farben des Seins

Autor: Harald Brandt

Der Indische Ozean ist ein magisches Universum, das in sich selbst zu ruhen scheint. Ob man an der jemenitischen Südküste oder an der Nordspitze Madagaskars steht - man hat immer den Eindruck, in einer Dimension zu sein, die grenzenlos und offen ist, aber eine eigentümliche Einheit besitzt.
Das ist der Leitfaden für die drei Stunden der Langen Nacht: Aus der Vielfalt der Kulturen, aus der Unterschiedlichkeit der geographischen Räume das Element herauszuarbeiten, das dem Reisenden immer die Gewissheit gibt, im Zentrum eines besonderen Universums zu sein. Der französische Archäologe Serge Cleuziou spricht von den "verlorenen Wegen der Menschheit", die schon in der Bronzezeit die arabische Halbinsel zum Bindeglied zwischen Ostafrika und dem indischen Subkontinent machten.
Später, zur Zeit der Königin von Saba, kamen Weihrauch und Gewürze aus Oman und Indien und wurden im südjemenitischen Hafen Qana auf Kamelkarawanen umgeladen, die sie bis an die Küsten des Mittelmeeres brachte.
In seinen Romanen beschreibt der bengalische Schriftsteller Amitav Gosh das ausgeklügelte Handelssystem, das bis zum Eintreffen der ersten Kolonialmacht Portugal, den Austausch von Waren zwischen Europa, Indien und Ostafrika möglich machte.


-> 07./08. Februar 2003 - Die Lange Nacht vom Kaffee
Wie eine Bohne die Welt eroberte

Moderation: Claudia Mützelfeldt

Es gibt Menschen, die können sich den Start in den Tag ohne eine Tasse Kaffee gar nicht vorstellen, andere pflegen das Getränk als Betthupferl zu sich zu nehmen. Zwischen Aufstehen und Zubettgehen frönt man weltweit dem heißen Aufguss aus gerösteten und gemahlenen Samen: wegen seines besonderen Aromas, seiner anregenden Wirkung oder schlicht aus Gründen der Geselligkeit. In Deutschland ist Kaffee das mit Abstand beliebteste Genussgetränk.
In der Langen Nacht des Kaffees folgen wir dem Duft der Bohne, die die Welt eroberte. Von den Ursprüngen in Äthiopien bis in die Coffee-Bars westlicher Metropolen und verfolgen die Erfolgsgeschichte des einstigen Satansgebräus zum heutigen Kultgetränk.
Wir laden ein zum Kaffeeklatsch zu später Stunde, mit anregenden Gesprächen über die Wirkung und beste Zubereitung von Kaffee, mit Einsichten in die Kunst des Kaffeesatzlesens und einem literarischen Bummel durch Kaffeehäuser. Wir plaudern mit Kaffeeexperten und -liebhabern und lauschen musikalischen Kaffeekompositionen.


-> 14./15.02.2003 - Eine Lange Nacht in Galizien
Die papierene Brücke

Autor: Kurt Kreiler

Galizien, einst Heimat eines bunten Völkergemischs aus Polen, Ukrainern, Juden und Österreichern, war während fünfzig Jahren deutscher und sowjetischer Okkupation zu einem Atlantis des Ostens geworden , zu einem unsichtbaren und vergessenen Land. Durch Krieg und Völkermord seiner Geschichte und der Hälfte seiner Menschen beraubt, schien von diesem Land wenig mehr übrig geblieben zu sein als sein Name. Große Künstler und Schriftsteller hatten hier gelebt und waren ohne Ausnahme entwurzelt oder vertrieben worden: die Polen Jozef Wittlin und Bruno Schulz, der Ukrainer Ivan Franko, die Juden Joseph Roth, Alexander Granach, Manès Sperber, Samuel Josef Agnon und Salcia Landmann.
In der Langen Nacht in Galizien sucht der Autor nach der "papierenen Brücke" (M.Sperber), die die Vergangenheit Galiziens mit der Gegenwart verbindet. Auf den Spuren von Jozef Wittlich, Bruno Schulz und S.J. Agnon erkundet er Lemberg und Drohobycz und wagt sich in das galizische Hinterland bis Brody, einst das galizische Jerusalem genannt.
Er begegnet heutigen westukrainischen Schriftstellern, jungen Musikern und Intellektuellen, jüdischen Überlebenden des Holocaust, einer Kunsthistorikerin aus altem österreichischem Adelsgeschlecht, einem Priester der katholisch-byzantinischen Kirche, Museumswärtern, Archivaren und Architekten.


-> 21./22.02.2003 - Flamenco in einer Langen Nacht
Zerrissene Klage, verwandelt in Kunst

Autor:
Kersten Knipp

Eine raue, kratzende Stimme, auffahrend zu wütender Klage, dann wieder still in sich zusammenfallend: Flamenco, so will es der Mythos, hat den Schmerz in Kunst verwandelt. Elementarste Empfindungen zwingt er auf die Bühne, evoziert eine Tragödie, deren Wurzeln zurückreichen in dunkel entlegene Jahrhunderte. 1425 kamen die ersten Zigeuner nach Spanien - um die Willkür der fremden Staatsmacht in immer neuen Varianten zu durchleiden, Erfahrungen, die auch in die Musik der Zuwanderer einflossen. Sie verdüsterten die heiteren Rhythmen Andalusiens unmerklich, um sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu jenen Klängen zu verdichten, die bis heute die Magie des "cante jondo" ausmachen. Ihren Erfolg verdankt die Musik aber auch den Dichtern, Essayisten, Managern, die sie systematisch zum Kult erhoben. So ist der Flamenco vor allem eines: Klage, die erst auf der Bühne schmerzt.

