Aus Sicht des Orientalisten Hans Peter Raddatz hat die westliche Politik im Dialog mit dem Islam an Demokratiefähigkeit verloren. "Wir aktivieren nicht die liberalen Kräfte in der muslimischen Gemeinschaft hier, sondern wir sprechen Islamisten an", beklagte Raddatz. Er hat "Allahs Frauen" geschrieben, nach "Allahs Schleier" sein zweites Buch über Rolle und Funktion der Frau im Islam.
Jürgen Liminski: ""Allahs Frauen. Djihad zwischen Scharia und Demokratie"", so heißt das jüngste Buch des Orientalisten Hans Peter Raddatz. Es führt in die Mitte der jetzigen Diskussion. Denn sie dreht sich weniger um Karikaturen als um das Verständnis von Demokratie im Islam. Herr Raddatz, "Allahs Frauen" ist nach "Allahs Schleier" ihr zweites Buch über Rolle und Funktion der Frau im Islam und im Vorwort zum jetzt vorliegenden Band schreiben Sie, in Europa sei man über bescheidene Ansätze in der Analyse des islamistischen Terrors und der Gewalt an Frauen nicht hinausgelangt. Woran liegt das?
Hans Peter Raddatz: Das liegt nach meiner Einschätzung in aller erster Linie daran, dass man die muslimischen Frauen, die auf dem Boden des Grundgesetzes, hier beispielsweise in Deutschland leben, noch nicht konkret an ihre Rechte herangeführt hat. Das heißt also, die Bildung der Muslime in Hinblick auf ihre rechtstaatlichen Pflichten und Rechte gibt es im Grunde nicht, und insofern leben die hiesigen Frauen auch gemäß der islamischen Regeln, und daher rührt auch die gering ausgeprägte Information. Nicht nur über die Rolle des Mannes im Islam und seiner repressiven Rechte gegenüber den Frauen, sondern auch über die Tatsache, dass die Frauen des Islam hier bei uns ihre Rechte, die sie laut Verfassung verbrieft haben, schlicht nicht in Anspruch nehmen.
Liminski: Aber im Volk, oder im interessierten Publikum scheint man auf die menschenunwürdige Behandlung von Frauen aufmerksam geworden zu sein. Der Begriff "Ehrenmord" wäre fast zum Unwort des Jahres gewählt worden. Und die Gerichte schauen auch jetzt etwas näher hin. Findet ein Umdenken statt, wenn nicht im politisch-medialen Establishment, so doch im Volk?
Raddatz: Sie haben es eben zum Schluss richtig akzentuiert. Das Umdenken findet weniger im politischen Establishment, sondern mehr in der Öffentlichkeit statt. Leider ist es zwar so, in unserer pluralistischen Gesellschaft, dass wir natürlich sehr kurzzeitig denken und immer wieder auf neue Schwerpunkte springen, aber die Ereignisse des letzten Jahres mit der Kette so genannter Ehrenmorde hat doch ein Umdenken in Gang gesetzt. Das ist ganz eindeutig so. Und diese Diskussion hat erfreulicherweise auch nicht einfach wieder aufgehört, sondern sie geht auf Sachebene weiter. Leider muss man aber in dem Kontext feststellen, dass die eben erwähnte politische Klasse dieses Thema ganz offensichtlich, wenn nicht unter den Teppich kehren, so aber doch sehr sehr tief hängen möchte.
Liminski: Zum Buch selbst, Herr Raddatz. In Teil A sprechen Sie vom islamischen Imperativ. Was meinen Sie damit?
Raddatz: Damit meine ich die Anreicherung oder "Bereicherung" der politischen Korrektheit durch eine islamische Komponente. Das heißt also, sie machen heute in einem wichtigen gesellschaftlichen Bereich, sei es die Kirche, sei es die Universität oder insbesondere die Parteilaufbahn, keine Karriere, wenn sie sich nicht zum Islam als einer problemlosen Religion, als einer Bereicherung der europäischen Kultur und als die Inkarnation des Friedens selbst bekennen.
Liminski: Und was hat das für die Frauen zu bedeuten?
Raddatz: Das hat zentral für die Frauen zu bedeuten, dass wenn wir den Islam als Religion des Friedens konservieren, auch ihre Rolle innerhalb des Islam konserviert bleibt. Und das bedeutet, dass der Mann als Stellvertreter Allahs die Herrschaft über sie behält und insbesondere das erste Menschenrecht im Islam behält, was da heißt "Herrschaft über die Frau" und im Spiegelbild dazu das erste Menschenrecht der Frau im Islam "Gehorsam gegenüber dem Mann".
