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01.01.2010
Ein Klavierspieler (Bild: Deutschlandradio - Bettina Straub) Ein Klavierspieler (Bild: Deutschlandradio - Bettina Straub)

In himmlischen Gefilden

Klaviermusik der jüngeren Vergangenheit

Von Yvonne Petitpierre

Heute stelle ich Ihnen drei interpretatorisch exzellente Aufnahmen mit Klaviermusik der jüngeren Vergangenheit vor, die alle kürzlich beim Label NEOS erschienen sind. Zu hören sind Kompositionen, die in sehr unterschiedlich zarten wie brachialen Klangsprachen faszinieren und Aufmerksamkeit einfordern.

Am Beginn steht, der 1945 in Griechenland geborene Georges Aperghies, der sich vor allem als Komponist musikdramatischer Werke einen Namen gemacht hat. Aber auch in seinen diversen Instumentalkompositionen greift die kompositorische Gestaltung auf szenische Komponenten zurück. Mit Klavierstücken hat sich Aperghies weitgehend erst ab Mitte der 90er-Jahre beschäftigt, lediglich "Simata" für präpariertes Klavier entspringt noch der frühen Phase musikalischer Identitätsfindung. Ein betont rhythmisches Werk aus dem Jahr 1969, das Aperghies mit dem Pianisten Christian Ivaldi erarbeitet hat und das hörbar unter dem Einfluss von John Cage steht. Mit Schrauben, Büroklammern oder Radiergummis verfremdet er den Klavierklang und kreiert dabei stark perkussive Momente.

Der Pianist Nicolas Hodges, 1970 in London geboren, hat jedoch für diese Aufnahme die ursprünglich vorgesehenen Präparationselemente durch einen elektronischen Ringmodulator ersetzt und bleibt damit dem spezifischen Klavierklang weitgehnd treu.

Hören Sie nun einen Ausschnitt aus dem Werk "Simata" mit dem Pianisten Nicolas Hodges:

MUSIK 1
Georges Aperghies: "Simata" for prepared piano
Nicolas Hodges, Klavier
Track 5 (20.46, davon 1.34)
NEOS Music 10912, LC 15673

Das jüngere Klavierschaffen von Georges Aperghies arbeitet mit klanglichen Kontrasten, die verschiedene Ursprünge haben. Das CD begleitende Booklet beschreibt die Werke als gezeichnet von einer "Polyphonie der Farben", mit der Aperghies ohne "trunkene Verschwommenheit des Impressionismus" spiele und das Unbewusste anrege.

Als Beitrag zu einer Klavierschule zeitgenössischer Komponisten entstand so u.a. 2004 das kurze "Pièce pour jeunes pianistes". Akkordklänge, die sich auf die mittlere Tastatur konzentrieren, werden in der "Printmusic" ohne logische Abfolge aneinandergereiht. Aperghies fühlte sich zu dieser, 2001 entstandenen Komposition durch Abbildungen auf Tapeten inspiriert. Analog dazu hat er emotionslose Akkorde genutzt, um verrückte Geschichten zu erzählen.

Nicolas Hodges mit einem Ausschnitt aus der "Printmusic" von Georges Aperghies:

MUSIK 2
Georges Aperghies: Printmusic
Track 3 (15.16, davon, 1.56)
Nicolas Hodges , Klavier
NEOS Music 10912, LC 15673

In himmlische Gefilde, die unendlichen Weiten des Weltalls entführt das Klavierduo GrauSchumacher mit ihrer Einspielung unter dem programmatischen Titel KOSMOS. Hier begegnen kurze Kompositionen von George Crumb, György Kurtag, Béla Bartók und Karl-Heinz Stockhausen dem Titelstück Kosmos von Peter Eötvös. Eine CD, die sehr atmosphärisch aufgeladene Momente von Unendlichkeit, Stille und Zeitlosigkeit vereint. Enstanden ist eine klanglich überzeugende Aufnahme, die zur Unterstützung ihrer programmatischen Weite eine vergleichsweise räumliche Mikrophonierung genutzt hat.

"Alpha Centauri", ein kosmischer Tanz stammt aus den Celestial Mechanics, dem Makrokosmos IV von George Crumb setzt auf einen zarten Klangzauber und nutzt Spieltechniken im Inneren des Instruments.