-> 28.02./01.03.2003 - Die Lange Nacht der Puppen
Barbie, Pinocchio und Terminator

Moderation:
Inge Jagalla
Peter Kiefer
Studiogäste:
Herbert Heinzelmann
Prof. Hans-Jochen Menzel


Sie sind flachsblond oder rothaarig, tragen ordentlich geflochtene Zöpfe oder Rattenschwänze, niedliche Blüschen und Kleidchen oder staksen mit großem Busen, langen Beinen, schmalen Hüften und Wespentaille durchs Kinderzimmer. Sie sind Freunde und Tröster. Nicht nur Kinder fühlen sich ohne sie einsam: Puppen sind unserer frühesten Seelenverwandten. Einst Götterbilder, entwickelten sie schon früh menschliche Züge. Als Kasper oder Jim Knopf eroberten sie die Bühne. Kühl gestylt und mit dezentem Lächeln blicken sie uns aus Schaufenstern an. Als Ikonen aus Fleisch und Blut wandeln sie über die Laufstege dieser Welt. Und wer träumte nicht von einem Roboter, der die lästige Hausarbeit erledigt. Puppenmütter erzählen in der Langen Nacht von ihren Lieblingen, Sammler von ihrer Leidenschaft, und wir lassen die Puppen tanzen.


-> 07./08.03.2003 - Die Lange Nacht einer Jugend unterm Stalin-Banner
Du Welt im Licht

Moderation:
Dietrich Möller

Kaum, dass die Hitler-Diktatur zerschlagen war, musste in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands und dann in der jungen DDR einem anderen "Führer" gehuldigt werden - Josef W. Stalin. Der Kult bestimmte bald alle Bereiche des politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. Schule und Jugendorganisationen waren ihm in besonderer Weise ausgesetzt, galt doch eine Erziehung "im Geiste Stalins" als ein primäres pädagogisches Ziel.
Zum 50. Todestag des Diktators am 5. März erinnern sich ehemalige Schüler, Studenten und Lehrer dieser Bemühungen und lassen noch einmal die ebenso mannigfaltigen wie oft grotesken Äußerungsformen des Kults Revue passieren: "Du Welt im Licht". Und sie diskutieren Fragen wie die nach der Aufnahme durch die Jugendlichen und die Pädagogen: Hatte der Führerkult um Hitler den Boden für den um Stalin bereitet oder ihn ausgelaugt? Führte die Erziehung zu Gläubigen? Oder zu Opportunisten? Zu Zynikern? Oder blieb sie folgenlos? Wurde die auf dem XX. Parteitag der sowjetischen Kommunisten begonnene Distanzierung von Stalin als Desillusionierung oder als Befreiung empfunden?


-> 14./15.03.2003 - Eine Lange Nacht mit dem Hermeneutiker Hans-Georg Gadamer
Von der Lust am Dialog

Autoren:
Hans-Georg Gadamer
Bernd H. Stappert

Am 11. Februar 1900 begann das Lebens eines Mannes, dessen über hundertjähriges Bemühen stilbildend werden sollte: Sein Bemühen um das Verstehen, um das Wort, und darin begründet seine Fähigkeit zum offenen Dialog.
Seine "philosophischen Lehrjahre" verbrachte Hans-Georg Gadamer in Breslau, Marburg, München und Freiburg; als Hochschullehrer wirkte er danach bis zum Jahre 1968 in Marburg, Leipzig, Frankfurt am Main und Heidelberg. Und erst dann, als "emiritus" trat er mit großen schriftlichen Arbeiten an die Öffentlichkeit - Fortsetzungen, ja Entfaltungen jenes Werkes aus dem Jahre 1960, dessen Titel programmatisch bleibt: "Wahrheit und Methode".
Wieder und wieder kreist Hans-Georg Gadamer in Schrift und Wort - und da besonders in der freien Rede - um die Fragen, was gemeint ist und was verstanden wird, versucht in sokratischer Tradition dialogisch zu erheben, was Wahrheit ist.
In Reden und Gesprächen nähert sich die Lange Nacht dem Jahrhundertleben von Hans-Georg Gadamer.


-> 21./22.03.2003 - Lange Nacht vom MaerzMusik-Festival in Berlin
Klangkunst trifft Clubkultur – die Sonic Arts Lounge

U und E – "Unterhaltungs-" und "ernste" Musik sind in Deutschland angeblich streng getrennte Welten, sei es bei den Konzerten, den Fans oder Plattenlabels. Beim MaerzMusik-Festival der Berliner Festspiele und seiner nächtlichen "Sonic Arts Lounge" ist alles ganz anders: Techno wird zum barocken Fest, notenschreibende Komponisten treffen auf scratchende DJs, baltische Volksmusik auf Maschinenmusik und Klangkunst auf Tango - und wird zum "Klango". Die Lange Nacht (ver-)führt den Hörer in die Lounge der italienischen Kult-Stimmkünstlerin und -dichterin Isabella Bordoni ("Stanze d’ascolto") und in den "Klango"-Rausch, zwischen Klangkunst und Party.

-> 28./29.03.2003 - Die Lange Nacht der Pferde
Geboren aus Meeresschaum und dem Blut der Medusa

Autoren:
Agnieszka Lessmann
Frank Olbert

Auf den eigenen zwei Beinen endet die Welt für den Menschen am Horizont - oder zumindest nicht sehr weit dahinter. Eines Tages aber erkannte der Jäger und Bauer der Frühzeit, dass er das Pferd auf seiner Weide nicht nur zum Essen brauchen konnte. Pferde machten den Menschen mobil und seine Welt um ein Beträchtliches größer. Die meisten Kulturbegegnungen hätten - wenn überhaupt - Jahrhunderte später erst stattgefunden, die meisten Kriege wären nie gekämpft worden. Viele der großen Herrscher der Weltgeschichte ließen sich von Malern und Bildhauern auf ihrem Pferd verewigen. Der berühmte Ausruf vom Königreich für ein Pferd machte die zentrale Rolle des Pferdes für den Menschen - nicht nur in der Schlacht - sinnfällig. In Gesprächen mit Pferdefreunden und -trainern, in Tondokumenten echter Pferdeflüsterer und Ausschnitten fiktionaler Pferdeliteratur nähert sich diese Lange Nacht einer Beziehung voller Sehnsucht und Harmonie, aber auch voller Gewalt und Klischees.

