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  • Ginzburg - Morante - Ortese

    Die Lange Nacht der drei starken Frauen

     

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Sie waren fast Altersgenossinnen, sie haben einander gekannt und - aus der Entfernung - geschätzt. Natalia Ginzburg, Elsa Morante und Anna Maria Ortese, drei der bedeutendsten italienischen Autorinnen der Nachkriegszeit. Natalia Ginzburg: ihre Geschichten beschreiben lakonisch die Verdrängungen, die Leiden und die Langeweile der bürgerlichen Gesellschaft. Die Ginzburg, eine öffentliche Figur und eine Instanz, am Ende gar als Senatorin der italienischen Republik. Elsa Morante: schon als junges Mädchen begann sie zu schreiben, mit nur 23 Jahren erschien ihr erstes Buch, mit dem Roman "Lüge und Zauberei" wurde sie 1948 berühmt. Anna Maria Ortese: eine reine Autodidaktin, die 1937 - beinahe unbeachtet - ihr erstes Buch herausbrachte. Viele ihrer Bücher blieben bloße Achtungserfolge, erst mit "Die Klage des Distelfinken" erfuhr sie 79-jährig die lange verdiente Anerkennung.

Autor:
Roland H.
Wiegenstein
Sprecher:
Barbara Schnitzler
Dieter Mann
Angelika Waller
Christine Prober
Musik:
Astor Piazolla
Domenico Scarlatti
Robert Schumann

Natalia Ginzburg ( 1916 - 1991), die Tochter aus kultiviertem akademischem Hause, die früh in den antifaschistischen Widerstand geriet und begann, Geschichten zu schreiben, lange als Verlagslektorin arbeitete, die Verdrängungen, Leiden und Langeweile der bürgerlichen Gesellschaft lakonisch beschrieb - eine öffentliche Figur und eine Instanz.

Ginzburg Cover

Ginzburg
© Archiv Klaus Wagenbach

Elsa Morante
© Effigie, Milano
Elsa Morante (1918 - 1985) aus dem proletarischen römischen Stadtteil Testaccio, der ihre Mutter lesen und schreiben beibrachte, die schon als junges Mädchen begann, Geschichten aufzuschreiben, die 1941 ihr erstes Buch publizierte: "geheimes Spiel" und mit dem zweiten 1948 berühmt wurde, den Schriftstellerkollegen Albert Moravia heiratete, in der literarischen Welt Italiens jahrzehntelang eine Rolle spielte und sich immer wieder in die Einsamkeit zurückzog.

Morante - Cover

Anna Maria Ortese (1914 - 1998), auch sie eine reine Autodidaktin aus einer bettelarmen Familie, die 1953 mit "Stadt ohne Gnade" Zustimmung und Protest gleichermaßen erntete, danach viele Bücher verfaßte, die alle bloße Achtungserfolge blieben und ihr kaum das nötigste zum Leben einbrachten. Erst 1993, mit "Die Klage des Distelfinken" erfuhr sie die schon lange verdiente Anerkennung.

Distelfinken - Cover
Ortese
© Foto Archiv Karl Hanser Verlag

Was diese drei starken Frauen miteinander zu tun haben, wie sich ihre Stimmen zu einem Konzert vereinigen, das für die italienische Nachkriegsliteratur stehen kann, davon handelt die Lange Nacht.

TON  Hörbeispiel

Elsa Morante - oder: Die Gefesselte

    Es gelingt mir nicht, das Bild der Schriftstellerin und Dichterin Elsa Morante von dem zu trennen, das ich von ihrer lebendigen, gegenwärtigen Person habe. Die beiden Bilder vermischen, überlagern sich. Ich weiß, wie schwer es ist, Menschen zu definieren, durch die, wenn sie sich darstellen und ausdrücken, nicht ihr Selbst, ihr Dasein zum Vorschein kommt, sondern ihr Geheimnis. Menschen, denen man sich leicht nähern kann, und die zu erobern unmöglich ist. Man kann sie, wie das Weltall, vom Mond bis zur Milchstraße durchforschen, aber sie lassen sich nicht erkennen. Sie erinnern uns daran, daß jeder Kontinent eigentlich eine Insel ist. Man könnte sagen, daß ihr Instinkt solche Menschen dazu treibt, den Tod zu ignorieren. Und weil sie, so könnte man weitersagen, sich von dem meistene Lebenden unterscheiden - denen es ihre beunruhigende Neigung zum Konformismus erlaubt, Kompromissse einzugehen bis zur Auslöschung des eigenen Selbst - verweigern sie auch die Ruhe, jenen parasitären Frieden, den man Reife nennt. Sie sind lebendig, kindlich, die Menschen wie Elsa Morante, und in ihrer Kindlichkeit tragen sie das Kreuz, nicht Teil irgendeiner Gegenwart zu sein, sondern des Immer. "Jede Perle im Meer wiederholt die erste Perle, jede Rose die erste." Das ist es.
    aus: Cesare Garboli: Il gioco segret, Novre immagini di Elsa Morante, Editione Adelphi, Mailand 1995