Liminski: In Teil D ihres Buches machen Sie siebe Typen von Frau im Islam aus, ich darf mal aufzählen: Die Idealistin, die Prinzessin, die Islamistenfrau, die Sklavin, die Ghettohure, die Integrierte und schließlich die Emanzipierte. Welcher Typus ist der vorherrschende oder auch der häufigste. Gibt es dazu Angaben oder wenigsten Schätzungen? Zumindest könnte man diese Typen ja doch geographisch halbwegs zuordnen.
Raddatz: Das ist sehr schwer jetzt in dieser Fragestellung, weil diese Typisierung ja sowohl original islamisch als auch westlich ist. Ein Teil, dieser Typen, zum Beispiel die Ghettohure, das ist ja eine typisch westliche Erscheinung. Und auch die Emanzipierte und die Integrierte. Während die Prinzessin und die Islamistenfrau natürlich aus dem original islamischen Raum kommen. Wenn Sie die Frage stellen, was ist die typische Frau im Islam, wenn es die überhaupt gibt, müsste man sagen, dass das die Frau des gläubigen Muslim ist, und nicht nur des gläubigen Muslim im Sinne des orthodox ausgerichteten Muslim, der seinen Koran und seine Prophetentradition genau kennt, sondern auch des Durchschnittsmuslim, der mehr nach dem Brauch des Islam, nach gewachsenen kulturellen Vorschriften und Regeln lebt. Denn beide Bereiche, sowohl die Religion, als auch der gewachsene Brauch gehen, was die Frau betrifft, in die gleiche Richtung, nämlich in das Recht des Mannes hinein, über das gesamte Leben und die Person und die persönliche Würde der Frau zu richten, obwohl man in einigen Ländern selbstverständlich schon Aufweichungserscheinungen erkennen kann.
Insbesondere in Nordafrika ist das der Fall, selbstverständlich auch in der Türkei, aber in den klassisch orthodoxen Ländern, wie Saudi-Arabien, Pakistan und so, da werden sie schon noch diese traditionellen islamischen Strukturen sehen, in denen die Frau schlicht und einfach auf das Haus beschränkt ist, auf das Gebären und das Aufziehen von Kindern, und das Gehorchen dem Mann gegenüber. In vielen Haushalten hängt heute noch die Peitsche an der Tür, und ich selbst habe während meiner Aufenthalten in der Region mehrfach Prügelszenen an Frauen, sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Privathaushalten, und das unter anderem bei Akademikern, bei Harvard-Absolventen erlebt.
Liminski: Die Frauenfrage wirft ja auch die Frage nach der Demokratiefähigkeit islamischer Gesellschaften auf, Demokratie jedenfalls verstanden als Raum der Menschenrechte gemäß der Charta der Vereinten Nationen, und nicht nur als mechanistische Methode der Mehrheitsfindung. Kommen wir über die Frauenfrage auch zu einer inhaltlichen Debatte über unsere eigene Demokratie und ihre Werte, oder anders gefragt, ist die Frauenfrage der Dosenöffner um islamische, nach der Scharia lebende Gesellschaften einer Aufklärung der universalen Menschenrechte näher zu bringen?
Raddatz: Diese Frage kann man nur bejahen. Die Frauenfrage steht mit großer Sicherheit im Zentrum unseres gesamten Problems in Sachen Begegnung Westen - Islam. Denn man darf bei der ganzen Diskussion natürlich auch nicht vergessen, dass die Frauenfrage bei uns durch überzogene Forderungen beschädigt worden ist, und insofern kann uns der Dialog mit dem Islam wieder zurückführen auf eine rationale, vernunftorientierte Basis, und da kann man der Politik wiederum nur empfehlen, sich auch ihrerseits Frauen als politisches Personal heranzuholen, die eben auch intellektuell in der Lage sind, so eine Diskussion sachorientiert zu führen und sich nicht von politischen Erfordernissen leiten zu lassen. Und in sofern kann uns, wenn es um die Demokratiefrage geht, sehr wohl, die Art und Weise, wie wir die Position der muslimischen Frau, hier in Deutschland und Europa behandeln, vor Augen führen, wie demokratiefähig wir selbst sind.
Wenn wir also zum Beispiel, was in den letzten 10 bis 15 Jahren der Fall gewesen ist, fortfahren, mehrheitswidrige Entscheidungen zu treffen, innerhalb dieses Islamdialogs, und fortfahren, die Position der Frau innerhalb des Islam immer wieder dem islamischen Mann entsprechend zu interpretieren, dann werden wir ganz sicher nicht zu einem Punkt kommen, wo wir sagen können, jawohl, wir haben hier eine mehrheitsorientierte, demokratisch ausgerichtete Diskussion, sondern wir werden immer weiter in die Richtungen, die wir jetzt eingeschlagen haben, driften, nämlich einen islamischen Imperativ, wie ich es nenne, zu befolgen, immer wieder wichtige Entscheidungen, wie zum Beispiel den Islamunterricht, die Einrichtung von islamischen Lehrstühlen an den Universitäten, islamisch zu interpretieren, dass heißt also, das gewachsene islamische Recht, die berühmte Scharia in den Vordergrund zu stellen, statt rechtsstaatliche Gesichtspunkte.
