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17.11.2007
Italienische Fußballfans protestieren vor dem Fernsehsender RAI in Mailand. (Bild: AP) Italienische Fußballfans protestieren vor dem Fernsehsender RAI in Mailand. (Bild: AP)

Fußballhass im Radio

Ein italienisches Medienphänomen

Von Thomas Migge

Anfang dieser Woche führte der Todesschuss eines Polizisten auf einen Fußballfan zu schweren Krawallen in ganz Italien. Der Fußball wird dort von rechten Scharfmachern instrumentalisiert. Ein Phänomen, das sich auch über das Radio verbreitet.

Es wird nicht nur über Fußball gesprochen. Nicht nur übers Bolzen und die Spieler und Schiedsrichter, über Turniere und Fouls.

"Von wegen Unfall! Dieser Polizist ist ein Killer, der vom Innenminister damit beauftragt wurde, einen der unsrigen kalt zu machen",

erklärte ein Anrufer wutentbrannt im Radiosender, der dem Club AS Roma nahesteht. Schade, dass der Bulle nur einen erschossen hat. Der hätte gleich mehrere dieser Ratten vom AS Rom erschießen sollen, meinte hingegen ein jugendlicher Hörer, der bei einem jener Radiosender anrief, die sich dem sportlichen Schicksal des Clubs Lazio verschrieben haben, dem historischen Gegner von AS Roma. Solche Aussagen sind seit Montag nicht selten im Rundfunk zu hören. Ausgestrahlt von römischen Privatsendern, die ausschließlich über Fußball berichten. Radiosender, die sich ganz einem einzigen Club verschrieben haben, erklärt Gianni Fulvi, Mediensoziologe an der Universität Rom:

"Wer sich mit unseren Medien beschäftigt, stößt immer wieder auf das sogenannte Radioultra. Ein ganz besonderes Rundfunkphänomen. Ultra bedeutet gewaltbereiter Fußballfan, aber Ultra meint auch eine Grundstimmung, die von tiefem Hass auf die Anhänger des jeweils anderen Clubs bestimmt wird. Dieses Phänomen ist sehr verbreitet in Italien."

Fußballrundfunksender kann man in Italien überall hören. Jeder Italienbesucher, der ein Taxi benutzt, wird oft auf Fahrer stoßen, die, nicht selten brüllend laut, auf einen dieser zahlreichen Sender eingestellt sind. Die Programme werden in der Regel von 7 Uhr 30 morgens bis tief in die Nacht ausgestrahlt und berichten nur über einen Themenbereich: über den Lieblingsclub, über Spieler und ihr Privatleben, über einzelne vergangene und zukünftige Spiele. Geboten werden Hintergrundinformationen zu den Preisen von Spielern und zu den gegnerischen Clubs. Und genau an diesem Punkt wird kein Blatt vor den Mund genommen. Da wird geschimpft und eine Hasstirade zieht die andere nach sich. Vor allem Zuhörer, die live ins Programm geschaltet werden, lassen ihren Dampf ab. Da werden gegnerische Spieler als Neger oder stinkender Jude, als Schwein oder Schwuli verunglimpft. Dazu Waldo Goliva, Sportjournalist beim öffentlich-rechtlichen Radio RAI:

"Diese Fußballsender wollen mehr bieten als andere Sportsendungen. Im Unterschied zur RAI und anderen privaten Kanälen wird dort vor allem über einen oder einige wenige Clubs berichtet. Man verschreibt sich einem der Clubs und verteufelt alle anderen. Da wird Hass geschürt, ganz bewusst. Diese Sender rufen auch zu verschiedenen Aktivitäten auf, wie zum Beispiel dazu, den sportlichen Gegner physisch fertigzumachen."

Auffällig häufig werden auch rassistische und antisemitische Begriffe genutzt, um den Gegner zu verunglimpfen. Nur selten greifen die jeweiligen Redakteure ein, wenn ihre Anrufer, die live in die Sendungen geschaltet werden, rhetorisch ausfallend werden. Deftige Parolen steigern die Zuhörerquoten und wo die steigen wird auch mehr Werbung bestellt. Ein Teufelskreislauf.

Einige der 15 römischen Fußballsender fallen auch durch die Verbreitung rechtsradikalen Gedankengutes auf. Damit wollen sie jenen Ultras entgegenkommen, die sich solchen politischen Ideen verschrieben haben. Und das sind die meisten. Einer Studie des Innenministeriums zufolge verbreiten 63 Ultragruppierungen, mit rund 14.630 Mitgliedern, rechtsradikales Gedankengut. 35 Ultravereinigen mit zirka 5300 Mitgliedern hängen linksradikalem Ideengut an. "Ein politischer Sumpf, der für fast alle gewalttätigen Anschläge in Fußballstadien mitverantwortlich ist", meint Rita Manfredini von der staatlichen Medienaufsicht:

"Es ist immer das gleiche Schema: Die Fußballsender werden von den Anhängern einzelnen Gruppierungen als Sprachrohre genutzt. Hier hetzen sie gegen andere Vereine und deren Fans. So manches der in den Rundfunksendungen gefallenen bösen Worte war bereits Anlass für Schlägereien in und vor Fußballstadien. Diese Sender haben also einen großen Einfluss."

Medienkritiker wie Aldo Grassi von der Tageszeitung "Corriere della Sera" fordern ein sofortiges Verbot solcher Sender, die Hasstiraden ausstrahlen und Ultras das Wort geben. Gesetze gegen die Verbreitung von Rassismus, Antisemitismus und Hass auf andere Menschen qua Äther existieren bereits in Italien, doch fast immer werden sie von den Behörden ignoriert. Wird ein Rundfunksender dabei erwischt, Hasssendungen egal welcher Art auszustrahlen, kann, theoretisch, ein Strafgeld in Höhe von bis zu 70.000 Euro verhängt werden. Verschärfend kann sich ein Richter auch für ein Sendeverbot von bis zu 30 Tagen entscheiden. Aber solche Strafen sind in Italien recht selten.


 
 

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