-> 04./05.04.2003 - Erich Fromm in einer Langen Nacht
''Wer nur einen liebt, liebt keinen''

Autor:
Hans Jürgen Schultz

Ein Psychoanalytiker, Sozialwissenschaftler und Philosoph als Bestsellerautor? Allein das eher zufällig entstandene Buch "Die Kunst des Liebens" ist in beinah fünfzig Sprachen übersetzt und in fünfundzwanzig Millionen Exemplaren verkauft worden. Aber auch die grundlegenden Werke Erich Fromms über die menschliche Destruktivität sowie seine Schriften über die Revolution der Hoffnung, über Haben und Sein etc. haben weltweit für Aufmerksamkeit und Diskussion gesorgt.
Fromm ist ein Grenzgänger. Er hat keine Schule gegründet und keine Schüler hinterlassen, sondern sich an eine interessierte Leser- und Zuhörerschaft gewendet. Sein Thema ist der Mensch, ist das Leben: das ist "immerwährendes Geborenwerden. Hört die Geburt auf, hört das Leben auf. Tragisch ist, dass viele sterben, ehe sie geboren wurden." Der wesentliche Begriff in Fromms Denken ist die "Biophilie", die Liebe zum Leben, die er allerdings in einer Gesellschaft, die für eine gesunde Wirtschaft den Preis kranker Menschen zu zahlen bereit ist, zutiefst bedroht sieht. Die Liebe zum Leben macht ihn zum unbequemen Mahner.
In Radiotexten und Gesprächen, die in seiner Wohnung in Locarno aufgenommen wurden, lernt man ihn kennen, als wäre man bei ihm zu Besuch. Erich Fromm "live" - der Charme und die Intensität eines großen Meisters der gesprochenen Sprache teilen sich in dieser Langen Nacht ebenso angenehm wie anregend mit.


-> 11./12.04.2003 - Eine Lange Nacht auf der Route 66
Straße der Hoffnung, Straße der Träume

Autor:
Paul Nellen

Motor west! Von Chicago bis an die Küste Kaliforniens, entlang der Maisfelder des Mittelwestens, vorbei an den Canyons Arizonas, durch drei Zeitzonen und acht US-Bundesstaaten: die Route 66 war immer Schicksalsweg und Traumstraße für Millionen. Sie hat die amerikanische Autokultur geprägt und unvergängliche Mythen geschaffen. Das moderne Autobahnsystem der USA hat den Niedergang der vielbesungenen "Motherroad" beschleunigt. Mit ihren verrosteten Zapfsäulen, kitschigen Motels und kuriosen Restaurants ist sie heute nur noch ein riesiges Freilichtmuseum der automobilen Anfangsjahre.
Doch im Bewusstsein und den Erzählungen der Menschen, die an und mit der Route 66 leben, ist sie noch so lebendig wie eh und je. Der magische Kult-Highway sucht nach Jahren der Bedeutungslosigkeit nach seiner Identität. Und schafft es, sich immer wieder neu zu erfinden - sogar als Rennstrecke für Solarmobile. Die Route 66 bleibt auch im neuen Jahrhundert eine Straße der Träume und der Hoffnung.


-> 18./19.04.2003 - Die Lange Nacht vom Huhn
Tod und Verderben

Autoren:
Rolf Cantzen
Bodo Dringenberg

Was sich in der Weltliteratur eher zaghaft andeutet und sich in der Musik verdichtet, bestätigt sich eindeutig in der gesellschaftspolitischen Wirklichkeit. Mit dem Huhn kommen Tod und Verderben über die Menschheit: In den Mythen der Völker und in der Literatur des Abendlandes begegnet uns das Federvieh - von der Öffentlichkeit kaum beachtet - als unheilverheißendes Omen oder gar als Vorbote der Apokalypse. So wundert es nicht, dass Huhn und Hahn federführend sind in den großen Gift- und Seuchenskandalen unserer Tage.
Die vielfache Verwendung des Huhns als Brathähnchen (Vorsicht: 50 Prozent der Brathähnchen sind männlichen Geschlechts!), als Legehenne und Suppenhuhn oder Ei, als Auspizienhuhn, als unerlässlicher Bestandteil des Voodoo-Kults und der Eiernudel weist auf die zahlreichen funkischen Verwendungsmöglichkeiten des Huhns: Hühner gackern, gackeln, schreien und so weiter, ja sie krähen sogar, was für ihre Flexibilität und Intelligenz spricht.
In der Langen Nacht des Huhns sind die tragischen und komischen Aspekte des Hühnerlebens unvermeidlich, doch vermitteln die Beiträge auch harte Informationen über die Nutzung und Haltung des Huhns, über die Geschichte des Huhns, über Züchtungen und Adoptionen von Hühnern. ( In der Schweiz kann sich der Kunde bereits Onliner sein persönliches Huhn leasen.) Überschattet werden derartige Fakten allerdings von der leicht zu vermittelnden Einsicht, dass Hühner aus den Schlüsselsituationen unseres Daseins und seiner vielfältigen Desaster nicht fortzudenken sind.


-> 25./26.04.2003 - Eine Lange Nacht über die Hospizbewegung
Leben bis zum letzten Tag

Moderation:
Gabriele von Arnim

80 Prozent aller Deutschen wünschen sich, zu Hause zu sterben. Wollen also offenbar nicht im Krankenhaus an kalten Maschinen hängen, wollen nicht der Technik ausgeliefert sein, Lebensverlängerung um jeden Preis ertragen, sondern bei sich daheim den Tod erwarten. Bei vielen Ärzten, so scheint es, kommt die Botschaft erst allmählich an. Ihr Fach ist die Heil-Kunde und nicht die Kunde vom unheilbaren Menschen. Und wenn ein Patient dann doch aufgegeben werden muß, weil er als "austherapiert" gilt, wie es in der so sensiblen Fachsprache heißt, wird er oft auf Flure geschoben, in Besenkammern, in Sterbekemenaten. Als die Hightech-Medizin im Kampf gegen den Tod antrat, begannen sich die Menschen zu wehren. In England wurde die Hospizbewegung gegründet, die sich eine Bürgerbewegung nennt. Eine Gruppierung von Menschen, die sich darum kümmern, dass der Mensch auch im Tod Eigenverantwortung übernehmen kann. "Der muß verdammt schlechte Pflege und Hilfe haben, der sich aktive Sterbehilfe wünscht" sagt Gustava Everding, Ärztin und Familientherapeutin. Über das Sterben und den Tod, über achtungsvolle Sterbebegleitung, über die Hospizbewegung werden wir in dieser Langen Nacht nachdenken und diskutieren.

