Fast jeder hat schon einmal welche gekauft - aber dann auch wirklich drin gelesen? Aus journalistischer Sicht führen Straßenzeitungen oft eine Art Mauerblümchen-Dasein. Sie werden eher als soziale Projekte denn als journalistische Produkte angesehen. Aber woran liegt das?
Jan Markowsky ist einer der dienstältesten Schreiber und Verkäufer beim Berliner Straßenfeger. Selbstbewusst präsentiert er seine Straßenzeitung. Alle zwei Wochen erscheine sie. Die verkaufte Auflage liege bei 22.000 Exemplaren.
Der TAZ- Redaktionsraum ist überfüllt mit Verkäufern und Autoren, Ex-Obdachlosen, Sozialarbeitern und Journalisten. Sie kommen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden. Zum ersten Treffen aller deutschsprachigen Straßenzeitungen.
Bastian Püttner ist leitender Redakteur bei "BoDo", einer Straßenzeitung für Dortmund und Bochum. Bei "BoDo" lasse man Platz im Blatt für die Reportagen der Verkäufer, sagt Püttner. Um aber nicht nur gekauft, sondern auch gelesen zu werden, müsse man an der Qualität arbeiten.
"Das Besondere an Straßenmagazinen ist, dass der Job des Käufers getan ist, wenn er die Zeitung gekauft hat. Das heißt, wir müssen eher dafür sorgen, dass die Leute die Zeitung aufschlagen. Was ja beim Tageszeitungskäufer ja der erste Impuls ist. Ich kaufe die Zeitung wegen des Inhalts. Viele unserer Leser kaufen die wegen der guten Tat und dann setzen wir erst an. Wir müssen auch immer gucken: Wie viel professionellen Journalismus können wir uns leisten?"
Vielen geht es so bei den Straßenzeitungen: Man möchte professioneller werden. Mehr investigative Geschichten, bessere Recherchen, kritischer Journalismus.
Beatrice Gerst von "Trott-war", einer Stuttgarter Straßenzeitung:
"Wir sollten mehr Salz in die Wunden streuen, wenn es um soziale Fragen geht, um soziale Fragestellungen. Und nicht versuchen, auf der einen Seite unterhaltsam zu sein und auch nicht zu sehr, weil man kann das auch dauerhaft nicht, man kann nicht auf Dauer auf Mitleid setzen. Also, die Geschichten sind anrührig. Und ich weiß, dass auch die meisten Leser unsere Verkäuferporträts als wichtigste Rubrik empfinden. Nur damit machen sie noch nicht einen guten kritischen Journalismus."
Professionalisierung, befürchten einige, könnte dazu führen, dass weniger Obdachlose im redaktionellen Betrieb mitarbeiten. Bei Straßenzeitungen sind zum Beispiel zunehmend auch ehemalige Journalisten von Tageszeitungen beschäftigt. Dass der ursprüngliche Charakter der Straßenzeitungen verloren gehe, glaubt Gerst allerdings nicht.
Einige Journalistenschulen wollen jetzt Straßenzeitungen unterstützen, bei der Aus- und Weiterbildung. Auch einen Journalistenpreis für Straßenzeitungen soll es in Zukunft geben. Gaby Sohl von der "TAZ" und Mitorganisatorin des Treffens:
"Es könnte sein, dass für einige Straßenzeitungen durch das bessere Handwerkszeug, dass man sonst teuer bezahlen muss, sehr teuer, wenn das ermöglicht wird aus einem solidarischen Akt, dann kann es bedeuten, dass diese Zeitungen auch wieder mehr ins politische Geschehen eingreifen können."
Die Straßenzeitung "Global Player" aus Wien geht diesen Weg. Mit politisch kompromisslosem Journalismus ist man durchaus erfolgreich. Immer wieder berichtet das Magazin über die Situation von Sinti und Roma, über Ausgrenzung, Entdemokratisierung, nicht nur in Österreich. Der gebürtige Kongolese Di-Tutu Bukasa, Chefredakteur von Global Player:
"Es ist schwierig, Mauern zu brechen, dass man europäisch denkt. Es ist meine Erwartung, dass man beginnt, europäisch zu denken, auch im Straßenjournalismus. Wir können von anderen lernen und sie können von uns lernen."