Serie im Deutschlandfunk
So viel Schwarz-Rot-Gold war nie. Die Deutschen haben bei der Fußball-Weltmeisterschaft Flagge gezeigt und eine neue Freude am eigenen Land entdeckt. Was knapp drei Monate nach dem Schlusspfiff im Berliner Olympiastadion bleibt, ist die Frage nach den Ursachen des ungewohnten deutschen Selbstwertgefühls. Gibt es einen neuen Patriotismus in Deutschland, und wodurch zeichnet er sich aus?
In der zwölfteiligen Essay-Serie "Schwarz-Rot-Gold" im Deutschlandfunk geben zwölf namhafte Künstler, Wissenschaftler, Politiker und Publizisten ihre persönliche Antwort auf diese Frage. Zu Wort kommen unter anderem die Schriftsteller Thomas Brussig und Juli Zeh, Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden, der Politiker Klaus von Dohnanyi und der Historiker Heinrich August Winkler. Laut Günter Müchler, Programmdirektor von Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur, wurden sehr unterschiedliche Antworten gegeben.
Die zwölfteilige Essay-Serie "Schwarz-Rot-Gold" ist ab 25. September täglich von Montag bis Samstag jeweils ab 8.20 Uhr in den "Informationen am Morgen" zu hören. Sie können die CD zur Serie in unserem Online-Shop bestellen
Die Sendetermine:
25.09.2006 - Klaus von Dohnanyi
26.09.2006 - Thomas Brussig
27.09.2006 - Gesine Schwan
28.09.2006 - Feridun Zaimoglu
29.09.2006 - Juli Zeh
30.09.2006 - Heinrich August Winkler
02.10.2006 - Charlotte Knobloch
03.10.2006 - Richard Schröder
04.10.2006 - Kathrin Passig
05.10.2006 - Hans Ottomeyer
06.10.2006 - Konstantin Faigle
07.10.2006 - Eckhard Fuhr
Was bleibt vom schwarz-rot-goldenen Fußballsommer des fröhlichen deutschen Patriotismus, der die Welt, am meisten aber die Deutschen selbst in Staunen versetzte? Die Massenmedien hatten die Weltmeisterschaft als Mega-Event vorbereitet, fast bis zum Überdruss. Von der sonnigen Vaterlandsliebe, der Offenheit und der Gastfreundschaft, die das Land dann an den Tag legte, wurden die Strategen der kollektiven Bewusstseinsbildung jedoch überrascht.
Er ist vom ästhetischen Gesichtspunkt her gesehen eigentlich eine Katastrophe: dieser schwarz-rot-goldene Sonnenschlapphut. Trotzdem trage ich ihn nicht ungern - gerade weil er nichts Heroisches, nichts zu Stolzes an sich hat.
Letzte Fähnchen hängen noch an den Balkonen, an den Autobahnen liegen schwarz-rot-goldene Tücher bisweilen an Böschungen. Sprechen solche Zeichen für Gedanken und Gefühle?
Wenn man etwas über nationale Angelegenheiten erfahren will, dann lohnt es sich, in Neukölln danach zu suchen. Nirgendwo in Deutschland ist mehr Nation als dort - schon rein zahlenmäßig.
Das Fahnenmeer zur Fußball-Weltmeisterschaft war mir eine späte Genugtuung. Als nämlich im Herbst 1989 nach der Maueröffnung auf der Leipziger Montagsdemonstration ein Meer schwarz-rot-goldener Fahnen erschien, rümpften westliche Fernsehkommentatoren, die auch schon vor Ort waren, die Nase. Sie sahen die Stimmung ins Nationalistische kippen.
Ist das nicht erstaunlich? Glückliche junge Menschen umjubeln mit glühenden Wangen die deutschen Fußballer. Die schwarz-rot-goldene Flagge um die Hüfte gebunden, tragen sie Klinsmann im Herzen und Nationalfarbe im Haar. Während Deutschland stolz und fröhlich feiert, diagnostizieren Beobachter begeistert einen neuen Patriotismus.
"Begeisterung ist keine Heringsware, die man einpökelt auf einige Jahre." So heißt es in Goethes Gedicht "Frisches Ei, gutes Ei". Der Sinnspruch passt auf Deutschland in den Wochen nach der Fußball-Weltmeisterschaft. Die Jubelstimmung der Wettkampftage konnte nicht von Dauer sein. Wer anderes geglaubt hat, ließ sich von Wunschdenken leiten.
Wenn ich etwas über das Wesen des deutschen Patriotismus lernen will, fahre ich Zug. Und zwar ins Ausland, sagen wir, durch Slowenien.
Ich bin gerne Deutscher - Jubel und Jammer der Menschen in diesem Land gehen mich sehr wohl etwas an. Wenn ein Deutscher gelobt oder ausgezeichnet wird, freue ich mich, als hätte es Gold in der Mannschaftswertung gegeben.
Wird es die nächsten 50 Jahre so weiter gehen, dass wir in schöner Regelmäßigkeit einen so genannten neuen Patriotismus zum öffentlichen Thema machen, um dann staunend festzustellen, dass man darüber sprechen und halb sorgend, halb triumphierend konstatieren kann, er sei nun ungefährlich und begrüßenswert geworden?
Deutschland hatte es nicht leicht mit mir. Noch Jahre nach der Einheit verweigerte ich meinem Land die Nennung - es klang wie Doitschland. Bundesrepublik - das klang erfolgreich, saturiert und berechenbar.
Als Thomas Mann im Mai 1945 zum Ende des Zweiten Weltkrieges in der Washingtoner Bibliothek des amerikanischen Bundesparlaments sprach, da ging er mit unserem Land sehr kritisch um. Doch am Schluss seiner Ansprache ließ er die Zuhörer in seine eigene deutsche Seele schauen: Dass ich so zu Ihnen über Deutschland gesprochen habe - so etwa formulierte er -, das zeigt, dass ich selbst ein Deutscher bin. Denn kein Volk sei so selbstkritisch und neige so zur Selbstzerfleischung wie die Deutschen.
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