-> 02./03. Mai 2003 - Eine lange Nacht über Italien
Die unheimliche Macht eines Medienzaren

Moderation: Roland H. Wiegenstein

Italien, das bevorzugte europäische Urlaubsland, ist auf dem Weg in eine neue Form von "Demokratie". Silvio Berlusconi, der reichste Mann im Staat, Herrscher über die Medien, unumstrittener Chef einer Bewegung, die mit einer Partei im traditionellen Sinn kaum noch etwas zu tun hat, versucht, das Land umzubauen. Die von ihm gegründete "Forza Italia" ist die relative Mehrheitspartei, zusammen mit der separatistischen "Lega Nord" und den zur "Allianza nazionale" mutierten Neofaschisten verfügt die Koalition "Casa delle Libertà" (Haus der Freiheiten) über eine bequeme Mehrheit in beiden Kammern des italienischen Parlaments und will durch eine Justiz- und Wirtschaftsreform mit weitreichenden Folgen einen demokratischen Staat in eine "Firma" verwandeln, in der nur noch der Boss etwas zu sagen hat. Die Opposition ist ohnmächtig und in Bruderkämpfe verstrickt. Kann ein solcher "Peronismus soft" gewinnen, oder setzt sich die Zivilgesellschaft außerhalb eines sklerotischen Parteiengefügens zur Wehr? Was diese Entwicklungen für Italien selbst – und für Europa - bedeuten, werden wir mit den Journalisten Oktavia Brugger, RAI, Rainer Burchardt, Deutschlandfunk, Dirk Schümer, FAZ, und dem Verleger Klaus Wagenbach in dieser Langen Nacht erörtern.

-> 09./10. Mai 2003 - Eine Lange Nacht von der Liebe zum Kind
Wenn das Herz übergeht

Autorinnen: Sandra Doedter und Tanja Winkler

Schlaflose Nächte, verlorene Freiheit, finanzielle Einbußen – eigentlich spricht alles gegen Kinder. Trotzdem entscheidet sich die Mehrzahl der Paare für ein Leben mit Kindern. Warum? Aus bloßer Tradition heraus, oder aus dem Versuch, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben? Oder ist es gar die Biologie, die die Sehnsucht nach einem Kind wachsen lässt? Egal, ob selbst Mutter oder Vater: dem Charme eines Kleinkindes können sich nur wenige Erwachsene entziehen. Zum Beispiel deshalb, weil es der vernünftigen Welt der Erwachsenen kompromisslos gegenübertritt: mit seinen ganz eigenen Bedürfnissen, seiner unfreiwilligen Komik und seinen entlarvenden Fragen. Spätestens in der Pubertät auch mit großer Skepsis. Und trotz Volljährigkeit und eigenständigem Leben bleibt ein Kind für seine Eltern immer Kind. Die Lange Nacht betrachtet die verschiedensten Facetten der Liebe zum Kind: den Zauber und das große Glück; die Trauer, wenn ein Kind geht, und die Verzweiflung, wenn nie eines kommt; den Stolz; die Enttäuschung, wenn es sich nicht so entwickelt, wie die Eltern es sich vorgestellt haben. Die Sendung fühlt der Gesellschaft auf den Zahn, die Kinder für so wertvoll erklärt und dringend für die Rentenkasse braucht. Kurzum, sie geht der Frage nach: Was ist eigentlich dran am Kind?

-> 16./17.05.2003 - Django Reinhardt in einer Langen Nacht
Jazz, Swing und Pferdewagen

Autorinnen: Monique Klinkenberg und Dieter Hannig

Sein lässig-satter Swing; die jazzige Virtuosität seines Gitarrenspiels haben bis heute Weltruhm. Als Nomade blieb Django Reinhardt auf Wanderschaft. Seine Kompositionen sind im besetzten Paris zu hören, werden zu Erkennungsmelodien des Widerstandes. Als Zigeuner geschasst und verfolgt, als Jazz-Musiker ein Star. Sein Name schillerte schon in der Jazz-Welt der 30erJahre. Und mitten in der Kriegszeit sind seine Konzerte ausverkauft. Der "Drei-Finger-Zauberer" und sein Quintett Du Hot Club de France werden gefeiert wie später Popstars – das in einer Zeit, in der Jazz als "entartet" verboten ist. Auch ein halbes Jahrhundert später ist seine Musik noch immer so authentisch wie damals. Selbst Rockmusiker wie Frank Zappa und viele berühmte Gitarristen bekennen sich zu Djangos Einfluss. Eine Lange Nacht mit Musik, Geschichten und Erinnerungen an den Magier der Gitarre, der im Mai vor 50 Jahren verstarb.

-> 23./24. Mai 2003 - Die Lange Nacht der Kopfbedeckungen
Mut zum Hut

Autorin: Hannelore Hippe

Wir sind die erste Generation mitteleuropäischer Menschen, die unbehütet durch die Welt läuft und sich darum wohl auch schutz- und heimatlos fühlen mag. Religiöse Vorschriften, geschlechtsspezifische Schamvorstellungen und strenge Moralkodizes regelten jahrhundertelang die Verbreitung standesgemäßer Kappen, Kapuzen und Turbane und was sonst noch gegen Wetter und Feinde getragen wurde. Erst vor knapp dreihundert Jahren stieß die eitle Menschheit zum reinen Zierhut vor. Ist nun der letzte Ausdruck eleganter Lebensart passé oder doch wieder im Kommen? Nicht nur Fahrradfahrer greifen heute zum Helm, in Australien gar wird ob des Ozonlochs geraten, mit Hut auf der Hut zu sein. Von Ängsten und Freuden vor und über die verschiedensten Kopfbedeckungen.

-> 30./31. Mai 2003 - Die Lange Nacht der Badekultur
Lass fahren alle Sorgen, tauche ein!