Ich darf nur an meinen eigenen Fall erinnern, der in diesem Mordaufruf einer islamistischen Gruppe vor einige Monaten, wo prominente deutsche Kulturschaffende und auch Politiker sich hingestellt haben in der Öffentlichkeit und behauptet haben, ich selbst sei schuld an diesem Mordaufruf. Daran können sie schon erkennen, dass es Beamte und Politiker in Deutschland gibt, die gar nicht wissen, was ein rechtsstaatliches Gewaltmonopol ist. Die gar nicht mehr das Gespür dafür haben, dass es nicht angeht, dass sich einzelnen Muslime individuell das Recht auf Gewaltausübung aneignen, sondern es dem Rechtsstaat, dem Gericht und so weiter überlassen müssen, wenn es zu Streitfragen gekommen sein sollte. Und genau so geht es um die Frauen. Den Frauen wird schlicht und einfach nicht zugestanden, uneingeschränkt ihre grundrechtlich verbrieften Pflichten und Rechte hier verfolgen zu können, und das geht insbesondere in Richtung Zwangsheirat, das geht in Richtung Auswahl des Berufes und des Wohnortes und wenn Sie heute mit Polizei und Sicherheitsbehörden in den großen Städten sprechen, Herr Liminski, dann werden Sie eine einheitliche Meinung vorfinden, nämlich, eine sehr pessimistische, eher skeptische Einschätzung hinsichtlich der näheren Zukunft. Die Polizei ist in den großen Städten teilweise gar nicht mehr bereit, in die dort entstandenen islamischen Siedlungszentren zu gehen. Gewaltausübung an Frauen wird oft gar nicht mehr strafverfolgt, weil es gar nicht mehr zur Anzeige kommt, weil nämlich die Muslime ihr eigenen Recht schon ausüben und das sie umgebende demokratische, rechtsstaatliche Prinzip gar nicht anerkennen, deswegen erfolgen offenbar keine Anzeigen mehr.
Liminski: Herr Raddatz, zugespitzt gefragt, der Untertitel ihres Buches heißt ja "Djihad zwischen Scharia und Demokratie", zeigt sich in der Frauenfrage die Demokratiefähigkeit des Islam?
Raddatz: Ich habe bisher noch keine Bestrebung hier bei uns feststellen können, die wirklich konstruktiv einen ernsthaften Dialog pro Frau im Islam angestoßen hätte. Die Richtung ist immer anders herum, Herr Liminski, die Richtung ist immer apologetisch, das heißt, erkennbare Diskrepanzen zu Lasten des Islam, versucht man wegzudiskutieren, indem man sagt, der Islam wird hier missbraucht. Das ist eigentlich nicht der Islam, wenn also Frauen verprügelt werden, dann haben also Muslime ihren Glauben nicht richtig verstanden oder so etwas. Wenn sie aber die Muslime selbst interviewen, werden sie immer sagen, ja, das ist doch unser gutes Recht. Und insofern bleibt es nach wie vor bei dem zentralen Defizit, nach unserer eigenen Art und Weise den Dialog mit den Muslimen anzugehen, nämlich, wir aktivieren nicht die liberalen Kräfte in der muslimischen Gemeinschaft hier, sondern wir sprechen Islamisten an. Die Aufgabe der Islamisten aber, sowohl im Zentralrat der Muslime als auch bei Milli Görüs und anderen Organisationen, ist es, nicht die Interessen der Demokratie wahrzunehmen, sondern sie verfolgen die Installation der Scharia eins zu eins, und sie nehmen ihre Pflicht in dieser Richtung sehr ernst. Sie haben auch bisher sehr große Erfolge zu verzeichnen, weil sie, insbesondere durch unsere eigenen politischen Kräfte darin unterstützt werden. Insofern muss man konstatieren, dass im Dialog mit dem Islam unsere eigene Politik an Demokratiefähigkeit verloren hat.
Liminski: Das war Hans Peter Raddatz zu seinem Buch "Allahs Frauen. Djihad zwischen Scharia und Demokratie", erschienen bei Herbig in München. Es hat 298 Seiten und kostet 19,90 Euro.
Hans Peter Raddatz: Allahs Frauen
Herbig, München 2005
Beiträge zum Nachhören
Deutschlandfunk
Kommentar "Der hilflose Umgang mit der Gewalt des Assad-Regimes"
Sendezeit: 12.02.2012, 19:05
Blockade kontra Versammlungsrecht: Dresden vor dem Naziaufmarsch
Sendezeit: 12.02.2012, 18:40
Seehofer will Euro-Volksabstimmung
Sendezeit: 12.02.2012, 18:14
dradio-Recorder
im Beta-Test: