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12.05.2013 · 09:10 Uhr
Das Akkordeon steht bei Nordheims Komposition "Spur" im Mittelpunkt. (Bild: picture alliance / dpa - Volker Dornberger) Das Akkordeon steht bei Nordheims Komposition "Spur" im Mittelpunkt. (Bild: picture alliance / dpa - Volker Dornberger)

Die Emanzipation des Akkordeons

Die Komponisten Arne Nordheim und Per Nørgård

Am Mikrofon: Ingo Dorfmüller

Das Akkordeon ist heute bei den Komponisten der Neuen Musik wegen der Vielfalt seiner klanglichen Möglichkeiten überaus beliebt. Als Arne Nordheim in den 1960er-Jahren seine Werke schrieb, sah das noch ganz anders aus.

Am Mikrofon begrüßt Sie Ingo Dorfmüller. "Die Neue Platte" ist heute zwei der bekanntesten Komponisten Skandinaviens gewidmet - Arne Nordheim aus Norwegen und Per Nørgård aus Dänemark.

Nordheim: Spur - Track 1

Der geheimnisvolle Beginn des Akkordeonkonzertes "Spur" von Arne Nordheim aus dem Jahr 1975. Es ist das Hauptstück einer neuen CD, für die sich der norwegische Virtuose Frode Haltli Nordheims Werke für und mit Akkordeon vorgenommen hat. Das Akkordeon ist heute bei den Komponisten der Neuen Musik wegen der Vielfalt seiner klanglichen Möglichkeiten überaus beliebt. Als Arne Nordheim seine Werke schrieb, sah das ganz anders aus: Da hatte das Akkordeon in der sogenannten E-Musik noch nichts zu suchen. Der dänische Akkordeonist Mogens (Moens) Ellegaard leistete hier regelrechte Pionierarbeit: Zahlreiche Stücke wurden für ihn geschrieben - auch Nordheims Konzert. Es entfaltet aus den ruhigen Klangflächen des Beginns ein zunehmend konfliktträchtiges Geschehen zwischen Solist und Orchester.

Arne Nordheim: Spur - Tr. 1

Die immer stärker ausgreifenden Bewegungen des Soloparts, auffahrende melodische Gesten, heftige Akkord- und Clustereinwürfe provozieren Reaktionen des orchestralen Kollektivs, erst Einzelner, dann auch immer stärker auftretender Tutti-Fraktionen.

Arne Nordheim: Spur - Tr.1

Es sind diese Passagen, die an Nordheims ältere Kompositionen denken lassen, an die Werke der 60er-Jahre, mit ihrer sehr direkten Expressivität und ihrer Nähe zum polnischen Sonorismus. Diese Schreibweise hatte er in den 70er-Jahren eigentlich schon hinter sich gelassen - sein Interesse galt nun weniger dem Klang als Ausdrucksträger, als der Beschaffenheit des Klanges an sich. Vielleicht könnte man sogar sagen, er habe in "Spur" genau diesen Übergang komponiert: Denn in der Tat ist auffällig, wie - noch in den Passagen konzertanten Gegensatzes - das Akkordeon sich mit geradezu chamäleonhafter Geschmeidigkeit seiner jeweiligen klanglichen Umgebung anzugleichen vermag: Statt eines scharfen Kontrastes ein mit großer Subtilität gestalteter Transformationsprozess. "Spur" ist ein wichtiges Werk, nicht nur für die Entwicklung der neuen Akkordeonmusik: Dass es jetzt in einer hervorragenden Neueinspielung vorliegt, ist ein Gewinn.

Ebenso gelungen die Aufnahmen der übrigen Stücke, die in verschiedenen Schaffensphasen Nordheims entstanden. Das interessanteste ist vielleicht "Signals", sechs Miniaturen für Akkordeon, E-Gitarre und Schlagzeug: Eine Kombination, die mit ihrer popmusikalischen Anmutung heute kaum noch für Aufsehen sorgen würde. 1967 aber, als das Stück entstand, war dieser Sound völlig neu:

Nordheim: Signals - Track 2

Das zweite Stück, das ich Ihnen heute vorstellen möchte, ist seiner Form nach höchst ungewöhnlich: "Lygtemænd i byen" - "Irrlichter in der Stadt", von Per Nørgård nach einem Märchen von Hans-Christian Andersen, ist am ehesten als "Musikalische Erzählung" anzusprechen. An Stücke wie Prokofjevs "Peter und der Wolf" sollte man dabei aber nicht denken - Nørgårds Konzeption ist deutlich komplexer.

Per Nørgård ist schon allein deshalb eine dänische Institution, weil er als Professor an der Musikakademie Århus zwei Generationen dänischer Komponisten unterrichtet hat - zu seinen Schülern zählen Hans Abrahamsen und Peter Bruun. Dann ist er aber auch ein ungeheuer fruchtbarer Komponist, der in allen Genres gearbeitet hat und dessen Werkkatalog neben sechs Opern, acht Symphonien und zehn Streichquartetten auch Filmmusiken nennt, etwa zu dem auch in Deutschland sehr erfolgreichen Spielfilm "Babettes Fest".