Autorin: Katharina Palm

Nicht nur, wenn es draußen kalt ist, sehnt sich der Mensch nach einem heißen, wohlriechenden Bad. Das Wasser strömt in die Wanne, die Vorfreude steigt, so mancher nimmt sich etwas zu lesen, zu essen oder sein Liebchen mit hinein. Doch über unsere heutigen Bäder hätten die alten Römer nur ein mitleidiges Lächeln übrig gehabt. Ihre prunkvollen Badeanstalten, ob privat oder öffentlich, waren wichtige Bestandteile des gesellschaftlichen Lebens. Allein in Rom zählte man 170 öffentliche Bäder. Die großen Weltreligionen bedienen sich des rituellen Bades zur Reinigung der Seele und sind ohne dieses nicht vorstellbar. In der Badewanne wird manches Leben gegeben und manches Leben genommen. Um jede unerlaubte Handlung im und um das Bad zu unterbinden, gibt es in Amerika jede Menge gesetzliche Bestimmungen zu diesem Thema. Wobei sich die meisten dieser Gesetze wohl gegen die (möglichen) erotischen Aspekte des Badens richten, die in dieser kurzweiligen Langen Nacht nicht fehlen werden?

-> 06./07.06.2003 - Die Lange Nacht vom Glück
Wer zu lange in die Sonne sieht, wird blind

Hans hat es, Bel-Ami sucht es bei den Frauen. Im Klee liegt es, im Spiel oder in der Liebe braucht man es. Für John Lennon ist es "a warm gun": das Glück. Manch einer hofft auf das große Los, andere beschreiben das Glück bloß als chemische Formel. Aber Glück haben, heißt noch lange nicht glücklich sein. "Wer vom Glück spricht, hat oft traurige Augen", singt Aragon. Ist das Glück wirklich nur im Schmerz erfahrbar, wie Robert Gernhardt glaubt: "Mir glückte es nie, das Glück zu beschwören ohne Unglücksgrundierung"? Was ist es, das Glück? Gibt es - hinter sieben Brücken oder mehr - den einen Königsweg dorthin? Wie verlässlich sind eigentlich Glücksbringer? Sollte man sicherheitshalber den Hormonen auf die Sprünge helfen? Liegt das Glück vielleicht gar in den Sternen oder nicht eher auf dem Rücken der Pferde? Sind die Gene verantwortlich für unser Talent zum Glück? Oder reicht es, sich an die Weisheit zu halten: "Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist"?
Die Lange Nacht heftet sich auf die Spur von Glückskindern und Glücksversprechen, von Glücksexperten und Glückssuchern. Sie fragt selbstverständlich auch nach dem Verfallsdatum: "Liebling, sag' mir Morgen früh noch mal, dass wir glücklich sind. Wer zu lange in die Sonne sieht, wird blind".


-> 13./14.06.2003 - Eine Lange Nacht zum 17. Juni 1953
Die unerhörte Revolte

Ursprünglich war es ein Unmut über Normerhöhungen, der Ost-Berliner Bauarbeiter spontan auf die Straße trieb. Schnell wurde daraus der Versuch die Lebensbedingungen insgesamt zu verbessern und schließlich ein regelrechter Aufstand gegen das SED-Regime. Der griff auch auf andere große Städte über, wie Leipzig, Magdeburg und Jena und auf Industriezentren, wie z.B. in Bitterfeld und Wolfen oder Merseburg. Nicht nur in Bitterfeld forderte man den Rücktritt der Regierung, freie und geheime Wahlen und die Freilassung politischer Gefangener. Soziale Forderungen hätte die Regierung möglicherweise ertragen, beim Ruf nach Demokratie, nach Freiheit und deutscher Einheit war die Geduld der ohnmächtigen und konzeptlosen Führung am Ende. Russische Panzer beendeten den Aufstand, retteten Ulbrichts Herrschaft und stellten damit die Weichen für die jahrzehntelange Teilung unseres Landes.

-> 20./21.06.2003 - Die Lange Nacht der russischen Grotesken
Von Nasen und anderen Menschen

"Was man da auch reden mag, aber derlei Dinge kommen in der Welt vor - selten, überaus selten - aber sie kommen vor." Gogol wusste es, zum Beispiel, dass Nasen in Brötchen herumliegen oder sich - im Rang eines Wirklichen Staatsrats - selbständig machen und dass einer der Ivanows etwas hat, was sonst nur Hexen haben, nämlich "ein Schwänzchen hinten" und - selbstverständlich - eine Nase vorne. Aus diesem Grunde ist es durchaus ernst zu nehmen, wenn Slavisten humorig anmerken, dass der russische Witz aus der "Nase" gezogen wurde und dass die russische Literatur aus dem "Mantel" Gogols hervorging, der allerdings auch häufig abhanden kam beziehungsweise im "Sozialistischen Realismus" exekutiert wurde.

-> 27./28.06.2003 - Eine Lange Nacht über 100 Jahre Tour de France
Legendäre Strapazen

"Die Tour de France ist kein Radrennen, sie ist der Existenzkampf des Menschen, auf die Landstraße verlegt. Ausgetragen mit einer trotz Titanlegierung und raffinierter Schaltsysteme primitiven Maschine, die die Arbeit der Muskeln weder aufhebt noch vervielfacht, sondern lediglich über Zahnkränze mit einer Kette auf ein Rad überträgt", analysierte "ZEIT"- Autor Uwe Prieser." Die Tour de France ist eine Legende, ein Epos. Eine "Lange Nacht " mit Mythen und Episoden, mit Original-Tondokumenten und mit einem Träger des Gelben Trikots live im Studio.

-> 04./05.07.2003 - Eine Lange Nacht der Flaneure
Es singt und seufzt und träumt die Stadt

Geboren wurde der Flaneur im 19. Jahrhundert in Paris. Sein berühmtester Vater war der Dichter Baudelaire. Der ließ ihn spazieren auf breiten Boulevards und in prachtvollen Passagen. Der Flaneur, so schrieb er, genieße es, "in der Masse zu hausen, im Wogenden, in der Bewegung, im Flüchtigen und Unendlichen."
Neugierig spaziert der Flaneur. Mit wachen Augen und Ohren und voller Denk- und Sinneslust. Er phantasiert und philosophiert. Er ist allein. Kann man überhaupt zu zweit flanieren?
Eine Weile war es modern, eine Schildkröte mit sich zu führen. Der Flaneur eilt nicht. Sein Tempo ist die Gemächlichkeit.
Und heute? Gibt es ihn noch im hastigen, rastlosen 21. Jahrhundert? Haben Einkaufsstrassen und Fußgängerzonen ihn vertrieben? Was braucht eine Stadt, um in ihr flanieren zu können?
Darüber wird zu phantasieren und zu philosophieren sein in wandelnden Gedanken in der Langen Nacht der Flaneure.