MUSIK 3

George Crumb: Celestial Mechanics (Makrokosmos IV)
Alpha Centauri
Track 1 (3.31)
GötzSchumacher Piano Duo
NEOS Music 20802, LC 15673

Im Mittelpunkt, dieser thematisch um musikalische Sternenbilder kreisenden Einspielung hat das Klavierduo GrauSchumacher die Komposition "Kosmos" von Peter Eötvös gestellt. Ein Werk, das der Komponist im Alter von 17 Jahren schrieb, in Begeisterung über Jurij Gagarin, der 1961 ins All geflogen ist. In gut 12 Minuten wird hier die Geschichte des Kosmos erzählt, das Entstehen der Galaxien, Sonnen und Sterne bis die Ausdehnung der kosmischen Gestalten ihr Maximum erfährt, danach lösen sich die Gestalten wieder auf und bereiten den nächsten Urknall vor, so merkt Peter Eötvös an. Eine Komposition also, die das Werden und Vergehen im galaktischen Maßstab zu fassen sucht.

Hören sie einen Ausschnitt aus den fast sphärenhaften Klängen des "Kosmos" von Peter Eötvös mit Andreas Grau und Götz Schumacher Klavier.

MUSIK 4

Peter Eötvös: Kosmos
Track 11 (12.33, davon 1.38)
GötzSchumacher Piano Duo
NEOS Music 20802, LC 15673

Klaviermusik, deren Kraft spiritueller Natur entspringt, hat die Pianistin Sabine Liebner mit ihrer Interpretation der gesammten Klavierwerke von Galina Ustvolskaja vorgelegt. Zu erleben ist eine Musik, die keine Effekte kennt und in ihrer fast archaisch anmutenden und von Extremen geprägten Klangfindung nach einer Form von Wahrheit sucht. Es sind vor allem die starken dynamischen Kontraste und Ornament-freien, insistierenden Klänge, die immer wieder Momente von Kompromisslosigkeit erkennen lassen. Nicht selten gewinnt man den Eindruck einer klagenden Verzweiflung. So hat Ustwolskaja auch nur dann komponiert, wenn sie sich selbst in einen Zustand der Gnade fühlte.

Ihre 12 Präludien aus dem Jahr 1953 nehmen Bezug auf die 24 Präludien und Fugen ihres Lehres Dimitri Schostakowitsch.

Sabine Liebner gelingt in dieser Aufnahme eine hoch sensible artikulatorische Vielfalt, die bereits beim Hören ahnen lässt, wie Ustvolskaja ihre Partituren gestaltet hat. Hören Sie aus dieser Sammlung "Präludium Nr. 3".

MUSIK 5

Galina Ustvolskaja: Prelude No.3
CD 1 / Track 3 (2.11)
Sabine Liebner, Klavier
NEOS Music 10904/05, LC 15673

Phasen einer ganz persönlichen kompositorischen Entwicklung markieren hingegen die sechs Klaviersonaten von Galina Ustvolskaja, die über einen Zeitraum von 40 Jahren entstanden sind. Erst in den späten 80er-Jahren entstehen ihre letzten klangglich dichten Klaviersonaten, die sich vor allem durch eine extreme Clusterbildung und gnadenlos eingeforderte Fortissimi auszeichnen. Sabine Liebner begegnet in ihrer Lesart dieser Herausforderung hörbar kompromisslos und hat sich in vollem Umfang in den Dienst der Komposition gestellt.

Aus der zehnsätzigen fünften Sonate hören Sie hier den ersten und letzten Satz.

MUSIK 6

Galina Ustvolskaja: Piano Sonata N. 5
I
Track 6 (1.05)
und
X
Track 15 (1.50)
Sabine Liebner, Klavier
NEOS Music 10904/05, LC 15673

Zum Abschluss hörten Sie die Pianistin Sabine Liebner mit zwei Sätzen aus der "Klaviersonate Nr. 5" von Galina Ustvolskaja.

Vorgestellt habe ich Ihnen eine Aufnahme, die kürzlich beim Label NEOS erschienen ist. Ebenfalls aus dem Hause NEOS stammt die Einspielung mit Werken von Georges Aperghies durch Nicolas Hodges sowei die CD "Kosmos" mit Klavierstücken unter anderem von George Crumb, Karl-Heinz Stockhausen und Peter Eötvös, gespielt vom Klavierduo GrauSchumacher.

Vorgestellte CDs

CD 1
Georges Aperghis: Works for piano
Nicolas Hodges, Klavier
NEOS Music 10912, LC 15673


CD 2
KOSMOS
Crumb - Kurtág - Stokhausen - Bartók - Eötvös
GötzSchumacher Piano Duo
NEOS Music 20802, LC 15673

CD 3
Galina Ustvolskaya: Complete Works for piano
Sabine Liebner, Klavier
NEOS Music 10904/05, LC 15673


 
 

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