Vor fast 200 Jahren betrat die spanische Diva Isabella Colbran die Opernbühne. Sie wurde zur Ehefrau und Muse des Komponisten Gioacchino Rossini, der für sie einige seiner schönsten Rollen schrieb. Dieser Isabella Colbran hat die amerikanische Mezzosopranistin Joyce DiDonato ihre neue CD gewidmet.
Motto-CDs sind gerade groß in Mode. Vor allem Sängerinnen entdecken ihre Rollenvorbilder aus einer Zeit, in der Operndiven noch kultisch verehrt wurden. Nellie Melba und Henriette Sontag, Jenny Lind uns Adelina Patti sind einige der legendären Namen aus dem 19. Jahrhundert. Vor fast 200 Jahren betrat eine weitere Sängerin aus dieser illustren Reihe die Opernbühne, die spanische Diva Isabella Colbran. Sie wurde zur Ehefrau und Muse des Komponisten Gioacchino Rossini, der für sie einige seiner schönsten Rollen schrieb. Dieser Isabella Colbran hat die amerikanische Mezzosopranistin Joyce DiDonato ihre neue CD gewidmet, die ich Ihnen heute vorstellen möchte. Die CD "Colbran, the Muse", also "Colbran, die Muse" ist bei der Plattenfirma Virgin Classics erschienen.
In dieser Gefahr bleibe nur übrig, zu weinen und zu zittern, um das Mitleid Gottes zu erflehen, so singt Anna in der Oper "Maometto II" von Gioacchino Rossini. Diese melancholisch umflorten Koloraturen, die weit gespannten Melodiebögen, die immer wieder verblüffenden harmonischen Wendungen rührten damals ganz Europa zu Tränen. Jedenfalls den Teil Europas, der in die Oper ging. Frédéric Chopin etwa ließ sich davon zu einigen seiner schönsten Nocturnes inspirieren. Während der Opernkomponist Rossini heute vor allem für seine Komödien bekannt ist, den unverwüstlichen "Barbier von Sevilla" etwa oder die "Italierin in Algier", galt er seinen Zeitgenossen vor allem als Spezialist für die tragischen Fälle. Er schrieb einen "Otello", vor dem Giuseppe Verdi so viel Respekt hatte, dass er lange zögerte, seine eigene Version zu komponieren, es gibt eine "Armida" von Rossini, in der das Schicksal das scheiternden Zauberin nachzeichnet, auch die Königin Semiramis überlebt das Ende der gleichnamigen Oper nicht.
Alle diese Opern schrieb Gioacchino Rossini für Isabella Colbran, die er mit 15 Jahren zum ersten Mal hörte, sich umgehend in sie verliebte und erst einige Jahre später heiraten konnte, weil sie vorerst wohl noch mit dem Theaterimpresario und Bauunternehmer Domenico Babaja zusammen war. Das hinderte die beiden jedoch nicht, eine leidenschaftliche Affäre zu beginnen, deren musikalische Resultate Joyce Di Donato auf ihrer Motto-CD "Colbran, die Muse" in einer repräsentativen Auswahl vorstellt. Einige dieser Oper enden allerdings auch glücklich. Etwa "La donna del lago", in der die Titelheldin die Gelegenheit für ein hochvirtuoses Schlussrondo erhält.
Joyce DiDonato studierte an der Musikhochschule in Philadelphia, und sammelte danach erste Bühnenerfahrung im Opernstudio von Houston, Texas. Eher langsam führte ihre Karriere sie schließlich nach an die ersten Häuser Europas und der Welt. Und dass diese Karriere nicht von Managern mit Plattenverträgen und Festivalauftritten straff durchgeplant wurde, davon profitiert auch diese CD. Wir hören eine Sängerin, die genau weiß, was sie tut, die mit einer bewundernswert sicheren Technik ihre Koloraturen gestaltet und tatsächlich Charaktere auf die Hörbühne stellt. Dazu passt auch, dass die Aufnahme nicht überproduziert klingt.