-> 11./12.07.2003 - Eine Lange Chansonnacht mit Léo Ferré
In der harten Faust die Liebe

Wie viele französische Chansonpoeten begann auch Lèo Ferré im Paris der Nachkriegsjahre: in den Keller-Cabarets am linken Seine-Ufer, zusammen mit Charles Aznavour, Juliette Gréco und Yves Montand. Doch bald ging er stilistisch eigene Wege.
Ferrè überschritt die Grenze zwischen kleinem Lied und großer Oper, sang seine Poesie zur Begleitung eines Sinfonieorchesters, engagierte große Chöre und schrieb gar einen Text auf Beethovens Egmont-Overtüre. Bis heute, fast ein Jahrzehnt nach Ferrès Tod, sind seine Lieder von Liebe und Anarchie, von Gewalt und Zärtlichkeit aktuell geblieben.
Die Lange Nacht bringt viele der schönsten Aufnahmen, darunter auch einige der erst 2000 postum veröffentlichten letzten Platte. Im Mittelpunkt der Sendung steht ein Gespräch, das Stephan Göritz wenige Jahre vor Ferrès Tod mit ihm führte. Stellvertretend für die nachrückenden Chansongenerationen kommen in weiteren Gesprächen Jacques Higelin, Arno und Corinne Douarre zu Wort, die heute Lieder von Ferrè neu interpretieren.


-> 18./19.07.2003 - Eine Lange Nacht vom Widerstand
Wenn jeder wartet, bis der andere anfängt...

Jahrelang hatten die jungen Studentinnen und Studenten im Freundeskreis von Sophie und Hans Scholl diskutiert, wie sie den "gottlosen Ausbeutern und Mordbuben" widerstehen, wie sie die "blinde, stupide Führergefolgschaft" der Deutschen aufbrechen könnten. Schließlich trugen sie mit spektakulären Flugblattaktionen ihre Gedanken, ihren Widerstand in die Öffentlichkeit - bis zu jenem Morgen des 8. Februar 1943 , als sie ihre letzten Flugblätter in den Lichthof der Münchner Universität warfen, verhaftet und kurz darauf hingerichtet wurden. Fünf Jahre zuvor hatte Johann Georg Elser, jener Schreinergeselle aus der Schwäbischen Alb, sein Leben gewagt und ganz auf sich gestellt - ebenfalls in München - seinen Bombenanschlag auf Hitler vorbereitet und durchgeführt. Die gleichen Motive bestimmten Carlo Mierendorff, der sich schon Ende der Zwanziger Jahre aus seiner republikanischen Gesinnung heraus der Nationalsozialisten in den Weg stellte und sich nach seiner fünfjährigen Haft dem Kreisauer Kreis anschloss. Drei Generationen des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus stellt Peter Steinbach in dieser Langen Nacht dar.

-> 25./26.07.2003 - Die Lange Oldie-Nacht
Deine Spuren im Sand...

Der Blick in die Vergangenheit lässt wieder zusammenwachsen, was zusammengehört, die Realität mit der Emotion, mit Zuneigung und Abneigung und Leidenschaft. Darin liegt der geheimnisvolle Reiz der Oldies, die wieder Saiten anklingen lassen, deren Ton verschüttet war. Doch wann ist Zeit für Oldies? Immer noch kennt der Mensch magische Zeiten, die Mitternacht gehört dazu und so ist in der Langen Nacht Zeit für die Oldie-Nacht mit Rückblick auf die Zeit vor 40, 30 und 20 Jahren, also von der Kuba-Krise über Vietnamkrieg und Transit-Abkommen bis zur Heirat von Charles und Diana und Schimanskis erstem Auftritt. Zeitzeugen kommen zu Wort und natürlich die Hits der Zeit, Elvis Presley, Billy Vaughn, Janis Joplin, Middle of the Road, Queen, Phil Collins und viele andere mehr.

-> 01./02. August 2003 - Eine Lange Nacht über Tango im 21ten Jahrhundert
Klango = Tango + Klangkunst

Autor: Wolfgang Hagen


Buenos Aires, Helsinki und Berlin sind Metropolen des Tangos. Der Tango ist zur Institution geworden. In Berlin bestimmt er seit den 80er Jahren das Nachtleben. Längst hat nicht nur der Tango Nuevo eines Astor Piazzolla in den Salons Einzug gehalten, darüber hinaus wird zu den modernen Klängen des Gotan Projects getanzt. Tango kann auch Pop sein oder Hip-Hop – warum nicht Klango? Die Tangotänzerin und Klangkünstlerin Nathalie Singer hat ihre beiden Leidenschaften verbunden und aus Klangkunst + Tango = Klango gemacht. Sie hat internationale Klangkünstler eingeladen, Tangos zu komponieren, die ganz ohne Bandoneon auskommen, dafür aber aus Geräuschen, elektroakustischen Elementen und konkreten Klängen bestehen. Bedingung: ein Klango muss tanzbar sein. Mario Verandi und sein Quartett "Urbano Milonga" und Gato Leiras mixen klassischen Tango mit moderner Elektronik, Tango-DJ Buntenbach präsentiert Tangos und Klangos in einer Langen Nacht, zu der Sie auch tanzen können.


-> 08./09. August 2003 - Eine Lange Nacht über Konsumerfahrungen in der DDR
VEB - die tun was...

Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung erzählen Frauen und Männer über ihre Konsumerfahrungen in der DDR. Für die meisten ging es nach der Abschaffung der letzten Lebensmittelmarken Ende der 50er Jahre aufwärts. Die Löhne stiegen, die Preise sanken. Junge Familien schafften sich Kühlschränke, Radio- und Fernsehtruhen, Waschmaschinen oder gar ein Auto an. In den Honeckerjahren, nach 1973, verschlechterte sich zunehmend die Versorgung der Bevölkerung. Vor allem Frauen hatten den Frust des Einkaufs zu bewältigen und sich mit immer größeren Warteschlangen und Angebotslücken herumzuschlagen. Spott und Humor half über manche Enttäuschung hinweg. Aber auch der Genugtuung und Freude über ein erstandenes, lang gesuchtes Produkt erinnert man sich bis heute. Konsumgeschichte ist gar zur wissenschaftlichen Disziplin geworden und die DDR-Intershops zum Thema von Studentenarbeiten. Fast jeder DDR-Bürger machte mit den wohlriechenden Läden seine eigenen Erfahrungen und kann darüber kleine oder große Geschichten erzählen. Für Westdeutsche bzw. Westberliner war der Intershop ein beliebter, da preiswerter Einkaufsort. Manche kauften die billigeren Waren im großen Stil und schmuggelten vor allem Zigaretten und Alkohol in den Westen. Mobile Zollkommandos des Westens griffen ein.

-> 15./16. August 2003 - Eine lange HipHop-Nacht
ich will, dass man mich hört und sieht, deswegen rap ich

HipHop: das sind die Jugendlichen mit Kapuzenpulli und Baseballkappe, die XXL-Jeans hängt tief im Schritt und an den Füßen Turnschuhe mit offenen Schnürsenkeln. HipHop: das ist das Sprachrohr der Minderheiten, das CNN der Schwarzen, das die Öffentlichkeit auf die wirklichen Verhältnisse in den US-amerikanischen Großstadtghettos aufmerksam macht. HipHop: das ist Gangster-Musik. Hier prahlen die harten Jungs mit ihren Waffen, mit ihren Geschichten von Sex, Gewalt und Drogen. HipHop: das ist eine literarische Revolution. In Kinderzimmern und Jugendhäusern, im Park und auf der Straße, in Kneipen und Diskotheken wird heute wieder gereimt, gedichtet und in Versen gestritten. HipHop: ist das eine schwarze Musik? Wo liegen die Ursprünge der Bewegung? Wer sind diese Jugendlichen, die HipHopper? Was ist ihr sozialer Hintergrund? Was bewegt sie? Was wollen sie? Und was ist das überhaupt: HipHop? Die lange Nacht begibt sich auf die Suche nach dem Lebensgefühl HipHop, ein Lebensgefühl, dessen Wurzeln zurück reichen in die frühen 70er Jahre in der New Yorker Bronx, und das heute in Deutschland aktueller ist denn je.

-> 22./23. August 2003 - Die Lange Sissi-Nacht
Ich bin erwacht in einem Kerker

Im Alter von 16 Jahren erlebt die Herzogin Elisabeth in Bayern eine Geschichte, die ihr Leben von Grund auf ändern wird. Ihr Cousin Franz Joseph, der Kaiser von Österreich, hält um ihre Hand an. Aus der einfachen Landadeligen wird die Kaiserin von Österreich. Märchen enden an dieser Stelle, doch das Leben geht weiter. Elisabeth ist am Wiener Hof unglücklich, sie flieht wann immer sie kann, lässt sich krank schreiben. Im Gegensatz zu ihrem Mann ist sie eine modern denkende Frau der Jahrhundertwende, die die Monarchie für überholt hält. Ihr rastloses Leben wird durch ein sinnloses Attentat beendet.
Aus der Lebensgeschichte dieser zutiefst unglücklichen Frau ist eine Kunstfigur geworden. Sissi, die strahlende Filmheldin, die alle Schwierigkeiten mit ihren Franz Joseph meistert.


-> 29./30. August 2003 - Eine Lange Nacht mit St. Petersburger Kulturemigranten
Im Dunkel der Weißen Nächte

Die jüngste Hauptstadt Europas ist St. Petersburg. Petrograd. Leningrad. St. Petersburg. 300 Jahre jung. Wir werden in diesem Jahr noch viel davon hören. Umso mehr, je länger die weißen Nächte währen und je dichter sich Touristen, (Staats-)Besucher und Journalisten aus aller Welt an der Newa tummeln, um vor der Eremitage oder an der Kasse des Marijnski-Theaters Schlange zu stehen - respektive an derselben vorbeigeleitet zu werden. Um sich gegenseitig auf die Füße zu treten, wenn die restaurierten Überreste des sagenumwobenen Bernsteinzimmers jubiläumsgerecht präsentiert werden. Wir versuchen einen Blick hinter die Postkartenpracht: Was machen die Künstler, die nicht im Rampenlicht stehen? Wovon leben die letzten Musiker der Leningrader Philharmonie aus der Blockadezeit, die für Schostakowitsch und ihre Stadt gestorben wären? Gibt es Daniil Granin noch, den "Tauwetter"-Autoren, und was denkt er über die "neuen Russen", die angeblich nicht mehr in die Oper gehen, obwohl sie die einzigen sind, die sich das noch leisten können? Ist es wahr, dass niemand mehr Jewtuschenko rezitiert und die Schachspieler vom Newski-Prospekt heute an Flipperautomaten stehen? Und dass Maria, Traumfrau des deutschen Schriftstellers Ingo Schulze, nichts weiter ist als eine puschkinversessene Prostituierte? Es scheint, als hätten sich die Unverzagten, die Stolzen, die Traditionsbeflissenen auf Stadt-Inseln ins parfümierte Meer der neuen Zeit geflüchtet. Die unsichtbaren Brücken zu ihnen gilt es zu finden.