    Ich gefiel mir in meinem Herzen, mit meinen Armen, meinen Haaren, meiner ganzen Persönlichkeit, und ich war versucht, mich in Positur zu stellen, um all meine Schönheit zur Geltung zu bringen. Ich bemerkte mit einemmal, daß ich in mir verschlossen Reichtümer und Schönheiten die Fülle hatte. Zum Beispiel Launen und Koketterien, verrückt klingende Worte und unzählige Zärtlichkeiten und Küsse. All das konnte sich jeden Augenblick spontan aus mir ergießen, in herrlicher Feierlichkeit und wundervollem Vergessen wie die Funken eines Feuers. O Lust, sich ohne Scham darzubieten! Demütig zu sein ohne gedemütigt zu werden! Geliebter und wundersamer Augenblick, der sich in Zukunft nur selten wiederholen wird.
    aus: Elsa Morante:Lüge und Zauberei, Insel Verlag, Frankfurt/M. 1987

    So haben die Zeitgenossen Elsa Morante erlebt, in den Cafés und literarischen Zirkeln Roms, als faszinierende, verführerische, kindlich.katzenhafte Person mit blitzenden Augen, voller verrückter Phantasien und zugleich verletzlich, jederzeit bereit, sich völlig in sich zurückzuziehen, wie sie es rigoros tat, wenn sie schrieb. Mochte auch "Lüge und Zauberei" Bewunderung und Schrecken zugleich ausgelöst haben, "Arturos Insel" machte die Leser staunen, entzückte sie, obwohl das Buch doch nicht weniger verrückt, nicht weniger seltsam, nicht weniger schrecklich war. Doch darin erzählte die Morante eine Jugendgeschichte, die Arturos, der auf der vor Neapel gelegenen Insel Procida auswächst wie ein kleiner Wilder, im Einklang mit der Natur, in Frieden gelassen vom bewunderten, und selten anwesenden Vater, bedient von dessen blutjungen Frau Nunziatella, die sich Wilhelm ins große, halb verfallene Haus geholt hat, um Arturo zu hüten.. Damit sie bleibt, macht er ihr gleich noch ein Kind, das Arturo kaum richtig zur Kenntnis nimmt, so wenig, wie diese nur zwei Jahre ältere Stiefmutter, die er peinigt und beherrscht, bis er eines Tages, mannbar geworden, merkt, daß er sie eigentlich liebt.

    Elsa Morante - Bibliographie

  • Lüge und Zauberei, Insel Verlag, Frankfurt/M. 1987
  • Arturos Insel, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1997
  • La Storia, Piper Verlag, München 1987
  • Aracoeli, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1997

Anna Maria Ortese


    oder: Die Klage der Vernunft um die Schöpfung

    Wer sich ein Bild von Anna Maria Ortese machen will, der stößte immer nur auf dieses eine: eine Frau mit einem ebenmäßigen, ovalen Gesicht, dunklen, zurückgekämmten Haaren, einer vermutlich leicht gebogenen Nase mit großen Nüstern; die dunklen Augen blicken nachdenklich, ein bißchen abwesend unter feingeschwungenen Augenbrauen, der große Mund mit einer genau begrenzten Ober-, einer vollen Unterlippe ist offenbar mit einem dunklen Lippenstift nachgezogen, die offene Hemdbluse läßt einen zarten Hals ahnen. Es handelt sich um ein Schwarzweiß-Photo. Wahrscheinlich stammt es aus der Zeit, als ihr Buch Il mare non bagna Napoli erschien: 1953. Anna Maria Ortese war neunundreißig Jahre alt.

    Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts, auch Zeitalter der Aufklärung genannt, beschlossen drei junge Herren, der Prinz Neville, der Bildhauer Dupré und der reiche Kaufmann Nodier, alle aus Lüttich und dort, der eine wegen seines Geistes, der andere wegen seiner Eleganz und alle wegen ihres mondänen und höchst aufwendigen Lebenstils, sehr bekannt und geschätzt, eine Reise nach Neapel zu unternehmen, aus einem Grund, der schließlich nicht zu tadeln war. Alphonse Nodier wollte seine luxuriösen Bekleidungsgeschäfte mit Handschuhen aus dem Ausland versorgen, und keine Stadt produzierte damals so schöne und war so berühmt wie Neapel, und in Neapel nahm es kein Hersteller dieser Art von Accessoires mit Don Mariano Civile auf; er wurde von aller Welt als König der Handschuhmacher bezeichnet. Sein verstorbener Vater, der - wie es hieß - dem Hof verbunden gewesen war, hatte früher London und Paris beliefert; so erzählte, mit einer vielleicht überflüssigen Spur Genugtuung, Alphonse Nodier. In Wirklichkeit interessierte ihn Don Mariano, den er einige Jahre früher auf einer Reise nach Rom flüchtig kennengelernt hatte, vor allem als Mensch, teils wegen seiner außergewöhnlich schweigsamen, ernsten Lebensart, auch wegen der Hingabe, mit der er sich seiner Arbeit widmete, so daß er hervorragende Ergebnisse erzielte, teils, weil er seinerzeit einer Näherin seines Vaters, Bigitta Helm, eine Frau von obskurer Herkunft, aber großer Schönheit geheiratet hatte, die ihm zwölf Kinder schenkte, von denen viele bereits in aller Welt Handschuhe herstellten oder mit Lederwaren handelten; alle - so hieß es - großartig gewachsen, mit blonden Haaren, blauen Augen und von kalter, schweigsamer Wesensart. Zu Hause, im himmlischen Viertel Santa Lucia, so glaubte Nodier, waren nur noch zwei oder drei Töchter, ebenfalls hoochgewachsen, kerzengerade, schön und unerträglich stumm.
    Ja, diese Stummheit der Mädchen oder Unfähigkeit, ihre eigenen, mädchenhaften Gefühle, sofern sie solche hatten, zu äußern, und sei es auch nur in einfachen Worten, das war es, was den zerstreuten Nodier eher in Bann zog - so muß man es nennen - als interessierte, wenn er an jene stolzen, bezaubernden Schwestern dachte.
    aus: Anna Maria Ortese: Die Klage des Distelfinken, Hanser Verlag

    Traum, Wahrheit, Güte und Verrat - das sind die Themen von Il cardillo addolorante, erschienen 1993 in Mailand, 1995 als "Die Klage des Diestelfinken" auch in München. Nur wenn man die Geschichte einer nie verratenen Berufung kennt, kann man ermessen, welche unglaubliche, aberwitzige Anstrengung es für Anna Maria Ortese bedeutet haben muß, mit weit über siebzig Jahren noch einmal einen Roman, und das umfangreichste ihrer Bücher, zu schreiben. Es ist die Summe ihrer schriftstellerischen Existenz. Alle Motive ihres Werkes finden sich darin noch einmal wieder: der unbarmherzige, und zugleich poetische Realismus ihrer Reportagen und Erzählungen, die Phantastik der Iguana, die trotzigen Kindermärchen der frühen Arbeiten, das Interesse an historischen Vorgängen, die lebenslange Faszination, die sie an Neapel bindet.

    Anna Maria Ortese - Bibliographie

  • Iguana. Carl Hanser Verlag 1988
  • Stazione Centrale und andere Mailänder Geschichten, Carl Hanser Verlag, 1993
  • Die Klage des Distelfinken, Carl Hanser Verlag 1995

Nathalie Ginzburg
oder: Die lakonische Familienporträts

    Ich habe zu ihm gesagt: "Sag mir die Wahrheit", und er hat gesagt: "Welche Wahrheit" und er zeichnete rasch etwas in seinen Notizblock. Er hat es mir hinterher gezeigt, es war ein schwarzer, langer Zug mit einer großen schwarzen Rauchwolke, und er beugte sich aus dem Zugfenster und winkte mit dem Taschentuch. Ich habe ihm in die Augen geschossen.
    aus: Natalia Ginzburg: So ist es gewesen, s.o., Berlin 1992

    Es ist die Geschichte einer Ehe, eines Betrugs, eines Mordes: von der Frau erzählt, die ihren Mann erschossen hat. Eine Alptraumgeschichte. Ginzburg hatte ihr Thema gefunden: die Familie und was aus ihr geworden ist. Selten hat sie über etwas anderes geschrieben, als über die ehelichen und außerehelichen Verhältnisse in einer Schicht, die sie kannte: der bürgerlich-intellektuellen.
    Doch etwas mußte sie noch aufarbeiten: die Zeit der Verbannung, der Verfolgung durch die Deutschen und die Faschisten. Sie konnte erst darüber schreiben, nachdem sie 1950 den Anglistik-Professor Gabriele Baldini geheiratet hatte. Das Buch, das kurz nach Beginn ihrere zweiten Ehe entstand, ist ein Roman, in der die eigenen Erfahrungen fiktiven Personen übertragen werden. "Tutti i nostrie iere", "All unsere Gestern" , so heiß der kurze Roman, erschien 1952.

    Natalia Ginzburg - Bibliographie

  • Familienlexikon, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1996
  • So ist es gewesen, s.o., Berlin 1992
  • Schütze, s.o., Berlin 1994
  • Stimmen des Abends, s.o., Berlin 1996
  • Das imaginäre Leben, s.o., Berlin 1995
  • Caro Michele, Insel Verlag, Frankfurt/M. 1974

  • Maja Pflug: Natalia Ginzburg. Eine Biographie. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1996
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