"Als stünde die Zeit still… - Mai 1945": Unter diesem Titel porträtiert der Deutschlandfunk bekannte Persönlichkeiten unterschiedlicher politischer, sozialer und regionaler Herkunft. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie zwischen 1925 und 1935 geboren wurden. Die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg haben sie als Kinder und Jugendliche erlebt, als sehr junge Opfer oder als Kinder von Tätern, Mitläufern und Widerstandskämpfern. Es sind Menschen, die "als letztes Aufgebot" in den Krieg geschickt oder durch Flucht und Vertreibung früh entwurzelt wurden. Menschen, die in Luftschutzkellern den Bombenkrieg erlebten oder als Kinder jüdischer Eltern der Verfolgung ausgesetzt waren.
Sie waren es, die als junge Erwachsene den Wiederaufbau vorantrieben und die Weichen für den Umgang mit der jüngeren deutschen Geschichte stellten. Im Gegensatz zu ihren Eltern haben die weitaus meisten der überlebenden Kriegskinder jahrzehntelang geschwiegen. Auch deshalb, weil sie weniger zum Erzählen gedrängt wurden. Verdrängung und Bagatellisierung waren Auswege, die ihnen offener standen als ihren Eltern. Erst jetzt beginnt diese Generation ihre Geschichte ausführlich zu erzählen, auch verdrängte Erinnerungen aufzuarbeiten. Die heute 70- bis 80-Jährigen waren nicht die ersten Zeitzeugen, die befragt wurden. Sie sind aber die letzten, die wir befragen können.
Mit welchem Weltbild sind sie im "Dritten Reich" aufgewachsen? Wie haben sie die NS-Zeit, den Krieg und das Ende von beidem erlebt? Haben sie die eigenen Taten verwunden und das, was ihnen oder anderen vor ihren Augen zugefügt wurde? Wie sind sie mit Schuld, Scham und Angst umgegangen? Welche Werte, Ideale und Leitbilder vertreten sie als Erwachsene, eben weil sie in dieser und keiner anderen Generation groß geworden sind?
Auf diese Fragen haben die hier porträtierten Persönlichkeiten den beiden Autorinnen Käthe Jowanowitsch und Stephanie Rapp sehr persönlich und eindrücklich geantwortet. Entstanden ist so ein breit gefächertes Bild zeitgenössischer Lebenslinien und -entwürfe. Und ein Zeugnis des Bruchs, den das Ende des Zweiten Weltkriegs in deutschen Lebensläufen wie in der deutschen Geschichte bedeutet.
1931 als Tochter einer Arztfamilie geboren, verlebte Ruth Klüger die ersten Jahre ihrer Kindheit in Wien. Dann kam die Judenverfolgung. Der Vater floh nach Frankreich und kam nie wieder, Mutter und Tochter wurden deportiert. Sie überlebten Auschwitz-Birkenau und Christianstadt. Wie durch ein Wunder gelang der 13-jährigen Ruth Klüger zusammen mit ihrer Mutter die Flucht. Als der Krieg vorbei war, galt für sie nur eins: endlich leben.
Wolfram Siebek wuchs in einem nationalsozialistisch orientierten Elternhaus auf. In seiner Heimat, dem Ruhregbiet, wurde er als Flakhelfer eingezogen und dann an die Ostfront geschickt, als Kindsoldat. Nachdem das letzte Gefecht bei den Seelower Höhen entschieden war, rannte er vor den heranstürmenden Russen davon: "Bis ich den ersten Amerikaner sah. Das war an der Elbe. Da war der Krieg zu Ende."
Der Regisseur und Experimentalfilmer, Edgar Reitz, geboren am 1. November 1932, wuchs in dem Hunsrückdorf Morbach auf. Seine Eltern beharrten darauf, der NSDAP nicht beizutreten und machten vor ihrem Sohn keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen die Nazis. Als der Krieg zu Ende ging, und die Amerikaner im Hunsrück einmarschierten, zerschlug der junge Edgar Reitz das HJ-Zeichen an seiner Mütze. Er erlebte die amerikanischen Sieger als Inspirationsquelle.
Im April 1943 erlebten die Brüder Christoph und Klaus von Dohnanyi, wie die Gestapo ihre Eltern nacheinander verhafteten. Der Vater, ein Widerstandskämpfer, sollte das KZ nicht überleben. Die Mutter wurde bald aus der Gefangenschaft entlassen und erzog ihre Kinder stets nach humanistischen Grundsätzen. Von den Kriegswirren auseinander gerissen, musste sich die Familie am Ende erst wiederfinden.
Als Deutschland den Krieg verloren und Hitler sich ungebracht hatte, brach für ihre Mutter die Welt zusammen. Die Journalistin und Schriftstellerin Carola Stern, Tochter einer "fanatischen Nationalsozialistin", eiferte bis zum Kriegsende als Jungmädelführerin der NS-Bewegung nach, um nach dem Krieg ein überzeugtes SED-Mitglied zu werden. Erst spät, lange nach dem Krieg kam die Trauer über die Zeit der falschen Ideale und eigene Verfehlungen.
In den letzten Kriegsmonaten erlebte Joachim Fest als Soldat, wie das Oberkommando der deutschen Wehrmacht bei der Schlacht vom Hürtgenwald ganze Bataillone in den sicheren Tod schickte. In der "Hölle vom Hürtgenwald" kamen mehr als 50.000 Amerikaner und 20.000 Deutsche ums Leben. Als der Krieg vorbei war, hatte Fest sein Lebensziel bereits vor Augen: die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit.
Ende April 1945 war Berlin zur Frontstadt geworden. Die Russen hatten die Stadt eingekreist, es herrschte Ausnahmezustand. Berlin stand unter Beschuss, und jeder, der sich in derStadt befand, war dort eingeschlossen. So wie Walter Kempowski, der als 16-Jähriger versuchte, aus Berlin in seine Heimatstadt Rostock durch die Fronten zu entwischen.
Michael Ballhaus erlebte seine Kindheit während des Krieges in ständiger Bedrohung. Die Eltern, ein Schauspielerehepaar, sympathisierten mit den Kommunisten. Man musste sich vorsehen. Am Ende des Krieges hatte der junge Ballhaus dann den ersten Kontakt mit amerikanischen Soldaten - und dem "American Way of Life", der ihn stark beeinflussen sollte.
Nach der Teilung Deutschlands durch die Siegermächte 1945 flüchteten etwa zwölf Millionen Menschen gen Westen. Unter ihnen war auch die damals hochschwangere Schriftstellerin Leonie Ossowski. Die Flucht hat sie zu einem politischen Menschen gemacht, sagt sie heute und fügt hinzu, dass sie es "nicht missen möchte, dass ich von zu Hause weg musste."
Januar 1945: Paul Spiegel war gerade sieben Jahre alt geworden, als die amerikanischen Truppen Belgien befreiten. Die Familie Spiegel, deutsche Juden aus dem westfälischen Warendorf, waren 1939 vor dem Naziterror geflohen. Sie lebte zunächst in einem Versteck in Brüssel. Im Herbst 1940 wurde der Vater ins KZ verschleppt. Er überlebte die Lager Buchenwald, Auschwitz und Dachau. Paul Spiegels ältere Schwester Rosa fiel 1942 Nazihäschern in die Hände und wurde in Auschwitz ermordet.
Günter Kunert, am 6. März 1929 geboren, wuchs als umsorgtes Einzelkind in Berlin auf. Seine jüdische Mutter war Hausfrau, der christliche Vater Kaufmann. Er hielt die Familie mit einem winzigen Papierbetrieb über Wasser. Als die NSDAP im September 1935 die "Nürnberger Rassegesetze" beschloss, wurde Günter Kunert in der Sprache der Nazis zum "Halbjuden".
Friedrich Nowottny, geboren am 16. Mai 1929 in Oberschlesien, kam noch in den letzten Kriegsmonaten als Jugendlicher an die Ostfront. Das Deutsche Reich lag in Agonie. Im Herbst 1944 hatten sowjetische Truppen den Weichselbogen erreicht. Beim Heranrücken der Roten Armee ergriffen Millionen Menschen die Flucht. Auch Friedrich Nowottnys Mutter und Schwester verließen die Heimat.
In seiner letzten Rundfunkansprache am 30. Januar 1945 beschwor Adolf Hitler noch einmal den Endsieg. Einen Tag zuvor war der damals 15-jährige Ralf Dahrendorf aus einem Gestapo-Lager in Schwetig (heute Swiecko) entlassen worden, in dem er als Mitglied einer Schülerwiderstandsgruppe seit Dezember 1944 inhaftiert war.
Otto Schily wurde am 20. Juli 1932 in Bochum geboren. Die Eltern waren Anthroposophen und gehörten zur Christengemeinschaft, einer religiösen Erneuerungsbewegung. Für sie war es selbstverständlich, dass man sich auch durch das Abhören so genannter Feindsender wie der BBC über Kriegsverlauf, Einschätzung und Pläne der Alliierten informierte.
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"Als stünde die Zeit still"
Deutschlandfunk | Portraits
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Mehr zur Sendung:
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