-> 05./ 06. September 2003 - Eine Lange Nacht über die Villa Massimo in Rom
Sturm und Stille in Arkadien

Eduard Arnold hatte die Idee. Der jüdische Industrielle, selbst leidenschaftlicher Kunstsammler und stiller Mäzen, war 1910 der Meinung: Jeder deutsche Künstler habe, frei von finanziellen Nöten, sozialem Druck, einmal in seinem Leben, zur Sensibilisierung seiner Nerven, zur Erlangung höchster Meisterschaft, sein Gebein für längere Zeit am Tiber über antiken Schutt und Glanzleistungen der Renaissance zu tragen, er habe wie Goethe, Schopenhauer, Winkelmann und andere teutonische Großdenker Rom als die bedeutendste europäische Bildungs- und Energiequelle zu erfahren.
1910 kauft er am Rande der Ewigen Stadt dem Fürsten Massimo ein großes Gelände ab, erbaut darauf eine prächtige Villa, davor eine Reihe von Ateliers und schenkt dann alles dem preußischen Staat.
Die Villa Massimo! Sie war Schlachtfeld, aber auch Brutstätte von Ideen, bizzarer Theorien, Arena für linke, halbmitte, halbrechts orientierter Künstler; über ihrem Dach wehte die Fahne des Kaisers, die Italiens, die mit dem Hakenkreuz und die mit dem Adler... Ihre Stipendiaten fielen in den Schützengräben, avancierten zu Staatsartisten unter allen Fahnen, nahmen sich das Leben, wurden irre, Revolutionäre, einige auch Politiker.
Bis heute gleicht das Auftauchen des Villa-Massimo-Stipendiums in der Biographie eines Künstlers, ob Maler, Musiker, Dichter, Architekt, oder Bildhauer einem Ritterschlag, bürgt für Qualität, lässt auf Großes hoffen.
Heute, 90 Jahre nach ihrer Eröffnung und drei Jahre nach der gründlichen Renovierung des Paradieses, sind die Musen zurückgekehrt. Die Lange Nacht erzählt von ihren Bewohnern, deren Leben, ihren Schicksalen und setzt alle die gesammelten Bilder, Worte, Zeichen und Töne zu einem Mosaik zusammen.


-> 12. und 13. September 2003 - Eine Lange Nacht über Georgische Kultur
Wo Jason das Goldene Vlies suchte

In Georgien, von seinen Bewohnern Sakartwelo genannt, regieren seit altersher die Musen. Literatur, Theater, Musik und Tanz gehören zum Land und seinen Menschen wie Fladenbrot und Wein.
Georgien liegt an den Südhängen des Kaukasus und ist ungefähr so groß wie Bayern. Schon die antike Mythologie wusste Wunderdinge über die Gebiete Kolchis und Iberien zu berichten. Hier jagte Jason nach dem Goldenen Vlies. Hier betörte ihn die Kindermörderin Medea. Und der Sage nach war Prometheus an einen Kaukasus-Gipfel angeschmiedet.
Die Geschichte Georgiens ist eine Geschichte fortwährender Kriege. Feindselige Nachbarn suchten seit Jahrtausenden das von der Natur reich gesegnete Land zu erobern und zu unterjochen.
Vor zwölf Jahren erhielt Georgien seine Unabhängigkeit zurück. Die Lange Nacht erzählt vom schweren Alltag in einem heute verarmten, von Korruption beherrschten Land. Aber auch von kulturellen Reichtümern und Traditionen – und von ungebrochenen Hoffnungen und Wünschen.


-> 19./20. September 2003 - Eine Lange Nacht über Amerikas Süden
Mythen, Meilen und Musik

Der Christopher Columbus Transcontinental Highway ist Amerikas südlichste Verbindung vom Atlantik zum Pazifik. 2500 Meilen Asphalt quer über den ganzen Kontinent - im nüchternen Nummernsystem amerikanischer Autobahnen schlicht I-10 genannt.
In den Ohren fernwehgeplagter "On the road"-Fans klingt das Kürzel verheißungsvoll nach brummenden Motoren, summenden Reifen und rauschendem Fahrtwind. Doch der verführerische Soundtrack des I-10 bietet weit mehr: Junge Wild wehren sich mit Alternative Rock gegen den Konservatismus des Bible Belt. Vergnügte Alte vergessen beim Tanz zu TexMex und Zydeco ihre harte Arbeit. Einsame Melancholiker spielen sich mit Countrymusic und Blues den Frust von der Seele. Virtuose Instrumentalisten hoben hier den Jazz aus der Taufe und bringen ihn noch heute täglich auf den Weg.
Der I-10 führ von Jacksonville in Florida bis Los Angeles in Kalifornien quer durch die Wiege der amerikanischen Musik. In den Städten entlang der Straße leben junge Chartstürmer und alte Genrebegründer. Eine Lange Nacht lang singen sie ihre Lieder, erzählen von ihrer Musik und ihrer Inspiration: von Land, Leuten und der überwältigenden Natur.


-> 26./27.09.2003 - Die Lange Nacht der Unendlichkeit
Ein Schwingen des Pfeils im Blauen

Eine mystische, in Nebel gehüllte Masse. Ein weites Firmament. Eine Zahl, ein Zeichen oder doch das universale Seinsprinzip? Während an Werktagen der Lohn den Wert des Menschen fixiert, kann man in der freien Zeit seinen unendlichen Wert spüren. Das Gefühl wird geweckt durch die unendliche Natur, das Meer, den Himmel, durch unsere Beziehungen: Liebe, Freundschaft - unendlich wertvoller als dreißig nützliche Silberlinge. Der Mensch kann als einziges Wesen diese stürmischen, aber oft flüchtigen Wahrnehmungen des Unendlichen durch Denken in die Gewissheit transponieren. Einstein verzichtete gern auf Alkohol, weil es ihn beim Denken störte. Seine Hauptgedanken eröffneten eine neue Sicht auf das Unendliche. Wie ein Schwingen des Pfeils im Blauen kam es dem Schriftsteller und Spanienkämpfer Arthur Koestler vor, als er 1937 im Kerker saß und den Euklidschen Beweis für die Unendlichkeit der Primzahlen an der Zellenmauer nachvollzog. Mit endlichen Mitteln hatte der griechische Philosoph die Existenz der Unendlichkeit bewiesen. Nietzsche sah das Immergleiche ewig wiederkehren. Heute schwingt die Forschung zwischen Urknall und schwarzem Loch, und sie rechnet mit zahllosen Universen. Rechnet sie noch mit der Unendlichkeit? Die Natur zeigt ihre Unendlichkeit am klarsten in ihren drei Aspekten: Raum, Zeit und Materie. In Natur, Geist und Seele offenbart sich das Reich der Unendlichkeit, an dem der Mensch, auch in dieser Langen Nacht, teilhat.

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