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13.09.2008
Der LHC-Teilchenbeschleuniger in seinem Tunnel am Cern in Genf (Bild: AP) Der LHC-Teilchenbeschleuniger in seinem Tunnel am Cern in Genf (Bild: AP)

Die Welt geht unter - das ist ja mal interessant!

Kommentar zur LHC-Berichterstattung

Von Gabor Paal

Wer die Berichte in Radio, Fernsehen und Internet verfolgt hat, muss folgenden Eindruck bekommen haben: In der Wissenschaft gibt es - was den Teilchenbeschleuniger betrifft - offenbar zwei Fraktionen, die sogenannten Befürworter - die das Experiment durchführen, und auf der anderen Seite die so genannten Kritiker, die große Gefahren sehen und die Menschheit in einem großen schwarzen Loch verschwinden sehen.

Am Vorabend der Inbetriebnahme Marietta Slomka im Heute-Journal:

"Morgen beginnt in Genf ein sehr umstrittenes, sehr spektakuläres und nebenbei auch Milliarden Euro teures Experiment mit der größten Maschine der Welt - einer Art Zeitmaschine!"

Sehr umstritten - Zeitmaschine! - Da kann einem ja ganz mulmig werden. Ähnlich klang es aber auch tags drauf in den Tagesthemen - dort war das Thema sogar der Aufmacher:

"Könnte die Suche nach dem Anfang der Zeit auch deren Ende sein? Der Mensch lässt sich mit Urkräften ein, kann das gut gehen? Im Internet verbreiten sich Untergangsszenarien weltweit und die Physiker vom Cern sind mit Argumenten gegen die Sorge machtlos..."

Und so zog es sich durch praktisch alle Sendungen: Großes Experiment mit Kritikern und Gegnern. Das merkwürdige nur: Wenn man das Weltuntergangsrisiko wirklich ernst nimmt. Dann hätte das Experiment per Einstweiliger Verfügung sofort gestoppt werden müssen, Hunderttausende hätten in Genf protestieren, der UNO-Sicherheitsrat hätte zusammenkommen müssen. Dass das alles nicht passiert ist, hat offenbar niemanden irritiert. Stattdessen hat sich offenbar eine bizarre Haltung breit gemacht: Die Welt geht vielleicht unter - das ist doch mal ein Interessanter Aspekt. Und so wurden schnell aus einem Gegner mit Professorentitel die Kritiker der Wissenschaft, als ob es davon eine ganze Schar gäbe. Tatsächlich war es einer gegen alle: Der Tübinger Chaos-Forscher Rössler konnte sich auf allen Kanälen austoben und seine apokalyptischen Szenarien zeichnen:

"... nämlich dass ganz klitzekleine Schwarze Löcher entstehen, dass die dann nicht wegfliegen, sondern dass vielleicht eins von einer Million auf der Erde bleibt und dieses dann nicht zerstrahlt, das ist meine erste neue Fast-Erkenntnis, und wenn ihm irgendwas in den Weg kommt, wird es das auffressen, das haben alle Schwarzen Löcher so an sich ..."

Und die Welt hört interessiert zu. Doch wer ist Herr Rösler eigentlich? Er hat Medizin studiert, Verhaltensforschung und Chemie. Nicht gerade Fächer, in denen man sich besonders kundig über Schwarze Löcher macht. Er arbeitete in der Chaosforschung? Der hat die Wissenschaft viele interessante Einsichten in die Natur hervorgebracht, aber das war einmal. Das Fach ist ausgereizt, es bringt schon lange nichts mehr wirklich Neues hervor. Wenn schon das eigene Fach keine Aufmerksamkeit erzeugt, dann muss man es halt mit Weltuntergängen probieren. Und warum haben die Medien das Spiel mitgemacht? Sie sind wieder mal in ihre alten selbstgestellten Fallen gelaufen: Eine lautet: Wenn schon alles gesagt ist, suche den besonderen Dreh, die neue Perspektive. Und eine zweite: Teile die Welt in Befürworter und Gegner, das erzeugt Spannung. Dass dadurch die Wirklichkeit manchmal völlig wird ist, passiert leider auch auf anderen Gebieten. Das bekannteste Beispiel ist der Klimawandel. Auch da haben die Medien lange Zeit suggeriert, es gäbe zwei etwa gleich starke Lager: Die Warner - und die Skeptiker, die einen menschengemachten Klimawandel bezweifeln. Auch das eine völlig Verzerrung des tatsächlichen Meinungsspektrums - nur mit umgekehrten Vorzeichnen: Denn beim Klima sind fachlich gesehen die Abwiegler die Randerscheinung. Klar, auch wissenschaftliche Minderheitsmeinungen haben sich schon manchmal als richtig erwiesen, auch Außenseiter können manchmal Recht haben. Siehe Galileo. Doch Journalisten sollten, wenn sie schon die Argumente nicht prüfen können, dann doch wenigstens die Glaubwürdigkeit der Akteure unter die Lupe nehmen, und sich nicht von Professorentiteln oder dem medialen Aufmerksamkeitswert leiten lassen. Jedenfalls nicht, wenn es um Leben und Tod geht.


 
 

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