Gelegentlich kann man sich in einzelnen Phrasen durchaus vorstellen, dass mit weiteren Einzeltakes im Aufnahmestudio ein noch glänzenderes Ergebnis zu erzielen gewesen wäre, das die Tontechniker dann in die bestehende Aufnahme reingefummelt hätten. Offenbar war es der Sängerin und den Produzenten von Virgin Classics aber wichtiger, ein lebendiges Resultat abzuliefern, kein glattes Kunstprodukt, dem alles Leben ausgetrieben wurde. Das gilt auch für die Kavatine der Elisabeth aus "Elisabetta, Regina d'Inghilterra", in der Rossini bereits eine Arie der Rosina aus dem "Barbier von Sevilla" vorweggenommen hat.
In den vergangenen Jahren hatte das Orchester der Academia Nazionale di Santa Cecilia in Rom nicht mehr den allerbesten Ruf. Doch der Belcanto-Spezialist Edoardo Müller führt die Musiker geschmeidig zu neuen Höhen, die Holzbläser flattern lässig durch die Begleitfiguren und bieten Joyce DiDonato weit mehr als nur einen demütigen Klangteppich. Wenn in Solo-CDs wie dieser für die Ensembleszenen weitere Sänger benötigt werden, sparen Plattenfirmen gerne mal am falschen Ende und machen diese Passagen zur Qual für den Hörer. Mit den Tenören Lawrence Brownlee, Corrado Amici und Carlo Putelli wurden hier jedoch ebenbürtige Partner gewonnen. So wird auch die Abschiedsszene der Oper "Armida" zu einem ungetrübten Genuss.
Anfang des 19. Jahrhunderts stießen Sängerinnen die bis dahin tonangebenden Kastraten vom Thron des Belcanto. Isabella Colbran steht historisch gesehen genau an dieser Schnittstelle. Rossini hörte sie in Bologna gemeinsam mit dem alternden Kastraten Govanni Battista Velluti. Colbran setzte sich mit ihrer jungen, über den gesamten Tonraum ansprechenden Stimme mühelos gegen den berühmten Virtuosen durch. Bis heute streiten die Stimmfetischisten, ob sie eher ein Sopran mit profunder Tiefe oder ein Mezzosopran mit strahlender Höhe war, wie sie ihre Verzierungen gestaltete und ob sie ihr Publikum eher als tragisch umflorte Melancholikerin oder jubelnde Komödiantin fesselte. Das lässt sich ohnehin nicht mehr klären, und im Grunde kann es uns auch egal sein.
Joyce DiDonato ist jedenfalls eine Mezzosopranistin mit brillanten Spitzentönen, mit faszinierend leicht laufenden Koloraturen und bei alldem einer beeindruckenden Natürlichkeit in der musikalischen Gestaltung ihrer stets wie improvisiert wirkenden Verzierungen. Auf der Bühne entwickelt sie als Rosina im "Barbier" trockenen Witz und kann in den tragischen Rollen die Zuhörer mit höchster Kunstfertigkeit zu Tränen rühren. In der großen Arie der Semiramis "Bel raggio lusinghier" kann sie alle ihre Stärken ausspielen.
Sie hörten einen Ausschnitt aus der Arie der Semiramis "Bel raggio lusinghier" aus der Oper "Semiramide" von Gioacchino Rossini. Die gesamte Arie und weitere, die er für seine Gattin Isabella Colbran schrieb, können sie auf der CD "Colbran, die Muse" der amerikanischen Mezzosopranistin Joyce DiDonato hören, die beim Label Virgin Classics erschienen ist. Mit dieser Empfehlung verabschiedet sich Uwe Friedrich.
Gioacchino Rossini: Colbran, the Muse
Joyce DiDonato, Mezzosopran; Orchestra e Coro dell'Academia Nazionale di Santa Cecilia; Edoardo Müller, Dirigent.
LC 7873: Virgin Classics 50999 6945790 6