Die Regierung von Hugo Chavéz hat dem Sender RCTV, der eines der populärsten Fernsehprogramme in Venezuela ausstrahlt, die Lizenz entzogen. Der Fall wirft ein bezeichnendes Licht auf die Medienfreiheit im Land.
Radio Caracas Televisión (RCTV) ist berühmt für seichte Telenovelas und harte Regierungskritik. Seit Wochen ist der Sender in den Schlagzeilen, denn morgen läuft seine Lizenz aus: Um Mitternacht wird eines der populärsten Fernsehprogramme von den venezolanischen Bildschirmen verschwinden.
Vor 77 Jahren hat RCTV als Rundfunkstation begonnen. Daher sein Name: Radio Caracas Televisión. Vor 54 Jahren kam der Fernsehsender dazu. Er ist damit der älteste in Venezuela und bedient seither das Massenpublikum mit jeder Form von Unterhaltung. Telenovelas wie "Meine schöne Dicke" und "Rubí und die Dame der Rose" haben in vielen Ländern begeisterte Zuschauer gefunden, vor allem in Venezuela. Mit ihnen hat RCTV höchste Einschaltquoten erzielt, für das Konsortium privater Anteilseigner ein Bombengeschäft. Es hat nur einen Pferdefuß: Die Programme werden auf dem staatlichen Kanal 2 ausgestrahlt. Und die dafür nötige Lizenz will die Regierung Chávez keineswegs verlängern. Der Präsident:
"Am 28. Mai endet die Konzession, die sich vor mehr als einem halben Jahrhundert eine Familie dieser reichen, venezolanischen Protze unter den Nagel gerissen hat, so wie sie sich einen Gutteil des Rundfunksystems aneignete, das der venezolanischen Nation gehört."
Der Staat hat sich in der Vergangenheit wenig um das Kommunikationswesen gekümmert. Die rund 350 TV-Stationen sind fest in privater Hand, aber nur 14 senden überregional, und nur eine Hand voll ist von wirklicher Bedeutung wie der Marktführer RCTV. Ein desolates System, wie die deutsch-venezolanische Historikerin Dorothea Melcher meint:
"Die venezolanische Medienlandschaft ist nun wirklich ein trauriges Thema. Die haben so fünf oder sechs private Kanäle gehabt und einen staatlichen, den niemand gesehen hat. Der einzige, der dann, als Chávez an die Regierung kam, Regierungsthemen behandeln konnte, war dieser Staatskanal, und der wurde dann auch systematisch ausgebaut, während alle anderen Kanäle zum Teil sehr üble Hetzkampagnen gegen Chávez geführt haben. Ich glaube, dass könnte sich hier niemand leisten."
Außerdem haben einige von ihnen angeführt von Radio Caracas Televisión den Putschversuch der Rechten gegen Chávez im Jahr 2002 heftig unterstützt und dabei die Nachrichten auf üble Weise manipuliert. Die anderen quotenstarken Privatsender haben inzwischen einen moderaten Kurs eingeschlagen. Nur Marcel Granier, der Direktor von RCTV, glaubte bis zuletzt, der Präsident würde seine Ankündigung nicht verwirklichen. Bei den Manifestationen dieser Tage trat er als der große Verteidiger der Meinungsfreiheit auf.
"Wir werden weiterkämpfen um Venezuela, um Toleranz, Demokratie, Pluralismus, Verständnis und ein friedliches Miteinander, damit kein neues Militärregime wie die vielen, die Lateinamerika verheert haben von Fidel Castro bis Anastasio Somoza, all das zerstört, dessen Aufbau so viel Mühe gekostet hat."
Daran dürften allerdings Kommerzsender wie RCTV kaum Anteil gehabt haben. Die Regierung Chávez dagegen hat Hunderte von Lizenzen für kleine, "offene" Bürgerfunk- und Fernsehprogramme vergeben. Trotzdem ist die Abschaltung von Radio Caracas Televisión das falsche Signal in einem Land, dessen demokratische Institutionen seit langem ausgehöhlt sind und wo sich die Einschränkungen der Pressefreiheit auf vielen Ebenen mehren. Ab Montagfrüh jedenfalls werden die Venezolaner ein neues Fernprogramm erleben können: TEVES - Televisora Venezolana Social, "Fernsehen im Dienst der Öffentlichkeit", so wird es angekündigt. Es verspricht viel Unterhaltung, wie bisher, aber auch Bildung und Information - im Sinn der Regierung.
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