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28.08.2010
Mit Brettern zugenagelte Geschäfte auf einer menschenleeren Straße in New Orleans. (Bild: AP) Mit Brettern zugenagelte Geschäfte auf einer menschenleeren Straße in New Orleans. (Bild: AP)

Hurrican-Berichte voller Nähe

New Orleans und die Lokalzeitung Times-Picayune

Von Bettina Schmieding

Die Times-Picayune gibt es seit 1837. Sie ist Gedächtnis von New Orleans, das vom Hurrikan Katrina heimgesucht wurde. Zwei Drittel der Stadt versanken wochenlang im Wasser. Für ihre Berichte haben die Reporter Pulitzerpreise bekommen - und ihr journalistisches Arbeiten hat sich für immer verändert.

"Als wir am Dienstagmorgen aufwachten, war das Wasser schon 60 Zentimeter tief um unser Gebäude herum. Da war uns einfach klar, dass wir als Betrieb nicht mehr funktionieren konnten, weil das Wasser immer tiefer wurde. Da haben wir um zehn Uhr morgens beschlossen, wir müssen raus aus der Stadt. Die ganze Mannschaft, außer den Reportern und Fotografen."

Die Redaktion zog um nach Baton Rouge. Eine Handvoll Mitarbeiter blieb und stieg in die Boote. Die Reporter berichteten zunächst nur online, aber nach nur drei Tagen wieder in Zeitungsartikeln, erinnert sich Jim Amoss. Der Chefredakteur der Lokalzeitung Times-Picayune ist ein echter New Orleanian und spricht gut Deutsch, weil er als Schüler in Deutschland gelebt hat.

"Ich weiß noch genau, als ich in Baton Rouge am Schreibtisch eines Kollegen stand und es kam ein Fotograf aus New Orleans zurück und sagt zu dem Reporter: Weißt du was, ich war gerade in deinem Stadtviertel und hab ein Foto von deinem Haus und zeigte diesem Reporter dieses Haus, was total unter Wasser stand. Wir guckten uns alle ganz erstaunt an. Und selbst der Reporter, dessen Haus es war, in dem Moment war auch er Beobachter und ganz objektiv. Es kam ihm gar nicht ins Gehirn, was da mit ihm persönlich passiert war. Das dauerte dann noch eine Weile, bis man sich des Traumas bewusst war."

Aber schnell war klar, dass die Reporter die Position des neutralen Beobachters nicht lange würden durchhalten können. Sie gehörten ja selber zu den Betroffenen, auch sie hatten Freunde und Angehörige unter den 1.800 Toten, die der Hurrikan Katrina gefordert hatte. Auch sie warteten oft vergeblich auf Zahlungen der US-Katastrophenschutzbehörde FEMA.

"Sie haben sich nicht als reines Medienunternehmen gesehen, sondern als Teil einer Familie, als ein Freund. Man muss sich entscheiden, für wen man ist, auch wenn es die Zeitung umbringen könnte. Die Times-Picayune hat es jedenfalls nicht umgebracht."

Robert Green hat im letzten Jahr sein neues Haus bezogen. Im Lower Ninth Ward, einem Stadtteil, der durch die Wassermassen komplett zerstört wurde. Seine Enkelin und seine Mutter sind während des Hurrikans ums Leben gekommen. Green zog mit dem Rest seiner Familie weg. Aber vor lauter Heimweh hielt er es nicht mehr aus und baute an derselben Stelle neu. Und das, obwohl manche seinen Stadtteil schon ganz aufgeben wollten.

"Dies ist das 21. Jahrhundert. Da muss man einfach besser bauen. Unser Haus trieb auf dem Wasser und wir saßen auf dem Dach. Wenn es besser gebaut gewesen wäre, dann wären meine Mutter und meine Enkelin nicht gestorben und wir hätten nicht alle unsere Nachbarn verloren."


"Help us, please", Helft uns bitte, lautete die riesige Titelblattüberschrift am 2. September 2005. Die Times-Picayune änderte die Perspektive. Und die Bewohner der Stadt bemerkten, dass ihre Zeitung nicht mehr die alte war. Die Picayune forderte den Rücktritt des Chefs der Katastrophenschutzbehörde und wurde nicht müde zu betonen, dass die Überschwemmung durch die miserabel gebauten Deiche verursacht worden war. New Orleans ging unter und die Zeitung warf ihre journalistische Neutralität über Bord.

"Katrina hat unsere Lokalzeitung verändert. In dem Moment, als die Deiche brachen, hat die Zeitung beschlossen, dass sie ihren Fokus nur noch auf New Orleans legen will. Das hat jedem hier gefallen, denn wir mussten ja herausfinden, was in unserer Stadt geschah. Die Times-Picayune hat tatsächlich niemals aufgehört zu berichten. Während der Evakuierung war das unser Rettungsseil."

Laura Kelley liest die Picayune erst, seitdem die Zeitung klar Stellung für die Bürger bezieht. Objektivität im Journalismus sei sowieso eine Illusion, meint die Historikerin. Auch für den Reporter Jarvis DeBerry ist Journalistenschulwissen seit Katrina reine Theorie.


"Uns Journalisten bringt man bei, dass wir uns auf keinen Fall engagieren sollen. Diese objektive Haltung funktioniert nur, wenn es dem Reporter egal ist, wer gewinnt und wer verliert. Ich berichte nur über die Fakten. Aber dies ist unsere Stadt, dies waren unsere Häuser und deshalb können wir uns hier nicht neutral verhalten".

Auch Chris Rose ist einer der Reporter, die tagelang durch die zerstörte Stadt gepaddelt sind. In Artikeln und Büchern versucht Rose, der mittlerweile an Depressionen leidet, Katrina zu verarbeiten.

"Wir haben viel mehr Relevanz als andere Tageszeitungen in Amerika, weil uns alles, was wir lieben und kennen, genommen wurde. Das gibt uns eine besondere Perspektive, die nicht einfach dadurch verschwindet, dass die Stadt wieder aufgebaut wird."

Die Times-Picayune hat sich auch beim aktuellen Desaster des Jahres 2010 auf die Seite ihrer Leser geschlagen. Im Internet gibt es eine Rubrik "How the Oil Spill has affected me". Hier erzählen Betroffene, wie das gigantische Ölleck an der Golfküste vor New Orleans ihr Leben verändert hat. Wie die Strandfotografin, deren Kunden plötzlich wegblieben.

Chefredakteur Jim Amoss sagt, dass Katrina für ihn und seine Reporter die wichtigste Geschichte ihres Lebens war. Diese Geschichte würden sie bis ans Ende ihrer Tage erzählen. Höchstwahrscheinlich in der Times-Picayune, denn dem Blatt geht es - anders als den meisten US-Zeitungen - wirtschaftlich recht gut. Die Menschen hier lieben ihre Stadt. Und die Times-Picayune sei ein Teil davon, sagt Laura Kelley. Solange es diese Gemeinschaft gebe, werde auch die Zeitung überleben.


 
 

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