Dabei ist Nørgårds Zugang zur Musik ein ausgesprochen technisch-mathematischer: Seit 1959 komponiert er mit sogenannten "Unendlichkeitsreihen", mit deren Hilfe er das melodische, harmonische und rhythmische Material in endlos selbstähnlichen Strukturen organisiert. Es ist eine Kompositionstechnik, die die größten musikalischen Gegensätze überwindet: Sie hat Berührungspunkte mit der seriellen Musik, aber auch mit "Minimal Music" und "Neuer Einfachheit", und sie ist von so großer Plastizität, dass sie für die verschiedensten Genres und Ausdruckscharaktere taugt.

Per Nørgård: Lygtemænd i byen - Tr.1

Zum 200. Geburtstag des dänischen Märchendichters Hans-Christian Andersen im Jahr 2005 erhielt Per Nørgård einen Kompositionsauftrag für eine Kantate. Er wählte als Textgrundlage eines der seltsamsten unter Andersens Märchen: "Die Irrlichter sind in der Stadt, sagte die Moorfrau". Das Märchen handelt von einem Märchendichter, einem, dem die Märchen ausgehen: Es ist Krieg, eine neue Zeit bricht an, er fühlt sich fremd in der Welt. Ganz offensichtlich hat der alternde Andersen hier seine eigene Situation geschildert: 1865, als er es niederschrieb, lag Dänemark nach dem deutsch-dänischen Krieg darnieder, und in ganz Europa zog die industrielle Moderne herauf. Der arme Dichter im Märchen bekommt Hilfe von der Moorhexe: Sie erzählt ihm eine seltsame Geschichte über die Geburt von zwölf Irrlichtern.

Per Nørgård: Lygtemænd i byen - Tr.10

Die zwölf Irrlichter, so erzählt die Moorhexe, hätten die Gabe, in jeder beliebigen menschlichen Gestalt zu erscheinen, niemand könne sie erkennen, doch es sei ihre Aufgabe, die Menschen zu verwirren und zum Schlechten zu verführen, denn die Irrlichter sind dem Teufel untertan. Die Pointe der Geschichte lautet bei Andersen so: "Das Irrlicht kann jede Gestalt annehmen, die es will, und allerorten auftreten. Es geht in die Kirche, nicht um Gottes willen, nein, vielleicht ist es in den Priester gefahren. Es spricht am Wahltag nicht zu des Landes Gunsten, nein, nur zu seinen eigenen." Diese ohnehin deutliche satirische Zuspitzung greift Nørgård dann noch einmal auf: Die Autorin Suzanne Brøgger hat für ihn die Geschichte in die Gegenwart verlängert. Und siehe da: Die Irrlichter vermögen nichts mehr auszurichten, denn das, was die Menschen seither an Krieg, Ausbeutung und Vernichtung selbst angezettelt haben, ist weit schlimmer als alles, was die Irrlichter je tun könnten.

Per Nørgård: Lygtemænd i byen - Tr.14

Ursprünglich hatte Per Nørgård diese Geschichte für einen großen Apparat mit Chören, einer Sängerin, einem Schauspieler und großem Orchester konzipiert. Nur ein Jahr später bearbeitete er das Werk für das Ensemble Athelas Sinfonietta: Nur fünf Instrumente standen zur Verfügung, die Chöre wurden entweder ganz gestrichen, oder sie müssen von den Instrumentalisten selbst ausgeführt werden, einiges wurde verändert, anderes neu komponiert. Vor allem aber wurden der Part der Sängerin und der des Erzählers zusammengelegt: Die fabelhafte Helene Gjerris erzählt Andersens Märchen höchst lebendig, sie verkörpert den armen Dichter und die Moorhexe, sie singt, raunt, kreischt und flüstert. Ihr vor allem ist es zu verdanken, dass das Konzept dieser Kammerversion aufgeht: Es entsteht ein Stück, das ganz und gar aus dem Erzählgestus entwickelt ist, und dass sich dem Text so eng anschmiegt, dass die langen Passagen, in denen nur Text gesprochen wird, nicht als Unterbrechung empfunden werden - die Musik ist hier nur Fortsetzung des Textes mit anderen Mitteln, und vice versa. Das ist trotz der doch eher pessimistischen Grundhaltung wundersam leicht und unterhaltsam.

Per Nørgård: Lygtemænd i byen - Tr.15

Die CD mit Musik von Per Nørgård ist bei Dacapo erschienen. Sie enthält noch ein weiteres Werk: Ein rein instrumentales Quartett über Walt Whitmans Gedicht "Out of the cradle endlessly rocking". Außerdem ist ihr eine DVD mit einer Fernsehdokumentation über die Entstehung der Kantate beilgelegt. Frode Haltlis CD mit der Akkordeonmusik von Arne Nordheim ist eine Produktion des norwegischen Labels Simax. In der Neuen Platte ging es heute um Neue Musik aus Skandinavien. Am Mikrofon verabschiedet sich mit Dank fürs Zuhören Ingo Dorfmüller.


 
 

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